Zwischen Leben und Tod

© Goldmann

In der Zeit, als auf der Internetseite Krimi-Couch noch ein reger Austausch mit anderen Krimi-Freunden (und vor allem Krimi-Kennern) möglich und gewollt war, konnte ich mir nicht nur erstmals einen richtigen Eindruck von der Vielschichtigkeit dieses Genres machen, sondern durfte dank vieler Tipps und Ratschläge auch Autoren und Autorinnen für mich entdecken, über welche ich sonst wohl erst Jahre später – oder vielleicht auch gar nicht – gestolpert wäre.

Einer von ihnen ist der Brite Mark Billingham, dessen Lebensgeschichte auf den ersten Blick so gar nicht dem Typus des üblichen Schreiberlings von Spannungsliteratur entspricht. Vom Mitglied einer Theatergruppe, über die Schauspielerei bis hin zum erfolgreichen Stand-Up-Comedian – der inzwischen in London lebende Billingham scheint der Inbegriff der Experimentierfreudigkeit und so ist es dann auch vielleicht fast folgerichtig, dass er irgendwann auch zur Feder greifen musste. Doch kann ein Komiker wirklich Krimi? Und was darf man als Leser hier erwarten?

Als Alternative zu Ian Rankin und Harlan Coben empfohlen, nahm ich damals seinen Debütroman „Der Kuss des Sandmanns“ mit einem gewissen Maß Skepsis in Angriff, zumal ich zudem Zeitpunkt der Serienmörder-Thematik bereits mehr als überdrüssig war und daher alten Wein in neuen Schläuchen befürchtete. Letztlich eine gänzlich unbegründete Besorgnis, denn Billingham legt hier nicht nur einen äußerst gelungenen Start für seinen späteren Serienheld Inspektor Tom Thorne hin – er brilliert auch mit einer gänzlich einzigartigen „Stimme“, die sich wohltuend von der Konkurrenz abzuheben vermag. Und das obwohl Thorne, zumindest auf den ersten Blick, als etwas griesgrämiger Einzelgänger, ganz in den Fußspuren seiner literarischen Vorgänger (wie eben John Rebus oder Alan Banks) wandelt. Wer jedoch genauer hinschaut und der Reihe treu bleibt – was sich insbesondere bei den frühen Werken unbedingt lohnt – darf die Bekanntschaft mit einer ziemlich einzigartigen Person machen, in dessen Ausarbeitung der Autor unheimlich viel Sorgfalt und Liebe steckt und die sich bei ihrem ersten Auftritt mit einem äußerst merkwürdigen Fall konfrontiert sieht:

Detective Inspector Tom Thorne steht am Krankenbett von Alison Willett, dem letzten Opfer eines eiskalten Mörders, der die Sondereinheit der Londoner Polizei seit Wochen auf Trab hält. Seine Ziele, immer Frauen, tötet er stets durch einen gezielten Druck auf die Halsschlagader. Nur Alison hat seinen Angriff überlebt, dafür aber jegliche Beweglichkeit einbüßen müssen. Komplett gelähmt und aufgrund des so genannten „Locked-In-Syndroms“ auch nicht in der Lage sich zu artikulieren, ist sie nun eine Gefangene ihres eigenen Körpers – und ironischerweise Thornes eigene Zeugin. Während dieser sich gemeinsam mit seinem Kollegen Dave Holland in diesen schwierigen Fall stürzt und immer mehr Personen im Umfeld der Morde seinen Verdacht erregen, kommen ihm langsam Zweifel. Auf den ersten Blick sieht es zwar so aus, als hätte der Täter bei Alison seinen ersten Fehler gemacht – doch was wenn dem nicht so ist? Ist sie vielleicht gar die einzige, bei dem der Mörder sein Ziel erreicht hat? Will er seine Opfer in diesen Zustand zwischen Leben und Tod versetzen?

Bald erhält Thorne selbst Nachrichten vom Mörder und aus einer professionellen Ermittlung wird plötzlich eine persönliche Vendetta, als er glaubt, die Identität des Schuldigen enthüllt zu haben …

Gefangen im Wachkoma, ohne die Möglichkeit sich zu mitzuteilen? Eine wahrlich schaurige Vorstellung und äußerst beklemmende Ausgangslage, mit der uns Mark Billingham gleich zu Beginn konfrontiert, ja, fast überrumpelt, denn anstatt dem Leser erst Zeit zu geben, Tom Thorne etwas näher kennenzulernen, wird dieser direkt ins kalte Wasser geworfen. Das Spiel ist schon von Anfang an in vollem Gang, wir haben entsprechend Schritt zu halten, wobei sich das in erster Linie auf den Verlauf der Handlung bezieht, kommt doch „Der Kuss des Sandmanns“ im ersten Drittel vergleichsweise gemächlich daher, was schlichtweg der Tatsache geschuldet ist, dass Billingham die Introduktion seines Hauptprotagonisten nun genauso peu à peu nachliefern muss, wie die Hintergründe der bereits begangenen Morde. Dass er sich hierfür vergleichsweise viele Seiten gönnt, bevor er den roten Faden beim eigentlichen Status Quo wieder aufnimmt, dürfte Freunde des Pageturning sicherlich abschrecken. Nichtsdestotrotz ist es aber genau diese detailgenaue Schreibe, welche aus einem stereotypen Serienkiller-Schinken eine nachhaltig überzeugende Geschichte macht.

Im Mittelpunkt steht, neben den eingeschlossen kreisenden Gedanken von Alison Willett, fast durchgängig Detective Inspector Tom Thorne, was eine durchaus weise Entscheidung war, denn es ist gerade dessen rauer Charme, dessen berufliche Besessenheit, welche, neben der Frage nach dem Mörder, die größte Sogkraft entwickelt. Im Gegensatz zu vielen anderen Erstauftritten berühmter Ermittler gelingt Billingham hier vom Fleck weg eine durchweg glaubhafte, unheimlich interessante Figur, über die wir zwar schon viel erfahren, welche aber auch viele Andeutungen unvollendet und für weitere Bände offen lässt.

Während Thorne, eher kleingewachsen und stets für einen guten Country-Song zu haben, die terrierähnliche Arbeitsauffassung noch mit seinem Kollegen John Rebus teilt, so hebt er sich doch mit dem Rest seiner Persönlichkeit wieder erfrischend von diesem ab – das sei explizit betont, da Billingham und Rankin doch immer gerne miteinander verglichen werden. Soll heißen: Wer mit dem einen nicht kann, sollte den anderen nicht zwangsläufig für sich ausschließen. Wenn man zwischen den Autoren Parallelen ziehen will, darf man das wiederum aber gerne beim Schauplatz tun, denn so wie Rankins heimliche Hauptfigur in der Rebus-Serie die schottische Stadt Edinburgh ist, so verhält es sich bei Tom Thorne mit Nordlondon, von dem man ein äußerst detailliertes und facettenreiches Bild erhält, das Billingham wohltuend abseits der üblichen Touristen-Hotspots beleuchtet.

Alles schön und gut, wird mancher fragen, doch was ist mit der Spannung? Ehrlicherweise muss man konstatieren, dass dieser naturgemäße Wunsch der Krimi-Leser hier über weite Strecken nur wenig bedient wird – auch weil das Duell zwischen Thorne und dem Mörder immer wieder von Rückblicken (so wird zum Beispiel auch von einem wichtigen Fall aus Thornes Karriere berichtet) unterbrochen wird und Billingham – anders als Rankin in seinen Büchern – die Ermittlungen über zwei Monate andauern lässt, wodurch sich ein zeitlicher Druck, das Rätsel lösen zu müssen, lange nicht aufbauen kann. Bis „Der Kuss des Sandmanns“ unvermittelt dramaturgisch Tempo aufnimmt und sich die Ereignisse auf eine Art und Weise überschlagen, dass an das Weglegen des Buchs nicht mehr zu denken ist. Spätestens wenn die eigentlichen Motive des Mörders ans Licht kommen, ist man Teil dieser atemlosen Jagd, die dann die geordneten Pfade eines Police-Procedurals verlässt – die eigentliche Polizeiarbeit wird Billingham in kommenden Werken weit intensiver betonen – um stattdessen zum Vollblut-Thriller zu mutieren, der zwar nicht an jeder Stelle überraschen kann, aber durch einige intensive Momente (Alison!) in Erinnerung bleibt.

Der Kuss des Sandmanns“ ist ein beeindruckender Erstling, weil Mark Billingham aus dem Nichts kommend hier mit einer traumwandlerischer Sicherheit in der Skizzierung seiner Charaktere auftrumpft und dann nebenbei auch noch eine äußerst innovative Idee, anders als viele seiner amerikanischen Kollegen, unmittelbar und intensiv vermittelt, ohne das die Authentizität darunter leidet. Ein unheimlich lohnenswerter Start in eine lohnenswerte Reihe, deren Faden dankenswerter Weise der Atrium-Verlag bereits vor einiger Zeit wieder aufgenommen hat.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Mark Billingham
  • Titel: Der Kuss des Sandmanns
  • Originaltitel: Sleepyhead
  • Übersetzer: Helmut Splinter
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 10.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3442452279

Die Geister der Vergangenheit

© Goldmann

Der schottische Autor Ian Rankin und die Stadt Edinburgh, sie sind inzwischen untrennbar in unserer Wahrnehmung miteinander verbunden, gibt es doch kaum eine andere britische Krimi-Reihe, welche ihrem Schauplatz derart viel Platz innerhalb der Handlung einräumt. Ja, man könnte fast behaupten, diesen zum eigentlichen Hauptprotagonisten auserkoren hat, der selbst nochmal um einige Facetten reicher ist als der schon so detailliert gezeichnete Serienheld Detective Inspector John Rebus. Seine Ermittlungen, sie leben in großem Maße von dieser speziellen Atmosphäre und von Rankins grandiosen Gespür für den Puls der Stadt.

Umso mehr verwundert es rückblickend, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, vom Auftakt „Verborgene Muster“ einmal abgesehen, „Die Seelen der Toten“ erst der zweite Rebus-Roman war, der vollständig in Edinburgh konzipiert und geschrieben wurde. So entstanden alle übrigen Bände während seines vierjährigen Aufenthalts in London sowie in den sechs Jahren danach, in denen der Autor mit seiner Familie in Frankreich lebte. Seine Rückkehr war, wie er selbst gesteht, mit einigen Ängsten verbunden. Insbesondere die Befürchtung, sein fiktional entworfenes Bild könnte dem tatsächlichen Zustand der Stadt nicht entsprechen, trieb ihm bei der Ausarbeitung des vorliegenden Buches um. Was wenn Vorstellung und Wirklichkeit nicht miteinander in Einklang zu bringen wären? Wenn das Edinburgh seiner Erinnerung dem Ist-Zustand nicht entspräche?

Nach der Lektüre von „Die Seelen der Toten“ wird wohl ein jeder bestätigen können, dass diese Befürchtungen gänzlich unbegründet waren. Ganz im Gegenteil: Der Roman atmet Milieu und Lokalkolorit aus jeder Pore, was für mich persönlich das Lesevergnügen noch einmal gesteigert hat, durfte ich doch Edinburgh in den vergangenen Jahren bereits dreimal einen Besuch abstatten – und mich deshalb von der Detailtreue und Bodenständigkeit in Rankins Skizzierungen diesmal selbst überzeugen. Natürlich mit Abstrichen, ist doch der zehnte Rebus-Fall bereits vor dem Millennium erschienen und damit zu einem Zeitpunkt, in dem gerade das Gebiet zwischen Holyrood Road und Canongate noch ein komplett anderes Erscheinungsbild hatte. Das Scottish Parlament Buildung befand sich damals noch im Bau und die heruntergekommene Hochhaussiedlung Dumbiedykes, von Rankin hier (wahrscheinlich aus Rücksichtnahme) Greenfield genannt, ist mittlerweile ein beliebter Wohnort für Studenten bzw. wird zunehmend auch für die Vermietung an Touristen genutzt. Ende der 90er jedoch war dieses Gebiet am Fuße des Arthur’s Seat ein sozialer Brennpunkt. Und genau an dieser Stelle nimmt „Die Seelen der Toten“ seinen Anfang.

DI John Rebus wird von den Geistern der Vergangenheit geplagt. Der Tod seines Freundes Jack Morton (nachzulesen in „Die Sünden der Väter“) hält ihn des Nachts wach und tagsüber leidet er unter seiner Hilflosigkeit im Umgang mit seiner Tochter, die seit einem Autounfall gelähmt im Rollstuhl sitzt und hart daran arbeitet, wieder in ihr altes Leben zurückzufinden. Ein Leben, das Rebus selbst immer mehr entgleitet und er langsam beginnt in Frage zu stellen. Immer öfter kreisen Selbstmordgedanken in seinem Kopf, bis ihn ironischerweise der Suizid eines Polizei-Kollegen aus der Lethargie herausreißt.

Jim Margolies hatte sich offensichtlich des Nachts von den Salisbury Crags gestürzt – ein Motiv dafür ist weit und breit nicht in Sicht. Nur Rebus hat eine Vermutung und glaubt mit der Rückkehr des verurteilten Kinderschänders Darren Rough nach Edinburgh den Grund zu kennen. Rough, der in einem großen Prozess um langjährige Kindesmisshandlung in einem Heim aussagen soll, war einst von Margolies vor seiner Verurteilung hart angegangen worden. Rebus, die feine Grenze zwischen Gerechtigkeit und Rache für den verstorbenen Margolies übertretend, spielt die Anwesenheit Roughs im Viertel Greenfield der Presse zu. In dem stadtbekannten sozialen Brennpunkt kommt es daraufhin zu wütenden Protesten. Bürgerwehren werden gebildet und die angeheizte Atmosphäre droht in eine gewalttätige Hexenjagd umzuschlagen. Rebus versucht seinen Fehler zu korrigieren, muss aber auch an anderer Front kämpfen.

Seine ehemalige Schulfreundin Janice und ihr Mann bitten ihn um Hilfe bei der Suche nach ihrem Sohn. Der 19jährige ist nach einem Trip nach Edinburgh spurlos verschwunden. Seine Begleitung, eine geheimnisvolle blonde Schönheit, scheint der einzige Anhaltspunkt. Rebus‘ Nachforschungen führen ihn nicht nur ins Rotlichtviertel und das Nachtleben der Stadt, sondern auch zurück in die ehemalige Minenarbeiterstadt Cardenden in Fife, wo er einst aufwuchs. Seine Reise in die eigene Vergangenheit öffnet alte Wunden und auf ihr lastet zudem ein Schatten. Der Mörder Cary Oakes, in Edinburgh aufgewachsen, wurde in den Vereinigten Staaten aus dem Gefängnis entlassen. Unter der Bedingung das Land zu verlassen. Oakes kehrt nun nach Schottland zurück. Chief Superintendent „Farmer“ Watson und Rebus sehen das Unheil kommen und beschließen ihn durchgehend zu beschatten, um ihm den Aufenthalt so unangenehm wie möglich zu machen. Doch sie haben Oakes unterschätzt. Während er den Journalisten Jim Stevens mit angeblich exklusiven Informationen für eine Artikelreihe in der Zeitung füttert, nutzt er gleichzeitig jede freie Minute, um sein gefährliches Spiel mit der Polizei zu treiben. In seinem Visier vor allem: John Rebus. Als ihm nahestehende Menschen in Oakes‘ Visier geraten, ist einmal mehr dessen verbissene Kämpfernatur gefordert …

Vorab: Es wurden und werden ja immer wieder mal Vergleiche zwischen Ian Rankin und Henning Mankell gezogen, gerade in den ersten Jahren des Schotten auf dem deutschen Buchmarkt mit der vorgeblichen Ähnlichkeit geworben. Für mich war und ist das stets eine Gegenüberstellung, welche gewaltig hinkt und wenig gerechtfertigt ist. Wenn jedoch ein Buch der Reihe unbedingt mit dem schwedischen Autor in Verbindung gebracht werden muss, eignet sich wohl das vorliegende dazu am Besten, denn in keinem der zuvor neun Bände wird John Rebus seelisch so an seine Grenzen gebracht, hat er mit so viel Düsternis um ihn herum zu kämpfen. Ein Kampf, den er trotz der Beziehung zu seiner Freundin Patience zunehmend allein austrägt – mit einen Glas Whisky als einzigem Begleiter. Rankin beschreibt diese dunklen Stunden der Einsamkeit, welche Rebus im Sessel seiner spärlich möblierten Wohnung in der Arden Street verbringt, mit einer bitterschwarzen Schärfe, die wehtut. Selbst sein Beruf, jahrelange Triebfeder, scheint angesichts der Schicksale von Jack Morton oder Jim Margolies keinerlei Reiz mehr auszuüben. Stattdessen erinnert ihn der frei umher spazierende Pädophile Darren Rough nur an die Vergeblichkeit seines Tuns. An den Irrglauben, dass Gesetz und Gerechtigkeit jemals ein und dasselbe waren.

Wie Margolies, so steht auch Rebus im übertragenen Sinne am Rande einer Klippe. Nicht bereit zu springen, aber bereit alles dafür zu tun, damit ihn jemand hinunterstößt. Was in diesem Falle dazu führt, dass er Rough der Öffentlichkeit zum Fraß vorwirft, ungeachtet der absehbaren Konsequenzen. Doch die beruflichen Erfolge der Vergangenheit sorgen ironischerweise dafür, dass er weiterhin Rückendeckung erhält. Chief Superintendent „Farmer“ Watson hält allen Unkenrufen zum Trotz an John Rebus fest, erkennt aber auch den Konflikt in dem er sich befindet und versteht, was es braucht, um ihn aus dem finsteren Tal seiner Gedanken herauszuholen. Eine Herausforderung. Und als diese stellt sich Cary Oakes tatsächlich heraus, der Rebus nicht nur an seine Grenzen bringt, sondern letztlich auch aus der Lethargie reißt. Bis es dazu kommt, braucht es aber viele Seiten, denn wie schon im Vorgänger, so jongliert Ian Rankin auch hier gleich mit mehreren Handlungssträngen, welche sich nur nach und nach miteinander vernetzen und überschneiden, was „Die Seelen der Toten“ zu alles andere als einem Page Turner macht.

Und genau das ist auch gut so, denn der Roman lebt von der Zeit, die er sich für Figuren und Hintergründe nimmt. Von all den Verflechtungen und Leichen im Keller, über die Rebus nicht durch irgendwelche Zufälle stolpert, sondern die letztendlich dann tatsächlich Resultate echter polizeilicher Ermittlungen sind. Eine simpel klingende Aufgabe, an der sich aber viele Schreiberlinge heutiger „Krimis“ und „Thriller“ in schöner Regelmäßigkeit gehörig verheben. Oder sich ihrer erst gar nicht annehmen. Ob wir uns im tristen Greenfield, in einem nebligen Hochmoor oder in den vom Fortschritt irgendwie vergessenen Siedlungen Cardendens befinden – als Leser erfährt und erlebt man das alles durch Rebus‘ Sinne, was wiederum dessen Erlebnisse umso eindringlicher macht. Gerade der Aufenthalt im Herz von Fife bleibt in Erinnerung und wühlt auf, was insofern wenig verwunderlich ist, da dies auch für Rankin den Weg zurück nach Hause darstellt. „Die Seelen der Toten“ ist wohl dessen persönlichste Auseinandersetzung mit der eigenen Heimat. So schreibt er im von Random House zur Verfügung gestellten Vorwort:

Wenn Rebus‘ Schulflamme Janice sich mit ihm in Erinnerungen ergeht, dann sind es meine Erinnerungen und Anekdoten. Wir erfahren auch mehr über Rebus‘ Kindheit. Unter anderem, dass er in einem Fertighaus auf die Welt kam (wie ich), seine Familie aber bald in ein älteres Reihenhaus in einer Sackgasse umzog (wie meine). Wir erfahren, dass er, wie ich, einen Pub namens Goth (kurz für Gothenburg) frequentierte und dass sein Vater einen Seidenschal aus dem Zweiten Weltkrieg mitgebracht hatte (wie meiner). Diese autobiographischen Elemente spiegeln sich auch in den Namen wider, die ich Rebus‘ Schulfreunden gegeben habe: Brian und Janice Mee. Sie sind Mee/me, also „ich“, oder zumindest ein Teil von mir, wie viele andere meiner Geschöpfe. Am unmittelbarsten natürlich Rebus.

Ian Rankin hat viel Herz in dieses Buch gesteckt. Und das spürt man, merkt man, in jeder Zeile. Es liegt ein gewichtiger Ernst, eine schottische Ehrlichkeit in seinen Worten, welche uns schlicht vergessen lässt, dass es sich hierbei um einen Kriminalroman handelt. Rankin hat das enge Korsett dieser Genrebezeichnung aufgeschnürt und endgültig hinter sich gelassen, verwendet es inzwischen lediglich als Vehikel, um über eben die Themen zu schreiben, zu denen gerade ein ermittelnder Polizeibeamter den besten Zugang hat. Wer also vor der Lektüre der festen Ansicht ist, dass es über Pädophilie keine zwei Meinungen geben kann, wird diese im Anschluss wahrscheinlich nicht ändern, in seiner Standfestigkeit aber sicher erschüttert, da es diesem begnadeten Autor einmal mehr gelingt, das Schwarz-Weiß-Denken aufzuweichen und genau in die Grauzonen hineinzublicken, derer man sich auch aus Bequemlichkeit nur zu gern entzieht. Was ist Recht, was ist Unrecht? Wo beginnt es? Wo platzieren wir Schuld? Können wir ohne Gedanken an die Konsequenzen im Sinne unseres Gewissens handeln? Rankin hat sich der Herausforderung gestellt, gerade den stets eine klare Linie verfolgenden Rebus zumindest in einigen Dingen zum Umdenken zu bewegen und der Figur dadurch einige neue Facetten abgewonnen.

Ob es das Duell mit Cary Oakes am Ende überhaupt gebracht hätte, kann sicherlich diskutiert werden. So sehr ich diejenigen verstehe, die sich über diesen Subplot mokieren, muss ich persönlich sagen, dass ich diesen roten Faden hervorragend innerhalb der Handlung platziert fand. Ja, er war meines Erachtens sogar nötig, um eben die Wandlung anzustoßen, die Rebus hier durchmacht bzw. durchmachen muss, um die mysteriösen Vorgänge rund um Margolies und Rough aufklären zu können. Was er dann am Ende zutage fördert, habe ich so überhaupt nicht vorhergesehen. Ob dies nun ein Beweis für Rankins hervorragendes Plotbuilding oder für meine eigene Naivität ist, mag jeder dann selbst für sich entscheiden.

Was bleibt nun am Ende? Kein Buch, das Hochspannung zum Hauptmerkmal deklarieren kann, aber uns eine äußerst komplexe, tiefgehende, erschütternde und aufrüttelnde Geschichte kredenzt, welche erneut vom großen Variantenreichtum ihres Autors kündet und ums um kommende Bände nicht Bange werden lässt. Rankin hat noch einige Pfeiler im Köcher. Wenn er sie weiterhin so sicher ins Ziel bringt wie hier, haben wir Leser mehr als Grund zur Vorfreude.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Die Seelen der Toten
  • Originaltitel: Dead Souls
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 04.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 576 Seiten
  • ISBN: 978-3442446100

The Boring Bourne

© Heyne

Sechs lange Jahre hat es gedauert, bis der US-amerikanische Schriftsteller Robert Ludlum, der unter anderem auch als Schauspieler und Produzent tätig war, eine Fortsetzung zu „Die Bourne-Identität“ folgen ließ – dem hierzulande heute wohl bekanntesten Roman des Autors. Das ist eine nicht unerhebliche Zeitspanne zwischen Band eins und Band zwei einer Trilogie, die entweder zu Beginn nicht als solche geplant oder absichtlich für länger auf Eis gelegt worden war. Was auch immer der Grund für die Pause ist (in der Ludlum mit „Das Parsifal-Mosaik“ und „Die Aquitaine-Verschwörung“ allerdings zwei Bücher außerhalb der Reihe veröffentlichte) – man merkt dem Nachfolger eine gewisse kreative Auszeit an.

Wie schon im Vorgänger, so hat auch an „Das Bourne-Imperium“ der Zahn der Zeit genagt, ist der Titel in vielerlei Elementen veraltet bzw. hat er eine Überarbeitung nötig. Während ersteres vor allem auf den politischen (und damals aktuellen) Kontext der Story zurückzuführen ist, zielt letztere Kritik in erster Linie auf den Übersetzer, der hier schlichtweg schlechte Arbeit abgeliefert hat (hatte Heinz Zwack hier evtl zu wenig Zeit bekommen?) . Selten, wirklich sehr selten, habe ich eine solch miserable Übertragung ins Deutsche gelesen, welche ich, mit zusätzlicher Kenntnis des Originals, wohl noch schärfer kritisieren müsste. Dass ich das gleich zu Beginn der Rezension tue, hat einen triftigen Grund: Es hat ganz den Anschein, dass es zu großen Teilen auch diese Übersetzung ist, die den Lesespaß des mit über 800 Seiten nicht gerade kurzen Romans bereits im Ansatz killt, dessen Story durchaus ähnlich komplex daherkommt, wie die in „Die Bourne-Identität“.

Seit den Ereignissen rund um Treadstone 71 ist mittlerweile ein ganzes Jahr vergangen. Jason Bourne, der seinen ursprünglichen Namen David Webb angenommen hat und auch wieder seiner alten Arbeit als Professor nachgeht, lebt gemeinsam mit seiner Frau Marie St. Jacques unter Schutz der Regierung in Maine. Große Teile seines Erinnerungsvermögens hat er, auch dank der Hilfe des Psychiaters Mo Panov, inzwischen wiedergewonnen. Und auch die ehemals stetig auftretenden Alpträume sind weniger geworden. Jason Bourne scheint endgültig Geschichte zu sein. Doch die Idylle ist trügerisch, denn in Fernost braut sich eine Krise zusammen, die das neu gefundene Glück schon recht bald stören soll:

Der Vizepräsident der Volksrepublik China wurde in einem Nachtlokal ermordet – und alle Spuren der brutalen Tat deuten nur auf einen Mann: Jason Bourne. Als kurz darauf auch noch seine Frau entführt wird, muss David Webb erneut zu dem Mann werden, den er hasst. Entschlossen reist Jason Bourne, Delta von Medusa, nach Hongkong – um seinen Doppelgänger zu stoppen und die große Liebe seines Lebens zu retten. Er kann noch nicht ahnen, dass weit mehr auf dem Spiel steht. Sollte seine Mission scheitern, droht der ganze Pazifikraum zum Kriegsschauplatz zu werden. Ein hoher Einsatz für ein Spiel, in dem Bournes Leben allen Seiten nicht viel wert zu sein scheint …

Hongkong, Kuomintang, Kowloon, New Territories. Wer nicht gerade Fernost-Experte ist oder regelmäßig Urlaub im Reich der Mitte macht, wird besonders zu Beginn mit einer Flut von Begriffen und Ortsbezeichnen bombardiert, die den Blick ins Lexikon unabdingbar machen. Hinzu kommt, dass der heutige Leser hier ein Hongkong wiederfindet, welches noch Teil der britischen Empire und damit ein Dorn im Auge des kommunistischen Chinas ist. Ludlum greift die von tiefem Misstrauen geprägte Außenpolitik der beiden Länder auf, in der natürlich auch die USA kräftig mitmischt, welche ihrerseits alles daran setzt, bis zur Rückgabe der Kronkolonie im Jahre 1997 (der Roman spielt gut 10 Jahre davor), soviel Einfluss wie möglich zu behalten. Wie auch bei seinem Kollegen Tom Clancy, so legte auch Ludlum größtmöglichen Wert auf den aktuellen Bezug, was seinerseits wohl unter anderem auch die hervorragenden Verkaufszahlen erklärte (jeder Roman Ludlums landete auf Platz 1 der New-Yorks-Times Bestsellerliste), heutzutage aber wiederum gerade dem Zugang zur Geschichte etwas im Weg steht. Die geopolitische Lage ist inzwischen eine gänzlich andere, wenngleich sich das Vorgehen der Geheimdienste, insbesondere des US-amerikanischen, seitdem wenig geändert hat.

In der Beschreibung dieser Institutionen wird übrigens auch der große Unterschied deutlich: Während bei Clancy dem Helden oft die geballte Macht der amerikanischen Militär-Struktur zur Verfügung steht, geht Ludlum das Thema von einer ganz anderen Perspektive aus an. Bei ihm kämpft stets der Einzelne gegen scheinbar übermächtig und ihren Ausmaßen kaum zu fassende Organisationen, wobei der US-amerikanische Held erfreulich wenig unreflektierten Patriotismus zeigt, sondern stattdessen gerade die Institutionen hinterfragt, welche Clancy dem Leser mit Glanz und Gloria kredenzt. Diese Systemkritik, welche bereits im Vorgänger zum Tragen kam und die Identifikation mit dem Einzelgänger Bourne befeuert, reicht diesmal jedoch nicht aus, da Ludlum gerade in der Figurenzeichnung einfach zu viel Potenzial verschenkt.

Aus dem von Instinkt getriebenen Killer ist hier eine unkontrollierbare Ein-Mann-Kampfmaschine am Rande des Wahnsinns geworden, deren geistigen Zustand man zwar nachvollziehen, mitunter aber schwer ertragen kann. Insbesondere die gewaltsame Trennung von seiner Frau Marie wird von Ludlum derart zuckersüß emotional behandelt, dass man sich als Leser nur mit äußerster Mühe ein Augenrollen verkneifen kann. Überhaupt ist Marie St. Jacques, deren Figur ich schon im Vorgänger für gänzlich überflüssig erachtete, hier endgültig zu meinem persönlichen Roten Tuch geworden.

Mein Liebster“, „Geliebter“, „Liebe meines Lebens“. Seufzend, klagend und jammernd stolpert sie durch Hongkongs Straßen, auf der Suche nach dem „armen David“, der zum selben Zeitpunkt gerade im Begriff ist, die gesamte Wachmannschaft an Maos Grab ins Jenseits zu befördern. Das ist Kitschfaktor Hoch Zwölf, der den eigentlich tiefernsten Ton der Geschichte völlig grundlos unterwandert und nicht selten ungewollt parodiert. Das gilt auch für die ellenlangen Dialoge, welche immer wieder den Status Quo wiederholen – und das in Situationen unter Beschuss oder auf der Flucht, in der „Fresse halten“ wohl wesentlich eher angesagt gewesen wäre. Die Krone setzt dem das Finale auf, in dem Bourne seinem Gegner, der mit einer Waffe bereits auf ihn zielt, erst einen fünfsätzigen Monolog entgegen schreit, um dann im grellen Suchscheinwerferlicht eines Helikopters zum Angriff anzusetzen.

Gerade dieser Showdown ist es ironischerweise aber auch, der letztlich „Das Bourne-Imperium“ vor einer ganz schlechten Bewertung rettet. Auf den letzten 150 Seiten zieht Ludlum endlich die Schrauben enger, vollführt der Plot die Art von Spannungsbogen, die man zuvor schmerzlich vermisst hat. Endlich wird gehandelt, kommt es zu der Konfrontation, die einem zuvor fast 700 Seiten wohlriechend unter die Nase gehalten und doch dann immer wieder von dort weggezogen wurde. Ludlum hat da einfach zu wenig aus den Möglichkeiten gemacht, welche die Geschichte durchaus geboten hätte, womit auch (zumindest mir) der Anreiz fehlt, den Abschluss der von ihm verfassten Trilogie ebenfalls in Angriff zu nehmen.

Das Bourne-Imperium“ ist (leider auch wegen der extrem ungenießbaren Übersetzung) ein in Präsentation und Handlungsrahmen veralteter Agenten-Thriller mit einem zu geringen Spannungsfaktor, um über die gesamte Länge zu unterhalten. Zu viel gesprochenes Wort, zu wenig eigentliche Handlung. Schade, von mir kann es hier leider keine uneingeschränkte Empfehlung geben.

Wertung: 78  von 100 Treffern

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  • Autor: Robert Ludlum
  • Titel: Das Bourne-Imperium
  • Originaltitel: The Bourne Supremacy
  • Übersetzer: Heinz Zwack
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 848 Seiten
  • ISBN: 978-3453438590

Wie oft ist die Vorstellungskraft die Mutter der Wahrheit?

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© Insel

„Das Tal der Angst“, erstmals zwischen September 1914 und Mai 1915 im Strand Magazine veröffentlicht, ist nicht nur der vierte und letzte Roman aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle, sondern gilt unter den „Sherlockians“ auch als schwächster Fall des Großen Detektivs. Eine Einschätzung, welche ich so gar nicht teilen kann und will, was vielleicht aber auch daran liegt, dass es, neben „Der Hund der Baskervilles“, dieses Buch gewesen ist, das meine Freude am Lesen geweckt und mein Interesse letztlich in Richtung der Kriminalliteratur gelenkt hat.

Der Tag, an dem ich dieses Werk zum ersten Mal las, ist mir bis heute äußerst detailliert im Gedächtnis geblieben: Der eiskalte, schneidende Wind. Der ans Fenster prasselnde Schneeregen. Das dunkle, alte Zimmer. Der Blick auf ein graues, marodes Fabrikgelände. Kurzum: Es war das perfekte Setting für „Das Tal der Angst“, das, so unterschiedlich die Bewertungen letztlich ausfallen, wohl düsterste Abenteuer von Sherlock Holmes, dessen nüchterner Ton nicht unerheblich von den Wirren des Ersten Weltkriegs geprägt worden ist.

Drei Jahrhunderte waren an diesem alten Herrenhaus nicht spurlos vorübergegangen, Jahrhunderte mit Geburt und Tod, mit ländlichen Tanzfesten, morgendlichem Aufbruch zur Fuchsjagd und Heimkehr. Ein bedrückender Gedanke, dass nun im hohen Alter ein so düsteres Geschehen seinen Schatten auf die ehrwürdigen Mauern werfen sollte! Und doch waren die eigenartig spitzen Dächer und die überhängenden Giebel ein nicht unpassender Hintergrund für ein grausiges Intrigenspiel. Als ich die tief eingesetzten Fenster und die lange, vom Wasser umspülte Vorderfront betrachtete, dachte ich bei mir, dass man sich keinen besseren Schauplatz für solch eine Tragödie vorstellen konnte.

Das schreibt Holmes‘ treuer Weggefährte Dr. Watson beim Anblick von Birlstone Manor, wo sich die örtliche Polizei mit einem mysteriösen Todesfall konfrontiert sieht. Der Herr des Hauses, Mr. Douglas, ist durch einen Schuss mit einer abgesägten Schrotflinte getötet worden, welcher sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat. Da in dem Herrenhaus des Nachts die Zugbrücke hochgezogen wird, blieb dem Mörder nur die Flucht durchs Fenster und den Burggraben. Doch warum sollte jemand eine so laute Waffe wie eine Schrotflinte wählen? Und wovor hatte Mr. Douglas vor seinem Tod solche Angst?

Während sich die Polizei mit den blutbefleckten Spuren auf dem Fenstersims befasst, beschäftigt Sherlock Holmes nur eine Frage: Wohin ist die zweite Hantel verschwunden? Die Antwort darauf fördert ein Geheimnis zutage und eine Geschichte, welche zurück bis in das Jahr 1875 reicht. Nach Vermissa, in Pennsylvania … ins Tal der Angst.

Wie schon im ersten Auftritt von Sherlock Holmes, so ist auch hier die Struktur des Romans in zwei Ebenen geteilt worden: Zuallererst das Verbrechen, gefolgt von einer weit umfangreicheren Rückblende, welche die Hintergründe des Mordfalls beleuchtet und den Kreis letztlich wieder schließt. Bereits dieser Aufbau, den Doyle bewusst an „Eine Studie in Scharlachrot“ angelehnt hat, sieht sich immer wieder der Kritik ausgesetzt. Viele bemängeln den Bruch in der Erzählung, die unnötigen, ausufernden Schilderungen, den zu kleinen Auftritt von Holmes. Genau diese Kritikpunkte sind es, die „Das Tal der Angst“ in meinen Augen zu einem so lesenswerten Roman machen. Stilistisch hat sich Arthur Conan Doyle weit von seinen ersten Kurzgeschichten entfernt. Vom heimeligen, kuscheligen Ohrensessel in der Baker Street, der Jagd nach Dieben, Fälschern, Erpressern oder geklauten Gänsen ist nicht viel geblieben. Stattdessen konfrontiert er den Leser mit einem mörderischen Geheimbund, der mit seinen mafiösen Methoden einen ganzen Landstrich in Angst und Schrecken versetzt. Es ist eine dreckige, von rauchenden Schloten verdunkelte Welt, in die man eintaucht. Schwarz von der geförderten Kohle, mit Verbrechern, deren Seele dieselbe Farbe haben und, die, entgegen dem zwar ebenso diabolischen, aber doch immer gesitteten Moriarty, ihre Hände mit Blut waschen.

Über mehrere Seiten sieht man sich mit grausamen Morden konfrontiert, schaut man dem Treiben einer Bande zu, welche die Polizei in der Tasche und niemanden zu fürchten hat. Das Gesetz scheint fern, der Arm der Justiz zu kurz, um die „Scowrers“ (als historisches Vorbild dienten die „Molly Maguires“, ein Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich existierender irischer Geheimbund), so der Name der entarteten Freimaurerloge, erreichen zu können. „Das Tal der Angst“ muss auch für die damalige Leserschaft ein ziemlicher Schock gewesen sein.

Wo sonst Holmes mit genialen Einfällen den Verbrechern immer wieder einen Schritt näher kam, triumphiert hier allenthalben das Böse. Es ist eine bittere Pille, welche Doyle uns schlucken lässt. Und manch einer fühlt sich in den drastischen Schilderungen gar an die Kriminalromane des „Hardboiled“-Genres erinnert. (Unter ihnen ist auch Charles Ardai, Herausgeber der „Hard Case Crime“-Serie, in der auch Doyles Titel daher nochmalig erschienen ist) Doch trotz des relativ kleinen Auftritts des großen Detektivs, fehlt es der Geschichte nicht an Raffinesse oder Cleverness. Ganz im Gegenteil: Jack McMurdo, ein Gesetzesbrecher aus Chicago, erweist sich als ebenso gewiefter, kühler Planer. Und wie Holmes, so betrachtet auch er die Dinge weit früher als jeder andere im größeren Zusammenhang. Wenn der Leser erkennt, wonach McMurdo wirklich trachtet, ist die Überraschung groß.

Für mich ist Doyles Ausflug ins rauhe, sittenlose Kohlerevier von Pennsylvania (auch abseits eigener nostalgischer Verklärung) eins seiner mit Abstand besten Werke. Eine gelungene erfrischende Abwechslung, welche den von der viktorianischen Ära geprägten Detektiv Sherlock Holmes endgültig in die Moderne katapultiert und der Figur damit auch ein paar neue Facetten abringt. Kein Fest für Freunde des Whodunits, aber ein kompromissloser, knallharter Kriminalroman ohne künstlichen Aha-Effekt oder hineingepresstes Happy-End.

Wertung: 98 von 100 Treffern

  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das Tal der Angst
  • Originaltitel: The Valley of Fear
  • Übersetzer: Hans Wolf
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 259 Seiten
  • ISBN: 978-3458350163

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Die frühen Abenteuer des Hercule Poirot

© Fischer

England, Mitte der 20er Jahre. Agatha Christie hat sich zwar inzwischen bereits einen Namen gemacht, wird aber immer noch mit großen Schriftstellern wie Sir Arthur Conan Doyle und Gilbert Keith Chesterton verglichen und ihr Werk entsprechend auch an deren gemessen. So mutet es fast als ob sie genau jenen nacheifern will, als sie mit „Poirot rechnet ab“ 1924 eine Kurzgeschichtensammlung vorlegt, in welcher der belgische Detektiv in elf kniffligen Fällen seinen detektivischen Spürsinn – und sein Partner Captain Hastings mal wieder eine Menge Geduld beweisen muss.

In Wirklichkeit ging dieser Impuls damals jedoch von Christies Lektor Bruce Ingram aus, der, beeindruckt von ihrem Debüt „Das fehlende Glied in der Kette“, sie dazu animierte, es ihren Vorbildern doch ebenfalls in knapperer Form gleichzutun. Eine Anregung, der sie der Überlieferung zu Folge nur äußerst widerwillig nachkam, zumal die ganze Vorbereitung des Buches unter äußerst schlechten Vorzeichen stattfand, entzündete sich doch an diesem Titel ein eskalierender Zwist zwischen der Autorin und ihrem Verleger John Lane. Mit ihm hatte sie erst ein paar Jahre zuvor, zu Beginn ihrer Karriere, einen Vertrag über sechs Bücher abgeschlossen, den sie nun nicht nur als ausbeuterisch erkannte, sondern der ihr im Fall von „Poirot rechnet ab“ auch die Auswahl der Geschichten für die Sammlung und deren Veröffentlichungsdatum diktierte. Allen hinsichtlich des finalen Titels konnte sich Christie durchsetzen und zudem festhalten, dass das Buch offiziell zu ihrem Sechs-Bücher-Vertrag gezählt wurde. Da die Geschichten zuvor bereits im Sketch-Magazine erschienen waren, kam es zu einer Verhandlung vor Gericht, welche die Autorin letztlich für sich entscheiden konnte. Das Tischtuch war jedoch endgültig zerschnitten, was man heute noch daran erkennen kann, dass auch jegliche Widmung in der Kurzgeschichtensammlung fehlt.

Umso erstaunlicher, dass sich die Stories – welche in verschiedenen Jahren von Poirots Karriere spielen, aber bis auf ein paar Ausnahmen (u.a. überquert er in „Der raffinierte Aktendiebstahl“ den Atlantik) vorwiegend im Umkreis von London angesiedelt sind – auch heute immer noch äußerst kurzweilig lesen und als Rätselspaß für zwischendurch einen durchaus guten Job machen. Poirot und sein Partner Captain Hastings, mittlerweile fester Begriff im Gesellschaftsleben der Hauptstadt, werden immer dann zu Rate gezogen, wenn ein Problem zu schwierig oder ein Fall zu mysteriös ist. Geschildert werden ihre gemeinsamen Ermittlungen dabei (in bester Watson-Manier) aus der Sicht des ehemaligen Soldaten, der sich nicht selten von seinem belgischen Freund unterschätzt fühlt und sich stets aufs Neue angesichts dessen offensichtlicher Eitelkeit die Haare raufen muss. Neben seinen kriminalistischen Fähigkeiten, so hat Poirot auch die Selbstverliebtheit auf ein ganz neues Niveau gehoben, was es für seine Mitmenschen zu ertragen gilt. Und das diesmal in den folgenden 11 Fällen:

  • Die Augen der Gottheit
  • Die Tragödie von Marsdon Manor
  • Die mysteriöse Wohnung
  • Das Mysterium von Hunter’s Lodge
  • Der raffinierte Aktiendiebstahl
  • Das Abenteuer des ägyptischen Grabes
  • Der Juwelenraub im Grand Hotel
  • Der entführte Premierminister
  • Das Verschwinden Mister Davenheims
  • Das Abenteuer des italienischen Edelmannes
  • Das fehlende Testament

Größere Ausfälle gibt es unter den einzelnen Geschichten keine. Ganz im Gegenteil: Ein paar gehören sogar zu den besten Kurzabenteuern des belgischen Detektivs, was interessanterweise dann auch eins zu eins für ihre ITV-Verfilmungen mit David Suchet in der Hauptrolle gilt. Hier ist zum Beispiel schon der Auftakt, „Die Augen der Gottheit“, zu nennen, in dem der Diebstahl eines legendären chinesischen Diamanten angekündigt und Poirot als Ratgeber hinzugezogen wird. Was folgt ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit einer gut aufgelegten Spürnase, das natürlich gleichzeitig auch als Verbeugung vor dem großen Wilkie Collins zu verstehen, an dessen „Monddiamant“ sich Christie ganz unverblümt orientiert. Der zweite Streich folgt sogleich mit der Geschichte „Die Tragödie von Marson Manor“, welche, von einer gespenstischen und unbehaglichen Atmosphäre durchdrungen, eine Vogelflinte ins Zentrum von Poirots Interesse rückt. In „Das Mysterium von Hunter’s Lodge“ übernimmt stattdessen Hastings die Zügel, während der Detektiv selbst von einer Grippe ans Bett gefesselt ist. Der Fall rund um den Sohn von Baron Windsor (interessante Namenswahl seitens Agatha Christie) führt den etwas tolpatschigen Ex-Soldaten gemeinsam mit dem allgegenwärtigen Inspektor Japp in eine einsame Jagdhütte in den Mooren von Derbyshire – und den Leser damit in ein unheimliches, bedrohliches Ambiente.

Mit „Das Abenteuer des ägyptischen Grabes“ offenbart Agatha Christie erstmals ihr starkes Interesse an die Archäologie – einem Themenfeld, dem auch ihr späterer zweiter Ehemann Max Mallowan entstammt und das sich im Laufe der Zeit, neben der Schriftstellerei, zu ihrer anderen große Leidenschaft entwickelt. Poirot und Hastings reisen hier zu einer Ausgrabungsstätte nahe der Pyramiden von Gizeh, wo vermeintlich die Kräfte des Bösen am Werk sind und die sonst so sachliche Herangehensweise des Detektivs auf eine schwere Probe gestellt wird. Weitere Highlights sind „Der entführte Premierminister“ (Gegen Ende des Ersten Weltkrieges werden Poirot und Hastings in eine rasante Spionagegeschichte hineingezogen) sowie „Das Verschwinden Mister Davenheims“ (Poirot löst einen Fall, ohne sich vom Stuhl zu erheben) und „Das Abenteuer des italienischen Edelmannes“ (Ein Mord in einem geschlossenen Raum will aufgeklärt werden).

Wie schon in Christies Romanen, so stellt die Autorin auch hier die Kombinations- und Beobachtungsgabe des Lesers immer wieder vor einige Herausforderungen. Eifrig habe ich mich in die Fälle gestürzt, versucht mit Poirots Augen zu sehen und die kleinen grauen Zellen zu aktivieren, um Licht in die oft unlösbar wirkenden Fälle zu bringen. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich bei einem Großteil der Geschichten ähnlich ratlos war wie der gute Hastings, was wiederum für ihn oder gegen mich spricht. In jedem Fall ein Beleg dafür, wie gut Christie ihre Plots auch auf kleinstem Raum konstruiert bzw. konzipiert hat, denn Hinweise, welche der Schlüssel zur Lösung gewesen wären, findet (wer sich die Mühe macht) man im Nachhinein, wenn auch gut versteckt, immer. Dabei kommt natürlich, ganz in der Tradition des Whodunit, keine Spannung im wörtlichen Sinne auf, was der Kenner des Genres jedoch weiß und ihn wenig überraschen dürfte.

Poirot rechnet ab“ ist am Ende ein wirklich guter, eleganter und auch intelligenter Sammelband, der mit seinem vorzüglichen Humor und den schrägen Figuren bestens unterhält – und gleichzeitig das Verbrechen als Form der Unterhaltung gesellschafts- und salonfähig macht. Ein Leckerbissen für alle Fans der Queen of Crime und von klassisch-britischen Detektivgeschichten.

Wertung: 83 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Poirot rechnet ab
  • Originaltitel: Poirot investigates
  • Übersetzer: Ralph von Stedman
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 09/2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3596167647

Nachtrag: In der ursprünglichen Fassung dieser Rezension habe ich behauptet, die Serie mit David Suchet wäre eine BBC-Produktion. Das ist natürlich Unsinn, zeichnet hierfür doch ITV verantwortlich. Vielen Dank an Joachim Feldmann für den Hinweis zur Korrektur.

Schatten der Vergangenheit

© Heyne

Es hatte nach der Lektüre einige Tage gedauert, bis ich diese Rezension zu Robert Ludlums Auftakt der Bourne-Reihe in Angriff nehmen konnte – nicht zuletzt deshalb, weil die Lektüre, welche sich doch so gänzlich von der Verfilmung mit Matt Damon und Franka Potente in den Hauptrollen unterscheidet, auch noch nach der Beendigung auf den Leser einwirkt und aufgrund der vielen offenen Fragen Raum für Spekulationen lässt.

Die Bourne-Identität“, 1980 erschienen und hierzulande erst unter dem Titel „Der Borowski-Betrug“ veröffentlicht, bietet für Kenner des Films erfrischend viel Neues und nimmt, vom Beginn einmal abgesehen, einen Verlauf, der sich in erster Linie an der Ära des Kalten Krieges und der für die USA so schwerwiegenden Niederlage in Vietnam orientiert. Eine Ausgangslage, die gerade für jüngere Leser der Smartphone-Generation das ein oder andere Hindernis darstellen dürfte, sind doch nicht nur die hier dargestellten Möglichkeiten der Kommunikation äußerst gewöhnungsbedürftig. Während andere Agentenromane des Genres dies mit typischen „Klassiker“-Charme wettmachen können, hat Ludlums Werk doch hier und da eindeutig etwas Staub angesetzt. Es bedarf einer gewissen Geduld, um unter der grauen Patina das geniale Konstrukt der Handlung zu entdecken, welches für damalige Verhältnisse sicherlich einzigartig war. Diese sei hier kurz angerissen:

Im Mittelmeer ziehen Fischer einen schwer verletzten Mann aus den stürmischen Fluten. Sein Körper ist mit Schusswunden übersät, eine schwere, tief gehende Kopfverletzung scheint irreparablen Schaden hinterlassen zu haben. Dennoch bringen die Seeleute ihn zu einem britischen Arzt, in dessen Obhut der namenlose Patient nach langer Zeit wieder zu Bewusstsein gelangt. Doch wer ist der Mann? Von wo kommt er? Und wer ist für seinen Zustand verantwortlich? Nur langsam dringen Erinnerungsfetzen durch die Amnesie, kehren Teile des Gedächtnisses zurück. Aber erst ein Implantat in seiner Hüfte gibt ihm den entscheidenden Hinweis – ein Bankschließfach in Zürich, das unter dem Namen Jason Bourne läuft.

Nach sechs Monaten der Regeneration macht er sich auf den Weg in die Schweiz, nur um relativ schnell feststellen zu müssen, dass auch dort gewisse Männer immer noch seinen Tod wollen. Bourne beweist nun ungeahntes Geschick und beeindruckende Fähigkeiten – sowohl im Kampf wie beim listenreichen Katz-und-Maus-Spiel. Mit Hilfe der jungen Marie St. Jacques, die er als eine Art Lebensversicherung zur Geisel nimmt, tritt er die Flucht nach vorne an. Stets getrieben von Furcht, Instinkt und dem festen Willen, die Wahrheit über seine Identität in Erfahrung zu bringen, jagt er jedem noch so kleinem Indiz hinterher. Doch die Suche nach der eigenen Vergangenheit wird auch zum Wettkampf mit dem Tod, denn Carlos, ein international agierender Auftragskiller, ist ebenso hinter ihm her wie Teile des US-amerikanischen Geheimdienstes.

Cain ist für Charlie. Delta ist für Cain.“ Als Bourne den Sinn des Satzes begreift, der ihm immer wieder durch den Kopf geht, erkennt er schließlich wer und was er ist …

Auch wenn Jason Bourne bereits im TV-Mehrteiler „Agent ohne Namen“ Ende der 80er sein Filmdebüt feierte – richtig bekannt geworden ist die Geschichte um den unter Gedächtnisverlust leidenden Mann mit den vielen Eigenschaften erst durch Doug Limans cineastische Umsetzung aus dem Jahr 2002. Ein Erfolg, den sein Erfinder Robert Ludlum, der bereits im März des vorherigen Jahres an einem Herzinfarkt starb, nicht mehr miterleben durfte. Drei Kino-Fortsetzungen und weitere von Ghostwritern geschriebene Bücher künden von der immer noch großen Beliebtheit der Figur Jason Bourne, welche uns zwar wie James Bond in die Welt der Spionage führt, dem Leser aber einen schmutzigeren und weit weniger glamourösen Einblick in die Tätigkeiten und das Gegeneinander von Geheimdiensten, Agenten, Killern und Terroristen gewährt. Realismus heißt das Schlagwort der Bourne-Serie – und dem hat sich letztlich auch die Handlung unterzuordnen. Technische Gadgets, wunderschöne Frauen, nigelnagelneue Autos, auf hochglanzpolierte Stützpunkte größenwahnsinniger Bösewichte – all dies sucht man im Bourne-Universum vergebens. Stattdessen finden wir uns in dreckigen Gassen, dunklen Spelunken oder auf alten Bauernhöfen wieder, Spiegelbilder der Figuren, welche sie bevölkern. Und diese sind ebenfalls weitaus komplexer und düsterer angelegt, als man es sonst vom Genre des Polit- und-Agententhrillers gewohnt ist.

Obwohl ebenfalls Amerikaner, fehlt der US-typische Pathos hier fast gänzlich. Robert Ludlum lässt von Beginn an keinen Zweifel daran, dass Jason Bourne mit dem üblichen, moralisch erhabenen Helden, nichts gemein hat. Sein Handeln hat wenig gemeinnützige Züge, sondern ist vielmehr vom Instinkt geleitet, gleich einem Tier, das zum Jäger werden muss, um nicht selbst erlegt zu werden. Dies beeinflusst letztlich auch den Bezug des Lesers zum Hauptcharakter, dem man nicht wirklich mögen kann, da er uns dazu eigentlich kaum Anlass gibt. Auf der anderen Seite fasziniert die Amnesie der Figur, die aufgrund ihrer unbekannten Vergangenheit auch für uns Beobachter über lange Zeit unvorhersehbar bleibt. Plötzliche Wendungen und Erkenntnisse überraschen Leser und Hauptfigur gleichermaßen, lassen nur nach und nach ein größeres Bild in den vielen Puzzleteilen entdecken. Und selbst dies bleibt unscharf.

Die Faszination Jason Bourne, sein Reiz, liegt letztlich in der Einsamkeit der Figur. Er kann weder auf die geballte Macht eines Britischen Secret Service zurückgreifen, noch teilt er den Wissensstand seiner Gegner, die ihm, in der Person des Killers Carlos und dessen weltumspannenden Organisation, immer einen Schritt voraus sind – trotzdem gelingt es ihm nach und nach, den Spieß umzudrehen, mit kleinen, gezielten Hieben, seine Verfolger aus der Deckung zu locken. Immer wieder meistert er brenzlige Situationen, muss er Entscheidungen treffen, in Unkenntnis davon, ob ihn diese auf den richtigen oder falschen Weg führen. Doch gibt es diese Wahl für Bourne überhaupt? Ludlum lässt die wahren Wesenszüge nur sporadisch durchblitzen, zeigt uns einen gespaltenen Protagonisten, der sich und uns die Frage stellt, ob man durch das Wiedererlangen der verlorenen Vergangenheit auch wirklich ein anderer Mensch werden oder dem Schicksal am Ende doch nicht entrinnen kann.

Die Art und Weise, wie Ludlum Bourne um Facetten bereichert und Erfahrungen ergänzt, in immer wieder mögliche Richtungen wendet und dreht – das liest sich unheimlich spannend und packend, bildet gar das Fundament des ansonsten eher flachen Spannungsbogens, den der Autor mit Actionsequenzen garniert, die kurz aber dafür umso drastischer geraten sind. Sprachlich reißt Ludlum zwar keine stilistischen Bäume aus. Seine atmosphärische Schreibe passt aber zum doch sehr intensiven und gefühlsbetonten Plot, der mitunter schwierig zu durchschauen ist. Besonders am Anfang ist Aufmerksamkeit gefragt, um die vielen verschachtelten Zusammenhänge überblicken zu können. Wenige gute Arbeit leistet Ludlum in Punkto Dialoge. Vor allem die Konversationen zwischen Jason und Marie schaben haarscharf am Kitsch vorbei und beißen sich mit der ansonsten äußerst naturalistisch gestalteten Handlung. Überhaupt erachte ich die Figur Marie St. Jacques (zumindest für diesen ersten Band der Reihe) als vollkommen überflüssig. Da hat mir Franka Potentes Interpretation der Marie im Film weit besser gefallen.

Die Bourne-Identität“ ist eine gelungene Mischung aus Agenten-Thriller und „Hardboiled“-Action, die dank der unvorhersehbaren Geschichte und der schwer einzuordnenden Hauptfigur immer wieder aufs Neue in den Bann zu ziehen weiß. Ein kühles, schroffes, aber äußerst komplexes Werk, das allen Freunden anspruchsvollerer Spannungsliteratur nur ans Herz gelegt werden kann. Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung „Das Bourne-Imperium“. Schließlich sind noch einige Rechnungen zu begleichen…

Wertung: 88  von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Robert Ludlum
  • Titel: Die Bourne-Identität
  • Originaltitel: The Bourne Identity
  • Übersetzer: Heinz Zwack
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 656 Seiten
  • ISBN: 978-3453438583

Ein Pakt mit dem Teufel

© dtv

Sommer 2008, ich befand mich inmitten meiner Ausbildung zum Buchhändler und durchlief (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt) gerade die äußerst lehrreiche Zeit in der Reiseabteilung, als mir ein vom Zsolnay-Verlag ein Leseexemplar von Richards Starks „Fragen Sie den Papagei“ in die Hände fiel.

Obwohl nicht mehr für den Bereich der Belletristik eingeteilt, hatte ich seit meinem Beginn in der Buchhandlung bei der Gestaltung Krimi-Sparte durchgehend meine Finger im Spiel. Und wenn ich mal so bescheiden tönen darf – der Verkaufserfolg gab mir auch Recht. Dennoch war ich rückblickend betrachtet zu diesem Zeitpunkt allenfalls ein vielversprechender Laie mit gefährlichen Halbwissen, so dass ich Stark, der mit seinem richtigen Namen eigentlich Donald E. Westlake heißt, bis dato genauso wenig kannte, wie seine Kult-Figur Parker. Zu meiner Entschuldigung muss ich aber einwerfen: Richard Stark spielte damals bereits seit den 70er Jahren keine Rolle mehr auf dem hiesigen Buchmarkt. Und er selbst hatte seinen Anti-Helden seit dieser Zeit über zwanzig Jahre ruhen lassen.

Während also viele Kenner des Genres diese Wiederentdeckung mit der gebührenden Würdigung priesen, trafen Titel, Aufmachung und Kurzbeschreibung meinerseits auf ein gewisses skeptisches Unverständnis. Die Lektüre des Buches erfolgte zwischen Tür und Angel und aus reiner Höflichkeit – entsprechend mäßig fiel mein abschließendes Fazit aus. Es bedurfte einer erneuten Auseinandersetzung ein paar Jahre später – durch meine Tätigkeit auf der Krimi-Couch und die dortige Unterstützung vieler langjähriger Genre-Spezialisten inzwischen dem Novizentum entwachsen und mit einem erweiterten Horizont ausgestattet, was den Spannungsroman grundsätzlich betrifft – um auch für mich selbst die Faszination dieser Serie zu begreifen, wenngleich ich nach wie vor der Meinung bin, das „Fragen Sie den Papagei“ nicht zu den stärksten Werken aus (Achtung, Wortspiel) Starks Feder gehört und auch aus anderen Gründen nicht die beste Wahl war, um eine Renaissance des äußerst produktiven Schriftstellers einzuleiten. So bildet das vorliegende Buch nämlich den Mittelteil einer, durch eine geschlossene Handlung verbundenen Trilogie innerhalb der Reihe, die mit „Keiner rennt für immer“ beginnt und mit „Das Geld war schmutzig“, dem letzten Parker-Roman, abschließt. Beide Titel erschienen allerdings erst später bei Zsolnay bzw. dtv.

Dies ist insofern wichtig, da der Leser zwar per se bei Stark immer ohne Warnung in eine Handlung geworfen wird – im Stile der klassischen Samstagnachmittagsserien des US-Fernsehens springt man direkt ins Geschehen – man hier aber besonders mit den offenen Fragen hadert, wie und warum die Protagonisten in die von uns vorgefundene Situation gekommen sind. Und die stellt sich wie folgt dar:

Irgendwo in der tiefsten Provinz des US-Staats New York. Parker (seinen Vornamen erfahren wir nie) befindet sich nach einem misslungen Bankraub (siehe „Keiner rennt für immer“) auf der Flucht vor der Polizei und wird von Hunden, auf seine Fersen angesetzt, quer durch die Wälder gehetzt. Der Vorsprung schwindet mit jeder Minute, die Lage scheint ausweglos. Doch Parker hat Glück im Unglück und trifft auf den alten Einsiedler Tom Lindahl, der ihn sofort als den flüchtigen Bankräuber aus den Nachrichten erkennt und kurzerhand beschließt, diesem zu helfen. Doch seine Tat ist nicht uneigennützig, sieht er das Zusammentreffen doch vor allem als Chance sich einen langjährigen Traum zu erfüllen. Unter der Einsamkeit leidend, plant er seit langem einen Raubzug gegen die alte Pferderennbahn, in der er bis zu seinem Rentenantritt gearbeitet hat, bis man ihn schließlich fristlos kündigte. Allein der Mut, dies in die Tat umzusetzen, er hat ihm bis dato gefehlt. Nun, mit Parker an seiner Seite, sieht er sich in der Lage diese oft verworfenen Gedankenspiele in die Tat umzusetzen. Der wiederum braucht das Geld für die Fortsetzung seiner Flucht und willigt kurzerhand ein. Schon bald wird Lindahl klar, dass er einen Pakt mit einem äußerst gerissenen und vor allem eiskalten Teufel geschlossen hat …

Wenn ich mich heute so auf meinem Sofa umdrehe und dort die Vielzahl der bei Zsolnay veröffentlichten Stark-Titel erblicke, bin ich doch etwas verwundert, dass eine solche Art Krimi in den heutigen Zeiten tatsächlich noch augenscheinlich einen so lohnenswerten Absatz generiert hat, wartet doch die Parker-Reihe auf den ersten Blick mit nur äußerst wenig von den auf, was der durchschnittliche Freund von Spannungsliteratur so gemeinhin unter Krimi versteht. Mord, Serientäter, Leiche, Polizist und allenfalls noch Privatdetektiv – so ziehen viele Leser inzwischen nicht nur ihre persönlichen Grenzen des Genres, sondern legen damit auch gleichzeitig die benötigten Zutaten für „fesselnde und packende Unterhaltung“ fest. Und nun kommt da ein solcher Roman daher, der ohne moralisch korrekten Sympathieträger aufwartet und in der Art des Storytellings auch kurzerhand den Weg zum Ziel deklariert. Was manch einer jedoch für eine Revolution hält, ist schlichtweg nichts geringeren als die Renaissance des klassischen „Noir“, wie ihn auch schon James M. Cain einst geschrieben – und der sich seitdem nicht groß weiterentwickelt hat. Und warum sollte er auch, wo doch „Fragen Sie den Papagei“ ein treffliches Beispiel dafür ist, dass man nichts reparieren muss, was nicht kaputt ist.

Richard Stark hat seinem Gauner Parker für lange Zeit den Rücken gekehrt und ihn jetzt genauso aus der Schublade herausgeholt, wie er ihn einst reingelegt hat. Soll heißen: Die Zugeständnisse des Autors an die modernen Anforderungen an einem Krimi kann man nicht nur an einem Finger abzählen, sie verwässern auch nicht ein Jota das ursprüngliche Grundrezept. Gottseidank, möchte man rufen, hat doch diese Serie schon immer von der kühlen Planung des absoluten Profis Parker und dessen noch größerer Befähigung zur Improvisation gelebt. Und sowohl im einen wie auch im anderen läuft der alte Kämpe mal wieder zur Höchstform auf, vorangetrieben von einer messerscharfen, knappen Sprache, die sich jegliche Umschweife und Ausschmückungen versagt und – ähnlich wie Elmore Leonard – kein Wort zu viel verliert. Tempo heißt das Stichwort und so klemmt Stark seinen Plot von Beginn an unter das herunter gedrückte Gaspedal, welches den roten Faden wie die Mittelspur eines geraden Highways Seite für Seite mit Vollgas schluckt. Allerdings nicht ohne dabei einen paar Schikanen, äußerst scharfe Kurven und Wendungen einzubauen.

Und genau hieraus ergibt sich die Faszination dieser Serie, setzte Stark mit seiner Figur Maßstäbe, an denen sich heute auch noch Autoren wie Gary Disher oder Wallace Stroby messen lassen müssen. Ein Mann ohne Gewissen, stets irgendwie Herr selbst der ausweglosesten Lage und ein Meister darin, seine Umgebung geschickt und äußerst elegant für die eigenen Zwecke zu manipulieren und einzuspannen, weil ihm keine Schwäche verborgen bleibt, jede offene Flanke notiert und als potenzielles Angriffsziel auserkoren wird. Eine oftmals bittere Lektion für seine Mitstreiter, in diesem Fall Tom Lindahl, der relativ schnell feststellen muss, dass Planung und Ausführung eines Verbrechens zwei verschiedene paar Schuhe – und insbesondere die letzteren ihm ein paar Nummern zu groß sind. Ihm fehlt schlicht dieser letzter Schuss Skrupellosigkeit für diesen Job. Eine Tatsache, welche natürlich auch Parker nicht entgeht, dem es am Ende nur auf eins ankommt – seinen Schnitt zu machen. Und das ist notwendig, denn obwohl Profi, so muss auch der Verbrecher aus Berufung immer wieder Rückschläge verkraften und, um seine eigene Haut zu retten, selbst die Beute mal am Tatort zurücklassen.

Was es Näheres mit dem Titel auf sich hat? Nun, das ward an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel sei gesagt: Er ist gut gewählt für diesen äußerst kurzweiligen Vertreter des „Noir“, der vor allem durch seine kahle, aber unheimlich pointierte und wortwitzige Sprache zu überzeugen weiß und dessen offenes Ende den Leser fast schon zwingt, zum Nachfolger „Das Geld war schmutzig“ zu greifen. Denn er macht auch deutlich – der Krimi kann soviel mehr als nur Mord und Leichen.

Wertung: 82  von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Richard Stark
  • Titel: Fragen Sie den Papagei
  • Originaltitel: Ask the Parrot
  • Übersetzer: Dirk van Gunsteren
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 06.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256 Seiten
  • ISBN: 978-3423212106

Dirty Harry from Glasgow

© Heyne Hardcore

Einen langen, nicht immer ganz geradlinigen Weg hat der „Tartan Noir“ seit Alexander McArthurs „No Mean City“ (vielen Dank für den Tipp, lieber Jochen König) und William McIlvanneys referentieller „Laidlaw“-Reihe genommen. Anfangs noch allenfalls ein die beschriebenen Großstädte betreffendes, regionales Literatur-Phänomen, hat sich dieses Sub-Genre des Spannungsromans inzwischen auch international etabliert – mehr noch, die Schar der Autoren, welche den schottischen Noir beleben, wächst beständig, was wiederum dazu führt, dass wir auch hierzulande inzwischen aus einer ganzen Reihe von Namen wählen können.

Neben alteingesessenen Schriftstellern wie Ian Rankin, Louise Welsh, Denise Mina, Val McDermid oder Stuart MacBride haben es ganz besonders Neueinsteiger aber nicht immer leicht, was sich auch im Falle von Alan Parks bemerkbar macht, der einen Großteil seines Lebens als Creative Director bei London Records und später bei Warner Music tätig und dort unter anderem für so bekannte Acts wie New Order, All Saints, The Streets oder Gnarls Barkley zuständig war. Nach über dreißig Jahren im Musikbusiness wählt er jetzt einen neuen Berufsweg und legt in einem vergleichsweise fortgeschrittenen Alter seinen Debütroman „Blutiger Januar“ vor – und hat dabei so die ein oder anderen Schwierigkeiten.

Obwohl selbst in Paisley aufgewachsen und später in London wohnhaft, empfindet Parks Glasgow, wo er auch Philosophie studierte, als seine eigentliche Heimatstadt. Und er ist bei seiner Rückkehr in die Metropole im Norden Großbritanniens nicht nur durchaus beeindruckt über deren gewandeltes Äußeres, sondern auch über die strukturellen Veränderungen, welche die Stadt seit den frühen 70ern durchlaufen hat. So beeindruckt, dass er sich intensiver mit der Geschichte Glasgows im 20. Jahrhundert zu beschäftigen beginnt und darüber die Idee entwickelt, im Gewand eines Kriminalromans genau diese historische Entwicklung abzubilden.

Ein interessantes Ansinnen, diese Zeitreise, welche zudem eine Epoche beleuchtet, in der gerade diese Stadt wirtschaftlich vollkommen am Boden lag und die Kriminalität einen historischen Höchststand erreichte. Also eigentlich beste Voraussetzungen und literarisch fruchtbarer Boden für einen harten, toughen Cop, der sich dieses verbrecherischen Gesindels annimmt und nach bester, alter Noir-Schule mit sturem Dickkopf jegliche Hindernisse durchbricht. Und genau hier offenbaren sich die bereits erwähnten Probleme, denn nicht nur das Anti-Held Harry McCoy jegliche Stereotype fast eins zu eins verkörpert – Parks beherzigt die Maxime „Show, don’t tell“ einfach zu selten, was insbesondere den Einstieg in die Lektüre nicht immer ganz einfach macht.

Diese nimmt ihren Anfang am Neujahrstag 1973 in eben besagten Glasgow. Eine vom Kohleruß und hässlichen Betonblockbauten gezeichnete Stadt, in welcher die Abwanderung ganzer Industriezweige zu einer immer höher steigenden Arbeitslosigkeit geführt und diese allgegenwärtige Depression wiederum viele in die Schattenwelt der Gesetzlosigkeit getrieben hat. Korruption, Drogenkonsum und -handel, Prostitution – die Wege der Armut oder einfach nur der bedrückenden Realität zu entfliehen sind mannigfaltig und die hiesigen Gesetzeshüter sind nicht selten an dem ein oder anderem illegalen Geschäftszweig selbst beteiligt. Kein einfaches Pflaster also, um Recht und Ordnung zum Sieg zu verhelfen. Schon gar nicht für Detective Harry McCoy, erst dreißig Jahre alt und doch Hoffnungsträger im hiesigen Polizeirevier, hat er doch bereits einige schwierige Fälle lösen können. Was viele jedoch nicht wissen: McCoy hat eine äußerst harte Jugend hinter sich, darunter mehrere Jahre in einem Kinderheim, wo er sich fortwährender Gewalt ausgesetzt sah und ausgerechnet in Stevie Cooper seinen einzigen Freund und Beschützer fand. Der ist inzwischen zum inoffiziellen König der Unterwelt aufgestiegen, welche er mit soziopathisch-brutaler, immer schlimmer ausufernder Gewalt kontrolliert. Und wann immer es seiner Sache dienlich ist, fordert er von McCoy einen Gefallen ein.

Gefangen zwischen seinem Diensteid und der Loyalität zu Cooper flüchtet sich McCoy ebenso regelmäßig in Alkohol und Drogen, wie er die lokalen Bordelle besucht. Eine Abwärtsspirale, die scheinbar kein Ende kennt und an der auch die Gegenwart seines neuen Partners „Wattie“ Watson wenig ändert, der ihm zur Seite gestellt wurde, um einen besonders mysteriösen Mordfall zu lösen: Der wegen Mordes verurteilte Häftling Nairn hatte McCoy um einen Besuch im Gefängnis gebeten und ihm dort verraten, dass eine junge Frau namens Lorna am nächsten Tag getötet werden soll. Obwohl er diese Warnung durchaus ernst nimmt, kann der Detective dieses angekündigte Verbrechen nicht verhindern. Ein achtzehnjähriger erschießt Lorna vor seinen Augen auf offener Straße, um anschließend sich selbst zu richten. Das Motiv, unbekannt. Während man seitens der Polizei den Fall schnell abschließen und zu den Akten legen will, treibt McCoy die Nachforschungen unerbittlich voran, stöbert im Dreck und entdeckt bald eine Spur, welche ihn direkt in die Kreise der besseren Gesellschaft führt …

Alan Parks‘ Auftakt zur inzwischen drei Bände umfassenden Reihe (der vierte erscheint dieses Jahr) zu beurteilen, ist wahrlich keine einfache Aufgabe, gibt es doch hier sowohl viel Licht, als auch viel Schatten. Beginnen wir einfach mal mit den negativen Aspekten dieses Romans, welche zwar alle für sich genommen durchaus im Rahmen eines typischen Erstlingswerks bleiben, in ihrer Häufigkeit aber besonders zur Mitte hin immer wieder störend ins Auge fallen, zumal – und das wäre einer der Kritikpunkte – Parks bei der Ausarbeitung der Handlung, also dem Plotting an sich, noch eine gewisse Sicherheit vermissen lässt. Nicht nur, dass die Geschichte selbst so bereits mehrfach erzählt worden ist (u.a. zu Ian Rankins Werk „Ehrensache“ sind einige äußerst deutliche Parallelen zu erkennen), sie leidet auch zu oft unter den mäandernden Nebenschauplätzen und verliert, auf Kosten des Spannungsbogens, den eigentlichen roten Faden aus den Augen. So führt die Spur auf dem Weg zu der betuchten Familie Dunlop nicht nur in schöner Regelmäßigkeit in diverse Sackgassen – das eigentliche Verbrechen zu Beginn gerät dabei zudem viel zu schnell in den Hintergrund, fast so, als ob Parks das Ende bereits lange vorher zu Papier gebracht hätte und nur einen Aufhänger gesucht hat, um mit Harry McCoy dort hinzu gelangen.

Womit wir beim nächsten Kritikpunkt angelangt wären, den Figuren – allen voran Hauptprotagonist Harry McCoy. Dass es sich bei ihm, entsprechend den Gesetzen des Genres, ganz und gar nicht um einen ausgewiesenen Sympathieträger handelt, wiegt weniger schwer, als dessen inkonsequente Zeichnung – fragt man sich doch, woher dessen guter Ruf, insbesondere bei seinem Vorgesetzten Murray, rührt. Natürlich hat ihm die Unterstützung Coopers in der Vergangenheit zu dem ein oder anderen Erfolg in den Reihen der Unterwelt verholfen. Dies wiederum erklärt aber nicht, wie es jemand, dem es so augenscheinlich an jeglichem Rüstzeug zu einem guten Ermittler mangelt, überhaupt so lange in dem Beruf bestehen konnte.

Drogen- und Alkoholabhängig ist er den Großteil des Tages vor allem mit sich selbst beschäftigt, kann den Anblick von Leichen, geschweige denn deren Obduktion nicht ertragen und sich auch körperlich im Zweikampf nicht durchsetzen. Hinzu kommen die Traumata aus der Zeit im Kinderheim, welche ihn zusätzlich in der Ausübung seiner Pflicht behindern. Zusammengenommen ergeben sie das Bild eines ziemlichen Schwächlings, der es zwar, unter anderem in Anwesenheit der Dunlops, an einer großen Klappe nicht fehlen lässt, im entscheidenden Moment aber in den seltensten Fällen irgendeine Form von Rückgrat zeigt. Möglich, dass wir hier erst den Beginn einer Entwicklung sehen, die Parks in den kommenden Bänden weiterverfolgen wird – es ändert aber nichts daran, dass man besonders zu Anfang nur schwer Zugang zu McCoy findet. (Joseph Knox hat dies z.B, mit Aidan Waits, der auffällig viele Gemeinsamkeiten mit dem Glasgower Cop hat, weit besser hinbekommen)

Grund für diese Dysfunktionalität McCoys ist dabei vor allem dessen Überzeichnung. Eine etwas lästige Unart von Alan Parks, welche sich nicht nur in den ausufernden Gewaltdarstellungen widerspiegelt, sondern auch alle anderen Charaktere betrifft, wodurch vor allem die gestelzten Dialoge manchmal am Rande der Lächerlichkeit vorbeischrammen bzw. ungewollt komisch daherkommen (Der tollen Übersetzerin Conny Lösch ist hier explizit kein Vorwurf zu machen). Stevie Cooper ist tatsächlich der einzige, der von dieser exaggerierenden Feder profitiert und als vollkommenen von der Kette gelassener Psychopath durchaus zu überzeugen und für nachhaltig wirkende Momente zu sorgen weiß. Überhaupt macht es den Anschein, dass sich Parks in den düsteren Abgründen der Stadt weitaus sicherer bewegt, als im Umfeld der Polizeibehörde, womit wir nun auch zur größten, ja herausragenden Stärke des Romans kommen: Dem Glasgow der frühen 70er Jahre.

Eine Zeit auch der äußerlichen Veränderungen für Glasgow, in der die alten Gebäude der so genannten Gorbals durch Hochhausbebauungen ersetzt wurden, welche durch ihre vorspringenden Balkone von den Bewohnern äußerst zynisch als „Die hängenden Gärten“ bezeichnet wurden. Als Vorbild dienten hier die auf Stelzen stehenden Bauten aus Marseille, allerdings erwies sich der Beton als dem Wetter in Glasgow nicht gewachsen. Inmitten der Wirtschaftskrise konnte die Glasgower Stadtverwaltung die Kosten für eine Instandhaltung nicht aufbringen, was einen relativ schnellen Verfall der Gebäude zur Folge hatte. Aus den „hängenden Gärten“ wurde „Alcatraz“ – Heimat für viele tausend Migranten aus Asien und, wenn dann irgendwann verlassen und leerstehend, auch für die ebenso große Zahl an Obdachlosen. Dieses schmutzige, dunkle und unter dem Winterschnee erstarrte Glasgow erweckt Alan Parks wirklich vortrefflich und stimmungsvoll zum Leben. Mitunter so plastisch, das man sich selbst dabei ertappt, wie man sich tiefer in den Lesesessel drückt, weil einen die Kälte – sowohl die witterungsbedingte als auch die gesellschaftliche – so zwischen den Seiten in ihren Fängen hat. In der Kombination mit den typischen Merkmalen der 70er und einem feinen Gespür für die Musik dieser Zeit (David Bowie hat einen kurzen Cameo-Auftritt), besetzt Glasgow die für mich (noch) vakante Stelle der Hauptfigur – und rettet damit letztendlich den Roman.

Blutiger Januar“ ist am Ende vor allem eins – ein typisches Debütwerk, das enorm viel Potenzial andeutet, aber noch nicht immer zielgerichtet nutzt, mit gleich mehreren offenen Fragen (z.B. welches Spiel spielt Murray?) und dank des so atmosphärischen Settings aber durchaus Lust auf eine Fortsetzung macht – in der Hoffnung, dass Parks sich in dieser ein bisschen weniger auf die Gewaltexzesse selbst, als vielmehr auf deren Ursachen konzentriert.

Wertung: 81 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Alan Parks
  • Titel: Blutiger Januar
  • Originaltitel: Bloody January
  • Übersetzer: Conny Lösch
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 09/2018
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 400 Seiten
  • ISBN: 978-3453271883

They call me Mister Tibbs

© DuMont

Selbst in Kreisen von Buchhändlern und Krimi-Liebhabern wird der Name John Ball heute wohl zumeist auf Kopfschütteln stoßen. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht, dass es im Mittelalter einen englischen Priester diesen Namens gegeben hat, der in seinen Predigten für die soziale Gleichheit aller Menschen und die Aufhebung der Standesgrenzen eintrat. Aber nur die wenigsten bringen ihn wohl mit dem Film, „In der Hitze der Nacht“, oder überhaupt mit dem Genre des Kriminalromans in Verbindung.

John Dudley Ball, so sein voller Name, ist in Vergessenheit geraten, seine Bücher um den schwarzen Detective Virgil Tibbs, sind seit ihrer Neuauflage im Rahmen der Dumont-Kriminalbibliothek, vom Büchermarkt verschwunden. Grund genug sein Erstlingswerk, das im Jahre 1966 mit dem Edgar Award für das beste Debüt ausgezeichnet wurde, nach längerem staubigen Aufenthalt aus dem Regal zu ziehen und nochmals zu lesen.

Das kleine Südstaatenkaff Wells, Mitte der 60er Jahre. Während schon offiziell die von Washington aus forcierte Rassentrennung gilt und Martin Luther King seine Mitstreiter zu letzten Gefechten aufruft, gilt hier immer noch die alte, weiße Ordnung. Auf den ersten Blick idyllisch und friedlich wirkend, brodelt unter der Fassade allgegenwärtiges Misstrauen und Rassenhass. Der amtierende Sheriff, ein ehemaliger Gefängniswärter, hat den Job nur wegen seiner fremdenfeindlichen Gesinnung bekommen. Und auch sonst hat kaum einer im Dienste des kleinen Polizeireviers eine entsprechende Ausbildung oder verfügt über die notwendigen Kenntnisse seines Berufs. Doch das ist soweit nicht von Belang, denn Wells ist eine sichere Stadt.

Alle Maßnahmen, besonders bezüglich der Verhinderung des Kontakts von Weißen und Schwarzen, wurden getroffen. Getrennte Toiletten, getrennte Wartesäle, getrennte Hotels und Restaurants. Das die Einrichtungen für Letztere zu Wünschen übrig lassen, ist hier selbstverständlich. Neger, diese Bezeichnung ist im Süden weiterhin gebräuchlich, sind einen Dreck wert. Auf den nächtlichen Streifen hält man lieber nach schlafenden Hunden Ausschau, über deren Wohlbefinden und Gesundheit man sich mehr Sorgen macht als um die Farbigen. Eine harmonische Kleinstadt also, wo man mit nachbarlicher Herzlichkeit und einer blauäugigen Haltung des Wegschauens den American Dream der 60er Jahre lebt. Zumindest so lange, bis ein Mord die sauber konstruierte Idylle erschüttert.

In der Hitze der Nacht wird der Organisator der kommenden Musikfestspiele tot auf der Straße aufgefunden. Und mit einem am Bahnhof wartenden fremden Schwarzen hat man schnell einen Hauptverdächtigen bei der Hand. Als dieser sich dann allerdings als Polizist aus Kalifornien mit Namen Virgil Tibbs herausstellt, der in seinem Morddezernat in Pasadena den Ruf eines professionellen und kompetenten Ermittlers genießt, droht die halsstarrige Haltung der Einheimischen gegenüber Schwarzen bald widerwillig Risse zu zeigen. Denn es ist Tibbs, der in dem mysteriösen Fall als einziger den Überblick behält und den richtigen Spuren folgt.

Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man forsch behauptet, dass „In der Hitze der Nacht“ zu den wichtigsten Werken in der Geschichte des Kriminalromans zählt. Nicht nur das Buch selbst, auch die sich eng an der literarischen Vorlage orientierende Verfilmung von United Artists aus dem Jahre 1967, mit Sidney Poitier als Virgil Tibbs und Rod Steiger als Chief Gillespie, wurde mit Preisen, darunter zwei Oscars (für den besten Film und den besten Hauptdarsteller Steiger), überhäuft. In einer Zeit, wo man, besonders in der Literatur, vor vielerlei Dingen die Augen verschloss, hat John Ball den Finger tief in die Wunde gelegt. Er zeigt ein zerrissenes Amerika, mit einem Norden, in dem bereits ein neues Verständnis der Hautfarbe herrscht, während der Süden seine alten Ressentiments noch immer mit Eifer pflegt. Mit Tibbs‘ Ankunft in Wells kommt es zu einer Konfrontation zweier Welten und Wertvorstellungen, die nicht einer gewissen, wenn auch tragischen, Komik entbehrt.

Auf der einen Seite die Polizeikräfte von Wells, ungeschult, ohne jegliche Erfahrung und auf beschämende Weise ideenlos. Auf der anderen Seite Virgil Tibbs, ein moderner und in seiner Heimat angesehener Ermittler, der nun gemeinsam mit Kollegen, die ihn für Abschaum und mit dieser Meinung nicht hinter dem Berg halten, einen Mord aufklären soll. Mit nicht selten beißendem Spott und Hohn stellt Ball hier die Sinnlosigkeit des Rassendenkens bloß. Von der scheinbaren Überlegenheit der Weißen bleibt sehr schnell nicht mehr als offensichtliche Inkompetenz, aus der sich manche der Dorfbewohner nur noch mit blindwütiger Gewalt zu retten versuchen. Wo sonst klischeehafte Charaktere die Krimihandlung bevölkern, scheint Ball äußerst genau beobachtet zu haben. Und auch Virgil Tibbs selbst ist alles andere als perfekt. Sein anfangs zur Schau gestellter Gleichmut ob der vielen Anfeindungen und Demütigungen, weicht im weiteren Verlauf schließlich Frustration und Zorn, denn ein Versagen in diesem Fall, würde allein ihm in die Schuhe geschoben werden. Und Tibbs ist, vielleicht ungewöhnlich für einen Schwarzen in dieser Zeit, sehr von sich eingenommen:

Den Bartstoppeln nach zu urteilen, würde ich sagen, er war die ganze Nacht auf den Beinen. Wenn er nach Hause gegangen wäre, um seine Schuhe zu wechseln, hätte er sich höchstwahrscheinlich auch rasiert. Daß er sich regelmäßig rasiert, sieht man an den kleinen Schnitten unter seinem Kinn.“

Ich habe keine Schnitte gesehen„, erwiderte Gillespie in provozierendem Ton.

Ich sitze tiefer als Sie, Chief Gillespie„, antwortete Tibbs, „und auf meiner Seite was das Licht besser.“

Sie scheinen sich ihrer Sache ja mächtig sicher zu sein, was, Virgil?“ gab Gillespie zurück. „Übrigens ist Virgil ein ziemlich ausgefallenen Name für einen schwarzen Jungen wie Sie. Wie nennt man Sie denn zu Hause, wo Sie herkommen?“

Dort nennt man mich Mr. Tibbs“, antwortet Virgil.

In der Hitze der Nacht“ überzeugt mit einem stetig spannender werdenden Fall, der nicht nur bemerkenswert intelligent konstruiert wurde, sondern den der Leser auch durch die Augen vieler Beteiligter und somit aus mehreren moralischen Blickwinkeln verfolgen kann. Gerade aber Tibbs‘ Gedanken bleiben, für einen Detektivroman ungewöhnlich, undurchschaubar. Seine Ermittlungen führt er für sich, manchmal unter Ausschluss des Lesers, der in dieser Zeit das Handeln anderer Figuren verfolgt und nur dank derer erfährt, wo sich Tibbs überhaupt befindet. Umso erstaunlicher, dass Ball dennoch dem geschickten Beobachter alle Details zur Hand gibt, um den Fall selbst lösen zu können. Die Mehrheit wird sich allerdings, vertrauend auf Tibbs‘ Brillanz, die er wie der große Sherlock Holmes in kleinen Proben seines Scharfsinns unter Beweis stellt, zurück lehnen und unterhalten lassen.

Virgil Tibbs‘ erster Fall ist ein bis über die letzte Seite hinaus beeindruckender Krimi, der mit seinem genialem, selbstbewussten Ermittler und dem letztlich bewegendem Tiefgang auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Ein Klassiker unter den Detektivromanen und ein Juwel innerhalb der Dumont-Kriminalbibliothek, den ich jedem Freund von intelligenter und gesellschaftskritischer Literatur nur ans Herz legen kann.

Wertung: 96 von 100 Treffern

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  • Autor: John Dudley Ball
  • Titel: In der Hitze der Nacht
  • Originaltitel: In the Heat of the Night
  • Übersetzer: Beate Felten-Leidel
  • Verlag: DuMont Kriminal-Bibliothek
  • Erschienen: 1997
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 175 Seiten
  • ISBN: 978-3770138326

Wer anderen eine Grube gräbt

© Atlantik

Aller guten Dinge sind drei. Nachdem ihr Debütwerk, „Das fehlende Glied in der Kette“, sowie der erste Band aus der Tommy-und-Tuppence-Beresford-Reihe, „Ein gefährlicher Gegner“, zwar beide positive Resonanz erfuhren, aber der große literarische Durchbruch bis dato ausgeblieben war, ließ Agatha Christie im Jahr 1923 mit „Mord auf dem Goldplatz“ den zweiten Kriminalroman um Hercule Poirot und seinen Freund Captain Hastings folgen – und hatte damit nun endlich den lang ersehnten Erfolg. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil Zeitungen, wie z.B. „The Times“, den belgischen Detektiv jetzt in einem Atemzug mit der bisherigen Ikone, Sherlock Holmes, nannten, was dem Bekanntheitsgrad der noch neuen Figur enorm zugute kam.

Persönlich begannen für Agatha Christie die frühen 20er Jahre jedoch weniger erfreulich. In ihrer Ehe mit Oberst Archibald Christie begann es zu kriseln, weil er sie zum einen berufsbedingt häufig allein ließ und zum anderen eine, laut ihren eigenen Worten „an Sucht erinnernde Vorliebe“, für das Golfspiel entwickelt hatte. Wenn er überhaupt einmal zuhause weilte, verbrachte er den Großteil seiner Freizeit auf den Golfplatz, weswegen sich Agatha Christie bald als „Golf-Witwe“ bezeichnete. Ihren Frust verarbeitete sie daraufhin kurzerhand in dem vorliegenden Roman, dessen Widmung natürlich als ironischer Wink mit dem Zaunpfahl an den Gatten interpretiert werden kann. Archibald hatte nie viel Interesse an ihrer Schreiberei gezeigt und letztlich sollte die Autorin den Konkurrenzkampf mit dem Sport Golf auch verlieren. Im Jahre 1926 gestand er ihr einer Affäre mit seiner neuen Golfpartnerin, die er nach ihrer Scheidung sogar heiratete. Agatha Christie nahm nie wieder einen Golfschläger in die Hand und mied fortan auch jeglichen Golfplatz.

Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, dass „Mord auf dem Golfplatz“ mit Sicherheit zu ihren besten Werken mit dem Protagonisten Hercule Poirot zählt, der hier nicht nur einen seiner kniffeligsten Fälle zu lösen hat, sondern auch – als einziger Roman der Reihe – fast ausschließlich im Norden Frankreichs spielt, wo Christie als junge Frau selbst einige Zeit lebte. Die Handlung nimmt ihren Anfang im fiktiven Dorf Merlinville-sur-mer, das laut Poirots eigenen Worten irgendwo zwischen Boulogne und Calais liegt:

Nachdem Poirot und Hastings, die sich mittlerweile in London eine Wohnung teilen, ein Brief erreicht, überqueren sie den Kanal, um sich mit Monsieur Renauld zu treffen, der, hier ansässig, sein Leben in Gefahr glaubt und um die dringende Unterstützung des bekannten Detektivs bittet. Poirot, dessen kleine graue Zellen schon lange nicht mehr gefordert wurden und der von den unspektakulären Fällen der letzten Zeit genug hat, kommt trotz aller Eile zu spät. Noch bevor er mit seinem Mandanten ein Wort wechseln kann, wird dieser tot in einer ausgehobenen Grube auf dem nahe gelegenen Golfplatz gefunden, während man seine Ehefrau gefesselt und geknebelt im Schlafzimmer entdeckt. Alle Indizien scheinen eigentlich klar auf einen Einbruch hinzudeuten. Und auch für den arroganten Ermittler der Sûreté, Monsieur Giraud, scheint der Fall gelöst. Niemand anderes als der Sohn, Jack Renauld, der für den Abend kein Alibi aufzuweisen hat, kann die Tat begangen haben. Doch Poirot selbst kommen Zweifel, die sich auch schon nach kurzer Zeit als berechtigt erweisen sollen …

Das liest sich auf den ersten Blick wie jeder andere typische Vertreter des klassischen Whodunits, aber „Mord auf dem Golfplatz“ birgt durchaus einige Besonderheiten. Nicht nur kommt der vorliegende Roman weit düsterer daher als die sonst eher gemütlichen Titel dieses Sub-Genres – mit Monsieur Giraud setzt Christie zudem auch einen zweiten „Hahn“ in den Stall, der sich von vorneherein gegen Poirots Teilnahme sperrt und diesem extrem feindlich gesinnt ist. Der Belgier, üblicherweise selbst gewohnt, die Bühne allein für sich zu beanspruchen, zeigt sich anfangs äußerst irritiert darüber, sein Scheinwerferlicht teilen zu müssen und ist derart in dem Konkurrenzkampf gefangen, dass er dadurch fast den eigentlichen Fall vergisst. Christie gibt sich hier viel Mühe, das Kräftemessen der zwei Egomanen in Szene zu setzen und geizt dabei weder mit Situationskomik noch mit einer gewaltigen Portion britischen Humors. Konkurrenz belebt in diesem Buch nicht nur das Geschäft, sondern vor allem die Handlung. Und sorgt letztlich auch dafür, dass der Belgier mit dem eiförmigen Kopf zur Höchstform aufläuft. Ihm spielt dabei vor allem sein gutes Gedächtnis in die Karten, denn sein Wissen über vergangene Fälle mit ähnlichem Tathergang soll sich bei der Lösung als äußerst nützlich erweisen.

Weniger nützlich ist diesmal Captain Hastings, der sich Hals über Kopf in die in dem Mordfall verwickelte Dulcie Duveen verliebt, was wiederum im weiteren Verlauf die Freundschaft zwischen ihm und Poirot auf eine harte Probe stellt. Später wird Hastings seine große Liebe heiraten und mit ihr gemeinsam nach Argentinien ausreisen, womit sich Agatha Christie einen persönlichen Wunsch erfüllt, die dieser Figur bereits seit dem ersten Roman überdrüssig geworden war und ihn von der Bildfläche verschwinden lassen wollte. Wie Arthur Conan Doyle, der Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen entledigte, um ihn auf Druck der Leserschaft doch wieder zum Leben zu erwecken, so holt aber auch die Queen of Crime Poirots etwas naiven, aber gutmütigen Partner schon früh wieder zurück an dessen Seite. Schon im übernächsten Band der Reihe, „Die großen Vier“, wird er erneut mit von der Partie sein und erst 1937 für längere Zeit aus der Serie verschwinden, um dann sein Comeback und den letzten Auftritt erst wieder im Finale, „Der Vorhang“, zu feiern. Obwohl daher ein Großteil der Hercule-Poirot-Romane ohne Captain Hastings auskommt, ist er, wie Dr. Watson bei Sherlock Holmes, bis heute fest in unserer Erinnerung verwurzelt.

Und was tut sich in Punkto Spannungsmoment? Nun, wie jeder guter Rätselkrimi, so lebt auch dieser – der übrigens nur (wir wissen ja auch jetzt warum) wenige Zeit auf dem Golfplatz spielt – von den geschickt ausgelegten falschen Spuren und überraschenden Wendungen, wobei sich Agatha Christie hier eindeutig von Sir Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „Abbey Grange“ (siehe „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“) sowie dessen Roman „Das Tal der Furcht“ inspirieren ließ. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch, denn wie geschickt und ausgekocht Poirot auch diesmal wieder die losen Fäden verknüpft, das weiß selbst fast hundert Jahre nach der Veröffentlichung des Romans noch zu begeistern. Mehr noch: Frönt Christie in ihren Krimis zumeist eher einer beschaulichen Gangart, entwickelt sich dieser Whodunit gegen Ende hin zu einem fesselnden Pageturner, den man auch für alle guten Worte nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Mord auf dem Golfplatz“ – das ist ein herrlich unterhaltsames Krimi-Kammerspiel von der ersten bis zur letzten Seite, das erstaunlich viele Haken schlägt und uns bis zum Schluss gekonnt im Dunkeln tappen lässt. Ein echtes Muss für alle Freunde der Queen of Crime und eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Liebhaber des klassischen britischen Krimis aus dem Golden Age.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Mord auf dem Golfplatz
  • Originaltitel: The Murder on the Links
  • Übersetzer: Gabriele Haefs
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 04/2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3455651003