Ein Pakt mit dem Teufel

© dtv

Sommer 2008, ich befand mich inmitten meiner Ausbildung zum Buchhändler und durchlief (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt) gerade die äußerst lehrreiche Zeit in der Reiseabteilung, als mir ein vom Zsolnay-Verlag ein Leseexemplar von Richards Starks „Fragen Sie den Papagei“ in die Hände fiel.

Obwohl nicht mehr für den Bereich der Belletristik eingeteilt, hatte ich seit meinem Beginn in der Buchhandlung bei der Gestaltung Krimi-Sparte durchgehend meine Finger im Spiel. Und wenn ich mal so bescheiden tönen darf – der Verkaufserfolg gab mir auch Recht. Dennoch war ich rückblickend betrachtet zu diesem Zeitpunkt allenfalls ein vielversprechender Laie mit gefährlichen Halbwissen, so dass ich Stark, der mit seinem richtigen Namen eigentlich Donald E. Westlake heißt, bis dato genauso wenig kannte, wie seine Kult-Figur Parker. Zu meiner Entschuldigung muss ich aber einwerfen: Richard Stark spielte damals bereits seit den 70er Jahren keine Rolle mehr auf dem hiesigen Buchmarkt. Und er selbst hatte seinen Anti-Helden seit dieser Zeit über zwanzig Jahre ruhen lassen.

Während also viele Kenner des Genres diese Wiederentdeckung mit der gebührenden Würdigung priesen, trafen Titel, Aufmachung und Kurzbeschreibung meinerseits auf ein gewisses skeptisches Unverständnis. Die Lektüre des Buches erfolgte zwischen Tür und Angel und aus reiner Höflichkeit – entsprechend mäßig fiel mein abschließendes Fazit aus. Es bedurfte einer erneuten Auseinandersetzung ein paar Jahre später – durch meine Tätigkeit auf der Krimi-Couch und die dortige Unterstützung vieler langjähriger Genre-Spezialisten inzwischen dem Novizentum entwachsen und mit einem erweiterten Horizont ausgestattet, was den Spannungsroman grundsätzlich betrifft – um auch für mich selbst die Faszination dieser Serie zu begreifen, wenngleich ich nach wie vor der Meinung bin, das „Fragen Sie den Papagei“ nicht zu den stärksten Werken aus (Achtung, Wortspiel) Starks Feder gehört und auch aus anderen Gründen nicht die beste Wahl war, um eine Renaissance des äußerst produktiven Schriftstellers einzuleiten. So bildet das vorliegende Buch nämlich den Mittelteil einer, durch eine geschlossene Handlung verbundenen Trilogie innerhalb der Reihe, die mit „Keiner rennt für immer“ beginnt und mit „Das Geld war schmutzig“, dem letzten Parker-Roman, abschließt. Beide Titel erschienen allerdings erst später bei Zsolnay bzw. dtv.

Dies ist insofern wichtig, da der Leser zwar per se bei Stark immer ohne Warnung in eine Handlung geworfen wird – im Stile der klassischen Samstagnachmittagsserien des US-Fernsehens springt man direkt ins Geschehen – man hier aber besonders mit den offenen Fragen hadert, wie und warum die Protagonisten in die von uns vorgefundene Situation gekommen sind. Und die stellt sich wie folgt dar:

Irgendwo in der tiefsten Provinz des US-Staats New York. Parker (seinen Vornamen erfahren wir nie) befindet sich nach einem misslungen Bankraub (siehe „Keiner rennt für immer“) auf der Flucht vor der Polizei und wird von Hunden, auf seine Fersen angesetzt, quer durch die Wälder gehetzt. Der Vorsprung schwindet mit jeder Minute, die Lage scheint ausweglos. Doch Parker hat Glück im Unglück und trifft auf den alten Einsiedler Tom Lindahl, der ihn sofort als den flüchtigen Bankräuber aus den Nachrichten erkennt und kurzerhand beschließt, diesem zu helfen. Doch seine Tat ist nicht uneigennützig, sieht er das Zusammentreffen doch vor allem als Chance sich einen langjährigen Traum zu erfüllen. Unter der Einsamkeit leidend, plant er seit langem einen Raubzug gegen die alte Pferderennbahn, in der er bis zu seinem Rentenantritt gearbeitet hat, bis man ihn schließlich fristlos kündigte. Allein der Mut, dies in die Tat umzusetzen, er hat ihm bis dato gefehlt. Nun, mit Parker an seiner Seite, sieht er sich in der Lage diese oft verworfenen Gedankenspiele in die Tat umzusetzen. Der wiederum braucht das Geld für die Fortsetzung seiner Flucht und willigt kurzerhand ein. Schon bald wird Lindahl klar, dass er einen Pakt mit einem äußerst gerissenen und vor allem eiskalten Teufel geschlossen hat …

Wenn ich mich heute so auf meinem Sofa umdrehe und dort die Vielzahl der bei Zsolnay veröffentlichten Stark-Titel erblicke, bin ich doch etwas verwundert, dass eine solche Art Krimi in den heutigen Zeiten tatsächlich noch augenscheinlich einen so lohnenswerten Absatz generiert hat, wartet doch die Parker-Reihe auf den ersten Blick mit nur äußerst wenig von den auf, was der durchschnittliche Freund von Spannungsliteratur so gemeinhin unter Krimi versteht. Mord, Serientäter, Leiche, Polizist und allenfalls noch Privatdetektiv – so ziehen viele Leser inzwischen nicht nur ihre persönlichen Grenzen des Genres, sondern legen damit auch gleichzeitig die benötigten Zutaten für „fesselnde und packende Unterhaltung“ fest. Und nun kommt da ein solcher Roman daher, der ohne moralisch korrekten Sympathieträger aufwartet und in der Art des Storytellings auch kurzerhand den Weg zum Ziel deklariert. Was manch einer jedoch für eine Revolution hält, ist schlichtweg nichts geringeren als die Renaissance des klassischen „Noir“, wie ihn auch schon James M. Cain einst geschrieben – und der sich seitdem nicht groß weiterentwickelt hat. Und warum sollte er auch, wo doch „Fragen Sie den Papagei“ ein treffliches Beispiel dafür ist, dass man nichts reparieren muss, was nicht kaputt ist.

Richard Stark hat seinem Gauner Parker für lange Zeit den Rücken gekehrt und ihn jetzt genauso aus der Schublade herausgeholt, wie er ihn einst reingelegt hat. Soll heißen: Die Zugeständnisse des Autors an die modernen Anforderungen an einem Krimi kann man nicht nur an einem Finger abzählen, sie verwässern auch nicht ein Jota das ursprüngliche Grundrezept. Gottseidank, möchte man rufen, hat doch diese Serie schon immer von der kühlen Planung des absoluten Profis Parker und dessen noch größerer Befähigung zur Improvisation gelebt. Und sowohl im einen wie auch im anderen läuft der alte Kämpe mal wieder zur Höchstform auf, vorangetrieben von einer messerscharfen, knappen Sprache, die sich jegliche Umschweife und Ausschmückungen versagt und – ähnlich wie Elmore Leonard – kein Wort zu viel verliert. Tempo heißt das Stichwort und so klemmt Stark seinen Plot von Beginn an unter das herunter gedrückte Gaspedal, welches den roten Faden wie die Mittelspur eines geraden Highways Seite für Seite mit Vollgas schluckt. Allerdings nicht ohne dabei einen paar Schikanen, äußerst scharfe Kurven und Wendungen einzubauen.

Und genau hieraus ergibt sich die Faszination dieser Serie, setzte Stark mit seiner Figur Maßstäbe, an denen sich heute auch noch Autoren wie Gary Disher oder Wallace Stroby messen lassen müssen. Ein Mann ohne Gewissen, stets irgendwie Herr selbst der ausweglosesten Lage und ein Meister darin, seine Umgebung geschickt und äußerst elegant für die eigenen Zwecke zu manipulieren und einzuspannen, weil ihm keine Schwäche verborgen bleibt, jede offene Flanke notiert und als potenzielles Angriffsziel auserkoren wird. Eine oftmals bittere Lektion für seine Mitstreiter, in diesem Fall Tom Lindahl, der relativ schnell feststellen muss, dass Planung und Ausführung eines Verbrechens zwei verschiedene paar Schuhe – und insbesondere die letzteren ihm ein paar Nummern zu groß sind. Ihm fehlt schlicht dieser letzter Schuss Skrupellosigkeit für diesen Job. Eine Tatsache, welche natürlich auch Parker nicht entgeht, dem es am Ende nur auf eins ankommt – seinen Schnitt zu machen. Und das ist notwendig, denn obwohl Profi, so muss auch der Verbrecher aus Berufung immer wieder Rückschläge verkraften und, um seine eigene Haut zu retten, selbst die Beute mal am Tatort zurücklassen.

Was es Näheres mit dem Titel auf sich hat? Nun, das ward an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel sei gesagt: Er ist gut gewählt für diesen äußerst kurzweiligen Vertreter des „Noir“, der vor allem durch seine kahle, aber unheimlich pointierte und wortwitzige Sprache zu überzeugen weiß und dessen offenes Ende den Leser fast schon zwingt, zum Nachfolger „Das Geld war schmutzig“ zu greifen. Denn er macht auch deutlich – der Krimi kann soviel mehr als nur Mord und Leichen.

Wertung: 82  von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Stark
  • Titel: Fragen Sie den Papagei
  • Originaltitel: Ask the Parrot
  • Übersetzer: Dirk van Gunsteren
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 06.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256 Seiten
  • ISBN: 978-3423212106

6 Gedanken zu “Ein Pakt mit dem Teufel

  1. Sehr witzig, dass du deinen Beitrag gerade jetzt schreibst! Ich habe erst am Samstag die drei Bücher in die Hände genommen und überlegt, wann wieder einmal „Parker“-Zeit sein könnte.

    Ohne Starks Kriminalromane sind seine Nachfolger Garry Disher und Wallace Stroby eigentlich gar nicht denkbar. Für mich sind Starks Bücher ein ganz großer Wendepunkt im Genre der Kriminalliteratur. Weg von der Aufklärung des Verbrechens, noch dazu geschildert aus der Sicht des Verbrechers. Keine Lösung am Schluss, und eigentlich geht immer alles schief, was schiefgehen kann. Ganovenehre, ebenfalls bloß ein Mythos.

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  2. Dieses Buch war ja mein zweites „Aha-Erlebnis“ in Sachen Krimi und führte durch die weiteren Parker-Veröffentlichungen schließlich zu einer kontinuierlichen Beschäftigung mit dem Genre. Tatsächlich verstehe auch ich bis heute nicht, warum Zsolnay mit diesem Band begonnen hat. Da wurde eine Chance vertan, mehr Interessierte zu finden.

    Na egal, was bleibt sind diese tollen und einzigartigen Bücher, die ich auf jeden Fall alle noch einmal – und dann in der richtigen Reihenfolge – lesen werde. Warum, das hast Du treffend beschrieben. Sprache und Perspektive machen dabei den Unterschied aus.
    Wie es der Zufall will, habe ich mir heute die dtv-Ausgabe „The Hunter“ gekauft, die ich diesen Sommer lesen möchte.

    Für alle Mitlesenden noch eine Anmerkung: Die „physische“ Lieferbarkeit der Reihe ist seit Jahren rückläufig.

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    • Ich gebe ja die Hoffnung nicht auf, dass sich irgendjemand erbarmt und auch die frühen Bände (außer „The Hunter“) neu (und ungekürzt!) auflegt, wobei das wohl ob der wahrscheinlich zu geringen Nachfrage eher Wunschdenken ist. Nur wenige haben, wie z.B. Günther Butkus bei der Veröffentlichung der Robicheaux-Reihe, so einen langen Atem. Und doch wäre es Stark/Westlake zu gönnen – und meiner Sammlung, die ich gerne komplett hätte. ;-)

      Die Zsolnay-Ausgaben sind ja bereits länger vergriffen und auch von den (meines Erachtens pottenhässlichen) dtv-Ausgaben scheint es nur noch Restbestände zu geben. Daher stimme ich in Deinen Aufruf mit ein: Zugreifen, so lange der Vorrat noch reicht.

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  3. Es wäre in der Tat sinnvoller gewesen, wenn Zsolnay mit „Verbrechen ist Vertrauenssache“ begonnen hätte, das Parkers Comeback nach 23 Jahren einläutete und im Original ja auch „Comeback“ hieß, oder zumindest mit dem ersten Teil der finalen Trilogie. Zugegeben, „Fragen Sie den Papagei“ ist meines Erachtens der Höhepunkt des Parker-Revivals, und womöglich war das der Hintergedanke bei Zsolnay: Mit diesem Knaller einsteigen! Dem Du übrigens exakt 18 Punkte zu wenig gegeben hast – wahrscheinlich ein Versehen, Dir werden die Finger auf der Tastatur ausgerutscht sein.. ;-)
    Über Kürzungen bei Parker bin ich nicht im Bilde – weißt Du da Näheres? Ich weiß nur vom dem Westlake-Buch „Fünf schräge Vögel“, das vor nicht allzu langer Zeit bei Atrium in neuer Übersetzung herauskam – mit dem ausdrücklichen Hinweis, hierbei handele es sich um die ungekürzte Fassung, wobei die Kürzungen bei Ullstein offenbar beträchtlich waren… Auch Ross Thomas wurde bekanntlich von Ullstein geschändet, aber was will man denn bei Richard Stark kürzen? Die Bücher waren ja ohnehin recht schmal, und reduzierter, knapper als Richard Stark kann man kaum schreiben. Nicht ein überflüssiges Wort – Raymond Carver hätte bei Stark in die Schule gehen können! ;-)
    Vielleicht erbarmt sich ja dereinst ein Verlag oder ein engagierter Übersetzer wie Stefan Mommertz, der wohl die deutsche BoD-Ausgabe von Lawrence Block angeschoben hat. Erfreulicherweise wird nun auch dessen Bernie-Rhodenbarr-Reihe übersetzt – wo wir hier schon bei Büchern aus der Sicht von Verbrechern sind, wiewohl Bernie ja eher in die Kategorie kultivierter Gentleman-Gauner fällt.
    Eindeutig von Parker inspiriert ist dagegen die Nolan-Reihe von Max Allan Collins, von der meines Wissens 2 Bücher bei Bastei-Lübbe erschienen und die dieser letztes Jahr nach Jahrzehnten reaktivierte, und mit Quarry hätte Collins überdies noch einen Berufskiller im Angebot. Auch so ein Mysterium, warum Max Allan Collins hierzulande nicht mehr verlegt wird…

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    • Erst einmal vielen Dank für den ausführlichen Kommentar, zumal eindeutig von einem Kenner mit Geschmack. ;-)

      Mir hat von den Zsolnay-Titeln tatsächlich „Sein letzter Trumpf“ am Besten gefallen, aber darauf werde ich hier bei gegebener Zeit noch zu „sprechen“ kommen. Mit den Kürzungen bezog ich mich tatsächlich auch auf die alten Ullstein-Ausgaben. Den Dortmunder-Roman von Atrium habe ich bis dato noch nicht gelesen, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Und Carver, nun ja, der war durchaus ja ebenfalls ökonomisch beim Schreiben. :-) Wie du schon sagst: Kein Wort zu viel, was für viele der großen Schreiberlinge gilt. Auch ein gewisser Robert B. Parker hat da bei Spenser und Jesse-Stone keinen schlechten Job gemacht.

      Mit Stefan und mit Larry habe ich mir letztes Jahr noch genau über das Thema (Keller, Rhodenbarr, Neuauflage von Stark im BoD) geschrieben, aber in letztere Richtung ist Stand jetzt nichts geplant. Was nicht ist, kann aber noch werden.

      Und, ach ja, Max Allan Collins. Von dem habe ich hier alles stehen, was auf Deutsch erschienen ist, wobei mir die Heller-Reihe da tatsächlich ja besser gefällt, als Nolan (und ja, waren 2 bei Lübbe). Dennoch – auch bei ihm sind noch so viele Titel unübersetzt. Ohne Martin Comparts Engagement in der Schwarzen Reihe wären es noch ein paar weniger. Ein Mysterium ist seine Nichtbeachtung aber nicht. Wie bei so vielen anderen (z.B. Crumley, jetzt von Kampa wieder entdeckt oder Warren Murphy) fehlt da wohl einfach der lohnende Absatzmarkt. Von den „Connaisseurs“ mal abgesehen, wird man mit diesen ganzen Autoren in Zeiten von Fitzek, Carter und Co. kein großes Publikum erreichen.

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