Daly Business

© Fischer

Elizabeth Daly. Selbst den Viellesern unter den Krimifans wird dieser Name wohl heute nichts mehr sagen. Dafür muss man sich auch sicher nicht schämen, ist doch die amerikanische Autorin schon seit Ende der 50er Jahre vom deutschen Büchermarkt verschwunden. Nur drei ihrer sechzehn Romane wurden überhaupt übersetzt und selbst die Originalausgaben sind in ihrem Heimatland begehrte Raritäten. Daly ist in Vergessenheit geraten, obwohl sie 1960 mit dem Edgar Award ausgezeichnet worden ist und die große „Queen of Crime“, Agatha Christie, zu ihren glühensten Verehrerinnen gehörte. Umso mehr war die Entscheidung des Fischer Verlags zu begrüßen, eines ihrer Werke im Rahmen der „Crime Classic“-Reihe neu zu veröffentlichen. Mit „Das Buch des Toten“ ging diese Serie in die zweite, und, da sie leider bereits wieder eingestellt worden ist, gleichzeitig letzte Runde. Nach den klassischen englischen Krimis der ersten Staffel, konzentrierte man sich jetzt auf die alten Perlen aus den USA.

Das Buch des Toten“ führt uns zurück in das New York des Jahres 1943. In Europa tobt ein erbitterter Krieg, der auch immer mehr Amerikaner das Leben kostet. An der Heimatfront werden Arbeitskräfte knapp. Zudem leidet die Bevölkerung in diesem Sonne unter einer erdrückenden Hitzewelle. Henry Gamadge, „eine Art Spezialist für alte Bücher und Familiendokumente“, hat sich in die Kühle seiner Privatbibliothek zurückgezogen, als ihn die junge Zahnarzthelferin Adele Fisher um Hilfe bittet. Diese ist gerade aus Vermont zurückgekommen, wo sie in ihrem Heimatdorf Stonehill den Urlaub verbracht und dabei Howard Crenshaw kennen gelernt hat. Der ältere Herr war zum Zeitpunkt ihres Treffens bereits sterbenskrank und willens, die letzten Tage seines Lebens in der Abgeschiedenheit seines Hauses zu verbringen. Nähere Angehörige hat er nach eigenen Aussagen keine. Trotzdem kam man ins Gespräch und freundete sich an. Allein der Diener Perry störte diese Idylle. Zu Adeles Überraschung setzte dieser alles daran, Crenshaw, der immer wieder in großer Furcht zu sein schien, vollkommen zu isolieren. Als Herr und Diener urplötzlich nach New York abreisten und Adele kurz darauf vom Tode Crenshaws erfuhr, kamen ihr Zweifel. Warum diese Angst bei Crenshaw? Und was hat es mit diesen seltsamen schriftlichen Anmerkungen auf sich, die sich auf den Seiten des Shakespeare-Bandes befinden, den der ältere Herr ihr geliehen hat? Sind es vielleicht gar Hilferufe?

Gamadage, der sich schon oft als Privatdetektiv betätigt hat, soll jetzt Licht ins Dunkel bringen und das Rätsel lüften. Gemeinsam mit Adele versucht er die letzten Tage von Howard Crenshaw nachzuvollziehen, wobei er auf einige Unregelmäßigkeiten stößt. Obwohl äußerst wohlhabend, ließ sich der todkranke Mann von dem abgewrackten Arzt Florian Billing betreuen. Eine ungewöhnliche Wahl, zumal Billing in Kontakt mit dem Woods-Heim steht. Eine Einrichtung für Geisteskranke, Alkoholiker und Rauschgiftsüchtige, in die nicht selten auch ehemalige Verbrecher abgeschoben werden. Gamadage stellt Fragen und setzt ein paar befreundete Detektive auf den Fall an. Und bald wird ihm klar, dass er in ziemlich dunklen Wassern gefischt hat. Adele Fisher wird auf offener Straße der Schädel eingeschlagen. Und auch Gamadage, der nun noch entschlossener die Nachforschungen vorantreibt, bekommt zu Hause ungebetenen Besuch…

Unauffällig und unspektakulär wären wohl die ersten Wörter, die mir im Zusammenhang mit Dalys „Das Buch des Toten“, besonders in Hinblick auf die Figur Henry Gamadge, in den Sinn kommen würden. Im Gegensatz zu den meisten anderen klassischen Detektiven der Golden Age-Krimis, bleibt dieser weitesgehend blass. Während sonst die Genialität exzentrisch zelebriert oder in Proben unter Beweis gestellt wird, kann man sie hier nur erahnen. Gamadge ist farblos, ohne Ecken und Kanten, „ein gewissenhafter Staatsbürger“. Eine Person, welche in einem Holmes oder Fell-Fall allenfalls als Constable besetzt werden würde. Auch sein Aktionsraum ist äußerst begrenzt. Gamadge beschränkt sich darauf im Hintergrund zu bleiben und von dort Suche, Jagd und Fang des gesuchten Täters zu koordinieren. Wo sonst gerade die überzeichneten Schurken und arroganten Ermittler den Charme des typischen Cozys ausmachen, wird hier Dalys Hang zum Realismus ziemlich deutlich. Verdunklung, Benzinrationierung, Männermangel. Der vor dem Hintergrund des Krieges spiegelnde Fall hat einen ebenso ernsten Ton, was ihn zwar um ein vielfaches authentischer, aber letztendlich auch ziemlich langweilig macht.

Zudem muss man sich fragen, ob „Das Buch des Toten“, welches 1944 erschien, überhaupt noch zu den Werken des „Golden Age“ gezählt werden darf, denn gerade die Cozys dieser Epoche haben es besonders mit der Realitätsnähe nicht immer so genau genommen. Und auch die Atmosphäre der Gemütlichkeit geht diesem Buch, trotz beschaulicher Landsitze und Gasthöfe, irgendwie ab. Dafür kann wiederum der Aufbau des Falles überzeugen, denn dieser wurde nicht nur genial konstruiert, sondern ist für einen Krimi mit gerade mal 228 Seiten gleichzeitig ziemlich komplex geraten. Die Hintergründe des begangenen Verbrechens (und damit auch der Leser) werden lange im Dunkel gelassen, der anfänglich eindeutig wirkende Fall mit jeder Seite undurchsichtiger und nebulöser. Auffällig ist dabei, dass man dank einiger Perspektivwechsel einen Wissensvorsprung gegenüber Gamadge gewinnt. Szenen, an denen er nicht beteiligt ist, geben uns zusätzliche Informationen. Das diese dann trotzdem am Ende nicht ausreichen, um vor dem Hobbydetektiv das Rätsel zu entwirren, ist ein Beleg für Dalys Qualitäten.

Diese will auch ich ihr nicht absprechen. Fakt bleibt aber: Ihr geringer Bekanntheitsgrad hierzulande ist für mich nach dieser Lektüre nachvollziehbar. Neben all den Nero Wolfes, Philo Vances und Sam Spades bleibt Henry Gamadge leider eine ziemlich graue, langweilige Maus. Diese Figur ist es, die den Lesespaß des gesamten Buches dann auch etwas schmälert.

Das Buch des Toten“ ist ein intelligent konstruierter Whodunit, ohne viel Schnörkel und Schminke, der, sehr nüchtern erzählt, für wenig Unterhaltung sorgt, abereinen Blick in die Anfänge des amerikanischen Krimis erlaubt. Dessen Geschichte widmet sich übrigens Lars Schafft in einem der zwei aufschlussreichen und informativen Nachworte (oder sind es Nachwörter?), welche für Interessierte allein schon den Kauf dieses Buches lohnen würden.

Wertung: 75 von 100 Treffern

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  • Autor: Elizabeth Daly
  • Titel: Das Buch des Toten
  • Originaltitel: The Book of the Dead
  • Übersetzer: Heinz F. Kliem
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 04/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 244 Seiten
  • ISBN: 978-3596184668
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8 Gedanken zu “Daly Business

  1. Vom Thema her und auch weil ich Detektivgeschichten sehr liebe, hat mich der Beginn Deiner Rezension schon wieder „scharf“ gemacht. ;-)
    Erstens: weil ich noch keine amerikanische Detektivgeschichte die von einer Frau geschrieben wurde gelesen habe
    Zweitens: weil ich ein „Faible“ für realistische (und leise) Geschichten habe. Ich muss nämlich gestehen, dass Philip Marlowe „ganz manchmal“ etwas zu dick aufträgt und ich in dieser „Männerwelt“ die leiseren Töne vermisse.
    Deswegen mag ich ja auch die Gestalt von Nestor Burma von Léo Malet: Nestor Burma ist sowohl ein privatdetktivisches Genie und Charmeur als auch ein Tolpatsch der sich des öfteren auf seine Assistentin die „Schöne Helena“ stützen kann, die ihn sowohl aus peinlichen Situationen rettet so wie auch an der Aufklärung der Fälle mitarbeitet. Lange Rede – kurzer Sinn: die Geschichten sind „weiblicher“.
    1-2 Geschichten spielen auch in Paris während des 2 Weltkriegs inklusive Fliegeralarm, Schutzsuche im Bunker, Verdunklung usw.
    Auch wenn Du den obenrezensierten Krimi als eher langweilig beschreibst, übt die Konstellation der Gegebenheiten einen gewissen Reiz auf mich aus….. *seufz*

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    • Also (kriminal-)literaturhistorisch ist das Buch in der Tat lesenswert, performt aber halt äußerst gemächlich. Etwas das ich zwischendurch übrigens auch immer wieder schätze (u.a. an Agatha Christie oder Ann Granger). Allerdings muss der Protagonist für mich ein bisschen mehr Profil haben, als das hier mit Henry Gamadge der Fall ist.

      Malet mag ich persönlich ebenfalls sehr – auch die Hommage an Burma von Patrick Pecherot.

      Kannst ja mal schauen, wo die Daly antiquarisch gerade preislich liegt. Vielleicht liegt sie Dir sogar ein bisschen mehr als mir. :-)

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  2. Mich würde es hauptsächlich von der „(kriminal-)literaturhistorischen“ interessieren. Mal sehen wie ich da ran gehe: ob ich mit dem ersten Teil der Serie kokettieren soll oder irgend ein Teil was gerade verfügbar ist (englisch ist ja kein Hindernis).
    Habe es mir mal auf meine „Wishlist“ gesetzt (zu den anderen gefühlten 200K).

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    • Sollte es ein anderer Titel als der obige sein, gib mal Rückmeldung, falls du es gelesen hast. Eventuell ist „Das Buch des Toten“ ja nicht gänzlich repräsentativ für die Reihe. Ich hab da jedenfalls noch ein paar andere, wo ich dann doch antiquarisch lieber auf Suche gehe (z.B. John Dickson Carr oder Mary Roberts Rinehart).

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      • … und schwupp! Beim Nachsuchen der Dame und ihrer Geschichten bin ich bei „Goodreads“ fündig geworden (da findet man oft nicht nur den Titel sondern alle Auflagen). Hat sich doch „Felony & Mayhem“ daran gemacht zwischen 2012 und 2016 alle Bücher von Elizabeth Daly neu aufzulegen (auf Kindle und als Paperback). Alle mit homogenem Retro-Cover. https://www.goodreads.com/book/show/17399963-unexpected-night

        Von der Aufmachung her und wegen der durchweg guten Bewertungen (alle Bücher liegen zwischen 3,6-3,9/5), habe ich mir nun den ersten Band bestellt…. Musste eh eine Bestellung bei Amazon machen *hust*.

        Mit dem Bericht aus …[Buchhausen]… wird es wohl aber noch etwas dauern. War nämlich die letzte Woche stark erkältet und wegen der andauernden Kopfschmerzen habe ich auf das Lesen verzichtet (E.George – original – etwa 40%durch). Ab morgen drehe ich wieder im Rad und muss bestimmt einiges Nachholen….. Um mein „Köpfchen“ nicht allzusehr zu belasten, werde ich die nächsten Bücher mal wieder auf Deutsch lesen und zwar in der Reihenfolge:
        – Glauser: Wachtmeister Studer
        – Glauser: Die Fieberkurve (wenn mir dann der Sinn noch nach Glauser steht)
        – Hammett: Rote Ernte
        – Hammett: Der dünne Mann (wenn mir dann der Sinn noch nach Hammett steht)
        – Harris Robert: Enigma
        – Harvey John: Schrei nicht so laut
        – Hill Reginald: On Beula height (auf englisch): Das Dorf der verschwundenen Kinder (Band 17) – darauf musste ich lange warten; es war vergriffen

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        • Ja, Goodreads ist eine feine Seite. Da recherchiere ich auch immer wieder gerne. – Die Ausgaben von Daly gefallen mir ganz gut. Aus Zeit- und Platzmangel verzichte ich (bis auf wenige Ausnahmen) aber auf englischsprachige Ausgaben. Ich brauche, trotz sehr gutem Englisch, länger als auf Deutsch. Und ggf. doppelt stellen ist nicht, wenn ich die Statik des Hauses nicht weiter gefährden will. :-D – Deine Leseliste gefällt mir durchweg hervorragend. Stehen alle auch in meinem Regal. Den Hill (auf deutsch) hab ich damals gottseidank noch über den Großhandel bekommen. Nur die ersten Dalziel/Pascoe suche ich immer noch in gutem Zustand zu bezahlbaren Preisen. – Außer Hammett habe ich von denen noch nix gelesen. Es bleibt dabei: Ich muss ein ziemlich alter Mensch werden, um das alles zu packen. :-) – Komm gut durch die Woche und LG. Hoffe du bist wieder einigermaßen auf dem Damm

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  3. Wie schön, bei dir auf Elizabeth Daly zu treffen. Sicherlich keine Chandlerqualität, doch ich mochte Gamadge eigentlich ganz gern, wobei die Bände allerdings unterschiedlich gut sind und Daly, nachdem sie ihrem Detektiv eine reizende Ehefrau herbeigeschrieben hat, diese in den letzten Bänden leider viel zu oft in Urlaub schickt.
    Bei Bedarf: Meine Besprechung des ersten Bandes findet sich unter: https://buchpost.wordpress.com/2018/01/25/elizabeth-daly-unexpected-night-1940/
    Viele Grüße in die Crime Alley. Anna

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    • Oh, das interessiert mich natürlich sehr. Schaue mir Deine Besprechung gleich mal an. Danke, Anna! – Das erinnert mich an Ann Granger, welche ich, wie ich gestehen muss, zur Entschleunigung immer wieder gerne lese. Meredith Mitchell hat eigentlich andauernd Urlaub oder ist krank, um dann jedes Mal auf Mördersuche zu gehen. :-)

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