Der Morgen, an dem es über mich kam …

© Heyne

Nach dem für ihn vollkommen unerwarteten Erfolg durch seine Bücher „Carrie“ und „Brennen muss Salem“, den er insbesondere seiner Frau Tabitha zu verdanken hatte (siehe Rezension zu „Carrie“), sah sich Stephen King schon recht bald als Horror-Autor abgestempelt. Eine Kategorisierung, welche er zwar später mit Ehre tragen sollte, ihm zum damaligen Zeitpunkt allerdings die Möglichkeit verwehrte, auch seine bis dato unveröffentlichten Frühwerke an den Verlag – und damit an den Leser zu bringen.

Zu diesen Titeln gehörte auch „Amok“ (das anfangs noch „Getting it on“ heißen sollte), an dem King bereits seit Mitte der 60er Jahre arbeitete, woher sich auch die vielen inhaltlichen Parallelen zur 1968 verfassten Kurzgeschichte „Kains Aufbegehren“ (später erschienen in der Kurzgeschichtensammlung „Blut“) erklären dürften. Fest entschlossen sich selbst und den Kritikern zu beweisen, auch abseits des schlichten Grusels literarisch Fuß fassen zu können, entschied sich der Autor kurzerhand, „Amok“ unter einem Pseudonym auf den Markt zu bringen. Richard Bachman war geboren.

Und damit gleich eine ganze fiktive Biographie. Bachman wurde im Jahre 1942 in New York geboren, diente angeblich vier Jahre bei der Küstenwache bis er anschließend bei der Handelsmarine anheuerte und in den Vietnam-Krieg zog, um nach seinem Ausscheiden aus der Armee schließlich in New Hamsphire eine Milchfarm zu betreiben. Abends, nach der harten getanen Arbeit, hatte Bachman dann stets zum Stift gegriffen und mit dem Schreiben begonnen. Hier – so Kings Fantasie, der über Jahre viele unwissende Leser glauben schenkten – sollte nun auch „Amok“ schließlich das Licht der Welt erblicken. Ein Roman, der zwar kein klassischer „Horror“ sein will, aber letztlich bei der Lektüre eben doch für diesen sorgt und wohl zum unbequemsten und verstörendsten gehört, was der Meister des feinen Grusels in seiner Karriere auf uns losgelassen hat – nur um es später wieder einzufangen, doch dazu mehr im Verlauf der Rezension. Erstmal kurz zur Handlung:

Ein schöner Morgen im Mai in einer Kleinstadt in Maine. Der 17-jährige Schüler Charles Decker, welcher am Tag zuvor seinen Chemie- und Physiklehrer John Carlson beinahe mit einem Schraubenschlüssel erschlagen hatte, wird während des Unterrichts ausgerufen und zum Direktor der Schule zitiert. Thomas Denver hat es bereits mit einigen Querulanten zu tun gehabt, verliert aber recht schnell die Kontrolle über das Gespräch, welches letztlich eskaliert und dazu führt, dass Decker nach Greenmantle versetzt wird. Dieser gibt sich äußerlich unbeeindruckt, nur um dann schreiend das Büro zu verlassen – eine versuchte Vergewaltigung seitens des Rektors vortäuschend, was aber bei niemandem, der den Jungen näher kennt, Eindruck macht. Daraufhin begibt sich Decker zu seinem Spind, wo er erst all seine Schulbücher zerfetzt, die mitgebrachte Waffe seines Vaters entnimmt und schließlich alles in Brand steckt.

Als er wieder an der Tür zum Raum 16, seinem Klassenzimmer, ankommt, zieht er seelenruhig die Pistole aus seinem Gürtel und schießt seiner Algebra-Lehrerin Mrs Jean Underwood direkt in den Kopf. Während seine Klassenkameraden und -kameradinnen fassungslos die Szene beobachten, geht aufgrund des aus dem Spind quellenden Rauchs der Feueralarm los. Ein weiterer Lehrer, Mr. Vance, betritt den Raum, um nach dem Rechten zu sehen. Zwei Schüsse später liegt auch er, tödlich getroffen, am Boden. Nun beginnt für alle im Klassenzimmer eine mehrstündige Geiselnahme, in der sich Charles Decker nicht nur zum Richter über Leben und Tod aufschwingt, sondern mit jedem Einzelnen seine psychologischen Spielchen treibt.

Während sich außerhalb der Schule neben der Polizei und der Feuerwehr auch immer mehr Angehörige und Schaulustige versammeln, brechen sich in der Klasse zwischen den Schülern und Schülerinnen inzwischen alte Konflikte Bahn. Allein Ted Jones erweist sich lange Zeit als Fels in der Brandung und angewidert von Deckers Taten, der jedoch zunehmend das Gefühl der Macht genießt und in dem sturen Mitschüler einen Stolperstein sieht, den es aus dem Weg zu räumen gilt …

Wer sich nun schon auf halbem Weg bereits auf die Suche nach diesem Titel von Richard Bachman/Stephen King aufgemacht hat, wird zu seiner Verblüffung feststellen, dass dieser bereits seit längerem vergriffen ist. Und die Chancen auf eine Neuveröffentlichung sind auch verschwindend gering, denn der Autor höchstpersönlich ließ ihn im Jahr 2000 vom Buchmarkt nehmen. Eine Zeit, in der die Gewalt mit Schusswaffen an US-amerikanischen Schulen einen traurigen Höchststand erreichte und im Zuge der medialen Berichterstattung gleich mehrere der Attentäter mit diesem Roman in Verbindung gebracht werden konnten. Unter ihnen war auch Michael Carneal, welcher am 1. Dezember 1997 drei Mitschüler erschossen und wohl eine Taschenbuchausgabe in seinem Spind aufbewahrt hatte. Ein weiterer, Barry Loukaitis, Mörder von zwei Mitschülern und seiner Algebra-Lehrerin (!), soll angeblich sogar aus dem Roman zitiert haben. All diese Attentate, mit dem schrecklichen Höhepunkt in Littleton, greift King auch in seinem Essay „Guns“ (bisher unübersetzt) auf, in dem er nochmal ausführlich erklärt, warum „Amok“ nicht mehr aufgelegt werden soll.

Bleibt nun die Frage: Lohnt sich denn die antiquarische Suche? Hier tendiere ich eher zu einem „Nein“, denn so interessant es ist, sich mit den stilistischen Mitteln dieses Frühwerks von Stephen King zu beschäftigen, so abstoßend fand ich doch letztlich diese Lektüre. Und das lag tatsächlich nicht allein an dem kaltblütig geschilderten Mord an zwei Lehrkräften, sondern hat auch noch andere Gründe. So ist „Amok“ mit knapp 220 Seiten für einen King-Roman extrem kurz geraten, was manch einer vielleicht als erfrischende Abwechslung mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen wird, aber auch dafür sorgt, dass die meines Erachtens größte Stärke dieses Autors – nämlich seine Figurenzeichnung – überhaupt nicht zur Geltung kommen kann. Falls er wollte, dass uns das Schicksal aller Beteiligten genauso egal ist wie Charles Decker – ja, dann war das ein genialer Kniff. Falls nicht, dann muss ich leider konstatieren, dass ich es schmerzlich vermisst habe, mich wie üblich in die Beteiligten hineinversetzen zu können. Hier sind insbesondere die als Geisel genommenen Schüler gemeint, welche hoffentlich nicht den üblichen Querschnitt einer amerikanischen Klasse darstellen, sind sie doch fast allesamt von erschreckender Künstlichkeit und Oberflächlichkeit.

Natürlich hat sich Stephen King in Vorbereitung auf diesen Roman auch mit dem sogenannten Stockholm-Syndroms auseinandergesetzt, welches die zunehmende Sympathie der Geisel zu ihrem Geiselnehmer oder Kidnapper beschreibt – und diese Erkenntnisse letztlich in den Roman einfließen lassen. Wie schnell aber die Klassengemeinschaft sich hier ihrem Peiniger, der soeben gerade ihre Lehrerin vor ihren Augen erschossen hat, zu Füßen wirft, das hat doch schon mehr als nur ein bisschen ein Geschmäckle. Der kompakten Erzählweise geschuldet, mutet dieses abrupte Zerbrechen jeglicher Bündnisse zwischen den Schülern nicht nur seltsam an – es torpediert auch im gleichen Zug den Aufbau einer gewissen Spannung, da die vermeintlichen Opfer sich nun urplötzlich zu Verbündeten des Täters wandeln. Da die Handlung gerade mal wenige Stunden eines Tages abdeckt, liest sich das nicht annähernd so homogen, wie wir das sonst vom späteren „King of Horror“ gewohnt sind, der zum Beispiel den charakterlichen Verfall des Jack Torrance in „Shining“ (ebenfalls 1977 veröffentlicht) viel mehr Zeit widmet und ihn damit auch umso nachvollziehbarer macht.

Desweiteren verwundert es nicht, dass viele Leser damals nicht bemerkt haben, dass es sich hierbei um King handelt, da auch die sprachlichen Mittel dieses begnadeten Autors nicht mal zur Hälfte ausgeschöpft werden. Ganz im Gegenteil: „Amok“ liest sich äußerst spröde, kahl, kalt und – und das fand ich persönlich am störendsten – äußerst vulgär. Gerade die Beschreibungen der sexuellen Eskapaden von Deckers Mitschülern pendeln sich auf einem knietiefen Niveau ein, welches man sonst nur von einem Richard Laymon kennt.

Warum der Roman am Ende nicht komplett durch den Qualitätsrost fällt, hat folgende Gründe: Immer dann wenn Bachman/King seinen Scheinwerfer auf Charles Decker richtet, seine Hinter- und Beweggründe beleuchtet, nimmt diese Lektüre Fahrt auf, erkennen wir den Versuch des Autors zu schildern, wie wenig es bedarf, um einen Menschen über die moralische Klippe stürzen und eine so entsetzliche Tat begehen zu lassen. Und gerade zum Schluss, den man wohl am besten mit „bittersüß“ beschreiben dürfte, schimmert etwas von der Genialität durch, die seine weiteren Werke allerdings über die ganze Distanz tragen konnten. So bleibt festzuhalten: Für King-Liebhaber sicher einen Blick wert – allen anderen verpassen hier tatsächlich nichts.

Wertung: 73 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Bachman 
  • Titel: Amok
  • Originaltitel: Rage
  • Übersetzer: Joachim Honnef
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 11.1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 220 Seiten
  • ISBN: 978-3453025547

The Eye That Never Sleeps …

© Diogenes

Wenn du es nicht bereits schon vorher auf die harte Tour lernen musstest, bekommst du es spätestens in der Ausbildung zum Buchhändler beigebracht: „Don’t judge a book by it’s cover.“ Und doch ist man nach einigen Jahren im Beruf und mitsamt der angesammelten Erfahrung nicht ganz dagegen gefeit, sich über gewisse Buchumschläge triggern zu lassen. Das kann von Leser zu Leser variieren, mag bei dem einen stärker ausgeprägt sein, als bei dem anderen, aber letztendlich kauft doch das Auge mit.

In meinem Fall bin ich äußerst anfällig für Motive aus dem viktorianischen Zeitalter, meist repräsentiert durch einen nebligen Straßenzug und eine schattenhafte, fast schwarze Gestalt, gekleidet in Sackmantel, Gehrock und Zylinder. Früh beeinflusst durch Doyles Geschichten um Sherlock Holmes, hat sich diese Epoche der englischen Geschichte fest im Kreis meiner literarischen Vorlieben etabliert und sich seitdem – dank Autoren wie zum Beispiel Charles Dickens, H. G. Wells oder Bram Stoker – quer durch alle Gattungen und Genres ausgebreitet. So ist es also wenig überraschend, dass auch der, bereits 2016 im Original veröffentlichte Roman „Die Frau in der Themse“ von Steven Price, den Weg in meine Hände gefunden hat.

Nur um von da erst einmal schnurstracks in die hauseigene Bibliothek zu wandern, denn es bedurfte einer gewissen Muse, um diese knapp 1000 Seiten Umfang in Angriff zu nehmen und dem Roman die von ihm eingeforderte Zeit zu widmen. Und so viel darf vorangestellt werden: Zeit sollte man bei der Lektüre von Price‘ Werk mitbringen, verlangt uns der kanadische Autor doch in seine Art des nichtlinearen Erzählens ein gesundes Maß an Geduld ab, weshalb sich „Die Frau in der Themse“ von Anfang an einer schnelleren Gangart widersetzt und damit nur bedingt zum typischen Page-Turner taugt, den man mal eben nebenbei an ein, zwei Abenden wegschmökern kann. Überhaupt sollte jedem interessierten Käufer, der über diesen Titel in seiner bevorzugten Buchhandlung ausgerechnet im Bereich des Spannungsliteratur gestolpert ist, gewarnt sein – ein Kriminalroman im klassischen Sinne ist dies nicht, und, was zwischen den Zeilen immer wieder deutlich wird, sollte es wohl auch nie sein. Die Tatsache, dass sich der Autor da allerdings selbst mit der Gewichtung mitunter schwer getan hat, tut der Handlung nicht immer gut.

Diese nimmt ihren Anfang in London, im Januar des Jahres 1885. William Pinkerton, berühmt-berüchtigter Erbe der gleichnamigen Detektei aus Chicago, ist über den Atlantik gereist, um einen Geist zu jagen. Sein Name: Edward Shade. Für den ominösen Ganoven und Tresorknacker hatte Williams kürzlich verstorbener Vater Allan, Gründer der Pinkerton-Agentur, über die Jahre eine regelrechte Obsession entwickelt, welche auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn bis zuletzt belastet hat. Doch gibt es diesen Edward Shade überhaupt wirklich? Verbissen dieses Geheimnis endlich zu lüften, führt ihn ein Hinweis in die Metropole an der Themse, wo er dessen Komplizin Charlotte Reckitt aufzuspüren versucht. Als William sie inmitten der dunklen, schattenhaften Gassen endlich ausfindig macht, kann sie ihm auf spektakuläre Art und Weise entwischen – nur kurze Zeit später wird ihre grausam zerstückelte Leiche an den Ufern der Themse angespült. Aber handelt es sich bei dem verstümmelten Körper auch um Charlotte Reckitt?

Williams Zweifel werden auch von Adam Foole geteilt, einem gewieften Dieb, den Charlotte kurz vor ihrem schrecklichen Ableben um Hilfe gebeten hat. Einst ein Liebespaar, will Foole die Vergangenheit nicht einfach hinter sich lassen und beschließt den mysteriösen Umständen ihres Todes nachzugehen. Es kommt, wie es kommen muss. Die Wege von William Pinkerton und Adam Foole kreuzen sich – und die zwei komplett unterschiedlichen Charaktere müssen zusammenarbeiten, um in der Unterwelt Londons den Mörder ausfindig zu machen …

Eine gesetzlose, geheimnisvolle Frau, die mit ihren Coups in der Vergangenheit ihre Verfolger in Erstaunen versetzt hat. Neben dem Titel, so legt auch der Text auf der Rückseite des Buchdeckels der Diogenes-Ausgabe nahe, dass Charlotte Reckitt, wenn sie die Geschichte nicht schon dominiert, so zumindest eine zentrale Rolle in ihr zu spielen hat. Dabei werden Erwartungen geweckt, welche „Die Frau in der Themse“ letztlich nicht erfüllen kann. Zwar befinden sich sowohl Foole als auch Pinkerton auf der Suche nach ihrem Mörder, aber sie selbst bleibt für uns als Leser über einen großen Zeitraum überhaupt nicht greifbar. Price gewährt uns tatsächlich einige Einblicke in ihre Vergangenheit – so wird u.a. ihre vergangene romantische Beziehung mit Foole in Südafrika näher beleuchtet und die komplizierte Beziehung zu ihrem Vater Martin Reckitt thematisiert – dem Kern ihrer Figur kommen wir aber dabei kein Stückchen näher. Und sie ist letztlich tatsächlich auch nicht weiter wichtig für die Entwicklung der Ereignisse, die sich in erster Linie um den rätselhaften Edward Shade drehen, dem großen Mister Unbekannt des Romans – und damit meines Erachtens genau das Element, an dem sich Steven Price am Ende verhebt.

Aber zuvor zu den positiven Aspekten des vorliegenden Buchs, bei denen sich einer besonders deutlich hervortut: Die Atmosphäre. Price‘ stimmungsvolle Beschreibungen des Molochs London sind derart plastisch und unmittelbar, dass man als Leser sich dem nicht entziehen kann. Der Schlamm in den Gassen. Der feuchte, wabernde Nebel über der Themse. Die von Gaslaternen nur ungenügend ausgeleuchteten Straßenzüge. Der Lärm der Droschkenräder und klappernden Hufen auf dem Kopfsteinpflaster. Der betäubende Geruch der Spelunken und Opiumhöhlen. Die verlebten, zernarbten Gesichter der Ärmsten unter den Armen. „Die Frau in der Themse“ überwindet die Grenzen des Mediums Buch und verwandelt sich vor unserem inneren Auge in ein Erlebnis für alle Sinne, das uns ganz und gar gefangen nimmt – und nachhaltig beeindruckt. Wenn wir an der Seite von Pinkerton über einen knarzenden Holzsteg rennen, den alt gewordenen Martin Reckitt in den dunklen Gemäuern des Millbank-Gefängnisses (übrigens auch ein Schauplatz in Dickens „Bleakhouse“) seine Aufwartung machen oder im schummrigen Licht eines Salons einer Séance beiwohnen – dann spielt dieser Roman äußerst machtvoll seine Stärken aus, weckt Erinnerungen an Klassiker wie Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ oder Wilkie Collins‘ „Die Frau in Weiß“, vor denen sich – und dieses große Lob muss man zollen – Price‘ sprachlich nicht verstecken muss.

Obwohl der Roman mehr als drei Jahre vor den Morden Jack the Rippers spielt, so nutzt doch Price trotzdem die Gelegenheit, um genau die Umstände zu kennzeichnen, welche es dem berüchtigten Serienmörder begünstigen sollten, sich unentdeckt und unbehelligt seine Opfer auszusuchen. Einst ein Ort der Hoffnung auf ein besseres Leben, ist das London zum Ausgang des Jahrhunderts längst ein Menetekel geworden, ein abschreckendes Beispiel für all die negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung. Inmitten der Menschenmassen bedeutet das Individuum nichts mehr, verdorrt das zarte Pflänzchen Empathie schon früh in den düsteren Schatten der schmalen Straßen. Verzweiflung allerorten – und mittendrin Pinkerton und Foole, welche sich beide auf ihre Art und Weise mit diesen Widrigkeiten auseinandersetzen. Letzterer zumeist in Begleitung seines schlagkräftigen Dieners Japheth Fludd und der jungen Diebin Molly. Price nimmt sich viel Zeit, ihre Hintergründe zu beleuchten und ihre einzelnen Geschichte miteinander zu verbinden. Und ja, er nimmt sich am Ende leider zu viel davon.

Wann immer sich die Ereignisse in London zuspitzen, die Katz-und-Maus-Jagd der beiden ungewöhnlichen Partner und Kontrahenten in eine entscheidende Phase geht und der ziselierte Schauer nebelgleich die Temperatur um uns herum herunterkühlt, bremst der Autor unseren Lesefluss aus, um stattdessen, zwischen den zeitlichen Ebenen springend, vor dem Hintergrund des amerikanischen Sezessionskrieges, die Werdegänge beider Hauptprotagonisten ebenso detailreich auszuwalzen. Eben noch im kalten, winterlichen London, sollen wir nun an der sommerlichen Front mit den Soldaten der Unionstruppen schwitzen und schnurstracks in den Kugelhagel marschieren.

Keine Frage, auch auf diesem Schauplatz kann Price stilistisch überzeugen, zahlt dafür aber einen hohen Preis. Dadurch dass sich diese Rückblicke bis in das letzte Drittel des Romans ziehen, wird immer wieder aufs Neue das Momentum verschleppt und nebenbei – und das ist vor allem im Hinblick auf die entscheidende Frage, ob es Edward Shade gibt und wer er ist, wichtig – der richtige Zeitpunkt für den Aha-Effekt komplett verpasst. Soll heißen: Wenn der Autor in dieser Hinsicht endlich deutlich wird, haben wir das „Rätsel“ schon lange selbst gelöst. Dennoch müssen wir über viele Seiten beobachten, wie die Hauptprotagonisten noch weiter mit dieser Ungewissheit leben. Das ist, hart gesagt, einfach schlechtes Storytelling und schlichtweg auch ein Versäumnis des Lektors, der hier viel öfter und radikaler den Rotstift hätte ansetzen zu müssen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die wohl bekannteste fiktive Figur des viktorianischen Zeitalters, der große Meisterdetektiv Sherlock Holmes, in seinem Debütauftritt in „Eine Studie in Scharlachrot“ ein ähnliches Schicksal erleiden musste.

Was bedeutet das nun für das Fazit zum Roman? Steven Price ist ganz ohne Zweifel ein sprachlich eindrucksvolles Gemälde des London im 19. Jahrhundert (und besonders dessen Unterwelt) gelungen, welches einfallsreich, gekonnt und augenzwinkernd mit den Elementen des klassischen Schauer -und Sensationsromans spielt, über die gesamte Distanz aber recht deutlich an seiner fehlenden Kohärenz und der überbordenden Epik krankt – gerade die Thematik rund um die Geschichte der Pinkertons hätte hier locker genug Stoff für ein eigenes Buch hergegeben – und an ihr in gewisser Weise auch scheitert. Dreihundert Seiten an den richtigen Stellen weniger, sie hätten „Die Frau in der Themse“ gut getan.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: Steven Price
  • Titel: Die Frau in der Themse
  • Originaltitel: By Gaslight
  • Übersetzer: Anna-Nina Kroll, Lisa Kögeböhn
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 09/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 928 Seiten
  • ISBN: 978-3257070873

Das geheimnisvolle Verbrechen in Styles

© Atlantik

Wir schreiben das Jahr 1916. In Zentraleuropa tobt ein heftiger Weltkrieg, der bereits Millionen von Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet und ganze Landstriche zerstört hat. Und wenngleich Großbritannien auf dem eigenen Boden bisher davon weitestgehend verschont geblieben ist, werden die Folgen der andauernden Kämpfe auch in England immer mehr spürbar. Nahrung wird knapp, allgemeine Güter rationalisiert und Scharen von Flüchtlingen kommen in das Land. Unter ihnen sind, neben Franzosen und Niederländern, auch viele belgische Staatsbürger, was wiederum auch einer jungen Frau nicht verborgen bleibt: Agatha Christie.

Diese gibt, gerade frisch verheiratet, ihr in Paris begonnenes Medizinstudium bei Ausbruch des Krieges auf, um erst als Krankenschwester in einem Krankenhaus zu arbeiten und dann schließlich in einer Apotheke auszuhelfen. Ihre Erfahrungen über giftige Mittel und Stoffe sowie ihr täglich Kontakt mit den neuen belgischen Mitbürgern in ihrem Geburtsort Torquay lassen in ihr die Idee reifen, einen Kriminalroman über einen Giftmord zu schreiben. Und der ermittelnde Detektiv soll einer dieser Belgier sein. Für mehrere Wochen zieht sie sich in das Moorland Hotel bei Haytor im Dartmoor zurück. (Auf das wir bei unserer Wanderung durch Haytor im Jahr 2019 auch einen Blick werfen konnten. Siehe Fotos) Am Ende ist Hercule Poirot geboren.

Der Öffentlichkeit bleibt dies jedoch noch vier Jahre lang verborgen, denn es dauert bis zum Oktober 1920 bis ihr Erstlingswerk, „Das fehlende Glied in der Kette“ (engl. „The Mysterious Affair at Styles“), erst in den USA und drei Monate später auch in Großbritannien erscheint. Sie erfüllt damit nicht nur ihren Teil einer Wette – ihre Schwester Madge hatte einst behauptet, sie würde es nie zustande bringen, einen Roman zu schreiben – sondern legt auch gleichzeitig den Grundstein für einen Autorenkarriere, welche wohl im Krimi-Genre bis in alle Zeiten seinesgleichen suchen wird. Zum Zeitpunkt der Öffentlichkeit konnte dies jedoch noch niemand ahnen, denn wenngleich der Titel durchaus positive Resonanz erfuhr, blieb Christie – und somit auch auch dem Detektiv mit den kleinen, grauen Zellen – ein größerer Durchbruch vorerst verwehrt. Doch welchen Einfluss und welche Bedeutung hat dieser erste Band der Serie im Nachhinein? Und wieso nimmt der Schauplatz des Romans, der Landsitz Styles, einen so wichtigen Platz im Leben von Agatha Christie ein? Nicht nur aufgrund dieser Fragen lohnt auch heute noch eine Lektüre dieses Klassikers, der, im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Kriminalromanen, erstaunlich wenig Staub angesetzt hat.

Juli 1917. Auf dem ländlichen Gut Styles herrscht Missstimmung und Aufregung, nachdem die reiche Hausherrin Mrs. Emily Inglethorp den zwanzig Jahre jüngeren Alfred Inglethorp geheiratet hat, dem allem Anschein nach nur an ihrem Geld gelegen ist. Besonders Lieutenant Arthur Hastings, nach einer Verletzung aus dem Krieg zurückgekehrt und von seinem alten Freund John Cavendish nach Styles eingeladen, ist diese feindselige Atmosphäre mehr als unangenehm. Als die Hausdame Miss Howard in einem dramatischen Auftritt abreist – nicht ohne vorher noch Alfred des Betrugs an seiner Frau zu bezichtigen – kommt jegliche Konversation zwischen den Gästen zum Erliegen. Zu Erleichterung von Hastings bleiben die nächsten Tage weitere Zwischenfälle aus, bis dann eines Nachts Mrs. Inglethorp mit schweren Krämpfen schreiend erwacht. Ihr zur Hilfe zu kommen erweist sich jedoch als schwierig, denn die Zimmertür ist verschlossen. Als sie endlich aufgebrochen wird, kann Emily Inglethorp nur noch den Namen ihres Mannes nennen, bevor sie stirbt. Alfred selbst ist allerdings zu diesem Zeitpunkt außer Haus und so herrscht große Verwirrung, als der hinzugezogene Giftspezialist Dr. Bauerstein die Vermutung äußert, dass eine Strychnin-Vergiftung für ihren Tod verantwortlich ist.

Hastings erinnert sich an seinen Bekannten, den ehemaligen belgischen Polizisten Hercule Poirot, der auf dem Kontinent einen ausgezeichneten Ruf genießt, und bittet ihn in diesem mysteriösen Fall um Hilfe. Poirot, der dankbar ist, dass die Engländer ihm und seinen Landsleuten so willig und freundlich Obdach gegoten haben, sieht es als Chance sich erkenntlich zu zeigen und beginnt mit seinen äußerst eigenwilligen Ermittlungen. Schon bald stößt er auf mehrere Widersprüche in den Aussagen der Beteiligten, welche nahe legen, dass durchaus auch andere am Tod von Mrs. Inglethorp gelegen haben könnte. Bevor er seine Untersuchungen abschließen kann, kommt es jedoch zu einer überraschenden Eröffnung: Nicht nur war Strychnin tatsächlich die Todesursache – eine Alfred Inglethorp ähnelnde Person hatte diese Substanz einige Tage zuvor sogar in der Ortsapotheke gekauft. Der Fall scheint somit gelöst. Doch Poirot ist nicht überzeugt und verhindert, sehr zum Missfallen von Inspector Japp, dessen Verhaftung. Während man offensichtlich wieder am Anfang der Untersuchung steht, hat der kleine Belgier aber längst das fehlende Glied in der Kette gefunden …

Mehr noch als für Sir Arthur Conan Doyle, den das geheimnisvolle Dartmoor zu seinem wohl berühmtesten Roman „Der Hund der Baskervilles“ inspirierte, spielt die Grafschaft Devon in Südwestengland für Agatha Christie eine äußerst entscheidende Rolle in ihrer Karriere als Schriftstellerin. In Torquay an der so genannten englischen Riviera geboren, verlor Christie, welche später insbesondere in den Nahen Osten mehrere Reisen unternahm, nie den Bezug zu ihrer Heimat und nutzte die örtlichen Gegebenheiten gleich mehrfach für ein paar ihrer wohl bekanntesten Romane, darunter unter anderem „Das Böse unter der Sonne“ und „Und dann gabs keines mehr“. Noch heute kann man auch Greenway Estate, ihren ehemaligen Landsitz am River Dart bei Galmpton, besichtigen, welcher zudem als Setting für zwei ihrer Werke, „Das unvollendete Bildnis“ und „Wiedersehen mit Mrs. Oliver“, diente (und sogar als Drehort der gleichnamigen Fernsehverfilmung mit Peter Ustinov). Ob wiederum das Gut Styles ebenfalls einen real existierenden Landsitz zum Vorbild hatte, ist nicht bekannt, darf aber wohl angenommen werden, zumal Christie viele Jahre später ihr Haus in Sunningdale, Berkshire als Reminiszenz auf den Namen „Styles House“ taufte. Und – um einen perfekten Bogen zu spannen – ist der Schauplatz ihres ersten Poirot-Romans am Ende auch die Bühne für den fallenden „Vorhang“ im letzten Band der Reihe.

Anfang der 20er Jahre konnte niemand diese mehr als ein halbes Jahrhundert andauernde Laufbahn des belgischen Detektivs auch nur erahnen. Ganz im Gegenteil: Christies Manuskript wurde von den beiden Verlagen Hodder and Stoughton und Methuen sogar abgelehnt. Der dritte Verlag, Bodley Head, behielt es mehrere Monate zur Prüfung und verlangte letztendlich sogar eine Änderung vom Ende des Buches. Statt dem Gerichtssaal sollte Hercule Poirot die große Auflösung lieber im der Bibliothek von Styles abhalten. Christie gab nach – und aus heutiger Sicht kann man nur sagen: Glückwunsch zu dieser Entscheidung, denn es sollte endgültig ein Markenzeichen nicht nur dieser Krimi-Serie, sondern eines ganzen Subgenres, des Whodunit des „Golden Age of Detective Fiction“, werden, welcher viele Elemente des klassischen Kriminalromans übernahm. So wird auch Agatha Christies Debüt aus der ersten Person erzählt, welche, ganz in der Tradition von Doyle, als Assistent des Detektivs – und damit auch als verlängerter Arm des Lesers – fungiert. Lieutenant Hastings ist die unschuldige, weiße Leinwand, auf der Poirot seine Kunst vollbringen und glänzen kann. Ein Spiegelbild von uns, die wir, genau wie der doch etwas naive Kriegsveteran, angesichts all der vielen, widersprüchlichen Indizien, im Dunkeln tappen und auf die Mithilfe des Mannes mit dem Eierkopf und dem Watschelgang angewiesen sind.

Es ist Agatha Christies große Kunst, den Leser in diese mitunter verwirrende Hilflosigkeit zu geleiten, aufgrund derer wir uns willfährig in die Hände Poirots begeben, der uns – naturgemäß – bis zum Schluss alle seine Entdeckungen vorenthält, um dann genau dort, in Anwesenheit aller Beteiligten und damit auch Verdächtigen, mit einer detaillierten Rekonstruktion der Ereignisse und der damit verbundenen Entlarvung des Täters zu überraschen. Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie dabei immer großen Wert darauf legt, dass wir selbst ebenfalls auf diese Lösung hätten kommen können – hätten wir uns eben nicht von den vielen Ablenkungsmanövern und Wendungen in die Irre führen lassen. In „Das fehlende Glied in der Kette“ befindet sich Christie fühlbar noch am Anfang ihrer Karriere. Die traumwandlerische Sicherheit, mit der sie in den späteren Jahren ihre Plots konzipiert, sie fehlt zwangsläufig. Dennoch bietet Poirots erster Auftritt genau das, was man von einem guten Rätsel-Krimi alter Schule erwarten darf – und was letztlich auch zu Christies großer Erfolgsgeschichte beitragen wird: Eine intelligente, kurzweilige, atmosphärische und letztlich auch spannende Lektüre, mit der man sich in diesem Fall äußerst gut einen sommerlichen Nachmittag im Garten mit Kaffee und Kuchen um die Ohren schlagen kann.

Wer mehr über Poirots Herkunft und seinen Werdegang erfahren, Einblick in dieses das „Golden Age“ prägende Stück Literatur nehmen und sich nebenbei noch prächtig unterhalten möchte – dem sei „Das fehlende Glied in der Kette“ auch heute noch mit Nachdruck empfohlen.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das fehlende Glied in der Kette
  • Originaltitel: The Mysterious Affair at Styles
  • Übersetzer: Nina Schindler
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 09/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3455650525

„Mr. Holmes, es waren die Fußspuren eines gigantischen Hundes …“

© Insel

Höchstwahrscheinlich gibt es für jeden begeisterten Leser diese eine Initialzündung, diesen Aha-Effekt, der ihn letztendlich für dieses schöne Hobby begeistert hat. Das und viel mehr waren für mich immer die Werke von Sir Arthur Conan Doyle. Wenngleich ich auch nicht an eine Wiedergeburt in einem anderen Körper glaube, so ist es doch irgendwie bemerkenswert und etwas verwunderlich, dass ich seit jüngsten Kindheitstagen dieses große Interesse am viktorianischen England, dem Gaslichtzeitalter mit seinen Droschken, Frackträgern und vernebelten Gassen, gezeigt habe. Wohlgemerkt ohne damit je vorher in Buch- oder Filmform in Kontakt gekommen zu sein. Was lag dann also näher, als irgendwann den Gang in die Stadtbibliothek anzutreten (damals hab ich mir Bücher tatsächlich noch geliehen) und es sich mitsamt den Sherlock-Holmes-Büchern in den ruhigen Hallen gemütlich zu machen. Spätestens ab „Der Hund der Baskervilles“ war es dann um mich geschehen – das Genre „Krimi“ hatte mich fest in seinen Fängen. Und bis heute hat es mich nicht losgelassen.

Sir Arthur Conan Doyles dritter Sherlock Holmes-Roman gilt allgemein als bester und beeindruckendster in der Riege der insgesamt vier längeren Geschichten mit dem großen Meisterdetektiv. Und das zweifellos zurecht, gelingt es doch dem Autor hier zum ersten Mal das volle Potenzial seiner Figur auszuschöpfen und ihn, entgegen seiner Kurzauftritte in z.B. „Studie in Scharlachrot“ und „Das Tal der Angst“, mit einem Problem zu konfrontieren, das seine Aufmerksamkeit über die gesamte Länge der Erzählung erfordert. „Der Hund der Baskervilles“ ist gegenüber den anderen Romanen erfrischend zielstrebig, bedarf weniger Nebenhandlungen und, bis auf dem Brief zu Beginn, auch keiner Rückblenden mehr. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, warum gerade dieses Werk Doyles in der Vergangenheit so oft (inzwischen mehr als 20mal, zuletzt mit Richard Roxburgh als Sherlock Holmes) verfilmt worden ist. Die wenigsten dieser Filmumsetzungen haben sich dabei jedoch genau an die Vorlage gehalten, was die Geschichte nicht selten zu einem billigen Gruseltheater verkommen ließ. Doch „Der Hund der Baskervilles“ ist sicherlich viel mehr als das. Und für die Unkundigen sei an dieser Stelle der Inhalt auch noch mal kurz angerissen:

Dartmoor, in der Grafschaft Devonshire, England, im Jahre des Herrn 1888. Sir Charles Baskervilles Tod hat die Region in tiefe Trauer gestürzt. Der ehrbare und gegenüber wohltätigen Zwecken stets spendable Landadlige war in der Nacht des 4. Juni unter mysteriösen Umständen in der Eibenallee vor dem Anwesen Baskerville Hall ums Leben gekommen. Als Todesursache hatte Dr. Mortimer, ein guter und enger Freund Charles‘, Herzversagen festgestellt. Was er indes Polizei und Gericht nicht verriet, war die Tatsache, dass auf dem Rasen in der Nähe der Leiche Spuren zu sehen waren – die Fußspuren eines gigantischen Hundes. Sollte gar der flammenspeiende Geisterhund Sir Charles in den Tod getrieben haben? Dieser holt laut einer alten Familiensage alle Baskervilles eines Tages, seit der grausame Urahn Hugo einst ein junges Mädchen gefangen nahm und anschließend mit seinen Jagdhunden ins Verderben des Moors hetzte.

Vier Monate später soll der letzte Baskerville Sir Henry, der bisher in Kanada lebte, sein Erbe auf Baskerville Hall antreten. Und Dr. Mortimer, der die Befürchtung hegt, dass Sir Charles‘ Neffe dessen schlimmes Schicksal bald teilen könnte, sucht schließlich in London die Baker Street 221b auf. Das Zuhause des berühmten Meisterdetektivs Sherlock Holmes. Während Watson und Dr. Mortimer beginnen übernatürliche Geschehnisse für Sir Charles‘ Tod verantwortlich zu machen, diktiert Holmes die Logik etwas anderes. So ist ein anonymer Brief, zusammengesetzt aus Zeitungsschnipseln, welcher den jungen Baskerville vor dem Betreten des Moors warnt, eindeutig irdischen Ursprungs. Und auch hinter dem Diebstahl von zwei einzelnen Schuhen Sir Henrys steckt wohl kaum ein teuflisches Monster. Zudem wird Holmes‘ Klient seit seiner Ankunft offensichtlich überwacht. Gemeinsam mit Watson nimmt der Detektiv die Verfolgung des bärtigen Mannes auf, der ihnen jedoch entkommen kann. Als man den Kutscher der fliehenden Droschke später zur Rede stellt, verrät dieser ihnen den Namen des geheimnisvollen Beobachters – Sherlock Holmes. Der Meisterdetektiv ist von der Genialität und Dreistigkeit seines Gegners begeistert und nimmt die Herausforderung an.

Da ihn jedoch andere wichtige Geschäfte derzeit noch in London festhalten, bittet er seinen besten Freund Dr. Watson um Mithilfe. Sein engster Vertrauter, der sich als Chronist des Detektivs einen Namen gemacht hat, soll Sir Henry nach Devonshire begleiten, für Holmes recherchieren und ein waches Auge auf den jungen Baskerville haben. Watson, bisher meist eher im Hintergrund vieler Fälle tätig, fühlt sich ob des Vertrauens seines Freundes geschmeichelt und sagt enthusiastisch zu. Doch bereits bei seiner Ankunft inmitten des vernebelten Moors ist es mit diesem Enthusiasmus vorbei. Baskerville Hall liegt fernab von jeglicher Zivilisation, die tückischen Untiefen rings herum können bei einem falschen Schritt den Tod bedeuten. Hinzu kommt, dass seit einiger Zeit der geistig verwirrte Serienmörder Selden inmitten der unzugänglichen Sümpfe vermutet wird. Der war vor kurzem aus dem berüchtigten Zuchthaus Princetown ausgebrochen und bringt nun die Bewohner der umliegenden Häuser um den Schlaf. Und bereits wenige Tage nach seiner Ankunft in Baskerville Hall, häufen sich auch hier die bedrohlichen Vorzeichen …

Das Dienerpaar Barrymore scheint mitten in der Nacht heimliche Signale ins Moor zu schicken, ein diabolisches Heulen lässt Sir Henry und Dr. Watson bei einem Spaziergang das Blut in den Adern gefrieren und das Geschwisterpaar Stapleton, das im nahe gelegenen Merripit-Haus wohnt, scheint ebenfalls das ein oder andere Geheimnis zu hüten. Um Holmes‘ Vertrauen zu rechtfertigen, versucht Watson allen Vorkommnissen auf den Grund zu gehen, wobei er bald feststellen muss, dass noch jemand anderes sein Auge auf Baskerville Hall geworfen hat. Watson, der nur einmal kurz die Silhouette des Unbekannten im Mondschein erhaschen konnte, setzt nun alles daran, diese mysteriöse Person in die Finger zu bekommen … als es ihm schließlich gelingt, erwartet ihn eine große Überraschung …

Eine derart ausführliche Einleitung in den Buchinhalt verkneife ich mir für gewöhnlich. Ich erachte sie aber in diesem Fall für unerlässlich, da wohl nur so meine Faszination für „Der Hund der Baskervilles“ zu begründen und nachzuvollziehen ist. Sir Arthur Conan Doyle, der seinen ihm überdrüssig gewordenen Helden im Jahr 1893 in der Kurzgeschichte „Sein letztes Problem“ den Tod in den Reichenbach-Wasserfällen sterben ließ, um sich stattdessen einer seriösen Art von Literatur widmen zu können, lässt hier Sherlock Holmes in einer Art und Weise zurückkehren, die bis zum heutigen Tag junge und alte Leser gleichermaßen in ihren Bann zu ziehen versteht. Das ist insofern erstaunlich, da zwar ein Buch dieser Art geplant war, aber Doyle ursprünglich nicht vorhatte es mit seinem Meisterdetektiv zu besetzen. Die Idee zu den merkwürdigen Ereignissen im Moor kam dem Autor im Jahre 1900, als er aufgrund einer Typhuserkrankung nach Norfolk reisen musste und dort mit Fletcher Robinson, einem Mann aus Devonshire, welcher auf Dartmoor aufgewachsen war, Freundschaft schloss. Dieser berichtete Doyle von einer alten Legende aus seiner Heimat, demnach der reiche Landbesitzer Richard Cabell (dessen Grab ich besucht habe, siehe Fotos), der die Töchter seiner Pächter entführte und vergewaltigte, einst von dämonischen Hunden zu Tode gehetzt wurde.

Es war der Funke, den Doyle zur Inspiration brauchte. Er suchte selbst Dartmoor auf, um einen Teil der realen Atmosphäre aufzunehmen, die bis heute „Der Hund des Baskervilles“ so bemerkenswert macht. Das zudem noch der Hausdiener der Familie Robinson mit Namen Henry Baskerville hieß, ist zusätzlich eine sehr interessante Anekdote. Ein mysteriöser Mordfall nahm in Doyles Kopf Gestalt an – und wer würde sich letztlich besser dafür eignen, einen solchen zu lösen, als Sherlock Holmes. Der Rückkehr des Detektivs stand nun nichts mehr im Wege. Das Strand Magazine veröffentlichte den Roman kapitelweise von August 1901 bis April 1902 und verhalf damit seinem Autor zum endgültigen Kult-Status. Sherlock Holmes war von den Toten auferstanden. Mehr noch, er war lebendiger denn je!

Um zu begreifen, wie sehr die wilde, raue Weite des in Licht und Schatten stetig wechselnden Dartmoors ihn inspiriert haben muss, war immer mein Wunsch, diesen Ort einmal selbst zu besuchen, in Doyles Fußstapfen zu wandeln und die Geheimnisse dieses sogar für englische Verhältnisse so unheimlichen, mysteriösen Schauplatzes zu ergründen. Im Jahr 2019 konnte ich mir diesen Traum gemeinsam mit meiner Familie erfüllen und nicht nur das Zimmer im Duchy Hotel betreten, in dem der Erfinder von Holmes den Roman einst geschrieben hat, sondern – ausgehend von der Stadt Princetown – auch einen Marsch zur Nun’s Cross Farm am Rand des großen Foxtor Mires unternehmen, die Doyle als Vorbilder für Stapletons Haus und das Grimpen Moor dienten (siehe Fotos). Die fast unnatürliche Ruhe dieses Ortes ist mir bis zum heutigen Tag nachhaltig in Erinnerung geblieben. Und die Tatsache, dass wir vor Ort einen großen abgenagten Knochen vorgefunden haben und uns ein Polizeiwagen begegnet ist, hat diesen Eindruck noch verstärkt. Fast als hätte sich der Roman nochmal in die Realität katapultiert, um uns vor dem Hund auf dem Moor und dem entflohenen Sträfling zu warnen. Ich kann nur jedem, der mal nach Devon kommt, ans Herz legen, diese einzigartige, menschenleere Landschaft aufzusuchen und ebenfalls in sich aufzunehmen.

Wann immer ich nun heute die Zeilen „Mr. Holmes, es waren die Fußspuren eines gigantischen Hundes“ im Buch lese, ist es um mich geschehen, hat mich dieser herrliche Schauer wieder in seinen Fängen, den Sir Arthur Conan Doyle mit dem kargen, düsteren Moor so eindringlich zum Leben erweckt hat. Sobald sich die kalte Jahreszeit ankündigt, der Regen gegen die Fensterscheiben prasselt und ein Kaminfeuer unsere Wohnung wärmt, wird „Der Hund der Baskervilles“ aus dem Regal gezogen. Man kennt den Mörder, den Ausgang, weiß welche Schlüsse Sherlock Holmes an welcher Stelle ziehen wird. Der Faszination tut das eben so keinen Abbruch wie die sicherlich in vielen Passagen, was die Logik angeht, äußerst holprige Geschichte. Eine Lektüre dieses Buches ist halt einfach ein nostalgischer Trip, der weder Action noch Blut bedarf, sondern allein aufgrund der Figuren und der Kulisse in den Bann zu schlagen weiß. Vom grausigen Mörder Selden über den zwielichtigen Mr. Stapleton bis hin zum unerträglichen Mr. Frankland. Die klischeebehaftete Besetzung agiert bestens im Zusammenspiel mit den mysteriösen Vorkommnissen im Moor und unterstreicht in jeder Zeile dieses durchgängige Gefühl der Bedrohung. Hinzu kommt das Team Holmes und Watson.

Wohl in keinem anderen Fall treten die Fähigkeiten BEIDER Akteure deutlicher zutage. Und selbiges gilt auch für ihre innige Freundschaft. Während Watson in den Rathbone-Verfilmungen zum naiven Deppen degradiert wurde, zeigt sich hier die Wertschätzung, welche Holmes für seinen Gefährten hegt. Beide arbeiten, wenn auch anfangs unbewusst, als eingespieltes Team. Und was Watson an kriminalistischer Genialität fehlt, macht er schließlich durch Verbissenheit und Eifer wett. Über seine Schulter wird man Zeuge der Ereignisse und kann diesmal, im Gegensatz zu vielen der Kurzgeschichten, auch seine eigenen Schlüsse ziehen. Dieser Fall ist lösbar, ohne das es Holmes‘ Auftritt bedurft hätte. Das (und wie) er letztlich trotzdem auf der Bildfläche erscheint, setzt dem genialen Aufbau der zwar recht stringenten, aber auch verwinkelten Geschichte die Krone auf.

Der Hund der Baskervilles“ ist für mich schlichtweg DER ewige Klassiker unter den Kriminalromanen. Nie zuvor oder danach war Sherlock Holmes besser, kein anderes Pastiché hat je diese atmosphärische Dichte auch nur annähernd erreicht. Entgegen aller Unkenrufe so genannter Literaturexperten erachte ich dieses Buch für ein absolutes Meisterwerk. Zeitlos, unsterblich und stets aufs Neue bewegend und beeindruckend. Nur wenige Bücher in meinem Regal dürfen sich einer Maximalwertung rühmen – dieses gehört ohne jeden Zweifel dazu.

Wertung: 100 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Der Hund der Baskervilles
  • Originaltitel: The Hound of the Baskervilles
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 244 Seiten
  • ISBN: 978-3458350156

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

There is a reaper and we don’t care …

© Ullstein

Nachdem John Connolly zuletzt mit „Der Kollektor“ seine Reihe um Charlie „Bird“ Parker wieder in qualitativ hochwertigere Bahnen gelenkt und die Formkurve – im Vergleich zu den doch eher mäßigen Vorgängern „Die weiße Straße“ und „Der brennende Engel“ – endlich wieder nach oben gedeutet hat, hält der irische Autor mit „Todbringer“ eine Überraschung für die Leser parat.

Obwohl das Buch zeitlich nach den Ereignissen um Merrick und den titelgebenden „Kollektor“ einsetzt, führt es nicht die Geschichte von Parker weiter, sondern konzentriert sich stattdessen auf seine Freunde, das homosexuelle Killer-Paar Louis und Angel, welches ihm sonst im Kampf gegen finstere Serienkiller und andere dämonische Gestalten treffsicheren Feuerschutz gibt. Ergo haben wir es also mit einem literarischen Spin-Off zu tun, das bereits schon bei der Lektüre des Klappentexts beträchtlich nach Fan-Service riecht und sich leider dann auch im weiteren Verlauf eben genau so liest. Keine Frage: Parkers gnadenlose Sidekicks sind in der Vergangenheit oftmals das nachtschwarz-komische Sahnehäubchen der Romane gewesen, haben die ohnehin meist beklemmend-spannenden Plots mit ihren Auftritten gewürzt. Sobald sie auf der Bildfläche erschienen sind, war klar: Jetzt geht es wieder ans Eingemachte. Aber worin lag die Faszination an diesen beiden nun nicht gerade freundlichen Zeitgenossen? Meines Erachtens in ihrer unheimlichen Aura, in ihrer unbekannten Vergangenheit, in eben genau dem, was wir (bisher) nicht wussten. „Todbringer“ gibt darüber nun näher Aufschluss, entmystifiziert die zwei Figuren – und versalzt dadurch unnötigerweise ein Erfolgsrezept der Reihe, das dadurch bei zukünftiger Einnahme nicht mehr so gut schmecken wird.

Kurz zur Handlung: Eigentlich haben sich Louis und Angel in den Ruhestand (von ein paar Morden für die „gute Sache“ mal abgesehen) zurückgezogen, den vor allem letzterer – auch körperlich von den Auseinandersetzungen der Vergangenheit gezeichnet – weitestgehend begrüßt. Gemeinsam führen sie ein vergleichsweise ruhiges und nach außen hin bürgerlich-normales Leben, so weit das für einen schwarzen Hünen und seinen weit kleineren weißen Lebensgefährten im Staat New York derzeitig überhaupt möglich ist. Ihr Freundeskreis beschränkt sich auf Charlie Parker – der seine Lizenz als Privatdetektiv verloren hat und sich nun hoch im Norden in der Gastronomie versucht – und die Automechaniker Willie und Arno, denen Louis einst mit einem Darlehen für ihren Betrieb unter die Arme gegriffen hat. Doch Louis ist es auch, der mit dieser ruhigen Idylle nur wenig anfangen kann. Bereits in jungen Jahren von seinem ungewollten Lehrmeister Gabriel zur Waffe geschmiedet und als Killer trainiert, fehlen ihm die Gelegenheiten seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen bzw. zu trainieren, weswegen ihm ein auf ihn und Angel verübtes Attentat gerade genau recht kommt.

In seiner langjährigen Karriere als Schnitter (engl. „Reaper“) hat Louis einige Leichen zurückgelassen – und nun holt die Vergangenheit ihn ein. Arthur Leehagen, ein reicher Unternehmer, der einen ganzen Landstrich in Maine unter seiner eisernen Knute hält, fordert Rache für seinen Sohn, den Louis einst in Ausübung seiner kriminellen Pflicht aus dem Verkehr gezogen hat. Und dafür ist ihm jedes Mittel Recht. Als auch Willie und Arno ins Visier Leehagens geraten und sich zudem die Gerüchte mehren, dass auch der soziopathische Profikiller Glueck in dessen Diensten steht, greifen Louis und Angel abermals zu ihren Waffen. Gemeinsam mit ein paar alten „Kollegen“ ziehen ins Gefecht. Nichts ahnend, dass sie direkt in eine für sie vorbereitete Falle laufen …

Soweit zur Rahmenhandlung, welche John Connolly in „Todbringer“ immer wieder mit Rückblicken in Louis‘ Vergangenheit unterbricht, um nicht nur die Ursprünge von seiner Beziehung zu Gabriel, sondern auch sein Verhältnis zum Killer Glueck näher zu beleuchten. Woher er kommt, wie er aufgewachsen ist, warum er zum Killer wurde und warum er so gut darin ist. All diese Fragen beantwortet der vorliegende Roman, lüftet quasi also den mysteriösen Vorhang, der über dem schwarzen Vollstrecker mit dem eiskalten Blick bisher lag – und tut sich damit leider überhaupt keinen Gefallen. Nicht nur dass seine Herkunftsgeschichte so ziemlich jegliches Südstaaten-Klischee bedient – sie riecht viel zu sehr nach Parker (dazu weiter unten mehr), um eigenständig funktionieren zu können. Und eben dieser Parker war, trotz seiner Taten und den Dämonen, mit denen er wortwörtlich kämpft, das menschliche Element der Serie. Das flackernde, aber helle Licht in all der Finsternis, welche nicht nur von seinen Widersachern, sondern halt auch von Louis und Angel verkörpert wurde. Letztere zwei nun „menschlich“ darstellen zu wollen, ist allein schon aufgrund ihres „Berufs“ eine Herkules-Aufgabe und zudem auch noch vollkommen überflüssig. Sie sind die Rückendeckung von Parker, seine treuen Gefährten. Die Kavallerie, die anrückt, wenn die Kacke mal wieder am Dampfen ist. Das letzte, was ich wissen wollte, ist, wie sie nachts nebeneinander im Bett einschlafen oder ihre Wohnung eingerichtet haben.

Fast scheint es, als hätte Connolly zwischenzeitlich selbst gemerkt, dass er sich mit der Ausarbeitung dieser zwei Figuren keinen großen Gefallen getan bzw. eigentlich schon alles über sie gesagt hat, was für das Funktionieren der jeweiligen Geschichten notwendig war. Zumindest würde das erklären, warum insbesondere die Zeichnung von Louis derart oberflächlich und halbherzig daherkommt, seine Erfahrungen und Eigenheiten sich plötzlich so mit denen eines Charlie „Bird“ Parker decken. Begegnungen mit Toten nach deren Tod (Heimsuchung durch den „brennenden Mann“). Fälle von Wiederauferstehung. Körperlich beeinträchtigte, hässliche Gegenspieler, die das pure Böse verkörpern. Die Gemeinsamkeiten sind auffällig, alle bekannt und irgendwie auch Beleg dafür, dass nicht jede Nebenfigur Potenzial für die Hauptrolle hat. Auch nicht wenn man ihren Lebenslauf dramatisch inszeniert bzw. mit künstlicher Tragik würzt, um die „menschliche“ Seite hervorzuheben, welche zudem zuvor gerade durch ihre Abwesenheit den Figuren, insbesondere Louis, Tiefe verliehen hat. Seine Momente der Schwäche, seine verwundbaren Stellen, seine partielle Zuneigung zu dem ein oder anderen Menschen – sei nehmen Louis die Einzigartigkeit, das Besondere – und sie ihm geben stattdessen nichts.

Aus Sicht eines Quereinsteigers mögen diese Fehler weniger auffällig sein – dafür wird dieser die Lektüre aber wohl noch kritischer betrachten, zumal er unweigerlich zum Fazit kommen muss, dass es sich hier um einen der typischen, austauschbaren US-Killer-Thriller handelt. Denn Fakt ist tatsächlich: Das Alleinstellungsmerkmal hat Connolly, trotz abermals gefälliger und bildreicher Schreibe, mit „Todbringer“ verloren.. (Da hilft auch der sympathische Autoschrauber Willie nicht). Übrig bleibt eine gefällige, aber auch schwergängige und – aufgrund der vielen Rückblicke – ungewohnt langatmige Story, welche nie die Schärfe und Atmosphäre der Vorgänger erreicht. Viele Dialoge, innere Monologe und vor allem viel zu viele Profis mit Schießeisen auf zu kleinem Raum verhindern, dass die wenig homogene Geschichte Fahrt aufnehmen kann und erweisen Connollys Stärke – Gefühle und Stimmungen zu transportieren – einen Bärendienst.

Bei allem Wohlwollen gegenüber John Connolly: „Todbringer“ ist ein gescheitertes, unnötiges Experiment, ein „useless filler“, den ich als Freund und Kenner der Reihe nur deswegen gnädig bewerte, weil zumindest zwischendurch immer wieder die eigentliche Klasse des Autors durchschimmert. Der Rest ist, wie man so schön sagt, besser Schweigen.

Wertung: 70 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Connolly
  • Titel: Todbringer
  • Originaltitel: The Reapers
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 05.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548282473

Schwarzes Gold und schwarze Seelen

© Goldmann

Ende Dezember 1996. Nach sechs Jahren in Frankreich kehrte Ian Rankin mit seiner Familie wieder nach Edinburgh zurück und zog in ein angemietetes Haus, dessen Besitzer den größten Teil des Jahres in London lebten, es allerdings über Weihnachten selbst brauchten. Um das Fest der Liebe nicht unter freiem Himmel verbringen zu müssen, kamen die Rankins über die Feiertage bei der Verwandtschaft in Belfast und Lincolnshire, später bei Freunden in der Nähe von York unter. Und genau hier las der Autor in der „Times“ die Vorankündigung einer Buchbesprechung, welche in etwa wie folgt lautete: „Der beste Krimi des Jahres 1997 ist bereits erschienen – nächste Woche verraten wir, wie er heißt!“

Rankins damals neuestes Buch, „Das Souvenir des Mörders“ (engl. „Black and Blue“), sollte Ende Januar ausgeliefert werden. Intensives Daumendrücken begann, welches letztlich belohnt wurde: Der achte Roman um Inspector John Rebus wurde tatsächlich von der „Times“ gekürt und im folgenden November gar als bester Krimi des Jahres 1997 mit dem „Gold Dagger Award“ ausgezeichnet. Darauf folgte die Nominierung für den Edgar Allan Poe-Award, welcher jedoch am Ende an James Lee Burke ging. Doch ein Stein war ins Rollen gebracht, Rankins Name schlagartig auch über die Grenzen Großbritanniens bekannt geworden, was im Nachhinein die Frage aufwirft, was zum Teufel an „Black and Blue“ so anders war als an den früheren Büchern des schottischen Autors? Ein Blick auf den Umfang des Buches und in die Kurzbeschreibung der Handlung lassen da bereits einige Rückschlüsse zu:

Für Detective Inspector John Rebus kommt es wieder mal dicke. Nach seinen letzten Alleingängen, bei denen er auch einigen hohen Herren auf die Zehen getreten hat, ist der schroffe Einzelgänger vom „heimatlichen“ Revier St. Leonard’s nach Craigmillar versetzt worden, welches die hier tätigen Beamten nur „Fort Apache“ nennen. Ein Abstellgleis für unbequeme Cops wie Rebus, der zwischen all den Problemfällen entweder weitestgehend gemieden oder mit Häme überschüttet wird. Und als ob das noch nicht genug wäre, steht die Presse tagein tagaus vor seinem Haus, um ihn mit einem alten Fall aus dem Jahr 1977 zu konfrontieren. Damals, Rebus war noch Constable unter seinem Vorgesetzten Detective Inspector Lawson Geddes, war er an der Festnahme von Leonard Spaven beteiligt, der später, als Mörder verurteilt, im Gefängnis eine Schriftstellerkarriere hingelegt und eines Tages schließlich Suizid begangen hat. Bis zu seinem Tod beteuerte er seine Unschuld. Und mehr noch: Er klagte Geddes und Rebus an, ihn in eine Falle gelockt zu haben. Nachdem nun auch Geddes per Selbstmord aus dem Leben geschieden ist, soll nun Letzterer vor der Kamera Stellung nehmen. Ist der Tod seines ehemaligen Vorgesetzten ein Schuldeingeständnis? Hatte Geddes, besessen von der Vorstellung Spaven zu überführen, Beweise gefälscht?

Rebus, der in der Vergangenheit bereits Zweifel hatte, verweigert jegliche Aussage und setzt insgeheim seinen Kollegen Detective Sergeant Brian Holmes auf den alten Fall an, um diesen aufzurollen und endlich Klarheit zu gewinnen. Er selbst hat alle Hände mit einem aktuellen Mord zu tun.

Ein Erdölarbeiter ist gefesselt aus einem hoch gelegenen Fenster gestürzt und die Spuren am Tatort lassen die Mittäterschaft von Andrew „Tony El“ Kane vermuten. Ein sadistischer, unberechenbarer Schläger, der bisher für Joseph „Uncle Joe“ Toal, die Nummer eins der Gangsterbosse in Glasgow, gearbeitet hat. Will dieser jetzt seine „Geschäfte“ nach Edinburgh ausweiten? Rebus beißt in den sauren Apfel und nimmt Kontakt zum Gangster „Big Ger“ Cafferty auf – sein alter, endlich hinter Schloss und Riegel sitzender Erzfeind, der ihm tatsächlich zu einem Treffen mit „Uncle Joe“ verhilft. Der streitet jedoch jede Kenntnis von dem Mord an dem Erdölarbeiter ab. Mehr noch: Tony El soll angeblich inzwischen selbstständig und in Aberdeen arbeiten. Für Rebus die Gelegenheit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Seinem herrischen Vorgesetzten Ancram gen Norden zu entfliehen und nebenbei seine eigene kleine Privatermittlung voranzutreiben, denn wie früher bei Geddes, so ist auch für ihn ein ungelöster Fall zu seiner persönlichen Muße geworden:

Seit einiger Zeit treibt ein Bibel zitierender Serienmörder namens „Johnny Bible“ sein Unwesen in Schottland. Sein Tatmuster: Frauen auflauern, sie vergewaltigen und anschließend erdrosseln. Eines der Opfer war John Rebus bekannt. Doch was noch merkwürdiger ist: Bereits Ende der 1960er Jahre hat es schon einmal einen Mehrfachkiller gegeben, der drei Opfer in Glasgow auf identische Art und Weise umbrachte. Die Presse nannte ihn damals „Bible John“. Ist dieser nun nach all den Jahren wieder aktiv geworden? Oder hat er einen Nachfolger gefunden? Und wenn ja und der echte „Bible John“ noch lebt – wie wird er auf diesen Nachahmer reagieren? Für den Lowländer Rebus werden die Nachforschungen in den Highlands des Nordostens zu einem Wettrennen gegen die Zeit …

Edinburgh. Glasgow. Aberdeen. Die Shetland-Inseln. Eine Bohrinsel hunderte von Meilen draußen in der rauen Nordsee – mit „Das Souvenir des Mörders“ setzt Ian Rankin den bereits in „Ein eisiger Tod“ begonnenen Trend fort und erweitert den Aktionsradius seines Detectives um ein vielfaches. Und nicht nur hinsichtlich der Schauplätze stößt Rankin mit seiner Rebus-Saga in neue Dimensionen vor. Auch die Art und Weise wie der Schriftsteller die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verknüpft und entwickelt, das Blickfeld seines Ermittlers erweitert, macht deutlich, dass die Lehrzeit endgültig abgeschlossen und der Ton für künftige Romane gefunden ist. Beschränkten sich die ersten Bände noch im klassischen Muster auf einen einzigen zentralen Kriminalfall, den es zu lösen galt, sind die Grenzen zwischen Gut und Böse in „Das Souvenir des Mörders“ nun aufgelöst oder verschwommen. Den einen Mörder, ihn gibt es so nicht mehr. Stattdessen hat sich die Welt, hat sich das Verbrechen globalisiert, ist weit weniger greifbarer geworden. Da arbeitet die Politik Hand in Hand mit den Großkonzernen, schmieren gut organisierte Banden einen korrupten Justizapparat, lässt sich die Presse vor den Karren ihrer freigiebigen Gönner aus der High Society spannen. Und mittendrin John Rebus, der hier nochmal an Statur gewinnt, weil sein Ruf, seine berufliche Zukunft und letztlich sogar sein Leben vom Autor aufs Spiel gesetzt werden.

Ein Kniff, mit dem Ian Rankin der Serie nicht nur neues Leben einhaucht und den negativen Begleiterscheinungen der Routine entgegenwirkt, sondern auch gleichzeitig den epischen Charakter seiner Romane unterstreicht, welche sich, ganz im Stil des großen Vorbilds James Ellroy, nunmehr eher wie eine schottische Chronik denn wie klassische Krimis lesen. Natürlich ist mit dieser Ausrichtung auch eine gewisse Gefahr verbunden, da vielleicht eben gerade Liebhaber des typischen britischen Spannungsromans den zentralen roten Faden vermissen, über die vielen Querverbindungen stolpern oder die flachere Kurve des Spannungsbogens bemängeln. In meinen Augen übertreffen die Vorteile dieser Entscheidung aber bei weitem die Nachteile – auch weil uns Ian Rankin trotz anderer Herangehensweise die elementaren Zutaten nicht vorenthält und seine Handlung mit vielen überraschenden Wendungen spickt, ohne sich dabei künstlicher Effekte bedienen zu müssen.

Im Gegenteil: Reales Tagesgeschehen und fiktive Geschichte werden in genau der richtigen Dosierung vermischt und sorgen im Verbund mit der ökonomischen Schreibweise für den gewohnt authentischen Grundanstrich. Wo andere Krimi-Schriftsteller in jedem ihrer Bücher neue Kaninchen aus dem Hut zaubern müssen, da legt Ian Rankin Wert auf Konstanz. Figuren wie Jack Morton, Brian Holmes, Gill Templer oder Siobhan Clarke sind mehr als nur Füllmaterial – ihre Biographien werden sorgsam gepflegt und ebenso sorgfältig erweitert, wodurch aus einer schlichten Besetzung vertraute Personen werden, an deren Schicksal man ebenso Anteil nehmen kann, wie an dem des Hauptprotagonisten.

Wenngleich eine solche Verwendung des Stammpersonals im Krimi-Kreisen nicht gänzlich unüblich ist (siehe z.B. Michael Connelly), so ist ein anderer Trick Rankins jedoch umso gewagter: Mit Bible John gibt erstmals eine real-existierende Figur, und dann auch noch ein bis heute nicht gefasster Serienmörder, ihr Stelldichein in der Serie, deren Beschreibung sich, von der fiktiven Identität mal abgesehen, eins zu eins mit dem echten Vorbild deckt. Dieses hat tatsächlich zwischen Februar 1968 und Oktober 1969 drei Frauen getötet, um danach von der Bildfläche zu verschwinden. All diese Elemente heben „Das Souvenir des Mörders“ zwar von seinen Vorgängern ab, begründen aber meiner Meinung nach letztlich nicht den Erfolg dieses Kriminalromans, dem ohne eine letzte fehlende Zutat wohl möglich weniger Aufmerksamkeit zuteil geworden wäre. Und diese Zutat lautet „Wut“.

Rankins Sohn Kit war im Juli 1994 auf die Welt gekommen und in den kommenden Monaten darauf schwer krank geworden. Längere Autofahrten zur Kinderklinik nach Bordeaux wurden zur Regel, der Autor aufgrund der schleppenden Genesung seines Sohns zunehmend ungeduldiger. Hinzu kam sein schlechtes Französisch, mit dem er sich bei den Ärzten schlecht verständlich machen konnte, weshalb er oft mit mehr als Fragen als Antworten von diesen Fahrten zurückkam. Rankin zog sich auf den Dachboden des alten Bauernhauses zurück, der außer einem Computer, ein paar Stadtplänen und Fotos von Edinburgh komplett leer war – und plötzlich hatte er wieder die Kontrolle, wenn auch nur über ein fiktives Universum. Hier konnte er Gott spielen. Hier beherrschte er die Sprache. Und er benutzte Rebus als Sandsack, ließ physische und psychische Schläge auf ihn einhämmern. In Folge dessen wurde „Das Souvenir des Mörders“ sein bis hierhin dunkelster und härtester Roman. Der achte Auftritt von John Rebus – er war Ian Rankins persönliches Ventil.

Rankins Gefühle finden ihren Widerhall in John Rebus‘ Welt, der angezählt Treffer kassiert, einen K.O. wegsteckt, um sich dann doch wieder wie ein lästiger Terrier in die Arbeit zu stürzen und dort Resultate erzielt, wo andere längst aufgegeben hätten. Es ist diese Menschlichkeit, diese Mischung aus innerer Verletzlichkeit und schottischem Starrsinn, welche die üblichen Barrikaden zwischen Leser und Geschichte überwindet und das Gelesene so nachhaltig auf uns wirken lässt.

Das Souvenir des Mörders“ ist Ian Rankins bis hierhin bester und in allen Belangen größter Roman – ein schulmeisterliches Beispiel, wie eine schlüssige und packende Krimi-Lektüre auszusehen hat. Fernab jeglicher „Highlander“-Romantik. Schroff. Kantig. Zynisch. Menschlich. Tragisch. Traurig. Schon vorher, aber jetzt endgültig: Rankin ist eine Klasse für sich!

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Das Souvenir des Mörders
  • Originaltitel: Black and Blue
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2005
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442446049

Der Fall des verrückten Hutmachers

© DuMont

Agatha Christie. Dorothy L. Sayers. Ngaio Marsh. Rex Stout. Gilbert Keith Chesterton. Sie alle sind Autoren/innen des sogenannten „Golden Age“ des Kriminalromans und haben in den vergangenen Jahren immer wieder eine Neuauflage erfahren – die ersten zwei sind seit ihrem ersten Erscheinen auf dem deutschen Buchmarkt eigentlich fast durchgängig für den Leser lieferbar. Der klassische Whodunit – er scheint also immer noch sein Klientel zu haben und seine Abnehmer zu finden, was es umso unverständlicher und bemerkenswerter macht, dass ein besonders prägender Genrevertreter aus dieser Zeit, den 20er bis späten 30er Jahren, mittlerweile gänzlich in Vergessenheit geraten ist: John Dickson Carr.

Das Gesamtwerk des amerikanischen Autors, der einst den klassischen „Mystery“-Krimi nachhaltig geprägt und das „Locked-Room“-Thema aus der Taufe gehoben hat, ist – bis auf wenige Ausnahmen – seit langer Zeit vergriffen. Wer sich die vorliegende Lektüre auf der Zunge zergehen lässt, kann über diese Tatsache im Anschluss sicher nur ungläubig den Kopf schütteln. Carrs Bewunderung des alten Europas hat sich nicht nur im persönlichen Leben, er war Mitglied im Londoner „Detection“-Club, sondern vor allem im Stil seiner Bücher widergespiegelt. Die Schauplätze seiner (meist auf dem alten Kontinent spielenden) Romane sind stets verfallene Gebäude, marode Festungen und gespenstische Villen, der Plot immer von einem fast greifbaren Hauch des Gespenstischen umgeben. Und hier macht auch der zweite Band mit dem Privatdetektiv Dr. Gideon Fell keine Ausnahme, in welchem diesmal der Tower von London die schaurig-neblige Kulisse für einen typischen Rätsel-Krimi bildet, in dem sich Carr einmal mehr als Meister des Atmosphäre und des Aha-Effekts erweist. Kurz zur Handlung:

Es sind acht Monate seit den Ereignissen in Chatterham (nachzulesen in „Tod im Hexenwinkel“) vergangen und Rampole, der damals Fells exzentrische Ermittlungen im Fall Starbeth aus nächster Nähe verfolgen durfte, trifft diesen nun samt Chief Inspector Hadley vom Scotland Yard in einem Londoner Pub wieder. Letzterer ist mit seiner Behörde in den letzten Tagen zum Gespött der Öffentlichkeit geworden, denn ein mysteriöser Hutdieb („The Mad Hatter“) treibt in der Hauptstadt sein Unwesen und hält die Justiz zum Narren. Polizisten, Adligen und anderen angesehenen Männern hat man die Kopfbedeckung entwendet, um sie schließlich an den verschiedensten Stellen in der Stadt zu platzieren. Ein bisher amüsanter Schabernack, der auch dank der Kolumne des Journalisten Philipp Driscoll für immer mehr Erheiterung in der Bevölkerung sorgt. Selbst der ehemalige Politiker Sir William Bitton gehört zu den Betroffenen. Dem fleißigen Buchsammler ist zudem auch ein bisher unveröffentlichtes Manuskript von Edgar Allan Poe gestohlen worden, was für Hadley nach einem interessanten Fall für Dr. Fell aussieht. Fell selbst zeigt sich aber wenig interessiert, bis die illustre Runde im Pub von einer Schreckensmeldung unterbrochen wird:

Eine Leiche ist im Tower am Traitor’s Gate aufgefunden worden. Getötet mit einem Armbrustpfeil durchs Herz. Auf dem Kopf der Zylinder von Sir William. Und noch schlimmer: Bei dem Toten handelt es sich um Williams Neffen: Philipp Driscoll …

Wer bereits den ersten Band dieser Reihe gelesen oder sich grundsätzlich etwas näher mit John Dickson Carr beschäftigt hat, der weiß natürlich diese künstlich-romantisierte Szenerie einzuordnen, welche zwar so Anfang der 30er Jahre (der Titel erschien 1933) schon längst nicht mehr existiert hat, aber ein Zugeständnis an dieses Subgenre ist, das nun einmal von einer düsteren, gruseligen Atmosphäre lebt und daraus seine Faszination bezieht. So müssen es naturgemäß und zwangsläufig die alten, ehrwürdigen Festungsmauern des Towers sein, die als Schauplatz des Verbrechens herhalten. Inzwischen zwar längst zu einer Touristenattraktion verkommen, wurde zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Der Tote im Tower“ ein Teil der Anlage noch als Gefängnis genutzt (bis 1941, u.a. Rudolf Heß saß vier Tage lang hier ein), was der Kulisse einen ganz eigenen beklemmende Charme verleiht, den Carr geschickt nutzt, um seinen Plot mit diesem geschichtsträchtigen Ort zu verknüpfen.

Während wir heutzutage, verroht und abgestumpft durch immer brutalere, gewaltpornographische Metzgerschinken, das Element des Unheimlichen schon fast vergessen haben, knüpft John Dickson Carr hier mit viel Raffinesse an die Traditionen des alten Schauerromans an und gibt dem Leser dabei genug Raum, die eigene Fantasie spielen zu lassen. Dabei macht er sich keine große Mühe, das Beschriebene auf irgendeine Art und Weise im Hier und Jetzt zu erden oder der Authentizität Rechnung zu tragen. Erlaubt ist, was gefällt – und Carr hat eben Gefallen am skurrilen und dramatischen gefunden, was aber für diese Geschichte auch wie die Faust aufs Auge passt.

Earl Grey aufgesetzt, eine Dose Kekse bereitgestellt, die Leselampe an und dann an einem unwirtlichen Herbsttag ab aufs Sofa – fast automatisch verbinden wir den Whodunit mit einer behaglichen Gemütlichkeit, das Buch als einziges Tor zu einem nicht greifbaren Gefahrenmoment, der sich vor allem aus der Unfähigkeit des Justiz speist, den so mysteriösen Fall zu entwirren. John Dickson Carr greift diese Ingredienzen auf, rührt sie gut durch und verblüfft mit einem Detektiv, der sich im vorliegenden Roman mit so ziemlich allem anderen beschäftigt, als mit der titelgebenden Leiche. Während anderswo die Augen über der Adlernase glänzend den Tatort durchleuchten sind oder kleine, graue Zellen die Indizien miteinander verweben, da überrascht Dr. Gideon Fell als schwerfälliger und vor allem schwer erträglicher Zeitgenosse, der Chief Inspector Hadleys Nervenkostüm auf eine ebenso schwere Probe stellt, denn Fell hat offensichtlich null Interesse irgendetwas zur Auflösung beizutragen. Stattdessen scheint er die Gelegenheit zu nutzen, noch die hintersten Winkel des Towers zu inspizieren, um seine touristische Neugier zu befriedigen und Fragen zu stellen, die auf den ersten Blick so überhaupt nichts mit der eigentlichen Sache zu tun haben.

Wer die Gesetze des Genres kennt, der weiß zwar, dass natürlich hier der Teufel im Detail steckt – dennoch erwischen wir uns dabei, wie wir fasziniert der einen Hand des Taschenspielers folgen, während zeitgleich hinter dem Rücken der eigentliche Trick stattfindet. Mitnichten ist Fell geistig abwesend. Vielmehr nutzt er die erlernten Fähigkeiten aus seiner Tätigkeit als Agent in der Spionageabwehr im Ersten Weltkrieg, um genau die Hinweise zu deuten, welche den anderen Beteiligten verborgen bleiben. Und seine früheren Verdienste sind es auch, welche die ungewöhnliche Geduld der anderen Justizbeamten erklären. Fell ist immer noch angesehen. Und so schrullenhaft und absonderlich seine Methoden auch sind – er ist seinen Begleitern doch stets mindestens ein bis zwei Schritte voraus. Das muss auch Tad Rampole neidlos anerkennen, der eigentlich nur die Hauptstadt besuchen wollte und nun in bester Watson-Manier dem Privatgelehrten Fell assistiert. Von ihm abgesehen wird der Roman von der üblichen Schar skurriler Figuren bevölkert, in der natürlich sowohl der Vorzeige-Butler als auch der ehrenhafte, alte General nicht fehlen darf, um die gesamte Palette abzudecken. Carr übertreibt hier mit einem offensichtlichen, diebischen Vergnügen, welches sich bereits nach wenigen Seiten auch auf den Leser überträgt.

Bis zum Ende führt uns Carr äußerst gekonnt an der Nase herum, legt falsche Fährten und bietet dem Leser ein an Höhepunkten reiches Bühnenstück, das uns nach dem fallenden Vorhang erstaunt und äußerst befriedigt aus dem Tower von London entlässt. Gideon Fells zweiter Fall ist nicht nur eine Hommage an den großen Edgar Allan Poe, sondern auch ein Ausrufezeichen in einer an Ausrufezeichen nicht armen Krimi-Serie. Ein Juwel des „Golden Age“, das auch heute noch jedem Fan dieser Literaturgattung mit Nachdruck ans Herz gelegt sei. Großes Lob an dieser Stelle auch an die damaligen Verantwortlichen der DuMont-Kriminalbibliothek, deren Ausgabe nicht nur ein äußerst informatives Nachwort aufweist, sondern auch einen aufschlussreichen Lageplan. Diese Skizze des Londoner Towers wird im weiteren Verlauf noch sehr nützlich.

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: John Dickson Carr
  • Titel: Der Tote im Tower
  • Originaltitel: The Mad Hatter Mystery
  • Übersetzer: Marianne Bechhausen-Gerst, Thomas Gerst
  • Verlag: DuMont Kriminal-Bibliothek
  • Erschienen: 2003
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 285 Seiten
  • ISBN: 978-3832120702

Sherlock Holmes kommt zu Fall

© Insel

Wer diesen Blog bereits etwas länger besucht, der weiß um meine besondere Beziehung zu den Werken von Sir Arthur Conan Doyle, insbesondere zu seinen berühmten Sherlock Holmes Geschichten, welche nicht nur meine Entwicklung als Leser, sondern vor allem das Interesse an der Kriminalliteratur in jungen Jahren maßgeblich beeinflusst haben. Insofern bedeutet eine Rezension über einen Titel aus dem Kanon rund um den größten Detektiv der Literaturgeschichte auch immer mehr als gewohnte Pflichterfüllung und wird vielmehr zu einer echten Herzensangelegenheit, ist mir doch sehr daran gelegen, dass bei all den modernen, vornehmlich visuellen Adaptionen des Mannes mit der scharfen Adlernase, die eigentliche Vorlage nicht in Vergessenheit gerät und ihre wohlverdiente Würdigung erfährt.

Nachdem im Jahre 1892 mit „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ die erste Sammlung der zuvor im Strand Magazine abgedruckten Kurzgeschichten veröffentlicht wurde, ließ Doyle bereits ein Jahr später eine weitere mit dem Namen „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ folgen, welche, vollkommen zur Recht, unter neutralen Literaturkritikern und beseelten Sherlockians als erster Höhepunkt des Kanons gilt, mit seinem Titel aber auch schon verrät, wie es um die Beziehung zwischen dem Schriftsteller und seiner Figur zu damaligen Zeitpunkt stand. Das Schreiben war längst zu einer Routine verkommen. So hatte der geborene Schotte zwar zu einer gewissen traumwandlerischen Balance gefunden, einem Rezept, das sich beliebig und ohne größere Schwierigkeiten vervielfältigen ließ – der künstlerische Anspruch, er war aber in den Augen des Autors längst nicht mehr gegeben. Doyle befand sich dadurch in einem Zwiespalt, denn einerseits sicherte ihm sein Detektiv ein sicheres Auskommen, ja, sogar einen gewissen Wohlstand – andererseits fühlte er sich aber in einem Hamsterrad gefangen, dass ihn regelmäßig zu neuen Abwandlungen altbekannter Rätsel nötigte, da sein Publikum längst mit einer konkreten, fast ritualhaften Erwartung zu den Geschichten griff.

Der Ausgang dieses persönlichen Dilemmas ist vielfach bekannt: In „Das letzte Problem“ versucht sich Doyle seines ihm damals verhassten Helden zu entledigen. Wie wir heute wissen vergeblich, da Sherlock Holmes – dies sollte inzwischen keinen Spoiler mehr darstellen – den Sturz in den Reichenbach Fällen in der Schweiz überlebt und (vom Roman „Der Hund der Baskervilles“ abgesehen) in „Das leere Haus“ (enthalten in „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“) sein überraschendes Comeback feiert. Dennoch ist es bis dato die Tragik dieses vermeintlichen Todes, welche uns nach all der kalten Logik auf einmal tiefer berührt und uns den sonst so unnahbaren, aber auch durch und durch moralischen Detektiv endgültig näher ans Herz wachsen lässt.

Neben „Das letzte Problem“ enthält der Sammelband noch folgende zehn Geschichten:

  • Silberstern
  • Das gelbe Gesicht
  • Der Angestellte des Börsenmaklers
  • Die „Gloria Scott“
  • Das Musgrave-Ritual
  • Die Junker von Reigate
  • Der Verwachsene
  • Der niedergelassene Patient
  • Der griechische Dolmetscher
  • Der Flottenvertrag

Ursprünglich wären es sogar insgesamt 12 Kurzgeschichten gewesen, doch „Die Pappschachtel“ (engl. „The Cardboard Box“) fiel der Selbstzensur durch den Autor zum Opfer, dem das Ehebruch-Thema für eine Veröffentlichung letztlich zu heikel war, allerdings den Beginn der Erzählung, in der Sherlock Holmes einmal mehr seine Genialität unter Beweis stellt, kurzerhand in „Der niedergelassene Patient“ einbaute.

Aber auch ohne diese eine fehlende Episode, weiß „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ nachhaltig überzeugen, denn Doyle befindet sich nicht nur auf dem Gipfel seines Könnens – er traut sich auch zu, mit der ein oder anderen Gesetzmäßigkeit des Kanons zu brechen. Bestes Beispiel dafür ist „Gloria Scott“, welche, entgegen der üblichen Gewohnheit, nicht von Dr Watson wiedergegeben wird, sondern direkt von Sherlock Holmes selbst, der hier von seinem allerersten Fall berichtet und dabei, überraschend offen, sogar eigene Fehler eingesteht. Dem Autor ist dabei die Charakterisierung des jungen Holmes am Beginn seiner Karriere gut gelungen, während uns als Leser gleichzeitig endlich ein näherer Einblick in die sonst so mysteriöse Geschichte des großen Detektivs gewährt wird. Und soviel sei gesagt – es soll nicht der letzte in dieser Kurzgeschichtensammlung sein.

Den Anfang in der Riege macht jedoch die Story „Silberstern“ in der Sherlock Holmes und sein getreuer Freund Dr. Watson ins Dartmoor reisen, um ein verschwundenes Rennpferd mit dem titelgebenden Namen zu finden und gleichzeitig den Mord an dessen Trainer John Straker aufzuklären. Arthur Conan Doyle trug damit der Beliebtheit des Pferderennens in seiner Heimat Rechnung, die bis heute ungebrochen ist. Da dabei meist mit horrenden Geldbeträgen gewettet wird, sind Bestechungen und Betrug an der Tagesordnung, Zusätzlich ist die Geschichte aufgrund des Schauplatzes erwähnenswert, kehrt doch Holmes in seinem wohl bekanntestem Abenteuer, „Der Hund der Baskervilles“, noch mal in diese ursprüngliche und stellenweise undurchdringliche Sumpflandschaft Devons zurück, deren unheimliche Atmosphäre sich in beiden Geschichten äußerst schnell auf den Leser überträgt. Wer, wie ich, selbst einmal durch das Dartmoor wandern durfte, weiß zu schätzen, wie plastisch Doyle diese ganz besondere Stimmung des Ortes einfängt.

Eine noch beklemmendere Stimmung erzeugen die beiden Erzählungen „Das gelbe Gesicht“ und „Das Musgrave-Ritual“ – beide eine vortreffliche Hommage an den klassischen Schauerroman bzw. die Gespenstergeschichte, wodurch sie sich perfekt für die Lektüre an einem verregneten, stürmischen Herbsttag eignen. Weit vor John Dickson Carr löst Sherlock Holmes in „Der Verwachsene“ auch einen Mordfall in einem verschlossenen Raum und unterstützt in „Der Flottenvertrag“ die britische Regierung dabei, ein für die europäische Politik brisantes Dokument zurückzubekommen. Für den Holmes-Kanon ist auch „Der griechische Dolmetscher“ von Bedeutung, in der Sir Arthur Conan Doyle mit Mycroft erstmals den Bruder des beratenden Detektiv einführt. Auch wenn dieser zugegebenermaßen etwas überraschend und unglaubwürdig aus der Versenkung auftaucht – seine Präsenz erlaubt doch einen ganz neuen Blick auf die familiäre Seite von Sherlock Holmes. Zwar hätte die Geschichte um den Übersetzer Melas, der im elitären Diogenes Club um die Hilfe des Detektivs bittet, die Figur Mycroft nicht zwingend gebraucht – dennoch ist Doyle mit ihr ein brillanter Wurf gelungen, der bis heute seine Wiederkehr in vielen Pastichés feiert. Völlig zurecht, ist doch das Zusammenspiel (und Konkurrenzgehabe) der intellektuell gleichwertigen Brüder immer äußerst amüsant zu verfolgen.

Dennoch, bei aller Qualität der enthaltenen Geschichten – es wäre ein Sammelband ohne große, herausragende Highlights, hätte Doyle nicht eben jenes, bereits oben erwähnte, Aufsehen erregende Ende gefunden. Das Kräftemessen zwischen dem genialen Meisterdetektiv und dem „Napoleon des Verbrechens“, Professor Moriarty, gehört zweifelsohne zu den großen Momenten der Kriminalliteratur-Geschichte und ist ein Grund für die spätere weltweite Berühmtheit des Autors. Natürlich darf man bemängeln, dass dieser große Gegenspieler vorher nie Erwähnung fand und wie unvermittelt er von Doyle eingeführt wird. Doch es ändert nichts an der Tatsache, dass ich auch nach der x-ten Lektüre wieder schlucken muss, wenn sich der traurige Watson am Rande des tosenden Wasserfalls über Holmes‘ letzte Notiz bückt und voller Schmerz über seinen verlorenen Freund resümiert:

Der beste und weiseste Mensch, den ich je gekannt habe.“

Der Sammelband „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ – er gehört zu den ganz großen Werken der Kriminalliteratur, versprüht die Magie eines längst vergessenen Zeitalter stets aufs Neue und sei jedem Freund intellektueller Detektivgeschichten unbedingt ans Herz gelegt. In meiner Sammlung hat dieses Buch – in mehrfacher Ausführung – einen ganz besonderen Ehrenplatz.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Die Memoiren des Sherlock Holmes
  • Originaltitel: Memoirs of Sherlock Holmes
  • Übersetzer: Nikolaus Stingl
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 356 Seiten
  • ISBN: 978-3458350187

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

When you need a little coke and sympathy …

© Goldmann

Obwohl das Buch „Ein eisiger Tod“ heißt und im tiefsten Edinburgher Winter spielt, ist es in Ian Rankins Haus in Südfrankreich entstanden, größtenteils bei sengender Sommerhitze. Überhaupt ist der deutsche Titel mal wieder irreführend, hat er doch keinerlei Bezug zum eigentlichen Inhalt zwischen den Buchdeckeln. Ganz anders als der englische Buchname „Let it bleed“, ein Wortspiel, das genauso „lass es bluten“ wie „lass die Luft aus der Heizung raus“ bedeuten kann. Und so ist auch das Einzige, was Rebus in diesem Buch zur „Ader lassen muss“, ein Heizkörper. Keine Spur von einer vereisten Leiche.

Über reine Mordermittlungen ist Ian Rankin mittlerweile ohnehin erhaben. Stattdessen schafft er es erneut, Rebus‘ Nachforschungen auf eine komplexere Ebene zu heben und mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen in Schottland zu verknüpfen. So jagt der hartnäckige schottische Bulle diesmal auch keinen soziopathischen Serienmörder, sondern das politische und wirtschaftliche Establishment, industrielle Großkonzerne und ambitionierte Volksvertreter, welche für das „große Ganze“ die Gesetze bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit biegen und notfalls auch brechen. Sie sind es gewohnt, dass alles nach ihrer Pfeife tanzt. Nur einer widersetzt sich diesem Rhythmus – Detective Inspector John Rebus.

Dessen neuer Fall beginnt für einen Krimi von Ian Rankin äußerst rasant mit einer nächtlichen Verfolgungsjagd durch Edinburgh. Detective Inspector John Rebus und sein Vorgesetzter Frank „Fart“ Lauderdale haben sich an die Stoßstange eines flüchtenden Wagens geheftet, dessen zwei Insassen möglicherweise die Tochter des Lord Provost Kennedy, einen der einflussreichsten und mächtigsten Männer der Stadt, entführt und Lösegeld gefordert haben. Bevor sie beide jedoch stellen können, kommt es auf der vom Schneesturm umtosten Forth Road Bridge zu einem spektakulären Unfall, in dessen Folge Lauderdale sein Bewusstsein verliert. Rebus, der sich gerade so aus dem Autowrack schälen kann, gelingt es zwar die beiden Flüchtigen zu stellen, kann aber nicht mehr beruhigend auf sie einwirken. Als er ihnen näher kommt, stürzen sich die beiden jungen Männer in den Freitod.

Auch wenn er nach außen hin derselbe bärbeißige Ermittler wie immer ist, setzt Rebus der schreckliche Vorfall sehr zu. Er fühlt sich für den Tod der Jungen verantwortlich und beginnt Nachforschungen anzustellen, nur um relativ schnell festzustellen, dass die Spur bis in die höchsten politischen Ämter Schottlands zu führen scheint. Und da man dort nicht will, dass zukünftige Investitionen und Prestigeprojekte wegen eines einzigen Polizisten in Gefahr geraten, lässt man Rebus bald kalt stellen. Doch den hält selbst seine „Beurlaubung“ nicht davon ab, die Ermittlungen fortzusetzen. Im Gegenteil: Rebus, dessen Privatleben auch wegen der Trennung von Patience mittlerweile ein einziger Schutthaufen ist, stürzt sich mit dem Mute der Verzweiflung ins Getümmel …

Ein eisiger Tod“ ist diesmal weniger typischer Police-Procedural als vielmehr ein politischer Roman, da ein Großteil der Handlung von lokal- und landespolitischen Verwicklungen bestimmt ist und es letztlich um wesentlich mehr geht, als nur die simple „Whodunit“-Frage. Rankins Schurken hier sind nicht die Gegner, welche er sonst durch Edinburghs Gassen jagt, sondern seine Vorgesetzten, seine politischen Vertreter, illustre Industrielle und Immobilienspekulanten. Sie sind es, die jedes mögliche Schlupfloch im Gesetz ausnutzen, um (zum Vorteil aller und besonders für sich selbst) Schottland in eine neue, globalisierte Zukunft zu führen. Was ist die Leiche eines Sträflings gegen Millionen Arbeitsplätze? Was ist die Karriere eines Polizisten im Vergleich zum Image der gesamten schottischen Nation? „Nichts“ ist die Antwort, die von Seiten der elitären Verschwörer auf beide Fragen gegeben wird und die es John Rebus in seinem siebten Fall so schwer macht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Denn was ist Gerechtigkeit überhaupt? Ian Rankin lässt seinen noch tiefer gefallenen Helden über dieselben Zweifel straucheln und stolpern, welche auch den Leser nicht unberührt lassen. Unwillkürlich versetzt man sich an Rebus‘ Stelle und fragt sich, wie man wohl an seiner statt handeln würde. Und wenn der verbissene Bulle, der nach Lauderdales Unfall nicht etwa selbst aufsteigt, sondern seine Ex-Geliebte Gill Templer als Vorgesetzte zugeteilt bekommt, seinen Kummer und Unmut im Whisky ertränkt, fühlt man mit.

In „Ein eisiger Tod“ sind die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwommen, heben sich die Gegensätze auf eine Art und Weise auf, dass die Nadel des moralischen Kompasses einfach nicht mehr zur Ruhe kommt. Rankin, dessen Buch immerhin schon 1995 veröffentlicht worden ist, beschreibt ein System, das wir auch im Deutschland der Jetztzeit nur zu gut kennen. Ein System, in dem Banker Milliarden verbrennen können, in dem Schmiergelder wie Bonbons verteilt werden, in dem ein Gewissen käuflich ist. Es zu Fall zu bringen fällt schwer, da man sich selbst an dem zu sägenden Ast befindet. Wen schert das Unrecht, das an einem Mann begangen wurde, wenn es dieses Unrecht war, das Perspektiven für tausende Menschen geboten hat? Es sind diese Denkansätze, welche auch nach der Beendigung der Lektüre von Rankins Roman im Gedächtnis bleiben und ihn aus der Masse des Mainstreams hervorheben. Gleichzeitig sorgen sie jedoch auch dafür, dass die gesamte Handlung nur äußerst zäh in Fahrt kommt.

Die gleichen verworrenen und für uns nicht nachvollziehbaren Praktiken innerhalb der Gremien der EU und den Großindustriellen, welche dem Missbrauch den Boden bereiten, sorgen passenderweise auch im Roman dafür, das man relativ schnell den Überblick verliert. Mehrere komplizierte Abkürzungen, politische Ämter und ganze Namensschwadronen machen von Beginn an eigentlich einen Notizzettel notwendig, um den roten Faden, der sich windet wie ein Lachs an der Angel, zu folgen. Das wird nicht jedermanns Sache sein und sicherlich viele dazu bringen, das Buch mit dem Prädikat „langweilig“ zu versehen oder gleich in die Ecke zu knallen. Dabei lohnt es jedoch sich gemeinsam mit Rebus den Kopf zu zermartern, da neben der üblichen Spurensuche weit größere Zusammenhänge ans Licht gezerrt werden, die als Spiegelbild ihrer Gesellschaft für Deutschland genauso gelten wie für Schottland. Denn dort wo der Bürger stumm und unkritisch bleibt, wo er alles glaubt und noch mehr glauben will, dort gedeiht das Verbrechen am Allerbesten.

Aufgelockert wird diese weit und ineinander verzweigte Handlung wieder mal von einer guten Prise schottischen Humors, den Rankin wieder punktgenau zu setzen weiß (Highlight ist sicherlich der ungewollte Tod von Patiences Kater Lucky – selbst ich als Katzenliebhaber konnte mir ein Lachen nicht verkneifen). Trotz all seiner privaten Probleme und Rückschläge, begeht der Edinburgher Autor gottseidank nicht den Fehler, bei dem Bemühen, seine Figuren menschlicher zu gestalten, John Rebus in der Düsternis versinken zu lassen. Während hinsichtlich dessen besonders die Skandinavier keine Grenzen zu kennen scheinen, bleibt Rebus stets glaubhaft, sein Handeln glaubwürdig. Auch deshalb weil ihm der Erfolg nicht immer zufällt und schon gar nicht bei jedem seiner Fälle sicher ist. Zur Not begibt sich der bissige Bulle auch in die unteren Ebenen der Gesellschaft, um zu bekommen was er will. Getrieben von dem Ziel für Recht zu sorgen und Recht zu haben, nimmt man schon mal die Hilfe von Berufsverbrechern in Kauf oder klaut Beweismaterial aus dem Müll von Verdächtigen. All das schildert Rankin mit schlafwandlerischer Sicherheit, durchsetzt von einer Spannung, die es trotz langatmiger Passagen unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Abschließend kann man sagen: Auch „Ein eisiger Tod“ wird Rebus-Freunde nicht enttäuschen, da Rankin sich treu bleibt und der Roman all das bietet, was die Reihe so einzigartig gemacht hat. Als langjähriger Leser der Bücher muss aber auch ich bemängeln, das sich der siebte Fall des sympathischen Arschlochs langsam entwickelt, sich äußerst sperrig liest und vergleichsweise wenig Höhepunkte bietet. Wer in die Serie reinschnuppern will, sollte lieber zu einem anderem Band greifen. Dieser ist, trotz aller Qualitäten („Ein eisiger Tod“ ist zweifelsfrei hervorragend konstruiert und literarisch auf höchstem Niveau), einer der schwächeren.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Ein eisiger Tod
  • Originaltitel: Mortal Causes
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 01.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3442454280

Eine Fähre in die Nacht

© Goldmann

„Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ So würde vielleicht auch Michael Robotham denken, wenn er sich näher mit den äußerst frei interpretierten Übersetzungen seiner Titel ins Deutsche beschäftigen würde, für die der Goldmann Verlag in schöner Regelmäßigkeit verantwortlich zeichnet. Und das nicht nur bei ihm: Ob Mark Billingham, Ian Rankin oder Stuart MacBride – der sinnfreien Übertragung in unsere Muttersprache sind anscheinend keinerlei Grenzen gesetzt, wobei mich persönlich im Falle Robotham auch dann noch die Covergestaltung stört, die zwar eines Fitzek oder McFadyen durchaus würdig wäre, zu dem australischen Schriftsteller allerdings überhaupt nicht passt.

Das sei von mir deshalb erwähnt, da durchaus auch anderen Krimi-Freunden die Aufmachung – welche uns einen weiteren blutigen und auf Mainstream gebügelten „Thriller“ suggeriert – wenig zusagen und in manchen Fällen vielleicht sogar deshalb einen Kauf verhindern dürfte. Und das wäre schade, da Robotham zu den talentiertesten Spannungsautoren der neuen Generation gehört und in jedem seiner Romane das Genre auch neu interpretiert, die Handlung aus einer anderen Sichtweise und Perspektive beleuchtet.

Während im Debütroman „Adrenalin“ noch der Psychotherapeut Joe O’Loughlin im Mittelpunkt der Geschichte stand und im Nachfolger „Amnesie“ Inspektor Ruiz diese Rolle ausfüllte, nimmt letzterer in „Todeskampf“ (im Original „The Night Ferry“ – sollten sie einen Zusammenhang der Titel suchen, geben sie auf – es gibt keinen) nun einen Platz als Assistent/Side-Kick ein. Wie auch sein südafrikanischer Kollege Deon Meyer, so legt auch Robotham großen Wert darauf, seine Figuren in unterschiedlichen Konstellationen auftreten zu lassen, wodurch das Gesamtwerk einen authentischeren Anstrich bekommt.

Todeskampf“, im Jahr 2007 erschienen, profitiert bereits in hohem Maße von den beiden Vorgängern (die man nicht unbedingt gelesen haben muss, auch wenn ich dazu raten würde), da altvertraute Bekannte es der neuen Protagonistin, der jungen Londoner Polizistin Detective Constable Alisha Barba, leicht machen, als vollwertiger Charakter ernst genommen zu werden. Interessant dabei ist, dass Robotham nicht nur in Punkto Personal, sondern auch hinsichtlich des Stils Vielseitigkeit demonstriert, schmeckt doch sein dritter Roman mehr nach „Noir“, als die beiden Vorgänger, welche das „Police-Procedural“-Genre („Amnesie“) und den Psychothriller („Adrenalin“) bedienten. Grund dafür ist der Plot, der sich auf äußerst eindringliche Art und Weise aktuellen Themen widmet, welche selten in diesem komplexen Umfang ihren Weg in einen Krimi finden. Zum besseren Verständnis sei die Handlung kurz angerissen:

Als sich Detective Constable Alisha Barba auf den Weg zum Ehemaligen-Treffen ihrer Schule in London aufmacht, kann sie noch nicht ahnen, dass der Abend mit alten Freunden einige Überraschungen für sie bereithält. Ihre ehemalige Freundin Cate, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hat, nutzt das freudige Wiedersehen, um Alisha verzweifelt um Hilfe zu bitten, da sie um das Leben ihres ungeborenen Babys fürchtet. Die junge Polizistin versucht zu beschwichtigen, kann das Flehen von Cate, die in der Vergangenheit nicht immer einfach war, nur schwer einordnen. Nur wenige Stunden später wird diese gemeinsam mit ihrem Ehemann Felix von einem PKW überrollt. Beide erliegen noch in derselben Nacht ihren Verletzungen. Ein Unfall, so das Urteil der Polizei, doch Alishas Misstrauen ist geweckt, als bei der Obduktion herausgefunden wird, dass Cate ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht hatte. Hatte sie vielleicht geplant, ein Kind illegal zu adoptieren?

Die Suche nach Antworten führt sie, gegen den Willen ihrer Vorgesetzten, bis nach Amsterdam, einer Hochburg der Prostitution, wo sie gemeinsam mit dem inzwischen pensionierten Detective Inspector Vincent Ruiz auf ein gefährliches Netz des Menschenhandels stößt, dessen Fäden bis in die entlegensten Winkel Europas reichen. Als beide erkennen, mit wem sie es zu tun haben, ist es fast zu spät …

Todeskampf“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer schubkarrenweise Leichen oder eines soziopathischen Serienkillers bedarf, um beim Leser ein Gefühl des Unbehagens und des Ekels zu erzeugen – die Realität selbst übertrifft hier alle Fiktion. Und Robotham nimmt sich der vorliegenden Thematik nicht nur mit viel Sorgfalt und Vorsicht an, er widersteht auch der Versuchung diese mit kunstvollen Effekten zu würzen. Als Folge davon vergisst man zwischenzeitlich gar, dass man einen Spannungsroman zwischen den Fingern hat, liest sich doch „Todeskampf“ in vielen Elementen eher wie eine Milieustudie, welche insbesondere im berüchtigten Rotlichtviertel von Amsterdam nichts beschönigt und die dunklen Seiten der holländischen Stadt auf Pfählen betont. Alishas Ermittlungen in den düsteren Gassen sind stimmungsvoll und erdrückend zugleich, da es dem Autor hervorragend gelingt, die hoffnungslose Atmosphäre des Schauplatzes einzufangen und damit auch dem Schicksal der dort zum Verkauf stehenden Frau gerecht wird. Erschreckend die Hilflosigkeit der Polizei angesichts der vor ihren Augen verübten Verbrechen. Unbehagen, ob der weiterführenden Gedanken, die ich mir als Vater zweier Töchter während der Lektüre gemacht habe.

Michael Robotham gelingt, woran sich viele Krimi-Schreiber heutzutage verheben. Eine stimmige, handwerklich anspruchsvolle Handlung auf Papier zu bringen, in der auch die kleinsten Nebenfiguren mit Sorgfalt gezeichnet werden und die Chemie zwischen Protagonist und Assistent einfach passt. Vincent Ruiz, in „Adrenalin“ noch eher ungeliebter Jäger des eigentlichen Helden, erweist sich nun, um einige Jahre gealtert, als hilfreicher Unterstützer der vom Instinkt getriebenen Polizistin, der auch am Rande des Gesetzes entschlossen bleibt, ihre gemeinsame Mission zu ihrem Ende zu bringen. Notfalls sogar unter Riskierung des eigenen Lebens. Und Alisha Barba selbst hebt sich erfrischend von den vielen FBI-Schönheiten der Genre-Konkurrenz ab, die noch im Kugelhagel Leichen sezieren und nach einem harten Tag im Büro mit ihrem ebenso wohlgeformten Kollegen unter die Bettdecke hüpfen. Robotham nimmt sich, auch auf Kosten des Tempos, Zeit, seine Figuren zu skizzieren, ihnen Schärfe und Kontur zu verleihen. Im Falle Alishas geht er dabei näher auf ihre indische Herkunft ein, welche sie zwar nicht verleugnet, die aber oft ihren Erlebnissen im Beruf diametral gegenüber steht. Es ist hier nicht ohne einen gewissen Humor, wie sie versucht, diesen Spagat innerhalb der Familie zu vollziehen, ihre Verwandtschaft nicht zu brüskieren.

Sicherlich – es wird gewisse Leser geben, die dies als Verschleppung des Plots empfinden, für die diese genaue Ausarbeitung ein unnötiges Hindernis darstellt, welches den Spannungsbogen gefährdet. Und wenn wir ehrlich sind: Ja, „Todeskampf“ fehlt, besonders zur Mitte, diese durchgehende Suspense, was meines Erachtens aber eben gerade durch obige Punkte kompensiert wird. Die Schrecknisse des organisierten Verbrechens, das kriminelle, menschenverachtende Treiben der Schlepperbanden, die kommerzielle Leihmutterschaft – all das beschäftigt, macht nachdenklich und hebt den Roman letztlich auf eine gänzlich andere Ebene. Wer sich darauf einlässt, wird in hohem Maße und nachwirkend davon profitieren. Freunde des „Page-Turners“ dürften daran wahrscheinlich weniger Freude haben, auch weil Robotham den Fehler macht, den unheimlich stimmungsvollen Showdown auf einer Fähre bei ihrer nächtlichen Überfahrt, noch durch einen (zumindest aus meiner Sicht) unnötig kitschigen „Wurmfortsatz“ zu verlängern, den ein guter Lektor vielleicht auch besser vor Veröffentlichung entfernt hätte.

Ein Lapsus, den man Robotham rückblickend gerne verzeiht, der mir auch mit „Todeskampf“ wieder Lust auf mehr aus seiner Feder gemacht hat.

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Michael Robotham
  • Titel: Todeskampf
  • Originaltitel: The Night Ferry
  • Übersetzer: Kristian Lutze
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3442477906