Wie fügsam die Toten sind …

© Arche

Es war für mich persönlich DIE Neuigkeit der diesjährigen Frankfurter Buchmesse: Sieben Jahre nach seinem Tod wird William Gay endlich wieder auf Deutsch veröffentlicht. Diesmal im Rahmen des neuen Taschenbuch-Programms vom Polar Verlag. Eine weise, hoffentlich vielfach von den Lesern gewürdigte Entscheidung, gilt für mich der in Tennessee geborene Autor doch zu den ganz großen Meistern des Southern Gothic – und damit auf eine Stufe mit literarischen Größen wie William Faulkner, Daniel Woodrell, Flannery O’Connor oder Cormac McCarthy, die ihm hierzulande leider nur einen höheren Bekanntheitsgrad voraus haben. Höchste Zeit dies nun zu ändern, was für mich wiederum hieß, sich dem letzten noch ungelesenen Titel im Regal, „Nächtliche Vorkommnisse“, zu widmen, welcher vor genau einem Jahrzehnt durch den Arche Verlag herausgegeben wurde und inzwischen leider wieder vergriffen ist.

Leider deswegen, weil es sich hierbei meiner Einschätzung nach um das mit Abstand (bisher) stärkste ins Deutsche übertragene Werk handelt, was neben der hervorragenden Übersetzung durch Joachim Körber vor allem der archaischen Sprachgewalt zu verdanken ist, mit der William Gay dieses stockfinstere Südstaaten-Epos direkt in unserer Magengrube platziert, denn die Lektüre ist wahrlich nichts für Zartbesaitete. Wer schon bei „Kein Land für alte Männer“ Chigurhs Wirken mit dem Bolzenschussgerät nur mit größter Mühe beiwohnen konnte, der sollte von diesem Roman wohl ebenfalls tunlichst Abstand nehmen, spart Gay in seiner Erzählung doch nicht mit der Schilderung expliziter Gewalt, um das Gefahrenmoment für seine Protagonisten zu unterstreichen. Und damit jetzt erst einmal zur Handlung:

Overton County, Tennessee, im Winter des Jahres 1951 (Und damit ein halbes Jahr vor den Ereignissen des Romans „Provinzen der Nacht“ angesiedelt, welcher im Nachbarsort Ackerman’s Field spielt). Die Geschwister Corry und Kenneth Tyler, Nachkommen des in der Vergangenheit stark frequentierten Schwarzbrenners Moose Tyler, haben sich in der schützenden Dunkelheit auf den Friedhof der Kleinstadt geschlichen, um das Grab ihres Vaters zu öffnen. Sie hegen seit langer Zeit den Verdacht, dass bei der Beerdigung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist und wollen sich nun Klarheit verschaffen. Als sie am nächsten Morgen ihr Werk beendet haben, bietet sich ihnen ein schreckliches Bild. Derart bestätigt setzen sie ihre Ausgrabungen fort und fördern bald eine Perversion nach der anderen zutage: Während manche Särge nichts als Unrat bergen, teilt sich in einem anderen Grab eine alte Frau ihre letzte Ruhestätte mit einem jungen Mann, der mit aufgeschlitzter Kehle zwischen ihren Schenkeln liegt. An wiederum anderer Stelle wurde ein weiterer Leichnam zum Eunuchen gemacht und das entwendete Geschlechtsteil einer Frau in der Parzelle nebenan hinzugefügt. Die Schändungen sind so bizarr, wie unglaublich. Und alles deutet daraufhin, dass der Sonderling Fenton Breece, der reiche und unheimliche Bestattungsunternehmer des Countys, für diese makabren Kompositionen der Toten verantwortlich zeichnet.

Breece sieht sich jetzt plötzlich mit der Enthüllung seiner nekrophilen Vorlieben konfrontiert, denn Corry will nicht nur Rache für ihren Vater, sondern auch einen stattlichen Batzen Geld herausschlagen und beginnt ihn mit mehreren kompromittierenden Fotos zu erpressen. Entgegen dem Rat ihres Bruders, der das Beweismaterial lieber der Polizei übergeben möchte. Und Kenneth soll mit seinem Unbehagen Recht behalten, denn derart in die Enge getrieben, nimmt Breece die Dienste des moralfreien Soziopathen Granville Sutter in Anspruch, um wieder in den Besitz der Fotos zu kommen. Doch Sutter hat seine eigenen Methoden ein Problem zu lösen und kurze Zeit später finden sich die einbalsamierten Überreste von Corry auf dem Sofa von Fenton Breece wieder, während Kenneth sich auf der Flucht vor dem eiskalten Killer in das labyrinthartige Dickicht des Harrikin schlägt. Eine verlassene, unwirtliche Einöde, in der schon so mancher spurlos verschwunden ist …

Zwei Kinder auf der Flucht, ein mitleidloser und sinistrer Verfolger auf ihren Fersen – das weckt nicht ganz ungewollt Erinnerungen an den Film-Noir-Klassiker „Die Nacht des Jägers“, dessen literarische Vorlage von David Grubb hier William Gay auch ganz bewusst zitiert. Und man kann tatsächlich konstatieren: Robert Mitchum wäre mit Sicherheit eine erstklassige Besetzung für Granville Sutter gewesen, dessen diabolisches Schauspiel schon auf Papier diesen Roman nochmal auf eine ganz andere, unheilvolle Ebene hebt. Natürlich ist das Genre des „Southern Gothic“ seit jeher nicht für seine farbenfrohen Töne und den hoffnungsvollen Tenor bekannt – doch „Nächtliche Vorkommnisse“ ringt selbst dem üblichen Pechschwarz weitere dunkle Schattierungen ab. Sutter ist ein Bösewicht, der in seinem teuflischen Treiben neue Maßstäbe setzt und dieses zudem noch mit einer mitunter kaum mehr erträglichen Teilnahmslosigkeit zelebriert, was wiederum beim Leser für klaustrophobische Beklemmung sorgen dürfte. Hinter Sutters erbarmungslosen Augen lauert außer Arglist und Verfall nichts als Leere – und stets aufs Neue in sie blicken zu müssen, das zerrt, fordert und verleiht dem Roman eine nicht greifbare, aber immerwährende Kälte. Eine Kälte, in der die Herzen der wenigen halbwegs guten Menschen in dieser Handlung nur noch langsam und schwach schlagen – wohl auch wissend, dass jedes lautere Geräusch sie als Wild dem Jäger verraten würde.

Und als nichts anderes betrachtet Sutter allen voran Kenneth, mit dem er ein perfides Spiel treibt, dessen Regeln wiederum er selbst festgelegt hat. Allein zu töten, es reicht ihm nicht. Er genießt die Hilflosigkeit seines Opfers, kostet den Moment der Macht aus und erlaubt so dem jungen Tyler immer wieder die Flucht, wobei er jedoch dessen Einfallsreichtum alsbald unterschätzt. Inmitten des Harrikin, wo sich die Wildnis die aufgegebenen Eisenerz- und Phosphat-Minen sowie die verlassenen Farmen nach und nach zurückgeholt hat – hier scheinen auch Sutters eigene Gesetze keinerlei Gültigkeit mehr zu besitzen. Stattdessen hat die Natur alles in den Zangengriff des Winters genommen, der beiden mit unbarmherziger Kraft entgegenweht und wortwörtlich vom Weg abbringt. Ähnlich wie das Bear Thicket in Tom Franklins „Die Gefürchteten“, so manifestiert sich auch hier der Harrikin als ein eigener Charakter innerhalb der Handlung, welche zudem von William Gay besonders stimmungsvoll in Szene gesetzt wird.

Die Wildnis in die Kenneth blindlings stolpert – sie ist von einer archaischen, kahlen Schönheit, abweisend und kalt, und gefangen in einer lethargischen Melancholie, welche wie der Schnee des Winters alles Lebendige unter sich begräbt. Die wenigen Menschen, die sich dieser Ursprünglichkeit aussetzen wollen, sind entweder Relikte vergangener Besiedlungsversuche oder aus eigenen Gründen in diese unwegsame Gegend geflohen. Kenneths Begegnungen mit ihnen muten dank Gays traumwandlerischer Schreibe wie ein Ausflug in einen dunklen Märchenwald an, was wiederum seitens des Autors durchaus gewollt ist, der sich schon in „Ruhe Nirgends“ grimmscher Motive bediente, um der Odyssee seines ungewollten Helden mehr Tiefe zu verleihen. Im vorliegenden Roman treibt er diese augenzwinkernde Hommage auf den Höhepunkt und lässt Kenneth nicht nur auf eine alte „Hexe“ treffen, sondern Sutter sich sogar als alte Großmutter verkleiden, um den ahnungslosen Jungen in die Falle zu locken, dessen einziges Ziel es ist, entsprechend dem Held auf der Queste, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. So verrückt das klingen mag – es ist die Art und Weise wie er die klassischen Märchenelemente aufs Bizarrste pervertiert, welche besonders intensiv die Distanz zwischen Leser und Protagonisten überbrückt und uns letztlich so schutzlos zurücklässt.

Sutters Verfolgungsjagd, sie ist manisch beseelt und von drastischer, brutaler Gewalt – und doch am Ende von einer unerklärlichen, fast mystischen Spannung, die uns als Leser förmlich über die Seiten treibt und bis zum Ende in festen Redneck-Pranken gefangen hält. Unfähig dieses wahnsinnige, kraftvolle literarische Meisterwerk auch nur länger als ein paar Minuten zur Seite zu legen.

Nächtliche Vorkommnisse“ hat mich – trotz der Kenntnis von Gays großer Klasse – noch einmal auf allerhöchstem Niveau überrascht und gleichzeitig auch vollkommen erschöpft zurückgelassen. Ein nihilistisches Juwel des Southern Gothic, dem man eine rasche Neuauflage nur wünschen kann und das ´sich in meiner persönlichen Bestenliste ganz oben ansiedeln wird.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Nächtliche Vorkommnisse
  • Originaltitel: Twilight
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Arche
  • Erschienen: 03/2009
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3716026052

In Moskau ist der Teufel los

© Luchterhand

Nachdem ich, von einigen längeren Pausen unterbrochen, fast drei Stunden auf das leere Word-Dokument vor mir gestarrt habe, wird mir nun langsam klar, dass es nicht so einfach wird mit der Rezension zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Das dürfte für mich insofern nicht überraschend sein, da auch die Lektüre dieses russischen Klassikers der Weltliteratur so ihre Tücken bereithielt, gehört sie doch zu der Kategorie Bücher, welche man zwar ohne weiteres einfach lesen, aber deswegen noch lange nicht verstehen bzw. genießen kann.

Über elf Jahre schrieb Bulgakow an dem Roman, diktierte noch im März des Jahres 1940 auf dem Sterbebett seiner Frau Jelena die letzte Fassung, auf die wiederum die Leserschaft nochmals ein Vierteljahrhundert warten musste. Erst dann, im November 1966, erschien das Werk in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift „Moskwa“ – allerdings um rund ein Achtel gekürzt. Dem Erfolg tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil: Binnen weniger Stunden war die erste Auflage von 150.000 Exemplaren ausverkauft. Und auch die Zensur wurde mit der handschriftlichen Vervielfältigung der herausgekürzten Passagen vielerorts unterlaufen, „Der Meister und Margarita“ recht schnell zum Kultbuch einer ganzen Generation – und dies ist es heute, nach dem Ende des Ostblocks und dem Zusammenbruch des Sowjetregimes, auch weltweit. Ein Erfolg, den Bulgakow, der fast 30 Jahre vor der Veröffentlichung nach langer Krankheit starb, leider nicht mehr miterleben durfte.

Doch was macht die Faszination dieses von vielen als „größten russischen Roman“ bezeichneten Werks eigentlich aus? Wie lässt sich die Ausnahmestellung erklären, die Bulgakow neben Gogol, Tolstoi und Dostojewski inne hat und ihn – ironischerweise – sogar zum Lieblingsschriftsteller Stalins machte? Des Mannes, unter dem sich die Sowjetunion zu einem diktatorischen, totalen Überwachungsstaat entwickelt hatte, dessen alles erstarrende, lückenlose Bürokratie zum großen Feindbild Bulgakows wurde. Um all dies zu verstehen, die literarische Größe und Vielschichtigkeit zu erfassen, bedarf es mehr, als nur die schiere Lust am Lesen. Ohne eine gewisse Kenntnis der russischen Geschichte, insbesondere der 20er und 30er Jahre, wird vor allem der satirische Teil dieses Werks im Nichts versanden. Und auch die vielen Anspielungen und Verweise auf u.a. Goethes „Faust“, Gogol oder E.T.A. Hoffmann werden bei denjenigen unbemerkt vor den Augen vorbeiziehen, welche sich sonst eher im Bestseller-Regal der Buchläden bedient haben. Kurzum: „Der Meister und Margarita“ fordert einen gewissen Preis vom Leser, der in Wissen und Phantasie abzuleisten ist. Ansonsten werden die euphorischen Kritiken, die einzigartige Ausnahmestellung dieses Buches für viele ebenso schwer nachzuvollziehen sein, wie dessen äußerst komplexe und ineinander verschachtelte Handlung. Diese sei kurz angerissen:

Moskau, Sowjetunion, Ende der 1920er Jahre. Die „schöne neue Welt“ des Sozialismus ist zum Tummelplatz für regimetreue Funktionäre, Schmeichler, Speichellecker und Denunzianten geworden – allesamt willige Diener eines Regimes, das seine treuen Genossen mit staatlichen Geldern belohnt und mästet. Besonders die Literaten und Theaterleute genießen diese staatliche Protektion, speisen fürstlich im mondänen Restaurant „Gribojedow“, neidisch beäugt von den kleinen Schreiberlingen, die es nicht in die Schriftstellervereinigung geschafft haben. Doch in der Karwoche steht plötzlich alles auf dem Kopf – denn der Teufel höchstpersönlich gibt sich die Ehre.

In der Gestalt des „Konsultanten“ Voland nimmt er sich des korrupten Packs an, macht gleich zu Beginn des Romans kurzen Prozess mit dem Vorsitzenden der Schriftstellervereinigung, dem von einer treffsicheren U-Bahn der Kopf abgetrennt wird. Während die Schaulustigen noch ob des ungewöhnlichen Todes gaffen, wendet sich Satan bereits wieder dem jungen Dichter Besdomny zu, der, beauftragt ein Poem zu schreiben, das die Existenz Gottes leugnet, auch kurzum dessen ewigen Widersacher in Frage stellt. So etwas kann ein Teufel nicht auf sich sitzen lassen. Er raubt Besdomny seinen Verstand, welcher darauf in einer psychiatrischen Klinik landet und dort auf den „Meister“ trifft. Der war einst vom Klüngel des „Gribojedow“ wegen seines Romans über Pontius Pilatus harsch kritisiert worden und, nachdem er sein Manuskript in der Verzweiflung verbrannt hat, in eine tiefe Depression verfallen. Getrennt von seiner Geliebten, der wunderschönen Margarita, dämmert er seitdem vor sich hin. Doch der Teufel, der Margarita für den alljährlichen mitternächtlichen Hexenball als Ballkönigin an seiner Seite will, belohnt diese für ihre selbstlose Zusage – er führt die Liebenden zusammen. Und hinterlässt dabei eine Spur heilloser Verwüstung …

Auch mit dieser kurzen Wiedergabe erfasst man nicht einmal einen Bruchteil des Romans, der tatsächlich sogar noch eine zweite Erzählebene besitzt, in dem das Geschehen um das Manuskript des Meisters kreist. Aus der Perspektive des Pontius Pilatus schildert es die letzten Stunden im irdischen Leben des Jesu Christi, der mit seinem Henker nicht nur in Eintracht speist, sondern sogar ein freundschaftliches Verhältnis zu diesem entwickelt. Im Gegensatz zu Version der Bibel, begegnet der Leser hier einem menschlichen Pilatus, der in keinster Weise böse ist, sondern allein im entscheidenden Moment einen Fehler begeht, sich als Feigling erweist. Der Teufel nutzt diese Geschichte des Meisters, die er kurzerhand wiederherstellt („denn Manuskripte brennen nicht“), um den Gottesleugner Besdomny endgültig von dessen Irrtum zu überzeugen.

Zahlreiche Nebenhandlungen, schnell aufeinander folgende Perspektivwechsel, ein buntes, theaterhaftes Sammelsurium aus Gaunern, Karrieristen, Verrätern, Bürokraten und dumpfen Bürgern – und mittendrin der Teufel mit seinem Gefolge (allen voran der riesige und urkomische Kater Behemoth), die keinen Stein auf dem anderen lassen und mit satanischer Hingabe ihre Strafen verteilen. Bulgakow entfesselt in „Der Meister und Margarita“ einen regelrechten Sturm der phantastischen Ideen, der das undurchschaubare Geflecht des Sowjetstaates auseinanderwirbelt und mit bisweilen grandioser Satire und Situationskomik dessen bizarre Zustände entlarvt. Irrwitzig, mitreißend, traurig, bewegend, gefühlvoll – es bedarf einer ganzen Palette von Adjektiven, um diesen Roman ausreichend zu beschreiben, der, ganz im Stile Gogols, den Witz nutzt, um seine ernsthafte Botschaft zu überbringen. Wohlgemerkt ohne dabei zur moralgetränkten Anklageschrift zu verkommen. Denn das Buch ist in erster Linie eins – unheimlich unterhaltsam. Egal, in welchem Abschnitt man sich gerade befindet, welchen Handlungsstrang der Leser verfolgt – der Roman im Roman funktioniert jederzeit reibungslos, auch weil Bulgakow beide Geschichten nutzt, um die Handlung mit Volltempo voranzutreiben und die Stränge letztlich konsequent, aber auch überzeugend und logisch zusammenführt.

Und dennoch: Die Essenz dieses so facettenreichen Romans zu finden, zu erklären, was „Der Meister und Margarita“ so herausragend macht, ist schwer. Ob philosophisches Gedankengut in der Tradition Dostojewskis, skurrilem Schauer à la E.T.A. Hoffmann oder die klassische tragische Liebesgeschichte – Bulgakows Werk bietet all das und doch mehr, verflechtet den satirischen Gesellschaftsroman mit derart vielen Elementen, das er sich einer Einordnung in ein bestimmtes Genre gänzlich widersetzt. Ich für meinen Teil kann mich jedenfalls an kein Buch erinnern, welches die Rollen von Gut und Böse derart intelligent besetzt hat (u.a. mit Lenin als Woland oder Stalin als Asasello) und dabei gleichzeitig so erschreckend prophetisch den weiteren Gang der sowjetischen Gesellschaft unter dem Kommunismus vorwegnimmt. Korruption, seelische Fäulnis, Verlust der Menschlichkeit – das es gerade der Teufel ist, der uns hier den Spiegel vorhält, ist ein genialer und vor allem unheimlich wirkungsvoller und nachhaltiger Kniff.

So ist „Der Meister und Margarita“ am Ende mehr – von allem. Eine satirische Abrechnung mit dem Sowjetstaat. Eine Anklage gegen Beliebigkeit, Unmündigkeit und den Verlust des Glaubens. Ein spannendes, wendungsreiches Abenteuer. Und eine tragische, bewegende, wunderschöne Liebesgeschichte zweier Menschen, die allen Verlockungen widerstehen und dadurch die Gnade des Teufels finden.

Ganz, ganz große Literatur, die vielleicht nicht für jedermann einfach zu lesen ist, sich aber irgendwie doch an jedermann richtet. Unbedingt empfehlenswert und – ohne Frage – einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Michail Bulgakow
  • Titel: Der Meister und Margarita
  • Originaltitel: Master i Margarita
  • Übersetzer: Thomas Reschke
  • Verlag: Luchterhand Verlag
  • Erschienen: 04/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3630620930

Down by the river, I was drawn by your grace

© Nagel & Kimche

Was ist die hervorstechendste Eigenschaft von großer, nachhaltiger Literatur? In meinem Fall wohl vor allem die Tatsache, dass ich nun gefühlt sechs oder sieben Mal mit der Niederschrift meiner Besprechung begonnen habe, nur um im Anschluss die Backspace-Taste wieder frustriert in ihrer Fassung zu versenken.

Die Worte, sie wollen nicht so richtig aufs „Papier“, was speziell bei einem Roman wie Peter Hellers „Der Fluss“ ärgerlich ist, der seinem Titel über knapp 280 Seiten mehr als gerecht wird und sich als Lektüre in einem einzigen flüssigen Rausch wegschmökern lässt. Leichte Kurzweil für zwischendurch also? Mitnichten, denn obwohl wir an der Seite der zwei Protagonisten in ihrem Leichtbau-Kanu nur so übers Wasser und die Zeilen gleiten, wartet das Buch mit einem erstaunlichen, weil (zumindest für mich) in diesem Maße unerwarteten Tiefgang auf, welcher den Leser auch über das Ende hinaus noch zu beschäftigen weiß.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich zu diesem seltenen literarischen Glück beinahe gezwungen werden musste, war der Titel doch zwar seit der Sichtung der Verlagsvorschauen und der lobpreisenden Besprechung von Andrea O’Brien auf ihrem Blog Krimiscout ganz oben auf meinen persönlichen Merkzettel gerückt – ein sofortiger Kauf aber, auch aufgrund der inzwischen überbordenden Auswahl in unserer Hausbibliothek, erst einmal nicht geplant. Selbst das Angebot, ein Freiexemplar dieses Buches vom Verlag zu erhalten, lehnte ich höflich mit der (wie immer gleichen) Begründung ab, dass ich es nicht schaffen würde, ihm zeitnah meine Aufmerksamkeit widmen und eine Rezension aufs Papier bringen zu können. Eine Begründung, die, vollkommen verständlich, für die meisten Verlage dann auch ein Ko-Kriterium darstellt und im Anschluss den eMail-Verkehr beendet. Aber – und nun kann ich behaupten gottseidank – nicht in diesem Fall. Das Leseexemplar fand letztlich trotzdem den Weg zu mir – und ich mich damit auch irgendwie gezwungen, diese Großzügigkeit mit der gebotenen Sorgfalt beim Lesen zu vergelten. Ein Leichtes bei einem Roman wie „Der Fluss“, der, soviel kann vorab bereits gesagt werden, am Ende des Jahres zu meinen persönlichen Highlights gehören wird.

Und damit kurz zu dem, was uns zwischen den Buchdeckeln erwartet:

Der hohe Norden Kanadas. Wynn und Jack, beste Freunde seit Studienbeginn, wollen mit ihrem Kanu das Wildwasser des Maskwa River bis hin zu dessen Mündung in die Hudson Bay zu befahren. Mehrere Wochen haben sie eingeplant, um im geruhsamen Tempo zu paddeln, nach Belieben ihre Angel auszuwerfen und des Nachts den sternübersäten Himmel zu genießen. Ein Abenteuer soll es werden – ganz in der Tradition von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Und ein Ausbruch aus den Zwängen des Alltags. Doch ihr Wunsch nach Entschleunigung, er erfüllt sich nur kurz, werden sie doch recht bald auf einen gewaltigen Brand aufmerksam, der sich, vom trockenen Wind vor sich hergetrieben, wie eine unaufhaltsame Walze durch den Wald frisst. Plötzlich ist Eile geboten, denn selbst der breite Fluss bietet keinerlei Schutz vor dieser meterhohen Wand aus Feuer. Bedrängt von dieser drohenden Gefahr versuchen sie den betroffenen Abschnitt möglichst schnell zu passieren.

Im dichten Nebel der Morgendämmerung werden sie dabei auf ein sich heftig streitendes Paar am Ufer aufmerksam. Wenige Paddelzüge später sind der Mann und die Frau außer Sichtweite. Die weiteren Stunden bleiben ereignislos, aber das Geschehene geht Wynn und Jack nicht aus dem Kopf. Sie machen kehrt, um sie vor dem nahenden Feuer zu warnen. Als sie die besagte Stelle wieder erreichen und an Land gehen, fehlt von dem Paar jedoch jegliche Spur. Ihre Umkehr scheint nicht nur umsonst gewesen zu sein – auch das Feuer ist inzwischen einige Meilen näher herangerückt. Aus dem geordneten Rückzug über das Wasser wird jetzt ein Kampf ums Überleben. Und beide ahnen nicht, dass der Tod auch noch von anderer Seite lauert …

Selbst wenn man die vielen, mitunter gar hymnischen Besprechungen im in- und ausländischen Feuilleton ignoriert hat – man kommt gar nicht darum herum, gleich zu Beginn die in der Tat offensichtlichen Parallelen zu James Dickeys Roman „Flussfahrt“ anzusprechen. Hierzulande vor allem durch die überraschend erfolgreiche 70er-Jahre-Verfilmung mit den Namen „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (engl. „Deliverance“) bekanntgeworden – in der u.a. Burt Reynolds und Jon Voight ihre ersten tieferen Eindrücke als Schauspieler hinterließen – scheint die literarische Vorlage für Peter Heller als Inspirationsquelle gedient zu haben. Nicht nur, dass man auch in diesem Fall für die Zivilisationsflucht ein Kanu für die Fahrt auf einem wilden Fluss zu Wasser lässt – das mit jeder Portage und jedem kleinen Wasserfall ansteigende Gefühl einer nicht greifbaren Bedrohung weckt durchaus Erinnerungen. Dessen ist sich Heller allerdings bewusst, der ganz offen gleich zweimal in seinem Buch mit den Gemeinsamkeiten augenzwinkernd kokettiert.

Stellt sich nun die Frage: Handelt es sich bei „Der Fluss“ also um alten Wein in neuen Schläuchen? Auch hier muss dies verneint werden, denn wenngleich sich der anfänglich so harmlose Bootstrip in ganz ähnlich gefährliche und tödliche Untiefen manövriert – Heller hat eine ganz andere Art und Weise seine Flussfahrt in Szene zu setzen. Mehr noch: Wo Dickey vor allem die schroffe Urwüchsigkeit der Wildnis akzentuiert, welche sich nicht nur in keinster Weise formen lässt, sondern sich vor allem auch als erbarmungslos erweist, so nimmt sich der Autor von „Der Fluss“ viel Zeit um die Schönheit der Natur zu unterstreichen – und versucht die Widrigkeiten so lange wie möglich von seinen Protagonisten, und damit auch dem Leser, fern zu halten. Heller öffnet uns vor allem in der ersten Hälfte den Blick auf eine Welt, in welcher der Mensch noch Teil seiner Umgebung sein, mit ihr koexistieren kann. Und er bewerkstelligt das mit einer Sprache, die vor plastischer Lebendigkeit und lyrischer Eleganz nur so strotzt.

Wenn Heller aus dem Kanu herauszoomt, um dem Leser panoramaartig die Umgebung zu beschreiben, kann man gar nicht anders, als beeindruckt zu sein. Man beginnt beinahe die Astern und Rudbeckien am Ufer zu sehen, die Kühle des nebelverhangenen kanadischen Morgens zu spüren und den Flügelschlag des majestätisch aufsteigenden Reihers zu hören – so authentisch, so nah und so liebevoll im Detail wird die pulsierende Flusslandschaft an uns herangetragen. Ähnlich wie auch Algernon Blackwoods Bootstour in der fantastischen Kurzgeschichte „Die Weiden“, so atmet auch „Der Fluss“ Atmosphäre und Suspense aus jeder Pore. Und das wohlgemerkt ohne jedwede Form von überflüssiger Elegie oder Kitsch. Ganz im Gegenteil: Der vorliegende Roman liest sich wie ein fettfreier Vertreter des Noirs. Kein Satz, kein Wort ist hier zu viel. Mit der Ökonomie eines gut getimten Paddelschlags treibt Heller die Handlung voran, getragen von zwei Charakteren, die sich gerade in ihrer Unterschiedlichkeit hervorragend ergänzen. Wynn, der sanfte Riese und Kopfmensch, für den das Glas immer halb voll ist und der jeder Lage noch etwas Gutes abgewinnen kann. Und der pragmatische Cowboy Jack, der sich, gezeichnet vom Verlust seiner Mutter bei einem Reitausflug, eine harte Schale und raues Auftreten zugelegt hat.

Letzterer ist es auch, der ab der Hälfte des Buches das (ansteigende) Tempo und den Fortlauf des Kanu-Trips bestimmt – getrieben von dem festen Verdacht, bei dem Streit des Paars Zeuge eines Verbrechens geworden zu sein. Darauf einzugehen, ob er mit dieser Annahme Recht hat, würde nicht nur vorab dem Spannungsbogen einen Bärendienst erweisen – es täte auch dem Lesevergnügen erheblich Abbruch. Daher nur soviel: Anfangs noch mäandernd, gleicht ab einem gewissen Punkt schließlich jede Seite einer tosenden Stromschnelle, die uns mitreißt, umherwirbelt und am Ende schwer atmend und prustend auftauchen lässt. Wie Peter Heller dieses anfänglich noch latente Unwohlsein, diese vage Ahnung auf den letzten Metern in einem brutalen Ausbruch explosiver Gewalt konkretisiert – das ist nicht nur großes Kino (eine Verfilmung wird hier sicher kommen), sondern nimmt meines Erachtens auch irgendwann seinen verdienten Platz in der illustren Riege moderner Klassiker ein.

Der Fluss“ – das ist ganz, ganz große Literatur auf verhältnismäßig kleinem Raum. Und ein äußerst nachhaltiger Beleg dafür, dass auch nach Twain, London oder Conrad noch lange nicht alle guten Abenteuergeschichten in strömendem Gewässer erzählt sind.

Wertung: 98 von 100 Treffern

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  • Autor: Peter Heller
  • Titel: Der Fluss
  • Originaltitel: The River
  • Übersetzer: Matthias Strobel
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 272 Seiten
  • ISBN: 978-3312011346

Ich danke Julia Marquardt für ihre freundliche Beharrlichkeit und das Freiexemplar, welches ab sofort einen ganz besonderen Platz in unserer Bibliothek bekommt.

Der beste Freund des Menschen

© btb

Gedanken wollen oft – wie Kinder und Hunde -, dass man mit ihnen im Freien spazieren geht.

Ob es dieses Zitat des bekannten deutschen Dichters Christian Morgenstern war, dass den im IT-Business tätigen David Wroblewski dazu inspirierte, über zehn Jahre an seinem Debütroman „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ zu schreiben, darf wohl stark bezweifelt werden. Dennoch könnte wohl kaum ein Satz dieses Buch besser beschreiben, welches die Beziehung und das Verhältnis von Mensch und Hund nicht nur in das Zentrum der Handlung stellt, sondern den Leser diese besondere Verbindung auch durch den Blick eines Kindes und inmitten der Wildnis der Natur erfahren lässt.

Inwieweit dieser literarische Ausflug gelungen ist – darüber scheiden sich augenscheinlich seit der Veröffentlichung die Geister. Wenngleich ein Interview mit Oprah Winfrey ausreichend war, um diesen Roman im Jahre 2008 nach ganz oben in die amerikanischen Bestseller-Listen zu katapultieren, so ist sich der Feuilleton in seiner Bewertung eher weniger einig. Und auch ich persönlich muss feststellen, dass sich dieses Erstlingswerk einer eindeutigen Beurteilung meinerseits hartnäckig widersetzt, der Grat zwischen meisterhaftem Wurf und esoterischem Geschwurbel mitunter ein äußerst schmaler ist.

Die Meinungen, sie kippen, wie auch in den vielen unterschiedlichen Besprechungen nachzulesen ist, in beide Richtungen, doch man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet: Eine gewisse Vorliebe für bildreiche Sprache und natürlich besonders für den besten Freund des Menschen, den Hund, sollte man von vorneherein schon mitbringen, um überhaupt mit diesem Stück moderner Literatur einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ein Stück Literatur, das Wroblewski laut eigener Aussage so schrieb, wie er selbst seine Romane bevorzugt. Was bedeutet das nun genau für den Leser?

Im Mittelpunkt des Buches steht wenig überraschend der namensgebende Edgar Sawtelle. Ein stummer Junge von 14 Jahren, der allein über Gebärden mit seinen Eltern Gar und Trudy kommuniziert, welche auf einer abgelegenen Farm im amerikanischen Wisconsin eine seit Generationen bestehende Hundezucht betreiben. Edgar wird von früh an in die Arbeit mit den Hunden herangezogen und zeigt sich besonders geschickt darin, selbst schwierigere Vierbeiner-Kandidaten Gehorsam zu lehren – und somit auch für etwaige Verkäufer interessant zu machen. Der gute Ruf der Sawtelles ist inzwischen überregional, was alle Mitglieder der Familie mit Stolz erfüllt, allerdings auch die Anforderungen erhöht, denn die Arbeit mit den Hunden nimmt viel Zeit in Anspruch. Edgar verbringt den Großteil seiner Zeit mit der Hündin Almondine, die für ihn nicht nur einen menschlichen Freund ersetzt, sondern auch als willkommene Ablenkung von der täglichen Routine dient.

Obwohl die Tage lang und hart sind, so herrscht doch eine gewisse Idylle. Eine Idylle, welche jäh zerbricht, als eines Tages Gars Bruder Claude vor der Tür steht. Seit jeher hatten die beiden Geschwister ein äußerst schwieriges Verhältnis und Claude, der lange Jahre als Marine Dienst in Südkorea tat, scheint wenig geneigt dieses zu verbessern. Während die Atmosphäre zunehmend gereizter wird, zieht sich Edgar immer mehr zurück. Als er eines Tages seinen toten Vater in der Scheune des Hundezwingers auffindet, kann und will er nicht an einen Zufall glauben. Während Claude im Anschluss nicht nur den Platz des Familienoberhaupts, sondern auch den an der Seite von Edgars Mutter annimmt, wächst bei dem Jungen die Verzweiflung. Bei einem äußerst unglücklichen, von ihm verursachten Unfall kommt schließlich auch noch der hiesige Tierarzt ums Leben. Getrieben von seiner Schuld, schnappt Edgar sich drei der Hunde und flieht in die Wildnis …

Was so verheißungsvoll klingt, hat doch einen großen Haken, denn bis wir an der Seite unserer Partner mit der kalten Schnauze in die üppigen Wälder Wisconsins eindringen, heißt es erst einmal: „Sitz“, „Platz“, „Bleib“ und „Zuhören“. Insbesondere letzteres in einem irgendwann fast nicht mehr erträglichen Übermaß, denn Sawtelle, der in diesem Roman doch sehr offensichtlich autobiographisches verarbeitet hat, nimmt den Leser von Beginn an wortwörtlich an die kurze Leine und lässt uns äußerst eng bei Fuß laufen. Über viele, viele, ja viel zu viele Seiten schildert er in aller Ausführlichkeit die Kniffe und Tricks von Hundezucht und -training, dass einem irgendwann müde und hundselend davon wird. Abgelöst von gelegentlichen Rückblicken, welche die Anfänge der Hundezucht im Jahr 1919 unter Edgars Großvater schildern und, nun ja, in diesem Zusammenhang ebenfalls vor allem von Hunden zu erzählen wissen. Die Geduld, sie wird auf den ersten zweihundert Seiten von Wroblewskis Roman auf eine äußerst harte Probe gestellt und man bekommt ein wenig einen Eindruck davon, wie es sich anfühlen muss, auf einen gefüllten Napf (in diesem Fall, die im Klappentext angekündigte Flucht Edgars) zu starren und vergeblich auf das Kommando des Herrchens zu warten.

Wrobleswki, dass muss man dieser Stelle einfach mal wertneutral feststellen, will da schlichtweg zu viel auf einmal, verhebt sich beim Ansinnen, hieraus diese eine große Familiensaga zu machen. Als ob er dies selbst beim Schreiben festgestellt hat, versucht er das in verspielten Metaphern und ausufernden Schachtelsätzen zu Papier gebrachte mit einer ganzen Vielzahl symbolischer Bedeutungen zu unterfüttern (auch die Verweise und Anspielungen auf Shakespeares „Hamlet“ sind nur allzu deutlich), was dem ohnehin schon trägen Vorankommen des Plots jedoch ebenfalls wenig zuträglich ist. Das hätte wiederum einem etwas aufmerksameren Lektor eigentlich auffallen müssen, der an diesen Stellen schlichtweg viel zu selten den Rotstift angesetzt hat. Zum Schaden des Buches, das gerade durch die das Tempo verschleppenden Ausführungen viel Potenzial liegen lässt – und möglicherweise bereits zu diesem Zeitpunkt den ein oder anderen Leser endgültig verliert und zum Katzenliebhaber macht.

Von einem Abbruch der Lektüre muss dennoch abgeraten werden, denn Wroblewski bekommt nicht nur ab der Hälfte endlich die Kurve, sondern spielt auch überraschenderweise von jetzt auf gleich sein schriftstellerisches Können aus. Sieht man vom unlogischen Verhalten Edgars, Almondine allein aufgrund ihres Alters zurückzulassen ab, greifen mit dessen Flucht von der Farm die Zahnräder nun reibungslos ineinander. Fernab der Zivilisation scheint der Autor plötzlich in seinem Element, scheint er seinen Rhythmus gefunden zu haben. Der bleibt zwar weiterhin von gemächlicher Gangart, was wir aber aufgrund des Feingefühls mit der Wroblewski die Beziehung zwischen dem Jungen und seinen Hunden zeichnet, recht schnell vergessen. Mehr noch: Wir ertappen uns dabei, wohlwollend inne zu halten und die Naturbeschreibungen zu genießen, welche hier – inmitten der Wildnis – endlich nicht mehr zum Selbstzweck verkommen, endlich ihre Stärken ausspielen. Gemeinsam mit Edgar schlägt man sich durchs Unterholz. Schwitzend, hungernd, von Mücken zerstochen. Und wie der Junge, so werfen wir keinen zweiten Blick mehr zurück auf das Vorher, lernen wir zu vergessen, werden ein Teil dieser undurchdringlichen Natur und öffnen uns dem Abenteuer.

Wroblewskis Botschaft hinter dieser Geschichte aus Schuld und Rache, Liebe und Hass, Eifersucht und Neid – sie braucht Zeit, um sich zu entfalten und lohnt letztendlich doch, da viele Passagen – so wie das Zusammentreffen mit dem exzentrischen Henry Lamb, der Edgar Zuflucht gewähnt und ihm und seinen Hunden das Herz öffnet – in Erinnerung bleiben. Ob der Autor an dieser Stelle nicht einfach die Feder hätte beiseite legen sollen oder Edgar dann unbedingt nochmal für ein gewaltgeladenes Wiedersehen den Weg zurück antreten muss – darüber kann man sicher trefflich streiten. Das ungewöhnlich „laut“ inszenierte Finale beißt sich in jedem Fall mit dem zuvor doch sehr melancholischen und ruhigen Ton der Geschichte. Möglich aber, dass der gute Mann hier schon eine potenzielle Verfilmung im Hinterkopf hatte.

Was bleibt nun von der Lektüre? „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ ist von großen, auch qualitativen Kontrasten geprägt. Feinsinnig, traurig, teilweise gar herzzerreißend und dann doch wieder überambitioniert, schwafelnd und am Rande des Kitsches. Die Wahrheit liegt hinsichtlich einer Bewertung wohl irgendwo in der Mitte und muss von jedem selbst „erlesen“ werden.

Wertung: 78 von 100 Treffern

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  • Autor: David Wroblewski
  • Titel: Die Geschichte des Edgar Sawtelle
  • Originaltitel: The Story of Edgar Sawtelle
  • Übersetzer: Barbara Heller, Rudolf Hermstein
  • Verlag: btb Verlag
  • Erschienen: 04/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 704 Seiten
  • ISBN: 978-3442742561

Montys letzte Stunden

© Heyne

Oftmals sind es die kleinen Dinge am Wegesrand, welche einen den Tag versüßen oder einfach nur glücklich machen. Für die meisten anderen unscheinbar, sind sie für uns selbst etwas Besonderes, etwas das in Erinnerung bleibt. Das gilt in diesem Fall auch für „25 Stunden“, den Debütroman vom US-amerikanischen Schriftsteller und später vor allem durch seine Beteiligung an der TV-Serie „Game of Thrones“ bekannten Drehbuchautor David Benioff.

Obwohl bereits 2002 auf Deutsch veröffentlicht, führte sein Erstling ein über lange Zeit unbeachtetes Schattendasein auf dem Buchmarkt, bis durch sein zweites Werk „Stadt der Diebe“ der Name Benioff wieder neu in den Fokus rückte. „25 Stunden“ bekam daraufhin ein neues Cover verpasst und ward erneut aufgelegt. Die ganz große Aufmerksamkeit ist ihm aber dennoch versagt geblieben. Angesichts des Inhalts zwischen den Buchdeckeln ist das mehr als erstaunlich, denn der Roman ist ein tiefgängiges Kleinod im riesigen, an vielen Stellen sehr flachen Becken des Belletristik-Genres. Möglich, dass es nur an meiner zuvor eher neutralen Erwartungshaltung lag, aber Fakt ist: Über „25 Stunden“ seinen Senf abzugeben, ohne dabei nicht mindestens einmal das Wort „Meisterwerk“ in den Mund zu nehmen, fällt schwer.

Die Geschichte ist, auch wegen der Kürze des Buchs, relativ schnell erzählt: Tiefer Winter in New York. Für Montgomery „Monty“ Brogan ist das Leben, so wie er es bisher kannte, ab morgen vorbei. Wegen eines Rauschgiftdeliktes muss er für 7 Jahre hinter Gittern. Und ab diesem Zeitpunkt, und auch danach, nur für den Fall, das er den Knast überlebt, wird nichts mehr wieder so sein wie es war. Monty weiß das, und seine besten Freunde Slattery und Jacob wissen das auch. So beginnt der letzte Tag, die letzten 25 Stunden in Freiheit für Monty, der noch einmal seine Lieblingsplätze in New York aufsucht, um diese so intensiv und lebendig wie möglich zu erleben, auf das diese Stadt, in der er sein ganzes Leben verbracht hat, auch in Gedanken weiterhin lebendig bleibt …

Auf den ersten Blick betrachtet ist das eine Handlung, die so spannend ja eigentlich nicht sein kann. Was will man schon in diese „25 Stunden“ pressen? Schießereien? Morde? Abrechnungen mit alten Feinden? Benioffs Erstling spielt mit den Erwartungen, um dann letztlich etwas zu bieten, mit dem man nicht gerechnet hat. In verschachtelten Rückblenden erfährt der Leser, wer Monty ist, und wie er zu dem wurde, der er nun ist. Ziemlich schnell wird dabei deutlich: Brogan ist smart, beliebt und angesehen. Ein Mensch, der bisher fast immer nur auf der Sonnenseite gelebt und alles erreicht hat, was er wollte. Und der damit im krassen Widerspruch zu den üblichen Gangsterklischees steht. Selbst die Kindheit war eine glückliche, wäre da nicht der frühe und schmerzliche Tod seiner Mutter gewesen, der ihn aus der Bann geworfen hat. Eine einzige Entscheidung, getroffen aus dem Bauch heraus und doch die falsche, ein simpler Zufall, begründet schließlich seine kriminelle Laufbahn. Und hier zeigt sich das Besondere an diesem Buch: Benioff verurteilt nicht, noch ergreift er Partei. Er überlasst den Leser seinen Betrachtungen, lässt ihn sich seine eigene Meinung bilden. Und diesem wird es schwer fallen, Monty nicht zu mögen.

Durch die Augen der beiden Freunde Slattery und Jacob, über deren Leben man so nebenbei auch noch einiges erfährt, gewinnt Montys Geschichte im Laufe der Handlung immer mehr an Tiefe und erweckt eine Figur so bildreich zum Leben. Seine Schicksalsschläge teilt man, die Angst vor dem, was hinter den Gefängnisgittern auf ihn wartet, beginnt man unweigerlich selbst zu spüren. Es ist eine Angst vor der Hoffnungslosigkeit, aber auch vor dem Abschied. Von Menschen, die Monty lieb gewonnen hat, die seinen Weg begleitet haben. Und von einem Pitbull, dem er einst vor dem sicheren Tod rettete und der nun an seinen Freund Jacob gehen soll. Ein Mensch wird ins Gefängnis geschickt, der einen Fehler gemacht hat. Einen großen Fehler. Aber er ist dennoch ein guter Mensch, dem man eben das nicht wünscht, was er zweifellos verdient hat. Was soll er tun? Weglaufen? Den Selbstmord wählen? Montys letzter Abend in Freiheit für mindestens 7 Jahre nimmt für alle Beteiligten einen dramatischen Verlauf.

Benioff pflegt dabei eine Dramaturgie der wenigen und vor allem der ruhigen Worte. Das pulsierende Leben in der Großstadt, die einsamen Momente in der Dämmerung am Fluss, Montys Gedanken, Ängste und unerfüllte Träume, Schuld und Sühne, eine Ahnung von Glück. Alles wird so klar und treffend geschildert, als würde man es selbst erleben. Benioff greift die großen Themen der Literatur auf: mitreißend und nachdenklich, bewegend und differenziert. Hierbei spielt New York eine wesentliche Rolle. Wie Monty selbst liebt David Benioff diese Stadt, diesen Ort der Verführung, des Zynismus, aber auch der unbegrenzten Möglichkeiten, der Treue und der Heimat, dessen Kulturszene der Autor ebenso beschreibt, wie die Menschen und die vor Eis klirrende, kalte Winternacht. „25 Stunden“ ist eindeutig mehr als nur der Abgesang auf einen Gangster. Es ist eine Liebeserklärung an New York und die Suche nach der Antwort auf existentielle Fragen: Wer bin ich? Was macht das Leben wirklich aus? Sind Ruhm und das Geld es wert, seine Träume und Ideale zu verraten?

Die gefühlvollen Inneneinsichten der einzelnen Protagonisten werden für den Leser zu einem unterschwelligen Appell an die Dinge, die im Leben von Bedeutung sind: Freundschaft, Liebe, Vertrauen. Gleichzeitig ist es eine Warnung vor dem falschen Weg, vor dem was am Ende wartet. Wenn man so will ist „25 Stunden“ also ein Knastroman, der sich zwar nie in die Mauern des Gefängnisses begibt, aber trotzdem – oder gerade deswegen – die Atmosphäre einer solchen Institution vor Augen führt. Eine Hölle für diejenigen, die zu viel Gutes in sich haben, die eben noch nicht skrupellos und abgestumpft sind. David Benioff ist es gelungen, den Spagat zwischen Unterhaltung und Anspruch ebenso zu meistern, wie den zwischen Komplexität und klarer Linie. Er schreibt mit einer schon erschreckenden Souveränität und kreiert einen bis zum Ende steigenden Spannungsbogen.

25 Stunden“ ist ein Buch, das mich atemlos und nachhaltig beeindruckt zurückgelassen hat, gerade weil es diese in der heutigen Zeit verloren gegangene Erkenntnis, dass das Leben einzigartig und schätzenswert ist, wieder mehr ins Bewusstsein gerückt hat. Warum dieses grandiose, in den USA hochgelobte Werk hierzulande (trotz der relativ zeitnahen Verfilmung durch Spike Lee mit Edward Norton in der Rolle als Monty) so untergegangen ist, wissen wohl nur die Verleger.

Wertung: 93 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: David Benioff
  • Titel: 25 Stunden
  • Originaltitel: The 25th Hour
  • Übersetzer: Frank Böhmert
  • Verlag: Heyne Verlag
  • Erschienen: 10/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3453434783

Eine zerrissene Zeit

© Kiepenheuer & Witsch

Wenn von den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern der USA die Rede ist, fällt sein Name unweigerlich: Edgar Lawrence Doctorow. Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, welcher seine Jugend in der Bronx verbrachte, unterrichtete seit 1982 auf einem eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für englische und amerikanische Literatur an der New Yorker University. Und auch für viele moderne Autorenkollegen gilt der Faulkner-Award-Preisträger bis heute als stilistisches Vorbild. Im Vergleich zu Philip Roth, John Updike oder Jonathan Franzen ist Doctorows Bekanntheitsgrad hierzulande jedoch eher gering, obgleich er in Besprechungen und Rezensionen des Feuilletons fast durchgehend gepriesen wird.

Alles gute Gründe für mich, meinerseits einen Blick auf den im Jahr 2015 verstorbenen Amerikaner und seinen ersten größeren Erfolg „Ragtime“ zu werfen, der im Big Apple des anbrechenden 20. Jahrhunderts spielt und gleich mehrere Handlungsebenen miteinander verwebt. Und soviel sei vorab schon verraten: Das war sicher nicht mein letzter Doctorow.

Die übliche „Im-Mittelpunkt-der-Geschichte-steht“-Zusammenfassung entfällt an dieser Stelle, da es eigentlich eine kaleidoskopisch angeordnete Handvoll Geschichten sind, zwischen denen sich wiederum mehrere Verbindungen entwickeln. Wenn es überhaupt so etwas wie eine Hauptfigur gibt, dann ist es der afro-amerikanische Ragtime-Pianist Coalhouse Walker, dessen nagelneues Ford Model T von rassistischen Feuerwehrleuten zerstört wird. (Die Ähnlichkeit zu der Erzählung „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist, in welcher der Protagonist im Streben um soziale Gerechtigkeit ebenfalls scheitert, ist augenscheinlich gewollt) In seinem Versuch den ursprünglichen Status Quo wiederherzustellen und sein Recht, die Reparatur des Wagens, durchzusetzen, ruiniert sich Walker schließlich nach und nach selbst. Aus dem Protest wird ein hoffnungsloser Amoklauf, dem sich bald weitere schwarze Mitbürger anschließen.

Desweiteren erzählt Doctorow von einer weißen Familie der Mittelschicht, von zwei jüdischen Einwanderern, vom Entfesselungskünstler Houdini, vom Wirken der Anarchistin Emma Goldman, von den Ideen des Automobilherstellers Henry Ford, von der Schauspielerin und Amerikas erster Sexgöttin Evelyn Nesbit und der Dienstreise der Psychoanalytiker Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Sándor Ferenczi. Und das alles auf knapp 340 Seiten …

Als ob dem Autor diese Fülle an Personen nicht schon genügen würde, um seine Leser zu überrollen, erstreckt sich gleich der erste Absatz des Romans über mehr als zwei Seiten – und die Sätze kommen wie ein Sturzbach daher. Fast scheint es, als hätte hier Doctorow vergessen Luft zu holen, derart schnell und komprimiert folgen die knappen Aussagen, welche uns, einem Schlaggewitter gleich, um die Ohren gehauen werden. Ein atemlos schwingendes Stakkato von Eindrücken, im farbigen Verschnitt zusammengefügt, so dass nicht nur ein Bild vom Leben in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gestalt annimmt, sondern dieses, wie auch oft von dieser Epoche der Geschichte behauptet, laufen lernt. Tempo ist das Schlagwort. Und selbst wenn die Handlung noch ein paar Jahre von den „Roaring Twenties“ trennt, deutet doch vieles in dieser Vor-Gatsby-Welt an, dass sich gesellschaftliche Veränderungen von nun an radikal und vor allem viel schneller vollziehen.

Es ist gerade dieser „Wochenschau“-Charakter, dieser quirlige Jazz in Doctorows Prosa, welcher sofort und über das Ende hinaus beeindruckt, da er mit auf den ersten Blick einfachsten Mitteln ein großes Panorama zeichnet – und gleichzeitig einen Abgesang auf den „American Way of Life“ darstellt, den Sigmund Freud im Buch gar als „gigantischen Irrtum“ bezeichnet. Der Autor schlendert dabei stilsicher vom lakonischen über das ironische bis hin zum melancholischen, ohne sich künstlicher Effekte bedienen zu müssen. Stattdessen sprechen die Taten oder halt ihr Unterbleiben für die verschiedenen Protagonisten seines Romans. Dennoch muss dieser Berg von Episoden erst einmal vom Leser bestiegen werden, der sicherlich seine Zeit brauchen wird, um das Konstrukt von „Ragtime“ zu durchschauen und in Folge dessen die Suche nach einem roten Faden in der Handlung aufzugeben. Inwieweit auch die deutsche Übersetzung diese Ragtime-Rhythmen gestutzt hat, kann mangels Kenntnis des Originals nicht beurteilt werden. Es wäre jedenfalls eine Erklärung, warum sich die amerikanische Begeisterung für dieses Buch in Deutschland nie so in diesem Maße wiederholt hat.

Nach Beendigung der Lektüre steckte ich jedenfalls in einem Dilemma. Wirklich gemocht habe ich „Ragtime“ nicht, von lieben ganz zu schweigen. Und doch ist da diese unterschwellige Begeisterung, dieses nachhaltige Wirken des Romans, der mich wohl in Bälde zu weiteren Doctorow-Werken greifen lässt. Denn egal wie amerikanisch das Werk letztlich auch ist: Für raffiniert ausbalancierte Nostalgie und derb-grinsende Gesellschaftskritik bin ich immer zu haben. Vor allem wenn es gegen Schluss hin derart spannend kredenzt wird wie hier.

Wertung: 89 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Edgar Lawrence Doctorow
  • Titel: Ragtime
  • Originaltitel: Ragtime
  • Übersetzer: Angela Praesent
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 2/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 336 Seiten
  • ISBN: 978-3462043198

Der alte Mann und das Mädchen

© Liebeskind

Pendragon, Arche, Ariadne/Argument, Liebeskind – im Meer der großen deutschsprachigen Verleger sind es oftmals die vermeintlich Kleinen, welche mit einem zwar übersichtlichen, aber stets erlesenen Programm zu überzeugen wissen. Und besonders letztgenannter hat sich in den vergangenen Jahren zu einer sicheren Bank für mich gemausert. Was bei Liebeskind erscheint, das kann, so zumindest meine Erfahrung, nicht nur bedenkenlos gekauft, sondern auch stets mit Vergnügen gelesen werden.

Dennoch hat es lange gedauert, bis Yōko Ogawa in mein Bücherregal gewandert ist. Geschuldet ist diese Zurückhaltung einer allgemeinen Skepsis was japanische Literatur angeht. Das Land der aufgehenden Sonne und des Lächelns ist mir seit jeher etwas suspekt, seine Kultur so sehr und auf eine gewöhnungsbedürftige Art und Weise von der unseren verschieden, dass sich mein Interesse an ihm in Grenzen hält. Der lieben Frau Susanne Fink, Verantwortliche für Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei Liebeskind, ist es zu verdanken, dass ich dennoch einen Versuch gestartet habe: „Hotel Iris“ war ihre Empfehlung, meine erste Ogawa und, auch wenn das Leseerlebnis aufgrund der Thematik doch irgendwie zwiespältig ausfällt, wohl nicht meine letzte.

Kurz zur Handlung: Zusammen mit ihrer Mutter führt die 17-jährige Mari das titelgebende „Hotel Iris“ in einem kleinen Badeort an der japanischen Küste. Ein wenig einträglicher und zuweilen eintöniger Job. Zumindest bis zu dem Abend, wo sie Zeugin eines lautstarken Streits zwischen zwei Gästen wird. Ein älterer Herr und eine offensichtlich zutiefst schockierte Prostituierte, die vor seinen sexuellen Neigungen Reißaus nehmen will. Gegen ihren Willen ist Mari beeindruckt von diesem mysteriösen Mann, der trotz seiner abartigen Wünsche Würde und Eleganz ausstrahlt. Und damit genau das verkörpert, was „Hotel Iris“ seit langer Zeit verloren hat. Als sie ihn wenige Tage später in der Stadt wiedersieht, spricht sie ihn an und folgt ihm kurzerhand mit einer Fähre auf eine kleine Insel. Hier, zurückgezogen von den Menschen, arbeitet der Mann an der Übersetzung eines russischen Romans, an dessen Ende die Heldin der Geschichte ein gewaltsames Ende findet. Genau wie seine eigene Frau Jahre zuvor.

Mari ist gleichermaßen abgestoßen und fasziniert. Hat der Mann seine Frau gar selbst getötet? Wäre er zu so etwas fähig? Von der Neugier getrieben, verbringt sie immer mehr Zeit mit ihm. Stets eingeladen durch einen liebevollen Brief, dem in seinem Haus auf der Insel die Demütigung folgt. Gefesselt und unfähig zur Flucht, lässt sich Mari auf dieses Spiel aus Bestrafung und Lust ein, bis sie eines Tages hinter sein Geheimnis kommt… und aus dem Spiel ernst wird.

Sado-masochistische Praktiken, sexuelle Beziehungen zwischen sehr jung und sehr alt – nein, thematisch wäre „Hotel Iris“ kein Roman gewesen, der mit mir gemeinsam die Buchhandlung meines Vertrauens verlassen hätte. Die Neigung, den eigenen Körper verletzten zu wollen und daraus auch noch Befriedigung zu ziehen, ist mir zutiefst suspekt, wenngleich sie hier äußerst anschaulich und nachvollziehbar geschildert wird. Im Mittelpunkt stehen zwei Charaktere, welche zwar viele Lebensjahre trennen, die aber beide auf ihre Art und Weise einsam, auf der Suche nach einer verwandten Seele sind. Besonders Mari hadert mit der wenig erfüllenden Arbeit im Hotel, lässt sich immer mehr hängen und gibt sich dabei kaum Mühe, ihre Unzufriedenheit zu verbergen. Gerade diese innere Unruhe ist es, welche sie in die Arme des Mannes treibt. Er verkörpert den drastischen Gegensatz zum Hier und Jetzt, holt Mari aus der Tristesse des Alltags. Gleichzeitig ist es eine Rebellion gegen die Zwänge des Hotels und die allgegenwärtige Mutter. Während sie hier lediglich gebraucht wird, will der Übersetzer sie – und alles von ihr. Es ist dieses ihr entgegengebrachte Verlangen, dass den schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens in Gang setzt – aber auch letztlich die Schattenseiten dieser Entwicklung schmerzlich spürbar werden lässt.

Für den Leser ist diese Verwandlung Maris mitunter schwer zu ertragen. Ogawa schreibt zwar nicht obszön, aber doch klar und mitunter eiskalt sachlich. Sie geht weit über die üblichen Andeutungen hinaus und wird selbst in den intimsten Momenten konkret, wobei sich das voyeuristische Potenzial dieser Szenen in Grenzen hält. Letztlich war es aber diese knappe, gefühlskalte Sprache, die „Hotel Iris“ zu einem lohnenden Leseerlebnis gemacht hat. Mit einem anderen thematischen Hintergrund könnte in Zukunft aus dem soliden Vergnügen eventuell sogar Begeisterung werden. Andere Titel der Autorin werden jedenfalls in Bälde auf meinen Merkzettel wandern.

Hotel Iris“ ist ein drastisch-klarer, ungekünstelter „Coming-of-Age“-Roman. Schwer verdaulich, hart, aber auch eindringlich und nachwirkend. Einmal mehr hat der Liebeskind-Verlag hier einen guten Riecher bewiesen.

Wertung: 82 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Yoko Ogawa
  • Titel: Hotel Iris
  • Originaltitel: Hoteru airisu
  • Übersetzer: Ursula Gräfe, Kimiko Nakayama-Ziegler
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 11/2001
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3935890007

Should I stay or should I go?

© Steidl

In der Retrospektive eine Besprechung auf Papier zu bringen, welche zumindest den eigenen Ansprüchen hinreichend gerecht wird, kann ein mitunter schweres Unterfangen sein. Insbesondere dann, wenn man nicht zu der Kategorie Leser gehört, der sich während seiner Lektüre irgendwelche Notizen oder Vermerke macht. Knapp ein halbes Jahr nach meinem literarischen Ausflug in den westlichsten Winkel Irlands stiere ich daher weitestgehend ratlos auf ein leeres Word-Dokument und versuche die im Gedächtnis verschütt gegangenen Erinnerungen hervorzuholen. Und ich habe Glück. Oder besser gesagt, ich habe „Junge Wölfe“ gelesen, das schriftstellerische Debüt des Autors Colin Barrett, der, gerade mal einen Jahrgang älter als ich, bereits hier ein äußerst dickes Ausrufezeichen gesetzt hat, welches für zukünftige Werke viel verspricht.

Eigentlich müsste man gar von mehreren Ausrufezeichen sprechen, denn in diesem Erzählband vereint Barrett gleich sieben verschiedene Kurzgeschichten, die allesamt nicht nur vom großen Talent ihres Verfassers künden, sondern eben auch nachhaltig zu wirken verstehen. Und so füllt sich dann doch das zuvor viele Weiß dieses Text-Dokument zunehmend mit schwarzen Buchstaben – angefeuert von dem Anliegen, noch vielen weiteren Lesern dieses persönliche Highlight meines Lesejahres 2018 schmackhaft zu machen.

Junge Wölfe“, 2013 unter dem Originaltitel „Young Skins“ erst in Irland und dann ein Jahr später auch in Großbritannien erschienen, reiht sich ein in die erlesene Auswahl des Steidl-Verlags, der den meisten wohl in erster Linie aufgrund von Günther Grass ein Begriff sein dürfte, aber bereits seit einiger Zeit auch durch seine Veröffentlichungen von der grünen Insel auf sich aufmerksam macht. Zumindest im Feuilleton, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass selbst der traditionsreiche Steidl Verlag schon öfter die leidige Erfahrung machen musste, dass hohe Qualität nicht gleichbedeutend mit Umsatz ist. Umso wichtiger also dieses Juwel herauszustellen, in dem folgende Stories enthalten sind:

  • Der kleine Clancy
  • Köder
  • Der Mond
  • Wehr Dich Deiner Haut
  • Ruhig mit den Pfernden
  • Diamanten
  • Vergessen Sie freundlicherweise meine Anwesenheit

Nun möchte ich vorab erwähnt haben, dass „Junge Wölfe“ mit dem üblichen Irland-Bild sowohl auf den ersten als auch auf den zweiten Blick so gar nichts gemein hat. Grüne Wiesen, auf denen heimelige Reetdach-Pubs von bierseligen Frohnaturen im Leprechaun-Look bevölkert werden – sie sucht man hier vergebens, denn Barretts Blick ist nicht nur ungeschönt, sondern messerscharf, hart und getränkt von einer Melancholie, welche sich wie der bleierne Atlantik-Nebel über das Wirken der Figuren legt, die sich wiederum zumeist in irgendeiner Art von Existenzkampf befinden. Ein Kampf, der sie an den Rand der Legalität und auch darüber hinaus führt. Und auch eine Rebellion gegen gesellschaftliche und finanzielle Barrieren bzw. der Versuch diese zu überwinden, um eigene Sehnsüchte und Träume zu verwirklichen, was sich fernab großer Metropolen wie Dublin – in einem Irland, das noch immer unter den Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise leidet – als äußerst schwierig erweist. Dabei fängt Colin Barrett sowohl wortwörtlich als auch inhaltlich im Kleinen an.

In „Der kleine Clancy“ begegnen wir dem jungen Jimmy in einer unvermeidlichen irischen Kneipe, wo er, gemeinsam mit seinem Freund Tug, ein einfältiger Hau-Drauf, ein schon drei Tage andauerndes Besäufnis ausklingen lässt. Hier trifft er auch auf seine Ex Marlene, welche inzwischen die Gesellschaft ihres neuen Lovers überdeutlich genießt, was dem „Abnutzungsfest“ ein jähes Ende bereitet, als sich Tug, ganz der hilfsbereite Kumpel, des Autos von Jimmys Nachfolger annimmt. Das Resultat seiner Tat darf man auf dem Cover der deutschen Ausgabe von „Junge Wölfe“ bewundern. Mit knapp zwanzig Seiten ist der Einstieg in diesen Erzählband zwar verhältnismäßig kurz, gibt aber bereits einen guten Eindruck davon, wohin der Kurs gesetzt wird. Es geht um Lieblosigkeit, Auflehnung und Wehmut. Um eine vermeintlich verlorene Generation ohne wirkliche Perspektive, in der vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. In diesem Fall verkörpert durch Tug, dessen Sorge um ein seit längerem vermisstes Kind sein grobschlächtiges Äußeres letztlich Lügen straft.

Auch die nachfolgende Geschichte „Köder“ ist im Kneipen-Milieu angesiedelt und erzählt vom selbstbewussten Billard-Spieler Matteen, der sich im Übermut seines Könnens mit dem Kleinstadtgangster Tansey anlegt. Insbesondere das Ende setzt der Autor hier äußerst atmosphärisch in Szene. „Der Mond“ überrascht anschließend durch seinen eher ruhigen Ton, in dem Barrett sich der Sehnsucht nach der Liebe widmet, als Setting dafür aber die dunklen Ecken eines Nachtclubs und als Protagonisten einen knallharten Türsteher wählt. Gerade die Art und Weise in der mit dreckiger Sprache den zarten Gefühlen Ausdruck verliehen wird, macht diese Geschichte zu einem Highlight, zumal wenige knappe Worte genügen, um nicht nur den Figuren eine äußerst glaubwürdige Tiefe zu verleihen, sondern auch um uns Leser sogleich gefangen zu nehmen. Dieser Variantenreichtum auf kleinstem Raum – Barrett beherrscht ihn bereits in diesem Debüt meisterhaft. Das hat zur Folge, dass auch alle weiteren Stories im Niveau nicht abfallen. Im Gegenteil.

In „Wehr Dich Deiner Haut“ begegnen wir Eamonn Battigan, der sich seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter an einer Tankstelle verdient und von einer lange zurückliegenden Prügelei sowohl ein entstelltes Gesicht als auch eine chronische Migräne zurückbehalten hat. Seit diesem Zwischenfall, der ihm fast das Leben gekostet hätte, hat sich „Bat“, wie alle ihn nennen, von seinen Mitmenschen zurückgezogen. Die Gesellschaft anderer meidet er, lebt allein mit seiner Mutter, die ihm in schöner Regelmäßigkeit die Haare schneidet. Das Schicksal scheint ihm zur Einsamkeit verdammt zu haben und trotzdem bietet sich nun die Chance, an der Abschiedsfeier eines ehemaligen Kollegen teilzunehmen. Bat willigt widerwillig ein auch zu kommen, nur um sich in der fröhlichen, saufenden Menschenmenge recht schnell seine fehlende Dazugehörigkeit noch mehr zu vergegenwärtigen. Und so „überlasst er die Menschen den Menschen“ in stoischer Resignation. Barrett gelingt mit dieser traurigen Geschichte ein grandioser Balanceakt zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Aufbruch und Aufgabe, Bleiben und Gehen. Auf nur wenigen Seiten werfen wir nicht nur einen durchdringenden Blick in Bats Seele, sondern auch in die Seele dieses ganzen Landstrichs. Einem grauen Niemandsland, dem man genauso entfliehen will, wie man sich ihm zugehörig fühlt. Heimat und Gefängnis zugleich.

Den Höhepunkt stellt aber ohne Zweifel „Ruhig mit den Pferden“ dar. Eine Kurzgeschichte, die mit rund 90 Seiten bereits Novellenumfang aufweist und auch am stärksten verdeutlicht, wie viel Potenzial in diesem Autor noch schlummert. Ich fühlte mich stark an William Gay, Breece D’J Pancake, Daniel Woodrell, Tom Franklin oder Kurt Vonnegut erinnert, denn wie diese großen Namen, so hat gleichfalls Barrett das kleinkriminelle Milieu in solchem Maße verdichtet, dass man als Leser gar nicht anders kann, als die Seiten fester zu sich heranzuziehen. Die einzige Zutat, die es dafür braucht, ist „gritty realism“, welcher den Ton in dieser Geschichte um den jungen Vater und Kleinstadtgangster Dympna bestimmt, ältester Sohn einer Familie mit fragwürdigen Ruf, die mittlerweile vor allem von ihrem Marihuana-Anbau lebt. Als eine seiner Schwestern von einem von Dympnas Dealern im Alkoholrausch angemacht wird, fordern seine beiden Onkel, ebenfalls am Drogen-Geschäft beteiligt, deren Ehre wiederherzustellen. Doch ihnen reicht die übliche Abreibung nicht, sie fordern die Exekution des Mannes. Dympna und seine rechte Hand Arm sehen in dieser Überreaktion ein Zeichen, das komplette Geschäft zu übernehmen. Keine einfache Aufgabe, sitzen seine Onkel doch in ihrer Plantage direkt an der Quelle. Und dann ist da schließlich auch noch Dympnas autistischer Sohn, der immer mehr Raum in seinem Leben einnimmt.

Tiefste Provinz. Archaische Gewalt. Ziselierte Spannung. Verrückte Hinterwäldler. „Ruhe mit den Pferden“ ist ein irischer Country Noir reinsten Wassers mit backsteinharten Auseinandersetzungen, dessen ruhige Momente die kämpferischen Ausbrüche wunderbar kontrastieren, so dass hier Magen und Herz des Lesers gleichsam in Wallung gebracht werden. Eine bockstarke, düstere und letztlich auch tragische Geschichte, die ich dann tatsächlich selbst so lange Zeit nach der Lektüre fast immer noch eins zu eins wiedergeben kann. Welch größeres Kompliment könnte man Barrett machen?

Komplettiert werden die Erzählungen durch die beiden Kurzgeschichten „Diamanten“ und „Vergessen Sie freundlicherweise meine Anwesenheit“. Während erstere weniger Eindruck hinterlassen hat, läuft Barrett in letztgenannter nochmal zur Höchstform auf. Obwohl sich hier eigentlich nur zwei Männer in einem Pub unterhalten, um die Zeit totzuschlagen, bis der von beiden erwartete Trauerzug zum Friedhof vorbeizieht, könnte man kaum mehr an den „Lippen“ des Autors hängen. Der Clou: Beide Männer hatten in der Vergangenheit eine Beziehung mit der Verstorbenen und lassen dies nun gemeinsam Revue passieren – hin und hergerissen zwischen der Wahl, mit zum Grab zu gehen oder lieber im Pub zu bleiben. Womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei einem der zentralen Themen dieses Erzählbands landen: Der Versuch, aus der Komfortzone auszubrechen, etwas Neues zu wagen, den einen Schritt zu setzen, der ins Unbekannte führt – nur um dann am Ende doch das Bekannte dem Wagnis vorzuziehen.

So zögerlich sollten interessierte Leser bei „Junge Wölfe“ dann bitte nicht sein. Colin Barretts Erstlingswerk ist ganz große, entdeckungswürdige Literatur und eine unbedingte Empfehlung meinerseits.

Wertung: 93 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Colin Barrett
  • Titel: Junge Wölfe
  • Originaltitel: Young Skins
  • Übersetzer: Hans-Christian Oeser
  • Verlag: Steidl
  • Erschienen: 03/2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3958291348

Ozean ist Sein, Welle ist der Verstand

© Fischer

Die Vater-und-Sohn-Thematik ist nicht nur ein sehr beliebtes Motiv in der Literatur, sondern scheint auch unerschöpfliche, neue Möglichkeiten zu bieten, diese prägende Beziehung innerhalb der Familie in den verschiedensten Facetten darzustellen. In den vergangenen Jahren machte u.a. David Gilmour mit „Unser allerbestes Jahr“ auf sich aufmerksam, in welchem der Autor die Geschichte von sich und seinem schulmüden Sohn schildert, den er mittels einfallsreicher DVD-Pädagogik zurück auf den rechten Weg gebracht hat. In der Werbung hoch gepriesen, stellte sich das Werk bei näherer Betrachtung als recht banale Unterhaltungslektüre mit wenig Tiefgang heraus. Vielleicht ein Grund, warum ich eher zögerlich zu Norman Ollestads „Süchtig nach dem Sturm“ gegriffen habe, das, wie Gilmours Buch, auf einer wahren Begebenheit beruht und rückblickend in Ich-Form von einer wahrlich außergewöhnlichen Kindheit in den 70er Jahren erzählt.

Süchtig nach dem Sturm“ ist dabei aber mehr als nur eine autobiographische Erinnerung. Es ist ein Blick zurück in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, in eine Zeit, in der der Wunsch nach Freiheit das Leben vieler bestimmte und besonders von einer Gruppierung auf den Wogen des Meeres ausgelebt wurde: den Surfern. Einer davon ist auch Norman Ollestads Vater, den alle nur „Big Norm“ nennen und der an den Küsten Kaliforniens stets aufs Neue sportlich an seine körperlichen Grenzen geht. Nur bei waghalsigen Abenteuern und unter halsbrecherischem Risiko findet er die Seligkeit, kann er der Angst ins Gesicht lachen, welche er als einzige Beschränkung in seinem Leben sieht. Diese Erfahrung lehrt der unersättliche Lebemann auch seinen Sohn, den er schon in jungen Jahren zu Höchstleistungen auf Skipisten, Eishockeyfeldern und den Wellen antreibt, dem er alles abverlangt, um ihm dieselbe Freiheit spüren zu lassen. „Big Norm“ braucht das Adrenalin, ist süchtig nach dem Sturm und soll schließlich auch in diesem ums Leben kommen.

Während eines Fluges über die winterlich verschneiten San Gabriel Mountains im Jahre 1979 stürzt er aufgrund eines Pilotenfehlers mitsamt seiner Freundin und dem gerade mal 11-jährigen Norman ab. Die beiden Erwachsenen sterben am eisigen Gipfel. Norman meistert als einziger den gefahrvollen Abstieg von der Absturzstelle und überlebt. Überlebt, weil sein Vater ihm gelehrt hat, die Angst zu meistern und er es schafft, weit über seine Grenzen hinauszugehen…

Norman Ollestad schildert in zwei parallel laufenden Handlungssträngen seinen Überlebenskampf am Berg und die ungewöhnliche Kindheit im Surfer-Milieu Kaliforniens. Und besonders der letztere Teil der Geschichte ist es, der den Leser zu fesseln und zu rühren vermag. Als Scheidungskind aufgewachsen, sieht Norman seinen Vater stets nur an den Besuchstagen, welche bis auf die letzte Sekunde im Freien ausgenutzt werden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird das Surfbrett herausgeholt. Und selbst wenn der Sohn keine Lust hat, so empfindet er doch zu viel Respekt und Ehrfurcht davor, seinem Vater etwas abzuschlagen. Dessen leuchtende Augen, dessen Begeisterung. Sie ist ansteckend. Voller Stolz und doch auch ängstlich, versucht er seinem Dad gerecht zu werden. Er taucht in die Tunnel derselben riesigen Wellen ein, nimmt im Winter an den steilsten Ski-Abfahrten teil. Keine Herausforderung ist zu groß, keine Kompromisse werden gemacht. In Abwesenheit seiner Mutter und des alkoholkranken Stiefvaters Nick ist die Freiheit sein Antrieb und das Ziel zugleich. Er ist ein junges Abbild des Vaters, eines Mannes, der eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein muss, und in seiner Karriere als FBI-Mann sogar dem allmächtigen Direktor J. Edgar Hoover die Stirn geboten hat. Zu zweit sind Vater und Sohn immer auf der Suche nach der nächsten Welle. So auch während eines Trips nach Mexiko, den sie eigentlich unternehmen, um Normans dort lebenden Großeltern eine Waschmaschine zu bringen.

Eigentlich, denn „Big Norm“ muss natürlich auch aus dieser einfachen Reise durch Mexiko ein echtes Abenteuer machen und jeden surffähigen Strand auf dem Weg ansteuern. Es sind besonders die farbenfrohen und facettenreichen Schilderungen Ollestads in diesem Abschnitt, welche mich letztlich für dieses Buch begeistert haben und zudem andeuten, dass der Autor mehr kann, als nur aus der Erinnerung heraus zu erzählen. Musste man sich, wie der junge Ollestad, noch vorher durch die Eiswüste der Berge durchbeißen, kommt hier nun das Lebensgefühl des Vaters voll zum tragen. Man spürt den Freiheitsgeist, diesen Spirit der 70er Jahre, lässt sich von der Sonne, den Stränden und Wellen gleichermaßen mitreißen. Nichts kann uns aufhalten. Wir sind golden. Was Norman Ollestad rückblickend beschreibt und neu zum Leben erweckt, macht die Faszination dieses Buches aus.

Für die ältere Generation ist es die Wiedererweckung von Erinnerungen, für die heutige, ein Einblick in eine komplexe, aber auch sehr intensive und liebevolle Vater-Sohn-Beziehung aus den 70er Jahren, welche besonders nochmal im letzten Drittel dem Leser nahe geht und ihn schlucken lässt. Zwar hätte „Süchtig nach dem Sturm“ zweifellos auch ohne diese Dramatik des Flugzeugabsturzes funktioniert. Gerade aber für den Abschluss der Geschichte, in der quasi der Stab an den nächsten Sohn weitergegeben wird, ist sie schließlich enorm wichtig.

Süchtig nach dem Sturm“ ist eine auf jeder Seite energiegeladene Erzählung über eine besondere Freundschaft innerhalb einer Familie. Eine Erzählung, die den Leser geistig auf Reisen nimmt und in eine völlig andere Zeit versetzt. Kein Meisterwerk, aber eine Lektüre, welche man aufgrund ihrer plastischen Lebendigkeit nicht zur Seite legen will.

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Norman Ollestad
  • Titel: Süchtig nach dem Sturm
  • Originaltitel: Crazy For The Storm: A Memoir Of Survival
  • Übersetzer: Brigitte Heinrich
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 8/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3596185511

Im Hinterland, die Hölle

© Heyne

Hört ihr Pferdewiehern oder das Quietschen von gutem Leder, so schärfte man den Kindern von Mitcham Beat ein, dann lauft und versteckt euch.

Dies ist ein Zitat aus dem Buch „The Mitcham War of Clarke County, Alabama“ von Harvey H. Jackson III., in welchem er, gemeinsam mit den Co-Autoren Joyce White Burrage und James A. Cox, die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Clarke County von 1892 thematisiert, die aufgrund gleich einer Reihe brutaler Morde bis heute fest im Gedächtnis der Region verankert sind und auch den Autoren Tom Franklin zu seinem Debütroman „Die Gefürchteten“ inspirierten.

Franklin, selbst in Alabama geboren und aufgewachsen, greift die geschichtlichen Ereignisse rund um die so genannte „Hell-at-the-Breech“-Bande auf und formt aus ihnen mit einiger kreativer Freiheit einen waschechten „Southern-Gothic“, der in seinen besten Momenten den Vergleich mit Cormac McCarthy, Flannery O’Connor oder William Faulkner keinesfalls zu scheuen braucht. Und wenngleich er dabei von Setting und Ton her an cineastische Machwerke wie „Open Range“ oder „Gnadenlos“ erinnert und teils gar klassische Western-Themen bedient, stilistisch orientiert er sich stattdessen eher an den Vertretern aus der ersten Großen Depression. Diese hatte insbesondere den Süden der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hart getroffen, der nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs und der damit einhergehenden Abschaffung der Sklaverei ohnehin wirtschaftlich darniederlag. Ehemalige Farmbesitzer schufteten nun selbst von morgens bis abends auf ihren Baumwollfeldern. Viele von ihnen mussten Pachten an die neuen Besitzer in den Städten zahlen und waren danach gerade noch so in der Lage sich selbst zu ernähren. Der einstige Stolz und die moralische Überlegenheit – sie waren Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen gewichen. Inmitten dieser von Missgunst und Rachegefühlen geschwängerten Atmosphäre nimmt „Die Gefürchteten“ seinen Anfang.

September 1897, Mitcham Beat, Alabama. Die beiden Brüder William und Mack Burke, zwei Waisen, die von der alten Hebamme und Witwe Gates großgezogen wurden, sind auf Freiersfüßen. Sie wollen der Hure Annie einen Besuch abstatten. Um das dafür benötigte Geld zu beschaffen, schleichen sie sich als Räuber verkleidet im Dickicht an den Ladenbesitzer und aufstrebenden Lokalpolitiker Arch Bedsole heran. Doch die Nacht ist dunkel, der Boden unwegsam und Mack Burkes Hand schweißnass. Als er in der Bewegung mit dem Knie wegknickt, löst sich ein Schuss und Bedsole fällt tot vom Pferd. Zu diesem Zeitpunkt kann keiner von den beiden ahnen, dass diese Tat für die gesamte Umgebung schwerwiegende Folgen haben wird, denn Arch Bedsoles Cousin Tooch nutzt diese Gelegenheit nicht nur um dessen Geschäft zu übernehmen, sondern hebt gleichzeitig einen Geheimbund aus der Taufe. Vordergründig soll er die Interessen der verarmten Farmer vor der Willkür der Städter aus Grove Hill schützen – in Wirklichkeit dient er vor allem dazu, um sich gegenseitig eines Alibis zu versichern, wenn auserwählte Mitglieder mit gezogener Waffe und schwarzen Kapuzen ihr Unwesen treiben.

Es dauert nicht lange und bald wird die gesamte Gegend von der so genannten „Hell-at-the-Breech“-Bande terrorisiert. Es kommt zu Lynchjustiz und zu Angriffen auf Schwarze. Wer sich unter der Landbevölkerung weigert die Bande zu unterstützen, zahlt mit Blut oder gar mit dem Leben. Als die ersten Nachrichten von brutalen Überfällen Grove Hill erreichen, wird der Ruf nach Gerechtigkeit laut. Doch der alte Sheriff Billy Waite hat mit sich selbst und vor allem mit dem Alkohol zu kämpfen. Seit längerem weigert er sich beharrlich, jemanden zum Deputy zu benennen. Und fast ebenso lange hat er sich nicht mehr im Umland von Mitcham Beat blicken lassen. Mit dem Mord an dem Farmer Anderson ist aber auch er schließlich gezwungen zu handeln. Während er sich mit seinem treuen Gaul King durch das Gehölz des Bear Thicket kämpft, plagen seinen Cousin Oscar York Zweifel. Der Richter von Grove Hill glaubt nicht, dass der Sheriff in der Lage ist, die Situation zu lösen und nimmt daher die Hilfe des ehrgeizigen Ardy Grant in Anspruch. Unwissentlich schließt er damit einen Pakt mit dem Teufel, denn Grant ist nicht das, was er zu sein scheint …

Vertreter des „Southern Gothic“ werden oftmals auch als „Country Noir“ beworben und wenn letztere Plakatierung wohl je gepasst hat, dann bei „Die Gefürchteten“, denn diese Lektüre ist nichts weniger als ein Parforceritt ohne Sattel durch tiefste menschliche Abgründe – von Autor Tom Franklin in einer Lakonie kredenzt, welche noch der muntersten Frohnatur das Lächeln mit knallharter Schreibe aus der Fresse haut. Entspannt zurücklehnen und genießen, das kann man hier getrost vergessen. Von Beginn an legt sich mit bleierner Schwere eine deprimierende und rigoros nihilistische Grundstimmung über das Geschehen, welche den Leser aus seiner gemütlichen Sofa-Ecke in den Nahkampf mit den eigenen Gefühlen zerrt. Die ärmlichen Bedingungen unter denen die Farmer ihre Familie großziehen müssen – sie schildert Franklin in einer drastischen Konsequenz, die jegliche Distanz zum Buch unmöglich macht. So wird schon auf den ersten Seiten ein Sack voller Welpen im Fluss ertränkt. Mehr als den einen Hund kann die alte Witwe schließlich nicht ernähren. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie Mack diese Aufgabe überlässt, der damit zum zweiten Mal in kurzer Zeit zum Mörder wird.

Inmitten der dunklen Wälder, zwischen weißen Baumwollfeldern und maroden Holzhütten – hier droht eine ganze Generation dem Vergessen anheim zu fallen. Und so fällt es schwer, nicht die Bitternis nachzufühlen, welche die Bewohner von Mitcham Beat empfinden, die trotz schwerster körperlicher Arbeit am „American Way of Life“ nie teilnehmen werden, beim Streben nach Glück von ihren Nachbarn in der Stadt zurückgelassen wurden. Die wiederum nutzen jede Tragödie, um sich am Leid ihrer Pächter zu bereichern. Notfalls sogar durch Meineid, was im vorliegenden Fall dazu führt, dass die Bürger der Stadt selbst zur Waffe greifen und als wilder Mob der Bande entgegenreiten. Bis dahin lässt sich Tom Franklin ausgiebig Zeit. Meines Erachtens manchmal etwas zu viel, wenn er gewisse Szenen im wahrsten Sinne des Wortes zu sehr ausreitet, anstatt sie der Fantasie des Lesers zu überlassen.

Aber auch Zeit, die er nutzt um Mack mit seinem Gewissen und Billy mit seinem Alkoholproblem und der nörgelnden Ehefrau kämpfen zu lassen. Letzteres klingt lustiger, als es dann im Buch wirklich ist, wie überhaupt man Humor eigentlich in diesem nachtschwarzen Werk vergeblich sucht. Dafür ist der Grundtenor allerdings auch viel zu ernst. So ernst, dass selbst Liebe ein Element ist, das es in „Die Gefürchteten“ schwer hat zur Entfaltung zu kommen. Zumindest bis ganz zum Schluss, wo die gesamte Handlung noch einmal eine überraschende Wendung erfährt und sich zudem die angestaute Spannung in einem brachialen Kugelhagel entlädt, der selbst für mich nur schwer zu ertragen war.

Wenn sich der Pulverdampf schließlich verzieht, ist der Plot um einige Figuren ärmer – und der Leser um eine eindringliche literarische Erfahrung reicher. „Die Gefürchteten“ – das ist ein Debüt bar jeglicher Sentimentalität und Wildwest-Romantik. Ein harter, bisweilen auch arg brutaler Trip ins Hinterland von Alabama, für den Tom Franklin in seiner Heimat zurecht gefeiert wurde und der hierzulande eine Neuauflage durchaus verdient hätte. Ein passender Moment wäre es, ist doch gerade erst bei Pulp Master mit „Krumme Type, krumme Type“ ein weiteres Werk des Schriftstellers in Erstveröffentlichung erschienen und vom Feuilleton gepriesen worden.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Franklin
  • Titel: Die Gefürchteten
  • Originaltitel: Hell at the Breech
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 01.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 414 Seiten
  • ISBN: 978-3453431980