The needle tears a hole, the old familiar sting …

© Rowohlt

„Ich lebe vom Schreiben, aber ich mag Schriftsteller nicht besonders. Marcel Proust? Kenn ich nicht, interessiert mich nicht. Ich bevorzuge Boxer, Huren und Gauner. Da bin ich zuhause, da fühl ich mich wohl.“

Treffender als mit Nelson Algrens eigenen Worten könnte man wohl kaum beschreiben, was den Leser erwartet, wenn er zu einem Werk des US-Amerikaners greift, den Ernest Hemingway einst äußerst unbescheiden als „zweitbesten Autor“ und „Nachfolger“ bezeichnete.

Zeit ihres Leben schrieben diese zwei „Alpha-Tiere“ sich Briefe in gegenseitiger Wertschätzung, sowohl was den Inhalt als auch den Stil des jeweils anderen anbelangte. Die große Popularität Hemingways, vor allem außerhalb der Staaten, erreichte Algren, der für „Der Mann mit dem goldenen Arm“ im Jahr 1950 den National Book Award erhielt, letztlich aber nie. Und so hat selbst der Tod, welcher ihn am 9. Mai 1981 ereilte, einen gewissen ironischen Zug. Algren, der die Aufnahme in die American Academy of Arts and Letters feiern wollte, starb noch bevor die ersten Gäste eintrafen. Der Legende nach fand man ihn auf dem Küchenfußboden liegend mit einem Whiskey-Glas in der Hand. Ein Ende, wie es wohl auch Hemingway gefallen hätte.

Hierzulande ist der „zweitbeste Autor“ augenscheinlich in Vergessenheit geraten. Die letzten Auflagen seiner Werke sind inzwischen fast zwei Jahrzehnte alt und allesamt vergriffen. Und es deutet auch nichts daraufhin, dass Algren auf dem deutschen Buchmarkt nochmal Ehre erwiesen wird. Das wäre aber im Grunde genauso ungerecht wie der Umstand, dass man mit Algren in erster Linie den Mann verbindet, der Simone de Beauvoir zu ihrem ersten Orgasmus verhalf (Was meinerseits eher ein Grund wäre, ihn nicht zu lesen, kann ich doch mit der guten Dame und ihrem Geschreibsel so rein gar nichts anfangen). Dennoch muss ich nach meinem ersten Roman von diesem Autor, „Der Mann mit dem goldenen Arm“, konstatieren: Die ganz große Begeisterung konnte er nicht auslösen. Und das obwohl Sujet und Sprache durchaus vollkommen meinem Geschmack entsprechen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Kleinganove Frankie Majcinek, von allen nur „Frankie Machine“ genannt, der seit Rückkehr aus dem Krieg sein Leben im polnischen Viertel von Chicago fristet. Um mit seiner Frau Sophie, welche an den Rollenstuhl gefesselt ist, über den Runden zu kommen, verdingt er sich als Kartengeber in einer Hinterzimmerspelunke. Der Großteil seines überschaubaren Gehalts geht allerdings für Morphium drauf, das er sich regelmäßig in die Adern seines „goldenen Arms“ jagt, weswegen auch sein Traum vom berühmten Schlagzeuger in weite Ferne rückt. Und auch das nächstmögliche Ziel, endlich das Viertel hinter sich zu lassen, scheint zum Scheitern verdammt. Hinzu kommt das Verhältnis zu Molly Novotny, welches droht die Ehe mit Sophie endgültig zu ruinieren. Verzweifelt sucht Frankie einen Ausweg … doch Chicago lässt seine Gauner nicht so schnell aus seinen Fängen.

Nelson Algrens Roman vermischt die schillernde Beschreibung der Welt des Verbrechens in Kolportageliteratur und Sensationsjournalismus mit dem aufklärerischen Eifer einer soziologischen Untersuchung. Er zeichnet ein düsteres, hoffnungsloses Bild der amerikanischen Hinterhöfe der 40er Jahre, ein Bild vom Leben der Gestalten im Schatten, die sich nur mit verkniffenen Augen ins Tageslicht wagen und ansonsten die Dunkelheit für ihre Tätigkeiten vorziehen. Algren musste hier nie viel seiner Fantasie spielen lassen, hat er doch selbst an diesen Orten gelebt, wodurch sich letztlich auch die eindrückliche Prosa erklären lässt, die streckenweise derart plastisch gerät, dass man als Leser meint den Alkohol schmecken und das Nikotin riechen zu können. Und trotz dieser äußerst naturalistisch gestalteten Darstellungen Algrens, bleibt stets dieses Element der Distanz, welche der Autor durchgängig hält. Anstatt wie viele seiner Kollegen und auch literarischen Nacheiferer die Figuren für sich sprechen zu lassen, hält er das Zepter der Handlung in der Hand, berichtet als auktorialer Erzähler. Vielleicht ein Grund warum diese Synthese aus Zwielicht und hehrer Gesinnung mich nicht so recht zu packen vermochte.

Tatsache ist jedenfalls: So überzeugend Algrens Milieubeschreibungen und die Umstände der Figuren sind, so wenig blieben mir letztere nach Beendigung der Lektüre in Erinnerung. Algrens großes Talent, mittels seiner respektvollen, aufmerksamen Sprache die herzzerreißende Würdelosigkeit der heruntergekommenen Bars, billigen Absteigen und klammen Gehsteige zu betonen, ist für mich auch gleichzeitig der auffälligste Makel. Und zwar ganz einfach, weil der Autor kein Ende findet. „Der Mann mit dem goldenen Arm“ war für mich letztlich mindestens hundert Seiten zu lang, die x-te Beschreibung von ein und derselben Schäbigkeit führt bald zur Übersättigung. Wo Bukowski, Céline oder Price immer wieder neue Facetten hervorheben, klingt das Ganze hier stark nach einer Schallplatte, bei der die Nadel hängt und stets den gleichen Ton spielt. Und das teils so extrem und bombastisch, dass aus Musik bald Lärm wird.

Dennoch gilt „Der Mann mit dem goldenen Arm“ zu Recht zu den Romanen, die man gemeinhin unter dem Prädikat Klassiker führt. Chicago, das große Thema Algrens, wurde seitdem nur noch selten aus einer solchen Perspektive betrachtet. Und dann auch nicht außerhalb des Kriminalroman-Genres.

Der Roman ist eine düster-schwarze, hoffnungslose Milieustudie ohne größeren Spannungsbogen, bei der die Schicksale der Figuren durchweg nur in eine Richtung zeigen: nach unten. Eine Empfehlung für alle Freunde des realistischen Großstadtromans, für die Unterhaltung und der Erlebniseffekt nicht die wichtigsten Punkte auf ihrer Leseagenda sind. Für mich bleibt das Buch einer der wenigen Titel, wo mir die Verfilmung tatsächlich besser gefallen hat, als ihre Vorlage. Ol‘ Blue Eyes sei Dank.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Nelson Algren
  • Titel: Der Mann mit dem goldenen Arm
  • OriginaltitelThe Man with the Golden Arm
  • Übersetzer: Carl Weissner
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 471 Seiten
  • ISBN: 978-349913683
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10 Gedanken zu “The needle tears a hole, the old familiar sting …

      • Eine extrem holprige Übersetzung von Carl Weissner? Das ist ja fast schon ein Widerspruch in sich! ;-) Ich habe das Buch zwar nicht gelesen, dafür aber 3 andere Algren-Bücher in der Übersetzung von Weissner. Holprigkeiten sind mir da nicht aufgefallen. Nun, vielleicht sollte ich Deine Rezension/Anmerkung zum Anlass nehmen, in das Buch reinzuschauen, das seit Jahren in meinem Regal schlummert. Den Preminger-Film mit Sinatra habe ich allerdigs in guter Erinnerung.
        Schön, daß es auf diesem Blog weitergeht

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        • *lach* Da hast du Recht, Weissner ist eigentlich eine sichere Bank. Dennoch ist die Übertragung wirklich schlecht gealtert – oder ich stand mir bei der Lektüre selbst im Weg, keine Ahnung. Es bleibt das Gefühl, dass der Sound des Originals ein wenig der Strecke gelieben ist. – Habe mich heute erst so wirklich mit der EU-Datenschutzgrundverordnung auseinandergesetzt und bin nun im Ungewissen, was die Weiterführung des Blogs angeht. Da sind so viele To-Dos von denen ich keine Ahnung habe. Was ein Blödsinn, wenn man lediglich eigene Texte mit anderen Lesern teilen will. Naja, EU halt.

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    • Auch Dir Danke, Gunnar! Hab gesehen, dass ihr eure Seite geändert/umgestaltet habt. Gefällt mir sehr gut! – Von Algren werd ich noch ein zweites Buch vorstellen. Versuche mir wieder ein wenig Zeit für den Blog freizuschaufeln. Eine regelmäßige Betreuung werde ich wohl bei meiner derzeitigen Arbeit nie hinbekommen. ;-)

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