Mr. Crane – Von Leben, Liebe, Krieg und Tod

© Pendragon

Im September 1914 liegt Leutnant Fischer mit zwei Lungendurchschüssen im Sanatorium Badenweiler. Der Krieg hat ihn verstummen lassen, er kommuniziert über Zeichnungen und Gesten. Schwester Elisabeth kümmert sich um ihn und findet in seinem Gepäck „Die rote Tapferkeitsmedaille“ (ebenfalls erschienen im Pendragon-Verlag), das bekannteste Werk des Autors Stephen Crane. Mit dem Autor, „ihrem“ Mr. Crane, verbindet Elisabeth eine ganz besondere Beziehung. War der Schriftsteller doch selbst 1900 Patient in Badenweiler, im letzten Stadium seiner Tuberkulose-Erkrankung.

Schwester Elisabeth nimmt den Buchfund zum Anlass, sich an eine kurze, aber obsessive Liebe zu erinnern. Sie bezieht Leutnant Fischer und die junge Krankenschwester Victoria in die Erzählung mit ein, eine Art Beichte, die am Ende zu lebensverändernden Konsequenzen führt.

Als Stephen Crane, , charmant, eloquent, aufgeschlossen, schon vom nahenden Tod gezeichnet, mit seiner kleinen Entourage aus Gattin Cora und Nichte Helen in Badenweiler anreist, empfindet Elisabeth dies wie die Ankunft eines Seelenverwandten. Fand sich die von Brandnarben gezeichnete junge Krankenschwester doch in Cranes Erzählung „Monster“ wieder. Crane erwidert Elisabeths Gefühle, eine verwegene, drängende Liebesgeschichte entwickelt sich, misstrauisch beäugt von Cranes eifersüchtiger Nichte und scheinbar unbemerkt von Cora.

Die Begegnungen zwischen den beiden Liebenden sind kurze Fluchten in Gespinste aus Erinnerungen an Cranes Abenteuer und in intensiven wie verzweifeltem Sex, dem Wissen um das nahe Ende des Autors geschuldet. Gleichzeitig ist die gemeinsame Zeit geprägt von den wahnhaften Ängsten Cranes vor einem ominösen Verfolger namens Davis, einem Pressefotografen, der in mehrfacher Hinsicht sein eigener dunkler Schatten ist.

Mr. Crane“ ist ein bestechend durchkomponiertes Buch. Andreas Kollender spielt mit Imaginationen und Imaginiertem, überlässt seinen Leser*innen Raum, die Erzählung Elisabeths und Anekdoten Stephen Cranes mit eigenen Interpretationen zu füllen. „Mr. Crane“ ist die bestrickende Geschichte einer amour fou, ist Abenteuerroman, eine Reflexion über Bedeutung und Wirkung von Literatur und eine Anti-Kriegs-Erzählung, ohne dass der Krieg mit Waffengewalt an die Tore des Sanatoriums in Badenweiler klopft. Andreas Kollender lässt den ersten Weltkrieg in seiner Prägung der involvierten Menschen wirken. So begegnen wir gewissenlosen Fußtruppen, manipulativen Kriegstreibern und in Leutnant Fischer einem traumatisierten Frontsoldaten.

Da „Mr. Crane“ nur 250 Seiten umfasst, arbeitet Kollender mit Skizzen und Andeutungen, was angesichts seiner präzisen wie poetischen Sprache hervorragend funktioniert, inhaltliche Fülle schafft, ohne den Roman zu überladen. Andreas Kollender erweist sich einmal mehr als stilsicherer Autor mit faszinierender Erzählkraft.

Die Lektüre der „roten Tapferkeitsmedaille“ parallel oder im Anschluss bietet sich geradezu an.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Andreas Kollender
  • Titel: Mr. Crane
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 09.2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 253 Seiten
  • ISBN: 978-3865326850

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