Lügen in Zeiten des Krieges

© Suhrkamp

Jurek Beckers Debütroman „Jakob, der Lügner“ hat, trotz seines Prädikats als Klassiker der Weltliteratur, lange Zeit ein verstaubtes Dasein in meinem Regal gefristet. Zum einem fasst man das Thema Holocaust nicht leichtfertig an, zum anderen haben die im Geschichtsunterricht gezeigten Archivbilder über die Befreiung von Auschwitz Spuren hinterlassen.

Sich diesem dunklen Kapitel unserer deutschen Vergangenheit auf literarischer Ebene nochmals zu stellen, hatte ich mich eine Zeitlang einfach nicht mehr gewagt. Letztlich ward es dann doch irgendwann von mir gelesen, was ich im Nachhinein auch nicht bereut habe, denn Beckers Auseinandersetzung mit den Grauen der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkriegs ist über alle Maßen gelungen. Er schafft das scheinbar Unmögliche – mit Humor über den Holocaust zu schreiben und seine eigenen persönlichen Erfahrungen (Becker selbst wuchs im Ghetto von Lodz sowie in den Konzentrationslagern von Ravensbrück und Sachsenhausen auf und lebte später in Ostberlin, wo auch „Jakob, der Lügner“ entstand) einzuarbeiten, ohne den Roman zu sehr autobiographisch zu prägen.

Geschildert wird die Geschichte aus der Perspektive des einzigen Überlebenden eines polnischen Ghettos, der nicht über die Deportation seiner eigenen Familie und seiner Freunde sprechen mag, und dem Leser stattdessen von Jakob Heym berichtet. Dieser ist zur selben Zeit wie der Erzähler Bewohner des Ghettos. Und das „Leben“ dort bedeutet Verzicht auf alles. Bäume sind in dem abgeriegelten Bezirk von den Nazis verboten worden, genauso wie der Besitz von Ringen und sonstigen Wertgegenständen, die Haltung von Tieren oder der Aufenthalt auf der Straße nach acht Uhr. Besonders diese Sperrstunde macht dem begeisterten Spaziergänger Jakob zu schaffen. Und sie ist es auch, mit der diese Geschichte ihren Anfang nimmt. Jakob wird vorgeblich nach der festgelegten Ausgangssperre von einem Wachposten erwischt, der ihn in das Hauptquartier der örtlichen Polizei schickt. Jakob zittert vor Todesangst, doch er hat Glück im Unglück. Der guten Laune eines anwesenden Offiziers ist es zu verdanken, dass er nicht nur als erster Jude das deutsche Revier lebend verlässt und sich somit der Willkür eines wahrscheinlich nur gelangweilten Wachmanns entzieht, sondern auch noch eine aktuelle Frontlage aus einem Radiobericht belauschen kann. Die Russen sind auf dem Vormarsch. Sie kämpfen kurz vor einer nur 400 bis 500 km entfernten Stadt.

Als er diese Nachricht den Bewohnern des vollkommen von der Außenwelt abgeschnittenen Ghettos präsentiert, will ihm niemand Glauben schenken. Ausgerechnet jetzt will Jakob Frontberichte gehört zu haben? In der Höhle des Löwen, dem deutschen Revier? Ein Ort, den keiner verlässt? Jakob, der ein wenig Freude schenken wollte, wird nur müde belächelt. Um einem Freund aufzumuntern und die Nachricht glaubhafter zu machen, entwirft er eine Notlüge. Er behauptet ein Radio zu besitzen. Dies wird nun schnell zum Lebensgrund der Menschen. Die täglichen Neuigkeiten, die Jakob erfindet, wecken neuen Glauben bei den Ghettobewohnern. Plötzlich werden Pläne für nach dem Krieg geschmiedet, geben sich Paare der Liebe hin, hören die Selbstmorde auf. Aus „einem Gramm Nachrichten“ erschafft Jakob „eine Tonne Hoffnung“ und sieht sich damit einen großen Verantwortung ausgesetzt. Er zerbricht sich den Kopf bei der Erfindung neuer, glaubwürdiger Neuigkeiten, improvisiert sogar ein Interview mit dem englischen Premier Winston Churchill. Bald übersteigt das Lügen seine Kräfte. Doch als er die Wahrheit gestehen will, muss er erkennen, dass ein einfacher Rückzug nicht mehr möglich ist …

Puh, was für ein Buch. Mit einer beiläufigen, klaren und oft sehr humorvollen Sprache schildert Becker den hoffnungslosen und dramatischen Alltag der Bewohner eines Ghettos unter dem menschenverachtenden Naziregime, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben. Stattdessen verpackt er seine Kritik an der damaligen Zeit in der Geschichte selbst. Aufgrund des auktorialen Erzählers, der selbst im Ghetto lebt und die Grausamkeiten und Probleme durch seine Erzählweise (das Dokumentarische wird mit dem Erfundenen vermischt und durch Rückblicke unterbrochen) auflockert, wirkt der Plot von Beginn an authentisch, wird er vor unseren Augen lebendig. Während andere thematisch ähnliche Romane den Leser durch das deprimierende Leid und die Schuldzuweisungen erdrückt, liest sich „Jakob, der Lügner“ trotz eben dieses historischen Hintergrunds seltsam erfrischend, wenngleich die liebevolle Beleuchtung der Figuren dazu führt, dass man sich des drohenden Unheils stets bewusst ist. Unmöglich, das Buch einfach an die Seite zu legen, ohne sich Gedanken zu machen. Unmöglich, trotz des immer wieder aufkeimenden Glücks nicht todtraurig und den Tränen nahe zu sein. Beckers Erstlings hinterlässt tiefe Spuren beim Leser, da man sich unwillkürlich direkt angesprochen und sich zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte gezwungen fühlt.

Die heimliche Hochzeit von Mischa und Rosa, die Mütze Herschels, welche er nie absetzt oder die kleine Lina unter dem Dachboden. Gerade die kleinen Episoden, die das Geschehen immer wieder aus einem anderen Blickwinkel zeigen, füllen dieses gerade mal 283 Seiten lange Buch mit soviel Leben. „Jakob, der Lügner“ ist nicht die Anklage der Täter. Die Tragik des Romans liegt nicht in der Aufzählung von den Verbrechen an den Juden. Ghettoaufseher und Gestapopolizisten sind bis auf wenige Ausnahmen nur namenlose Vertreter des Antisemitismus, welche nur beiläufig erwähnt werden. Nein, es sind diese anrührenden Momente der aufflackernden Hoffnung, welche Jakob entfacht, die zu Herzen gehen.

Becker entlässt den Leser am Ende, wie angesichts der Geschichte nicht anders zu erwarten, ernüchtert und nachdenklich, aber auch mit der Erkenntnis, dass menschliche Freuden selbst unter den schlimmsten Umständen möglich sind. Ein Buch der leisen und bescheidenen Töne, dem jeglicher Hass gänzlich fehlt und das trotz düsterer Dramaturgie, die verschmitzte Heiterkeit des osteuropäischen Witzes einfängt.

Ein literarisches Ereignis und ein Klassiker, der einfach in jedes gut sortierte heimische Bücherregal gehört, aber auch ein Buch, für das man reif genug und bereit sein muss. Eins ist in jeden Fall klar: Vergessen wird man Jakob, den Lügner, wohl nie. Und vielleicht war eben das Beckers Absicht.

Wertung: 89  von 100 Treffern

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  • Autor: Jurek Becker
  • Titel: Jakob, der Lügner
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 04.1982
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3518372746

Übrig bleiben wird nur Asche …

© Ullstein

Im letzten Jahr mussten wir aus Gründen des Infektionsvermeidung innerhalb der Pandemie auf sie verzichten. Und auch für 2021 ist ihre Ausrichtung weiterhin alles andere als gesichert: Die Frankfurter Buchmesse. Trotz ihrer stetig sinkenden Bedeutung, für die ohnehin inzwischen zu kämpfende Branche, immer noch Deutschlands Mekka für alle Buchaffinen und Literaturbegeisterten – und in meinem Fall auch jährlicher Treffpunkt, um alte Freunde und Bekannte unter den Autoren, Verlegern, Kennern, Kritikern und Sammlern wiederzusehen, ist doch diese riesige Gemeinde rund um das schönste Medium der Welt am Ende auch dennoch ein Dorf, in dem jeder irgendwie den anderen kennt. Oder eben kennenlernt. Doch inwieweit ist das nun im Hinblick auf Sven Heucherts Roman „Alte Erde“ relevant?

Die Antwort darauf ist einfach. Obwohl ich mit ihm bereits zuvor über die sozialen Medien im Dialog stand – unter dem gegenseitigen Austausch von Buch- und Autorentipps wird vor allem meinerseits das Portemonnaie gelitten haben – durfte ich Sven Heuchert erstmals 2019 auf der Frankfurter Buchmesse persönlich kennenlernen, wo er sich am Stand von Pulp Master dem Gespräch zwischen mir und Verleger Frank Nowatzki anschloss und in diesem Zuge auch bereits einige, äußerst appetitanregende Details aus seinem kommenden Buch fallen ließ. Der Autor Heuchert war mir zuvor erstmals im Zuge einer eher negativ gefärbten Besprechung seines Werks „Dunkels Gesetz“ aufgefallen – übrigens auch Auslöser unserer virtuellen Gespräche – und davor (zu meiner Schande) kein Begriff.

Seit dieser Zeit habe ich diese kulturelle Lücke durch die Lektüre seiner frühen Kurzgeschichtensammlungen jedoch etwas schließen können. Und kulturelle Lücke sei hier auch nicht einfach so dahingesagt, denn Heucherts ganz eigene Stimme sucht im deutschsprachigen Raum nicht nur ohne Zweifel seinesgleichen, sondern walzt mit urgewaltiger Wucht eine Schneise durch das Sammelsurium der hiesigen, bräsigen und pseudointellektuellen Bildungsromane, die stapelweise die Buchhandlungstische belegen und, von Literaturpreisen überhäuft, massenweise gekauft werden, um dann am oberen Buchschnitt den steigenden Staubschichten eine sichere Zuflucht im heimischen Regal zu gewähren.

Sei es in der technischen Innovation oder im zukunftsweisenden Denken allgemein – hierzulande scheint uns der Mut abhanden zu kommen, den einen Schritt weiter zu gehen, die Komfortzone zu verlassen, etwas Neues zu probieren – und vielleicht dabei zeitgleich über den nationalen Tellerrand hin wegzuschauen. Die fehlende größere Beachtung dieses wirklich nachhaltig beeindruckenden Romans spiegelt einmal mehr die mangelnde Entwicklung wieder, die unser Literaturverständnis seit Marcel Reich-Ranickis vernichtendem Verriss von Jörg Fausers Lesung beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt im Jahr 1984 genommen hat. Der deutsche Roman, er scheint auch heutzutage noch in ein enges Regelkorsett gezwängt, obwohl dies dem Lesepublikum selbst nur noch in den seltensten Fällen passt bzw. nur der Preisschau halber von diesem getragen wird.

Zum Teufel damit, scheint Heuchert gedacht zu haben, dessen „Dunkels Gesetz“ schon nach einem allenfalls oberflächlichen, plakativen Blick (leider auch durch den Verlag) im Hardboiled-Genre verortet worden ist – dabei vollkommen missachtend, dass sich hier jemand zwar durchaus der Stilelemente eines Chandler bedient, die Herangehensweise jedoch eine vollkommen andere ist. Und so wandelt auch „Alte Erde“ weit eher in den Fußstapfen von so großen Namen wie William Gay, Cormac McCarthy, Daniel Woodrell oder Breece D’J Pancake, hinter denen sich, und das sei vorab gesagt, Heuchert nicht einmal einen Zentimeter weit verstecken muss. Damit kurz zur Handlung:

Die Ville, ein waldreicher Höhenzug in der niederrheinischen Bucht. Tiefste deutsche Provinz und Heimat der fiktiven Dorfflecken Altglück, Vierheilig und Neuglück. Eine abgelegene Gegend und bereits Schauplatz für „Dunkels Gesetz“. Entgegen der Namensgebung, so ist es mit dem Glück für die Bewohner dieses Landstrichs nicht weit her. Und auch heilig scheint nicht mehr allzu viel zu sein, denn Großgrundbesitzer Wasserfuhr, einst durch „arisiertes“Land reich geworden, hat die Rechte erst kürzlich an einen Internetkonzern verkauft, der in der vergleichsweise urwüchsigen Umgebung ein riesiges Warenlager errichten will. Der Bau wird nicht nur die Region von Grund auf verändern, sondern auch die letzten Alteingesessenen aus ihrer Heimat vertreiben. Eine Entwicklung, die auch Wouter Bisch mit Sorge beobachtet. Der alte Revierjäger kennt die Wälder und Auen in diesem abgelegenen Landstrich wie seine Westentasche und hat hier bereits zahlreiche Jagdgesellschaften geführt. Nach dem Verlust seines Sohnes ist die Jagd sein letzter Halt, an deren Riten er sich festklammert und die gleichzeitig seine Verbindung zu der von Umwälzungen betroffenen Natur herstellt. Ihren Kreislauf aus Leben und Tod gilt es seiner Ansicht nach unbedingt zu respektieren.

Eine Sichtweise, die Karl Frühreich nicht teilt, der allgemein jegliche Gesellschaft meidet und sich von der Rückkehr seines Bruders Thies in ihr gemeinsames Elternhaus, nach über vierzehn Jahren Abwesenheit, wenig begeistert zeigt. Mehr Interesse wecken dafür seine Begleitung Monique sowie ein randvoller Koffer mit Geld. Als er dann auch noch hört, dass der exzentrische Gustav Rio durch den Verkauf ebenfalls zu einem gewissen Reichtum gekommen ist, reift ihn ihm ein diabolischer Plan. Doch er hat seine Rechnung ohne Wouter Bisch gemacht. Bald kreuzen sich ihre Wege und die Ereignisse nehmen eine eigene, todbringende Dynamik …

Puh, was für ein Roman. Obwohl es jetzt schon ein paar Tage her ist, seitdem ich „Alte Erde“ beendet und atemlos zur Seite gelegt habe, haftet das Erlebte noch immer an mir, wirken Heucherts eindringliche Bilder weiterhin nach, der, selbst leidenschaftlicher Jäger, seine sprachliche Munition mit unbarmherziger Präzision beinahe stakkatoartig auf den Leser abfeuert und mit seiner drastischen Härte tiefe Wunden schlägt, die so schnell nicht verheilen dürften. Ganz ohne Übertreibung kann ich behaupten: Seit James Ellroy und David Peace hat mich ein Buch stilistisch nicht mehr derart kraftvoll in die Magengrube getroffen, die Form so sehr den Inhalt dominiert wie hier. Wo das Beschriebene endet und die eigenen Sinneseindrücke beginnen – das vermag man in „Alte Erde“ schon nach kurzer Zeit nicht mehr auseinanderhalten zu können, ziehen uns doch Heucherts sogartige Schilderungen förmlich in diese vor Nässe triefende, karge und archaische Welt der rauschenden Bäche, lichtdurchfluteten Wälder und modernden Wiesen – in dieses letzte Refugium der Wildnis, welches noch nicht den Gesetzmäßigkeiten der sogenannten Zivilisation unterworfen ist und das weiterhin nach ganz anderen, uralten Regeln spielt.

Sven Heuchert pflegt hier natürlich in vielerlei Hinsicht den Anachronismus, präsentiert eine Welt, die so fast nicht mehr existiert – reduziert damit aber den Mensch auch gekonnt auf sein eigentliches Selbst, auf die primitiven Wünsche und Bedürfnisse, die, unter Druck gesetzt von äußeren Umständen und familiären Tragödien, sich an diesem Ort noch, unbeirrt von Recht und Gesetz, Bahn brechen können. Ganz in der Tradition des „Country Noir/Southern Gothic“ – und wenn es ihn in Deutschland bis dato so nicht gab, dann spätestens ab jetzt – wandeln wir auch in „Alte Erde“ Seite an Seite mit dem Protagonisten in einem vergessenen Hinterland, das vergleichbar ist mit Tom Franklins Bear Thickett oder William Gays Ackerman’s Field. Ein Landstrich, scheinbar bisher unberührt von Zeit und Raum, in der noch fleißig an der Reval-Zigarette gezogen und die alte Nagant geölt und gefettet wird – und den man doch irgendwie zu kennen glaubt und an vielen Stellen mit der eigenen Vergangenheit in Verbindung bringt. Heucherts plastische Beschreibungen haben mich, auf beinahe erschreckende Art und Weise, an die Umgebung direkt vor der Haustür meines eigenen, ersten Elternhauses erinnert, was wohl ein weiteren Grund darstellt, wieso mir die Lektüre derart ans Leder gegangen ist.

Und so spröde und knarzig, aber auch beständig, lichtecht und durchlässig wie Leder, so ist auch Heucherts Sprache, die uns in „Alte Erde“ keine Ruhe gönnt, uns malträtiert, aber zeitgleich stetig fordert und mitzieht, wobei sich die Protagonisten, anfangs hinter einem scheinbar schwer durchdringbaren Schleier verborgen, nur langsam aus dem Nebel schälen und ihre wahren Absichten offenbaren. Dafür bedarf es kaum längerer Dialoge. Ganz im Gegenteil: In den entscheidenden Momenten wird geschwiegen, hält die „Kamera“ einfach ruhig auf die einzelnen Bilder, um diese für sich sprechen zu lassen. Und verflucht noch eins, das tun sie. Seit Chigurh aus „No Country for Old Men“ hat man wohl nicht mehr einen derart leidenschaftslosen Einsatz eines Bolzenschussgeräts gelesen, seit Portis‘ „True Grit“ nicht mehr eine so leidenschaftslose, kaltblütige Ausübung von „Gerechtigkeit“. Je nachdem, aus welcher Perspektive man dies analysiert, kann man argumentieren, dass das alles auf Kosten einer gewissen Leichtigkeit geht, die Erzählung gewollt ungenießbarer macht. Wer sich jedoch die Mühe macht, zwischen den Zeilen zu lesen und zudem auch Heucherts literarische Vorbilder kennt, der weiß diese durchaus gezielte, bleierne Schwere zu schätzen, versteht, dass „Alte Erde“ nur aufgrund dieser unbarmherzigen, kahlen Poesie funktionieren kann.

Sven Heuchert hat mit „Alte Erde“ nochmal einen weiten Schritt nach vorne gemacht. Die Belohnung für diese erneute Weiterentwicklung ist einer der besten, formal gelungensten (ich sage absichtlich nicht nur deutschsprachigen) Romane der letzten Jahre. Ein harter, durchrüttelnder, jeglichen Witterungen ausgesetzter, literarischer Ritt ohne Sattel, an dessen Ende man zwar erschöpft absteigt, nur um aber dann dem Gaul an die Flanke zu klopfen und zu flüstern: Bis zum nächsten Mal.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Sven Heuchert
  • Titel: Alte Erde
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3550050756

Are they both mad or am I going mad? Or is it the sun?

© Anaconda

Ein segelnder Greifvogel vor der brennenden Sonne. Eine Kamera, welche langsam über das Blätterdach eines scheinbar undurchdringlichen Dschungels kreist. Und eine am Anfang leise, dann immer lauter ertönende gepfiffene Melodie, die sich schließlich als „Colonel Bogey March“ herausstellt.

Schon die ersten Minuten von David Leans cineastischer Umsetzung des Romans „Die Brücke am Kwai“ reichen jedes Mal aufs Neue aus, um die bei mir sonst inzwischen eher seltene gewordene Gänsehaut hervorzurufen, gehört doch dieser Leinwandhit aus dem Jahre 1957 zu den Klassikern der Kino-Geschichte, die trotz ihres Alters nichts von ihrer Faszination verloren haben. Mehr noch: „Die Brücke am Kwai“ ist und bleibt für mich bis heute DER Antikriegsfilm schlechthin, weil er die unbedingte militärische Pflichterfüllung mittels Zynismus und Ironie ab absurdum und den Wahnsinn des gewaltsamen Konflikts auf menschliche Art und Weise vor Augen führt. Getragen von so großartigen Darstellern wie Jack Hawkins, William Holden oder den hier alles überstrahlenden Alec Guinness in der Rolle des prinzipientreuen Colonel Nicholson (für die Rolle erhielt er einen Oscar als bester Hauptdarsteller), die sich im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib schauspielern und den gebannten Zuschauer für die Dauer von 156 Minuten in die brütende Schwüle Südostasiens katapultiert.

Als begeisterter Leser brachte mich dieses Meisterwerk natürlich irgendwann auf eine Frage: „Wenn der Film bereits schon derart großartig ist, um wieviel besser wird dann wohl die literarische Vorlage sein?“ Die Antwort darauf fiel vielschichtiger als erwartet aus, zumal es auch nicht immer ratsam ist, Buch und Film eins zu eins miteinander zu vergleichen, da beiden Medien verschiedene Mittel zur Verfügung stehen und sich das ebenfalls von Pierre Boulle (der einen großen Teil seiner eigenen Kriegserfahrungen verarbeitet hat) verfasste Drehbuch in vielen Dingen in erheblichen Maße vom eigentlichen Roman unterscheidet. Dennoch sei die Story an dieser Stelle kurz angerissen, da es – so scheint es zumindest mir – im deutschen Fernsehen nur noch selten zur Ausstrahlung des epischen Streifens kommt und Boulles Buch ebenfalls längere Zeit vergriffen war:

Thailand 1942. Auch dort tobt der Zweite Weltkrieg. Während der japanischen Offensive geraten britische Kolonialtruppen in japanische Gefangenschaft. Sie werden mit holländischen, australischen und amerikanischen Leidensgenossen in den Dschungel von Thailand und Burma verschleppt. Ihre Aufgabe ist es, eine Eisenbahnstrecke zu bauen, um den Golf von Bengalen und Singapur zu verbinden. 500 Briten unter der Führung ihres Obersten Nicholson geraten dabei in die Fänge des unberechenbaren, brutalen und alkoholabhängigen japanischen Offiziers Saito. Sie sollen eine der wichtigsten Brücken der Zugstrecke über den wilden Fluss Kwai errichten. Bei schlechter Ernährung, geplagt von Malaria und Cholera, werden sie von den Japanern zu unmenschlichen Anstrengungen gezwungen. Auch die Offiziere sollen, wie die einfachen Soldaten, Sklavenarbeit verrichten. Als sie sich weigern, greift Saito hart durch. Doch ihm gelingt es auch mit unmenschlicher Folter nicht, den eisernen Willen des in britischen Traditionen erzogenen Nicholson zu brechen, während die Soldaten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Bau der Brücke sabotieren.

Letztlich triumphiert die ungeheure Disziplin des Briten. Er zwingt Saito zum Einlenken und macht nun den Brückenbau zu seiner Sache. Nicholson gelingt es, seine Leute neu zu motivieren und die Brücke, seine kühne Konstruktion, wird sein ganzer Stolz.

Zur gleichen Zeit startet in Kalkutta ein britisches Sprengkommando, zusammengesetzt aus Idealisten und Fanatikern. Ihre Aufgabe ist es, die strategisch wichtige Brücke zu sprengen …

Bis hierhin sind Buch und Film in der Tat beinahe deckungsgleich, sieht man von William Holdens Rolle als Commander Shears ab, welcher in der Vorlage von vorneherein an den Planungen des Unternehmens zur Sprengung beteiligt ist und nicht erst, wie letztlich in der Leinwandversion, nach seiner gelungenen Flucht aus dem Gefangenenlager als Kenner des Gebiets für die Aufgabe hinzugezogen wird. Dazu muss man allerdings sagen: Dieses Zugeständnis an eine gewisse benötigte Dramatik und Würdigung Holdens als zweiten Hauptdarsteller, funktioniert im Film tatsächlich sehr gut und hätte vielleicht auch dem Buch, in dem es der Figur Shears irgendwie an Kanten mangelt, nicht schlecht zu Gesicht gestanden. Vom Humor Holdens mal ganz abgesehen. Während dieser den leichtfertigen Aufschneider und Frauenheld gibt, ist Boulles Shears ein ernster und eiskalter Taktiker, der seine Mission in höchstem Maße plant und in der Erfüllung seiner Pflicht selbst noch das größte Opfer begehen würde. Hauptprotagonist ist aber eindeutig Colonel bzw. der Oberste Nicholson.

Ein Offizier, der inmitten der Wildnis des Dschungels die Zivilisation in allen Belangen aufrechterhalten und die Überlegenheit der anglosächsischen Rasse gegenüber den „wilden Japanern“ unter Beweis stellen will. Mit Sturheit und Prinzipientreue wird er zum Stolperstein von Lagerkommandant Saito, der im psychologischen Kräftemessen stets den Kürzeren zieht. Schließlich muss er ganz einlenken, um den Bau der Kwai-Brücke zu gewährleisten bzw. den engen Zeitplan einzuhalten. Doch Nicholsons Sieg ist ein trügerischer, den Boulle mit ebenso satirischer Feder karikiert wie den militärischen Formalismus der anderen Offiziere, die sich vollkommen in den Planungen der Brücke vergessen und die Fragwürdigkeit ihres Tuns dabei bald nicht mehr sehen. Die Kollaboration mit dem Feind wird als Notwendigkeit begründet, um die Moral der Truppe aufrechtzuerhalten. Der übersteigerte Ehrgeiz beim Bau mit dem Anspruch des britischen Empire entschuldigt, das sich allen anderen Völkern überlegen fühlt. Das ironisierende Element wird von Boulle geschickt innerhalb der Dialoge versteckt. Und diese Fassade beginnt erst nach und nach zu bröckeln, bis sich schließlich hinter Pflicht, Ehre und Disziplin der Wahnsinn zeigt – der Wahnsinn des Krieges in all seinen Ausprägungen.

Spätestens wenn Nicholson schwerkranke Mitgefangene zur Arbeit abkommandiert, beginnt nicht nur der die Vorgänge im Lager beobachtende Dr. Clipton zu ahnen, dass die gutmeinenden Pläne des Obersten sich am Ende verselbstständigen. Unbändiger Ehrgeiz lässt die menschlichen Züge des loyalen Offiziers zunehmend in den Hintergrund treten. Und unwillkürlich stellt man sich die Frage: Wer ist eigentlich grausamer? Saito oder Nicholson? Boulle zeigt mit scharfer und zynischer Feder den schmalen Grat zwischen gutem Willen und bösen Absichten auf, ohne dabei eine der Parteien zu übervorteilen. Und das ist wohl auch das größte Verdienst dieses Romans, der sich flüssig lesen lässt, aber nie diesen epischen Tiefgang erreicht wie Leans Verfilmung. Gleichzeitig hebt die Lektüre des Romans Alec Guinness‘ Leistung nochmal ungewollt hervor, welcher der ohnehin schon präsenten Figur weitere Facetten abgewinnt und so die Vorlage übertrumpft.

Den Vergleich Buch mit Film entscheidet Leans Meisterwerk so also am Ende klar für sich, was jedoch nicht impliziert, dass Pierre Boulles Roman, der übrigens 1952 veröffentlicht worden ist, keine lohnenswerte Lektüre ist. „Die Brücke am Kwai“ überzeugt im Kleinen, in den geschickt platzierten Details und durch das drastische, äußerst trockene Finale, das weniger spektakulär daherkommt, aber mindestens genauso nachhaltig beeindruckt.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Pierre Boulle
  • Titel: Die Brücke am Kwai
  • Originaltitel: Le pont de la rivière Kwai
  • Übersetzer: Gottfried Beutel
  • Verlag: Anaconda
  • Erschienen: 03/2014
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 222 Seiten
  • ISBN: 978-3730600726

Mr. Crane – Von Leben, Liebe, Krieg und Tod

© Pendragon

Im September 1914 liegt Leutnant Fischer mit zwei Lungendurchschüssen im Sanatorium Badenweiler. Der Krieg hat ihn verstummen lassen, er kommuniziert über Zeichnungen und Gesten. Schwester Elisabeth kümmert sich um ihn und findet in seinem Gepäck „Die rote Tapferkeitsmedaille“ (ebenfalls erschienen im Pendragon-Verlag), das bekannteste Werk des Autors Stephen Crane. Mit dem Autor, „ihrem“ Mr. Crane, verbindet Elisabeth eine ganz besondere Beziehung. War der Schriftsteller doch selbst 1900 Patient in Badenweiler, im letzten Stadium seiner Tuberkulose-Erkrankung.

Schwester Elisabeth nimmt den Buchfund zum Anlass, sich an eine kurze, aber obsessive Liebe zu erinnern. Sie bezieht Leutnant Fischer und die junge Krankenschwester Victoria in die Erzählung mit ein, eine Art Beichte, die am Ende zu lebensverändernden Konsequenzen führt.

Als Stephen Crane, , charmant, eloquent, aufgeschlossen, schon vom nahenden Tod gezeichnet, mit seiner kleinen Entourage aus Gattin Cora und Nichte Helen in Badenweiler anreist, empfindet Elisabeth dies wie die Ankunft eines Seelenverwandten. Fand sich die von Brandnarben gezeichnete junge Krankenschwester doch in Cranes Erzählung „Monster“ wieder. Crane erwidert Elisabeths Gefühle, eine verwegene, drängende Liebesgeschichte entwickelt sich, misstrauisch beäugt von Cranes eifersüchtiger Nichte und scheinbar unbemerkt von Cora.

Die Begegnungen zwischen den beiden Liebenden sind kurze Fluchten in Gespinste aus Erinnerungen an Cranes Abenteuer und in intensiven wie verzweifeltem Sex, dem Wissen um das nahe Ende des Autors geschuldet. Gleichzeitig ist die gemeinsame Zeit geprägt von den wahnhaften Ängsten Cranes vor einem ominösen Verfolger namens Davis, einem Pressefotografen, der in mehrfacher Hinsicht sein eigener dunkler Schatten ist.

Mr. Crane“ ist ein bestechend durchkomponiertes Buch. Andreas Kollender spielt mit Imaginationen und Imaginiertem, überlässt seinen Leser*innen Raum, die Erzählung Elisabeths und Anekdoten Stephen Cranes mit eigenen Interpretationen zu füllen. „Mr. Crane“ ist die bestrickende Geschichte einer amour fou, ist Abenteuerroman, eine Reflexion über Bedeutung und Wirkung von Literatur und eine Anti-Kriegs-Erzählung, ohne dass der Krieg mit Waffengewalt an die Tore des Sanatoriums in Badenweiler klopft. Andreas Kollender lässt den ersten Weltkrieg in seiner Prägung der involvierten Menschen wirken. So begegnen wir gewissenlosen Fußtruppen, manipulativen Kriegstreibern und in Leutnant Fischer einem traumatisierten Frontsoldaten.

Da „Mr. Crane“ nur 250 Seiten umfasst, arbeitet Kollender mit Skizzen und Andeutungen, was angesichts seiner präzisen wie poetischen Sprache hervorragend funktioniert, inhaltliche Fülle schafft, ohne den Roman zu überladen. Andreas Kollender erweist sich einmal mehr als stilsicherer Autor mit faszinierender Erzählkraft.

Die Lektüre der „roten Tapferkeitsmedaille“ parallel oder im Anschluss bietet sich geradezu an.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Andreas Kollender
  • Titel: Mr. Crane
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 09.2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 253 Seiten
  • ISBN: 978-3865326850

Kings of Queensland

© Antje Kunstmann

Der Kunde mag König sein und immer Recht haben. Für den König selbst gilt dies jedoch nicht, weswegen ich mich mit Freund und Kollege Jochens Meinung zu Andrew McGahans Buch „Last Drinks“ tatsächlich etwas konträrer auseinandersetzen muss. Majestätsbeleidigung eines aufmüpfigen Schülers gegenüber seinem Lehrer, die man mir aber bitte verzeihen möge, denn im Gegensatz zu seinem doch eher negativen Fazit, bin ich der Meinung, dass der Leser durchaus etwas für seine Investition in diese Lektüre „bekommt“. Dies ist allerdings auch in hohem Maße davon abhängig, mit welchen Erwartungen man McGahans Werk in Angriff genommen hat. Und gerade hier erweist sich der Rowohlt Verlag mit der (wenn auch korrekten) Etikettierung des selbigen leider einen Bärendienst.

Hatte man die bei Kunstmann veröffentlichte gebundene Ausgabe noch als Roman beworben, wurde daraus im Hause Rowohlt beim Taschenbuch nun ein Thriller, was dem etwaigen Leser natürlich im Kern ein hohes Spannungsmoment suggeriert. Im Verbund mit dem Klappentext, der sich ebenfalls zentral auf die Untersuchung des Mordes konzentriert, lockt man damit eine Klientel, der McGahans Text schlichtweg nicht gerecht werden kann, welche einen komplett anderen Schwerpunkt setzt und als Pageturner damit so überhaupt nicht taugt. Ein Fehler von Rowohlt also? Eindeutig nein, denn „Last Drinks“ hat im Jahr 2001 nicht nur den Ned Kelly Award für das beste „Crime Novel“ erhalten, sondern wird im Heimatland Australien tatsächlich auch als solches vermarktet. Ich bleibe aber dabei: Es ändert nichts an der Tatsache, dass sich der inzwischen bereits verstorbene Autor allenfalls am äußersten Rande dieses Genres bewegt, sich höchstens auf das Verbrechen als gesellschaftliches Problem konzentriert und weniger auf die einzelne Tat als solches. Dies wiederum wirkt sich daher auch auf den Verlauf der Handlung aus.

Diese nimmt ihren Anfang im australischen Bundesstaat Queensland, Ende der 90er Jahre. Zehn Jahre ist es her, seit der alkoholkranke Journalist George Verney die Stadt Brisbane Hals über Kopf verlassen und in den Bergen, in einem verschlafenen Nest namens Highwood, eine neue Heimat gefunden hat, wo er nun seit längerer Zeit für die Lokalzeitung schreibt. Verney ist inzwischen trocken, führt eine relativ glückliche Beziehung mit einer Lehrerin und hat – so glaubt er – die eigene Vergangenheit weitestgehend hinter sich gelassen. Doch ein Anruf zerstört diese Idylle jäh. Mitten in der Nacht er wird von der örtlichen Polizei zu einem nahen Stromverteilerwerk gerufen, um die Leiche eines Mannes zu identifizieren, der, offenbar erst nach langer Folter, durch einen gewaltigen Kurzschluss verstarb. Verney muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass es sich dabei um seinen alten Freund Charlie handelt, den er seit ihren gemeinsamen Tagen in Brisbane nicht mehr gesehen hat.

Plötzlich sieht sich Verney mit lange verdrängten Erinnerungen an seine Zeit in Brisbane konfrontiert, das Mitte bis Ende der 80er Jahre ein Schmelztiegel für Korruption jeglicher Art war, gefördert durch eine Regierung, welche sich aufgrund des herrschenden Wahlsystems quasi auf Lebenszeit einsetzen und jegliche demokratische Auswüchse schon im Keim ersticken konnte. Ein politisches System, das viele unterdrückte, aber von dem auch ein Teil der Gesellschaft, welche dieses Spiel mitspielen wollte, in hohem Maße profitierte. Für diejenigen, und damit auch für Verney und seine damaligen Partner und vermeintlichen Freunde, war jeder Tag eine wilde Party, jede Nacht eine Verheißung von Alkoholrausch und Enthemmung. Zumindest so lange, bis ein spektakulärer Korruptionsausschuss nach Jahrzehnten des Stillstands die Regierung schließlich stürzte – und damit von jetzt auf gleich auch alle Beteiligten zum Ziel der Justizermittlungen wurden. Während Verney noch einigermaßen glimpflich aus der Sache herauskam, wurde Charlie als einer der Hauptschuldigen angeklagt und inhaftiert. Jetzt, Jahre später, wollte er offensichtlich Verney in Highwood besuchen. Aber warum? Und wieso hat man einen schwer alkoholkranken und inzwischen auch geistig beeinträchtigten Mann derart brutal hingerichtet? Und ist Verney vielleicht der nächste?

Eingeholt von der so lange verdrängten Vergangenheit, erstarkt auch der Wunsch nach Alkohol in Verney, der zudem in Gedanken jetzt vermehrt bei Maybellene ist. Sie, einst seine große Liebe und später Charlies Frau, könnte auch ins Visier der Killer geraten sein, denen offensichtlich jedes Mittel Recht ist, um die losen Enden zu kappen. Während er durchgehend von der Polizei beschattet wird, fährt Verney zurück nach Brisbane, um die Gründe für den Mord an Charlie zu untersuchen und gleichzeitig einen Schlussstrich unter alles zu setzen …

Anstatt das McGahan seinen Protagonisten nun in altbekannter Noir-Manier in die Düsternis marschieren und Prügel kassieren lässt, konzentriert sich der Autor vielmehr darauf, in immer wieder eingestreuten Rückblicken das Queensland der achtziger Jahre zum Leben zu erwecken, was den deutschen Leser durchaus verblüffen könnte, dürfte doch den meisten nur wenig über die dunkle Geschichte des Bundesstaats bekannt sein. Heutzutage mit seinen Stränden und dem Great Barrier Reef Musterbeispiel für eine touristische Hochglanzbroschüre, präsentiert sich insbesondere die Hauptstadt Brisbane als kriminelles Moloch, das nicht nur optisch Parallelen zum Miami derselben Epoche aufweist und Verbrecher jeglicher Couleur anlockt. Die meisten von ihnen begegnen uns dabei in Nadelstreifen, besetzen höchste Positionen in Politik, Wirtschaft und Justiz – und pflegen ein auf Gönnertum basierendes System, in dem Geld alles möglich macht und selbst Beschränkungen, wie das damalige Ausschankverbot für Alkohol, mit den richtigen Beziehungen problemlos zu überwinden sind.

McGahan nimmt sich viel Zeit, diesen Abschnitt der Geschichte Brisbanes zum Leben zu erwecken, die Beteiligung und Verwicklung George Verneys an der immer mehr grassierenden Korruption und den damit verbundenen Absturz in die Alkoholsucht zu zeichnen. Für einige Leser sicher zu viel Zeit, wird doch damit die eigentliche Ausgangslage keinen Schritt vorangebracht und mehr und mehr der Mord an Charlie aus den Augen verloren. Im Gegensatz zu manch anderem Rezensenten habe ich das aber nicht unbedingt als negativ empfunden. Eher im Gegenteil: Charlies brutaler Tod erweist sich in der Folge nur als Symptom einer weit größeren Krankheit und spiegelt damit auch Verneys eigenen Kampf gegen die Rückfälligkeit wieder. So wie ein Alkoholiker nie wirklich trocken ist, so ändern sich auch die Spielregeln in den Schattenbereichen der Gesellschaft auch nie gänzlich. Auch wenn alte Wegbegleiter wie der charismatische Politiker Marvin nicht mehr die Macht von einst verkörpern, so haben sie doch alle auf ihre Art und Weise zu keinem Zeitpunkt den Ausstieg aus dem alten System geschafft. Die früheren Räder, sie greifen immer noch ineinander und drehen weiterhin in dieselbe Richtung. So glänzend und sauber sich Brisbane nach außen präsentiert, im Kern fault es auch in der modernen Version gewaltig.

Und genau hier kann ich den mehrfach geäußerten Kritikpunkt, McGahan verfüge nicht über die sprachlichen Mittel für dieses Sujet, so gar nicht unterschreiben. Ja, sie mag unaufgeregt und wenig effektheischend sein, passt aber meines Erachtens hervorragend zu dem durchgängig melancholischen Tenor der Geschichte, die zudem von ihren beeindruckenden Bildern lebt. Ob es das verdunkelte, heiße Zimmer eines Apartments am Strand ist oder der feucht-neblige, von Moos überwucherte Pfad unterhalb des tropfenden Regenwalddachs in den Bergen Queenslands – „Last Drinks“ schwitzt und blutet Atmosphäre, ermöglicht es auch Nichtkennern Australiens, sich ein Bild von den örtlichen Gegebenheiten, dem Klima und der Fauna zu machen. Wohlgemerkt ohne das diese Beschreibungen nur als profane Kulisse missbraucht werden, denn McGahan nutzt sie geschickt, um die jeweiligen Gemütszustände Verneys und seinen zunehmenden inneren Kampf zu unterstreichen. Und hier kommen wir für mich auch zum zentralen Motiv des Romans – dem Alkohol.

Letztlich konzentriert sich, wie der Titel schon andeutet, alles auf Verneys persönliche Schwäche, seine Neigung zum Alkohol. Auf seine Unfähigkeit ohne Alkohol das Glück zu finden, Menschen ganz in sein Leben zu lassen, die nicht das gleiche Maß an Sucht und Verlangen mitbringen, wie er selbst. So wie er nicht in der Lage ist, die Grenzen Queenslands zu überqueren und damit alles hinter sich zu lassen, so kann er letztlich auch nicht ohne Alkohol sein – wohlwissend, dass diese Einstellung alles gefährdet, was er sich seit seiner Flucht aus Brisbane aufgebaut hat. Es ist dieser mit sich selbst ausgefochtene Konflikt, der mich während des Lesens am meisten erreicht und vor allem erschüttert hat – und der wohl möglich auch vielen Alkoholikern aus der Seele spricht. Ja, dafür müssen wir bei der Spannungserzeugung einige Abstriche machen, immer wieder auf der Suche nach dem Mörder Charlies Umwege fahren. Sie sind jedoch nicht unnötig, sondern wichtige Etappen auf Verneys drohenden Rückfall und dem Weg zum Finale, das McGahan äußerst stimmungsvoll und bleihaltig inszeniert.

Ich gebe durchaus zu: Andrew McGahans Herangehensweise an diese Thematik mag ungewohnt, manchmal gar unbequem und unaufgeregt sein – in ihrer Wirkung verfehlt sie aber nicht das Ziel. „Last Drinks“ ist schwermütige, bildgewaltige Prosa über die Gefahren von Alkoholsucht und charakterlicher Schwäche, und zeitgleich auch eine Abrechnung mit einem der düstersten Kapitel der Geschichte Queenslands. Nicht immer leichte Kost, aber für eine gewisse Klientel unter den Lesern durchaus ein echter Leckerbissen.

Wertung: 79 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Andre McGahan
  • Titel: Last Drinks
  • Originaltitel: Last Drinks
  • Übersetzer: Uda Strätling
  • Verlag: Kunstmann
  • Erschienen: 03.2013
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 461 Seiten
  • ISBN: 978-3888979002

“It’s a queer world, God knows, but the best we have to be going on with.”

© Kiepenheuer & Witsch

Auch wenn ich jetzt bereits seit vielen Jahren nicht mehr als Buchhändler tätig bin – der Beruf selbst, war und bleibt für mich immer eine Berufung und auch die Ausbildung, insbesondere die schulische an der Buchhändlerschule in Seckbach, Frankfurt (mittlerweile umbenannt in Mediencampus), welche wir in einem mehrwöchigen Blockunterricht absolviert haben, weiß ich bis heute zu schätzen.

Warum ist das für diese Besprechung relevant? Nun, schon immer interessiert an einem breit gefächerten Spektrum der Belletristik hat mir diese Zeit unter unheimlich belesenen Dozenten, direkt am Puls des Mediums Buch, den Blick noch einmal geschärft, meine Entdeckerfreude kanalisiert und mich damit in eine Welt eingeführt, die ich so vielleicht sonst nie entdeckt hätte. Zu dieser Welt gehört, dank eines von mir belegten Kurses, auch insbesondere die irische Literatur.

Seit jeher neugierig auf die ereignisreiche irische Geschichte und die keltische Kultur der grünen Insel, waren mir zum damaligen Zeitpunkt zwar die großen Namen wie James Joyce, Samuel Beckett oder Edna O’Brien durchaus geläufig, viele andere Schriftsteller/innen aber bis dato unbekannt. Zu diesen gehörte unter anderem auch Brendan Behan, der Zeit seines Lebens zwar international besonders als Dramatiker von sich Reden machte, in unserem Kurs aber vor allem im Zusammenhang mit seinem autobiografischen Roman „Borstal Boy“ diskutiert wurde – und mit diesem die Ursprünge des Nordirlandkonflikts bis hin zu den so genannten „Troubles“ und dem Karfreitagsabkommen. Kurzum: Ein ganzes Themengebiet tat sich für mich rund um dieses Werk auf, das sich rückblickend als persönliche Initialzündung herausgestellt hat, sich als Protestant näher mit der jahrzehntelangen Unterdrückung der Katholiken zu befassen. Ein Thema, welches mich bis heute nicht loslässt und das im Hinblick auf den in wenigen Tagen drohenden „harten Brexit“ möglicherweise wieder auf erschreckende Art und Weise an Aktualität gewinnen wird. Das Wiederaufflammen der Feindseligkeiten in Nordirland, eine Eskalation der Gewalt – diese Sorgen sind aufgrund der immer noch nicht gänzlich geklärten Fragen rund um die irisch-nordirische Grenze mehr als berechtigt. Und damit auch eine Lektüre dieses bald siebzig Jahre alten Klassikers?

Um diese Frage beantworten zu können, lohnt eine etwas genauere Auseinandersetzung mit der persönlichen Biographie Brendan Behans und der Geschichte rund um die Entstehung von „Borstal Boy“. Geboren am 9. Februar 1923 als Sohn des Anstreichers und Gewerkschaftsaktivisten Stephen Behan und dessen Frau Kathleen Kearney schien der Weg von Beginn an vorgezeichnet. Bereits bei seiner Geburt saß sein Vater eine Gefängnisstrafe ab, weil er sich an Aktivitäten der verbotenen IRA beteiligt hatte. Und auch die anderen Mitglieder der Familie, alle ansässig in den ärmsten Slums von Dublin, waren zu der damaligen Zeitpunkt auf irgendeine Art und Weise in die irische Unabhängigkeitsbewegung involviert. Behans Onkel Peadar Kearney schrieb 1907 gar den Text der späteren irischen Nationalhymne. Obwohl vorwiegend in Armut lebend, wuchs Brendan Behan aber in einem durchaus gebildeten Umfeld und dadurch von früh an mit der irischen Literatur auf, was ihn aber nicht davon abhielt, sich immer wieder aufs Neue in Schwierigkeiten zu bringen.

Im Alter von dreizehn Jahren verließ er ganz die Schule, drei Jahre später trat er der IRA bei, um in England mehrere Sprengstoffanschläge zu begehen. Bevor er jedoch auch nur einen der Anschläge ausführen konnte, wurde er 1939 schon mitten während der Planung in Liverpool gefasst und zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt, von welche er zwei im Hollesley Bay Borstal, einer so genannten Besserungsanstalt für Jugendliche in Suffolk, absaß. Es sollte zwar nicht sein letzter Aufenthalt hinter Gitter bleiben (u.a. fuhr er 1942 noch wegen seiner Verwicklung in einem versuchten Mord an zwei Polizisten ein), aber es sind genau diese zwei ihn prägenden Jahre, die er später in dem vorliegenden autobiografischen Roman verarbeiten sollte. Behan betonte rückblickend immer wieder, dass er sich trotz seiner diversen Aktivitäten für die IRA nie als wichtiges Mitglied angesehen hat.

Ich bin kein Krieger. Ich bin eine absolute Null. Die IRA hatte genügend militärischen Sachverstand, mich zu nichts anderem als zu Botengängen einzusetzen.

Das hielt die staatliche Zensurbehörde dennoch nicht davon ab, „Borstal Boy“ umgehend nach seiner Veröffentlichung, ohne Angabe von Gründen, zu verbieten. Es darf aber davon ausgegangen werden, dass, neben der ausführlichen Schilderung von Homosexualität, vor allem seine sich durch das Buch ziehende Kritik an der katholischen Kirche dafür ausschlaggebend gewesen sind. Behans Werk, dessen Fertigstellung sich über Jahre hinzog und in dieser Zeit zunehmend unter seiner ausschweifenden Trunksucht litt (zwischenzeitlich musste er deswegen sogar ins Krankenhaus), sollte dennoch nicht allein auf diese Elemente reduziert werden, überzeugt seine autobiografische Schilderung des Lebens von „Paddy“ (Spitzname für die Iren in England) aus der Ich-Perspektive doch neben diesen zornigen Anklagen vor allem durch herrlich-spottenden, zynischen Wortwitz und ein gehöriges Maß beißender Ironie. So offen Behan dabei in Gestalt von Paddy den englischen Imperialismus kritisiert, schimmert hinter dem stoischen, irischen Nationalstolz doch immer seine Einsamkeit und Angst hindurch, die wiederum uns als Leser fast ungefiltert erreicht.

Borstal Boy“ reiht sich damit in die Riege der großen Gefängnisromane wie „Papillon“ ein, welche uns unmittelbar denselben widrigen und klaustrophobischen Umständen aussetzen, uns hineinziehen in die einsamen Zellen, die in ihrer Kälte sowohl Menschlichkeit also auch Unmenschlichkeit offenlegen und das Beste und Schlechteste von uns entblößen. Paddy gelingt es schnell sich diesem Umfeld anzupassen, weiß wann er seine Fäuste und wann er sein loses Mundwerk gebrauchen muss, um eine Situation zu entschärfen. Mit dieser offenen Art schafft er sich sowohl Feinde als auch Freunde unter den Mithäftlingen, wobei Behan es klugerweise vermeidet die Figuren nach irgendwelchen Stereotypen zu zeichnen. Ganz im Gegenteil: Hier scheint tatsächlich ein großes Maß eigener Beobachtung eingeflossen zu sein, arbeitet der Autor die Vielschichtigkeit der Zellennachbarn, Gefängniswärter, Polizisten und Priester doch stets mit Respekt für ihre Eigenheiten und gleichzeitig ungezügelter Deutlichkeit heraus. Was wirklich real passiert ist, was für die Fiktion hinzugedichtet wurde – das vermag man nicht zu unterscheiden. Fakt ist jedenfalls: Paddys Courage und unbeugsame, ja widerspenstige Lebensfreude, sie steht im starken Kontrast zu dem, was man sonst von diesem Sub-Genre gewohnt ist.

So ist bei all der politischen Überzeugung und Botschaft in „Borstal Boy“ dieses Buch vor allem ein Rückblick mit positiver Perspektive. Behan – Zeit seines Lebens ein Mann des Feierns, der Musik, aber auch der Alkoholsucht („I only drink on two occasions – when I’m thirsty and when I’m not“) und des Medikamentenmissbrauchs (an deren Folge er bereits mit 41 Jahren starb) – vertritt den eigenen Standpunkt in seiner Prosa mit unverminderter Vehemenz, aber auch mit einem optimistischen, lebensbejahenden Blick nach vorne. Die Missstände, die Missverständnisse – Paddys Umgang mit seiner Situation sind auch ein Beleg dafür, dass man eben diese überwinden kann. Genau aus diesem Grund gilt der Roman vollkommen zurecht bis heute als Klassiker der Gefängnisliteratur und Kult-Roman der grünen Insel. Womit die Frage von oben beantwortet sein dürfte: Ja, eine Lektüre lohnt auch heute noch unbedingt.

Wertung: 87 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Brendan Behan
  • Titel: Borstal
  • Originaltitel: Borstal Boy
  • Übersetzer: Curt Meyer-Clason
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 01/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3462051889

Einmal vor Unerbittlichem stehen …

© Pendragon

Wer, so wie ich, zu den langjährigen treuen Lesern der Bücher aus dem Hause Pendragon gehört, wird sich vielleicht etwas gewundert haben, als im Herbstprogramm des Jahres 2020 mit Kevin Majors „Caribou“ ein Titel aufgetaucht ist, den man thematisch im Bielefelder Verlagshaus eher nicht verortet hätte.

Zwar sind innerhalb der verlagsinternen Reihe „Geschichte erleben mit Spannung“ bereits einige Werke veröffentlicht worden, welche sich mit der Zeit des Dritten Reichs – und dessen lang geworfenen Schatten – beschäftigen, aber erstens handelt es sich beim hier vorliegenden Roman nicht um einen klassischen Spannungsroman und zweitens konzentriert sich dieser tatsächlich expliziter auf den militärischen Konflikt selbst. Genauer gesagt auf den U-Boot-Krieg im Nordatlantik während des Zweiten Weltkriegs. Das weckte, zumindest bei mir, Erinnerungen an die drastischen und klaustrophobischen Schilderungen von Lothar-Günther Buchheim in „Das Boot“, der vor allem in barrierefreier Nahaufnahme das Leiden des einfachen Marine-Soldaten wohl eindringlicher zur Papier gebracht hat, als jeder Autor vor und nach ihm. Wohlgemerkt ohne dabei mit den hurrapatriotischen Machwerken anderer U-Boot-Fahrer zu fraternisieren. Umso überraschender ist es nun, auf einen kanadischen Autor zu stoßen, der sich desselben Themas angenommen, allerdings – über weite Strecken des Buchs – einen Schauplatz direkt vor seiner Haustür ausgewählt hat.

Caribou“ erzählt die Geschichte der letzten Fahrt des gleichnamigen Dampfschiffs, das, Mitte der 20er Jahre in den Niederlanden gebaut, während des Zweiten Weltkriegs als Fähre in der Cabot-Straße eingesetzt wurde, um sowohl zivile Personen als auch Militärangehörige von North Sydney in Nova Scotia nach Port aux Basques auf Neufundland und zurück zu transportieren. Vor allem nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg wurde aus dieser vergleichsweise kurzen Überfahrt mehr und mehr ein riskantes Wagnis, weitete doch die deutsche Kriegsmarine – und hier insbesondere die U-Boote – ihr Einsatzgebiet immer weit bis zur Ostküste Nordamerikas aus, um allein fahrende Schiffe zu versenken oder sich im sogenannten „Wolfsrudel“ auf die großen Konvois zu stürzen, die beständig Nachschub an Material und Soldaten nach Großbritannien überführten. Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel, für U-Boote wie Schiffe gleichermaßen, zwischen denen sich das Kräfteverhältnis unter anderem durch technische Weiterentwicklungen oder Entschlüsselungen von deutschen Geheimcodes (Stichwort „Enigma“) immer wieder ändern sollte, um in den letzten Jahren des Krieges endgültig auf Seiten der Alliierten Streitkräfte zu kippen.

1942 hatte die deutsche Kriegsmarine nicht nur einen Höchststand an einsatzfähigen deutschen U-Booten erreicht, sondern auch fast so viele Millionen BRT Schiffsraum versenkt, wie zusammengerechnet in den zwei Jahren zuvor. Die US-amerikanische und die kanadische Küstenverteidigung sah sich lange Zeit diesen Angriffen weitestgehend wehrlos ausgesetzt, so dass auch an diesem speziellen Abend des 13. Oktobers nur ein umgebauter Minenräumer der Royal Canadian Navy, die „HMCS Grandmére“, als Begleitschutz für die „Caribou“ zur Verfügung stand. Nur weniger als sechs Stunden nach der Abfahrt wurden die beiden Schiffe von dem deutschen U-Boot U 69 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Ulrich Gräf entdeckt, der sich zu diesem Zeitpunkt auf seiner bereits neunten Feindfahrt befand. Aufmerksam wurde die Besatzung aufgrund des großen Rauchausstoßes der „Caribou“. Dennoch hätte Gräf vielleicht sogar von einem Angriff abgesehen, wäre die Fähre in dieser Nacht nicht ohne Beleuchtung gefahren, was sie verdächtig und damit zu einem augenscheinlich legitimen Ziel machte. Der Kaleun, der sie damit als Frachter und Zerstörer identifizierte, schoss um etwa 3:30 Uhr einen Torpedo ab, welcher auf der Steuerbordseite im Maschinenraum einschlug, alle anwesenden Maschinisten sofort tötete und durch die Wucht der Detonation das Schiff fast komplett in zwei Hälften riss. Die zuvor meist schlafenden Passagiere mussten sich im Dunkeln zu den Rettungsbooten auf der Backbordseite kämpfen, die aber voll Wasser liefen und kenterten. Die „Caribou“ begann schnell zu sinken. Wenige Minuten später war die Fähre in den eisigen Tiefen der Cabot-Straße verschwunden.

Die „Grandmére“, welche versuchte, das U-Boot zu rammen und aufzuspüren, musste sich im Anschluss erst davon überzeugen, dass keine Gefahr mehr bestand, um dann die Suche nach Überlenden zu starten. 100 Überlebende, darunter mit einem 15 Monate alten Jungen das einzige Kind, konnten gerettet werden. 137 weitere Menschen kamen bei der Versenkung ums Leben. Es ist das bisher schwerste Schiffsunglück in dieser Region und eine der größten Katastrophen Neufundlands im Zweiten Weltkrieg.

Wer nun die Befürchtung hegt, sich mit dieser Zusammenfassung eine Lektüre sparen zu können, der kann an dieser Stelle beruhigt werden, ist doch das Schicksal der „Caribou“ nur der Aufhänger für Kevin Majors Roman, welcher sich im weiteren Verlauf in erster Linie mit den Folgen dieses Unglücks beschäftigt und dafür augenscheinlich intensiv (und für uns lohnend) Recherche betrieben hat. Neben der Sichtung von Archivmaterialien verarbeitete er auch Zeitzeugenberichte von Überlebenden der „Caribou“ sowie – und dies bildet eigentlich das Rückgrat und Fundament der Erzählung – das offizielle Kriegstagebuch des U-Boot-Kommandanten Ulrich Gräf. Dieser historische Person ist einer der beiden Protagonisten. Bei dem anderen handelt es sich um das fiktive Besatzungsmitglied John Gilbert, der als Steward auf der „Caribou“ dient, bei der Versenkung verletzt wird und im Anschluss in die Navy eintritt, um das Geschehene irgendwie für sich verarbeiten zu können. Wie in einem Spielfilm wechselt Major zwischen ihren beiden Perspektiven und bedient sich dabei eines äußerst nüchternen und fast reportagehaften Stils, der bereits von dem ein oder anderen Leser kritisiert wurde, für mich persönlich aber gerade zu den Stärken dieses Romans zählt.

Kevin Major blickt vollkommen wertneutral auf diesen kriegerischen Konflikt, hält sich eng an belegte historische Fakten aus dem Atlantikkrieg des Winters 1942/1943 und vermeidet zudem jegliche Gewichtung zwischen den beiden Protagonisten. Kurzum: Er schaut auf das Grauen des Krieges an sich, dem zumeist die übliche, oft auch von eigenen Erfahrungen beeinflusste Darstellung von Freund und Feind genauso wenig gerecht werden kann, wie ein mit Theatralik und Dramatik künstlich aufgeladenes Literatur-Machwerk. Majors Sachlichkeit ist ein Segen und gleichzeitig der Ruhepol dieser Erzählung, die uns als Leser gerade deswegen umso stärker berührt, als es jegliche Überzeichnung könnte. Auch weil sich der Autor gerade zu Beginn viel Zeit nimmt, um die einzelnen Charaktere in alle Ruhe einzuführen (ohne dabei die üblichen Klischees zu bedienen!) – selbst auf die Gefahr hin, hier diejenigen zu verlieren, welche bereits dem schicksalshaften Torpedo-Einschlag entgegenfiebern. Doch er legt mehr Wert darauf, die menschlichen Tragödien zu zeichnen, die wichtigen Fragen hinter diesem ganzen Wahnsinn zu stellen. Was hat die Versenkung dieses Schiffes jetzt bezweckt? Welche Einfluss kann ein Mann auf den Kriegsverlauf haben? Was bedeutet schon Mut im Angesicht eines Grauen, das sich nicht abwenden lässt?

Die Art und Weise wie er sich dieser Fragen annimmt, ohne dabei zu relativieren oder Gefahr zu laufen, insbesondere das Schicksal der deutschen U-Boot-Fahrer mit der falschen Gewichtung zu betonen – das zeugt von großer Klasse. Auch weil Major es schafft zu berühren, ohne sich in großen blumigen Ausschweifungen zu ergehen oder emotional mit der Tür ins Haus zu fallen. Nein, ganz nebenbei, Seite für Seite, schleicht sich eine stille Melancholie zwischen die Zeilen, eine unterschwellige Angst – übertragen von den Protagonisten, die sich vor allem fürchten, ihr eigenes Leben zu verlieren und doch im Mühlwerk des Krieges gefangen sind. Selbst wenn Gräf der Front für kurze Zeit den Rücken kehrt und mit seiner großen Liebe Elise wertvolle Zeit verbringt oder seine Eltern in Dresden besucht – dieses Gefühl der Ausweglosigkeit liegt schwer wie Blei über allem. Großartig mit wie wenig Aufwand Major nur durch ein Gespräch am Tisch zwischen Gräf, seinem Vater und seiner Mutter die gesamte Situation an der Heimatfront zusammenfasst – die ständige Furcht, etwas falsches zu sagen, zu tun oder in die falsche Richtung zu schauen. Es ist sein distanzierter und doch einfühlsamer Blick, der unerwartet viel von der Seele aller Beteiligten entblößt. Ihre Wünsche und ihre Hoffnungen, aber zugleich auch das unerträgliche Leid, das alle in mehr oder weniger großen Ausmaß erleiden müssen.

Fernab von jeglichem aufgesetzten Heroismus hat Kevin Major mit „Caribou“ einen Roman vorgelegt, der dem U-Boot-Krieg und vor allem dessen Folgen neue Facetten abgewinnt, dabei aber stets in seinen Blickwinkeln die Balance behält. Dass wir am Ende an Gräfs Schicksal genauso Anteil nehmen, wie an den Opfern des Angriffs auf die „Caribou“ legt Zeugnis über die Fähigkeiten des Autors ab und steht zudem sinnbildlich für den Irrsinn des Kriegsführens.

Komplettiert wird die deutsche Ausgabe des Pendragon-Verlags noch um ein informatives und politisch erstaunlich offensives Nachwort von Christian Adam sowie einige Fotos von u.a. der „Caribou“ und von U69. Auch aufgrund dieser liebevollen Ausstattung bleibt daher zu hoffen, dass dieses tolle Buch möglichst viele Leser findet.

Wertung: 87 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Kevin Major
  • Titel: Caribou
  • Originaltitel: Land Beyond the Sea
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 344 Seiten
  • ISBN: 978-3865326836

The Eye That Never Sleeps …

© Diogenes

Wenn du es nicht bereits schon vorher auf die harte Tour lernen musstest, bekommst du es spätestens in der Ausbildung zum Buchhändler beigebracht: „Don’t judge a book by it’s cover.“ Und doch ist man nach einigen Jahren im Beruf und mitsamt der angesammelten Erfahrung nicht ganz dagegen gefeit, sich über gewisse Buchumschläge triggern zu lassen. Das kann von Leser zu Leser variieren, mag bei dem einen stärker ausgeprägt sein, als bei dem anderen, aber letztendlich kauft doch das Auge mit.

In meinem Fall bin ich äußerst anfällig für Motive aus dem viktorianischen Zeitalter, meist repräsentiert durch einen nebligen Straßenzug und eine schattenhafte, fast schwarze Gestalt, gekleidet in Sackmantel, Gehrock und Zylinder. Früh beeinflusst durch Doyles Geschichten um Sherlock Holmes, hat sich diese Epoche der englischen Geschichte fest im Kreis meiner literarischen Vorlieben etabliert und sich seitdem – dank Autoren wie zum Beispiel Charles Dickens, H. G. Wells oder Bram Stoker – quer durch alle Gattungen und Genres ausgebreitet. So ist es also wenig überraschend, dass auch der, bereits 2016 im Original veröffentlichte Roman „Die Frau in der Themse“ von Steven Price, den Weg in meine Hände gefunden hat.

Nur um von da erst einmal schnurstracks in die hauseigene Bibliothek zu wandern, denn es bedurfte einer gewissen Muse, um diese knapp 1000 Seiten Umfang in Angriff zu nehmen und dem Roman die von ihm eingeforderte Zeit zu widmen. Und so viel darf vorangestellt werden: Zeit sollte man bei der Lektüre von Price‘ Werk mitbringen, verlangt uns der kanadische Autor doch in seine Art des nichtlinearen Erzählens ein gesundes Maß an Geduld ab, weshalb sich „Die Frau in der Themse“ von Anfang an einer schnelleren Gangart widersetzt und damit nur bedingt zum typischen Page-Turner taugt, den man mal eben nebenbei an ein, zwei Abenden wegschmökern kann. Überhaupt sollte jedem interessierten Käufer, der über diesen Titel in seiner bevorzugten Buchhandlung ausgerechnet im Bereich des Spannungsliteratur gestolpert ist, gewarnt sein – ein Kriminalroman im klassischen Sinne ist dies nicht, und, was zwischen den Zeilen immer wieder deutlich wird, sollte es wohl auch nie sein. Die Tatsache, dass sich der Autor da allerdings selbst mit der Gewichtung mitunter schwer getan hat, tut der Handlung nicht immer gut.

Diese nimmt ihren Anfang in London, im Januar des Jahres 1885. William Pinkerton, berühmt-berüchtigter Erbe der gleichnamigen Detektei aus Chicago, ist über den Atlantik gereist, um einen Geist zu jagen. Sein Name: Edward Shade. Für den ominösen Ganoven und Tresorknacker hatte Williams kürzlich verstorbener Vater Allan, Gründer der Pinkerton-Agentur, über die Jahre eine regelrechte Obsession entwickelt, welche auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn bis zuletzt belastet hat. Doch gibt es diesen Edward Shade überhaupt wirklich? Verbissen dieses Geheimnis endlich zu lüften, führt ihn ein Hinweis in die Metropole an der Themse, wo er dessen Komplizin Charlotte Reckitt aufzuspüren versucht. Als William sie inmitten der dunklen, schattenhaften Gassen endlich ausfindig macht, kann sie ihm auf spektakuläre Art und Weise entwischen – nur kurze Zeit später wird ihre grausam zerstückelte Leiche an den Ufern der Themse angespült. Aber handelt es sich bei dem verstümmelten Körper auch um Charlotte Reckitt?

Williams Zweifel werden auch von Adam Foole geteilt, einem gewieften Dieb, den Charlotte kurz vor ihrem schrecklichen Ableben um Hilfe gebeten hat. Einst ein Liebespaar, will Foole die Vergangenheit nicht einfach hinter sich lassen und beschließt den mysteriösen Umständen ihres Todes nachzugehen. Es kommt, wie es kommen muss. Die Wege von William Pinkerton und Adam Foole kreuzen sich – und die zwei komplett unterschiedlichen Charaktere müssen zusammenarbeiten, um in der Unterwelt Londons den Mörder ausfindig zu machen …

Eine gesetzlose, geheimnisvolle Frau, die mit ihren Coups in der Vergangenheit ihre Verfolger in Erstaunen versetzt hat. Neben dem Titel, so legt auch der Text auf der Rückseite des Buchdeckels der Diogenes-Ausgabe nahe, dass Charlotte Reckitt, wenn sie die Geschichte nicht schon dominiert, so zumindest eine zentrale Rolle in ihr zu spielen hat. Dabei werden Erwartungen geweckt, welche „Die Frau in der Themse“ letztlich nicht erfüllen kann. Zwar befinden sich sowohl Foole als auch Pinkerton auf der Suche nach ihrem Mörder, aber sie selbst bleibt für uns als Leser über einen großen Zeitraum überhaupt nicht greifbar. Price gewährt uns tatsächlich einige Einblicke in ihre Vergangenheit – so wird u.a. ihre vergangene romantische Beziehung mit Foole in Südafrika näher beleuchtet und die komplizierte Beziehung zu ihrem Vater Martin Reckitt thematisiert – dem Kern ihrer Figur kommen wir aber dabei kein Stückchen näher. Und sie ist letztlich tatsächlich auch nicht weiter wichtig für die Entwicklung der Ereignisse, die sich in erster Linie um den rätselhaften Edward Shade drehen, dem großen Mister Unbekannt des Romans – und damit meines Erachtens genau das Element, an dem sich Steven Price am Ende verhebt.

Aber zuvor zu den positiven Aspekten des vorliegenden Buchs, bei denen sich einer besonders deutlich hervortut: Die Atmosphäre. Price‘ stimmungsvolle Beschreibungen des Molochs London sind derart plastisch und unmittelbar, dass man als Leser sich dem nicht entziehen kann. Der Schlamm in den Gassen. Der feuchte, wabernde Nebel über der Themse. Die von Gaslaternen nur ungenügend ausgeleuchteten Straßenzüge. Der Lärm der Droschkenräder und klappernden Hufen auf dem Kopfsteinpflaster. Der betäubende Geruch der Spelunken und Opiumhöhlen. Die verlebten, zernarbten Gesichter der Ärmsten unter den Armen. „Die Frau in der Themse“ überwindet die Grenzen des Mediums Buch und verwandelt sich vor unserem inneren Auge in ein Erlebnis für alle Sinne, das uns ganz und gar gefangen nimmt – und nachhaltig beeindruckt. Wenn wir an der Seite von Pinkerton über einen knarzenden Holzsteg rennen, den alt gewordenen Martin Reckitt in den dunklen Gemäuern des Millbank-Gefängnisses (übrigens auch ein Schauplatz in Dickens „Bleakhouse“) seine Aufwartung machen oder im schummrigen Licht eines Salons einer Séance beiwohnen – dann spielt dieser Roman äußerst machtvoll seine Stärken aus, weckt Erinnerungen an Klassiker wie Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ oder Wilkie Collins‘ „Die Frau in Weiß“, vor denen sich – und dieses große Lob muss man zollen – Price‘ sprachlich nicht verstecken muss.

Obwohl der Roman mehr als drei Jahre vor den Morden Jack the Rippers spielt, so nutzt doch Price trotzdem die Gelegenheit, um genau die Umstände zu kennzeichnen, welche es dem berüchtigten Serienmörder begünstigen sollten, sich unentdeckt und unbehelligt seine Opfer auszusuchen. Einst ein Ort der Hoffnung auf ein besseres Leben, ist das London zum Ausgang des Jahrhunderts längst ein Menetekel geworden, ein abschreckendes Beispiel für all die negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung. Inmitten der Menschenmassen bedeutet das Individuum nichts mehr, verdorrt das zarte Pflänzchen Empathie schon früh in den düsteren Schatten der schmalen Straßen. Verzweiflung allerorten – und mittendrin Pinkerton und Foole, welche sich beide auf ihre Art und Weise mit diesen Widrigkeiten auseinandersetzen. Letzterer zumeist in Begleitung seines schlagkräftigen Dieners Japheth Fludd und der jungen Diebin Molly. Price nimmt sich viel Zeit, ihre Hintergründe zu beleuchten und ihre einzelnen Geschichte miteinander zu verbinden. Und ja, er nimmt sich am Ende leider zu viel davon.

Wann immer sich die Ereignisse in London zuspitzen, die Katz-und-Maus-Jagd der beiden ungewöhnlichen Partner und Kontrahenten in eine entscheidende Phase geht und der ziselierte Schauer nebelgleich die Temperatur um uns herum herunterkühlt, bremst der Autor unseren Lesefluss aus, um stattdessen, zwischen den zeitlichen Ebenen springend, vor dem Hintergrund des amerikanischen Sezessionskrieges, die Werdegänge beider Hauptprotagonisten ebenso detailreich auszuwalzen. Eben noch im kalten, winterlichen London, sollen wir nun an der sommerlichen Front mit den Soldaten der Unionstruppen schwitzen und schnurstracks in den Kugelhagel marschieren.

Keine Frage, auch auf diesem Schauplatz kann Price stilistisch überzeugen, zahlt dafür aber einen hohen Preis. Dadurch dass sich diese Rückblicke bis in das letzte Drittel des Romans ziehen, wird immer wieder aufs Neue das Momentum verschleppt und nebenbei – und das ist vor allem im Hinblick auf die entscheidende Frage, ob es Edward Shade gibt und wer er ist, wichtig – der richtige Zeitpunkt für den Aha-Effekt komplett verpasst. Soll heißen: Wenn der Autor in dieser Hinsicht endlich deutlich wird, haben wir das „Rätsel“ schon lange selbst gelöst. Dennoch müssen wir über viele Seiten beobachten, wie die Hauptprotagonisten noch weiter mit dieser Ungewissheit leben. Das ist, hart gesagt, einfach schlechtes Storytelling und schlichtweg auch ein Versäumnis des Lektors, der hier viel öfter und radikaler den Rotstift hätte ansetzen zu müssen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die wohl bekannteste fiktive Figur des viktorianischen Zeitalters, der große Meisterdetektiv Sherlock Holmes, in seinem Debütauftritt in „Eine Studie in Scharlachrot“ ein ähnliches Schicksal erleiden musste.

Was bedeutet das nun für das Fazit zum Roman? Steven Price ist ganz ohne Zweifel ein sprachlich eindrucksvolles Gemälde des London im 19. Jahrhundert (und besonders dessen Unterwelt) gelungen, welches einfallsreich, gekonnt und augenzwinkernd mit den Elementen des klassischen Schauer -und Sensationsromans spielt, über die gesamte Distanz aber recht deutlich an seiner fehlenden Kohärenz und der überbordenden Epik krankt – gerade die Thematik rund um die Geschichte der Pinkertons hätte hier locker genug Stoff für ein eigenes Buch hergegeben – und an ihr in gewisser Weise auch scheitert. Dreihundert Seiten an den richtigen Stellen weniger, sie hätten „Die Frau in der Themse“ gut getan.

Wertung: 82 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Steven Price
  • Titel: Die Frau in der Themse
  • Originaltitel: By Gaslight
  • Übersetzer: Anna-Nina Kroll, Lisa Kögeböhn
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 09/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 928 Seiten
  • ISBN: 978-3257070873

The Spirit of the Hawk

© Kampa

Ein Debütroman, tatsächlich? So in etwa meine etwas irritierte gedankliche Reaktion nach der Lektüre der ersten paar Seiten von „Hundesohn“, mit der uns die in Pinneberg geborene Autorin ein literarisches Brett um die Ohren haut, das durch seine brachiale Sprachgewalt beim Leser eben genau jene verschlagen lässt. Frau Schulz, verfluchte Scheiße, wo haben sie denn die letzten Jahre gesteckt und verdammt nochmal, wieso durfte der Scheck ihr Erstlingswerk nicht bereits säuberlich auf seinen Empfehlungsstapel ablegen?

Zumindest auf letzte Frage kann ich mir selbst die Antwort geben, werden doch viel, viel zu wenige dieses scharfkantige und dreckige Juwel zwischen den auf Hochglanz polierten, aber auch beliebigen und geschwafelten Auswürfen entdeckt haben. Ein Grund mehr für mich, das Tastaturpedal mit vollem Anschlag im Boden zu versenken und für begeisternde Adjektive möglichst viele Vokale rauchen zulassen – denn hier ist höchstes Lob nicht nur verdient, es ist kurzum verpflichtend, trauen sich doch nur wenige deutsche Autoren/-innen solch schneidende, auf Vollgas geflexte Sprache zu und bringen diese dann noch derart geschliffen, fantasievoll und – das ist besonders zu betonen – authentisch auf Papier.

Dass es auf der Reeperbahn nachts um halb eins mitunter äußerst rau zur Sache geht, sollten selbst die im Ohrensessel strickenden Vertreter der Lesergemeinde mittlerweile mitbekommen haben. Doch nicht immer wird die Literatur diesem in Deutschland sicherlich einzigartigen Milieu gerecht, erwacht die Welt der Luden, tofften Berber, Patienten und Schmiermichel so plastisch zum Leben, wie in Schultz‘ Erstlingswerk „Hundesohn“. Der Kiez, er ist, wenn auch nicht direkt von Beginn an, so etwas wie die zweite Hauptfigur dieses Romans, welcher sich partout nicht irgendeinem Genre zuordnen lassen will und in der Sparte moderne Unterhaltung genauso gut zuhause ist, wie im Krimi-Regal. (Mein Rat, liebe Buchhändler, stellt ihn am Besten in beide Abteilungen!) Überhaupt wartet die Geschichte mit einer Vielzahl von Ebenen und einer auf den ersten Blick so nicht vermuteten Vielschichtigkeit auf, die wir nur nach und nach durchdringen, stets aufs Neue überrascht über das, was vom Protagonisten – und vor allem von dessen Vergangenheit – zutage gefördert wird. Womit wir bei der ersten Hauptfigur wären, die gleich zu Beginn mitansehen muss, wie sein Allerheiligstes in Flammen aufgeht.

Sommer 1989, irgendein Provinzkaff in Norddeutschland. Herbert, den alle nur unter dem Namen Hawk kennen, traut seinen Augen kaum, als er die Bar verlässt und anstatt seines geliebten Alfa Romeo Alfasud, liebevoll „Miss Stetson“ genannt, nur noch eine brennende Blechfackel vorfindet. Nur mit Mühe kann ihn die versammelte Menge von einem vergeblichen Rettungsversuch abhalten, in deren Verlauf er nicht nur seine Augenbrauen verliert, sondern es auch noch zu einem ausgewachsenen Handgemenge kommt. Die Polizei ist im Anschluss, für Hawk wenig überraschend, bei der Aufklärung dieser offensichtlichen Brandstiftung nur von geringer Hilfe. Doch er ahnt ohnehin bereits, dass der Täter nicht aus der Gegend, aber vielmehr aus seiner eigenen Vergangenheit stammt. Vor einigen Jahren hatte Hawk noch für die Kiezgröße Verfurth illegale Drogen-Touren durch halb Europa gefahren und musste irgendwann aufgrund eines verhängnisvollen Fehlers Hamburg den Rücken kehren – und versprechen nie wieder dessen Gebiet zu betreten. Als schließlich auch noch Hawks Wohnung verwüstet wird – diesmal hinterlässt der Unbekannte als Gruß das Wort „Bastard“ im Sofapolster – hat er jedoch die Faxen dicke. Was Verfurth nicht weiß: Hawk bewahrt seit Jahren belastendes Material gegen ihn in einem Schließfach auf. Sollte er derjenige sein, der eine Rechnung mit ihm offen hat, will er sich dieser Auseinandersetzung stellen. Und außerdem bietet sich damit auch die Gelegenheit Lu wiederzusehen, die er einst in der Kneipe „Les fleurs du mal“ hinter der Theke kennenlernte und bei der er sich immer noch eine zweite Chance erhofft.

Als Hawk jedoch auf St. Pauli eintrifft, muss er erkennen, dass längst nicht alle Leichen in den Kellern verwest sind. Die Unterwelt – sie hat einen langen Arm und ehe er sich versieht, hält ihn das kriminelle Treiben im Kiez wieder eng umschlugen. Und Hawk muss sich auf mehr als eine Art den Dämonen seiner Vergangenheit stellen …

Soweit sei der Plot angerissen und damit eigentlich auch schon zu viel preisgeben, denn so geradlinig wie hier geschildert, verläuft die Handlung bei weitem nicht, wechselt Sonja M. Schultz doch immer wieder zwischen den zeitlichen Ebenen, um mehr und mehr aus Hawks Leben zu enthüllen und letztlich auch dem Titel des Buchs Rechnung zu tragen. Um Spoiler zu vermeiden, gehe ich hierauf mal nicht näher ein, möchte aber erwähnen, dass Hawk einst mit 16 Jahren von zuhause aus ganz bestimmten Gründen ausriss. Vom Süden in den hohen Norden nach Hamburg, wo er Anfang der 60er mitten auf St. Pauli in einem Heim für Seemänner ein billiges, aber sicheres Quartier fand. Bis ihn das große Geld lockte und die Gier das Denken für ihn übernahm. Der Anfang einer Abwärtsspirale und einer Achterbahnfahrt, in der Hawk größtenteils kotzend über dem Handlauf hing, von äußeren Einflüssen hierhin und dorthin getrieben – und vor allen nie Herr über das eigene Schicksal.

Schultz‘ grobschlächtiger, eiskalter und auch etwas tumber Protagonist taugt in keinster Weise zum Sympathieträger, findet aber doch ohne größere Umwege Zugang zu unserem Herzen, denn irgendetwas in seinem fortwährenden Scheitern, irgendetwas an dieser alles durchdringenden Tragik spiegelt auch das Menschliche wieder. Hawk mag der Feder einer Autorin entstammen – sein Lebenslauf und auch der Umgang mit seiner Vergangenheit ist aber bar jeder Künstlichkeit. Die Schläge auf die Fresse und die Brüche in seinem Herzen, welcher er immer wieder kassiert bzw. sich zuzieht – sie sind das logische Resultat der äußeren Umstände, unter denen er aufwächst und letztlich erwachsen wird. Zu einem Mann unter Männern, welche sich zwar allesamt über dicke Oberarme, dickere Karren und ein noch dickeres Bankkonto definieren, letztlich aber selbst oft an ihren eigenen, geringen Ansprüchen scheitern. Und auch Hawk taumelt, fällt, rappelt sich auf und schafft es doch nie heraus aus diesem Teufelskreis, kann diesen Mühlstein nicht ablegen, der ihn stets aufs Neue nach unten zieht und wuchtig zu Boden schickt.

Wie Sonja M. Schultz, selbst Baujahr ’75, den Sound der späten 60er/frühen 70er und vor allem die letzten Monate vor dem Mauerfall wieder zum Leben erweckt – das ist im besten Sinne des Wortes großes Kino, spielt sich doch vor den Augen des Lesers ein Film ab, der in seiner Zusammensetzung auch immer Querschnitte mit unseren eigenen Erlebnissen und damit auch Empfindungen aufweist. Die Passagen, welche sich im Sommer ’89 zutragen, fangen den ganz eigenen, rhythmischen Sound dieser Zeit des Aufbruchs hervorragend ein. Dieses Gefühl von neuen Möglichkeiten, von einer Zukunft, in der die Karten neu gemischt werden, ein jedem ein gänzlich frisches Blatt zuteil wird. Für Hawk ist das aber ein harter, von Tiefschlägen gesäumter Weg. Der kleinbürgerliche Mief, das rückwärtsgewandte Leben – es klebt lange an ihm wie seine verschwitzte Lederjacke. Hartknäckig und von einem fahlem Geruch, der auf dem Kiez trotz all der bunten Lichter unterhalb der Elbkähne und dem Hamburger Fernsehturm selbst den halbseiden-glänzenden Ludewigs anhaftet. So überwiegt bei all dem Dreck, der Niedertracht und der Gewalt am Ende auch die Traurigkeit. Eine Trauer über verpasste Chancen und falsche Entscheidungen – und eine nie ganz greifbare Melancholie, die uns vor allem dann überkommt, wenn Hawk die Kneipe seiner Angebeteten betritt.

Hawk, er ist so etwas wie ein gefallener Schimanski. Ein Typ mit einem gewissen Spirit, der immer wieder aneckt, nirgendwo gern gesehen ist, nie das Richtige zur richtigen Zeit tut – und doch am Ende halt auch ein Kämpfer, welcher trotzig die Schläge kassiert, die ihm das Leben in mehreren Runde um die Ohren haut.

Hundesohn“ – das ist ein in allen Belangen gelungener literarischer Boxkampf durch ein verpfuschtes Leben und eine Hommage an einen Teil der Gesellschaft, den alle anderen schon längst abgeschrieben haben. Ein turbulenter, wendungsreicher, stahlharter, aber auch augenöffnender Roman über alte Wut und die Schatten der Herkunft, der besonders aufgrund seiner ungefilterten Ehrlichkeit und dank Schultz‘ wahrhaftig einzigartiger Sprache glänzt:

Über dem Hafen hing der Nebel. Die Lichtkegel der Laternen kämpften sich durchs milchige Gras. Hier konnte einer abhauen und wiederkommen, dem Hafen war’s egal, und wenn du krepierst, macht das auch keinen Unterschied, dann kommen andere und torkeln über das glatt gestoßene Kopfsteinpflaster, die Ritzen voll mit Kronkorken, Kippen und vermasseltem Leben.“

Für mich eine der, wenn nicht gar DIE Entdeckung meines persönlichen Lesejahres 2020 und damit eine nachhaltige Empfehlung für alle Freunde dieses Blogs.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Sonja M. Schultz
  • Titel: Hundesohn
  • Originaltitel:
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3311100133

All alone dancing in the dark

© Rowohlt

Louis-Ferdinand Célines „Reise ans Ende der Nacht“ ist eins der wenigen Bücher, das sich bis heute einer Bewertung meinerseits entzogen hat, weil dieser Klassiker der Weltliteratur, welcher wohl zweifelsohne zu den einflussreichsten Titeln des vergangenen Jahrhunderts zählt, nicht mit den üblichen Wertemaßstäben zu messen ist.

Ob Charles Bukowski oder Bret Easton Ellis – das 1932 veröffentlichte Werk hat mit seiner Sprache ganze Generationen von Schriftstellern geprägt, gilt als Mutter des schmutzigen und wütenden Romans. Viele haben seitdem versucht, Célines Stil zu kopieren, das Vulgäre und Ordinäre zu verwenden, um ein ähnliches Kunststück abzuliefern. Die wenigsten hatten hierbei Erfolg. Célines Sprachmelodie, sein Rhythmus, die schonungslose und drastische Art des Erzählens bleiben bis heute unerreicht und scheinen keinerlei Verfallsdatum unterworfen. „Reise ans Ende der Nacht“ könnte gestern oder heute geschrieben worden sein – zeitlos seine Thematik und die Verpackung, in der es dem Leser regelrecht um die Ohren gehauen wird. Warum aber findet Céline dann so selten Erwähnung, wenn es um die Wurzeln dieser literarischen Gattung geht? Warum weigern sich viele Kritiker seit Jahren beharrlich, diesem Werk die durchaus verdiente Anerkennung zuteil werden zu lassen?

Um das verstehen zu können, muss man einen Blick auf das Leben nach „Reise ans Ende der Nacht“ werfen, auf Célines Antisemitismus, den er spätestens ab 1937 auch in Pamphleten immer lautstärker und unverhohlen äußerte. Auf einen Judenhass, der dem der Nationalsozialisten in Deutschland zur selben Zeit in nichts nachstand – und von dem er sich auch viele Jahre später nie distanzierte. Ein Grund Céline zu ignorieren? Oder anders gefragt: Kann man einen Roman preisen, dessen Schöpfer in seinem Gedankengut unvereinbar mit den Werten war, die unsere heutige Generation, auch in Frankreich, hochzuhalten versucht? Fakt ist jedenfalls: In „Reise ans Ende der Nacht“ ist davon weder etwas zu spüren noch zu lesen. Lediglich sein unversöhnlicher Hass tritt bereits hier deutlich zutage – allerdings in Bahnen gelenkt, die eher linke und anarchistische Züge haben, als antisemitische Tendenzen. Und dieser Hass, diese unversöhnliche, unverhüllte Wut ist es, die Célines Roman für mich so einzigartig, so beeindruckend, ja, so tiefgreifend und bewegend macht.

Nur knapp zehn Jahre nachdem Proust das literarische Hochfranzösisch auf eine neue Ebene gehoben, die Raffinesse der Sprache in den Augen vieler perfektioniert hat, geht Céline den vollkommen gegensätzlichen Weg. Sein Französisch ist das der Pariser Vororte. Eine dreckige, knarrende, knappe Umgangssprache, welche sich im Vergleich zum ausgeklügelten Satzbau Prousts wie eine fortwährende Pöbelei ausnimmt. Sie will weder verzaubern noch verführen, sondern ist gesprochenes Wort, geäußerter Gedanke, hervorbrechendes Gefühl. Kurzum: Sie ist aus der Seele, ohne Überlegung geschrieben – und gerade darum bis heute so modern. Und in ihr verliert sich fast die eigentliche Geschichte, welche von der Lebensreise eines etwas anderen Helden erzählt, dessen Reise ans Ende der Nacht mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnt und der den Leser von den französischen Kolonien in Afrika, über New York und Detroit bis zurück nach Paris führt.

Ferdinand Bardamu ist feige, verschlagen, egoistisch – kurzum ein Produkt der finsteren Gesellschaft in der Zwischenkriegszeit, deren Wandel wir dank dem Ich-Erzähler aus der Perspektive des Erniedrigten, des Mannes am Boden wahrnehmen. Wie in einem dauerhaften Trommelfeuer schreit Bardamu uns seine Gefühle entgegen, all die Angst, den Hass, die Verzweiflung – geboren aus der empfundenen Ungerechtigkeit, der er Zeit seines Lebens davonzulaufen versucht und die ihn, der Finsternis einer Nacht gleich, doch immer wieder einholt. Diese ewige Flucht vor den äußeren Umständen diktiert gleichzeitig auch das Tempo des Romans, das von Beginn an unheimlich hoch ist. Céline lässt Bardamu gegen alle Widerstände und Hindernisse anrennen, zertrümmert Hoffnungen bereits direkt in ihrem Keim. In „Reise ans Ende der Nacht“ ist kein Raum für Träumereien oder Illusionen, keine Errungenschaft, Entwicklung oder Idee, welche nicht vom Autor durchleuchtet, zerfetzt und verworfen wird.

Während Bukowski, der sein Vorbild Céline gar als fiktiven Charakter in seinem Roman „Pulp“ einbaute, selbst noch dem miesesten Drecksloch einen Funken Schönheit und etwas Besonderes abgewinnen kann, überwiegt hier das Schlechte – in all seinen Ausprägungen. Hinter jeder ausgesprochenen Wahrheit entdeckt Céline die Lüge, hinter jedem guten Menschen den charakterlichen Abgrund. Mit bitter-zynischer Stimme demaskiert er die so genannten Werte der westlichen Kultur, rechnet er mit Kirche und Staat genauso ab, wie mit arm und reich. Die heilige Heimat Frankreich, der Patriotismus der Grande Nation – genauso eine Zielscheibe für Célines triefenden Hohn und Spott wie Militarismus und Kolonialherrlichkeit. Wie Joseph Conrad in seinem „Herz der Finsternis“, so ist auch dieser Blick ins koloniale Afrika schonungslos und ernüchternd. Bemerkenswert dabei: Céline beschränkt sich in seinen radikalen Angriffen auf keinerlei Seite. Dekadente Kolonialherren werden genauso zerlegt wie die tumben Ureinwohner, die des Mitleids nicht Wert zu sein scheinen. Die Überheblichkeit der Großbürger in den Pariser Vororten wird genauso angeprangert, wie das scheinheilige Streben und letztendliche Scheitern der Kleinbürger, für deren Ängste der Autor nur Verachtung übrig hat.

Reise ans Ende der Nacht“ ist gedruckte, zügellose Wut – eine urgewaltige, unversöhnliche Abrechnung, die selbst vor dem „American Way of Life“ nicht halt macht und uns u.a. durch die Fabrikarbeit in der boomenden Autostadt Detroit die Entwertung des menschlichen Lebens in all seinen Facetten vor Augen führt. Für den Leser ist diese Reise genauso schwer erträglich wie fassbar. Célines Worte fahren wie eine Sense durch das Korn, stutzen alles auf den Ursprung zurecht, enthüllen die Verlogenheit selbst da, wo wir sie selbst nicht sehen wollen. Und gerade die Tatsache, dass es ganz normale Leute sind, die im Mittelpunkt der Handlung stehen, macht dabei die Wirkung des Romans aus. Es sind ihre Ängste, ihre Schwächen, die letztlich genauso viel Böses bewirken, wie die großen Diktatoren oder Verbrecher. Die Sünde, die in jedem zu lauern scheint.

Als „Reise ans Ende der Nacht“ erschien, wurde Louis-Ferdinand Céline schlagartig berühmt, aber auch berüchtigt. Die Sprache polemisierte, der revolutionäre Stil brachte ihm Bewunderung und Ablehnung gleichermaßen entgegen. Von der Bewunderung ist heute vor allem in seinem Heimatland aufgrund seiner späteren Haltung gegenüber den Juden nicht mehr so viel geblieben. Die Wirkung seiner frühen Bücher, vor allem dieses Werks, bleibt bestehen – es ändert aber nichts daran, dass der Mensch Céline – ein Antisemit durch und durch – grundsätzlich abzulehnen ist. Entsprechend habe ich seine ab Mitte der 30er verlegten Veröffentlichungen hier auch gekennzeichnet.

Zum Zeitpunkt meiner ersten Lektüre war mir Célines Biographie nicht bekannt, weshalb ich das vorliegende Werk auch davon unbeeinflusst besprochen habe. Losgelöst von dem Jahre später offen gezeigten Antisemitismus, war es für mich der beeindruckendste literarische Rundumschlag, den ich bis dato gelesen habe – auch dank der hervorragenden Übersetzung! Tragikomisch, traurig, brutal und doch auch immer wieder erschreckend feinfühlig – eine Reise ans Ende der Nacht eben, die mir aufgrund ihrer Kälte viel abverlangt und mich doch nie kalt gelassen hat.

Wertung: 100 von 100 Treffern

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  • Autor: Louis-Ferdinand Céline
  • Titel: Reise ans Ende der Nacht
  • Originaltitel: Voyage au bout de la nuit
  • Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 05.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 672 Seiten
  • ISBN: 978-3499236587