Sherlock Holmes‘ letzte Verbeugung

© Insel

Schon der erste Blick auf das Cover der „Insel“-Ausgabe dürfte vielleicht den ein oder anderen interessierten Leser stutzig machen und irritieren, wird doch der legendäre Detektiv Sherlock Holmes in den meisten Medien, und dadurch auch im allgemeinen Verständnis, mit dem Viktorianischen Zeitalter in Verbindung gebracht – Droschken, Gaslichtlaternen, nasses Kopfsteinpflaster, der Gentleman in Frack und mit Zylinder auf dem Kopf. Es sind diese Bilder, welche unsere Erinnerungen an Sir Arthur Conan Doyles Helden beleben, weshalb das auf dem Deckblatt abgebildete Automobil für viele einen ungewohnten Stilbruch darstellt.

Fakt ist aber: Bei Veröffentlichung der Kurzgeschichtensammlung „Seine Abschiedsvorstellung“ im Jahr 1917 war die Regentschaft Königin Victorias schon lange beendet, befand sich das englische Empire in den Wirren des Ersten Weltkriegs verstrickt, welcher weiteren imperialen Bestrebungen einen Dämpfer verpasste und bis zum Kriegsende im November 1918 noch Millionen Menschen das Leben kosten sollte. Für viele bedeutete das Grauen an der Westfront nicht nur persönliches Leid, sondern auch ein Ende der Sicherheit. Trotz zahlreicher Konflikte, Missernten, Hungersnot und einer in Arm und Reich geteilten Gesellschaft – viele Zeitgenossen sahen das Viktorianische Zeitalter rückblickend als Ära des Reichtums und der Stabilität, als „gute alte Zeit“.

Für Sir Arthur Conan Doyle, der bereits 1893 entschied, das Leben seines Protagonisten Holmes zu beenden, da das regelmäßige Verfassen neuer Geschichten zu viel seiner Zeit in Anspruch nahm und er seine schriftstellerische Arbeit auf andere Werke konzentrieren wollte, war der von vielen geliebte Schnüffler mit der Lupe mittlerweile zu einem Mühlstein am Hals geworden, der lediglich aus finanziellen Gründen weitergetragen wurde. Der Ehrgeiz, der Fleiß und diese einstmals gewohnte komplette Hingabe – sie flossen längst vermehrt in andere Projekte (u.a. schuf er 1912 mit Professor Challenger eine zweite, sehr populäre Figur), was sich, wie auch der Tod von Doyles Sohn an der Front, in der Qualität der späteren Fälle niederschlug, welche heute, im Verbund mit dem letzten Sammelband „Sherlock Holmes‘ Buch der Fälle“, zu den am wenigsten bekannten und von Sherlockians auch am wenigsten geschätzten Geschichten zählen. Ein Grund sich ihnen erst gar nicht zu widmen? Mitnichten, denn auch wenn „Seine Abschiedsvorstellung“ nicht mehr die Klasse und die Brillanz der frühen Holmes-Fälle erreicht – ein Quäntchen des Flairs, der Stimmung und der Leichtigkeit konnte Doyle, der uns die deduktive Arbeitsweise einmal mehr mit überraschenden Wendungen kredenzt, in diese neue Zeit retten.

Folgende acht Kurzgeschichten sind in „Seine Abschiedsvorstellung“ enthalten:

  • Wisteria Lodge
  • Die Pappschachtel
  • Der rote Kreis
  • Die Bruce-Partington-Pläne
  • Der Detektiv auf dem Sterbebett
  • Das Verschwinden der Lady Frances Carfax
  • Der Teufelsfuß
  • Seine Abschiedsvorstellung

Bis auf die bereits 1893 geschriebene Geschichte „Die Pappschachtel“, welche vor allem in britischen Ausgaben des Kanons der Kurzgeschichtensammlung „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ zugerechnet wird – amerikanische Verleger befanden die Geschichte damals aufgrund des Ehebruch-Themas als zu brisant und druckten sie erst später in der „Abschiedsvorstellung“ ab (die meisten deutschen Verleger haben diese Vorgehensweise übernommen) – sind alle weiteren Fälle zwischen 1908 und 1913 in unregelmäßigen Abständen im „Strand Magazine“ und später auch im „Collier’s Weekly“ veröffentlicht worden. Das damals enthaltene kurze Vorwort Doyles fehlt leider in der „Insel“-Ausgabe, wird aber durch die Anmerkungen im Anhang durchaus wettgemacht, welcher u.a. einzelne veraltete Begrifflichkeiten und Anspielungen erläutert, weshalb man auch gern während der Lektüre einer Geschichte darauf zurückgreift.

Die Zusammenstellung der Geschichten in dieser Anthologie ist – den großen Abständen in denen sie veröffentlicht worden geschuldet – bunt gemischt, wenngleich auffällig ist, dass sich Doyle vom ursprünglichen Ton entfernt, seine Figur Sherlock Holmes etwas massentauglicher gemacht hat. Zwar immer noch belehrend in seinen Ausführungen, fehlt hier doch zumeist diese gerade in frühen Geschichten und Romanen präsente emotionale Kälte und Distanz, welche den Detektiv nicht nur von allen anderen in seinem Umfeld (besonders Dr. Watson) unterscheidet, sondern ihn auch erst in die Lage versetzt, die Kunst der Deduktion bei der Lösung eines Falles anzuwenden. Das nun Holmes in „Seine Abschiedsvorstellung“ zeitweise sogar lächelt oder sich als mitfühlendes Wesen erweist, mutet dann schon fast seltsam an. Doyle hat anscheinend selbst gemerkt und versucht, dies in den Geschichten teilweise sogar zu erklären. Dennoch: Das Profil des früheren Kokain-süchtigen Holmes hat eindeutig an Ecken und Kanten verloren – und die Vermutung liegt nahe, dass man damit ein noch breiteres Publikum erreichen wollte.

Es entbehrt dann nicht einer gewissen Ironie, dass die zu lösenden Fälle selbst um einiges düsterer geraten sind. Geschichten wie „Der Teufelsfuß“ oder „Die Bruce-Partington-Pläne“ haben nur noch wenig mit dem rätselhaften Spaß eines „blauen Karfunkels“ gemeinsam – sie sind ernster, dunkler, dreckiger und, in der Beschreibung des ausgeübten Verbrechens, auch drastischer und unverblümter geraten. Der Trend, welcher mit „Der Hund der Baskervilles“ und „Das Tal der Angst“ begann, er wird hier fortgeführt, was der Stimmung und auch dem Spannungsgehalt sicherlich zuträglich ist, gleichzeitig aber auch nochmal betont, dass der gemütlich im Arbeitszimmer in der Baker Street ausdiskutierte Fall der Vergangenheit angehört. Für mich zählen die beiden obigen Kurzgeschichten dann auch zu den Höhepunkten dieser Sammlung. Insbesondere „Der Teufelsfuß“ gehört schon allein aufgrund der Wahl des atmosphärischen Schauplatzes (ein abgelegenes Hochmoor nahe der Steilküste) zu Doyles besten Werken, wiewohl die Auflösung und Perfidität des Verbrechens das Setting noch übertrifft. Genau die richtige Lektüre für den stürmisch-verregneten Herbstabend vor dem Kamin, wohingegen Holmes in „Die Bruce-Partington-Pläne“ stattdessen deduktiv nochmal zur Höchstform aufläuft.

Im direkten Vergleich können die anderen Fälle dann leider nicht alle überzeugen, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass Doyle hier streckenweise ein bisschen bei sich selbst klaut. Besonders „Wisteria Lodge“ weckt in Aufbau und Verlauf gewisse Erinnerungen: Der alte Mann mit der dunklen Vergangenheit. Die Flucht in ein anderes Land. Der über viele Jahre gehegte Wunsch nach Rache. Hier ist schon die ein oder andere Parallele zu „Das Zeichen der Vier“ zu erkennen, was den Lesegenuss für Neueinsteiger zwar nicht schmälert, Kennern des Kanons aber allenfalls ein wissendes Lächeln abringt. Weit besser gelingt dann der Abschluss mit der titelgebenden Erzählung „Seine Abschiedsvorstellung“, in der Holmes, welcher sich inzwischen im Ruhestand befindlich der Bienenzucht widmet, am Tag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nochmal für seine Majestät aktiv wird und einem deutschen Agenten mit gewohnter Nonchalance das Handwerk legt. Ein herrlich kurzweiliges und auch ein wenig wehmütig stimmendes Finale vor dem letzten Akt, der abschließenden Anthologie „Sherlock Holmes‘ Buch der Fälle“.

Seine Abschiedsvorstellung“ ist Sherlock Holmes‘ letzte tiefe Verbeugung („Sherlock Holmes‘ Buch der Fälle“ habe ich immer als nachgereichten Fanservice verstanden) vor seinem wie immer erstaunten Publikum. Und auch wenn der Detektiv inzwischen in die Jahre gekommen ist – auch Doyles spätes Werk hat sich das Prädikat des immer noch lesenswerten Klassikers redlich verdient, was allein schon daran deutlich wird, dass sich aktuell immer wieder zahlreiche Autoren daran verheben, den lockeren Stil des Originals zu kopieren. Den echten, den richtigen Sherlock Holmes – ihn konnte nur sein Schöpfer, Sir Arthur Conan Doyle.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Seine Abschiedsvorstellung
  • Originaltitel: His Last Bow
  • Übersetzer: Leslie Giger
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 318 Seiten
  • ISBN: 978-3458350200

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Meine Name ist Poirot, Hercule Poirot

© Atlantik

Während sie in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit immer größeren Erfolg verbuchen kann – mit „Alibi“ gelang ihr endgültig der große Durchbruch – verlaufen die 20er Jahre privat für Agatha Christie eher unglücklich. Aus beruflichen Gründen lässt ihr Mann sie häufig allein und Ende 1926 stirbt auch ihre geliebte Mutter, welche als erstes ihr schriftstellerischen Talent erkannt hatte und förderte. Dieses Ereignis, und die Tatsache, dass sie die Villa Ashfield, das Zuhause in dem sie aufgewachsen war, räumen muss, nehmen sie stark mit. Dem Geständnis ihres Mannes, er habe eine Affäre mit einer Golfpartnerin, folgt schließlich der totale Zusammenbruch.

Nach einem heftigen Streit zwischen den Eheleuten verlässt Agatha Christie am 3. Dezember 1926 das Haus und wird nach einer spektakulären Suchaktion erst zehn Tage später, unter einem falschen Namen, in einem Hotel in Harrogate aufgefunden – mit einem fast kompletten Gedächtnisverlust bezüglich des gesamten Zeitraums. Und auch im Anschluss kommt die Autorin nicht richtig auf die Beine, gerät zunehmend in Geldnot und bald auch aufgrund ihres Vertrages unter Zeitdruck, denn ein weiteres Buch muss dringend veröffentlicht werden. Doch Christie fehlen Muße und Ideen, um irgendetwas zu Papier zu bringen. Es scheint, als neige sich ihre Karriere dem Ende entgegen.

Ein rettender Einfall kommt dann von ihrem Schwager Campbell Christie, der ihr vorschlägt, doch einfach die im Jahr 1924 bereits im The Sketch Magazine (Ausgaben 1614 bis 1625) erschienenen Kurzgeschichten (zwölf an der Zahl) zu einem Roman zu verarbeiten. Campbell hilft ihr bei diesem „Recycling“ sogar, den Anfang und das Ende der einzelnen Erzählungen so zu verändern, dass sie besser in den Fluss (wenn man bei diesem Werk davon sprechen kann) des Romans passen – wohlgemerkt ohne dabei die Reihenfolge zu verändern. Als das Ergebnis, „Die großen Vier“, am 27. Januar 1927 veröffentlicht wird, entwickelt es sich in Rekordzeit zu ihrem bisher dahin größten Erfolg, wobei dieser vor allem auf zwei Gründe zurückzuführen ist: Der anhaltenden kontroversen Diskussion um den Vorgängerroman „Alibi“ und dem Aufruhr rund um ihr Verschwinden. Agatha Christie selbst urteilte rückblickend:

Ich habe einmal in einer Position, wo ich schreiben wollte, um Geld zu verdienen, gemerkt, dass ich es nicht kann – das ist so ein nervenaufreibendes Spiel. Hätte ich damals nur ein Manuskript im Ärmel gehabt, es hätte einen riesigen Unterschied gemacht. Das war die Zeit, als ich das scheußliche Buch „Die großen Vier“ produzierte und mich selbst zu „Der blaue Express“ zwang.“

Ihre nachträgliche Selbstkritik ist ebenso ehrlich wie zutreffend, denn „Die großen Vier“ gehört in der Tat zu ihren schlechtesten Werken, da es von Beginn an unter der nur folgerichtigen Inkohärenz leidet und sich in etwa so flüssig liest, wie es geschrieben wurde. Die Handlung – auch ein Begriff mit dem man hier vorsichtig sein muss – sei dennoch zum besseren Verständnis kurz angerissen:

Einige Monate nach den Ereignissen aus „Alibi“. Captain Hastings kehrt aus Argentinien nach London zurück, um dort seinen alten Freund Hercule Poirot in dessen Wohnung zu überraschen, der selbst gerade im Begriff ist, nach Südamerika abzureisen, gelockt von einem gut bezahlten Job des Multimillionärs Abe Ryland. Ihre Wiedersehensfeier wird allerdings von einem unbekannten Mann gesprengt, der vollkommen abgerissen und verwirrt wiederholt Poirots Adresse murmelt, um schließlich immer wieder Vieren auf ein Stück Papier zu schreiben. Bezieht er sich vielleicht auf die geheimnisvolle Organisation „Die großen Vier“, von welcher der belgische Detektiv Gerüchte gehört hat? Bevor sie viel mehr aus ihm herausbringen können, fällt der Mann in Ohnmacht und sie geben ihm Zeit zum Ausruhen – nur um ihn bei der Wiederkehr ermordet vorzufinden. Vergiftet durch Blausäure.

Poirot und Hastings beginnen gemeinsam Nachforschungen anzustellen und stoßen dabei auf ein international agierendes Verbrecherkartell, das nichts geringeres als die Weltherrschaft anstrebt und sich dabei als erstes den Sturz des britischen Empires zum Ziel gesetzt hat. An der Spitze der Organisation scheint ein Chinese namens Li Chang Yen zu stehen, der zusammen mit einer Französin, einem US-Amerikaner und einem Mann unbekannter Nationalität sämtliche Strippen zieht und Kontakte in die höchsten internationalen politischen Ämter hat. Letzterer ist dabei vor allem als eiskalter Vollstrecker tätig und führt das Ermittler-Duo durch diverse Verkleidungen immer wieder auf eine falsche Fährte. In Folge dessen kommt Poirot gleich mehrfach einen Schritt zu spät und muss dann stets am Fundort einer weiteren Leiche die Spur wieder mühsam aufnehmen. Dennoch: Die „Vier“ empfinden seine Einmischung alsbald als lästig – und Poirot und Hastings geraten plötzlich selbst in Lebensgefahr …

Bereits jetzt sollte dem geneigten Christie-Leser auffallen, dass „Die großen Vier“ so überhaupt nichts mit der Art von gemütlichen Kriminalroman zu tun hat, welche man gemeinhin sonst bei einem Titel aus der Poirot-Reihe erwarten dürfte. Oder um es noch deutlicher zu sagen: Es handelt sich hierbei in der Tat nicht um einen klassischen Whodunit, sondern um den eindeutig äußerst bemühten Versuch der Queen of Crime aus ganz viel Stückwerk irgendwie einen rasanten Agententhriller – ein Genre, das zum damaligen Zeitpunkt auch immer mehr Zulauf bekam – zusammenzubauen. Ein Versuch, den man auf ganzer Linie als gescheitert erklären darf, denn bis heute merkt man dem Werk die Hast an, in der dieses Buch wohl damals „verfasst“ worden sein muss. „Die großen Vier“ liest sich an keiner Stelle homogen, krankt an der episodischen Erzählweise, welche der Herkunft aus den Kurzgeschichten geschuldet ist und verhindert, dass überhaupt so etwas wie ein Lesefluss aufkommen kann. Sind die einzelnen Fälle für sich genommen noch irgendwie interessant, da Poirot sie einmal mehr mit der ihm eigenen Genialität und den „kleinen grauen Zellen“ zu lösen vermag, bilden sie im Verbund eine verwirrend, oftmals gänzlich unlogische Geschichte, die einen roten Faden einfach vermissen lässt.

Stattdessen ist man als Leser einer schon fast penetranten Hektik der Figuren unterworfen, die scheinbar vollkommen kopflos – und entgegen ihrem Charakter – von einem Ort zum nächsten hetzen. Hercule Poirot, der sonst am liebsten gar nicht erst sein Büro verlässt, um sein Schuhwerk sauber zu halten und in „Alibi“ bereits als alt und gebrechlich gezeichnet wurde, muss hier nun zwangsweise zum Actionhelden mutieren, dem nur noch eine Walther PPK und eine gepflegte Partie Baccara zu fehlen scheinen. Wenn die Bezeichnung „out of character“ je zugetroffen hat, dann wohl bei „Die großen Vier“. Da hilft es dann auch nichts, dass Christie die körperlichen Handycaps des Belgiers alle Nase lang erwähnt und diesen über jeden zweiten Schritt stöhnen lässt. Ganz im Gegenteil: Wenn er dann bei nächster Gelegenheit wieder wieselflink seinen Häschern entkommt, fühlt man sich – vollkommen zurecht – einfach am Nasenring durch die Manege gezogen.

Und in dieser wird leider auch vom Zirkus ein Programm geboten, das uns so gar nicht vom Hocker reißen will, da Christie – oder ihr Schwager – schlichtweg nicht erkannt haben, was einen Thriller eigentlich wirklich ausmacht und vollkommen falsche Schwerpunkte setzen. Und das obwohl sich fleißig bei den Genrekollegen bedient wird. Nicht nur findet der geneigte Leser hier gleich einige Parallelen zu Doyles Holmes-Geschichten „Das letzte Problem“ und „Seine Abschiedsvorstellung“, auch Li Chang Yen ist mehr als offensichtlich von Sax Rohmers Fu Manchu inspiriert worden – und damit vom britischen Ressentiment gegen die „gelbe Gefahr“, welche den armen, unschuldigen Engländer immer wieder gegen seinen Willen in die verraucht-exotischen Opiumhöhlen der Hafenviertel lockt, wo das Verbrechen unkontrolliert prosperieren kann – und in diesem Fall nebenbei noch gleich der Putsch gegen den Staat geplant wird. Die Art und Weise, wie die „Vier“ dabei ihr Ziel erreichen wollen, lässt selbst manchen Bond-Bösewicht im Rückblick feinfühlig und taktvoll erscheinen.

Apropos Bond. Es erscheint nur logisch, dass der finale Showdown uns in eine Alpenfestung in den Dolomiten führt, wo Poirot dem Oberbösewicht höchstpersönlich in einer von Sprengstoff gespickten Höhle (Ken Adam hätte seine Freude daran gehabt) entgegentritt. Was, damit habe ich zu viel verraten? Nun, ganz ehrlich, ich war nicht davon ausgegangen, dass sie das Buch dennoch lesen wollen. Das sollte man in der Tat nur dann anstreben, wenn man ein hartnäckiger Christie-Komplettist ist, nichts anderes mehr im Bücherschrank stehen hat oder sich einfach mal vor Augen halten will, wie man es eben nicht macht. Allen anderen rate ich tatsächlich hiervon die Finger zu lassen und stattdessen zu Eric Ambler oder dem eben erst wiederentdeckten John Mair zu greifen, der in „Es gibt keine Wiederkehr“ eine ähnliche Geschichte weit geschickter und gekonnter zu erzählen weiß.

Wertung: 68 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Die großen Vier
  • Originaltitel: The Big Four
  • Übersetzer: Giovanni Bandini
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 09/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3455650532

Die Geburtsstunde des Goldenen Zeitalters

© Fischer

Als Ende der 2000er Jahre der Fischer Verlag in Kooperation mit der Website „Krimi-Couch“ im Rahmen der Reihe „Fischer Crime Classics“ die Wiederveröffentlichung einiger klassischer Kriminalromane ankündigte, war die Vorfreude unter vielen Usern im damals noch recht lebendigen Forum entsprechend groß. Nicht nur waren einige der dort eingeplanten Autoren hierzulande seit langem vergriffen – auch an das Konzept einer inhaltlich verbundenen Serie hatten sich die Verlagshäuser seit der DuMont-Kriminalbibliothek kaum noch herangewagt. Eine Renaissance des Whodunits, sei sie auch nur so klein, hatte sich daher durchaus ein kleiner Teil der Leserklientel erhofft. Allein, diese Hoffnungen wurden enttäuscht, was rückblickend unterschiedliche Gründe gehabt haben dürfte.

In erster Linie war dies wohl der mangelnde (oder anders bzw. optimistischer kalkulierte?) Absatz der Titel, welcher der „Fischer Crime Classics“-Reihe nach bereits zwei kurzen Staffeln ein jähes Ende bescherte und nicht nur einem begrenzten Käuferkreis, sondern auch der Zusammenstellung und der austauschbaren, vollkommen einfallslosen Cover- und Buchrückengestaltung geschuldet war. Sticht beim fleißigen Sammler ein Titel von Pulp Master, aus Rotbuchs „Hard Case Crime“-Reihe oder aus eben der bereits genannten DuMont-Kriminalbibliothek schon im Regal heraus, gestaltet sich bei den Fischer-Büchern dieser Serie eine Suche in der hauseigenen Bibliothek eher schwierig.

Lieblos war ein Adjektiv, das daher im Zusammenhang mit diesen Neuauflagen – alle gedruckten Werke waren in Deutschland bereits schon einmal veröffentlicht worden – häufiger fiel. Meines Erachtens zurecht, denn mehr als zehn Jahre später sind die „Fischer Crime Classics“ auch dadurch vollkommen in Vergessenheit geraten – und damit leider gleichzeitig ein paar Spannungsromane, welche für Kenner der Geschichte des Kriminalromans (oder solche die es werden wollen) sicherlich von Interesse sein dürften. Nicht zuletzt auch wegen dem stets sehr ausführlichen und vor allem kenntnisreichen Nachwort von Lars Schafft, dem ehemaligen Betreiber der Krimi-Couch.

Dies ist im Fall des vorliegenden Titels wieder äußerst lesenswert, arbeitet es doch den besonderen Stellenwert von Edmund Clerihew Bentleys „Trent’s letzter Fall“ auf eine Art und Weise heraus, welche eigentlich eine zusätzliche Besprechung weitestgehend überflüssig macht. Da aber gerade dieser Titel für die Entwicklung des Genres von enormer Bedeutung ist, sei dennoch dieser Versuch gewagt, wobei ich mit einer kurzem Anriss der Handlung beginnen möchte:

England, Anfang der 1910er Jahre. Der freie Journalist, Künstler und Amateur-Detektiv Philip Trent wird von seinem Chefredakteur Sir James Molloy kontaktiert, welcher einen neuen Auftrag für ihn hat. Sigsbee Manderson, Multimillionär, Geschäftstycoon und Börsenspekulant, wurde tot im Obstgarten vor seinem Landhaus „White Gables“ aufgefunden. Weil die Wall Street tobt und Scotland Yard bei seinen Ermittlungen komplett im Dunkeln tappt, soll Trent seine Unterstützung anbieten. Diese wird in Person des alten Bekannten Inspector Murch sehr gerne angenommen, der den Privatschnüffler nicht nur einen Blick auf die Leiche gewährt, sondern ihn auch das Haus und den Rest des Grundstücks untersuchen sowie alle Beteiligten verhören lässt. Neben den Toten sind das unter anderem Mandersons Frau Mabel, seine beiden Sekretäre Calvin Bunner (Amerikaner und allein schon deswegen verdächtig) und John Marlowe, den Diener Martin und das Dienstmädchen Célestine. Nathaniel Cupples, ein weiterer alter Freund von Trent und angeheirateter Onkel, weilt zur selben Zeit noch in einem Hotel im Nachbardorf.

Nach und nach wird Trent immer mehr in den Fall hineingezogen, der sich nicht nur als schwierigster seiner Karriere herausstellen soll, sondern auch einige Überraschungen für ihn bereithält. So findet er bald heraus, dass die Eheleute alles andere als in Harmonie gelebt haben und sieht sich irgendwann auch von der Witwe mehr und mehr angezogen. Doch welches Spiel spielt sie wirklich? Und wer ist nun eigentlich der Mörder?

Bereits im Jahr 1941 titulierte der Autor Howard Haycraft den ersten Band der Reihe, der ironischerweise aber „Trent’s letzter Fall“ heißt, als „Eckpfeiler der Detektivgeschichte“ – und in der Tat stellt dieses Werk den Beginn einer neuen Ära da, die wir heute auch als „Golden Age“ des Kriminalromans bezeichnen. Zwar ebnet Bentleys Buch als Inbegriff des Cosys, des beschaulichen Landhauskrimis, vor allem einer Vielzahl bekannter Autoren wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und John Dickson Carr den Weg – dennoch war es dem Autor vor allem wichtig seinen Detektiv nicht zwingend als kalten, rein logischen und damit auch künstlichen Übermenschen zu zeichnen – und sich damit natürlich auch so weit wie möglich von Doyles großem Sherlock Holmes zu entfernen, der zuvor den Kriminalroman wie kaum ein anderer – vor allem in Großbritannien – geprägt hat.

Trent versteht sich somit als Gegenentwurf zu dem Pfeife rauchenden Meisterdetektiv aus der Baker Street, was Bentley auch deutlich herausarbeitet. So ist der Privatschnüffler hier ein äußerst umgänglicher, ja, freundlicher und empathischer Zeitgenosse, dessen Vorliebe für Kriminalistik eher spielerischer Natur ist und somit beim Leser weit weniger intellektuell ausgerichtetes, aber weiterhin anspruchsvolles Miträtseln voraussetzt. Damit soll sich direkt zu Beginn ein heimeliges Wohlbehagen einstellen – eine willkommene Ablenkung vom Alltag, der sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Romans im Jahr 1913 zusehends unter den Schatten des drohenden kriegerischen Konflikts der damaligen Weltmächte verdüsterte. Eine Entwicklung, welche Bentley genauso konsequent ausblendet, wie jeglichen Schwermut, so dass sich „Trent’s letzter Fall“ vor allem wie ein kurzweiliges Kammerstück liest, ein literarisch abgebildetes, fast spielerisches Ringen zwischen Mörder und der Detektiv, welche natürlich immer Gentleman bleiben. Ohne es zu wissen, hatte er damit die Blaupause des Whodunit geschrieben, welcher vor allem in Großbritannien das Genre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs weitestgehend dominieren sollte. Das „Golden Age“ der Detektivgeschichte – es war angebrochen.

Hierzulande ist Bentleys Name nur noch Krimi-Kennern geläufig, was insofern wenig verwundert, da sein Roman zwar eine neue Richtung eingeschlagen, aber in Punkto Spannung wenig neue Maßstäbe gesetzt hat. „Trent’s letzter Fall“ liest sich gefällig, bietet entschleunigende Kurzweil für den Sonntagnachmittag auf dem Sofa, kommt jedoch besonders zu Beginn nur ziemlich behäbig in Gang. Wem diese klassische, britische Gemütlichkeit liegt, wird an der altertümlichen, doch schönen Übersetzung bestimmt Gefallen finden und sich vor allem an Bentleys Talent zu Beschreibungen erfreuen können. Insbesondere seine stimmungsvollen Darstellungen des Landhauses bleiben in Erinnerung und projizieren ein gutes Bild vom Tatort. Dem ein oder anderen wird dabei vielleicht auffallen, dass der Autor mit Zitaten nicht geizt. Warum er dies tut, wird im Nachwort nochmal näher erläutert, das auch weitere tiefe Einblicke in die Gedankenwelt Bentleys gewährt. Dieser wiederum widmete sein Werk Gilbert Keith Chesterton, dem er übrigens 1936 als Präsident des elitären und bekannten Detection Clubs nachfolgte. Ihm folgte dreizehn Jahre später Dorothy L. Sayers, welche „Trent’s letzter Fall“ zu ihren Lieblingsromanen und wichtigsten Inspirationen zählte.

Doch zurück zum Krimi selbst und damit dem wichtigsten Punkt: Die Auflösung. Interessanterweise bricht Bentley für diese mit einigen der späteren (nicht immer streng ausgelegten; siehe „Alibi“) Regeln des Detection Clubs, denn er legt nicht alle Indizien offen, welche eigentlich benötigt werden, um als Leser selbst den Fall zu knacken. Er spielt schlicht unfair, was allerdings dem Plot geschuldet ist, der knapp in der Mitte eine Wendung erfährt, mit der so wohl die wenigsten gerechnet haben. Zumindest wenn sie meinem Rat folgen, nicht zuvor den Klappentext zu lesen, der ärgerlicherweise viel zu viel verrät. Ein weiterer Wermutstropfen ist zudem die tatsächlich unheimlich ätzende Liebesgeschichte, die einem irgendwann genauso auf den Keks geht, wie Trents mitunter affektiertes Gehabe.

Was bleibt am Schluss: Immer noch ein durchaus lesenswerter, früher Vertreter des klassischen Detektivromans, den alle Freunde des „Golden Age“ uneingeschränkt genießen dürften – und mit Adleraugen betrachten sollten, legt er doch das Fundament, auf dem Jahre später Agatha Christie und Co. ihre Erfolge bauen werden.

Wertung: 80 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Edmund Clerihew Bentley
  • Titel: Trent’s letzter Fall
  • Originaltitel: Trent’s Last Case
  • Übersetzer: Monika Elwenspoek
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 02/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3596182473

Von Kunst und vom Tod

© Piper

Es ist nun mehr als sechs Jahre her, seitdem ich mich in der kriminellen Gasse das letzte Mal mit Thomas Adcock beschäftigt habe – und mein Wunsch, er möge doch bitte hierzulande endlich wieder (auch als Print-Ausgabe) neu und in angemessener Ausstattung aufgelegt werden, ist bis heute unerfüllt geblieben. In der Hoffnung, dass nicht noch einmal so viel Zeit vergehen wird – und auch von einem gewissen ostwestfälischen Sturkopf geleitet – nutze ich daher an dieser Stelle mal wieder die Gelegenheit, um den New Yorker Autor zumindest etwas in das Scheinwerferlicht zu rücken, das er aufgrund seines Werks eigentlich verdient hat. Dieses hat, anders als das von so namhaften Kollegen wie James Lee Burke oder oder Michael Connelly, nie einen derart großen Eindruck auf dem deutschen Buchmarkt hinterlassen. Seltsamerweise, möchte man behaupten, den wirft man einen näheren Blick auf Adcocks Vita, so muss sich auch er hinter diesen namhaften Konkurrenz kaum verstecken.

Thomas Adcock wuchs zwar in seiner Geburtsstadt Detroit auf, verließ diese jedoch in jungen Jahren um als Polizeireporter und Journalist bis 1978 in Michigan und Minnesota erste Erfahrungen mit dem kreativen Schreiben zu sammeln, bevor es ihn schließlich nach New York zog. Hier arbeitete er einige Zeit in der Werbebranche, schrieb mehrere Hörspiele und Drehbücher für diverse Fernsehserien und veröffentlichte 1984 sein erstes Buch unter eigenem Namen. In „Precinct 19“ schildert er im Format eines Tatsachenberichts den Alltag der Polizei im gleichnamigen Revier in Manhattan. Ein Jahr später folgten schließlich die ersten Krimi-Kurzgeschichten für das „Ellery Queen’s Mystery Magazine“, wobei die Leser in „Christmas Cop“ (1986) erstmals Bekanntschaft mit dem New Yorker Cop Neil „Hock“ Hockaday machen. Der grimmige Ermittler gewinnt schnell die Herzen der Leser, die Geschichte selbst wird sogar für den Edgar Allan Poe Award nominiert, so dass bald weitere mit derselben Figur folgen. Vom Erfolg motiviert legt Adcock 1989 dann „Hell’s Kitchen“ (orig. „Sea of Green“) vor, den ersten Kriminalroman mit Hockaday, dessen irische Abstammung er im Verlauf seiner Serie größere Aufmerksamkeit zollen wird. So auch im vorliegenden zweiten Band der Reihe, „Feuer und Schwefel“, mit dem sich der Autor nicht nur gegenüber dem Vorgänger gesteigert, sondern auch die Auszeichnung mit dem Edgar Allan Poe Award für den besten Taschenbuchkrimi von 1992 wohlverdient hat.

Nach weiteren vier Hockaday-Romanen ist es im Krimi-Genre inzwischen ruhig um Thomas Adcock geworden, der jedoch über seine regelmäßigen, sehr lesenswerten (!) Beiträge im CulturMag den deutschen Lesern zumindest noch ein wenig erhalten blieben ist. Doch natürlich ist es gerade diese besagte New Yorker-Reihe, welche endlich wieder mehr Aufmerksamkeit verdient, zumal ihr Schöpfer zu den wenigen seiner Zunft gehört, die den Balanceakt zwischen dem klassischen Hardboiled und dem Thema des Serienmörders auf hohem literarischen Niveau begeistert. Und ein Serienmörder spielt tatsächlich auch in „Feuer und Schwefel“ eine gewichtige Rolle:

Frühling in New York, Anfang der 90er. Normalerweise eine Jahreszeit, in der sich selbst die Verbrecher eine Auszeit gönnen und das sonst so raue Hell’s Kitchen mit einem beinahe rustikalen Charme aufwartet, der selbst den ein oder anderen Touristen in die Gegend lockt. Für Neil „Hock“ Hockaday, den etwas abgehalfterten Detective von der SCUM-Patrol, ist es vor allem der beste Zeitpunkt, um endlich seinen langersehnten und wohlverdienten Urlaub zu nehmen. Gerade mal ein halbes Jahr ist es her, seit „Hock“ im Fall um den ermordeten Father Love ermittelt und dabei sein Leben aufs Spiel gesetzt hat und Ruhe daher dringend vonnöten. Doch erstens kommt es immer anders und zweitens als man denkt, denn ausgerechnet die Kunst soll seinen Plänen einen Strich durch die Rechnung machen. In diesem Fall verkörpert durch ein meisterhaftes, aber auch grauenerregendes Gemälde, welches die Fassade eines Gebäudes im alten New Yorker Stadtteil Coney Island ziert – und der Feder eines bekannten, aber auch berüchtigten heimischen Malers entstammt, den man auf den Straßen nur unter den Namen „Picasso“ kennt. Der Titel des Gemäldes: „Feuer und Schwefel“.

Ausgerechnet diesen „Picasso“, der in der Vergangenheit u.a. auch für die Gestaltung der Vergnügungsparks auf Coney Island verantwortlich zeichnete, inzwischen sich aber nur noch mit Gelegenheitsjobs und Betteln über Wasser hält, trifft „Hock“ eines Abends, scheinbar zufällig und in erregten Zustand an. Der ehemalige Künstler prahlt unverhohlen mit der Absicht, an denjenigen Rache zu nehmen, die für sein jetziges Leben verantwortlich sind. Notfalls auch mit Gewalt. Der Cop schenkt dem wirren Gefasel des offensichtlich Geistesgestörten keinerlei Beachtung und versucht den Vorfall schnell wieder zu vergessen. Bis er in seiner Lieblingskneipe auf ein Bild „Picassos“ stößt, das eine in grün gekleidete Frau porträtiert – und ausgerechnet diese einige Stunden später an derselben Stätte erschossen wird. Auf einmal häufen sich die Morde im Umfeld „Picassos“ und „Hock“ sieht sich gezwungen, selbst Ermittlungen anzustellen, um hinter das wahre Motiv der Taten zu kommen und dem blutigen Spiel ein Ende zu setzen …

Der versoffene, sture Cop. Die paragraphenreitenden Vorgesetzten. Das heruntergekommene, von Verbrechen und schrägen Typen durchsetzte Milieu. Ja, wenn man „Feuer und Schwefel“ nur einen kurzen, ungenauen Blick schenkt, so erwartet den Leser auch hier ein typischer Hardboiled-Vertreter nach Schema F, der sich vielleicht allenfalls durch den Schauplatz noch von seiner Konkurrenz unterscheidet und ansonsten gewohnte Kost bietet. Und es wäre dann am Ende genau dieser Oberflächlichkeit, mit dem er sich selbst einen Bärendienst erweisen würde, denn gerade in der Reihe vom Neil „Hock“ Hockaday steckt soviel zwischen den Zeilen, so viel Herz und Seele seitens des Autors, das man mit der obigen Einschätzung nicht weiter daneben liegen könnte. Adcocks Vergangenheit als Journalist, sie erweist sich bei der Konzeption dieser Reihe als echter Segen, schwitzen seine Krimis doch geradezu nur vor Atmosphäre und Authentizität, da hier eben kein Autor irgendwo im sonnigen Hawaii zum Stift gegriffen, sondern von der Welt direkt vor der Haustür berichtet hat. „Hocks“ Schrullen sind mitnichten irgendwelchen künstlerischen Einfällen ihres Erfinders geschuldet, sondern logische Begleiterscheinungen seines Umfelds und letztlich auch die Erkenntnisse aus Adcocks eigenen Beobachtungen als Polizeireporter.

Wie schon Michael Connelly, so gelingt es auch Thomas Adcock meisterhaft, diese Barriere zwischen Fiktion und Realität zu überwinden, persönliche Erfahrungen seiner Arbeit mit einfließen zu lassen, um den Leser nach und nach in das echte New York, das echte Hell’s Kitchen hineinzuziehen. In „Feuer und Schwefel“ präsentiert sich dies nicht mehr so sehr als kalter und ungemütlicher Ort wie im ersten Band – hier hat man beim Lesen unwillkürlich bibbernd den Rollkragen hochklappen wollen – sondern tatsächlich von seiner frühlingshaften Seite. Diese jahreszeitbedingte Hochstimmung schwappt sowohl auf uns als auch auf „Hock“ über, zumindest bis er immer tiefer in das abgründige Wirken des mysteriösen Maler hineingezogen wird. Und sich beharrlich weigert, sich ab sofort etwas anderem zu widmen. Wie ein Terrier beißt er sich an dem Fall und den Fersen der Verdächtigen fest, entwirrt mit scheinbar engelsgleicher Geduld nach und nach die Umstände und Hintergründe der Morde.

Adcock vermeidet es dabei, sich der üblichen Serienmörder-Elemente zu bedienen, so dass sich das Gesamtprodukt weit eher wie ein Police Procedural mit Hardboiled-Einschlag liest. Im Gegensatz zum Auftakt der Reihe fährt er zudem den Brutalitätsgrad etwas zurück, was vielleicht auch daran liegt, dass „Hock“ diesmal die wunderschöne Ruby zur Seite steht, welche nach seiner gescheiterten Ehe einen neuen Lichtblick im doch arg tristen Junggesellendasein darstellt. Dies scheint sich gleichzeitig auf seine Gewohnheiten auszuwirken, denn der einst einsame Wolf raucht und säuft nicht mehr annähernd soviel wie noch in „Hell’s Kitchen“. Ob dies jedoch so bleibt – der Ausgang des Romans macht dies mehr als fraglich. Bis zu diesem Ende liest sich auch der zweite Auftritt des New Yorker Cops wie aus einem Guss und – nicht unwichtig für dieses Genre – bleibt vor allem durchgehend spannend.

Im Dunstkreis von John Rebus, Harry Bosch und Dave Robicheaux dürfte auch Neil Hockaday in Deutschland sicher seine Leser finde – eine längst fällige Wiederveröffentlichung vorausgesetzt. Mit „Feuer und Schwefel“ kann sich Adcock nicht nur nochmal steigern, er bereitet auch den Boden für den dritten Band „Ertränkt alle Hunde“, der, über die Grenzen des Genres hinaus, zum Besten gehört, was über den andauernden Konflikt in Irland bis dato veröffentlicht worden ist. Doch dazu mehr an anderer Stelle.

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Thomas Adcock
  • Titel: Feuer und Schwefel
  • Originaltitel: Dark Maze
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 01.1998
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 348
  • ISBN: Serien978-3492256759

Sarah Jane – das Rätsel des Menschseins

© Liebeskind

Sarah Jane Pullman arbeitet als Polizistin in Farr, einem kleinen Kaff inmitten der USA. Als eines Tages ihr Chef und Förderer Cal Phillips verschwindet, beginnt nicht nur eine aufreibende Suche, sondern auch eine intensive Reise in Sarah Janes Vergangenheit. So entsteht eine Mischung aus Reflektion und Beichte, angefertigt von Sarah Jane selbst für ihren Freund Sid.

Sarah Jane erzählt von einer Mutter, die abzutauchen zur Profession gemacht hat, einem Vater der sich zu kümmern versucht, aber überfordert vom Leben ist, , vom Abrutschen in die Kriminalität, dem bedrohlichen Spiel mit Drogen, der Rettung durch den Eintritt in die Armee – statt ins Gefängnis einzufahren. Und immer wieder von Männern: Freundlichen, unzuverlässigen, verzweifelten und toxischen. Die Beziehung zu einem gewalttätigen Polizisten führt zu einem ebensolchen Ende. Mit Sarah Jane als Überlebender.

Das wird sie Jahre später einholen, gerade als sie als Interims-Polizeichefin das mysteriöse Verschwinden ihres Chefs und wohlmeinenden Beistandes Cal untersucht. Dessen Abwesenheit eng mit Sarah Janes Biographie zusammenhängt.

James Sallis gelingt es wieder auf rund 200 Seiten ein kleines Universum zu erschaffen. „Er konnte den Peloponnesischen Krieg in einem Satz zusammenfassen“, heißt es an einer Stelle. Das trifft auch auf den Autor zu. Sallis gelingen Lebensabrisse in wenigen Sätzen, selbst bei Figuren, die nur am Rande auftauchen. Die ewig suchende, herumirrende Sarah Jane, die erst spät einen Moment der Sicherheit erfährt, gerät ungleich komplexer. Sallis beherrscht die Kunst der Komprimierung. Zugleich poetisch und treffgenau gibt er seinen Lesern Raum, das brennende Unausgesprochene zu füllen und den Text weiterzuentwickeln.

Bloße Ermittlungsarbeit und stereotype Spannungsentwürfe spielen dabei kaum eine Rolle. Spannend ist die Sicht Sarah Janes aufs Leben, auf Möglichkeiten, Verweigerungen, verpasste Chancen und die ewig lauernde Unbehaustheit. Die menschliche Existenz als Monster, das sich selbst verspeist.

Alle Geschichten sind Geistergeschichten, über verlorene Dinge, verlorene Menschen, Erinnerungen, Heimat, Leidenschaft, Jugend, über Dinge, die darum ringen, von den Lebenden gesehen und anerkannt zu werden.


Sätze wie Grabinschriften, die haften bleiben, die einen Sog erzeugen, der mitreißt, wenn man Sarah Jane auf ihren verschlungenen Pfaden folgt. Präsentiert mit einer liebevollen Ernsthaftigkeit, die weit entfernt ist von Zynismus oder einem ironischen Gestus, der das Geschriebene zur beiläufigen Banalität degradiert. Ein großartiges, eindringliches Buch, der beste Begleiter durch eine Nacht, die Sarah Jane selbst heraufbeschwört.

einschuss2

Wertung: 90 von 100 Treffern

  • Autor: James Sallis
  • Titel: Sarah Jane
  • Originaltitel: Sarah Jane
  • Übersetzer: Kathrin Bielfeldt, Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 08.2021
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 216 
  • ISBN: 978-3954381371

 

Der lange Arm der Vergangenheit

© Grafit

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei – oder etwa nicht? Nach den beiden überzeugenden Vorgängern „Franzosenliebchen“ und „Goldfasan“ legte Jan Zweyer im Jahr 2011 den Abschluss seiner Ruhrgebiets-Trilogie rund um den Polizisten Peter Goldstein vor. „Persilschein“ führt den Leser in die direkte Nachkriegszeit – und natürlich erneut in die Gegend rund um Herne und Wanne-Eickel.

Anders als in den beiden ersten beiden Bänden wird dieser regionale Bezug jedoch diesmal weit stärker betont bzw. konzentriert sich Zweyer viel mehr auf das Milieu rund um Goldstein, der inzwischen wieder seinen richtigen Namen „Golsten“ angenommen hat. Das mag besonders Kenner der Szenerie entgegenkommen, geht meines Erachtens allerdings nun etwas auf Kosten der historischen Akkuratesse. Mehr noch: Lebten „Franzosenliebchen“ und „Goldstein“ noch in großem Maße von den kohärenten und vor allem atmosphärisch dichten Kriminalfällen, so hat der Autor im vorliegenden Roman sichtbar Mühe, seinen roten Faden in den geschichtlichen Kontext zu weben. So hat zwar auch diesmal Jan Zweyer äußerst sorgfältig seine Recherchen betrieben, es aber nicht geschafft, diese sinnvoll und vor allem unauffällig zu verarbeiten. Bei einem anderen Rezensenten fiel gar die Redensart „Mit heißer Nadel gestrickt“. Und ja, so ganz lässt sich das bei „Persilschein“ nicht von der Hand weisen. Eine letztlich vertane Chance, bietet doch die Ausgangssituation der Handlung und auch ihr Personal durchaus genug Potenzial für einen entsprechenden Spannungsbogen.

Ihren Anfang nimmt sie im September des Jahres 1950, im Stadtteil Hordel in Bochum. Hier wird in einem Hinterhof die Leiche eines Mannes gefunden. Offensichtlich wurde ihm die Kehle durchgeschnitten. Peter Goldstein bzw. Golsten, immer noch Kommissar der hiesigen Mordkommission, übernimmt den Fall und führt auf die ihm eigene Art und Weise Ermittlungen durch. Schon bald stellt sich heraus, dass der Tote ein gut durchorganisiertes Doppelleben geführt hat. Doch wer war er wirklich? Goldstein kommt bei seinen Nachforschungen nur schleppend voran, zumal seine Kollegen ganz eigene Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit haben – und er aufgrund seiner eigenen opportunistischen Vergangenheit stets darauf bedacht sein muss, nicht dem Falschen auf die Füße zu treten. Als er endlich mehr über die wahre Identität des Toten herausfinden kann und dann auch noch einen Tatverdächtigen ins Visier nimmt, überschlagen sich die Ereignisse. Bevor dieser überhaupt zur Vernehmung in Haft genommen werden kann, begeht er Selbstmord. Ein weiterer wichtiger Zeuge wird angeschossen und kämpft fortan um sein Leben. Irgendjemand scheint sämtliche lose Enden kappen zu wollen. Goldstein fragt sich, wem er noch trauen kann …

Die Zeiten haben sich geändert – und dann doch auch wieder nicht. So der erste Eindruck, den wir von der jungen Bundesrepublik Deutschland fünf Jahre nach Ende des Krieges bekommen. Und wie man weiß – und gerne von den heutigen Ewig Gestrigen verdrängt wird – ist Jan Zweyer zumindest diese Einführung historisch tatsächlich korrekt gelungen, denn, von den Errungenschaften des späteren Wirtschaftswunders fast verdrängt, waren die 50er vor allem eine von der Vergangenheitsbewältigung und Vergangenheitsverdrängung geprägte Epoche. Zwar war für die Alliierten mit dem Dritten Reich der eigentliche Feind besiegt, aber mit der Entwicklung im Osten erwuchs bereits der nächste, diesmal im stalinistisch-kommunistischen Gewand, heran. Insbesondere den ehemaligen Siegermächten im Westen war daran gelegen, die Bundesrepublik möglichst schnell als verlässlichen Partner innerhalb der NATO zu etablieren und daher von vorneherein auch die notwendigen staatlichen Strukturen zu schaffen. Eine herausfordernde Aufgabe, musste man dabei doch auf viele derjenigen zurückgreifen, die unter dem nationalsozialistischen Regime ebenfalls zu Macht und Einfluss gekommen waren. Entnazifizierung, Demokratisierung und Entmilitarisierung sind daher die Schlagwörter der Stunde.

Und, wie Zweyer sehr gut herausarbeitet, vor allem leere Worthülsen, denn es gibt viele Mittel und Wege um zu einer offiziell bescheinigten Rehabilitation zu kommen. Einflussreiche Industrielle wie der Kaufhausbesitzer Wieland Trasse nutzen ihre Kontakte und finanziellen Mittel um ihre schmutzige Weste zumindest so rein zu waschen, dass sie mit einer weiteren strafrechtlichen Verfolgung nicht mehr rechnen müssen. Trasse, aber auch Saborski, Goldsteins unmittelbarer Vorgesetzter, begleiten den Leser seit dem ersten Band und werden vom Autor in ihrer Entwicklung auch weiterhin konsequent gezeichnet. Hatten sie sich beide im Krieg noch an ehemaligen jüdischen Besitztümern bereichert und ihre Kontakte zur SS als Karrieresprungbrett genutzt, ist aus der Interessengemeinschaft jetzt so etwas wie eine Abhängigkeit geworden. Ihre bröckelnde Allianz steht ein wenig im Zentrum des Plots, denn Goldstein selbst, immer noch naiv und gutgläubig, sieht einmal mehr die Gefahr nicht kommen und wird so zum Spielball anderer.

Während diese notfalls über Leichen gehen, um an einen der begehrten „Persilscheine“ zu kommen oder zumindest sich und ihr Hab und Gut über die später als Rattenlinie bezeichnete Fluchtroute nach Südamerika zu bringen, sieht Goldstein weder den größeren Zusammenhang des Falls, noch die Seilschaften dahinter, welche auch ihm gefährlich werden könnten. Auch hier bleibt Zweyer der Figur treu – tut dies jedoch eindeutig auf Kosten des Spannungsmoments. Nicht nur ist relativ früh klar, wer hinter den Morden steckt und wie sie motiviert sind – Geschichtskenner ahnen sicher auch, dass die Chancen für ein Happy-End eher schlecht stehen. Wie so oft ist das Vitamin B entscheidend. Und was das angeht hat der Hauptprotagonist von Beginn an schlechte Karten, der zwar immerhin ein schlechtes Gewissen mit sich herumschleppt, aber innerhalb der Behörde weitestgehend isoliert ist, weil er eben keine größeren Ambitionen in sich trägt und strikt nach Protokoll handelt. Das seine Kollegen ihren Beruf nicht ebenso ausüben oder gar für Korruption empfänglich sind, dafür fehlt Goldstein schlicht die Vorstellungskraft. Und das trotz seiner Erfahrungen aus der Zeit unter Adolf Hitler.

Zweyer malt in seinem Finale ein ziemlich tristes und düsteres Bild der frühen Bundesrepublik, das diesen Farbton eher weniger aufgrund des Schauplatzes Ruhrgebiet aufweist, sondern vielmehr wegen der bitteren Erkenntnis, das auch der heutige Staat auf einem Fundament aus vielen Anti-Demokraten aufbauen musste. Die Mitläufer und Mitwisser, aber auch die Verbrecher und Täter der Nazi-Zeit – sie waren nicht mit dem Ende des Krieges einfach verschwunden, sondern in diesen Gründerjahren der Republik weiterhin gut und bis in oberste politische Ämter vernetzt. Inwieweit diese im Roman so offensichtliche Tatsache auch zur damaligen Zeit von der Gesellschaft insgesamt wirklich wahr genommen worden ist, darüber lässt sich sicherlich diskutieren. Goldstein wird in jedem Fall zur Symbolfigur für all diejenigen, welche es nicht gesehen haben – und am Ende vielleicht nicht sehen wollten, um auch für sich persönlich einen Schlussstrich ziehen zu können.Aber manchmal, auch das muss der Leser und mancher der Nazi-Verbrecher in der Realität dann erfahren, reicht der Arm der Vergangenheit doch weit.

So ist die Lektüre von „Persilschein“ in erster Linie vor allem für diejenigen interessant, welche ein regionales Interesse mitbringen bzw. einen leichten Zugang zu dieser Ära der deutschen Geschichte suchen und in Punkto ausgeklügelter Spannung bereit sind, Abstriche zu leisten, kommt doch dieser inhaltlich konsequente Abschluss der Trilogie leider an vielen Stellen etwas zu konstruiert und bemüht daher, um tatsächlich für Kurzweil oder gar Überraschungen zu sorgen.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Jan Zweyer
  • Titel: Persilschein
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Grafit
  • Erschienen: 10.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3894256159

Krieg der Lügen

© Kampa

Es gibt sie immer noch – diejenigen, welche als Grenzschützer die vermeintlichen Übergänge zwischen den Genres überwachen, peinlich genau darauf achten, dass sich das sogenannte Triviale nicht mit der Hochliteratur vermischt, bloß keine Brücken zwischen Niveau und Unterhaltung geschlagen werden.

Sie merken nicht, dass sie die Entwicklungen der letzten Jahre, ja Jahrzehnte vollkommen verschlafen haben, wir nicht mehr länger in diesen Kategorien urteilen und Maß nehmen können, da sich das einstmals Ausschließende inzwischen längst vereinigt hat – vorangetrieben von Autoren, die diese willkürlich gesetzten roten Linien einfach nicht als solche wahrgenommen oder mittels der künstlerischen Freiheit überwunden haben. Und während es einige Schriftsteller gab, wie zum Beispiel Graham Greene, wo dies bereits zu früheren Zeiten akzeptiert worden ist, muss sich der ein oder andere heute weiterhin zu diesem Eiertanz zwischen klassischer Belletristik und Spannungsroman auffordern lassen. Zu ihnen gehört auch William Boyd, dessen Roman „Ruhelos“ man vor einigen Jahren in den Buchhandlungen in verschiedenen Abteilungen finden, leider aber sich in keiner davon augenscheinlich einen dauerhaften Platz erobern konnte.

Das ist weiterhin bedauernswert, zumal gerade „Ruhelos“ bei der damaligen Veröffentlichung hierzulande größere Aufmerksamkeit bekommen hat, welche einen Durchbruch in Deutschland erhoffen ließ. Boyd aber bleibt bis heute, unverständlicherweise, ein Geheimtipp. Und während das Lebenswerk des kürzlichen verstorbenen John Le Carré allenthalben gefeiert und nochmal ins Scheinwerferlicht gerückt wird, muss daher wohl die kriminelle Gasse für den schottischen Autor, der aktuell wieder beim tollen Kampa-Verlag neu aufgelegt wird, Schützenhilfe leisten. Mit Freuden wohlgemerkt, denn Boyd ist hier ein Spionageroman klassischer Schule gelungen, der sowohl sprachlich als auch in seinem Aufbau zu überzeugen weiß und dem Leser nebenbei noch eine Geschichte kredenzt, die gleich mehrere Ebenen aufweist – und sich mitunter äußerst beklemmend liest.

Ihren Anfang nimmt sie im England des Jahres 1976, genauer gesagt im beschaulichen Oxford. Die Bevölkerung der Universitätsstadt leidet unter einem ungewöhnlich heißen Sommer. Unter ihnen auch die allein erziehende Sprachlehrerin Ruth Gilmartin mit ihrem Sohn Jochen, welche sich nicht nur aufgrund der Hitze zunehmend Sorgen um die Gesundheit ihrer alten Mutter Sally macht. Diese sitzt nach einem Hausunfall mittlerweile im Rollstuhl und sucht in letzter Zeit vermehrt und äußerst nervös den angrenzenden Waldrand mit dem Fernglas ab. Ihr Haus verlässt sie selbst kaum noch, Telefonanrufe nimmt sie nur nach einen vorher vereinbarten Klingelzeichen ab. Was Ruth anfangs für den Beginn von Altersdemenz hält, hat jedoch viel tiefer gehende Gründe. Und eines Tages kommt seitens Sally zu einer überraschenden Eröffnung: In Wirklichkeit heißt sie nicht Sally sondern Eva Delektorskaja und war früher für viele Jahre als Spionin für den britischen Geheimdienst tätig. Und genau deswegen, bangt sie nun um ihr Leben …

Was klingt wie mit ziemlich heißer Nadel gestrickt und anfangs noch vielleicht den oder anderen Zweifel aufgrund der Ausgangskonstellation beim Leser erweckt, entfaltet zwischen denn Buchdeckeln aber tatsächlich nach wenigen Seiten (wie so oft bei Boyd) eine schon fast unheimliche Sogwirkung, verlieren wir uns in den zeitgeschichtlichen Ereignissen, die vom Autor in zwei Handlungsstränge aufgeteilt werden, deren Auswirkungen wiederum bis in das Heute spürbar sind. Der Hauptstrang führt uns zurück in das Jahr 1939, genauer nach Paris, wo die russische Emigrantin Eva nach dem Tod ihres Bruders durch die Nazis, von dem mysteriösen Lucas Romer für den britischen Geheimdienst angeworben wird. Es folgt eine intensive Ausbildung in Schottland mit anschließenden Einsätzen in Belgien, England und vor allem in den USA. Das Ziel der geheimen Unterabteilung des British Secret Service: Falschmeldungen zu lancieren, welche die Vereinigten Staaten von Amerika zum Eintritt in den Krieg bewegen sollen. Und dafür ist den Engländern, die ab 1940 die letzte Bastion gegen Hitlers Armeen bilden und sich in einer verzweifelten Lage befinden, beinahe jedes zur Verfügung stehende Mittel recht.

Selbst wer sich grundsätzlich eher wenig für die militärhistorischen Konstellationen vor Pearl Harbour interessiert, wird sich dank Boyds zielsicherer, feinfühliger Schreibe, dem sich zuspitzenden Plot und der facettenreichen Figur Eva und ihren Erlebnissen nur schwerlich entziehen können. Der Autor profitiert dabei von seiner Besetzung, denn in einem Milieu der Geheimdienste, wo man mit erfundenen Geschichten, Falschmeldungen und bewusst konstruierten Fährten die Weltgeschichte in die jeweils gewünschte Richtung lenken will, fällt eine Lüge mehr oder weniger nicht auf, verschwimmen die sonst deutlicher getrennten zwischen Fiktion und historischer Realität. Es ist ein heikles Spiel, welches Boyd hier schildert und das vor allem von Taktik geprägt ist, weswegen sich „Ruhelos“, im Kontrast zum Titel, immer wieder Zeit nimmt, um ausführlich zu erzählen, was in Zeiten geradlinig durchkomponierter und mit Action vollgestopfter Thriller schnell auf Ungeduld stoßen dürfte. Gerade an die Geduld möchte ich aber appellieren, sind doch diese behäbigeren Passagen nur das Luftholen, nur der minutiös geplante Aufbau für eine ganze Reihe von Eröffnungen, die mehr als nur eine Überraschung in sich birgen.

Das einzige Manko: Bis dahin müssen wir auch immer wieder in die 70er Jahre zurückwechseln, wo sich die Ich-Erzählerin Ruth nicht nur mit wachsender Faszination durch die schriftlichen Dossiers ihrer Mutter arbeitet, sondern über Umwege auch noch in den Dunstkreis der Baader-Meinhof-Gruppe gerät. Wie und warum, das sei hier nicht näher geschildert, verkommt doch dieser nicht weiter ausgearbeitete Handlungsstrang zu einem Sturm im Wasserglas, nachdem man sich umso mehr auf Evas Erzählungen aus ihrem „ruhelosen“ Leben freut. Gerade das geschilderte Doppel- und Dreifachspiel der Agenten, die gezielten Seitenhiebe auf die Macht der Medien und der psychologische Unterbau samt der finalen Auflösung, sorgen dafür, dass man nicht nur hochklassig und kurzweilig unterhalten wird, sondern am Ende auch der festen Überzeugung ist, einen völlig neuen und anderen Einblick in das Leben dieser Epoche erhalten zu haben.

So ist „Ruhelos“ schließlich eine auf- und anregende Lektüre, die trotz einiger, unübersehbarer Schwächen den wehrlosen Leser in seinen Bann zu Ziehen vermag und nebenbei noch eine Lanze für das zuweilen abschätzig betrachte Genre des Spionage-Thrillers bricht. Ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen feindlichen Agenten kann sehr wohl spannend, literarisch und tiefgründig zugleich sein. Dieses Buch beweist es.

Wertung: 92 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: William Boyd
  • Titel: Ruhelos
  • Originaltitel: Restless
  • Übersetzer: Chris Hirte
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 03.2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3311100058

Hit the Road, Jack!

© Eichborn

„Ich suche Elmore Leonard.“
„Elmore wer?“
„Na, Elmore Leonard. „Schnappt Shorty“, „Out of Sight“ und „Jackie Brown“ basieren auf seinen Büchern.“ „Ach, der.“

Zugegebenermaßen ein fiktiver Dialog, der jedoch möglicherweise mal im Umfeld einer Buchhandlung so stattgefunden haben könnte, denn, wie Horst Eckert in Bezug auf Elmore Leonard äußerst treffend in dessen Kurzbiographie auf der Krimi-Couch bemerkt:

Seine Bücher stehen im Schatten ihrer Verfilmungen. Sie gelten bei uns als Insidertipps, und das in einem Land, dessen Krimileser doch traditionell nach Amerika schielen.“

Bei eben dieser Klientel wagte der Eichborn Verlag vor mehr als zehn Jahren mit Leonards (bisher) vorletzten Roman „Road Dogs“ nochmals einen neuen Versuch. Und „wagen“ ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen, da es dieses Werk, trotz einer sehr gelungenen Übersetzung durch die Damen Conny Lösch und Kirsten Riesselmann, inmitten des tristen Mainstream-Wühltischs aus depressiven Forensikern, romantischen FBI-Ermittlern und schlachtenden Serienkillern auf dem deutschen Büchermarkt wieder schwer haben wird.

Kurz zur Geschichte: Jack Foley (George Clooney spielte seine Rolle in Steven Soderberghs Verfilmung des Vorgängerromans „Zuckerschnute / Out of Sight“) ist ein cooler Bankräuber. Und ein schwer zu bekehrender dazu. Das FBI vermutet, dass an die zweihundert, stets unbewaffnete Überfälle auf sein Konto gehen. Foley selbst hat ein paar weniger gezählt. Im Knast, in den er dank der (oder des?) zielsicheren US-Marshall Karen Sisco wieder gewandert ist, zollen ihm selbst die Schwerverbrecher Respekt. Man ist ein wenig stolz auf die Bekanntschaft mit einen Mann, der mehr Banken geknackt als John Dillinger oder William „Willie“ Sutton. Von dieser Prominenz profitiert auch der Exil-Kubaner Cundo Rey, der hinter Gittern zu Foleys bestem Kumpel wird. Sie passen aufeinander auf, halten sich den Rücken frei – werden „Road Dogs“. Cundo, der nicht mehr lange einsitzen muss, will Foley zu einer drastischen Strafminderung verhelfen. Da er selbst, dank der geschickten Arbeit seines Verwalters „Monk“, mit Immobilien ein Vermögen gescheffelt hat, bezahlt er eine erstklassige Anwältin, welche Foleys dreißigjährige Haftstrafe kurzerhand auf ebenso viele Monate runterkürzt, so dass dieser sogar noch vor Cundo ungesiebte Luft atmen kann.

So schön die Freiheit nun ist, Foley hat kein gutes Gefühl. Er schuldet Cundo einen ganzen Batzen Geld und fühlt sich diesem verpflichtet. Wie soll er die Kohle auftreiben? Wieder eine Bank ausrauben? Was für ihn früher ein Leichtes war, wird nun durch die Tatsache erschwert, dass der übereifrige FBI-Agent Lou Adams seine ganze berufliche Karriere aufs Spiel setzt, um Foley beim nächsten Mal auf frischer Tat zu ertappen. Der Mann, der sich schon als neuer Melvin Purvis sieht, plant sogar ein Buch über die Verhaftung des „netten Bankräubers“. Dieser taucht erst einmal in einer von Cundos Villen in Venice Beach unter, wo dessen attraktive Frau Dawn Navarro bereits auf ihn wartet. Sie hat die letzten Jahre für ihren Mann vorgeblich wie eine Heilige gelebt und steigt jetzt sogleich mit Foley in die Kiste. Auf die Chance, ihren Gatten um sein Geld zu erleichtern, hat sie lange hingearbeitet. Und wer könnte ihr da besser helfen als ein trickreicher Bankräuber? Foley, der nicht weiß, wem er trauen kann, ist gefangen zwischen den weiblichen Reizen Dawns und seiner Schuld bei Cundo. Während jeder den anderen übers Ohr zu hauen versucht und nichts so ist wie es scheint, muss Foley einen Weg finden, um Heil aus dem Ganzen herauszukommen …

Ein klassischer Leonard: lakonisch, schnell, voll herrlicher Dialoge und überraschend bis zur letzten Seite. Große Unterhaltung mit Soul.

Wieso sich als Rezensent große Mühe machen, wenn die Werbung des Eichborn-Verlags im Klappentext bereits ein treffendes Urteil abgibt? Elmore Leonard, der im Jahr 2013 gestorben und in seiner langen, nicht selten schwierigen Karriere als Autor von Westernheften und später Gaunerkomödien unter anderem mit drei Edgar Allan Poe Awards und einem Grand Master Award ausgezeichnet worden ist, bleibt sich auch mit „Road Dogs“ treu. Und auch wenn er seinen amerikanischen Kultstatus nie gänzlich auf Europa übertragen konnte, so schimmern doch zwischen den Zeilen immer die Gründe hervor, warum er ihn überhaupt erhalten hat.

Fakt ist: Ob es auf dem Cover draufstehen würde oder nicht, einen Leonard erkennt man sofort. Hier sitzt jedes Wort am richtigen Platz, sind die Dialoge geschliffen wie die schärfsten Messer. Da ist kein Satz zu viel, ist jede Zeile im Einklang mit dem Rhythmus. Egal, welche Wege der Autor in seinem Plot einschlägt, stets beherrscht sein trockener Humor die Szenerie, überzeugen die Bilder mit einer Lässigkeit und Coolness, welche man woanders vergebens sucht. Während andere Schriftsteller die Gänge durchjagen, das Gaspedal ihrer Story auf Vollgas durchtreten, bedeutet die Lektüre eines Leonards chilliges und geradliniges Cruisen. Der rote Faden ist hier so gerade wie ein amerikanischer Highway, sein Sound einmalig. Diesem gerecht zu werden, ihn richtig zu treffen, bedeutet für die Übersetzer Schwerstarbeit. Leonards unverwechselbaren Klang, seine Vorliebe für knappe, lakonische Dialoggewitter kann man nur mühsam und unzulänglich ins Deutsche übertragen. Vielleicht ein Grund, warum der amerikanische Autor hierzulande bisher nur so wenige Leser gefunden hat.

An den Plots selbst kann es jedenfalls nicht liegen, denn wie Leonard in ein auf den ersten Blick so triviales Handlungsgerüst derart viel Tiefgang hineinpackt, dass muss zwangsläufig beeindrucken. Mal leicht und spritzig, mal boshaft und brutal. Der Autor balanciert stets mit unbekümmerter Leichtigkeit auf dem dünnen Seil, zieht dessen Fäden erst gegen Ende zusammen, das zwar nicht mit den Twists und Turns heutiger Thriller aufwartet, aber dennoch immer die ein oder andere Überraschung bereithält. Bis dahin lebt der Krimi vom Zusammenspiel der Figuren, in diesem Fall von Foley, Cundo und Dawn, deren verstrickte Dreiecksbeziehung an eine Pokerpartie gemahnt, bei der die Blätter auf der Hand auch für den Beobachter allesamt verdeckt bleiben. Es wird getäuscht, geblufft, gereizt und letztlich auch verzockt, während der Leser zwischen den vielen Andeutungen und Unklarheiten die wahren Absichten zu entdecken versucht. Es bleibt bei einem Versuch, denn Leonard schreibt mit traumwandlerischer Sicherheit und entpuppt sich in den eigenen eng gesteckten Grenzen als Meister seines Fachs.

Vom Moralisieren hält Leonard auch in „Road Dogs“ nichts. Die tragenden Säulen der Geschichte stammen zwar aus unterschiedlichen Milieus, sind jedoch, jeder auf ihre Weise, kriminell. Selbst FBI-Agent Lou Adams vermag die Rolle des „Guten“ nicht auszufüllen, da er in seiner verbissenen Jagd auf Foley das normale Maß der Gesetzesvollstreckung bereits weit überschritten hat. Genau diese genaue Schilderung, diese präzise gezeichneten Individuen (eine Femme Fatale darf natürlich auch nicht fehlen), machen Leonards Bücher aber auch immer so besonders. Er gewährt einen detaillierten Einblick in einen Grenzbereich der Gesellschaft, wo Kleinkriminelle, Spitzel, Starlets oder Prostituierte ihr Leben fristen und der (zumindest in den meisten Fällen) weit weg von den alltäglichen Erfahrungen des Lesers liegt.

Elmore Leonards „Road Dogs“ ist dynamischer und bitterer Pulp mit einem Schuss Erotik und sommerlichem Kalifornien-Flair. Eine klassisch-elegante Geschichte, die schnurrt wie ein Kätzchen. Und die mag ja bekanntlich auch nicht jeder.

Wertung: 84 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Elmore Leonard
  • Titel: Road Dogs
  • Originaltitel: Road Dogs
  • Übersetzer: Conny Lösch, Kirsten Riesselmann
  • Verlag: Eichborn
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3821861197

Nobody’s hands are clean

© Goldmann

Obwohl der amerikanische Autor Joseph Kanon bereits im Jahr 1998 mit dem Edgar Allan Poe Award für das beste Romandebüt ausgezeichnet wurde („Die Tage von Los Alamos“), einen größeren Namen konnte er sich hierzulande trotz diverser weiterer Veröffentlichungen (übrigens zumeist mit Bezug zu unserer Hauptstadt Berlin) nicht machen, was vielleicht aber auch dem damaligen Zeitgeist geschuldet sein könnte.

Inzwischen sind, vor allem dank solcher Schriftsteller wie Volker Kutscher, historische Kriminalromane mehr und mehr gefragt, scheint die Auswahl an Titeln – mal von mehr, mal von weniger Qualität – welche sich mit der Weimarer Republik, dem Dritten Reich, aber auch dem Beginn des Kalten Kriegs und dem Leben zwischen den Blöcken beschäftigen, jährlich in die Höhe zu schnellen. Ein Trend, von dem viele Newcomer profitieren und der jetzt auch zum Anlass genommen sei, um auch Kanon die wohlverdiente Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen – denn soviel sei vorab gesagt, im Vergleich zu einem Großteil der doch oft im Hinblick auf die geschichtliche Recherche äußerst oberflächlich zusammengeschusterten Werken der Konkurrenz, hat der jahrelange Leiter der Verlage Houghton Mifflin und E. P. Dutton seine Aufgaben äußerst beeindruckend gemacht. Bestes Beispiel dafür ist der vorliegende Roman „The Good German“ (verfilmt von Steven Soderbergh mit u.a. George Clooney und Cate Blanchett in den Hauptrollen), welches den Leser zurück in das vom Krieg versehrte Berlin des Jahres 1945, genauer gesagt die Monate Juli und August führt.

Berlin, Deutschland, wenige Wochen nach der Kapitulation. Die in vier Zonen aufgeteilte Stadt besteht vielerorts nur noch aus Ruinen, in den immer noch täglich Leichen geborgen werden und Trümmerfrauen damit beschäftigt sind, zumindest die Zugänge zu den Häuserresten und die Straßen frei zu räumen. Genau in diese Zeit fällt nun die Potsdamer Konferenz, anlässlich der auch der amerikanische Journalist Jake Geismar nach Berlin zurückreist, um genau darüber zu berichten. Was seine Auftraggeber nicht ahnen – die Konferenz ist für Geismar nur der offizielle Vorwand, denn in erster Linie gilt seine Rückkehr (er lebte schon zuvor einige Jahre in der Stadt) seiner damaligen Geliebten Lena Brandt, die er mitten im Krieg verlassen musste. Ihr Verbleib ist ihm seitdem unbekannt und er hofft sehnlichst auf ein Wiedersehen. Dafür nimmt er vor Ort angekommen auch gewisse Risiken im Kauf, sucht gar die Bereiche Berlins auf, die unter sowjetischer Kontrolle stehen und von deren Besuch ihm die Kollegen eindringlich abraten. Lena bleibt aber verschwunden. Stattdessen sieht sich Geismar aber bald mit einem anderen Rätsel konfrontiert.

Als er sich mittels eines Tricks beim ersten historischen Treffen der Siegermächte im Potsdamer Schloss Cecilienhof einschleusen kann, wird er unwillentlich Zeuge von der Entdeckung einer angespülten Leiche im Uferschlamm des Heiligen Sees. Bei dem Toten handelt es sich zu seiner Überraschung um einen jungen amerikanischen Soldaten. Wie kommt er soweit in die russische Besatzungszone? Wieso sind seine Taschen randvoll mit Besatzungsmark gefüllt? Und wieso ist er überhaupt getötet worden? Jakes Neugier ist geweckt und steigert sich noch zusätzlich, als sowohl Befehlsträger der US-Armee und auch der Sowjets nichts unversucht lassen, diesen Vorfall unter den Teppich zu kehren. Da hier eindeutig eine Story lauert, betreibt Jake Geismar auf eigene Faust weitere Nachforschungen, während er gleichzeitig weiterhin Ausschau nach Lena hält. Schon nach kurzer Zeit wird ihm klar, dass beide seine Ziele eine Verbindung haben – und seine Ermittlungen nicht nur sich, sondern vor allem auch seine große Liebe in Gefahr bringen …

Bereits der Klappentext (und auch das Cover der Filmausgabe) deutet an, dass die Liebesbeziehung zwischen Jake Geismar und Lena Brandt im Mittelpunkt dieser Geschichte steht. Und ja, Joseph Kanon legt tatsächlich ein besonderes Augenmerk auf das Schicksal der beiden, die sich den veränderten Gegebenheiten nur schwer anpassen und insbesondere bei dem Thema persönliche Schuld nicht auf einen gemeinsamen Standpunkt einigen können. Eine Frage, die direkt nach dem Krieg vor allem auf deutscher Seite eigentlich niemand näher erörtern und stattdessen meist ein jeder lieber die Vergangenheit vergessen will.

Keine einfache Aufgabe in einem Land, das selbst über den organisierten Massenmord in den Konzentrations- und Arbeitslagern wie Dora-Mittelbau pflichtbewusst Buch geführt hat. Unterlagen, die nun in den Händen der Alliierten sind und als Grundlage für die so genannte Entnazifizierung dienen sollen. Wohlgemerkt sollen, denn unter dem Eindruck des immer noch erbitterten Widerstands der Japaner an der Pazifikfront, haben auch vermehrt die Amerikaner mehr Interesse daran, das kostbare Wissen der deutschen Wissenschaftler für sich zu nutzen, als diesen den Prozess zu machen. Einer davon ist ausgerechnet Lena Brandts Mann Emil, der sich in die Riege derjenigen eingereiht hat, die nur „ihre Arbeit gemacht“ und „Befehle befolgt“ haben.

Joseph Kanon hat sich bei „The Good German“ immens viel vorgenommen, das weit über das hinausgeht, was man sonst von einem historischen Kriminalroman gewohnt ist, denn nicht nur ist die Geschichte in seinen verschlungenen Handlungsfäden enorm komplex – der Autor hat das Berlin von 1945 auch so im Detail zum Leben erweckt, das hier die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion immer wieder verschwimmen. Und das allerdings mit erstaunlich viel Fingerspitzengefühl, da es an keiner Stelle so wirkt, als wollte hier jemand auf Teufel komm raus so viel erlesenes Wissen wie möglich platzieren. Stattdessen geht der Plot eine äußerst überzeugende Symbiose mit den tatsächlichen historischen Ereignisse ein, wovon die Atmosphäre immens profitiert. Auch wenn es sich Kanon (gottseidank) verkniffen hat, in den Dialogen noch Berliner Schnauze einzubauen, ist er dem realen Antlitz und Lebensgefühl der zerstörten Hauptstadt des untergegangen Nazi-Regimes doch wohl so nah wie möglich gekommen.

Einem Antlitz (und das hat dann später auch Regisseur Steven Soderbergh erkannt), das sich natürlich als Schauplatz für eine noireske Kriminalgeschichte bestens eignet, da mit der Niederlage des Dritten Reichs nicht notwendigerweise gleichzeitig auch der Beginn einer Normalität eingegangen ist. Berlin ist weiter im Ausnahmezustand, während die Soldaten der Besatzungsmächte zwischen Siegestaumel, Kriegsdepressionen und Rachegelüsten pendeln, ein jeder vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein scheint. Die bedingungslose Unterstützung der Einwohner, welche man während der späteren Luftbrücke an den Tag legen wird – sie ist noch weit entfernt. Stattdessen blüht der Schwarzmarkt, werden die Witwen der deutschen Soldaten auf den Strich geschickt und schon bereits neue Feindbilder kultiviert. Das Verhältnis zwischen den Amerikanern und den Sowjets ist vielerorts angespannt, es kommt immer wieder zu Zwischenfällen. Und Jake Geismar, einst selbst ein Berliner, hat große Schwierigkeiten, seine Stadt in diesem Menetekel der Zerstörung wiederzuerkennen.

Gerade die ersten knapp zweihundert Seiten von „The Good German“ gehören mit Sicherheit zum Besten, was ich in diesem Sub-Genre bis jetzt genießen durfte – und lesen sich nebenbei bemerkt fast wie eine inoffizielle Fortsetzung des ebenfalls empfehlenswerten Romans „Wer übrig bleibt, hat recht“ (allerdings ein Jahr später erschienen) von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, das, im letzten Kriegsjahr spielend, ebenfalls in Berlin angesiedelt ist und bereits einige Themen aufgreift, die nun in Kanons Roman einen größeren Stellenwert bekommen. Wie er in diesem ersten Drittel minutiös die Spannung aufbaut, geschickt Hinweise, aber auch falsche Fährten platziert, das zeugt sowohl von großem schriftstellerischen Können, aber auch von ebenso großer Kenntnis um die Geschichte Berlins. Wirklich sehr selten begegnet uns Lesern in einem historischen Kriminalroman ein von Beginn an so authentischer Schauplatz, der umso lebendiger wirkt, da die ihn bevölkernden Figuren bei Kanon nicht rein zur Staffage verkommen.

Ganz im Gegenteil – sie sind fast allesamt ein wichtiges Triebmittel für die Handlung und bilden kaleidoskopartig die verschiedenen Interessensgruppen dieser Zeit ab. Von amerikanischen Abgeordneten aus dem Repräsentantenhaus, in dessen Wahlkreis die Industrie fest mit der IG-Farben verbunden ist bis hin zum jüdischstämmigen Militärjurist Bernie Teitel, der alle Hebel in Bewegung setzt, um die Verbrecher des Nazi-Regimes vor Gericht zu bringen – ein jeder hat andere Gründe in Berlin zu sein, um entweder politisches Kapital daraus zu schlagen, sich finanziell zu bereichern oder persönliche Rachegelüste zu befriedigen. Recht und Gerechtigkeit sind jetzt, direkt nach dem Krieg, ebenfalls nur leblose Ruinen und bröckelnde Fassaden – inhaltsleere Begriffe, die je nach Belieben von den Siegern ausgelegt werden können. Kanons größtes Verdienst ist es, dass er in diesem Gemengelage nie direkt Position bezieht und sich der Leser auch die entscheidende Frage des Buches am Ende selbst beantworten muss: Wer ist bzw. war der „Good German“?

Joseph Kanon ist mit „The Good German“ ein immersives, bildgewaltiges Katz-und-Maus-Spiel im Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit gelungen, das die Grenzen der Zeit vor den Augen des Lesers äußerst eindringlich überwindet und gleichzeitig auch das immer wieder hartnäckige Vorurteil widerlegt, US-Autoren könnten alles nur rein aus amerikanischer Sicht betrachten. Einziges Manko ist die doch etwas repetitive Einbindung der Liebesgeschichte, welche immer wieder unnötig das Tempo (und damit auch das Spannungsmoment) verschleppt und mitunter stark den Geduldsfaden strapaziert. Dennoch – eine Empfehlung für alle, die sich der eigenen Geschichte gerne im Gewand einer Kriminalgeschichte nähern.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Joseph Kanon
  • Titel: The Good German / In den Ruinen von Berlin
  • Originaltitel: The Good German
  • Übersetzer: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 02.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442464814

Das Vermächtnis von Queensberry House

© Goldmann

USA, kurz vor der Jahrtausendwende. Ian Rankin befindet sich gerade auf einer Lesereise für sein aktuelles Buch „Die Seelen der Toten“, als er in dem Bordmagazin einer Airline auf einen Bericht über Edinburgh stößt. Seine erste Vermutung, in diesem nicht viel Neues erfahren zu können, wird recht schnell widerlegt, denn während er sich in die Lektüre um die Sehenswürdigkeit Queensberry House vertieft, wird er auf eine ihn bis dato unbekannte, mysteriöse Geschichte aufmerksam.

Direkt am unteren Ende der Holyrood Road gelegen, liegt es nicht weit weg von der Residenz der Königin und gegenüber von dem Grundstück, auf dem zu diesem Zeitpunkt gerade das neue Verlagshaus der Zeitung Scotsman gebaut wird. Direkt neben dem Queensberry House soll zudem bald der Sitz des neuen schottischen Parlaments entstehen. Die früher vornehmste Wohngegend in Edinburgh war in den vergangenen Jahren nach und nach verfallen – nur das besagte Haus, in dem einst der Duke of Queensberry residierte, ist übriggeblieben. Er war mitverantwortlich für den Treaty of Union, den Einigungsvertrag, der aus Schottland und England das „Vereinigte Königreich“ machte.

So weit, so bekannt, doch was Rankin zudem erfährt, soll den Grundstein für den nächsten Rebus-Roman legen: Ein Mitglied der herzoglichen Familie hatte eines Nachts einen der Diener getötet, gekocht und verspeist. Den Bürgern Edinburghs erschien dies damals wie ein schlechtes Vorzeichen für die „Hochzeit“ mit England. Der Herzog wurde sogar durch die Straßen der Stadt gejagt. Im Hinblick auf das entstehende Parlament, mit welchem sich die Schotten nach drei Jahrhunderten Londoner Regierung nun ein gewisses Maß an Selbstverwaltung erkämpft hatten, schien dies Rankin eine spannende Ausgangsposition für einen Krimi zu sein, der an der Schwelle zum nächsten Millennium spielt und doch gleichzeitig mit den Nachwehen der britischen Geschichte zu kämpfen hat. Heraus kam „Der kalte Hauch der Nacht“ (engl. „Set in Darkness“).

Edinburgh, Ende der 90er Jahre. Detective Inspector John Rebus steht einmal mehr auf dem beruflichen Abstellgleis. Nach seinen letzten Querschüssen ist selbst beim geduldigen Detective Chief Superintendent Thomas „Farmer“ Watson die Geduldsgrenze überschritten, der den Quälgeist von der Mordkommission in das Polizei-Parlaments-Verbindungskomitee versetzt, welches mit der Koordination der bevorstehenden Autonomie Schottlands betraut wurde und unter der Leitung des jungen Karrieristen Derek Linford steht. So gehört auch Rebus dem Team an, welches die Baustelle des künftigen Parlamentsgebäudes besichtigen soll. Eine lästige und äußerst langatmige Angelegenheit, die jedoch in einer überraschenden Entdeckung endet. Im Queensberry House, das lange Jahre ein Krankenhaus beherbergt hat, wird während der Inspektion eine mumifizierte Leiche hinter einem Wandpanel entdeckt, wo sich einst der Kamin des Hauses befand. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass diese dort wohl bereits seit zwanzig Jahren liegt. Aufgrund des Fundortes wird dieser Vorfall weitestgehend vertraulich behandelt und ein junges Ermittler-Duo – die Inspektoren Grant Hood und Ellen Wylie – mit der Untersuchung beauftragt.

Doch schon bald mehren sich die schlechten Vorzeichen rund um das neue Parlament. Nur kurze Zeit später wird Roddy Grieve, Kandidat der Scottish Labour Party in eben jenem neuen Parlament, auf derselben Baustelle brutal ermordet aufgefunden. Nun schlagen die Wellen in der Öffentlichkeit hoch und Inspektor Derek Linford sieht seine Chance gekommen, im Rampenlicht der Presse zu glänzen, wobei ihm ausgerechnet John Rebus helfen soll. Der denkt erst gar nicht daran und stellt stattdessen seine eigenen Nachforschungen an, die ihn sehr schnell in den Kreis von Grieves Familie führen. Währenddessen hat Siobhan Clarke ihrerseits einen vertrackten Fall zu lösen. Ein Obdachloser hat sich von der North Bridge gestürzt. An sich nichts Ungewöhnliches in dieser Stadt mit vielen Selbstmorden, doch der Tote gibt allerlei Rätsel auf. So finden sich auf dessen 400.000 Pfund. Eingezahlt im Jahr 1979 und seitdem weitestgehend unberührt geblieben. Siobhans Interesse ist geweckt und schon bald kreuzen sich ihre Ermittlungen mit denen von John Rebus. Gibt es gar einen Zusammenhang zwischen ihren beiden Fällen? Rebus, der nicht nur Linfords Geduld zunehmend auf die Probe stellt, braucht Ergebnisse und zapft schließlich seine Kontakte in der Edinburgher Unterwelt an, wo eine böse Überraschung auf ihn wartet:

Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty, einst Kopf der Unterwelt von Edinburgh und von Rebus nach langem Ringen hinter Gittern gebracht, ist wieder auf freiem Fuß. Vorzeitig aus der Haft entlassen, weil er angeblich an einer unheilbaren Krankheit leidet, sinnt er nun auf Rache … oder hat er gar ganz andere Pläne?

An „Der kalte Hauch der Nacht“ werden sich, nicht nur bei Fans der Reihe, sicherlich die Geister scheiden, denn Ian Rankin, der bis dato ohnehin nie für eine temporeiche Art des Erzählens bekannt war, lässt sich im vorliegenden Roman immens viel Zeit beim Aufbau seiner Handlung und der Ausarbeitung seiner Charaktere. Zu viel Zeit, wird sicher mancher konstatieren und damit nicht ganz unrecht haben, zumindest wenn man dieses Buch mit seinen Vorgängern vergleicht. Doch wer genau hinschaut, der kann hier auch einen gewissen Entwicklungsschritt, eine Evolution in der Herangehensweise von Rankin erkennen. So ist John Rebus diesmal nicht mehr allein das tragende Element des Plots, sondern teilt sich die Bühne mit Siobhan Clarke und Derek Linford, deren eigene Nachforschungen über längere Zeit ohne den bärbeißigen Schnüffler auskommen müssen. Das mag dem ein oder anderen missfallen, machte aber zum damaligen Zeitpunkt durchaus Sinn, da Rankins Hauptprotagonist inzwischen stramm auf die Mitte 50 zuging und damit das Rentenalter näher rückte (Wie wir inzwischen wissen, wurde diese Altersobergrenze später nochmal erhöht und hat Rebus, den Rankin ja in realer Zeit altern lässt, nochmal ein bisschen mehr Zeit im Dienst verschafft).

Dennoch sind die Kollegen bei der Polizei alles andere als Lückenfüller. Insbesondere Siobhan Clarke hat sich über die vergangenen Bücher hinweg zu einer äußerst interessanten Figur entwickelt, die laut Rankins Worten ihm nicht nur wesentlich ähnlicher ist als der anarchisch veranlagte Maverick Rebus, sondern auch weit offener für Veränderungen bzw. Neuerungen ist. John Rebus tut sich dagegen mit den Umwälzungen schwer. Das neue schottische Parlament beäugt er mit großer Skepsis, wie überhaupt sämtliche Autonomiebestrebungen der Schotten. Wie erfahren, dass er sich schon bei den ersten politischen Bewegungen in diese Richtung Ende der 70er bei der Wahl enthalten hat. Diese fast schon manische Angst vor einem Wandel des Gegenwärtigen erntet sogar den Spott durch „Big Ger“ Cafferty, der dem „Strohmann“ vorwirft, in der Vergangenheit zu leben. Für den Autor selbst ist diese charakterliche Eigenschaft aber ein vortrefflicher Wetzstein, an dem er seine Hauptfigur immer wieder schärfen kann, wenn sich dieser alle naselang mit den Größen aus Politik, Wirtschaft, Justiz und sogar der Unterwelt anlegt. Bestes Beispiel ist in diesem Fall ein Telefonat mit dem früheren Unterweltboss Edinburghs Bryce Callan, der inzwischen im sonnigen Spanien seinen Lebensabend verbringt und in allerbester Rebus‘ Manier bis hin zur Mordlust getrieben wird.

Doch so interessant das politische Geplänkel der Partei oder die skandalösen Familiengeheimnisse der Familie Grieve am Ende sind – den größten Reiz bezieht auch „Der kalte Hauch der Nacht“ wieder durch das Katz-und-Maus-Spiel zwischen John Rebus und seiner ewigen Nemesis Cafferty. Der überraschende Auftritt des Letzteren ist nur ein Gänsehautmoment von vielen in diesem Roman, der wieder mal Zeugnis davon gibt, welchen Gefallen der Autor Ian Rankin inzwischen an dem diabolischen Gegenspieler gefunden hat. Und natürlich gibt es auch noch einen weiteren Protagonisten, der erneut auf ganzer Linie zu überzeugen weiß: Die Stadt Edinburgh. Wer schon einmal die Canongate entlangspaziert ist, wird bestätigen können, wie lebendig Rankin dieses Viertel zum Leben erweckt, wenngleich sich natürlich seit dem Baubeginn des Parlaments bis heute auch einiges verändert hat. Und auch Rosslyn Chapel, die auch Dan Brown ein paare Jahre später für seinen Thriller „Sakrileg“ verwurstet hat, spielt eine kleine, wenn auch am Ende eher unwichtige Nebenrolle.

Authentizität ist inzwischen zu einem Markenzeichen von Rankins Romanen geworden, der selbst auf kleinste Details acht gibt und John Rebus neben seinem Stammlokal der Oxford Bar (hier treten einige reale Stammgäste auf) nun u.a. auch im ebenfalls realen Swany’s ein und ausgehen lässt. Hierzu gibt es übrigens eine äußerst witzige Hintergrundgeschichte: Rankin war nach zehnjähriger Abwesenheit nach Edinburgh zurückgekehrt, wo ihn ein Buchhändler schließlich ins Swany’s einführte. Beim ersten Besuch setzte er sich dabei mit ein paar von dessen Kumpels zusammen, darunter auch einem Gentleman namens Joe Rebus. Wie sich herausstellte, waren er und seine Angehörigen die einzigen Rebusse in ganz Schottland. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, wohnte dieser Joe sogar noch im Rankin Drive. Ein äußerst komischer, ja, beinahe schon unheimlicher Zufall, den Rankin natürlich im Buch verarbeiten musste.

Nein, letztlich sind solche Zutaten natürlich nicht wesentlich für den Spaß an einer Lektüre. In Kombination mit der aber einmal mehr äußerst komplexen, intelligenten und interessanterweise auch wieder in Schottland erschreckend aktuellen Thematik der Handlung, sorgen sie aber dafür, dass man als Leser peu à peu – und ohne große Gegenwehr – in dieses Gewirr aus Korruption, Missbrauch und Gewalt hineingezogen wird, zumal Rankin spätestens im letzten Drittel des Romans den Spannungsbogen mit viel Raffinesse in luftige Höhen katapultiert. Mehr noch: Das düstere und Gänsehaut erzeugende Finale gehört zu den absoluten Highlights der ganzen Serie und legt äußerst intensiv Zeugnis vom Können dieses Ausnahmeautors ab, der uns zwar in „Der kalte Hauch der Nacht“ ein gewisses Maß an Geduld und Aufmerksamkeit abverlangt, dafür aber auch nachhaltig zu beeindrucken weiß.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Der kalte Hauch der Nacht
  • Originaltitel: Set in Darkness
  • Übersetzer: Christian Quatmann
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 10.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 544 Seiten
  • ISBN: 978-3442453870