Ozean ist Sein, Welle ist der Verstand

© Fischer

Die Vater-und-Sohn-Thematik ist nicht nur ein sehr beliebtes Motiv in der Literatur, sondern scheint auch unerschöpfliche, neue Möglichkeiten zu bieten, diese prägende Beziehung innerhalb der Familie in den verschiedensten Facetten darzustellen. In den vergangenen Jahren machte u.a. David Gilmour mit „Unser allerbestes Jahr“ auf sich aufmerksam, in welchem der Autor die Geschichte von sich und seinem schulmüden Sohn schildert, den er mittels einfallsreicher DVD-Pädagogik zurück auf den rechten Weg gebracht hat. In der Werbung hoch gepriesen, stellte sich das Werk bei näherer Betrachtung als recht banale Unterhaltungslektüre mit wenig Tiefgang heraus. Vielleicht ein Grund, warum ich eher zögerlich zu Norman Ollestads „Süchtig nach dem Sturm“ gegriffen habe, das, wie Gilmours Buch, auf einer wahren Begebenheit beruht und rückblickend in Ich-Form von einer wahrlich außergewöhnlichen Kindheit in den 70er Jahren erzählt.

Süchtig nach dem Sturm“ ist dabei aber mehr als nur eine autobiographische Erinnerung. Es ist ein Blick zurück in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, in eine Zeit, in der der Wunsch nach Freiheit das Leben vieler bestimmte und besonders von einer Gruppierung auf den Wogen des Meeres ausgelebt wurde: den Surfern. Einer davon ist auch Norman Ollestads Vater, den alle nur „Big Norm“ nennen und der an den Küsten Kaliforniens stets aufs Neue sportlich an seine körperlichen Grenzen geht. Nur bei waghalsigen Abenteuern und unter halsbrecherischem Risiko findet er die Seligkeit, kann er der Angst ins Gesicht lachen, welche er als einzige Beschränkung in seinem Leben sieht. Diese Erfahrung lehrt der unersättliche Lebemann auch seinen Sohn, den er schon in jungen Jahren zu Höchstleistungen auf Skipisten, Eishockeyfeldern und den Wellen antreibt, dem er alles abverlangt, um ihm dieselbe Freiheit spüren zu lassen. „Big Norm“ braucht das Adrenalin, ist süchtig nach dem Sturm und soll schließlich auch in diesem ums Leben kommen.

Während eines Fluges über die winterlich verschneiten San Gabriel Mountains im Jahre 1979 stürzt er aufgrund eines Pilotenfehlers mitsamt seiner Freundin und dem gerade mal 11-jährigen Norman ab. Die beiden Erwachsenen sterben am eisigen Gipfel. Norman meistert als einziger den gefahrvollen Abstieg von der Absturzstelle und überlebt. Überlebt, weil sein Vater ihm gelehrt hat, die Angst zu meistern und er es schafft, weit über seine Grenzen hinauszugehen…

Norman Ollestad schildert in zwei parallel laufenden Handlungssträngen seinen Überlebenskampf am Berg und die ungewöhnliche Kindheit im Surfer-Milieu Kaliforniens. Und besonders der letztere Teil der Geschichte ist es, der den Leser zu fesseln und zu rühren vermag. Als Scheidungskind aufgewachsen, sieht Norman seinen Vater stets nur an den Besuchstagen, welche bis auf die letzte Sekunde im Freien ausgenutzt werden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird das Surfbrett herausgeholt. Und selbst wenn der Sohn keine Lust hat, so empfindet er doch zu viel Respekt und Ehrfurcht davor, seinem Vater etwas abzuschlagen. Dessen leuchtende Augen, dessen Begeisterung. Sie ist ansteckend. Voller Stolz und doch auch ängstlich, versucht er seinem Dad gerecht zu werden. Er taucht in die Tunnel derselben riesigen Wellen ein, nimmt im Winter an den steilsten Ski-Abfahrten teil. Keine Herausforderung ist zu groß, keine Kompromisse werden gemacht. In Abwesenheit seiner Mutter und des alkoholkranken Stiefvaters Nick ist die Freiheit sein Antrieb und das Ziel zugleich. Er ist ein junges Abbild des Vaters, eines Mannes, der eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein muss, und in seiner Karriere als FBI-Mann sogar dem allmächtigen Direktor J. Edgar Hoover die Stirn geboten hat. Zu zweit sind Vater und Sohn immer auf der Suche nach der nächsten Welle. So auch während eines Trips nach Mexiko, den sie eigentlich unternehmen, um Normans dort lebenden Großeltern eine Waschmaschine zu bringen.

Eigentlich, denn „Big Norm“ muss natürlich auch aus dieser einfachen Reise durch Mexiko ein echtes Abenteuer machen und jeden surffähigen Strand auf dem Weg ansteuern. Es sind besonders die farbenfrohen und facettenreichen Schilderungen Ollestads in diesem Abschnitt, welche mich letztlich für dieses Buch begeistert haben und zudem andeuten, dass der Autor mehr kann, als nur aus der Erinnerung heraus zu erzählen. Musste man sich, wie der junge Ollestad, noch vorher durch die Eiswüste der Berge durchbeißen, kommt hier nun das Lebensgefühl des Vaters voll zum tragen. Man spürt den Freiheitsgeist, diesen Spirit der 70er Jahre, lässt sich von der Sonne, den Stränden und Wellen gleichermaßen mitreißen. Nichts kann uns aufhalten. Wir sind golden. Was Norman Ollestad rückblickend beschreibt und neu zum Leben erweckt, macht die Faszination dieses Buches aus.

Für die ältere Generation ist es die Wiedererweckung von Erinnerungen, für die heutige, ein Einblick in eine komplexe, aber auch sehr intensive und liebevolle Vater-Sohn-Beziehung aus den 70er Jahren, welche besonders nochmal im letzten Drittel dem Leser nahe geht und ihn schlucken lässt. Zwar hätte „Süchtig nach dem Sturm“ zweifellos auch ohne diese Dramatik des Flugzeugabsturzes funktioniert. Gerade aber für den Abschluss der Geschichte, in der quasi der Stab an den nächsten Sohn weitergegeben wird, ist sie schließlich enorm wichtig.

Süchtig nach dem Sturm“ ist eine auf jeder Seite energiegeladene Erzählung über eine besondere Freundschaft innerhalb einer Familie. Eine Erzählung, die den Leser geistig auf Reisen nimmt und in eine völlig andere Zeit versetzt. Kein Meisterwerk, aber eine Lektüre, welche man aufgrund ihrer plastischen Lebendigkeit nicht zur Seite legen will.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Norman Ollestad
  • Titel: Süchtig nach dem Sturm
  • Originaltitel: Crazy For The Storm: A Memoir Of Survival
  • Übersetzer: Brigitte Heinrich
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 8/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3596185511
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6 Gedanken zu “Ozean ist Sein, Welle ist der Verstand

  1. Bei mir ist die Lektüre schon ein paar Jahre her, aber ich habe es als ungeheuer spannend in Erinnerung. Was der Junge alles unternommen hat, um seinem charismatischen Vater gerecht zu werden, und vor allem die Schilderung seines Überlebens nach dem Flugzeugabsturz hat mich beeindruckt. Ein Buch, das man nicht vergisst!

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    • Da bin voll bei Dir. Zumal man immer im Hinterkopf hat, dass das ja wirklich so passiert ist. – Neben seinem Überlebenskampf sind mir vor allem die Landschaftsbeschreibungen im Gedächtnis geblieben. Gerade das gemeinsame Surfen in Mexiko ist so bildreich geschildert, dass man selbst das Gefühl hat, auf dem Brett zu stehen. – Zum Vater baut man als Leser auch eine merkwürdige Beziehung auf. Er hat Charisma, ist aber nicht sympathisch. Er liebt seinen Sohn, liebt seine Freiheit aber noch viel mehr. Ollestad hat hier eindeutig aus der Seele geschrieben.

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  2. Schöne Kritiken, die Du da schreibst. Sie zeigen, dass Du Dich intensiv mit dem Genre auseinandergesetzt hast. Zu dem Zitat: Das macht eigentlich nur Sinn, wenn »Sein« großgeschrieben wird. Also: Ozean ist Sein, Welle ist der Verstand.

    Schöne Grüße

    Joachim

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  3. Kein Problem, neben Krimis liebe ich die deutsche Sprache. Bei den Krimis bin ich eher auf Aktuelles ausgelegt, zurzeit ist/war Jan Costin Wagner mein großer Favorit. Wenn ich einen Autor mag, fang ich an, alles von ihm zu lesen. Aber die guten hören meist zu früh auf zu schreiben. Wie zum Beispiel Jerry Oster, Zu meinen weiteren/früheren Favoriten gehörten Jerry Oster, Hillermann, Jerome Charyn, Sandford, Deaver und Nesbø.
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    • Ja, das ist bei mir ähnlich. Kriminalliteratur sammle ich jetzt seit über 18 Jahren und in dieser Zeit habe ich viele großartige Autoren/rinnen für mich entdeckt. Und meist verleibe ich mir dann auch das Gesamtwerk ein und versuche es chronologisch zu lesen. – Festgelegt bin ich dabei eigentlich nicht. Es sollte einen gewissen Anspruch mitbringen. Der x-te Serienkiller-häutet-Frau-und-liebt-Polizistin-Plot bringt mich nur noch zum Davonlaufen. Gerade aktuelle Krimis können gesellschaftliche Themen und soziale Probleme besser abbilden als manches anderes Genre. Das macht sie so interessant und vielseitig. Wagner steht bei mir noch im Regal, Oster ebenfalls. Beide ungelesen. Charyn ist stark, ebenso wie Hillerman. Sandford war nicht meins. Deaver fand ich anfangs klasse, hat dann meines Erachtens stark nachgelassen bzw. sein Erfolgsrezept zu Tode geritten. Nesbo muss ich mir auch dringend vornehmen. – Vielleicht findest du hier ja noch den ein oder anderen neuen Autor für Dich. :-) – Schönen Abend, Stefan

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