Ein Engel auf Erden

© Ullstein

Es hatte sich schon im Vorgänger „Die weiße Straße“ immer mehr angedeutet, mit „Der brennende Engel“ wird es nun Gewissheit: John Connolly hat den Pfad des reinen Hardboiled-Romans endgültig verlassen und sich in die stilistischen und thematischen Gefilde des Mystery-Horrors begeben.

Eine Entscheidung, die nach den vielen vorhergegangenen Andeutungen zwar nicht mehr überraschen dürfte, mir allerdings insofern bitter aufstößt, da besonders die ersten Bände der Charlie-„Bird“-Parker – düstere Romane in der Tradition des klassischen „Noir“ – zum Besten gehören, was ich bis dato in diesem Genre lesen durfte. Dem ward jetzt der Rücken gekehrt, um stattdessen im überjagten Revier von Dan Brown, Raymond Khouri und Co. zu wildern, womöglich in der irrigen Annahme, so eine neue Zielgruppe für seine Serie zu erschließen. Irrig deswegen, weil der zwar schon immer sehr drastische Horror der Vorgänger in diesem Blutmenetekel um gefallene Engel, christliche Geheimbünde und dämonische Nazi-Überreste stellenweise bis zur Unerträglichkeit pervertiert wird. Und gerne würde ich behaupten, dass von der Handlung her mehr drin gewesen wäre, aber ein kurzer Anriss sollte auch die Sinnlosigkeit solcher Hoffnungen verdeutlichen:

Charlie „Bird“ Parker hat in der Vergangenheit viele Verluste erlitten, sich aber jetzt mit Frau und Kind ein neues Leben aufgebaut. Ein Leben allerdings, das überschattet wird von den Besuchern einer abgrundtief bösen Welt jenseits der Realität, welche sich lange Zeit nur durch ein unwirkliches und ungutes Gefühl bemerkt gemacht haben, seit dem Zusammentreffen mit dem wahnsinnigen „Prediger“ Aaron Faulkner aber zu einer greifbaren Bedrohung geworden sind. Parkers Versuche sicher dieser Welt zu entziehen, sind allenfalls halbherzig und von vorneherein zum Scheitern verurteilt, als sein enger Freund Louis, ein Berufskiller mit fragwürdiger Moral, seine Hilfe braucht.

Alice, die Tochter von Louis‘ Tante Martha, ist spurlos verschwunden und die beiden ungleichen Freunde machen sich gemeinsam auf die Suche. Ihre Ermittlungen führen in das Rotlichtmilieu, wo Alice als Prostituierte tätig war, und kreuzen dabei den Weg eines gewissen Mr. Brightwell. Ein im wahrsten Sinne des Wortes diabolischer Gegner, gehört er doch zu den gefallenen Engeln, welche einst gegen Gott rebellierten und gemeinsam mit Luzifer aus dem Himmel vertrieben wurden, um ihr Leben in menschlicher Gestalt unter den Menschen zu verbringen – daran arbeitend, irgendwann endliche Rache für ihren Fall nehmen zu können (Ja, sie lesen richtig). Als ein Instrument dieser Rache dient ein archaisches Dokument, welches vor vielen hundert Jahren zerteilt und über die ganze Welt verstreut wurde. Brightwell soll diese Stücke ausfindig machen und wird ausgerechnet bei Alice und ihrer Freundin Sereta fündig. Als die Blutspur des teuflischen Vollstreckers immer länger wird, sieht sich Parker zum Handeln gezwungen, nicht wissend, dass seine eigene Vergangenheit eng mit der Brightwells verbunden ist …

Statt weltlicher Gewalt, Korruption, Rachegelüsten und menschlicher Verderbtheit hebt Connolly nun in „Der brennende Engel“ die Welt um Hauptfigur Parker auf eine esoterische Ebene. Gefallene, rebellische Engel, ein fanatischer Totenkult, übermenschliche und unsterbliche Gegenspieler. Irgendwie ein dicker Drops den man hier nicht nur über knapp 500 Seiten lutschen, sondern letztlich auch schlucken muss und der wohl auch die Grenzen der Geduld von so manchem Leser ausloten wird. Fakt ist: Der Autor hat sich von sicherem Boden auf dünnes Eis begeben, denn wo zuvor die Plots stimmig daherkamen, tun sich die Protagonisten im fünften Band der Serie mit ihren neuen Rollen auffällig schwer. Die Erkenntnis, was und wer z.B. Parker in Wirklichkeit ist, beißt sich mit dem im Grunde typischen Detective-Eye-Fall und wertet zudem die durchlittenen Tiefschläge der Vorgänger deutlich ab. Mehr noch: Man fragt sich langsam, ob das überhaupt noch ein und dieselbe Figur ist.

Connolly verliert beim Seiltanz zwischen den Genreelementen hier mehr als einmal die Balance. Stellenweise schrammt die Geschichte gar nah an der Lächerlichkeit vorbei, wenn der Fokus der Handlung von Schwiegermutterpredigt und Freundinnen-Gezicke plötzlich wieder auf den brutalen Mord an einer Frau schwenkt, der nebenbei noch gleich die Seele ausgesaugt wird. So sehr bemüht Connolly ist, der Geschichte einen stimmigen Rahmen zu geben – allzu oft wirkt sie nur konstruiert, werden Handlungsfäden gewaltsam ineinander geschoben, wo sie früher, mit mehr Überraschungen behaftet, von selbst zueinander gefunden haben. Selbst Louis und Angel bleiben (nicht nur was den humorigen Schlagabtausch angeht) blass, zu bloßen „Hitmen“ degradiert, deren Rollen nach dem Beginn des Buches der Überflüssigkeit preisgegeben werden. Auch weil man sich angesichts übermenschlicher Gegner fragt, welchen Sinn es macht, überhaupt noch zur Waffe zu greifen.

Größer Kritikpunkt bleibt jedoch vor allem das Tempo der Geschichte. Für einen Parker-Roman geht es unheimlich gemächlich und behäbig voran. Die sonst so präsente, urwüchsige und packende Sprachgewalt blitzt nur selten auf. Und auch Parkers neueste Nemesis, Mr. Brightwell, ist nur ein schwacher Abklatsch von Caleb Kyle, Faulkner oder Mr. Pudd. Gerade deren unsichtbare, unbekannte Macht sorgte in den vorhergehenden Büchern für dieses stetige Gefahrenmoment, diesen unwohlen Schauer, der, weniger greifbar, weit mehr auf den Leser gewirkt hat, als die drastischen Ausbrüche roher Gewalt. All das spritzende Blut, das Knochenbrechen und Foltern – es ermüdet, hat den gegenteiligen Effekt, verkehrt vieles ins Absurde. Und auch das Finale, durchaus atmosphärisch und gefällig inszeniert, birgt leider keinerlei Überraschungen und lässt zudem viele Fragen offen. Keine Spur von dem Kitzel, dieser beklemmenden, unheimlichen Gänsehaut, die sonst noch nach Zuklappen eines Connolly-Buches den Leser in den Klauen hält.

Der brennende Engel“ ist nach „Die weiße Straße“ ein weiterer Rückschlag für diese grandios gestartete Reihe, den ich als Quereinsteiger wahrscheinlich über die volle Distanz nicht durchgehalten hätte. Es bleibt zu hoffen, dass sich Connolly wieder recht bald auf seine eigentlichen Tugenden besinnt und die nächste Auffahrt bekommt, bevor er die Serie komplett an die Wand fährt.

Wertung: 71 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Der brennende Engel
  • Originaltitel: The Black Angel
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 11.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 512 Seiten
  • ISBN: 978-3548280486
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