Die toten Seelen von Belfast

© Polar

Beinahe zwei Jahre ist es jetzt her, seit der in Hamburg ansässige Polar Verlag mithilfe eines süddeutschen Financiers ein drohendes Insolvenzverfahren abwenden – und damit vorerst gerettet werden konnte. Warum vorerst? Nun, man lehnt sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man vermutet, dass sich die Lage für die kleinen Verlage in letzter Zeit nicht zum Besseren gewandt hat. Erst kürzlich hat das Barsortiment Libri knapp 200.000 Titel ausgelistet. Vorwiegend zwar Bücher, welche sich in den vergangenen Jahren wenig bis gar nicht verkauft hatten, aber der Trend ist dennoch bedenklich, zumal viele Verlagshäuser ohnehin schon kaum mehr den Weg auf die Tische bzw. in die Regale der Buchhandlungen finden.

Ein Problem, welches den Vertrieb des eigenen Programms erheblich erschwert und das sicherlich auch Polar nicht unbekannt ist. Was wiederum bei den Krimi-Fans immer wieder für ungläubiges Stirnrunzeln sorgt, denn Titel wie das vorliegende „Ravenhill“ hätten doch ein so viel größeres Lesepublikum unbedingt verdient. Bereits im Mai auf Deutsch veröffentlicht, hat der Roman des Nordiren John Steele einen – für mein Empfinden – vergleichsweise kurzen Auftritt im hiesigen Feuilleton hingelegt. Zu kurz, um nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen, was in diesem Fall gleich doppelt schade ist, punktet doch „Ravenhill“ nicht nur in der Königsdisziplin Spannung, sondern beleuchtet auch einen bis dato verhältnismäßig stiefmütterlich behandelten Aspekt des Nordirlandkonflikts. So konzentriert sich Steele bei seinem Blick zurück in die Zeit vor dem Karfreitagsabkommen in erster Linie auf die protestantischen paramilitärischen Organisationen, wodurch der kriminalliterarische Schauplatz der so genannten „Troubles“ – oftmals vor allem repräsentiert durch die IRA und das britische Militär – um eine weitere Ebene reicher wird. Worum es genau geht, sei an dieser Stelle kurz angerissen:

Belfast, im Februar des Jahres 1993. Eine kleine Videothek an der Ravenhill Road, welche wiederum am Rand des städtischen Ormeau Parks verläuft. Weil die Provisorische IRA hier einen geheimen Treffpunkt der UDA, der Ulster Defence Association, einer protestantischen paramilitärischen Untergrundorganisation vermutet, kommen bei einem Bombenanschlag neun Zivilisten, darunter zwei achtjährige Kinder, sowie zwei Mitglieder der PIRA ums Leben. Ein schockierendes Ereignis, selbst für ein Nordirland auf dem Höhepunkt des Konflikts, das ständige Schießereien und Explosionen sowie die dauerhaft am Himmel kreisenden Armee-Hubschrauber gewöhnt ist. Und Anlass für die Befehlsgeber in der UDA ihrerseits einen Gegenschlag gegen der verhassten katholischen Feind auszuführen. Unter der Führung von Billy Tyrie und dem skrupellosen Rab Simpson planen sie ein Attentat auf James Cochrane, einen hochrangigen Kommandanten der PIRA. Ein Puzzlestein ihres Plans ist dabei auch der junge Jackie Shaw, der – zur Abscheu seines Vaters und seiner Schwester – inzwischen in den inneren Kreis der UDA vorgestoßen ist.

Zwanzig Jahre später kehrt Shaw, der, nach einem Anschlag als tot galt, überraschend nach Belfast zurück, um der Beerdigung seines Vaters beizuwohnen. Das Karfreitagsabkommen hat die Situation in Nordirland inzwischen verändert, die Paramilitärs weitestgehend ihren ursprünglichen Zweck verloren. Einige, wie Jackies ehemaliger Kommandant Tyrie, finanzieren ihren Lebensstil mit dem gleichen Schutzgeld, das sie einst in ihren Gemeinden erhoben haben. Andere haben sich der Prostitution, dem Menschenhandel und den Drogen zugewandt und arbeiten sogar mit ihren ehemaligen Feinden aus PIRA zusammen. Ihre Methoden sind jedoch die gleichen geblieben. Verrätern und Spitzeln droht die Folter und ein Schuss in den Hinterkopf. Und Shaws Auftauchen wirft für seine früheren Weggefährten Fragen auf. Warum ist er immer noch am Leben? Wo hat er all die Jahre seine Zeit verbracht? Der Rückkehrer ist erst wenige Stunden in der Stadt, als die ersten ehemaligen Mitstreiter an ihn herantreten, um alte Schulden einzufordern …

Nein, als Baujahr 1983 bin ich tatsächlich etwas zu jung, um den Nordirland-Konflikt zum damaligen Zeitpunkt wirklich bewusst wahrgenommen bzw. auch seine Ausmaße verstanden zu haben. Dennoch sind da Erinnerungen an sich oft wiederholende Nachrichtenmeldungen im Fernsehen geblieben, in denen ausgebrannte Autowracks, zerstörte Hausfassaden oder Männern mit Strumpfmasken zu sehen waren. Und an Eltern, die sich angesichts dieser Gewalt vor dem Fernseher immer wieder erschüttert gezeigt haben. Ein Krieg mitten in Europa zwischen Protestanten und Katholiken – das ist auch rückblickend für einen Deutschen, der als Protestant selbst mit einer Katholikin verlobt ist, nur schwer zu verstehen. Ja, auch wenn man mit der irischen Geschichte durchaus vertraut ist.

John Steeles erster Kriminalroman „Ravenhill“ trägt in dieser Hinsicht wenig zum einem größeren Verständnis bei, kümmert er sich doch weniger um das Warum als vielmehr um das Wie. Er thematisiert nicht nur die brutalen Auseinandersetzungen der Troubles, er vermag es auf entsetzende Art und Weise diese Gräueltaten noch einmal lebendig werden zu lassen und die Abscheu vor dem menschlichen Leben – von beiden Seiten praktiziert – zu verbildlichen. In seinen Rückblicken in das Jahr 1993 tauchen wir ab in ein Belfast im dauerhaften Kriegszustand, in dem die Grenzen direkt durch Wohnungen und Familien laufen – und in dem auf die Genfer Konventionen tatsächlich gepflegt geschissen wird. Steele zwängt den Leser bereits auf den ersten wenigen Seiten in ein klaustrophobisches Korsett aus Sirenengeheul, Verfolgungswahn und dauerhafter Angst, welches durch die lokalen Wettereinflüsse (dauerhafter Regen, düster-graue Wolken) noch stetig fester geschnürt wird. Ohne viel künstlerischen Aufhebens gelingt ihm der Kniff, uns Teil dieser irgendwie sinnlos-hoffnungslosen Szenerie werden zu lassen, in dem eine ganze Generation junger Männer – und auch Frauen – verroht, ein Akt der Gewalt dem nächsten folgt.

Jackie Shaws eigene Intentionen bzw. sein Beitrag zu diesem tödlichen Spiel um Gebietsgewinn und Machteinfluss kann John Steele anfangs noch geschickt zurückhalten, so dass gerade seine Taten als Teil der UDA für den Leser erst einmal schwer greifbar bleiben, was wiederum das Profil der Figur zusätzlich schärft. Überhaupt empfinde ich diesen Protagonist als einen sehr angenehm ambivalenten Charakter, dessen Verhängnis es ist, sich in diesem kontrastfreien Konflikt in keinerlei Grauzone bewegen zu können. Einen moralischen Kompass, nach dem er sich orientieren kann – ihn gibt es schlichtweg nicht, da die Auseinandersetzungen zwischen den Paramilitärs inzwischen zu einem sich ewig wiederholenden Selbstzweck verkommen sind, der – auf allen Seiten – von skrupellosen Beteiligten vorgeschoben wird, um ihren Durst nach mehr Macht durchsetzen zu können. Nimmt man den Ursprung der Organisationen mal zur Seite, bleiben hier allein verbrecherische Banden übrig, die ihren eigenen Einfluss ohne Rücksicht ausweiten wollen, was wiederum „Ravenhill“ daher auch nicht zu einem politischen Thriller, sondern zu einem waschechten Gangster-Roman macht.

Und einem erstklassigen dazu, da Steele es trefflich versteht, zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu jonglieren, und dabei das Kunststück vollbringt, uns bei jedem Wechsel des Handlungszeitraums kurze Enttäuschung empfinden zu lassen. Denn beide sind auf ihre Art äußerst spannend aufgebaut und atmen vor allem durchweg Belfaster Atmosphäre. Wo das ein oder andere Hardboiled-Werk nicht selten an der Austauschbarkeit des Schauplatzes leidet, funktioniert „Ravenhill“ tatsächlich als geschichtliche Milieustudie, ist fest verankert auf dem blutgetränkten irischen Boden. Ohne (gottseidank) je selbst Zeuge der dortigen Gewalt geworden zu sein, lehne ich mich mal aus dem Fenster und wage zu behaupten, dass der Realismusgrad in Steeles Roman ein durchaus hoher ist. Was wiederum zarten Seelen zusetzen dürfte, da hier die „Kamera“ auch noch weiterhin aufs Bild gerichtet ist, wenn bei einem FSK-12-Streifen längst zur Seite weggeschwenkt wird.

Dennoch – und das sei an dieser Stelle besonders betont – verherrlicht „Ravenhill“ diese Gewalt nie. Er zeigt sie, als das was sie ist – als unsere schlimmste, menschliche Seite. Als die ultimative Perversion aller guter Vorhaben. Und am Ende auch als drohendes Damokles-Schwert, welches auch nach dem Karfreitagsabkommen immer noch über dem Norden Irlands schwebt. Wer dem älteren Jackie Shaw durch das Belfast im „Frieden“ folgt, der ahnt, was diese Stadt und seine Bewohner weiterhin in sich bergen – und was ein kommender No-Deal-Brexit für Auswirkungen haben könnte. So unfassbar verrückt diese ständig scheiternden Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU derzeit sind – dieser Roman lässt das alles noch umso beängstigender werden.

Mit „Ravenhill“ hat der Polar Verlag schon wieder ein ganz vortreffliches literarisches Kleinod für den deutschen Markt entdeckt. Nachtschwarz, backsteinhart, eindringlich und dann letztlich auch mit ganz viel Klasse und einem ganz eigenen Stil erzählt. Auf die (hoffentlich ebenso gelungene) Übersetzung der Fortsetzung „Seven Skins“ darf ab sofort mit ganz viel Vorfreude gewartet werden.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: John Steele
  • Titel: Ravenhill
  • Originaltitel: Ravenhill
  • Übersetzer: Robert Brack
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 05/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 345 Seiten
  • ISBN: 978-3945133774
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Der Spion, der nicht liebte

© Blanvalet

Authentizität. Ein Schlagwort, welches immer wieder in Literaturbesprechungen bemüht wird, um die Glaubwürdigkeit und den Realismusgrad des jeweiligen Buches zu unterstreichen – was aber wiederum oftmals nichts daran ändert, dass es am Ende ein subjektives Empfinden des Lesers bleibt. Ein Gefühl, nicht belegbar durch Tatsachen oder Fakten. Dies auch der Grund warum eine Rezension zu Andy McNabs „Ferngesteuert“ ohne einen näheren Blick auf den Autor, dessen bürgerlicher Name eigentlich Steven Billy Mitchell lautet, nicht erfolgen kann, der in seinem Romandebüt einen Großteil seiner Erfahrungen aus dem beruflichen Leben verarbeitet.

Und wenn von Beruf die Rede ist, bedeutet das in diesem Fall: Soldat und Geheimagent. Bereits mit siebzehn Jahren trat McNab als Infanterist der britischen Armee bei und wurde acht Jahre später Mitglied des 22. Special Air Service Regiments (kurz: SAS), in dem er wiederum von 1984 an weitere neun Jahre lang diente. In dieser Zeit war er an offenen und verdeckten Operationen im Fernen Osten, Nahen Osten, Süd- und Mittelamerika sowie in Nordirland beteiligt, wo er während der so genannten „Troubles“ als verdeckter Agent (Undercover Operator) tätig war. Das Spektrum seiner Aufgaben reichte von der Ausbildung vom Westen unterstützter Guerillaverbände über die Terrorismusbekämpfung, Sabotage, Zielvernichtung und Observation bis hin zum Personenschutz und Strafvollzug. In Nordirland beförderte man McNab schließlich auch zum Ausbilder – eine Funktion, in der er bis zu seinem Austritt aus der Armee im Februar 1993 nicht nur verschiedene fremde Spezialeinheiten trainierte, sondern sogar ein Programm entwickelte, in dem Journalisten oder Privatleute für ihren Job in feindlichen Umgebungen geschult wurden. Zu dem Zeitpunkt, als er den Dienst quittierte war er der höchstdekorierte Soldat der britischen Armee.

Es folgte eine zweite Karriere als Schriftsteller, welche bereits mit seinem Erstling äußerst erfolgreich begann. „Bravo Two Zero“, ein autobiographisches Sachbuch über seine Beteiligung an einem Kommandounternehmen des SAS im Zweiten Golfkrieg 1991, wurde allein in Großbritannien 1,5 Millionen mal verkauft, in 16 Sprachen übersetzt und in 17 Staaten veröffentlicht. Bis heute gilt es als meistverkauftes Kriegsbuch aller Zeiten. Nachdem ein weiteres biographisches Werk folgte, widmete sich McNab schließlich dem Genre des Agententhrillers und entwarf die Figur Nick Stone, einen ehemaligen SAS-Mann, welcher nun als sogenannter „K“ (freischaffender Geheimagent) Operationen im Auftrag des britischen Geheimdienstes und anderer Auftraggeber erledigt. Und so kann man an dieser Stelle bereits mit Fug und Recht behaupten: Der Autor weiß, wovon er spricht. Doch lohnt es sich auch, ihm zuzuhören? Die Kurzbeschreibung der Handlung tönt jedenfalls bereits durchaus spannend:

Gibraltar, 6. März 1988. Nick Stone und andere Mitglieder des SAS haben sich unerkannt unter die vielen Touristen auf diesem britischen Außenposten gemischt, um einen erwarteten Bombenschlag durch die PIRA (Provisorische Irisch Republikanische Armee) zu verhindern. Auch wenn ein Großteil der Pläne ihrer Gegner durch den englischen Geheimdienst offengelegt werden konnte – das genaue Ziel der irischen Widerstandskämpfer kennt niemand. Der Auftrag ist heikel, denn die Teilnahme von Undercover Agenten ist vollkommen inoffiziell. Sollte ihre Beteiligung bekannt werden, würde ihre Existenz kurzum geleugnet. Letztendlich kann der Anschlag jedoch verhindert und die PIRA-Mitglieder – auch dank Stones Hilfe – gestoppt werden.

Neun Jahre später, Stone arbeitet bereits seit längerer Zeit als K für den Geheimdienst, wird er nach Vauxhall Central, besser bekannt als MI6, in London beordert. Er soll zwei Paramilitärs der IRA auf ihrem Flug nach Washington beschatten. Eine verhältnismäßig einfache Aufgabe für jemanden mit Stones Erfahrung, der jedoch zu seiner Überraschung bei seiner Ankunft in der US-amerikanischen Hauptstadt plötzlich den Befehl erhält, die Überwachung abzubrechen. Er beschließt die Zeit zu nutzen, um seinen alten Waffengefährten Kevin Brown und seine Familie zu besuchen. Seit dessen Abschied als britischer Geheimdienstoffizier arbeitet Brown für das DEA. Beide sind seit langer Zeit befreundet, Stone sogar Patenonkel von Aida, Browns jüngster Tochter. Und dieser freut sich sehr darüber, seinen alten Freund wieder zu sehen. Auch weil er vor kurzem eine brisante Entdeckung gemacht hat, die er unbedingt jemanden zeigen will. Als Stone schließlich die Adresse der Browns erreicht, macht er eine grauenhafte Entdeckung. Kevin, seine Frau und Aida wurden brutal ermordet, das Haus komplett auseinandergenommen. Nur die siebenjährige Kelly hat den Anschlag in einem Versteck überlebt – und von jetzt auf gleich befinden sich sie und Stone auf der Flucht vor unbekannten Verfolgern, welche augenscheinlich auf weitreichende Mittel zurückgreifen können. Eigentlich keine neue Situation für Stone, doch seine junge Begleitung schränkt nicht nur die Handlungsmöglichkeiten ein, sondern wird in diesem Kampf ums Überleben auch immer mehr zu einer Ablenkung …

Eine unverkennbar spannende Ausgangssituation, welche McNab hier kreiert hat und die er auch – zumindest auf den ersten hundert Seiten – aufs Beste zu nutzen versteht, denn der Autor belegt ziemlich klar und eindringlich, dass er aus allererster Hand weiß, wovon er schreibt. Nick Stone hat außer seines Berufs äußerst wenig mit seinem literarischen Kollegen James Bond gemein, der bekanntermaßen das Scheinwerferlicht ebenso sucht wie die schönen Frauen und zudem von einem festen moralischen Kompass geleitet wird. Stattdessen kommt Stone wohl dem wahren Profil eines Agenten weit näher, der eben nicht auf jede Situation gelassen und souverän reagieren, und sich so etwas wie Empathie schon mal gar nicht leisten kann. Stones Welt besteht aus der perfekten Planung, aus dem Auskundschaften, dem Beobachten und der Improvisation. Seine Mittel stammen nicht aus der Herstellerschmiede Qs, sondern direkt aus dem Bau- oder Supermarkt. Und so etwas wie blindes Vertrauen gibt es für ihn selbst unter alten Freunden nicht.

McNab schildert in „Ferngesteuert“ eine kalte, erbarmungslose Welt, in der jeder Fehler tödlich bestraft wird und man vom Heldentum nicht weiter entfernt sein könnte. Die Jobs sind schwierig und undankbar, das Töten dreckig und die Ressourcen eines Agenten endlich. Stone kämpft in erster Linie ums Überleben, wird ständig in die Defensive gedrängt und zur Flucht gezwungen, welche ihn und sein ungewolltes Anhängsel Kelly von Motel zu Motel treibt. Wenngleich er immer wieder Wege findet, um mehr über seine Verfolger zu erfahren – es sind lediglich kleine Nadelstiche, die er gegen seine Gegner setzen kann. In dieser Hinsicht ist also das Buch in der Tat authentisch, opfert diesem Grad an Realismus andererseits aber auch ein bisschen die Genre-übliche Suspense.

Beschreiben und Erzählen – dies sind zwei verschiedene Dinge. Und über viele, viele Seiten ergeht sich McNab vor allem auf in Ersterem, en detail. Nicht nur wird genau beschrieben, wie man eine Self-Made-Kameraüberwachung installiert, er erklärt streckenweise auch Dinge, welche selbst der Kuchen backenden Hausfrau heutzutage bekannt sein dürften. So sollte niemandem die Gründe dargelegt werden müssen, warum man nicht direkt vor der Haustür desjenigen parkt, den man beobachten will. Während er also mancherorts durchaus informativ aus dem Nähkästchen plaudert, erweist er sich an anderer Stelle wieder als äußerst belehrend bzw. erweckt er den Anschein, seinen Lesern nicht das geringste bisschen Mitdenken zuzutrauen.

Die Passagen in Washington – sie beginnen sich irgendwann arg in die Länge zu ziehen und man droht all der von Stone und Kelly verdrückten Burger und Pommes überdrüssig zu werden. Der Spannungsbogen, er verflacht hier zusehends, zumal sich auch zwischenmenschlich bei den beiden äußerst wenig tut. Kelly akzeptiert tagelang widerstandslos, dass sie ein eigentlich fast Fremder von Ort und zu Ort schleppt und dabei immer wieder für den nächsten Tag verspricht, sie könne ihre Eltern bald wiedersehen. Möglich, dass ein Mädchen unter Schock tatsächlich so willig zu manipulieren ist. Aus eigener Erfahrung würde ich aber mal behaupten, dass man eine Siebenjährige so leicht nicht mehr hinters Licht zu führen vermag. Als ob McNab das irgendwann selbst bemerkt hat, lässt er dann auch schließlich die Katze aus dem Sack. Ihre Reaktion: schicksalsergebener Gleichmut. Praktisch für Stone, der nun endlich zur Höchstform auflaufen kann, ohne großartig Rücksicht auf seine Begleiterin nehmen zu müssen. Merkwürdig jedoch für den Leser, dem sich hier ein großes Logikloch auftut.

Nichtsdestotrotz: Mit der Reise nach Florida und dem anschließendem Finale bekommt „Ferngesteuert“ tatsächlich nochmal die Kurve. Auch weil sich die wahren Hintergründe der Ermordung von Kellys Eltern nun offenbaren und tatsächlich für die ein oder andere Überraschung sorgen. Der Showdown ist schließlich filmreif und dann auch fast so etwas wie McNabs Zugeständnis an die fiktiven Elemente des Genres Agententhrillers, denn selbst ihm wird wohl klar gewesen sein, dass auch er das in seinen besten Tagen nicht auf diese Weise hätte regeln können.

Überhaupt haftet der Person Andy McNab meines Erachtens – was die „besten Tage“ angeht – ein ziemlich pappiger Beigeschmack an. Wer sich etwas näher mit dem Autor beschäftigt – was ich bei der Recherche zu dieser Rezension getan habe – der wird auf einen Menschen treffen, der nicht nur die Geschehnisse des „Bloody Sundays“ verherrlicht bzw. eine Strafverfolgung der beteiligten britischen Soldaten gänzlich ablehnt, sondern der überhaupt auch im Hinblick auf den Nordirlandkonflikt, die so genannten „Troubles“, tief nationalistisch gefärbtes Gedankengut kultiviert. Seine Aussagen, lediglich einen Job ausgeübt zu haben und dafür keinerlei Reue zu empfinden – sie beißen sich mit öffentlichen Auftritten, bei denen er (aus angeblicher Angst vor Racheakten) eine Kapuze über dem Kopf trägt. Und auch seine Verleugnung, es habe so etwas wie einen Tötungsauftrag für IRA-Mitglieder sowie überhaupt irgendwelche loyalistischen Paramilitärs in Nordirland gegeben – man kann sie angesichts heutiger Erkenntnisse (demnächst mehr in meiner Rezension zu John Steeles „Ravenhill“) schlichtweg nicht mehr ernst nehmen.

Was bleibt am Ende unter dem Strich? „Ferngesteuert“ ist tatsächlich ein handwerklich guter, wenn auch streckenweise etwas zäher Erstling, der einen glaubhaften Einblick in das Handwerk eines britischen Geheimagenten gibt und eine durchaus interessante sowie komplexe Handlung zu erzählen weiß – ohne die Tätigkeit an sich irgendwie heroisch zu verklären. Wer jedoch etwas näher hinschaut, erkennt auch die vollkommen kritiklose Reflexion eines langjährigen Soldaten, der insbesondere den Nordirlandkonflikt gedanklich immer noch nur aus einer Perspektive betrachtet. Die Beliebtheit in England mag dies befeuert haben – ich persönlich habe mit der britischen Arroganz beim Thema „Troubles“ so seit jeher meine Probleme gehabt. Brücken – sie hat McNab mit diesem Buch garantiert nicht gebaut.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Andy McNab
  • Titel: Ferngesteuert
  • Originaltitel: Remote Control
  • Übersetzer: Wulf Bergner
  • Verlag: Blanvalet
  • Erschienen: 02/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 445 Seiten
  • ISBN: 978-3442353903

„Elementar, mein lieber Watson.“

© Insel

Wer bereits das ein oder andere Mal diesem Blog einen Besuch abgestattet hat, dem wird vielleicht – neben meiner Faszination für eine gewisse schottische Stadt – auch meine besondere Verbindung zu dem größten Detektiv der Literaturgeschichte aufgefallen sein. Die Rede ist natürlich von Niemand geringerem als Sherlock Holmes. Sein Name ist untrennbar mit meinem erwachenden Interesse für den Krimi verbunden, weshalb die Werke Sir Arthur Conan Doyles wohl Zeit meines Lebens eine Ausnahmestellung einnehmen werden (Mehr dazu auch hier). Neben seinen vier Romanen, so war es hier besonders die Kurzgeschichtensammlung „Die Abenteuer des Sherlock“, welche diese Begeisterung nachhaltig befeuert hat.

Und sie ist es auch, die, nachdem die ersten beiden Romane „Eine Studie in Scharlachrot“ und „Das Zeichen der Vier“ kommerziell eher mäßig erfolgreich waren, Sir Arthur Conan Doyle zum endgültigen Durchbruch verhalf. Von Juli 1891 bis Juni 1892 erschien monatlich jeweils eine kleine Holmes-Erzählung im Strand Magazine, welche den Zeitgeist genau traf, wodurch mit jeder neuen Ausgabe die Auflagen in die Höhe stiegen. Bereits im Oktober desselben Jahres (1892) folgte dann der illustrierte Sammelband mit dem vorliegenden Titel. Diese zwölf Geschichten gelten sowohl bei den „Sherlockisten“ als auch den Literaturkritikern als die mit Abstand besten Werke aus der Feder Doyles, zeigen sie doch noch den wahren, unverfälschten und Kokain spritzenden Meisterdetektiv, der im vernebelten, düsteren London Queen Victorias mit traumwandlerischer Sicherheit kleine Probleme und große Verbrechen gleichermaßen löst. Dieser Esprit, dieses spezielle Flair – in späteren Geschichten glänzt es doch oft durch Abwesenheit, schimmert zwischen den Zeilen immer wieder der Verdacht durch, dass Doyle in erster Linie nur noch des benötigten Geldes wegen und auf Wunsch der Leser hin weiterschrieb.

In „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ zeigt er sich jedoch auf dem Zenit seines Könnens, als der begnadete Unterhaltungs-Schriftsteller, welcher das von Edgar Allan Poe entwickelte Modell der modernen Detektivstory ausgebaut und damit ein bis heute noch gültiges Vorbild für kriminalistische Rätselgeschichten aus der Taufe gehoben hat. Und die Form der Kurzgeschichte scheint bis heute nur folgerichtig, denn Holmes‘ Begabung, aus der Interpretation minimaler Spuren zu verblüffenden Schlussfolgerungen zu gelangen und gleichsam beiläufig Verbrechen aufzuklären, findet in den folgenden zwölf Erzählungen tatsächlich ihre ideale ästhetische Form:

  • Ein Skandal in Böhmen
  • Die Liga der Rotschöpfe
  • Eine Frage der Identität
  • Das Rätsel von Boscombe Valley
  • Die fünf Orangenkerne
  • Der Mann mit der entstellten Lippe
  • Der blaue Karfunkel
  • Das gesprenkelte Band
  • Der Daumen des Ingenieurs
  • Der adlige Junggeselle
  • Die Beryll-Krone
  • Die Blutbuchen

Bei näherer Betrachtung fällt auf: Der Anteil wirklich „kriminalistischer“ Fälle ist verhältnismäßig gering, tritt doch Sherlock Holmes nur als letzte Instanz in der Lösung allgemeiner rätselhafter Angelegenheiten auf (z.B. in „Eine Frage der Identität„). Dennoch reicht die geringe Seitenanzahl aus, um den Leser mit seiner analytischen „Deduktion“ zu beeindrucken, eine von Holmes zu einer wahren Kunst entwickelten Fähigkeit, die es ihm ermöglicht, viele Spuren und Indizien zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, das Sinn ergibt und die wahren Hintergründe einer rätselhaften Geschichte offenbart.

Es ist eine Maxime von mir, dass das, was übrig bleibt, wenn man das Unmögliche ausgeschieden hat, die Wahrheit sein muss, so unwahrscheinlich es auch scheinen mag.

Der Detektiv ist dabei in nicht geringem Maße dem Mediziner Joseph Bell nachempfunden, welcher, von 1874 bis 1901 Dozent an der medizinischen Fakultät der Universität, nicht nur die Rolle des Mentors von Doyle einnahm, sondern rückblickend auch zu den Pionieren der modernen Forensik gehört. Schon in seinen Vorlesungen, die der spätere Autor mit Begeisterung besuchte, betonte Bell die Wichtigkeit von genauen Beobachtungen für eine Diagnose und bediente sich oft eines fremden Zuschauers, um seine Methoden zu verdeutlichen. Ein kurzer Blick genügte ihm meist, um die berufliche Beschäftigung oder vergangene Aktivitäten präzise herzuleiten. Während man sich zuvor vor allem auf die Zeugenaussagen verließ, so erweiterte Bells Herangehensweise die polizeilichen Ermittlungen um ein ganz neue Ebene. Der Beweismittelsicherung am Tatort wurde fortan weit größere Aufmerksamkeit zuteil (und Bell sogar beim Jack the Ripper-Fall hinzugezogen). Eine Neuerung, welche Doyle, ebenso wie Bells Kombinationsgabe, mit Begeisterung für sein Werk aufgriff. „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ ist nicht ohne Grund seinem Mentor gewidmet.

Natürlich – in der heutigen Zeit wird die Wiederbeschaffung einer Weihnachtsgans vermutlich viele nicht mehr groß vom Hocker reißen (Man ist abgestumpft, taub und ein Opfer zunehmender bluttriefender Schmalspur-Literatur). Für damalige Verhältnisse stellten die überraschenden Wendungen aber den Stoff da, den die Leserschaft nur allzu gierig verschlang, weil er dem Verbrechen eine fast spielerische Perspektive verlieh. Was schließlich dazu führte, dass Doyle seine bald verhasste Figur am Ende sogar wiederauferstehen lassen musste, nachdem sie in „Sein letzter Fall“ eigentlich das vermeintliche Ende fand, die aufgebrachte Fangemeinde im Anschluss jedoch zum stürmenden Protest aufrief. Um es also allegorisch zu sagen: In all dem himmelschreienden, betäubenden Lärm sind die Geschichten um den Meisterdetektiv eine leise, aber meisterhafte Melodie, welcher der Leser auch heute noch vortrefflich lauschen kann, sofern man denn gewillt ist sich mit ihr auseinanderzusetzen. Und es sind schließlich auch diese Geschichten, die das Bild des exzentrischen Detektivs prägen, dieses arroganten Dandys und Kopfmenschen, der seine Langeweile allein mit Opium und Kunst bekämpfen kann und in Dr. Watson einen verlässlichen Freund und Helfer an seiner Seite hat, der sich als Chronist seiner Abenteuer betätigt. Letzterer ist es auch, der genau jene Fragen stellt, die dem Leser selbst auf der Zunge liegen, im Angesicht des Rätsels schnell kapituliert und sich schließlich an unserer statt zur Zielscheibe von Holmes Spötterei macht.

Ein Spott, den er weitestgehend schicksalsergeben und mit Fassung erträgt, um stattdessen als Chronist Holmes‘ detektivische Kunststücke festzuhalten, was dieser wiederum in der Regel eher abfällig kommentiert. Unsereins ist natürlich dankbar über diese genauen „Aufzeichnungen“, können wir doch dank ihnen daran teilnehmen, wenn das ungleiche Duo aus der Baker Street 221B ausschwärmt und im weihnachtlichen London auf Gänsejagd geht („Der blaue Karfunkel“) oder einen besonders diabolischen, milchliebenden Mörder in flagranti überrascht („Das gefleckte Band“). Gerade letztere Geschichte gehört übrigens – trotz offenkundigen Mangels an Realismus – zu den stärksten Auftritten von Sherlock Holmes. Die angespannte und gruselige Atmosphäre, welche sich in der überraschenden Auflösung entlädt, sie vermag mich auch nach der x-ten Lektüre noch in den Bann zu ziehen. Und ja, DIE eine Frau, Irene Adler, muss hier ebenfalls erwähnt werden („Ein Skandal in Böhmen“). Neben Moriarty und Sherlocks Bruder Mycroft wohl der einzige Mensch, der dem großen Detektiv in List und Tücke ebenbürtig ist. Dass ich an dieser Stelle auf so hervorragende und schaurig-stimmungsvolle Geschichten wie „Die Blutbuchen“ aus Platzgründen gar nicht mehr näher eingehen kann, verdeutlicht zusätzlich die hohe Qualitätsdichte der vorliegenden Sammlung.

Eine Sammlung, die alle Jahre wieder den Weg aus dem Regal in meine Hände findet und die jedem Freund klassischer Kriminalliteratur nur ans Herz gelegt werden kann.

Wertung: 91 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Die Abenteuer des Sherlock Holmes
  • Originaltitel: The Adventures of Sherlock Holmes
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3458350170

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Vom Jäger zum Gejagten

© Goldmann

Kaum ein Sub-Genre des Kriminalromans hat sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren in meinen Augen so nachteilig entwickelt wie der so genannte Psychothriller, welcher inzwischen auch fast die letzten Verbindungen zu den ursprünglichen Wurzeln bei Daphne du Maurier oder Patricia Highsmith gekappt hat und die zentrale Frage des Warums bei einer Tat nun stets mit dem immer gleichen blutrünstigen Soziopathen beantwortet.

Ob Cody McFadyen, Sebastian Fitzek oder Karin Slaughter – sie alle haben einen eklatanten Mangel an Finesse in ihrer Erzeugung von Suspense gemeinsam und stattdessen die brutale Holzhammermethode als stilbildendes Mittel etabliert, dem willig neue literarische Fleischer folgen, was jedoch – dies muss man leider konstatieren – auch auf große Nachfrage beim Leser stößt. Doch was ist mit dem Hitchcockschen Schauer? Und wo findet man heute noch die kühle Eleganz eines „Psycho“ von Robert Bloch?

Ich muss gestehen, lange Zeit hielt sich meine Motivation, nach einer Antwort auf diese Frage zu suchen, in Grenzen, hatte sich mein Interessensgebiet doch bereits längst in Richtung Hardboiled bzw. Noir verlagert, des schablonenhaften Schema Fs hiesiger „Bestseller“ schlichtweg überdrüssig. Die Entdeckung Michael Robothams war daher auch eher Zufall als gezielte Auswahl, denn allein aufgrund der äußerlichen Gestaltung seiner Bücher ließ auch er nur mehr vom ewig gleichen vermuten. Wie schon in meiner Besprechung zum Auftakt der Reihe, „Adrenalin“, herausgestellt, trügt hier aber der erste Eindruck enorm, schafft es der australische Autor doch ursprüngliche Elemente des Psychothrillers in einem modernen Gewand zu präsentieren und sich dabei auch gleichzeitig mehr auf die neuralen Kapazitäten des Lesers als auf dessen Mageninhalt zu konzentrieren. Herausgekommen ist mit „Amnesie“ erneut ein erfrischend anspruchsvoller, weil durchdachter und subtiler Kriminalroman, dessen größte Stärke wieder im kontinuierlichen Aufbau des Spannungsbogens liegt. Und damit kurz zur Story:

Detective Inspector Vincent Ruiz, Leiter des Dezernates für schwere Gewaltverbrechen, erwacht nach einem achttägigen Koma in einem Krankenhaus in London, nachdem man ihn zuvor schwer verletzt aus dem brackigen Wasser der Themse geborgen hatte. Doch seine Rückkehr in die Welt der Lebenden steht unter keinem guten Stern. Nicht nur, dass er seinen Finger samt Ehering und sein Gedächtnis verloren hat – auch sein Ruf scheint schwer beschädigt. Zeitgleich mit seiner Rettung hatte es bei einer Schießerei auf einem Boot ein Blutbad gegeben. Und der bei ihm behandelte Beinschuss deutet darauf hin, dass auch er in irgendeiner Art und Weise daran beteiligt gewesen ist. Sein Vorgesetzter, Superintendent Campbell Smith, zweifelt am Wahrheitsgehalt von Ruiz‘ Aussagen. Leidet er wirklich unter einer Amnesie?

Der einzige richtige Anhaltspunkt für Ruiz ist das Foto eines Mädchens, welches er bei sich trägt. Drei Jahre ist es her, seit die damals siebenjährige Mickey Carlyle entführt wurde und seitdem spurlos verschwunden blieb. Er hatte selbst in dem Fall ermittelt und das Kind monatelang vergeblich gesucht. Mickeys Nachbar wurde zwar aufgrund mehrerer belastender Indizien wegen Mordes verurteilt – doch Ruiz glaubt fest daran, dass sie noch lebt. Eine Annahme, die er mit dem Vater des Mädchens, dem skrupellosen russischen Mafiaboss Aleksej Kuznet teilt, der eines Nachts plötzlich an seinem Krankenbett steht und ihn vor eine unmissverständliche Wahl stellt: Entweder findet er Mickey oder er übergibt ihm die Diamanten im Wert von zwei Millionen Pfund. Ruiz hat keine Ahnung wovon Kuznet spricht, doch als er nach seiner Entlassung die Juwelen tatsächlich in seiner Wohnung entdeckt, begreift er, wie tief er mittlerweile in Schwierigkeiten steckt.

Sollte auf dem Boot eine Lösegeldübergabe stattfinden? Oder hat er vorher gar heimlich für die russische Mafia gearbeitet? Während die Dienstaufsichtsbehörde schon mit den Hufen scharrt und ihm zunehmend auf die Pelle rückt, bittet Ruiz einen alten Bekannten um Hilfe. Der Psychologe Joe O’Loughlin, den Ruiz einst noch als einen möglichen Tatverdächtigen gejagt hatte (nachzulesen in „Adrenalin“), soll ihm nun helfen, seine Erinnerung zurückzuerlangen …

Wem diese kurze Zusammenfassung irgendwie bekannt vorkommt, der gehört wohl zu den Zuschauern der ZDF-Serie „Neben der Spur“, in welcher ein Teil von Michael Robothams Reihe um O’Loughlin und Ruiz mit deutschen Schauspielern und an deutschen Schauplätzen (u.a. Hamburg) bereits verfilmt worden ist. Wie man hört für unsere TV-Verhältnisse sogar recht passabel, was ich aus eigener Erfahrung aber nicht bestätigen kann, da ich sie bisher noch nicht gesehen habe. Und so kann ich leider ebenfalls schlecht beurteilen, ob eine Lektüre nach dem Genuss der Serie noch lohnt. Gemäß dem üblichen Gesetz, dass eine filmische Umsetzung nie so gut ist wie die literarische Vorlage, würde ich diese Vermutung jedoch äußern, zumal es dem Autor hervorragend gelingt, den Schauplatz London wieder äußerst atmosphärisch in Szene zu setzen. Insbesondere das Kanalsystem unterhalb der Stadt, welches eine durchaus wichtige Rolle innerhalb der Handlung spielt und für klaustrophobische Gefühle beim Leser sorgen dürfte.

Überhaupt überrascht Robotham mit einer unheimlichen Empathie und seinem Stil der leisen Töne. Während andere Thriller sich heutzutage mit Action-Einlagen und drastischen Gefühlsausbrüchen überschlagen, kommt „Amnesie“ verhältnismäßig ereignisarm daher und weiß doch peu a peu in den Bann zu ziehen. Hier geht die größte Sogkraft natürlich von Vincent Ruiz aus, der, anders als noch im Auftakt „Adrenalin“, nun die Hauptrolle verkörpert, wodurch der vorherige Ich-Erzähler O’Loughlin diesmal ins zweite Glied rückt. Ein intelligenter Schachzug, der nicht nur die offensichtliche Geradlinigkeit sonstiger Krimi-Reihe umschifft, sondern gleichzeitig auch dem ganzen Plot zusätzlich mehr Tiefe und Struktur verleiht. Zumal wir uns in der interessanten Position befinden, auf demselben Wissenstand wie der Erzähler zu sein und somit quasi im Rückwärtsgang an dessen Seite die vorherigen Geschehnisse aufdecken. Da Ruiz mithilfe penibler Recherchen und Befragungen sich nach und nach seine Erinnerungen zusammensetzt, entwickelt sich eine immer drängendere Spannung von gleich zwei Seiten: Einerseits ist man neugierig endlich zu erfahren, inwieweit Ruiz in die Ereignisse auf dem Boot verwickelt war. Andererseits drohen ihm im Hier und Jetzt, vor allem durch die russische Mafia, ebenfalls konkrete Gefahren.

Es ist Robotham hoch anzurechnen, dass er bei dieser Gedächtnisfindung auf irgendwelche künstlichen Aha-Momente verzichtet, wodurch sich die Handlung stattdessen sehr organisch entwickelt und auch der Nervenkitzel mit jeder Seite an Kraft gewinnt. Verrat und Gefahr, man wittert sie irgendwann hinter jeder Ecke, wie Ruiz verhältnismäßig „blind“ für den eigentlichen Feind. Robotham ist mit dem eisenharten, aber auch immer wieder an Selbstzweifeln leidenden Vincent Ruiz dabei ein weiterer unheimlich vielschichtiger Charakter gelungen, der zusammen mit dem an Parkinson erkrankten O’Loughlin trotz der düsteren Rahmenbedingungen ein mitunter äußerst kurzweiliges, aber auch sich hervorragend ergänzendes Duo bildet. Anders als bei Sherlock Holmes und Dr. Watson kann hier niemand die Superiorität für sich beanspruchen, was, gepaart mit der Unterschiedlichkeit der Figuren, auch immer wieder für Reibung sorgt.

Die Klasse des Vorgängers „Adrenalin“ erreicht „Amnesie“ am Ende dennoch nicht ganz – und das obwohl Robotham in Punkto Erzähltempo hier nochmal eine Schüppe draufgelegt hat. Dafür kann die finale Auflösung aber nicht auf ganzer Länge überzeugen, was man diesem durchweg gekonnt erzählten Psychothriller jedoch gerne durchgehen lässt. Die Lust auf mehr von Vincent Ruiz, Joe O’Loughlin und Co. – sie ward definitiv aufrechterhalten.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Michael Robotham
  • Titel: Amnesie
  • Originaltitel: Lost
  • Übersetzer: Kristian Lutze
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3442476435

Oh Lord, ein Mord!

© Goldmann

In der Geschichte der Literatur und des Films hat es bereits so einige Prequels gegeben – und gefühlt waren doch die meisten eher unnötige Anhängsel an die jeweilige Serie oder Trilogie, verzweifelt darum bemüht, irgendwie in Ton und Stil an das Original anzuknüpfen, Antworten auf Fragen zu geben, welche zuvor eigentlich niemand gestellt hatte und auch nicht in diesem Detailgrad wissen wollte. Elizabeth Georges vierter Roman aus der Reihe um Inspector Thomas Lynley führt diese Tradition – mit all ihren Schwierigkeiten – nahtlos fort.

Was die amerikanische Autorin dazu brachte, das sich bereits etablierte Duo Lynley und Havers in „Mein ist die Rache“ erst einmal wieder zu sprengen und stattdessen in die Zeit vor ihrer Zusammenarbeit zu reisen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Ein gelungener Schachzug war es in jedem Fall nicht. Und es darf stark bezweifelt werden, dass ein Großteil der Leser nach mehr Informationen über das Beziehungswirrwarr zwischen Simon Allcourt-St. James, Deborah Cotter, Helen Clyde und eben Thomas Lynley gegiert hat – denn es ist genau dies, was uns Elizabeth George hier, in fast epischer Breite, vor allem im ersten Drittel dieses so arg künstlich anmutenden Romans kredenzt.

Wer sich da bereits recht früh mit einem Blick immer wieder der Etikettierung „Kriminalroman“ auf dem Buchdeckel rückversichert, der hat mein vollstes Verständnis, denn vor dem Mord hat die liebe Frau George tatsächlich erst einmal den Schweiß gesetzt. Insbesondere die penible Ausarbeitung des Adelsprotokolls zeichnet für diese unsere Transpiration verantwortlich, lässt die Autorin doch zu Beginn kein Klischee aus dem Milieu der Reichen und Schönen unangetastet. Vollkommen unnötig, denn unter dieser pilcheresken Patina schlummert tatsächlich eine durchaus intelligente Kriminalgeschichte:

Das Glück des jungen Paars Thomas Lynley und Deborah Cotter ist getrübt. Nach ihrer Rückkehr aus den USA wollten sie eigentlich die freudige Nachricht ihrer Verlobung verkünden, doch insbesondere für Thomas‘ alten Jugendfreund St. James ist dies ein bittersüßes Wiedersehen. Jahrelang lebte er wie ein großer Bruder an der Seite von Deborah, verliebte sich schließlich gar in sie und fand jedoch nie die Worte ihr das zu sagen. Nun soll er, zusammen mit seiner Arbeitskollegin und guten Freundin Helen Clyde, die beiden für ein Wochenende nach Cornwall begleiten. Hier befindet sich Howenstow, der feudale Stammsitz der Ashertons und die seit langem gemiedene Heimat von Thomas Lynley, den einst die neue Beziehung seiner Mutter aus dem Hause trieb. Seitdem haben beide nur wenige miteinander Worte gewechselt. Dementsprechend verhalten gestaltet sich schließlich auch der Empfang, der von unterschwelligen Spannungen überlagert wird. Während sich ein jeder verzweifelt versucht an das Protokoll zu halten, kommt es im nahegelegenen Dorf Nanrunnel (angelehnt an das reale Mousehole) zu einem bestialischen Mord.

Mick Cambrey, ein regionaler Journalist und bekannter Schürzenjäger, wird von seiner Frau tot in seinem Cottage aufgefunden. Seine nachträgliche Kastration deutet einen Beziehungsstreit an, doch Lynley, seines Zeichens Inspector beim New Scotland Yard in London, und St. James, von Beruf Gerichtsmediziner, empfinden diesen Hinweis als allzu offensichtlich und entdecken schon bald, dass die Spuren zurück nach Howenstow führen. Cambreys Frau ist die Tochter des gräflichen Verwalters, der seine Abscheu gegenüber seinem Schwiegersohn nie verbergen konnte. Und auch Thomas‘ Bruder Peter, den seine Drogensucht zurück nach Cornwall getrieben hat, scheint in den Fall verwickelt. Auf der Suche nach dem Täter verfangen sich alle Beteiligten mit jedem Schritt mehr in einem fatalen Netz aus lange unterdrückten Feindseligkeiten, nicht eingestandenen Schuldgefühlen und scheinheiliger Moral. Für jeden entwickeln sich die Ereignisse zum Prüfstein der eigenen Selbstwahrnehmung. Und während die familiären und gesellschaftlichen Bindungen in diesem Schmelztiegel der Emotionen auf die Probe gestellt werden, kommt es zu einem zweiten Unglück …

Der Lord. Die Gräfin. Der Gutsverwalter. Der Chauffeur. Der Gärtner. Gepflegter Anachronismus in Reinkultur, den Elizabeth George in diesem Kriminalroman zelebriert, der augenscheinlich am Reißbrett für klassische Whodunits entworfen wurde und nur wenige Zugeständnisse an die Moderne macht, denn sieht man von den im Buch erwähnten Flugzeugen und Autos ab, könnte die Handlung genauso gut im viktorianischen England spielen (Es hätte nur noch gefehlt, dass eine der Frauen ein Hirnfieber erleidet). Allerdings in einem noch dichter bevölkerten England, werden doch auf den ersten hundert Seiten gefühlt genau so viele Figuren eingeführt – manche mehr, manche weniger wichtig für den eigentlichen Plot – was durchaus eine gewisse Konzentration seitens des Lesers erfordert, welche aufgrund des vielen gepflegten Flanierens und Dinierens allerdings immer wieder abzuschweifen droht. Nun gut, dass ist für eine Elizabeth George nun beileibe nichts Ungewöhnliches – insbesondere ihre späteren Werke lassen da ja meines Erachtens längst jedes gesunde Maß vermissen – dennoch wäre hier der Boden für einen viel schneller steigenden Spannungsbogen eigentlich bereitet gewesen.

Überhaupt beweist George durchaus großes Geschick, was die Verflechtung der Handlungsstränge sowie das Platzieren von Überraschungseffekten angeht. Die Mördersuche, sie ist tatsächlich fordernd, führt uns immer wieder geschickt auf die falsche Fährte und sorgt dann auch dafür, dass ein nicht gerade kleiner Teil der Beteiligten bis zum Schluss von Bedeutung ist bzw. nicht als Täter ausgeschlossen werden kann. Unter dem ganzen High-Society-Zuckerguss schlummert ein mehr als passabler Krimi, der aber einfach zu spät seine Füße aus dem Bett bzw. diese auf die Erde bekommt. George, welche auch hier eindrucksvoll belegt, dass sie schreiben kann, setzt über einen zu langen Zeitraum die falschen Prioritäten, gibt ihren Protagonisten zu viel Zeit mit ihren inneren Dämonen zu ringen, was – vor allem im Hinblick auf die Lächerlichkeit mancher Probleme (die Mama hat einen Neuen) – dem äußerst realistischen Hintergrund des Mords einen Bärendienst erweist.

Wie viel mehr drin gewesen wäre, beweisen dann schließlich die letzten hundertfünfzig Seiten, wo die allzu sterile cornwallsche Kulisse endlich ihren Status als Schauplatz eines Mordes gerecht wird und der bis hierhin mäandernde Plot schnurstracks vorangetrieben wird. Wessen Interesse bis hierhin noch nicht in den vielen romantischen Verstrickungen erstickt wurde, greift nun tatsächlich das vor ihm liegende Buch fester – vielleicht selbst ein wenig überrascht über die Tatsache, dass man nun doch wissen will, wofür das Ganze zuvor gut war. So ganz, dass muss man ehrlich konstatieren, rechtfertigt die Auflösung den vorherigen Aufwand letztlich nicht. Zumindest das Prädikat Krimi wird sich aber wenigstens verdient, wobei sich Freunde von Fontane und Co. auch noch selig schluchzend an die bebende Brust fassen können. Glücklich darüber, dass sich ganz am Schluss doch „Herz zum Herzen find’t“.

Bleibt am Ende noch die Frage offen: Hat es diese Vorgeschichte gebraucht bzw. sollte man diese beim Einstieg in die Lynley-Reihe auch zuerst lesen? Definitiv nein, da sie, von der Änderung des Status diverser Beziehungen mal abgesehen, keinerlei Einfluss auf die kommenden Ereignisse hat und die (zumindest meiner Auffassung nach) interessanteste Figur aus Georges Feder, die bärbeißige Sergeant Barbara Havers, bis auf einen kleinen Kurzauftritt durch Abwesenheit glänzt.

Wertung: 72 von 100 Treffern

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  • Autor: Elizabeth George
  • Titel: Mein ist die Rache
  • Originaltitel: A Suitable Vengeance
  • Übersetzer: Mechtild Sandberg-Ciletti
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3442478248

Die Irren und die Anderen

© Edition Nautilus

Au revoir, Paris, heißt es für mich nun nach der Beendigung des abschließenden Bandes von Patrick Pécherots Nestor-Burma-Trilogie, „Boulevard der Irren“, welche nach dem etwas schwächelnden Vorgänger „Belleville – Barcelona“ nun wieder an die Stärken des Auftakts anknüpft. Und mehr noch: Sowohl hinsichtlich des literarischen Stils und Tons als auch was den zeitlichen Kontext betrifft – der Roman spielt kurz vor und während der ersten Monate der deutschen Besetzung – hat sich der Autor und Journalist inzwischen dem großen Léo Malet angenähert.

Keine einfache Aufgabe, muss man doch den Reiz eines direkten Vergleichs einkalkulieren, wenn man eine etablierte (und in diesem Fall auch so berühmte) Romanfigur nicht nur zum Vorbild nimmt, sondern diese gar eins zu eins abbildet, quasi kopiert. Die Gefahr eines müden und vor allem bemüht authentischen Aufgusses ist dabei natürlich immer gegeben, wenngleich diese in der deutschen Übersetzung allein schon deswegen geringer ist, weil wohl den wenigsten Lesern hierzulande Léo Malet – ganz im Gegensatz zu Georges Simenon und sein Maigret – noch ein Begriff ist. Das hat sicherlich zuletzt auch der Verlag Edition Nautilus, Herausgeber von Patrick Pécherot in Deutschland, erfahren müssen, lassen doch die überschaubaren und an vielen Stellen sogar gänzlich fehlenden Besprechungen vermuten, dass nur wenige der hiesigen Krimi-Freunde diese drei äußerst lesenswerten Romane gelesen haben.

Aus diesem Grund ist die vorliegende Rezension, neben ihrem üblichen Zweck, der kritischen Aufarbeitung der Lektüre, vor allem als letzte Möglichkeit zur Werbung gedacht, in der Hoffnung, dass doch noch der ein oder andere Patrick Pécherots dreibändige Hommage an den umtriebigen Pariser Detektiv Nestor Burma für sich entdecken wird. Dies wäre aufgrund der Qualität der Bücher und der tollen Arbeit in Punkto Aufmachung und Übersetzung durch Edition Nautilus, wünschenswert. Der Inhalt sei daher als „Appetitanreger“ kurz angerissen:

Juni 1940. Der Krieg ist für die französische Armee bereits nach wenigen Wochen verloren, deutsche Truppen marschieren, ohne auf größeren Widerstand zu stoßen, Richtung Paris, das die Bewohner bereits in wilder Hast und blanker Panik verlassen haben. „tout Paris“ scheint auf der Flucht vor den anrückenden teutonischen Eroberern. In endlosen Kolonnen blockieren sie die Straßen gen Süden, wo sie wiederum zum leichten Ziel für die deutsche Luftwaffe werden. Die Stadt der Liebe selbst liegt scheinbar verlassen da, es herrscht eine leere Stille. Ministerien, Schulen, Ämter, sie alle sind verwaist. Politiker und sonstige Offizielle schon früh als Erste getürmt. Nur Nestor Burma, privater Ermittler bei der Agentur Bohman, hält noch die Stellung. Er soll einen depressiven und äußerst labilen Psychiater überwachen, der sich im Zuge der nationalen Tragödie eventuell das Leben nehmen will. Doch Burma gönnt sich trotz Auftrags und der nahenden Deutschen den Segen eines tiefen Schlafes. Als die vollkommene, unnatürliche Geräuschlosigkeit ihn weckt, ist es bereits zu spät. Nestor kann nur noch den Tod von Professor Griffart feststellen, der kurz vor seinem Suizid augenscheinlich noch einen Abschiedsbrief ordentlich auf seinem Schreibtisch platziert hat. Aber war es wirklich Selbstmord?

Bereits nach kurzer Zeit muss Nestor von dieser Möglichkeit Abschied nehmen. Gemeinsam mit der Agentursekretärin (und Gelegenheitsgeliebten) Yvette wird er in ein größeres Abenteuer verstrickt, in dem auch die hohen Kreise der Medizin und Wissenschaft eine Rolle spielen. Für wen arbeiten die falschen „Flics“, die ihnen bei ihren Ermittlungen stets einen Schritt voraus sind? Was hat ein Irrenarzt aus einer französischen Einrichtung mit den rassenhygienischen Theorien der Nazis zu tun? Und wie hängt ein sagenhafter Goldschatz aus der spanischen Republik, der 1937 von Madrid nach Odessa geschafft werden sollte, mit all dem zusammen?

Die Antworten auf diese Frage führen Nestor Burma einmal mehr tief in die eigene Vergangenheit und die Abgründe der kriminellen Unterwelt …

… in die wir Leser ihm nur allzu gern und mit viel Freude folgen, gelingt doch Patrick Pécherot nicht nur das Kunststück Nestor Burma glaubhaft wiederzubeleben, sondern gleichzeitig auch historische Realität und Fiktion miteinander zu verbinden, ohne dabei das Gefühl zu erwecken, die üblichen Klischees der Geschichtsschreibung zu bedienen. Gerade letzteres gilt es hoch zu loben, ist doch der Autor, Jahrgang 1953, in hohem Maße auf das von ihm angelesene Wissen angewiesen. Ein Schriftsteller wie Frank Schätzing ist das beste Beispiel dafür, dass die Kenntnis von Fakten allein für das funktionierende Grundgerüst eines Romans nur wenig taugt. Atmosphäre ist das Stichwort – und hier hat Pécherot seine Hausaufgaben hervorragend gemacht. Von Beginn an wird das Paris von 1940 lebendig, beschwört „Boulevard der Irren“ Stimmung und Flair einer Zeit herauf, in der sich Frankreich, das innerhalb kürzester Zeit seine Souveränität verlor, langsam von diesem Schlag erholen und sammeln muss. Vom Geist der „Résistance“ ist man, nachdem man in den 30er Jahren noch kurz vor dem Bürgerkrieg stand, weit entfernt. Im Gegenteil: Überall kommt man den Besatzern entgegen, versucht man die Niederlage mit eigener Erniedrigung erträglicher zu machen. Es wird zu-Kreuze-Gekrochen, verraten, gelogen und vielerorts gar auf ganzer Länge kollaboriert – immer in der Hoffnung, damit das eigene Gesicht wahren zu können.

Diese facettenreichen und oftmals komplexen Schilderungen Pécherots sind schon insofern erstaunlich, da sich der Schriftsteller hier vor allem auf die dunklen Seiten des später glorifizierten besetzten Frankreichs konzentriert, den Finger in Wunden legt, die man nach der Wiedereroberung von Paris und de Gaulles Siegeszüge bereits vergessen glaubte und vor allem vergessen wollte. Als Folge davon liest sich „Boulevard der Irren“ nie kalkuliert oder künstlich – zwei Elemente, welche oftmals da zum Tragen kommen, wo historische Kriminalromane mit großem Werbe-Tam-Tam auf den Markt geworfen werden und in denen dann der geschichtliche Rahmen lediglich die Außergewöhnlichkeit des Plots unterstreichen soll. Pécherots Werk ist dagegen ein „Noir“ reinsten Wassers, der solcher billiger Tricks nicht bedarf.

Geschichte ist in diesem Fall keine Kulisse oder Schauplatz – sie ist der roten Faden, aus dem letztendlich auch die Handlung ihre Spannung bezieht. Da sei es dem Autor auch verziehen, wenn innerhalb der Trilogie immer wieder die ein oder andere Person der Zeitgeschichte ihr Stelldichein gibt, zumal Pécherot auch diese „Cameos“ äußerst stilsicher zu platzieren weiß. Nach Edith Piaf oder André Breton fiel mir im abschließenden Band besonders die äußerst kurzweilig in Szene gesetzte Begegnung Nestor Burmas mit Jean Moulin auf. Dieser wurde später zu einem wichtigen Leiter der französischen Résistance, da es ihm gelang, die in zahlreiche Lager zersplitterten Untergrundkämpfer im Kampf gegen die deutschen Besatzer zu einen. Im Gegensatz zu meinen ausschweifenden Erklärungen weist Pécherot auf die Zukunft Moulins jedoch nur mit Augenzwinkern hin. Alles was tiefer ins Detail geht, wird durch das ausführliche Glossar am Ende des Romans abgedeckt.

Und was das Augenzwinkern betrifft: Wie schon in den beiden Vorgängern, so lebt auch dieses Finale der Trilogie von der poetischen Leichtigkeit der Sprache, dem flapsigen Wortspiel, den zynisch-ätzenden Dialogen, die dem Plot einen gewissen surrealen Touch verleihen, welcher der Vorlage Malets, der Breton zu seinen Freunden zählte, hinreichend Rechnung trägt. Gepaart mit den zahlreichen Wendungen und der ohnehin weitverzweigten, turbulenten Geschichte ergibt sich ein amüsantes, spannendes Lesevergnügen mit gehörig Tiefe, das besonders gegen Ende – wie schon in „Nebel am Montmartre“ – die Grenzen der unterhaltenden Kriminalliteratur durchweicht und ganz im Sinne großer Literatur bleibenden Eindruck hinterlässt.

Boulevard der Irren“ ist ein vergnüglicher, irrsinniger und manchmal auch melancholisch-trauriger Roman – und das rundum geglückte I-Tüpfelchen auf eine Trilogie, welche hoffentlich doch noch den ein oder anderen Leser mehr finden wird.

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Boulevard der Irren
  • Originaltitel: Boulevard des Branques
  • Übersetzer: Katja Meintel
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3894017446

Der Rattenfänger von Haiti

© Goldmann

Nostalgie ist eine schöne Sache, aber sie verklärt bekannterweise oft den Blick auf die Wirklichkeit und zeichnet ein Bild, dass es so nur in unserer eigenen Erinnerung gegeben hat. Insofern war ich nun einigermaßen neugierig, als ich Nick Stones Debütwerk „Voodoo“ ein zweites Mal zur Hand nahm, mehr als zehn Jahre nach der ersten Lektüre. In einer Zeit, in der das Forum der Internetseite Krimi-Couch noch ein äußerst belebter Ort und Treffpunkt vieler gleichgesinnter Krimi-Freunde war, welche sich nicht nur über ihr aktuellstes Buch austauschen konnten, sondern auch gegenseitig den eigenen Literaturhorizont erweiterten.

Es war hier, wo einem der Facettenreichtum dieses Genres gewahr wurde und man über das Lesen hinaus tiefer in eine Materie eintauchte, die inzwischen zumindest aus meinem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Und es war auch hier, wo zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 eben jener Roman in aller Munde war und allseits – und damit auch von mir – gepriesen wurde. So viele Jahre danach stellt sich jetzt Frage: Waren diese hymnischen Rezensionen tatsächlich gerechtfertigt oder hatte ich mich damals in meinem jugendlichen Eifer auch ein bisschen beeinflussen lassen?

Letzteres lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, hätte doch sonst allein schon die optische Aufmachung genügt, um Stones Roman zu meiden. Sowohl das Cover als auch der reißerische Titel ließen bzw. lassen hier auf ein Werk im Stil eines Jean-Christophe Grangé schließen, das eher in der blutrünstigen Ecke des Kriminalromans beheimatet ist und zudem noch Mystery- und Okkult-Elemente in den Mittelpunkt stellt. Eine Annahme, die nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte, erheblich in die Irre führt und einmal mehr die Unfähigkeit gewisser Verlage deutlich macht, ein Buch auch passend zum Inhalt zwischen dem Einband zu vermarkten. Und spätestens ein Jahrzehnt später lässt sich tatsächlich konstatieren: Nick Stone und sein Roman „Voodoo“ hätten nicht nur eine weitaus bessere Werbung verdient gehabt, sondern sicher auch gebrauchen können, ist doch vielen Freunden des hochklassigen Hardboiled hier ein äußerst empfehlenswerter und vor allem durchaus realistischer Vertreter des Subgenres durch die Lappen gegangen.

Eine Neubetrachtung lohnt also, umso mehr, da Autor Nick Stone, dessen Mutter selbst aus Haiti, dem Schauplatz des Buches stammt, nicht nur erstklassig recherchiert, sondern auch gleichzeitig eine Milieustudie eines der ärmsten Länder der Welt vorgelegt hat und damit der westlichen Welt, und ihrer Kultur des Wegschauens, den Spiegel vorhält. Stone hat tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, will weit mehr als nur unterhalten und schafft doch auch dies von Seite eins an.

Diese nimmt ihren Anfang im Jahr 1996. Max Mingus, Ex-Cop und ehemaliger Privatdetektiv aus Miami, steht kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Sieben lange Jahre hat er seine Haft abgesessen, als Strafe dafür, einst im kalten Zorn drei Männer erschossen zu haben, die einer brutalen und mörderischen Kidnapper-Bande angehörten. Eine Tat, die zwar die Unschuldigen gerächt, Mingus selbst aber nichts als Unglück gebracht hat. Seine Frau kam bei einem Autounfall ums Leben, seine eigene Detektei musste dicht machen und seine ehemaligen Kollegen – bis auf seinen langjährigen Partner und Freund Joe Liston – wollen von ihm nichts mehr wissen. Die Welt, wie er sie kannte, sie liegt in Trümmern. Als die Gefängnistore sich hinter ihm schließen, liegt lediglich das Nichts vor ihm. Doch ein Mann scheint eine Aufgabe für ihn zu haben: der Milliardär Allain Carver.

Bereits während seiner Zeit im Gefängnis wurde Mingus immer wieder von ihm kontaktiert und darum gebeten, einen heiklen Auftrag anzunehmen. Mingus lehnte stets ab. Bis jetzt, bis er hört, welche Summe ihm für die Erledigung des Jobs angeboten wird. Zehn Millionen Dollar winken ihm als Belohnung, wenn ihm gelingt, woran bereits mehrere Detektive vor ihm – äußerst schmerzvoll – gescheitert sind: Charlie Carver zurück seiner Familie zu bringen. Allain Carvers Sohn wurde vor zwei Jahren auf Haiti entführt. Es gab nie ein Lebenszeichen und auch keinerlei Lösegeldforderung. Mingus‘ Vorgänger kehrten brutal misshandelt oder erst gar nicht zurück – es scheint, als würde irgendjemand nicht wollen, dass Carver gefunden wird. Doch was bedeutet wirklich Gefahr für jemanden, der ohnehin alles verloren hat. Und der in dem vielen Geld seine Chance sieht, nochmal neu zu beginnen.

Schon bei seiner Ankunft in der Ofenhitze von Haiti muss er erkennen, dass er von echtem Verlust zuvor keine Ahnung hatte. Das Land liegt wirtschaftlich am Boden, die Menschen sind bitterarm und von einer politischen Stabilität kann keinerlei Rede sein. Vielmehr befindet sich die Karibikinsel im Ausnahmezustand. Ein Zustand, an dem auch Präsident Jean-Bertrand Aristide seinen Anteil hat, der aufgrund seiner amerikafreundlichen Haltung kurzerhand von den USA ins Amt gehievt wurde, welche seitdem Haiti mit Truppen besetzt halten, um dessen Macht zu sichern. Hinzu kommen diverse UN-Verbände verschiedenster Nationen, die ihrer eigentlichen Aufgabe, der Friedenssicherung, schon lange nicht mehr nachkommen. Entsprechend herzlich fällt auch der Empfang für Max Mingus aus, dem zwar die Mittel der mächtigen Carver-Familie zur Verfügung stehen, welche aber außerhalb von Port-au-Prince nur von geringer Hilfe sind. Stattdessen haben Warlords das Kommando, allen voran der gefürchtete Vincent Paul, der beschuldigt wird, hinter Charlie Carvers Entführung zu stecken. Doch handelt es sich bei ihm tatsächlich um „Tonton Clarinette“, den Schwarzen Mann, welcher der Legende nach des Nachts die Kinderseelen raubt?

Max Mingus Ermittlungen lassen ihn bald an den Intentionen aller Beteiligten zweifeln. Und als er von seinem Partner die Nachricht erhält, dass sein Todfeind Solomon Boukman – ein skrupelloser Mann und selbsternannter Voodoo-Priester, der ihm einst Rache schwor – begnadigt und zurück in seine Heimat abgeschoben wurde, ahnt er, dass selbst zehn Millionen für diesen Auftrag noch zu wenig sein könnten …

Man könnte es sich einfach machen und „Voodoo“ einfach als einen Private-Eye vor exotischer Kulisse abstempeln, in dem einmal mehr ein gebrochener, vom Leben gezeichneter Anti-Held das Leid dieser Welt schultert und – umgeben von karibischen Schönheiten – der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Ja, und genau all das ist Nick Stones Erstlingswerk eben nicht, denn wenngleich er sich tatsächlich bekannter Elemente des klassischen Noirs bedient, so liegt doch der eigentliche Kriminalfall nur an der Oberfläche. Und wir als Leser brechen diese nach und nach auf, um zu sehen was darunter liegt, denn Stone weiß nicht nur wovon er schreibt, er hat auch eine fühlbar emotionale Bindung zu diesem Land, was besonders deutlich wird, wenn er die gnadenlosen Auswüchse des Kapitalismus skizziert und die Amerikaner mit ihrem kolonialistischen Treiben konfrontiert. Wohlgemerkt ohne dabei an irgendeiner Stelle zu moralisieren. Stattdessen lässt er den Ami sich selbst offenbaren, was angesichts des aktuellen Treibens eines Donald Trump rückblickend umso glaubwürdiger erscheint.

Überhaupt versteht es Stone vorzüglich mit unseren Erwartungen und Annahmen zu spielen, in falsche Richtungen zu leiten und Brotkrumen zu verteilen, welche uns letztlich in eine Sackgasse führen. Und obwohl dies mehr als einmal geschieht, stellt sich keinerlei Langeweile ein, was wiederum daran liegt, dass sich der Autor als äußerst geschickt erweist, wenn es darum geht, aus dem Weg das Ziel zu machen. Neben Max Mingus ist hier allen voran Haiti der zentrale Protagonist – und diese Insel wird mit allen ihren Sonnen- und Schattenseiten zum Leben erweckt. Fernab der touristischen Hochglanzbroschüren öffnet sich uns ein Land, welches zwischen dem modernen Aufschwung und traditionellen Bräuchen gefangen ist, seinen eigenen Weg ins das 21. Jahrhundert sucht und doch dabei immer wieder von außerhalb an der Hand genommen, besser gesagt gepackt wird. Wie Nick Stone diese Ausbeutung verdeutlicht ist mir besonders anhand einer Szene bis heute in Erinnerung geblieben. In dieser wird eine Gruppe indischer UN-Soldaten von Vincent Paul mit den von ihnen begangenen Übergriffen auf haitianische Frauen konfrontiert. Mangels irgendeiner Gerichtsbarkeit, spricht Paul auch gleich direkt das Urteil, das noch an Ort und Stelle vollstreckt wird. Hut ab vor all den Lesern, welche sich an dieser „Stelle“ nicht im Lesesessel ihres Vertrauens winden.

Übrigens ist dies einer der wenigen Ausbrüche von Brutalität, welche sich dieser Roman erlaubt, der ansonsten auf ganz andere Art und Weise für Entsetzen sorgt. Wenn sich nach und nach die wahren Hintergründe von Charlie Carvers Verschwinden offenbaren, das ganze Ausmaß klar wird, erweitert sich nicht nur unsere Perspektive – wir beginnen auch diesen tiefen, verzweifelten und doch auch machtlosen Zorn der Haitianer zu verstehen, die, um ihr Überleben kämpfend, der Willkür ihrer Herrscher – sei es von innen oder von außen – nichts mehr entgegenzusetzen haben. Im Angesicht dieses Elends und dieser Ungerechtigkeit gelingt Stone das Kunststück Bodenhaftung zu bewahren, denn anstatt sich als den Tag rettender Held zu entpuppen, muss der zynische Max Mingus weitestgehend die Kontrolle über das Geschehen abgeben und zur Seite treten. Er muss einsehen, dass diese haitianische Angelegenheit letzten Endes auch nur von Haitianern geregelt werden kann. Und inmitten dieser emotionalen Offenbarung kredenzt uns der Autor dann auch noch eine Wendung, die wohl selbst gut beobachtende Leser nur in den wenigsten Fällen voraussehen konnten. Chapeau für diesen Schlag aus dem Nichts, Mr. Stone.

Was bleibt nun nach der Lektüre – und mehr als zehn Jahre nach dem Erstkontakt? Das Denkmal „Voodoo“ hat zwar in der Tat über die Zeit ein wenig gebröckelt und Macken bekommen – die Überzeugung, hier einen einzigartigen und lohnenswerten Kriminalroman gelesen zu haben, konnte aber auch im zweiten Durchgang nicht erschüttert werden. Ein immersives, eindringliches und düsteres Noir-Werk, das sich schwer abschütteln und seine Spuren hinterlässt. So darf, so muss heutzutage ein Krimi sein.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Nick Stone
  • Titel: Voodoo
  • Originaltitel: Mr. Clarinet
  • Übersetzer: Heike Steffen
  • Verlag: Goldmann Verlag
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442463367

Et ceux qui n’ont pas de larmes …

© Edition Nautilus

Fast vier Jahre hatte es gedauert bis ich nach Beendigung der Lektüre von „Nebel am Montmartre“ den zweiten Band der Trilogie über das „populäre“ Paris zwischen den Weltkriegen in Angriff genommen habe. Und dies ist weniger der Qualität des (grandiosen) Vorgängers als vielmehr der üppigen Auswahl in meinem Bücherregal geschuldet.

So oder so – am Ende war es jedenfalls keine gute Idee soviel Zeit verstreichen zu lassen, sind doch die beiden Bücher inhaltlich – obwohl zeitlich knapp zwölf Jahre zwischen „Nebel am Montmartre“ und „Belleville – Barcelona“ liegen – in nicht geringem Maße miteinander verzahnt. Etwaigen Quereinsteigern macht es das natürlich umso schwerer, zumal Pécherots Kriminalromane als Hommage auf den großen französischen Krimi-Schriftsteller Léo Malet zu verstehen sind. Und wem der bzw. dessen Erfindung Nestor Burma nichts sagt, dürfte vielleicht ohnehin schon seine Probleme mit dem Buch zwischen seinen Händen und den vielen darin befindlichen Anspielungen haben. Damit dieses Hindernis aber nicht Interessenten vom Kauf dieser lohnenswerten Lektüre abhält, an dieser Stelle ein paar Zeilen zur Aufklärung:

Nestor Burma, der seinen ersten Auftritt in „Hundertzwanzig, rue de la Gare“ aus dem Jahre 1943 hatte, war über drei Jahrzehnte lang der Hauptprotagonist in Malets Romanen über die „Neuen Geheimnisse von Paris“, welche, angesiedelt in 15 der 18 Pariser Arrondissements und etwa zwanzig weiteren Geschichten, das französische Gegenstück zu den „Hardboileds“ auf der anderen Seite des Atlantiks darstellten bzw. immer noch darstellen. Wie Marlowe und Spade ist Burma Privatdetektiv und ein Produkt des so genannten „Noir“, dem Vorläufer vieler heutiger Kriminalromane, die man in Frankreich heute schlicht „Polar“ nennt. Wer also zufällig über „Bretonische Verhältnisse“ auf den Geschmack gekommen ist und weitere Spannungsromane aus dem Nachbarland sucht, dem sei gleich gesagt: Malet – und damit auch Pécherot – sind weit düsterer, eckiger, frecher und letztlich schärfer, als diese auf die Masse abgestimmten „Bestseller“. Vielleicht ein Grund warum Malet nur noch Kennern ein Begriff ist und auch die vom „Edition Nautilus-Verlag“ mit viel Liebe übersetzten Romane von Pécherot, trotz vieler guter Kritiken, nicht übermäßig großen Anklang gefunden haben. Wer aber immer schon wissen wollte, was Nestor Burma im Paris vor der deutschen Besatzung getrieben hat, dem bietet sich jetzt durch die vorliegende Trilogie eine äußerst lesenswerte Gelegenheit.

Nun kurz zum Inhalt von Band zwei – „Belleville – Barcelona“: Paris, 1938. Zwölf Jahre sind vergangen, seit der „Pipette“ (dt. Pfeifchen) genannte Nestor als Mitglied einer Bande von Illegalisten an Einbrüchen teilgenommen hatte und sich nach Beendigung eines Raubzugs einer aus dem Safe purzelnden Leiche entledigen musste. Inzwischen verdient er sich auf der anderen Seite des Gesetzes sein Gehalt. Unter falschen Papieren bei der renommierten Detektei Bohman beschäftigt, kümmert er sich vorwiegend um Ehebrüche und andere häusliche Streitigkeiten, während rings um ihn herum das alte Europa zu zerfallen droht:

„Das Meer war schon aufgewühlt, aber der richtige Sturm stand noch bevor. Tag für Tag kündigten die Zeitungen die Sturmflut an. Nachdem Hitler sich Österreich einverleibt hatte, bereitete er sich nun darauf vor, die Tschechoslowakei zu verschlingen. Und Mussolini stand ihm in nichts nach, hatte er doch gerade den englischen Segen für seine Annektierung Äthiopiens erhalten. Im Gegenzug garantierte er, die Interessen Englands in Saudi-Arabien nicht anzutasten. In dieser Kloake, in der widernatürliche Bündnisse niemanden mehr in Erstaunen versetzten, hatte ich mit meinem eigenen verwirrten Fall zu kämpfen. Meiner Größe entsprechend, betraf er nur das Fußvolk, das vom Sturm der Geschichte fortgerissen wurde.“

Als Nestor eines Tages einen neuen Auftrag erhält, scheint auch er Opfer dieser „Sturmflut“ zu werden: Ein Mann, der als Fabrikant Beaupréau bei ihm vorstellig wird, bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach seiner Tochter Aude, die aufgrund der Liebe zu einem Hilfsarbeiter Hals über Kopf von zu Hause verschwunden ist. Nestor soll sie ausfindig machen, ihr den Mann ausreden und wenn möglich auch zur Rückkehr bewegen. Und das am Besten schon gestern. „Pipette“ überhört die arrogante Art seines Auftraggebers und freut sich über das vermeintlich leicht zu verdienende Geld. Jemanden in Paris ausfindig machen? Für ihn nichts als Routine.

Erst nach und nach begreift Nestor, dass es dieser Auftrag wahrlich in sich hat, denn der richtige Vater ist längst tot und sein Klient unter falschem Namen bei ihm aufgetreten. Und diesem scheint der Aufenthaltsort von Aude gänzlich egal zu sein. Ihn interessiert viel mehr der Verbleib ihres Liebhabers Pietro Lema, einem überzeugten Kommunisten, der sich mit den falschen Leuten angelegt hat und nun von Freunden und Feinden gleichermaßen gesucht wird. Nestors Ermittlungen führen ihn bald bis in die dunkelsten Ecken von Paris und auf eine Spur, welche direkt von Belleville nach Barcelona führt …

André Breton, Jean Gabin, Edith Piaf. Auch im zweiten Band seiner Trilogie geben gleich eine ganze Reihe von historischen Persönlichkeiten ihr Stelldichein. Eingebettet in einer Handlung, die noch mehr als ihr Vorgänger mit den politischen Ereignissen dieser Zeit verflochten ist und sich derart verzweigt, dass es eines scharfen Auges bedarf, um den Überblick zu behalten. Trotzkisten, Anarchisten, Faschisten, Stalinisten, Anarchosyndikalisten und ein Haufen französischer Namen und Bezeichnungen. Das Gewirr von Beziehungen, politischen Verbindungen und Feindschaften ist äußerst komplex. Und auch der rote Faden ist hier mehr ein Knäuel, das sich mal hierhin und mal dorthin bewegt und, entgegen dem üblichen Krimi-Schema, keinerlei klassischen Spannungsbogen aufweist. Das hat zur Folge das „Nestors“ Ermittlungen ungewohnt hektisch daherkommen. Ein Flackern und Aufblitzen von bunten Eindrücken, die gerade halbwegs verarbeitet, sogleich von weiteren Bildern ersetzt werden. Auch wenn das letztlich dem Flair und Zeitgeist dieser Geschichte dienlich ist und eine unheimlich eindringliche, weil dichte Atmosphäre voller Chanson-Klänge und Boulevard-Gerüche kreiert – mir war das vor allem im letzten Drittel einfach zu wenig homogen, zu wenig Krimi und zu viel gewollt.

Im Gegensatz zum rundum gelungenen „Nebel am Montmartre“ will Patrick Pécherot hier meiner Ansicht nach einfach etwas zu viel auf einmal, woran selbst die lyrische und wieder mal erfrischend flapsig-heitere Sprache nichts zu ändern vermag. Das macht „Belleville – Barcelona“ am Ende aber natürlich nicht zu einem schlechten Buch. Im Gegenteil: Freunden lebendig und vor allem gekonnt erzählter Geschichte (im Stile Volker Kutschers, Jan Zweyers oder Robert Hültners) mit Herz und Köpfchen sei auch Band zwei unbedingt empfohlen. Die durch den Vorgänger äußerst hoch gelegte Latte kann der mittlere Teil der Trilogie jedoch nicht erneut überspringen.

Wertung: 82 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Belleville – Barcelona
  • Originaltitel: Belleville-Barcelone
  • Übersetzer: Cornelia Wend
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 03.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3894017354

Perlen vor die Säue

© Unionsverlag

Was lange währt, wird endlich gut, denn es hat in der Tat eine Weile gedauert, bis ich mein Versprechen eingelöst und mir Gary Victors Kriminalroman „Schweinezeiten“ zur Lektüre aus dem Bücherregal gezogen habe. Weniger aufgrund mangelnden Interesses, als vielmehr der sich exponentiell steigenden Auswahl in meiner Sammlung geschuldet.

Zudem war der haitianische Autor über einen größeren Zeitraum sowohl im Feuilleton als auch in der Blogosphäre in aller Munde, was eine weitere Stimme irgendwie obsolet gemacht und zudem meine eigene Bewertung eventuell beeinflusst hätte. Und das wäre schade, lohnt es doch, dieses Werk immer wieder neu hervorzuheben und zu empfehlen, denn was Victor hier auf Papier gebracht hat, das verdient durchaus Beachtung. Mehr noch: Gerade Freunde des Noir sehen ihr Sub-Genre dank „Schweinezeiten“ durch eine ganz neue Facette bzw. Nuance erweitert, denn nicht nur dass wir äußerst gezielt einen Blick in die desaströsen Zustände des Karibik-Staats Haiti werfen dürfen – der den westlichen Medien sonst nur bei Naturkatastrophen einen weiteren wert ist – auch die mysteriöse Zwischenwelt des Voodoo ist für die Handlung von essenzieller Bedeutung, welche an dieser Stelle daher auch kurz angerissen sei:

Haiti, ein drückend heißer Sommer noch vor den verheerenden Erdbeben des Jahres 2010. Inspektor Dieuswalwe Azémar gilt unter seinen Kollegen auf dem Polizeirevier von Port-au-Prince als Versager, als eine gescheiterte Existenz. Sein größter Makel: Seine Ehrlichkeit. In einem Land, in dem Korruption zum guten Ton gehört und man sich gefälligst von allen Seiten gehörig schmieren zu lassen hat, ist Azémar ein unliebsamer Störenfried, dem allseits Verachtung zuteil kommt. Gesteigert wird diese Abneigung nur durch die Tatsache, dass er auch noch die beste Aufklärungsquote des Reviers vorweisen kann. Dieuswalwe Azémar ist gut in seinem Job – und dafür ist ihm ebenfalls der Hass der Neider sicher. Gepaart mit einem miserablen finanziellen Auskommen ergibt sich eine Situation, die es nur noch zu ertränken gilt, was neben der Arbeit den Großteil eines Tagesablaufs in Anspruch nimmt. Zufriedenheit und Nüchternheit sind zwei Zustände, welche dem Ermittler gänzlich fremd sind, der jede Möglichkeit, den regionalen Zuckerrohrschnaps Tranpe herunterkippen zu können, genauso mit Freuden wahrnimmt, wie die Dienste der hiesigen Prostituierten.

Trotz des dauerhaften Alkoholrauschs bleibt er sich aber seiner Lage bewusst. Wohl wissend, dass er mit seinen geringen finanziellen Mitteln seiner mutterlosen Tochter Mireya ein ähnliches Schicksal in Haiti nicht ersparen kann, plant er, diese schweren Herzens für eine Adoption aus dem Ausland freizugeben. Als Vermittler dient die Kirche vom Blut der Apostel, ein evangelikales Pensionat, in dem sie bereits seit einiger Zeit lebt und auch ihre Schulbildung erhält. Zumindest für sie, so scheint es, könnte es also einen Ausweg aus diesen Schweinezeiten geben. Doch recht schnell zeigt sich, dass auch diese Hoffnung inmitten eines hoffnungslosen Landes trügerisch ist. Drei Tage bevor Mireya aus Haiti weggebracht werden soll, spitzen sich die Ereignisse plötzlich zu. Als Azémar das Kind einer Bekannten aus den Fängen eines hiesigen Voodoo-Priesters befreien will – das Geld zur Auslösung kann diese schlicht nicht aufbringen – greift er kurzerhand zur Waffe und erschießt sowohl den vermeintlichen Heiler als auch zwei seiner Komplizen. Ein Mord, der auch auf einer korrupten und von Verbrechern durchsetzten Dienststelle wie der seinen nicht unbemerkt bleibt. Doch damit nicht genug:

Mireya erzählt ihm von seltsamen Träumen, in denen sie Azémars alten Kollegen Wachtmeister Colin mit Schweineohren vor sich sieht. Eigentlich nur eine aberwitzige Kinderphantasie und dennoch löst sie Unbehagen in ihrem Vater aus, denn sein einstiger Ziehsohn bei der Polizei, in den er große Hoffnungen gesetzt hatte, ist seit einiger Zeit wie vom Erdboden verschluckt. Azémar nimmt dessen Spur auf und beginnt auf eigene Faust mit den Ermittlungen, die interessanterweise auch in den Kreis der Kirche vom Blut der Apostel führen. Als er erkennt, welch perfides Spiel im Namen Gottes getrieben wird, ist es fast zu spät …

Nun ja, wenn wir mal ganz ehrlich zu uns selbst sind – jeder der schon den ein oder anderen Krimi gelesen hat, wird sich bereits jetzt ein ziemlich klares Bild davon machen können, wohin die Reise im weiteren, ohnehin sehr übersichtlichen Verlauf (das Buch hat gerade mal 148 Seiten und damit Novellencharakter) gehen wird. Und es stimmt wohl, wenn man konstatiert, dass Victor in Punkto Plotbuilding oder auch Spannungsaufbau hier nicht die Sterne vom Himmel geholt hat. Gleichzeitig hat dies allerdings auch kaum Gewicht, denn er weiß stattdessen an ganz anderer Stelle, nämlich bei der Atmosphäre zu punkten. Das Etikett „Noir“ ist inzwischen ein vielfach verteiltes, welches überall mit Wonne verklebt und vergeben wird, wenngleich der betitelte Inhalt mit dem Urtypus dieses Genre zumeist kaum noch etwas zu tun hat. Denn Nein, ein versoffener Ermittler allein reicht für diese Typisierung bei weitem nicht aus. Der Noir hat sich seit jeher vor allem als Literatur der Krise verstanden, als Transportmittel der realen gesellschaftlichen Umstände einer Stadt oder eines Landes – und damit als beste Möglichkeit, um die regionale oder kulturelle Distanz zwischen Schauplatz und Leser zu überwinden.

Gary Victor versucht in „Schweinezeiten“ erst gar nicht, über irgendetwas den Mantel des Schweigens auszubreiten, sondern schildert sein von ihm erfahrenes Haiti schonungslos und bis ins kleinste Detail. Er zeigt uns ein ausgeblutetes, von der Sonne verbranntes Land, das trotz seiner klimatischen Lage statt Exotik nur Verzweiflung ausstrahlt. Und er zeigt es uns nicht behutsam, sondern reißt uns hart am Schopfe, macht ein Abwenden unmöglich, hält uns den Geruch von Armut, Gewalt und Tod direkt unter die Nase. Selbst weniger dünnhäutige Leser wird diese Lektüre, diese tiefe Aussichtslosigkeit nicht kalt lassen können, da sie keines künstlerischen Ursprungs, sondern vielmehr Abbild des Ist-Zustands ist. Ein Ist-Zustand, der eben dann letztlich auch das Handeln des Protagonisten Azémars bedingt, dessen Skizzierung ich zu den größten Stärken dieses Romans zähle. Kaputte Schnüffler gibt es nun bereits wie Sand am Meer – und auch literarisch über den ganzen Globus verteilt. Mit Gary Victors Anti-Held erreichen wir aber in der Tat nochmal eine andere Stufe bzw. legen eine tiefer verborgene Schicht frei, die mich unerwarteterweise emotional ziemlich angefasst hat.

Und auch Schreiben kann Victor. Seine Sprache ist unaufgeregt, pragmatisch, kalt und doch nicht bar einer gewissen, vielleicht gar kreolischen Poesie. So wie er es darlegt, wie er den Rhythmus aufbaut – so konnte das auch nur aus der Feder eines Haitianers geschehen, der natürlich, wie könnte es auch anders sein, dem okkulten Glauben seiner Heimat Tribut zollt. Wie auch Blog-Kollegin Christina Benedikt, so kam auch mir in manchen Szenen hier Franz Kafka und insbesondere sein Werk „Die Verwandlung“ in den Sinn, so nah ist Victor am rätselhaften, unheimlichen Ton des berühmten Pragers. Wenn es denn Lichtstimmungen in einem Buch gibt – ich habe bei einer Lektüre tatsächlich immer solche vor dem geistigen Auge – so dominieren in „Schweinezeiten“ trotz der brennenden Sonne vor allem die von ihr geworfenen, langen Schatten, in denen sich Dinge abspielen, die sich rational nicht erklären lassen. Ob diese Ausflüge ins Übernatürliche nun unbedingt sein mussten, sei dahingestellt (ich persönlich hätte darauf verzichten können) – sie fügen sich aber in jedem Fall reibungslos ins dieses kleine nachtschwarze Werk ein.

Die breite Masse kann und will „Schweinezeiten“ am Ende sicher nicht bedienen. Und sind wir mal ganz ehrlich, es hieße auch Perlen vor die Säue (oder sollte ich lieber Schweine sagen?) werfen. Alle diejenigen, die aber nach einer besonderen Erfahrung im literarischen Krimi immer gerne Ausschau halten und welche die künstlerische Leistung eines Autors zu würdigen wissen – denen sei dieses Buch unbedingt ans Herz gelegt.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Gary Victor
  • Titel: Schweinezeiten
  • Originaltitel: Saisons de porcs
  • Übersetzer: Peter Trier
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 03.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 156
  • ISBN: 978-3293207288

Worte an die Ungeheuer

© Heyne

Ich habe jede Nacht einen Kasten Bier getrunken. Abends konnte ich kein Bier im Kühlschrank lassen. Ich musste es in den Abfluss schütten, weil ich sonst wieder aufgestanden wäre, um weiterzutrinken. Allerdings erinnere ich mich nicht mehr daran, meinen Roman Cujo geschrieben zu haben. Aber es gibt ihn, und, ehrlich gesagt, ich mag ihn.

Dieser Auszug aus einem Interview, welches Stephen King im Jahr 2012 in seiner Heimatstadt Bangor dem damaligen Spiegel-Redakteur Philipp Oehmke gab, vermittelt uns als Leser ein gutes Bild über des Zustand des heutigen „King of Horror“ zu Beginn der 80er Jahre. Bereits mit Anfang zwanzig hatte King mit dem Trinken begonnen – schon sein Vater war schwerer Alkoholiker – und zum Zeitpunkt der Entstehung von „Cujo“ ein tägliches Pensum erreicht, das längere nüchterne Phasen gänzlich ausschloss.

Alkohol war zum Treibstoff für das Handwerk Schreiben geworden und auch Kokain, welches er ebenfalls hier schon drei Jahre regelmäßig nahm, ein stetiger Begleiter. Umso bemerkenswerter die Tatsache, dass gerade in den folgenden Jahren ein paar seiner besten Werke das Licht der Welt erblicken sollten. Eine Tatsache, unter welcher der vorliegende Roman, immer etwas im Schatten von Klassikern wie „Christine“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „Es“ stehend, bis heute etwas leidet. Wer den Namen Stephen King in erster Linie nur mit dem übernatürlichen, schockenden Horror gleichsetzt, mag diese mangelnde Aufmerksamkeit gerechtfertigt sehen. Wer sich jedoch etwas näher mit dem Schaffen dieses vielseitigen Autors auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass er seit jeher auch den zielgerichteten Grusel zu überzeugen weiß.

Bereits in „Das Attentat“ kamen Freunde des Mitschauderns nur sporadisch auf ihre Kosten, bezog der Plot doch seine Spannung eher aus Thriller-typischen Elementen, wenngleich die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bei King natürlich eine stets durchlässige ist. Im genannten Roman vor allem verkörpert durch den Serienmörder Frank Dodd. Und mit der Erwähnung des letzteren beginnt nun auch „Cujo“, der zweite Roman des Castle-Rock-Zyklus – es soll nicht die einzige Parallele zu „Das Attentat“ bleiben:

Es war einmal … und es ist noch gar nicht lange her, da kam ein Ungeheuer in die kleine Stadt Castle Rock in Maine. (…) Es war kein Werwolf, Vampir oder Gespenst, und es war auch keine namenlose Kreatur aus dem Hexenwald oder aus den Schneewüsten; es war nur ein Polizist namens Frank Dodd, der seelische und sexuelle Probleme hatte.

Fünf Jahre nachdem eben jener Frank Dodd sein letztes Opfer brutal erwürgt hatte und mit Hilfe des Hellsehers Johnny Smith schließlich aufgehalten werden konnte, kehren wir erneut zurück nach Castle Rock. Und mit uns Leser auch das Ungeheuer, in diesem Fall verkörpert durch Cujo, einen zwei Zentner schweren Bernhardiner. Ein bis dato äußerst sanftmütiges Wesen und der beste Freund des zehnjährigen Brett Camber, dessen Vater eine etwas abgelegene Autowerkstatt betreibt. Doch in diesem ungewöhnlich heißen Sommer kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Bei der Jagd auf ein flinkes Waldkaninchen gerät Cujo mit der Schnauze voran in ein unterirdisches Erdloch. Vom blinden Jagdeifer überkommen scheucht er dabei die dort den Tag verschlafenden Fledermäuse auf, welche in ihrer Angst das Maul des Bernhardiners attackieren und ihn so mit dem gefährlichen Tollwut-Virus infizieren. Der Hund kann sich zwar befreien, doch bald tut das Virus sein grauenvolles Werk. Cujo wird zunehmend rastlos und zornig. Und als die Schmerzen überhand nehmen, sieht er in jedem Mensch den Grund für seine Pein.

Zur gleichen Zeit hat der vierjährige Tad Trenton Probleme einzuschlafen. Es ist felsenfest davon überzeugt, dass in seinem Schrank ein Monster steckt. Er sieht es des Nächtens und weiß, dass es sich mit jedem weiteren Tag immer mehr nähern und ihn schließlich fressen wird. Trotz der Beteuerungen seiner Eltern Victor und Donna, es gäbe keine Monster, findet er keinen Frieden, bis sein Vater damit beginnt, die Worte an die Ungeheuer zu sprechen. Ein Bann, der augenscheinlich funktioniert. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn in der Ehe seiner Eltern kriselt es. Und auch beruflich gibt es Probleme. Victors Firma droht einen hochdotierten Werbevertrag einer Cornflakes-Firma zu verlieren und er muss mit seinem Geschäftspartner nach New York, um zu retten, was zu retten ist. Als er kurz vor dem wichtigen Termin von der Affäre seiner Frau erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Und er vergisst in all dem Durcheinander einen Termin mit einer Autowerkstatt auszumachen. Donna, die mit Sohn Tad in Castle Rock zurückgeblieben ist, beschließt den Wagen zu Joe Camber zu bringen. Stotternd haucht das Auto kurz vor seinem Ziel, das verlassen in der brütenden Hitze daliegt, sein Leben aus, während der ehemals beste Freund des Menschen bereits im Dunkel der Scheune lauert …

Ein Monster im Schrank? Aber da haben wir doch unser übernatürliches Horror-Element, wird nun so mancher denken. Es stimmt, dass der Beginn des Romans ganz im Zeichen der klassischen Grusel-Geschichte steht, doch tritt dieses zunehmend in den Hintergrund, weil sich Stephen King voll und ganz dem widmet, was er noch besser kann als Gänsehaut zu erzeugen – die Skizzierung seiner Charaktere. Wer nur einen Blick auf den Klapptext riskiert und ohnehin außerhalb des hoch gepriesenen Feuilletons erst gar nicht wildert, dem wird Cujo sicher nur ein müdes Lächeln abringen. Monströser Hund tötet Menschen, der typische B-Movie-Trash. Oh, das wäre es in den Händen eines weniger talentierten Schriftstellers wohl ganz sicher. Doch wir haben es nun mal mit Stephen King zu tun. Und der braucht erneut nur ganz wenige Seiten, um uns von der plötzlich unerschütterlich erscheinenden Wahrheit zu überzeugen, dass es sich hierbei nicht um ein phantastisches Hirngespinst, sondern einen seriösen Tatsachenbericht behandelt. Wie schon in „Carrie“, so kommen wir auch in diesem Fall erst gar nicht auf den Gedanken, die Authentizität des Beschriebenen in irgendeiner Art und Weise zu hinterfragen.

Einmal mehr packt uns King fest am Kragen und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los, was insofern eine besondere Leistung darstellt, da er in diesem Roman noch mehr Umwege als gewöhnlich nimmt – und damit auch die Spannungsaufbau immer wieder verschleppt oder gar gänzlich ausbremst. Diesen einen Schock-Effekt, diesen Ich-sehe-dem-Bösen-direkt-ins-Auge-Moment – ihn verkneift sich King in „Cujo“. Stattdessen sind es die tragischen Verkettungen der Umstände, welche das Tempo hoch halten und die Figuren auf der Spielfläche durcheinanderwürfeln, was es wiederum unmöglich macht, irgendwelche Zwischenprognosen für den Ausgang des Ganzen abzugeben. Die Kritik, es wären dabei zu viele Zufälle auf einmal, mag zwar berechtigt sein, schmälert letztlich jedoch nicht die Brillanz, in welcher die vielen mäandernden Handlungsstränge peu a peu zu einem mitreißenden Sturzbach zusammengesetzt werden. Selten wurde der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in solcher Konsequenz und auf so hohem Niveau präsentiert, wodurch das – für King-Verhältnisse eigentlich eher kleine Gefahrenmoment – enorm an Macht über den Leser gewinnt.

So sind die Passagen über Donnas und Tads Martyrium im kochenden Innenraum des vom blutrünstigen Hund belagerten Wagens nicht nur aufgrund der klaustrophobischen Verhältnisse derart intensiv. Man hat auch immer wieder den ehelichen Konflikt zwischen Donna und ihrem Mann im Hinterkopf, der sowohl in gewisser Weise Auslöser dieser Situation war, als auch im entscheidenden Moment dazu führt, dass ihr Verschwinden Victor auf die völlig falsche Fährte führt. Der Dramatik kommt dies zu Gute, denn das über Tage dauernde, fast nur in Gedanken ausgefochtene Duell zwischen Donna und Cujo ist atmosphärisch derart dicht in Szene gesetzt, dass uns als Leser selbst bei niedrigen Außentemperaturen der Schweiß von der Stirn perlt. Wie King hier die Machtlosigkeit einer Mutter im Angesicht des drohenden Verdurstens ihres Kindes schildert, ihr Zaudern und Zögern, wenn es darum geht, sich der wartenden Bestie außerhalb zu stellen – das bleibt noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis haften. Auch aufgrund des Endes, das bei der damaligen Veröffentlichung sogar zu Boykottaktionen mancher Buchhandlungen geführt hatte.

Wer sich jetzt bei all dem Lob fragt, warum es nicht für eine höhere Wertung gereicht hat, dem muss man an dieser Stelle daran erinnern, dass Stephen King mit diesem Roman das Rad nicht neu erfunden, sondern für ihn eine schlichte Nummer sicher verfasst hat. Eine Nummer sicher, mit der er sich zwar wieder leichtfüßig bewegt, die aber weit von größerer Innovation entfernt ist. Aber ob es die auch jedes Mal braucht, sei ebenfalls in Frage stellt. Vor allem, wenn man so gut und so intensiv unterhalten wird, wie hier.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: Cujo
  • Originaltitel: Cujo
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 09.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3453432710