Ganz England ist von den Dänen besetzt …

© Rowohlt

Ganz England? Nein, denn im zweiten Band der Saga um den von Dänen großgezogenen Sachsen Uhtred von Bebbanburg leistet das angelsächsische Königreich Wessex noch als einziges tapfer Widerstand gegen die unverminderten Angriffe der Wikinger.

Ein Widerstand, den ich selbst bei der Lektüre des vorliegenden Buches nicht mehr aufrechterhalten konnte. Hatte ich doch im Vorgänger „Das letzte Königreich“ noch so meine Probleme mit dem sehr eigenwilligen Stil des Autors Bernard Cornwell – insbesondere mit seiner Art der Figurenzeichnung – hat mich „Der weiße Reiter“ nun bis zur Grasnarbe in den Boden geritten, denn was einem hier über fünfhundert Seiten um den Helm gehauen wird, das hält der stabilste Schildwall nicht aus. Cornwell scheint nicht nur die Marschrichtung für die Reihe gefunden zu haben, er wirft auch endgültig jegliche künstliche Ausschmückung über Bord und schiebt und schubst uns in grölenden Kriegermeuten durch den saugenden Matsch des Dunklen Mittelalters, das selbst dem pazifistischen Leser die mickrige Heldenbrust schwillt. So nah am Grauen des Krieges, aber auch am Glaubenskonflikt zwischen nordischen Göttern und der christlichen Lehre, war schon lange kein historischer Roman mehr. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet ein selbstgerechtes, egoistisches Arschloch ist, mit dem wir in diesem Fall nur zu gern Schulter an Schulter durch die Seiten stürmen. Doch jetzt erst einmal kurz zur Geschichte:

Der weiße Reiter“ knüpft inhaltlich unmittelbar an das Ende des vorherigen Bands an. Das Jahr 878, England, im heutigen Somerset. Nach einem überraschenden Ausfall aus ihrem Hügelfort konnten die angelsächsischen Truppen unter der Führung des Aldermanns Odda den Dänen eine vernichtende Niederlage zufügen. Auch deren Kriegsherr, der gefürchtete Ubba Lothbroksson, fand durch Uhtreds Schwert im Zweikampf den Tod. Und doch, trotz diesem großen Sieg, hängt das Schicksal der Angelsachsen weiterhin an einem äußerst seidenen Faden. Northumbrien, Mercien, Ostanglien – und damit fast ganz England – sind inzwischen unter der Kontrolle der Dänen, welche ihren Einflussbereich nun auch auf Wales und die Küstengebiete Cornwalls ausweiten. Seit ihren ersten Eroberungszügen zwölf Jahre zuvor scheint nichts ihren Vormarsch stoppen zu können. Zwar wurde kurzerhand ein Frieden mit den Wikingern geschlossen, doch dieser ist mehr als fragil und nur die wenigsten trauen den Invasoren so leichtgläubig, wie der fromme König Alfred.

Allen voran Uhtred, mittlerweile mit seinen zwanzig Jahren schon zu einem kampferfahrenen Krieger mit strategischen Verstand und eigenem Landbesitz herangereift, hat seine Zweifel. Nicht nur, dass er immer noch weit mehr Sympathien für die Dänen hegt, bei denen er aufwuchs – er erfährt für seinen Beitrag bei Cynuit keinerlei Dankbarkeit und sucht nun eine Möglichkeit, sich wieder seinen alten Freunden auf Seiten der Wikinger anzuschließen. Doch als der lang erwartete Angriff schließlich kommt und Alfred mit seiner Familie in das sumpfige Marschland bei Athelney im Südwesten Englands flieht, sieht sich Uhtred plötzlich, durch einen Schwur mit seinem König verbunden, an dessen Seite wieder. Während der König auf göttlichen Beistand setzt, versucht Uhtred eine Armee um sich zu scharen, welche den Feind endgültig vernichtend schlagen soll. Angesichts der Tatsache, dass das Sumpfgebiet von allen Seiten fast völlig abgeriegelt ist, eine schier unlösbare Aufgabe. Statt die Dänen direkt zu attackieren, müssen die Angelsachsen nun ihr Glück mit Guerilla-Taktiken versuchen …

Für den Fall, dass meine Besprechung zum vorherigen Band das noch nicht klar genug zum Ausdruck gebracht, auch hier nochmal eine kleine Warnung vorweg: Wer in der Regel im Genre des historischen Romans sonst eher unter Wanderhuren, Wanderapothekerinnen oder Wanderfriseurinnen unterwegs ist, dem wird es so vorkommen, als hätte der liebe Göttergatte auf dem Sofa soeben mit der Fernbedienung von Rosamunde Pilcher auf Braveheart umgeschaltet. Für die landschaftliche Schönheit, die es damals bestimmt noch im Übermaß gegeben haben muss, hat Cornwell in seiner Sachsen-Saga keinerlei Auge. Schauplätze werden unter rein militärischen und damit strategischen Gesichtspunkten betrachtet. So ist ein Weiher kein lauschiges Plätzchen für ein liebendes Bauernpaar, sondern eine perfekte Falle für einen schwer gerüsteten Gegner. Und die von einem Sonnenuntergang beleuchtete Anhöhe dient lediglich der besseren Übersicht über die feindlichen Truppen. Für Romantik oder sonstige geschichtliche Folklore ist im Kampf um das letzte Königreich Angelsachsens schlicht kein Platz. Das mag den ein oder anderen Leser erschrecken, ist wohl aber damit näher an der historischen Wahrheit als die buntgekleideten Wunderfrauen und Handwerkerinnen, welche sonst so auf den Buchdeckeln prangen.

Überhaupt ist das einzige Handwerk, welches in diesem einmal mehr in Ich-Form erzählten Epos näher geschildert wird, das des Tötens, denn im Angesicht der drohenden Niederlage haben sich auch die letzten Untertanen ihrer gewohnten Werkzeuge entledigt, um sich im Kampf gegen die Dänen ihrem Fyrd, den angelsächsischen Milizen, anzuschließen. Bernard Cornwell führt uns in eine der hoffnungslosesten Epochen der englischen Geschichte, in der sich das gerade erst seit ein paar Jahrhunderten auf der Insel ausbreitende Christentum seiner größten Niederlage gegenübersah und nicht wenige Heiden den Kampf gegen die Dänen unterstützten. Uhtred ist einer von ihnen. Ja, eine fiktive Figur, aber nun weit zugänglicher, schafft es doch der Autor – besser als noch in „Das letzte Königreich“ – die Motivationen seines Anti-Helden herauszuarbeiten, der dem Herz nach zwar Däne ist, durch den Verlust seines Ziehvaters aber unter ihnen inzwischen mehr Feinde als Freunde hat. Und er ist somit auch eine geschickte Wahl, da wir genaueren Einblick in beiderlei Perspektiven bekommen, wodurch „Der weiße Reiter“ nicht nur um einige Facetten, sondern vor allem moralische Grauzonen reicher wird.

Bernard Cornwell vermeidet irgendeine Gewichtung oder Parteinahme, beleuchtet diesen Konflikten von allen Seiten, so dass man das eine Feindbild vergeblich sucht. Die schlechten Menschen, es gibt sie sowohl unter den Angelsachsen, als auch unter den Dänen. Und auch die heilige römische Kirche handelt nicht immer nach christlichen Gesichtspunkten, sondern versucht vor allem ihren Machtbereich auszuweiten und die dänischen Heiden zu missionieren. Ein Unterfangen, dass, wie die Geschichte beweist, bei dem ein oder anderen Kriegsherr der Wikinger am Ende sogar erfolgreich war und dennoch trotzdem nicht unbedingt den Wohlwollen des Lesers findet. Es ist beinahe ein Widerspruch, dass in diesem oftmals lauten Aufeinandertreffen von Schilden und Schwertern der Autor doch stets den Raum und die Ruhe findet, diese religiösen, aber auch gesellschaftlichen Konflikte zu vertiefen und damit ein genaues Bild der damaligen Zeit zu vermitteln. Und das er dabei stets auch die Kurzweil nicht aus dem Auge verliert.

Der weiße Reiter“ bietet erneut Humor der schwärzesten und derbsten Sorte, was sich insbesondere in den Passagen, wo Uhtred und Leofric unter angelsächsischer Flagge im Bristolkanal auf Kaperfahrt gehen, äußerst stimmig liest und beim Leser für ausgeprägtes Kopfkino sorgt. Ja, natürlich – Uhtred ist in vielen Situationen dann doch „larger than life“, dieses mittelalterliche Gegenstück zu Cornwells anderem bekannten Helden aus den napoleonischen Kriegen, Richard Sharpe. Auch ihn verfehlte über zig Bücher hinweg jede Kugel und jedes Bajonett. Und ähnlich verhält es sich auch mit dem Erben von Bebbanburg. Unrealistisch, mag manch einer unken und damit nicht unrecht haben. Aber mir letztlich tausendmal lieber als viele Protagonisten mancher deutscher Autoren und Autorinnen, die zwar bis in Detail stimmig beschrieben werden, nur eben auch zum Gähnen langweilig und farblos sind. Geschichte – sie wird da am besten vermittelt, wo sie lebendig erzählt wird. Und noch lebendiger als vor allem im letzten Drittel, kann zumindest diese Stück der Historie Englands wohl nicht mehr aufs Papier gebracht werden.

Hätte er es nicht schon zuvor mehrmals in der oben erwähnten Sharpe-Reihe unter Beweis gestellt – Bernard Cornwell hätte mit der Wiedergabe der historischen Schlacht von Ethandum (das heutige Edington) sein Meisterstück abgeliefert. In einem epischen Umfang wird dieses brutale Aufeinandertreffen von König Alfred und Guthrum vor uns ausgebreitet – und das Schicksal mancher Figuren für kommende Ereignisse besiegelt. Und ohne sich wirklich dagegen wehren zu können, tauchen wir als Leser in diesen Rausch aus Blut, ächzenden Leibern und schiebenden Schilden mit ein, unfähig sich der wirkungsvollen Schreibe zu entziehen, die zwar auch niederste und primitivste Instinkte weckt, aber uns auch auf erschreckende Weise befriedigt zurücklässt, wenn das Schwert schließlich siegreich gen Himmel gereckt wird. Cornwell gibt damit Edington eben genau jene Bühne, die es braucht, gilt doch der Ausgang als Grundsteinlegung für die weitere englische Geschichte. Bis heute erinnert nicht weit entfernt das berühmte Scharrbild Westbury White Horse an diese Schlacht. Womit der Autor auch geschickt den Bogen zum Titel seines Buches schlägt, der sich aber in erster Linie auf das Wort der Apokalypse bezieht:

Da sah ich ein fahles Pferd; und der Reiter der auf ihm saß, heißt der Tod.

Mit dem Tod wird Uhtred von Bebbanburg garantiert auch in den kommenden Bänden wieder seine Klingen kreuzen. Worauf sich wiederum Freunde fundierter historischer Romane freuen dürfen, denn „Der weiße Reiter“ ist, bei allem Kampfesgetümmel, ein hervorragend recherchierter Vertreter seines Genres (wie geschichtlich akkurat, lässt sich im ausführlichen Nachwort nachlesen), der mit großer Authentizität eine Epoche beleuchtet, welche zuvor eher stiefmütterlich behandelt worden ist. Und so heißt es für mich daher nun: Aufsatteln und Schilde festzurren. Wir reiten gen Norden.

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Der weiße Reiter
  • Originaltitel: The Pale Horseman
  • Übersetzer: Michael Windgassen
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 10.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 509
  • ISBN: 978-3499242830

4 Gedanken zu “Ganz England ist von den Dänen besetzt …

  1. Selbst keine Wanderhuren-Freundin schreckt mich deine Kritik dieses Buch sehr wirkungsvoll ab. E sklingt, als beleuchte es nicht eine Epoche, wie du schreibst, sondern ausschließlich einen Aspekt dieser Epoche – das Kriegshandwerk.

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    • Hm, es ist richtig. Das Kriegshandwerk nimmt oft einen Großteil von Cornwells Werken ein, der vor allem die historischen Taktiken akkurat beschreibt und mit dem romantisierten Bild vom Mittelalter (hier Frühmittelalter) mit seinen edlen Recken aufräumt. Dennoch finden auch genug andere Themen Raum: Hier insbesondere der religiöse Konflikt zwischen dem Christentum und den heidnischen Dänen. Und in Punkto Figurenzeichnung ist ihm bei Alfred sicher ein Meisterstück gelungen. Wer um den Werdegang des einzigen Königs England wissen will, der als „der Große“ betitelt wurde, kommt um diese Bücher nicht herum. Seinen Anteil an der Geburt „Englands“ hebt Cornwell toll heraus.

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  2. Sharp habe ich sehr gern gelesen, hoffe immer noch, dass Sharp noch mal reitet. Auch wenn die Romane teils immer heftiger wurden, hat man doch Sharp, auch ein Antiheld, in s Herz geschlossen. In den „weißen Reiter“ würde ich mal gern reinschauen. Die Balance bei den Cornwell Romanen muss stimmen, nur Hauen und Stechen mag ich nicht lesen.
    Danke und liebe Grüße
    Nina

    Gefällt 1 Person

    • Ich würde mal fest und steif behaupten: Wenn du Sharpe magst, wird Dir auch Uhtred ans Herz wachsen. Am Anfang braucht man etwas, um warm zu werden, aber spätestens ab „Der weiße Reiter“ findet man Gefallen an seiner wankelmütigen Söldnerseele. Und nein: Es sind natürlich nicht nur Schlachten, sondern es wird auch akkurat auf den historischen Kontext eingegangen. Für mich gehören aber die Schilderungen der Schwertgetümmel zu den Highlights, weil man wohl vieler näher nicht an die Wirklichkeit des Frühen Mittelalters herankommt.

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