Das Vermächtnis von Queensberry House

© Goldmann

USA, kurz vor der Jahrtausendwende. Ian Rankin befindet sich gerade auf einer Lesereise für sein aktuelles Buch „Die Seelen der Toten“, als er in dem Bordmagazin einer Airline auf einen Bericht über Edinburgh stößt. Seine erste Vermutung, in diesem nicht viel Neues erfahren zu können, wird recht schnell widerlegt, denn während er sich in die Lektüre um die Sehenswürdigkeit Queensberry House vertieft, wird er auf eine ihn bis dato unbekannte, mysteriöse Geschichte aufmerksam.

Direkt am unteren Ende der Holyrood Road gelegen, liegt es nicht weit weg von der Residenz der Königin und gegenüber von dem Grundstück, auf dem zu diesem Zeitpunkt gerade das neue Verlagshaus der Zeitung Scotsman gebaut wird. Direkt neben dem Queensberry House soll zudem bald der Sitz des neuen schottischen Parlaments entstehen. Die früher vornehmste Wohngegend in Edinburgh war in den vergangenen Jahren nach und nach verfallen – nur das besagte Haus, in dem einst der Duke of Queensberry residierte, ist übriggeblieben. Er war mitverantwortlich für den Treaty of Union, den Einigungsvertrag, der aus Schottland und England das „Vereinigte Königreich“ machte.

So weit, so bekannt, doch was Rankin zudem erfährt, soll den Grundstein für den nächsten Rebus-Roman legen: Ein Mitglied der herzoglichen Familie hatte eines Nachts einen der Diener getötet, gekocht und verspeist. Den Bürgern Edinburghs erschien dies damals wie ein schlechtes Vorzeichen für die „Hochzeit“ mit England. Der Herzog wurde sogar durch die Straßen der Stadt gejagt. Im Hinblick auf das entstehende Parlament, mit welchem sich die Schotten nach drei Jahrhunderten Londoner Regierung nun ein gewisses Maß an Selbstverwaltung erkämpft hatten, schien dies Rankin eine spannende Ausgangsposition für einen Krimi zu sein, der an der Schwelle zum nächsten Millennium spielt und doch gleichzeitig mit den Nachwehen der britischen Geschichte zu kämpfen hat. Heraus kam „Der kalte Hauch der Nacht“ (engl. „Set in Darkness“).

Edinburgh, Ende der 90er Jahre. Detective Inspector John Rebus steht einmal mehr auf dem beruflichen Abstellgleis. Nach seinen letzten Querschüssen ist selbst beim geduldigen Detective Chief Superintendent Thomas „Farmer“ Watson die Geduldsgrenze überschritten, der den Quälgeist von der Mordkommission in das Polizei-Parlaments-Verbindungskomitee versetzt, welches mit der Koordination der bevorstehenden Autonomie Schottlands betraut wurde und unter der Leitung des jungen Karrieristen Derek Linford steht. So gehört auch Rebus dem Team an, welches die Baustelle des künftigen Parlamentsgebäudes besichtigen soll. Eine lästige und äußerst langatmige Angelegenheit, die jedoch in einer überraschenden Entdeckung endet. Im Queensberry House, das lange Jahre ein Krankenhaus beherbergt hat, wird während der Inspektion eine mumifizierte Leiche hinter einem Wandpanel entdeckt, wo sich einst der Kamin des Hauses befand. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass diese dort wohl bereits seit zwanzig Jahren liegt. Aufgrund des Fundortes wird dieser Vorfall weitestgehend vertraulich behandelt und ein junges Ermittler-Duo – die Inspektoren Grant Hood und Ellen Wylie – mit der Untersuchung beauftragt.

Doch schon bald mehren sich die schlechten Vorzeichen rund um das neue Parlament. Nur kurze Zeit später wird Roddy Grieve, Kandidat der Scottish Labour Party in eben jenem neuen Parlament, auf derselben Baustelle brutal ermordet aufgefunden. Nun schlagen die Wellen in der Öffentlichkeit hoch und Inspektor Derek Linford sieht seine Chance gekommen, im Rampenlicht der Presse zu glänzen, wobei ihm ausgerechnet John Rebus helfen soll. Der denkt erst gar nicht daran und stellt stattdessen seine eigenen Nachforschungen an, die ihn sehr schnell in den Kreis von Grieves Familie führen. Währenddessen hat Siobhan Clarke ihrerseits einen vertrackten Fall zu lösen. Ein Obdachloser hat sich von der North Bridge gestürzt. An sich nichts Ungewöhnliches in dieser Stadt mit vielen Selbstmorden, doch der Tote gibt allerlei Rätsel auf. So finden sich auf dessen 400.000 Pfund. Eingezahlt im Jahr 1979 und seitdem weitestgehend unberührt geblieben. Siobhans Interesse ist geweckt und schon bald kreuzen sich ihre Ermittlungen mit denen von John Rebus. Gibt es gar einen Zusammenhang zwischen ihren beiden Fällen? Rebus, der nicht nur Linfords Geduld zunehmend auf die Probe stellt, braucht Ergebnisse und zapft schließlich seine Kontakte in der Edinburgher Unterwelt an, wo eine böse Überraschung auf ihn wartet:

Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty, einst Kopf der Unterwelt von Edinburgh und von Rebus nach langem Ringen hinter Gittern gebracht, ist wieder auf freiem Fuß. Vorzeitig aus der Haft entlassen, weil er angeblich an einer unheilbaren Krankheit leidet, sinnt er nun auf Rache … oder hat er gar ganz andere Pläne?

An „Der kalte Hauch der Nacht“ werden sich, nicht nur bei Fans der Reihe, sicherlich die Geister scheiden, denn Ian Rankin, der bis dato ohnehin nie für eine temporeiche Art des Erzählens bekannt war, lässt sich im vorliegenden Roman immens viel Zeit beim Aufbau seiner Handlung und der Ausarbeitung seiner Charaktere. Zu viel Zeit, wird sicher mancher konstatieren und damit nicht ganz unrecht haben, zumindest wenn man dieses Buch mit seinen Vorgängern vergleicht. Doch wer genau hinschaut, der kann hier auch einen gewissen Entwicklungsschritt, eine Evolution in der Herangehensweise von Rankin erkennen. So ist John Rebus diesmal nicht mehr allein das tragende Element des Plots, sondern teilt sich die Bühne mit Siobhan Clarke und Derek Linford, deren eigene Nachforschungen über längere Zeit ohne den bärbeißigen Schnüffler auskommen müssen. Das mag dem ein oder anderen missfallen, machte aber zum damaligen Zeitpunkt durchaus Sinn, da Rankins Hauptprotagonist inzwischen stramm auf die Mitte 50 zuging und damit das Rentenalter näher rückte (Wie wir inzwischen wissen, wurde diese Altersobergrenze später nochmal erhöht und hat Rebus, den Rankin ja in realer Zeit altern lässt, nochmal ein bisschen mehr Zeit im Dienst verschafft).

Dennoch sind die Kollegen bei der Polizei alles andere als Lückenfüller. Insbesondere Siobhan Clarke hat sich über die vergangenen Bücher hinweg zu einer äußerst interessanten Figur entwickelt, die laut Rankins Worten ihm nicht nur wesentlich ähnlicher ist als der anarchisch veranlagte Maverick Rebus, sondern auch weit offener für Veränderungen bzw. Neuerungen ist. John Rebus tut sich dagegen mit den Umwälzungen schwer. Das neue schottische Parlament beäugt er mit großer Skepsis, wie überhaupt sämtliche Autonomiebestrebungen der Schotten. Wie erfahren, dass er sich schon bei den ersten politischen Bewegungen in diese Richtung Ende der 70er bei der Wahl enthalten hat. Diese fast schon manische Angst vor einem Wandel des Gegenwärtigen erntet sogar den Spott durch „Big Ger“ Cafferty, der dem „Strohmann“ vorwirft, in der Vergangenheit zu leben. Für den Autor selbst ist diese charakterliche Eigenschaft aber ein vortrefflicher Wetzstein, an dem er seine Hauptfigur immer wieder schärfen kann, wenn sich dieser alle naselang mit den Größen aus Politik, Wirtschaft, Justiz und sogar der Unterwelt anlegt. Bestes Beispiel ist in diesem Fall ein Telefonat mit dem früheren Unterweltboss Edinburghs Bryce Callan, der inzwischen im sonnigen Spanien seinen Lebensabend verbringt und in allerbester Rebus‘ Manier bis hin zur Mordlust getrieben wird.

Doch so interessant das politische Geplänkel der Partei oder die skandalösen Familiengeheimnisse der Familie Grieve am Ende sind – den größten Reiz bezieht auch „Der kalte Hauch der Nacht“ wieder durch das Katz-und-Maus-Spiel zwischen John Rebus und seiner ewigen Nemesis Cafferty. Der überraschende Auftritt des Letzteren ist nur ein Gänsehautmoment von vielen in diesem Roman, der wieder mal Zeugnis davon gibt, welchen Gefallen der Autor Ian Rankin inzwischen an dem diabolischen Gegenspieler gefunden hat. Und natürlich gibt es auch noch einen weiteren Protagonisten, der erneut auf ganzer Linie zu überzeugen weiß: Die Stadt Edinburgh. Wer schon einmal die Canongate entlangspaziert ist, wird bestätigen können, wie lebendig Rankin dieses Viertel zum Leben erweckt, wenngleich sich natürlich seit dem Baubeginn des Parlaments bis heute auch einiges verändert hat. Und auch Rosslyn Chapel, die auch Dan Brown ein paare Jahre später für seinen Thriller „Sakrileg“ verwurstet hat, spielt eine kleine, wenn auch am Ende eher unwichtige Nebenrolle.

Authentizität ist inzwischen zu einem Markenzeichen von Rankins Romanen geworden, der selbst auf kleinste Details acht gibt und John Rebus neben seinem Stammlokal der Oxford Bar (hier treten einige reale Stammgäste auf) nun u.a. auch im ebenfalls realen Swany’s ein und ausgehen lässt. Hierzu gibt es übrigens eine äußerst witzige Hintergrundgeschichte: Rankin war nach zehnjähriger Abwesenheit nach Edinburgh zurückgekehrt, wo ihn ein Buchhändler schließlich ins Swany’s einführte. Beim ersten Besuch setzte er sich dabei mit ein paar von dessen Kumpels zusammen, darunter auch einem Gentleman namens Joe Rebus. Wie sich herausstellte, waren er und seine Angehörigen die einzigen Rebusse in ganz Schottland. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, wohnte dieser Joe sogar noch im Rankin Drive. Ein äußerst komischer, ja, beinahe schon unheimlicher Zufall, den Rankin natürlich im Buch verarbeiten musste.

Nein, letztlich sind solche Zutaten natürlich nicht wesentlich für den Spaß an einer Lektüre. In Kombination mit der aber einmal mehr äußerst komplexen, intelligenten und interessanterweise auch wieder in Schottland erschreckend aktuellen Thematik der Handlung, sorgen sie aber dafür, dass man als Leser peu à peu – und ohne große Gegenwehr – in dieses Gewirr aus Korruption, Missbrauch und Gewalt hineingezogen wird, zumal Rankin spätestens im letzten Drittel des Romans den Spannungsbogen mit viel Raffinesse in luftige Höhen katapultiert. Mehr noch: Das düstere und Gänsehaut erzeugende Finale gehört zu den absoluten Highlights der ganzen Serie und legt äußerst intensiv Zeugnis vom Können dieses Ausnahmeautors ab, der uns zwar in „Der kalte Hauch der Nacht“ ein gewisses Maß an Geduld und Aufmerksamkeit abverlangt, dafür aber auch nachhaltig zu beeindrucken weiß.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Der kalte Hauch der Nacht
  • Originaltitel: Set in Darkness
  • Übersetzer: Christian Quatmann
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 10.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 544 Seiten
  • ISBN: 978-3442453870

4 Gedanken zu “Das Vermächtnis von Queensberry House

    • Hallo Christian,
      erstmal vielen Dank für die lieben Worte, über die ich mich natürlich sehr freue. So etwas motiviert dann nochmal zusätzlich!
      Ja, Rankin kann ich Dir nur ans Herz legen. Für mich der aktuell stärkste britische Krimi-Autor, der zwar – wie so viele andere – zuletzt auch ein paar Durchhänger hatte, aber insgesamt mit der Rebus-Reihe auf sehr hohem Niveau abliefert. Wenn du nicht vorne anfangen möchtest (Verborgene Muster), was ich empfehlen würde – auch wenn er sich erst nach und nach steigert – ist „Das Souvenir des Mörders“ sicherlich ein hervorragender Roman für Quereinsteiger. Spätestens hier ist er, auch international, dann ganz oben angekommen. Also, lange Rede kurzer Sinn – unbedingt nochmal ne Chance geben. ;-)
      Viele Grüße zurück!
      Stefan

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