When you need a little coke and sympathy …

© Goldmann

Obwohl das Buch „Ein eisiger Tod“ heißt und im tiefsten Edinburgher Winter spielt, ist es in Ian Rankins Haus in Südfrankreich entstanden, größtenteils bei sengender Sommerhitze. Überhaupt ist der deutsche Titel mal wieder irreführend, hat er doch keinerlei Bezug zum eigentlichen Inhalt zwischen den Buchdeckeln. Ganz anders als der englische Buchname „Let it bleed“, ein Wortspiel, das genauso „lass es bluten“ wie „lass die Luft aus der Heizung raus“ bedeuten kann. Und so ist auch das Einzige, was Rebus in diesem Buch zur „Ader lassen muss“, ein Heizkörper. Keine Spur von einer vereisten Leiche.

Über reine Mordermittlungen ist Ian Rankin mittlerweile ohnehin erhaben. Stattdessen schafft er es erneut, Rebus‘ Nachforschungen auf eine komplexere Ebene zu heben und mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen in Schottland zu verknüpfen. So jagt der hartnäckige schottische Bulle diesmal auch keinen soziopathischen Serienmörder, sondern das politische und wirtschaftliche Establishment, industrielle Großkonzerne und ambitionierte Volksvertreter, welche für das „große Ganze“ die Gesetze bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit biegen und notfalls auch brechen. Sie sind es gewohnt, dass alles nach ihrer Pfeife tanzt. Nur einer widersetzt sich diesem Rhythmus – Detective Inspector John Rebus.

Dessen neuer Fall beginnt für einen Krimi von Ian Rankin äußerst rasant mit einer nächtlichen Verfolgungsjagd durch Edinburgh. Detective Inspector John Rebus und sein Vorgesetzter Frank „Fart“ Lauderdale haben sich an die Stoßstange eines flüchtenden Wagens geheftet, dessen zwei Insassen möglicherweise die Tochter des Lord Provost Kennedy, einen der einflussreichsten und mächtigsten Männer der Stadt, entführt und Lösegeld gefordert haben. Bevor sie beide jedoch stellen können, kommt es auf der vom Schneesturm umtosten Forth Road Bridge zu einem spektakulären Unfall, in dessen Folge Lauderdale sein Bewusstsein verliert. Rebus, der sich gerade so aus dem Autowrack schälen kann, gelingt es zwar die beiden Flüchtigen zu stellen, kann aber nicht mehr beruhigend auf sie einwirken. Als er ihnen näher kommt, stürzen sich die beiden jungen Männer in den Freitod.

Auch wenn er nach außen hin derselbe bärbeißige Ermittler wie immer ist, setzt Rebus der schreckliche Vorfall sehr zu. Er fühlt sich für den Tod der Jungen verantwortlich und beginnt Nachforschungen anzustellen, nur um relativ schnell festzustellen, dass die Spur bis in die höchsten politischen Ämter Schottlands zu führen scheint. Und da man dort nicht will, dass zukünftige Investitionen und Prestigeprojekte wegen eines einzigen Polizisten in Gefahr geraten, lässt man Rebus bald kalt stellen. Doch den hält selbst seine „Beurlaubung“ nicht davon ab, die Ermittlungen fortzusetzen. Im Gegenteil: Rebus, dessen Privatleben auch wegen der Trennung von Patience mittlerweile ein einziger Schutthaufen ist, stürzt sich mit dem Mute der Verzweiflung ins Getümmel …

Ein eisiger Tod“ ist diesmal weniger typischer Police-Procedural als vielmehr ein politischer Roman, da ein Großteil der Handlung von lokal- und landespolitischen Verwicklungen bestimmt ist und es letztlich um wesentlich mehr geht, als nur die simple „Whodunit“-Frage. Rankins Schurken hier sind nicht die Gegner, welche er sonst durch Edinburghs Gassen jagt, sondern seine Vorgesetzten, seine politischen Vertreter, illustre Industrielle und Immobilienspekulanten. Sie sind es, die jedes mögliche Schlupfloch im Gesetz ausnutzen, um (zum Vorteil aller und besonders für sich selbst) Schottland in eine neue, globalisierte Zukunft zu führen. Was ist die Leiche eines Sträflings gegen Millionen Arbeitsplätze? Was ist die Karriere eines Polizisten im Vergleich zum Image der gesamten schottischen Nation? „Nichts“ ist die Antwort, die von Seiten der elitären Verschwörer auf beide Fragen gegeben wird und die es John Rebus in seinem siebten Fall so schwer macht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Denn was ist Gerechtigkeit überhaupt? Ian Rankin lässt seinen noch tiefer gefallenen Helden über dieselben Zweifel straucheln und stolpern, welche auch den Leser nicht unberührt lassen. Unwillkürlich versetzt man sich an Rebus‘ Stelle und fragt sich, wie man wohl an seiner statt handeln würde. Und wenn der verbissene Bulle, der nach Lauderdales Unfall nicht etwa selbst aufsteigt, sondern seine Ex-Geliebte Gill Templer als Vorgesetzte zugeteilt bekommt, seinen Kummer und Unmut im Whisky ertränkt, fühlt man mit.

In „Ein eisiger Tod“ sind die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwommen, heben sich die Gegensätze auf eine Art und Weise auf, dass die Nadel des moralischen Kompasses einfach nicht mehr zur Ruhe kommt. Rankin, dessen Buch immerhin schon 1995 veröffentlicht worden ist, beschreibt ein System, das wir auch im Deutschland der Jetztzeit nur zu gut kennen. Ein System, in dem Banker Milliarden verbrennen können, in dem Schmiergelder wie Bonbons verteilt werden, in dem ein Gewissen käuflich ist. Es zu Fall zu bringen fällt schwer, da man sich selbst an dem zu sägenden Ast befindet. Wen schert das Unrecht, das an einem Mann begangen wurde, wenn es dieses Unrecht war, das Perspektiven für tausende Menschen geboten hat? Es sind diese Denkansätze, welche auch nach der Beendigung der Lektüre von Rankins Roman im Gedächtnis bleiben und ihn aus der Masse des Mainstreams hervorheben. Gleichzeitig sorgen sie jedoch auch dafür, dass die gesamte Handlung nur äußerst zäh in Fahrt kommt.

Die gleichen verworrenen und für uns nicht nachvollziehbaren Praktiken innerhalb der Gremien der EU und den Großindustriellen, welche dem Missbrauch den Boden bereiten, sorgen passenderweise auch im Roman dafür, das man relativ schnell den Überblick verliert. Mehrere komplizierte Abkürzungen, politische Ämter und ganze Namensschwadronen machen von Beginn an eigentlich einen Notizzettel notwendig, um den roten Faden, der sich windet wie ein Lachs an der Angel, zu folgen. Das wird nicht jedermanns Sache sein und sicherlich viele dazu bringen, das Buch mit dem Prädikat „langweilig“ zu versehen oder gleich in die Ecke zu knallen. Dabei lohnt es jedoch sich gemeinsam mit Rebus den Kopf zu zermartern, da neben der üblichen Spurensuche weit größere Zusammenhänge ans Licht gezerrt werden, die als Spiegelbild ihrer Gesellschaft für Deutschland genauso gelten wie für Schottland. Denn dort wo der Bürger stumm und unkritisch bleibt, wo er alles glaubt und noch mehr glauben will, dort gedeiht das Verbrechen am Allerbesten.

Aufgelockert wird diese weit und ineinander verzweigte Handlung wieder mal von einer guten Prise schottischen Humors, den Rankin wieder punktgenau zu setzen weiß (Highlight ist sicherlich der ungewollte Tod von Patiences Kater Lucky – selbst ich als Katzenliebhaber konnte mir ein Lachen nicht verkneifen). Trotz all seiner privaten Probleme und Rückschläge, begeht der Edinburgher Autor gottseidank nicht den Fehler, bei dem Bemühen, seine Figuren menschlicher zu gestalten, John Rebus in der Düsternis versinken zu lassen. Während hinsichtlich dessen besonders die Skandinavier keine Grenzen zu kennen scheinen, bleibt Rebus stets glaubhaft, sein Handeln glaubwürdig. Auch deshalb weil ihm der Erfolg nicht immer zufällt und schon gar nicht bei jedem seiner Fälle sicher ist. Zur Not begibt sich der bissige Bulle auch in die unteren Ebenen der Gesellschaft, um zu bekommen was er will. Getrieben von dem Ziel für Recht zu sorgen und Recht zu haben, nimmt man schon mal die Hilfe von Berufsverbrechern in Kauf oder klaut Beweismaterial aus dem Müll von Verdächtigen. All das schildert Rankin mit schlafwandlerischer Sicherheit, durchsetzt von einer Spannung, die es trotz langatmiger Passagen unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Abschließend kann man sagen: Auch „Ein eisiger Tod“ wird Rebus-Freunde nicht enttäuschen, da Rankin sich treu bleibt und der Roman all das bietet, was die Reihe so einzigartig gemacht hat. Als langjähriger Leser der Bücher muss aber auch ich bemängeln, das sich der siebte Fall des sympathischen Arschlochs langsam entwickelt, sich äußerst sperrig liest und vergleichsweise wenig Höhepunkte bietet. Wer in die Serie reinschnuppern will, sollte lieber zu einem anderem Band greifen. Dieser ist, trotz aller Qualitäten („Ein eisiger Tod“ ist zweifelsfrei hervorragend konstruiert und literarisch auf höchstem Niveau), einer der schwächeren.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Ein eisiger Tod
  • Originaltitel: Mortal Causes
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 01.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3442454280

Der Junge und das Schwert im Stein

© Klett Cotta

Marion Zimmer-Bradley, Mary Stewart, Bernard Cornwell, Persia Woolley, Mark Twain. Die Liste der Autoren und Autorinnen, welche den britischen Mythos König Artus/King Arthur aufgegriffen und neu interpretiert haben, ist lang und kann sich durchaus sehen bzw. lesen lassen.

Alle haben auf ihre Weise die Geschichte über den erhabenen Begründer der Tafelrunde, seinen Lehrer Merlin, Morgan Le Fay, Guinevere und Lancelot nachbearbeitet, umgestaltet und jeweils verschiedene Erzählperspektiven gewählt, um diese sagenumwobene Gestalt, deren Ursprünge bereits im 9. Jahrhundert zu finden sind, lebendig werden zu lassen. Ein Großteil stützt sich dabei auf die älteste überlieferte Artusgeschichte, die „Historia Regum Britanniae“ („Geschichte der Könige Britanniens“) von Geoffrey of Monmouth (um 1135) und Sir Thomas Malorys „Le Morte D’Arthur“ (posthum veröffentlicht 1485). Auffällig ist, dass in den meisten Adaptionen Artus selbst nur eine schwache oder widersprüchliche Rolle spielt, wohingegen seine Wegbegleiter zu eigenen Helden oder zu die Handlung tragenden Hauptfiguren stilisiert werden. Eine der wenigen Ausnahmen ist „Der König auf Camelot“ von Terence Hanbury White.

Der in Bombay, Indien geborene Schriftsteller White begann mit der Arbeit an dem vierteiligen Epos „Der König auf Camelot“ fast zu selben Zeit wie J.R.R. Tolkien an „Der Herr der Ringe“. Und wie bei diesem lagen zwischen Beginn und Fertigstellung seines Werks gleich mehrere Jahrzehnte. Die ersten drei Bücher entstanden in den Jahren 1938, 1939 und 1940, unter dem Eindruck des beginnenden Zweiten Weltkriegs, welcher den Autor und damit letztlich auch seine Romane stark geprägt hat. Im Jahr 1958 folgte dann der vierte Band als Teil einer Gesamtveröffentlichung. Auf eine deutsche Übersetzung musste man bis zur zweibändigen Ausgabe von 1976 warten, der 2004 schließlich eine Neuausgabe bei Klett Cotta folgte, in welcher alle vier Bücher enthalten sind. Der Inhalt der einzelnen Geschichten sei an dieser Stelle kurz angerissen:

Das Schwert im Stein“ (Erstes Buch):
Dieses Buch führt den Leser zurück in die Jugendzeit von Artus bzw. Arthur, die als Ziehsohn Sir Ectors vergleichsweise sorgenfrei ausfällt. Allerdings spielt der Junge, der von allen nur „Wart“ (Warze) genannt wird, nur eine untergeordnete Rolle neben Sir Ectors leiblichem Sohn Kay, welcher in späteren Jahren die Nachfolge des Ritterguts antreten soll. Warts Träume sind bescheiden. Ihm reicht es eines Tages als Schildknappe seinem Stiefbruder zu dienen. Eine Einstellung, die sich erst nach dem Zusammentreffen mit Merlin langsam ändert.

Der magische und zerstreute Zauberer, welcher „rückwärts“ in die Zukunft lebt, übernimmt die Bildung des Jungen (dessen Schicksal er ja bereits kennt) und verwandelt ihn immer wieder in verschiedene Tiere, damit dieser die unterschiedlichen Lebensphilosophien studieren und daraus lernen kann. In der Gestalt eines Fisches macht er Bekanntheit mit dem einsamen, als Tyrann herrschenden Hecht im Burggraben. Er erlebt das militärische und unpersönliche System der kriegführenden Ameisen und verbringt eine Nacht im Haus der Beizvögel, welche in ihrer Art an eine Fliegerstaffel der Royal Air Force gemahnt. Am meisten prägt ihn jedoch sein Ausflug mit den ziehenden Gänsen, die weder Grenzen, noch Eigentum oder Frieden kennen und seine spätere Vorstellung von Gerechtigkeit maßgeblich beeinflussen. Merlin gibt ihm all diese Erfahrungen mithilfe seiner Magie mit auf den Weg, bis er ihn schließlich verlässt und erst dann zurückkehrt, als Wart Excalibur aus Stein und Amboss befreit … und sich damit selbst zum König von England proklamiert.

Die Königin von Luft und Dunkelheit“ (Zweites Buch):
Arthur ist mittlerweile König und muss all seine Kraft darauf einsetzen, die vielen Barone und Unterkönige zu vereinen, welche den Jungspund nicht als Herrscher anerkennen wollen und deshalb gegen ihn in den Krieg ziehen. Um das Chaos und das Leid zu beenden, führt er die Tafelrunde ein, welche die gedankenlose Gewaltbereitschaft des Adels für gute Zwecke kanalisieren und somit die alte Willkür abschaffen soll. Doch weder die besten Ritter des Landes noch der bald für immer entschwindende Merlin können verhindern, das Arthur ahnungslos eine inzestuöse Beziehung zu Morgause von Orkney (seiner Stiefschwester) eingeht, aus der dem König in nicht allzu ferner Zukunft ein gnadenloser Widersacher erwachsen wird.

Der missratene Ritter“ (Drittes Buch):
Buch drei erzählt von den Rittern der Tafelrunde und ihren Abenteuern, zuoberst vom „besten Ritter der Welt“, Sir Lanzelot (Lancelot), welcher seit Kindheitstagen trainiert, um Arthurs Botschaft mit dem Schwert zu verteidigen. Als endlich der langersehnte Tag da ist und er am Hof seines großen Idols ankommt, übermannt ihn Eifersucht auf die Frau an des Königs Seite, Ginevra (Guinevere). Doch aus Neid und Missgunst wird bald Liebe. Die wunderschöne Königin und der (in Whites Version) hässliche Ritter gehen eine Affäre ein, welche Arthur so gut es geht zu ignorieren versucht. Er empfindet Liebe für beide und möchte keinen der beiden verlieren. Sein Herz ist immer noch das eines Jungen, der keine Bosheit kennt und zuallererst an das Gute glaubt. Als die Situation für alle drei unerträglich wird, zieht es Lanzelot auf Queste. Über viele Monate vollbringt er tollkühne Taten in Britannien, bis er schließlich eines Tages von einer Prinzessin verführt und seiner Jungfräulichkeit beraubt wird. Aus der Verbindung entspringt ein Sohn: Galahad, der spätere Gralsritter.

Dieses uneheliche Kind ist der erste Keim des Misstrauens zwischen Lanzelot und Ginevra, die sich nun zunehmend anfeinden. Und auch die Tafelrunde droht zu zerbrechen. Da alle bösen Lords tot, alle Prinzessinen gerettet und alle Riesen und Drachen besiegt sind, gibt es für die nach Kampf gierenden Ritter plötzlich nichts mehr tun. Die Untätigkeit führt schließlich dazu, dass man sich alter Rechnungen und Fehden erinnert, und Zwietracht die Runde zersprengt. Um dem Einhalt zu gebieten muss eine größere Aufgabe her. Arthur schickt sie auf die hohe Suche nach dem Heiligen Gral.

Die Kerze im Wind“ (Viertes Buch):
Arthurs unehelicher Sohn Mordred, der seinen Vater aus tiefster Seele hasst, ersinnt einen Plan, um den gealterten König endgültig zu stürzen. Er will ihm die beiden Menschen nehmen, welche ihm am wichtigsten sind: Ginevra und Lanzelot. Gnadenlos zerrt er die Affäre der beiden ans Licht, so dass sich Arthur, der gerade das Zivilrecht eingeführt hat und ein Vorbild für seine Untertanen sein will, dazu gezwungen sieht, dem Paar den Prozess zu machen. Während Lanzelot fliehen kann, droht Ginevra der Tod auf dem Scheiterhaufen. Arthur ist verzweifelt. Seine letzte Hoffnung ruht auf Lanzelot, der bereit steht, seine Liebe zu retten. Doch darauf hat Mordred bereits gewartet …

Was sich aufgelistet hintereinander wie eine fortlaufende Romanreihe liest, ist in der Realität zwischen den Buchdeckeln ein äußerst sperriges Werk, dessen einzelne Glieder nicht so recht zueinander passen wollen. Viele Kritiker haben T.H. White bereits diese große Inhomogenität zwischen und innerhalb der vier Teile vorgeworfen, welche der Autor sogar selbst bestätigt hat. Und ich kann nur in dasselbe Horn blasen, denn „Der König auf Camelot“ ist ein stetes Auf und Ab, das oftmals in mehrere Richtungen gleichzeitig will und daran fast zu scheitern droht. Es gibt keinen durchgängigen Ton, keinerlei Konstanz im Stil und in der Perspektive der Erzählung. Das führt letztlich natürlich auch dazu, dass es beinahe unmöglich ist, die vorher gehegten Erwartungen in irgendeiner Art und Weise erfüllt zu sehen. Ob man auf eine Artus-Sage im klassischen Gewande gehofft oder sich wie ich eine humorvolle Erzählung des berühmten Sagenstoffes versprochen hat: Es kommt in jedem Fall anders, als gedacht.

Zumindest zu Beginn lag ich jedenfalls mit meiner Einschätzung richtig, denn Buch Eins regt über weite Strecken immer wieder zum Lachen und Schmunzeln an und liest sich wie eine Parodie auf den Ritterroman. Das liegt nicht nur an den Verwandlungen Warts, sondern auch an den anderen Figuren. Allen voran König Pellinore, dessen historische Verpflichtung, das gefürchtete Aventiure-Tier zu erlegen, für äußerst amüsante Momente sorgt (wenngleich die ewige Jagd letztlich unerwartet tragisch endet). Mit von der Partie ist auch Robin Hood, der sich hier Robin „Wood“ nennt, und Arthur auf sein erstes Abenteuer schickt, bei dem dieser gleich Bekanntschaft mit der Hexe Morgan macht. Warum der grüngekleidete Rächer der Armen und Schwachen allerdings auftaucht, um dann im weiteren Verlauf keine Rolle mehr zu spielen, hat sich mir nicht wirklich erschlossen.

Und auch sonst überrascht White mit einigen Brüchen innerhalb der Erzählung. Ist die Zauberei zu Beginn noch tragendes Element und wichtig für Arthurs Beziehung, bleibt sie später ohne große Bedeutung, was mit Merlins Verschwinden nur unzureichend erklärt wird (die Hexenschwestern sind schließlich noch da). Allein das Rittertum ist durchgehend in all seinen Formen präsent, wobei White die Gepflogenheiten der Lords und Sirs, ihr Geprahle und stundenlanges Messen im Kampfe, mit derart lapidarer Komik vorbringt, das man als Leser nicht umhin kann zu grinsen. Überhaupt ist dem Autor ein Hang zur Überzeichnung Eigen, der sich in den folgenden Büchern auch auf der düsteren Seite zeigt. Das Buch Eins letztlich als Grundlage für die Disney-Trickfilmadaption „Die Hexe und der Zauberer“ gedient hat, verwundert nur wenig. (Die Gemeinsamkeiten zwischen Buch und Film sind aber insgesamt gering. Auch Madame Mim sucht man in der literarischen Vorlage vergebens.)

Neben aller Komik haben Merlins Lehren jedoch auch einen ernsten Hintergrund. Der Zauberer versucht Arthur auf die Gefahren unkontrollierter Macht aufmerksam zu machen. Auf die große Versuchung, Macht und Stärke zu missbrauchen, um die Schwachen auszubeuten. Im Gegensatz zu Tolkien, der stets Wert darauf gelegt hat zu betonen, dass es sich bei „Der Herr der Ringe“ nicht um eine Allegorie handelt, nimmt White direkt Bezug auf die politische Situation, welche er zurzeit der Niederschrift der ersten drei Bände erlebt hat. Auch wenn Hitlers Name nicht fällt und stattdessen von einem „jungen Österreicher“ die Rede ist, liest man die Gesellschaftskritik zwischen den Zeilen immer wieder heraus. Manchmal wird sie dem Leser, dem der Autor, so scheint es, nicht immer genug Feingespür zutraut, sogar mit der Holzhammermethode um die Ohren gehauen. Wenn die Ameisen zum Lied „Ameisenland, Ameisenland, über alles“ in den Krieg marschieren und die düster gewandten, Armbinden tragenden Anhänger Mordreds die Juden zusammentreiben, wird selbst dem tumbesten Zeitgenossen klar, worauf White abzielt. So lobenswert die Statements gegen Krieg, Nationalsozialismus und Kommunismus letztlich sind: Hier und da hätte ich mir ein wenig Zurückhaltung, eine Spur mehr Arthur und ein bisschen weniger White gewünscht.

Erst in den letzten beiden Büchern pflegen sich die philosophischen Erörterungen und Betrachtungen in die ausgewählten Sagenelemente ein, liest sich die Handlung flüssiger und nicht mehr nur wie ein Stichwortgeber für Whites Sozialkritik. Hier ist es gelungen, gerade noch rechtzeitig den Hebel umzulegen, denn während der Lektüre des zweiten Buches war ich mehrmals versucht, die Lektüre zu beenden. Zu viele Wiederholungen, zu viele ausschweifende Beschreibungen, zu wenig Zug in der Erzählung. Hinzu kommen die ständigen Verweise auf Thomas Malory, die irgendwann einfach nur noch stören und den Eindruck nahe legen, als hätte der Autor an dieser Stelle einfach die Verantwortung für nähere Informationen und Unterhaltung in andere Hände legen wollen. Das Buch „Der missratene Ritter“ entschädigt dann jedoch für vieles, da aus Figuren, welche vorher schlicht die Botschaft des Autors vermitteln sollten, plötzlich Menschen werden, welche aufgrund ihrer charakterlichen Schwächen und eines fragwürdigen Ehrenkodexes in Konflikte geraten, an denen sie letztlich scheitern. Wie das geschieht, ist tragisch, atemberaubend und besonders gegen Ende zutiefst traurig. Allein die letzten 30 Seiten des Buches lohnen den durchaus vorhandenen Aufwand und heben die Gesamtwertung von „Der König auf Camelot“ um ein Vielfaches.

Am Ende ist Whites vierbändige Reihe eine sehr satirische, geistreiche Fassung des Artus-Mythos, welche trotz angestaubter Sprache auch heute noch über weite Strecken überzeugt, von der Klasse eines Tolkiens aber doch ziemlich weit entfernt ist. Ein Klassiker mit Schwächen, den man dennoch mal gelesen haben sollte.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: T. H. White
  • Titel: Der König auf Camelot
  • Originaltitel: The Once and Future King
  • Übersetzer: Rudolf Rocholl, H. C. Artmann
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Erschienen: 02/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 778 Seiten
  • ISBN: 978-3608949704

The Spirit of the Hawk

© Kampa

Ein Debütroman, tatsächlich? So in etwa meine etwas irritierte gedankliche Reaktion nach der Lektüre der ersten paar Seiten von „Hundesohn“, mit der uns die in Pinneberg geborene Autorin ein literarisches Brett um die Ohren haut, das durch seine brachiale Sprachgewalt beim Leser eben genau jene verschlagen lässt. Frau Schulz, verfluchte Scheiße, wo haben sie denn die letzten Jahre gesteckt und verdammt nochmal, wieso durfte der Scheck ihr Erstlingswerk nicht bereits säuberlich auf seinen Empfehlungsstapel ablegen?

Zumindest auf letzte Frage kann ich mir selbst die Antwort geben, werden doch viel, viel zu wenige dieses scharfkantige und dreckige Juwel zwischen den auf Hochglanz polierten, aber auch beliebigen und geschwafelten Auswürfen entdeckt haben. Ein Grund mehr für mich, das Tastaturpedal mit vollem Anschlag im Boden zu versenken und für begeisternde Adjektive möglichst viele Vokale rauchen zulassen – denn hier ist höchstes Lob nicht nur verdient, es ist kurzum verpflichtend, trauen sich doch nur wenige deutsche Autoren/-innen solch schneidende, auf Vollgas geflexte Sprache zu und bringen diese dann noch derart geschliffen, fantasievoll und – das ist besonders zu betonen – authentisch auf Papier.

Dass es auf der Reeperbahn nachts um halb eins mitunter äußerst rau zur Sache geht, sollten selbst die im Ohrensessel strickenden Vertreter der Lesergemeinde mittlerweile mitbekommen haben. Doch nicht immer wird die Literatur diesem in Deutschland sicherlich einzigartigen Milieu gerecht, erwacht die Welt der Luden, tofften Berber, Patienten und Schmiermichel so plastisch zum Leben, wie in Schultz‘ Erstlingswerk „Hundesohn“. Der Kiez, er ist, wenn auch nicht direkt von Beginn an, so etwas wie die zweite Hauptfigur dieses Romans, welcher sich partout nicht irgendeinem Genre zuordnen lassen will und in der Sparte moderne Unterhaltung genauso gut zuhause ist, wie im Krimi-Regal. (Mein Rat, liebe Buchhändler, stellt ihn am Besten in beide Abteilungen!) Überhaupt wartet die Geschichte mit einer Vielzahl von Ebenen und einer auf den ersten Blick so nicht vermuteten Vielschichtigkeit auf, die wir nur nach und nach durchdringen, stets aufs Neue überrascht über das, was vom Protagonisten – und vor allem von dessen Vergangenheit – zutage gefördert wird. Womit wir bei der ersten Hauptfigur wären, die gleich zu Beginn mitansehen muss, wie sein Allerheiligstes in Flammen aufgeht.

Sommer 1989, irgendein Provinzkaff in Norddeutschland. Herbert, den alle nur unter dem Namen Hawk kennen, traut seinen Augen kaum, als er die Bar verlässt und anstatt seines geliebten Alfa Romeo Alfasud, liebevoll „Miss Stetson“ genannt, nur noch eine brennende Blechfackel vorfindet. Nur mit Mühe kann ihn die versammelte Menge von einem vergeblichen Rettungsversuch abhalten, in deren Verlauf er nicht nur seine Augenbrauen verliert, sondern es auch noch zu einem ausgewachsenen Handgemenge kommt. Die Polizei ist im Anschluss, für Hawk wenig überraschend, bei der Aufklärung dieser offensichtlichen Brandstiftung nur von geringer Hilfe. Doch er ahnt ohnehin bereits, dass der Täter nicht aus der Gegend, aber vielmehr aus seiner eigenen Vergangenheit stammt. Vor einigen Jahren hatte Hawk noch für die Kiezgröße Verfurth illegale Drogen-Touren durch halb Europa gefahren und musste irgendwann aufgrund eines verhängnisvollen Fehlers Hamburg den Rücken kehren – und versprechen nie wieder dessen Gebiet zu betreten. Als schließlich auch noch Hawks Wohnung verwüstet wird – diesmal hinterlässt der Unbekannte als Gruß das Wort „Bastard“ im Sofapolster – hat er jedoch die Faxen dicke. Was Verfurth nicht weiß: Hawk bewahrt seit Jahren belastendes Material gegen ihn in einem Schließfach auf. Sollte er derjenige sein, der eine Rechnung mit ihm offen hat, will er sich dieser Auseinandersetzung stellen. Und außerdem bietet sich damit auch die Gelegenheit Lu wiederzusehen, die er einst in der Kneipe „Les fleurs du mal“ hinter der Theke kennenlernte und bei der er sich immer noch eine zweite Chance erhofft.

Als Hawk jedoch auf St. Pauli eintrifft, muss er erkennen, dass längst nicht alle Leichen in den Kellern verwest sind. Die Unterwelt – sie hat einen langen Arm und ehe er sich versieht, hält ihn das kriminelle Treiben im Kiez wieder eng umschlugen. Und Hawk muss sich auf mehr als eine Art den Dämonen seiner Vergangenheit stellen …

Soweit sei der Plot angerissen und damit eigentlich auch schon zu viel preisgeben, denn so geradlinig wie hier geschildert, verläuft die Handlung bei weitem nicht, wechselt Sonja M. Schultz doch immer wieder zwischen den zeitlichen Ebenen, um mehr und mehr aus Hawks Leben zu enthüllen und letztlich auch dem Titel des Buchs Rechnung zu tragen. Um Spoiler zu vermeiden, gehe ich hierauf mal nicht näher ein, möchte aber erwähnen, dass Hawk einst mit 16 Jahren von zuhause aus ganz bestimmten Gründen ausriss. Vom Süden in den hohen Norden nach Hamburg, wo er Anfang der 60er mitten auf St. Pauli in einem Heim für Seemänner ein billiges, aber sicheres Quartier fand. Bis ihn das große Geld lockte und die Gier das Denken für ihn übernahm. Der Anfang einer Abwärtsspirale und einer Achterbahnfahrt, in der Hawk größtenteils kotzend über dem Handlauf hing, von äußeren Einflüssen hierhin und dorthin getrieben – und vor allen nie Herr über das eigene Schicksal.

Schultz‘ grobschlächtiger, eiskalter und auch etwas tumber Protagonist taugt in keinster Weise zum Sympathieträger, findet aber doch ohne größere Umwege Zugang zu unserem Herzen, denn irgendetwas in seinem fortwährenden Scheitern, irgendetwas an dieser alles durchdringenden Tragik spiegelt auch das Menschliche wieder. Hawk mag der Feder einer Autorin entstammen – sein Lebenslauf und auch der Umgang mit seiner Vergangenheit ist aber bar jeder Künstlichkeit. Die Schläge auf die Fresse und die Brüche in seinem Herzen, welcher er immer wieder kassiert bzw. sich zuzieht – sie sind das logische Resultat der äußeren Umstände, unter denen er aufwächst und letztlich erwachsen wird. Zu einem Mann unter Männern, welche sich zwar allesamt über dicke Oberarme, dickere Karren und ein noch dickeres Bankkonto definieren, letztlich aber selbst oft an ihren eigenen, geringen Ansprüchen scheitern. Und auch Hawk taumelt, fällt, rappelt sich auf und schafft es doch nie heraus aus diesem Teufelskreis, kann diesen Mühlstein nicht ablegen, der ihn stets aufs Neue nach unten zieht und wuchtig zu Boden schickt.

Wie Sonja M. Schultz, selbst Baujahr ’75, den Sound der späten 60er/frühen 70er und vor allem die letzten Monate vor dem Mauerfall wieder zum Leben erweckt – das ist im besten Sinne des Wortes großes Kino, spielt sich doch vor den Augen des Lesers ein Film ab, der in seiner Zusammensetzung auch immer Querschnitte mit unseren eigenen Erlebnissen und damit auch Empfindungen aufweist. Die Passagen, welche sich im Sommer ’89 zutragen, fangen den ganz eigenen, rhythmischen Sound dieser Zeit des Aufbruchs hervorragend ein. Dieses Gefühl von neuen Möglichkeiten, von einer Zukunft, in der die Karten neu gemischt werden, ein jedem ein gänzlich frisches Blatt zuteil wird. Für Hawk ist das aber ein harter, von Tiefschlägen gesäumter Weg. Der kleinbürgerliche Mief, das rückwärtsgewandte Leben – es klebt lange an ihm wie seine verschwitzte Lederjacke. Hartknäckig und von einem fahlem Geruch, der auf dem Kiez trotz all der bunten Lichter unterhalb der Elbkähne und dem Hamburger Fernsehturm selbst den halbseiden-glänzenden Ludewigs anhaftet. So überwiegt bei all dem Dreck, der Niedertracht und der Gewalt am Ende auch die Traurigkeit. Eine Trauer über verpasste Chancen und falsche Entscheidungen – und eine nie ganz greifbare Melancholie, die uns vor allem dann überkommt, wenn Hawk die Kneipe seiner Angebeteten betritt.

Hawk, er ist so etwas wie ein gefallener Schimanski. Ein Typ mit einem gewissen Spirit, der immer wieder aneckt, nirgendwo gern gesehen ist, nie das Richtige zur richtigen Zeit tut – und doch am Ende halt auch ein Kämpfer, welcher trotzig die Schläge kassiert, die ihm das Leben in mehreren Runde um die Ohren haut.

Hundesohn“ – das ist ein in allen Belangen gelungener literarischer Boxkampf durch ein verpfuschtes Leben und eine Hommage an einen Teil der Gesellschaft, den alle anderen schon längst abgeschrieben haben. Ein turbulenter, wendungsreicher, stahlharter, aber auch augenöffnender Roman über alte Wut und die Schatten der Herkunft, der besonders aufgrund seiner ungefilterten Ehrlichkeit und dank Schultz‘ wahrhaftig einzigartiger Sprache glänzt:

Über dem Hafen hing der Nebel. Die Lichtkegel der Laternen kämpften sich durchs milchige Gras. Hier konnte einer abhauen und wiederkommen, dem Hafen war’s egal, und wenn du krepierst, macht das auch keinen Unterschied, dann kommen andere und torkeln über das glatt gestoßene Kopfsteinpflaster, die Ritzen voll mit Kronkorken, Kippen und vermasseltem Leben.“

Für mich eine der, wenn nicht gar DIE Entdeckung meines persönlichen Lesejahres 2020 und damit eine nachhaltige Empfehlung für alle Freunde dieses Blogs.

Wertung: 94 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Sonja M. Schultz
  • Titel: Hundesohn
  • Originaltitel:
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3311100133

Eine Fähre in die Nacht

© Goldmann

„Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ So würde vielleicht auch Michael Robotham denken, wenn er sich näher mit den äußerst frei interpretierten Übersetzungen seiner Titel ins Deutsche beschäftigen würde, für die der Goldmann Verlag in schöner Regelmäßigkeit verantwortlich zeichnet. Und das nicht nur bei ihm: Ob Mark Billingham, Ian Rankin oder Stuart MacBride – der sinnfreien Übertragung in unsere Muttersprache sind anscheinend keinerlei Grenzen gesetzt, wobei mich persönlich im Falle Robotham auch dann noch die Covergestaltung stört, die zwar eines Fitzek oder McFadyen durchaus würdig wäre, zu dem australischen Schriftsteller allerdings überhaupt nicht passt.

Das sei von mir deshalb erwähnt, da durchaus auch anderen Krimi-Freunden die Aufmachung – welche uns einen weiteren blutigen und auf Mainstream gebügelten „Thriller“ suggeriert – wenig zusagen und in manchen Fällen vielleicht sogar deshalb einen Kauf verhindern dürfte. Und das wäre schade, da Robotham zu den talentiertesten Spannungsautoren der neuen Generation gehört und in jedem seiner Romane das Genre auch neu interpretiert, die Handlung aus einer anderen Sichtweise und Perspektive beleuchtet.

Während im Debütroman „Adrenalin“ noch der Psychotherapeut Joe O’Loughlin im Mittelpunkt der Geschichte stand und im Nachfolger „Amnesie“ Inspektor Ruiz diese Rolle ausfüllte, nimmt letzterer in „Todeskampf“ (im Original „The Night Ferry“ – sollten sie einen Zusammenhang der Titel suchen, geben sie auf – es gibt keinen) nun einen Platz als Assistent/Side-Kick ein. Wie auch sein südafrikanischer Kollege Deon Meyer, so legt auch Robotham großen Wert darauf, seine Figuren in unterschiedlichen Konstellationen auftreten zu lassen, wodurch das Gesamtwerk einen authentischeren Anstrich bekommt.

Todeskampf“, im Jahr 2007 erschienen, profitiert bereits in hohem Maße von den beiden Vorgängern (die man nicht unbedingt gelesen haben muss, auch wenn ich dazu raten würde), da altvertraute Bekannte es der neuen Protagonistin, der jungen Londoner Polizistin Detective Constable Alisha Barba, leicht machen, als vollwertiger Charakter ernst genommen zu werden. Interessant dabei ist, dass Robotham nicht nur in Punkto Personal, sondern auch hinsichtlich des Stils Vielseitigkeit demonstriert, schmeckt doch sein dritter Roman mehr nach „Noir“, als die beiden Vorgänger, welche das „Police-Procedural“-Genre („Amnesie“) und den Psychothriller („Adrenalin“) bedienten. Grund dafür ist der Plot, der sich auf äußerst eindringliche Art und Weise aktuellen Themen widmet, welche selten in diesem komplexen Umfang ihren Weg in einen Krimi finden. Zum besseren Verständnis sei die Handlung kurz angerissen:

Als sich Detective Constable Alisha Barba auf den Weg zum Ehemaligen-Treffen ihrer Schule in London aufmacht, kann sie noch nicht ahnen, dass der Abend mit alten Freunden einige Überraschungen für sie bereithält. Ihre ehemalige Freundin Cate, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hat, nutzt das freudige Wiedersehen, um Alisha verzweifelt um Hilfe zu bitten, da sie um das Leben ihres ungeborenen Babys fürchtet. Die junge Polizistin versucht zu beschwichtigen, kann das Flehen von Cate, die in der Vergangenheit nicht immer einfach war, nur schwer einordnen. Nur wenige Stunden später wird diese gemeinsam mit ihrem Ehemann Felix von einem PKW überrollt. Beide erliegen noch in derselben Nacht ihren Verletzungen. Ein Unfall, so das Urteil der Polizei, doch Alishas Misstrauen ist geweckt, als bei der Obduktion herausgefunden wird, dass Cate ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht hatte. Hatte sie vielleicht geplant, ein Kind illegal zu adoptieren?

Die Suche nach Antworten führt sie, gegen den Willen ihrer Vorgesetzten, bis nach Amsterdam, einer Hochburg der Prostitution, wo sie gemeinsam mit dem inzwischen pensionierten Detective Inspector Vincent Ruiz auf ein gefährliches Netz des Menschenhandels stößt, dessen Fäden bis in die entlegensten Winkel Europas reichen. Als beide erkennen, mit wem sie es zu tun haben, ist es fast zu spät …

Todeskampf“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer schubkarrenweise Leichen oder eines soziopathischen Serienkillers bedarf, um beim Leser ein Gefühl des Unbehagens und des Ekels zu erzeugen – die Realität selbst übertrifft hier alle Fiktion. Und Robotham nimmt sich der vorliegenden Thematik nicht nur mit viel Sorgfalt und Vorsicht an, er widersteht auch der Versuchung diese mit kunstvollen Effekten zu würzen. Als Folge davon vergisst man zwischenzeitlich gar, dass man einen Spannungsroman zwischen den Fingern hat, liest sich doch „Todeskampf“ in vielen Elementen eher wie eine Milieustudie, welche insbesondere im berüchtigten Rotlichtviertel von Amsterdam nichts beschönigt und die dunklen Seiten der holländischen Stadt auf Pfählen betont. Alishas Ermittlungen in den düsteren Gassen sind stimmungsvoll und erdrückend zugleich, da es dem Autor hervorragend gelingt, die hoffnungslose Atmosphäre des Schauplatzes einzufangen und damit auch dem Schicksal der dort zum Verkauf stehenden Frau gerecht wird. Erschreckend die Hilflosigkeit der Polizei angesichts der vor ihren Augen verübten Verbrechen. Unbehagen, ob der weiterführenden Gedanken, die ich mir als Vater zweier Töchter während der Lektüre gemacht habe.

Michael Robotham gelingt, woran sich viele Krimi-Schreiber heutzutage verheben. Eine stimmige, handwerklich anspruchsvolle Handlung auf Papier zu bringen, in der auch die kleinsten Nebenfiguren mit Sorgfalt gezeichnet werden und die Chemie zwischen Protagonist und Assistent einfach passt. Vincent Ruiz, in „Adrenalin“ noch eher ungeliebter Jäger des eigentlichen Helden, erweist sich nun, um einige Jahre gealtert, als hilfreicher Unterstützer der vom Instinkt getriebenen Polizistin, der auch am Rande des Gesetzes entschlossen bleibt, ihre gemeinsame Mission zu ihrem Ende zu bringen. Notfalls sogar unter Riskierung des eigenen Lebens. Und Alisha Barba selbst hebt sich erfrischend von den vielen FBI-Schönheiten der Genre-Konkurrenz ab, die noch im Kugelhagel Leichen sezieren und nach einem harten Tag im Büro mit ihrem ebenso wohlgeformten Kollegen unter die Bettdecke hüpfen. Robotham nimmt sich, auch auf Kosten des Tempos, Zeit, seine Figuren zu skizzieren, ihnen Schärfe und Kontur zu verleihen. Im Falle Alishas geht er dabei näher auf ihre indische Herkunft ein, welche sie zwar nicht verleugnet, die aber oft ihren Erlebnissen im Beruf diametral gegenüber steht. Es ist hier nicht ohne einen gewissen Humor, wie sie versucht, diesen Spagat innerhalb der Familie zu vollziehen, ihre Verwandtschaft nicht zu brüskieren.

Sicherlich – es wird gewisse Leser geben, die dies als Verschleppung des Plots empfinden, für die diese genaue Ausarbeitung ein unnötiges Hindernis darstellt, welches den Spannungsbogen gefährdet. Und wenn wir ehrlich sind: Ja, „Todeskampf“ fehlt, besonders zur Mitte, diese durchgehende Suspense, was meines Erachtens aber eben gerade durch obige Punkte kompensiert wird. Die Schrecknisse des organisierten Verbrechens, das kriminelle, menschenverachtende Treiben der Schlepperbanden, die kommerzielle Leihmutterschaft – all das beschäftigt, macht nachdenklich und hebt den Roman letztlich auf eine gänzlich andere Ebene. Wer sich darauf einlässt, wird in hohem Maße und nachwirkend davon profitieren. Freunde des „Page-Turners“ dürften daran wahrscheinlich weniger Freude haben, auch weil Robotham den Fehler macht, den unheimlich stimmungsvollen Showdown auf einer Fähre bei ihrer nächtlichen Überfahrt, noch durch einen (zumindest aus meiner Sicht) unnötig kitschigen „Wurmfortsatz“ zu verlängern, den ein guter Lektor vielleicht auch besser vor Veröffentlichung entfernt hätte.

Ein Lapsus, den man Robotham rückblickend gerne verzeiht, der mir auch mit „Todeskampf“ wieder Lust auf mehr aus seiner Feder gemacht hat.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Michael Robotham
  • Titel: Todeskampf
  • Originaltitel: The Night Ferry
  • Übersetzer: Kristian Lutze
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3442477906

Ich liebe es, wenn ein Plan (nicht) funktioniert …

© dtv

Die Wiederentdeckung von Richard Starks „Parker“-Serie durch den Zsolnay-Verlag gehört für mich persönlich zu den positivsten Überraschungen in der Kriminalliteraturszene, war doch der unter anderem mit drei Edgar Awards ausgezeichnete und durch die Mystery Writers of America sogar zum „Grand Master“ ernannte Autor auf dem deutschen Buchmarkt viel zu lange in der Versenkung verschwunden.

Zsolnays Verdienst wird dabei allerdings ein wenig durch die zeitliche Abfolge der Veröffentlichungen geschmälert, was insbesondere die letzten drei Bände der Reihe um den Berufsverbrecher Parker betrifft, die gemeinsam eine lose Trilogie um den Überfall auf einen Geldtransport bilden. „Keiner rennt für immer“ stellt dabei den Auftakt dar, wurde aber auf Deutsch nach „Fragen Sie den Papagei“, dem mittleren Part, veröffentlicht. Ein Wahl, die wohl vor allem dem Inhalt geschuldet ist, kommt doch letztgenannter Titel wesentlich actionreicher und kurzweiliger daher, was den Neueinsteig für Leser natürlich erleichtert. Doch so „handlungsarm“ „Keiner rennt für immer“ in Anführungsstrichen auch ist – gerade die Planung des Coups und die sich im weiteren Verlauf ergebenden Schwierigkeiten bieten Parker beste Möglichkeiten, seine Stärken in Gänze auszuspielen, weshalb ich diesen Band auch für den gelungensten, weil homogensten der drei halte. Und auch zum besseren Verständnis sei jedem geraten, mit „Keiner rennt für immer“ die letzten Auftritte von Parker in Angriff zu nehmen.

Kurz zur Story: Das kleine Kaff Rutherford im US-Staat Massachusetts. Mit Sicherheit kein Ort, dem der Stadtmensch Parker unter normalen Umständen einen zweiten Blick gönnen würde. Doch die Umstände sind nicht normal, denn das Geld wird langsam knapp, so dass plötzlich eine im Rahmen einer Fusionierung aufgelöste Bank schon ein lohnenswertes Ziel darstellt. Kein Kapitalverbrechen des üblichen Kalibers für Parker und seine Komplizen Nick Dalesia und Nelson McWhitney, aber dennoch selbst für die Profis eine Herausforderung, da die Geldeinlagen mit gepanzerten Transportwagen abtransportiert werden. Und drei Mann reichen dafür einfach nicht aus. Parker wäre jedoch nicht Parker, hätte er nicht auch dafür bereits vorgesorgt. Über Elaine Langen, unglückliche Gattin des Bankchefs, und den ehemaligen Polizist Jake Beckham, der in der Bank tätig war, bis man ihn feuerte, kommt er in den Besitz der nötigen Informationen für den geplanten Coup. Abgesichert wird das Ganze schließlich durch den Arzt Dr. Myron Madchen, der Beckham, welcher nach Beendigung des Überfalls zu den Hauptverdächtigen zählen würde, ein Alibi verschaffen soll. So weit, so gut. Doch wann ist jemals schon etwas nach Plan gelaufen?

Schon recht bald erweisen sich einige der Beteiligten als Risikofaktoren, denn der Druck auf jeden einzelnen in dieser kriminellen Unternehmung wächst. Insbesondere Langen und Madchen beginnen Nerven zu zeigen, was wiederum die Neugier der äußerst tüchtigen Polizistin Gwen Reversa anfacht, die sich sogleich des Falls annimmt. Und als ob das noch nicht genug wäre, haben sich auch zwei Kopfgeldjäger an Parkers Fersen geheftet, welche sich ihrerseits Profit vom Überfall versprechen und zudem noch ein Hühnchen mit einem früheren Komplizen zu rupfen haben. Parker muss schließlich all seine Improvisationskünste ausspielen, um die vielen Amateure auf Kurs zu halten und den Raub durchzuziehen – doch auch er kann nicht überall zugleich sein …

Sie mögen Filme wie „Oceans Eleven“, wo am Ende die coolen Diebe mit blitzender Sonnenbrille aus dem Casino schlendern, während die Bullen an anderer Stelle ahnungslos die Hände in die Hüfte stemmen? Oder sie favorisieren Bücher, wo letztlich alles wie geschmiert läuft und der „Held“ schon vierzig Seiten vorher weiß, was am Ende wie, wo, wann und auf welche Weise passieren wird? Wenn dem so ist, dann lassen sie mal schön ihre Patschehändchen von Richard Starks „Parker“-Romanen, in denen sich der Autor so ziemlich jeden künstlichen Effekt verkneift und die knallharte Realität billiger Effekthascherei vorzieht. Das heißt wiederum: Auch wenn dem Leser detaillierte Einblicke in die Vorbereitungen des Verbrechens gewährt werden, impliziert dies noch lange nicht deren reibungslose Ausführung – im Gegenteil. Schon recht früh wird uns gewahr, dass Parkers Überfall scheitern muss, sind doch einfach zu viele Variablen im Spiel, um diese unter Kontrolle zu halten. Fans der Serie wird dies kaum überraschen, da in jedem Auftritt des Berufsverbrechers irgendwann irgendetwas schief geht. Und gerade hiervon lebt die Figur „Parker“, der immer dann aufblüht, wenn ihm die Polizei schon ganz nah im Nacken sitzt und der frustrierte Beobachter die Flinte ins Korn werfen will.

Wo andere Thriller der Moderne sich fleißig Twists und Turns bedienen, um letztlich eine Überraschung zu präsentieren, die man doch dann irgendwie hätte erahnen können, beziehen Starks Romane ihr Spannungselement aus den Fehlern seiner Protagonisten. Und dass diese weit unberechenbarer sind, als z.B. die Genialität eines Meisterdetektivs im Stile Lincoln Rhymes, erklärt vielleicht auch die fast fünfzig Jahre andauernde Erfolgsgeschichte von Starks Serienfigur. Ob im Zeitalter von Telefonzellen oder I-Phones, ob mit dem Notizblock oder dem Notebook. Parker ist ein zeitloses Phänomen, das heute noch genauso funktioniert wie Anfang der 60er Jahre und das nichts von seiner Faszination verloren hat. Ein eiskalter Profi, bei dem zwar selten alles reibungslos abläuft, der aber dennoch auch stets ein Ass im Ärmel hat bzw. einen Ausweg findet, um der ihn verfolgenden Justiz eine lange Nase zu drehen.

Moral, Skrupel, Gewissensbisse – sie sind dabei wie Freundschaft oder Liebe Schwächen, die sich Parker weder leisten kann noch will. Und er verzichtet selten darauf, seine jeweiligen Komplizen, für die er zumeist eine unberechenbare Größe bleibt, daran zu erinnern. Von diesem beständigen Gefahrenmoment lebt auch „Keiner rennt für immer“, da Parker, dessen Vornamen wir in keinem der vielen Bände erfahren haben, genauso wenig einzuschätzen ist, wie der letztliche Verlauf der Handlung. Und die kredenzt uns Richard Stark mal wieder auf unnachahmliche Art und Weise. Knapp, kurz, prägnant werden dem Leser die Sätze um die Ohren gehauen, spart sich der Autor jegliche Ausschweifungen und Nebenschauplätze. Hier bleibt kein Raum für Interpretationsansätze, sondern nur ein geradliniger, scharf geschnittener roter Faden, der sich, trotz etwas längerer Vorbereitungen und Planungen zu Beginn, kontinuierlich durch den Plot fräst, um am offenen Ende in einem actionreichen Paukenschlag zu münden. An dieser Stelle fällt der Vorhang, ist die Folge vorbei, wird der Leser quasi genötigt zu „Fragen sie den Papagei“ zu greifen, der inhaltlich direkt an das Finale dieses Buches anknüpft. Und wer darauf keine Lust hat – nun, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

Für mich ist „Keiner rennt für immer“ ein Highlight in der langjährigen Reihe. Düster, diabolisch, lakonisch und eiskalt hat Stark hier noch einmal sämtliche Register gezogen. Ein „Hardboiled“-Vertreter im besten Sinne des Wortes mit einem Parker in Hochform. Kaufen – aufschlagen – lesen!

Wertung: 90  von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Stark
  • Titel: Keiner rennt für immer
  • Originaltitel: Nobody runs forever
  • Übersetzer: Nikolaus Stingl
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 02.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3423212663

Bob, der Henker, ist wieder da!

© Festa

Es ist so eine Sache mit dem Image. Oft hat man es doch recht schwer, einmal in eine Schublade geworfen, seine Kritiker vom Gegenteil überzeugen beziehungsweise dem beständig gehegten Vorurteil anderer entfliehen zu können. Ein Lied, von dem auch der in Leipzig heimische Festa Verlag singen kann, der lange Jahre vor allem als Anlaufstelle für Freunde des härteren, nicht immer mainstreamtauglichen Horrors und experimentierfreudiger Fantasy galt, wobei auch zugegebenermaßen nicht jeder Titel im Programm gerade höchste literarische Ansprüche verkörperte.

Wohlgemerkt: Vergangenheitsform, denn auch wenn Festa sein ursprüngliches Profil in keiner Weise verleugnet – mit der „Festa Extrem“-Reihe, die vom Buchhandel gar boykottiert wird, hat man es sogar noch geschärft – geht man inzwischen seit einiger Zeit auch andere Wege. Neben „H.P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“, in welcher unter anderem so namhafte klassische Autoren wie Robert E. Howard oder Clark Ashton Smith erscheinen, ist hier vor allem die „Festa Crime“-Serie hervorzuheben, dessen Konzept der Verlag so auf den Punkt bringt:

Wir wollen Deutschland vor langweiligen Kriminalromanen retten!

Ob Festas Titel in der Lage sind, dies zu bewerkstelligen oder Deutschland einer solchen Rettung derzeit überhaupt bedarf – mit Sicherheit ein diskussionswürdiges Thema. Fakt ist jedenfalls: Mit der Wiederentdeckung von „Shooter“ (1993 als „Point of Impact“ in den USA erschienen) für die deutsche Krimilandschaft hat man in jedem Fall einen Schritt gemacht, der die Seriosität dieses Ansinnens durchaus unterstreicht. Bereits vor knapp vierzehn Jahren im List-Verlag erstmals veröffentlicht –  damals unter dem Titel „Im Fadenkreuz der Angst“ – war der Auftakt der mittlerweile neun Bände umfassenden Reihe um den Scharfschützen Bob Lee Swagger zuletzt nur noch antiquarisch und hier zu höheren Preisen zu erwerben, was ganz sicher auch als Beleg für die Qualität des Buches verstanden werden darf. Diese wiederum hat Hollywood schon vor sieben Jahren entdeckt und die literarische Vorlage mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle als „Shooter“ verfilmt. Aber auch wenn der zweifellos gute Actionstreifen sich nahe an Stephen Hunters Roman orientiert, gilt auch diesmal der oft verwendete Ausspruch: „Ein Film ist niemals so gut wie das Buch, auf dem er basiert.“ Nur dass man im Falle von Hunters „Shooter“ noch hinzufügen muss: „Er ist auch niemals so drastisch wie das Buch.“

Für all diejenigen, die weder Film noch Buch kennen, sei hier der Inhalt kurz als Appetizer angerissen:  Im Mittelpunkt der Geschichte steht der bereits oben erwähnte Bob Lee Swagger, ein ehemaliger Scharfschütze des US Marine Corps und Veteran des Dschungelkriegs von Vietnam, in dem er ganze 87 tödliche Treffer verbuchen konnte, bis er von einem Heckenschützen dienstuntauglich geschossen wurde. Ein Einsatz, der seinem Freund und Späher Donny Fenn das Leben und Bob den Glauben an den Sinn der Sache kostete. Inzwischen lebt er, die Gesellschaft von Menschen meidend, in den verschneiten Bergen von Arkansas. Hier in der ursprünglichen Wildnis der Natur, nur begleitet von seinem Hund Mike, widmet er seine Zeit allein seiner Waffensammlung, die er hegt und pflegt und seit Vietnam nicht mehr für einen tödlichen Schuss gebraucht. Doch gerade dieses Talent ist es, welches wiederum andere auf Bob aufmerksam macht.

Eine geheime Regierungsorganisation, vorgeblich für die Sicherheit des Präsidenten bei dessen Wahlkampf-Tour verantwortlich, nimmt Kontakt zu ihm auf, bittet Bob ein letztes Mal, seinem Land zu dienen und sein Scharfschützen-Wissen mit einzubringen, um ein geplantes Attentat zu vermeiden, hinter dessen Ausführung einen Mann namens Solaratov vermutet wird. DER sowjetische Scharfschütze, welcher auch Donny Fenns Leben und Bobs Karriere vor so vielen Jahren beendet hat. Letzterer sieht nun die Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Rache zu nehmen und damit auch seine gefühlte Schuld an Donnys Tod zu begleichen. Doch statt möglicher Vergeltung findet er in New Orleans nur eine Falle vor, in die er blindlings hineintappt.

Bob wird vom Jäger zum Gejagten, findet sich plötzlich selbst im Fadenkreuz des Zielfernrohrs wieder. Gejagt vom Justizsystem der gesamten Nation. Seine Verbündeten: Die Witwe seines besten Freundes und der linientreue FBI-Agent Nick Memphis, der als einziger an die Unschuld des Scharfschützen glaubt. Gemeinsam drehen sie den Spieß um … und Bob Lee Swagger zieht einmal mehr in den Krieg.

Der Begriff „Hardboiled“ wird heute ja fast inflationär benutzt – seine Verwendung in einer Besprechung zu „Shooter“ hat aber nicht nur seine Berechtigung, es ist schlichtweg eine Notwendigkeit, ist doch der Auftakt der „Bob-Lee-Swagger“-Reihe ein Vertreter eben dieser Genre-Gattung, in dem selbst die Helden kein allzu gutes Bild abgeben und der Autor konsequent darauf verzichtet, es dem Leser in irgendeine Art und Weise leicht oder gar angenehm zu machen. Stephen Hunters Amerika darf man getrost als moralisch verkommen bezeichnen (hinsichtlich dessen ist der Roman wieder erschreckend aktuell), was die Suche nach den „Guten“ genauso sinnlos macht, wie die Kategorisierung der Protagonisten im Allgemeinen. Hier ist alles eckig, kantig, knarrend, unbequem, wird an jeder Stelle der Boden bereitet für einen Kampf des vermeintlich Schwachen, dem einsamen, verletzten Wolf, gegen das übermächtige System. Gewürzt wird das Ganze mit einer komplexen Verschwörung, was wohl ein Grund ist, warum Hunters Romane auch hierzulande bisher einen so schweren Stand gehabt haben. Doch wir erinnern uns an das Schubladen-Denken und sind vorsichtig, „Shooter“ als typisch-schmalspurige Ami-Kost abzuurteilen. Denn unter dem groben, rauen Gewand verbirgt sich doch weit mehr.

Um das zu erkennen, müssen aber tatsächlich gewisse Hindernisse überwunden werden. Ein wichtiger Punkt, wenn nicht sogar der wichtigste: Waffen. Wer ihre schiere Existenz ablehnt und ihre Handhabung an sich schon als Verbrechen versteht, der sollte nicht nur, ja, ef muss von der Lektüre dieses Romans absehen, der sich in einigen Passagen wie ein Führer durch alle Waffengattungen liest, in technischen Daten schwelgt und ausführlich die Zusammenhänge von Windrichtung, Luftwiderstand, Schwerkraft und Corioliskraft erläutert. (In diesem Zusammenhang sei übrigens Freunden des hier besprochenen Buchs auch George T. Basiers „Der Killer und die Hure“ empfohlen, der ähnlich detailgetreu auf die Tätigkeit des „Snipens“ eingeht) Man könnte soweit gehen zu behaupten, dass Hunter den Schießsport und damit letztlich auch das zielgenaue Treffen zu einer Kunst erhebt – ohne dabei jedoch den Pfad der sachlichen Schilderung zu verlassen. Denn so hymnisch die Fähigkeiten der Scharfschützen hervorgehoben werden – der Akt des Tötens an sich wird vom Autor weder glorifiziert noch mit dem sonst so typischen amerikanischen Pathos gewürzt. Auch vermeidet „Shooter“ (noch) ein klares Bekenntnis zum Wirken der umstrittenen NRA („National Rifle Asscotiation“), wenngleich Bob Lee Swagger auf den ersten Blick ein perfektes Mitglied dieser Vereinigung verkörpert.

Südstaatler, zurückgezogen lebend, geringe Schulbildung, ein Hütte voller Waffen und ein riesiges Jagdgebiet direkt vor der Haustür. Die abgelegenen Regionen von Arkansas sind zudem augenscheinlich der ideale Spielplatz für den rassistischen Redneck, der alles mit Blei vollpumpt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – vorlaute Yankees inklusive. Hunter kokettiert mit diesem Hinterwäldlertum, zeigt aber dann auch wieder deutlich, dass der Schein täuschen kann, denn Bob Lee Swagger ist alles andere als dumm und trotz seiner Wortkargheit durchaus in der Lage, seinen gebildeteren Gegenspielern Paroli zu verbieten. Was ihn aber natürlich nicht daran hindert, mit der typischen Südstaaten-Sturheit seinen Partner Nick Memphis zum Wahnsinn zu treiben, wenn er sich beharrlich weigert, alles der Justiz zu überlassen. Die verkörpert er schließlich doch selbst, was wiederum einer der Punkte ist, die man am Ende mit etwas Argwohn betrachten muss.

Bob Lee Swaggers Rachefeldzug ist unerbittlich, gnadenlos und vor allem oft blutig und brutal. Er richtet mit der Waffe, ohne Gesetz und Zweifel, ohne Gewissensbisse. Hunter lässt dieses Töten unkommentiert, lässt ihn durch den einzigen moralischen Charakter Nick Memphis gewähren, der von Ehrfurcht ergriffen, dem Scharfschützen an keiner Stelle Einhalt gebietet. Selbst als dieser sich beim Kampf um einen Berghügel in einen regelrechten Rausch schießt. Das Statement solcher Szenen ist klar: Bob Lee Swagger ist kein Held und auch kein Bösewicht, sondern ein Mensch, der lange mit der Gewalt gelebt hat und ohne ihre Ausübung nicht wirklich zu Leben in der Lage ist. Er sieht keinerlei Ehre darin, jemanden aus großer Entfernung niederzustrecken, fühlt jedoch gleichzeitig keine Schuld. Es ist eine dreckige, unbequeme, aber letztlich auch leider doch realistische Botschaft in dieser Figur, welche naturgemäß in den USA mehr Zustimmung findet, als in den europäischen Gefilden.

Trotz dieser moralischen Untiefen ist „Shooter“ gerade eins nicht – moralisierend. Stephen Hunters Roman legt vor allem Wert auf Unterhaltung. Und das bietet der Auftakt der Reihe in einem hochspannenden, actionreichen und vor allem gegen Ende hin äußerst rasantem Gewand. Ein knallharter Thriller, ungekürzt und stilsicher übersetzt, der so oder so dem Leser lange im Gedächtnis bleiben wird.

Wertung: 89  von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen Hunter
  • Titel: Shooter
  • Originaltitel: Point of Impact
  • Übersetzer: Patrick Baumann
  • Verlag: Festa
  • Erschienen: 05.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 640 Seiten
  • ISBN: 978-3865523167

All alone dancing in the dark

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Louis-Ferdinand Célines „Reise ans Ende der Nacht“ ist eins der wenigen Bücher, das sich bis heute einer Bewertung meinerseits entzogen hat, weil dieser Klassiker der Weltliteratur, welcher wohl zweifelsohne zu den einflussreichsten Titeln des vergangenen Jahrhunderts zählt, nicht mit den üblichen Wertemaßstäben zu messen ist.

Ob Charles Bukowski oder Bret Easton Ellis – das 1932 veröffentlichte Werk hat mit seiner Sprache ganze Generationen von Schriftstellern geprägt, gilt als Mutter des schmutzigen und wütenden Romans. Viele haben seitdem versucht, Célines Stil zu kopieren, das Vulgäre und Ordinäre zu verwenden, um ein ähnliches Kunststück abzuliefern. Die wenigsten hatten hierbei Erfolg. Célines Sprachmelodie, sein Rhythmus, die schonungslose und drastische Art des Erzählens bleiben bis heute unerreicht und scheinen keinerlei Verfallsdatum unterworfen. „Reise ans Ende der Nacht“ könnte gestern oder heute geschrieben worden sein – zeitlos seine Thematik und die Verpackung, in der es dem Leser regelrecht um die Ohren gehauen wird. Warum aber findet Céline dann so selten Erwähnung, wenn es um die Wurzeln dieser literarischen Gattung geht? Warum weigern sich viele Kritiker seit Jahren beharrlich, diesem Werk die durchaus verdiente Anerkennung zuteil werden zu lassen?

Um das verstehen zu können, muss man einen Blick auf das Leben nach „Reise ans Ende der Nacht“ werfen, auf Célines Antisemitismus, den er spätestens ab 1937 auch in Pamphleten immer lautstärker und unverhohlen äußerte. Auf einen Judenhass, der dem der Nationalsozialisten in Deutschland zur selben Zeit in nichts nachstand – und von dem er sich auch viele Jahre später nie distanzierte. Ein Grund Céline zu ignorieren? Oder anders gefragt: Kann man einen Roman preisen, dessen Schöpfer in seinem Gedankengut unvereinbar mit den Werten war, die unsere heutige Generation, auch in Frankreich, hochzuhalten versucht? Fakt ist jedenfalls: In „Reise ans Ende der Nacht“ ist davon weder etwas zu spüren noch zu lesen. Lediglich sein unversöhnlicher Hass tritt bereits hier deutlich zutage – allerdings in Bahnen gelenkt, die eher linke und anarchistische Züge haben, als antisemitische Tendenzen. Und dieser Hass, diese unversöhnliche, unverhüllte Wut ist es, die Célines Roman für mich so einzigartig, so beeindruckend, ja, so tiefgreifend und bewegend macht.

Nur knapp zehn Jahre nachdem Proust das literarische Hochfranzösisch auf eine neue Ebene gehoben, die Raffinesse der Sprache in den Augen vieler perfektioniert hat, geht Céline den vollkommen gegensätzlichen Weg. Sein Französisch ist das der Pariser Vororte. Eine dreckige, knarrende, knappe Umgangssprache, welche sich im Vergleich zum ausgeklügelten Satzbau Prousts wie eine fortwährende Pöbelei ausnimmt. Sie will weder verzaubern noch verführen, sondern ist gesprochenes Wort, geäußerter Gedanke, hervorbrechendes Gefühl. Kurzum: Sie ist aus der Seele, ohne Überlegung geschrieben – und gerade darum bis heute so modern. Und in ihr verliert sich fast die eigentliche Geschichte, welche von der Lebensreise eines etwas anderen Helden erzählt, dessen Reise ans Ende der Nacht mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnt und der den Leser von den französischen Kolonien in Afrika, über New York und Detroit bis zurück nach Paris führt.

Ferdinand Bardamu ist feige, verschlagen, egoistisch – kurzum ein Produkt der finsteren Gesellschaft in der Zwischenkriegszeit, deren Wandel wir dank dem Ich-Erzähler aus der Perspektive des Erniedrigten, des Mannes am Boden wahrnehmen. Wie in einem dauerhaften Trommelfeuer schreit Bardamu uns seine Gefühle entgegen, all die Angst, den Hass, die Verzweiflung – geboren aus der empfundenen Ungerechtigkeit, der er Zeit seines Lebens davonzulaufen versucht und die ihn, der Finsternis einer Nacht gleich, doch immer wieder einholt. Diese ewige Flucht vor den äußeren Umständen diktiert gleichzeitig auch das Tempo des Romans, das von Beginn an unheimlich hoch ist. Céline lässt Bardamu gegen alle Widerstände und Hindernisse anrennen, zertrümmert Hoffnungen bereits direkt in ihrem Keim. In „Reise ans Ende der Nacht“ ist kein Raum für Träumereien oder Illusionen, keine Errungenschaft, Entwicklung oder Idee, welche nicht vom Autor durchleuchtet, zerfetzt und verworfen wird.

Während Bukowski, der sein Vorbild Céline gar als fiktiven Charakter in seinem Roman „Pulp“ einbaute, selbst noch dem miesesten Drecksloch einen Funken Schönheit und etwas Besonderes abgewinnen kann, überwiegt hier das Schlechte – in all seinen Ausprägungen. Hinter jeder ausgesprochenen Wahrheit entdeckt Céline die Lüge, hinter jedem guten Menschen den charakterlichen Abgrund. Mit bitter-zynischer Stimme demaskiert er die so genannten Werte der westlichen Kultur, rechnet er mit Kirche und Staat genauso ab, wie mit arm und reich. Die heilige Heimat Frankreich, der Patriotismus der Grande Nation – genauso eine Zielscheibe für Célines triefenden Hohn und Spott wie Militarismus und Kolonialherrlichkeit. Wie Joseph Conrad in seinem „Herz der Finsternis“, so ist auch dieser Blick ins koloniale Afrika schonungslos und ernüchternd. Bemerkenswert dabei: Céline beschränkt sich in seinen radikalen Angriffen auf keinerlei Seite. Dekadente Kolonialherren werden genauso zerlegt wie die tumben Ureinwohner, die des Mitleids nicht Wert zu sein scheinen. Die Überheblichkeit der Großbürger in den Pariser Vororten wird genauso angeprangert, wie das scheinheilige Streben und letztendliche Scheitern der Kleinbürger, für deren Ängste der Autor nur Verachtung übrig hat.

Reise ans Ende der Nacht“ ist gedruckte, zügellose Wut – eine urgewaltige, unversöhnliche Abrechnung, die selbst vor dem „American Way of Life“ nicht halt macht und uns u.a. durch die Fabrikarbeit in der boomenden Autostadt Detroit die Entwertung des menschlichen Lebens in all seinen Facetten vor Augen führt. Für den Leser ist diese Reise genauso schwer erträglich wie fassbar. Célines Worte fahren wie eine Sense durch das Korn, stutzen alles auf den Ursprung zurecht, enthüllen die Verlogenheit selbst da, wo wir sie selbst nicht sehen wollen. Und gerade die Tatsache, dass es ganz normale Leute sind, die im Mittelpunkt der Handlung stehen, macht dabei die Wirkung des Romans aus. Es sind ihre Ängste, ihre Schwächen, die letztlich genauso viel Böses bewirken, wie die großen Diktatoren oder Verbrecher. Die Sünde, die in jedem zu lauern scheint.

Als „Reise ans Ende der Nacht“ erschien, wurde Louis-Ferdinand Céline schlagartig berühmt, aber auch berüchtigt. Die Sprache polemisierte, der revolutionäre Stil brachte ihm Bewunderung und Ablehnung gleichermaßen entgegen. Von der Bewunderung ist heute vor allem in seinem Heimatland aufgrund seiner späteren Haltung gegenüber den Juden nicht mehr so viel geblieben. Die Wirkung seiner frühen Bücher, vor allem dieses Werks, bleibt bestehen – es ändert aber nichts daran, dass der Mensch Céline – ein Antisemit durch und durch – grundsätzlich abzulehnen ist. Entsprechend habe ich seine ab Mitte der 30er verlegten Veröffentlichungen hier auch gekennzeichnet.

Zum Zeitpunkt meiner ersten Lektüre war mir Célines Biographie nicht bekannt, weshalb ich das vorliegende Werk auch davon unbeeinflusst besprochen habe. Losgelöst von dem Jahre später offen gezeigten Antisemitismus, war es für mich der beeindruckendste literarische Rundumschlag, den ich bis dato gelesen habe – auch dank der hervorragenden Übersetzung! Tragikomisch, traurig, brutal und doch auch immer wieder erschreckend feinfühlig – eine Reise ans Ende der Nacht eben, die mir aufgrund ihrer Kälte viel abverlangt und mich doch nie kalt gelassen hat.

Wertung: 100 von 100 Treffern

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  • Autor: Louis-Ferdinand Céline
  • Titel: Reise ans Ende der Nacht
  • Originaltitel: Voyage au bout de la nuit
  • Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 05.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 672 Seiten
  • ISBN: 978-3499236587

Ganz England ist von den Dänen besetzt …

© Rowohlt

Ganz England? Nein, denn im zweiten Band der Saga um den von Dänen großgezogenen Sachsen Uhtred von Bebbanburg leistet das angelsächsische Königreich Wessex noch als einziges tapfer Widerstand gegen die unverminderten Angriffe der Wikinger.

Ein Widerstand, den ich selbst bei der Lektüre des vorliegenden Buches nicht mehr aufrechterhalten konnte. Hatte ich doch im Vorgänger „Das letzte Königreich“ noch so meine Probleme mit dem sehr eigenwilligen Stil des Autors Bernard Cornwell – insbesondere mit seiner Art der Figurenzeichnung – hat mich „Der weiße Reiter“ nun bis zur Grasnarbe in den Boden geritten, denn was einem hier über fünfhundert Seiten um den Helm gehauen wird, das hält der stabilste Schildwall nicht aus. Cornwell scheint nicht nur die Marschrichtung für die Reihe gefunden zu haben, er wirft auch endgültig jegliche künstliche Ausschmückung über Bord und schiebt und schubst uns in grölenden Kriegermeuten durch den saugenden Matsch des Dunklen Mittelalters, das selbst dem pazifistischen Leser die mickrige Heldenbrust schwillt. So nah am Grauen des Krieges, aber auch am Glaubenskonflikt zwischen nordischen Göttern und der christlichen Lehre, war schon lange kein historischer Roman mehr. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet ein selbstgerechtes, egoistisches Arschloch ist, mit dem wir in diesem Fall nur zu gern Schulter an Schulter durch die Seiten stürmen. Doch jetzt erst einmal kurz zur Geschichte:

Der weiße Reiter“ knüpft inhaltlich unmittelbar an das Ende des vorherigen Bands an. Das Jahr 878, England, im heutigen Somerset. Nach einem überraschenden Ausfall aus ihrem Hügelfort konnten die angelsächsischen Truppen unter der Führung des Aldermanns Odda den Dänen eine vernichtende Niederlage zufügen. Auch deren Kriegsherr, der gefürchtete Ubba Lothbroksson, fand durch Uhtreds Schwert im Zweikampf den Tod. Und doch, trotz diesem großen Sieg, hängt das Schicksal der Angelsachsen weiterhin an einem äußerst seidenen Faden. Northumbrien, Mercien, Ostanglien – und damit fast ganz England – sind inzwischen unter der Kontrolle der Dänen, welche ihren Einflussbereich nun auch auf Wales und die Küstengebiete Cornwalls ausweiten. Seit ihren ersten Eroberungszügen zwölf Jahre zuvor scheint nichts ihren Vormarsch stoppen zu können. Zwar wurde kurzerhand ein Frieden mit den Wikingern geschlossen, doch dieser ist mehr als fragil und nur die wenigsten trauen den Invasoren so leichtgläubig, wie der fromme König Alfred.

Allen voran Uhtred, mittlerweile mit seinen zwanzig Jahren schon zu einem kampferfahrenen Krieger mit strategischen Verstand und eigenem Landbesitz herangereift, hat seine Zweifel. Nicht nur, dass er immer noch weit mehr Sympathien für die Dänen hegt, bei denen er aufwuchs – er erfährt für seinen Beitrag bei Cynuit keinerlei Dankbarkeit und sucht nun eine Möglichkeit, sich wieder seinen alten Freunden auf Seiten der Wikinger anzuschließen. Doch als der lang erwartete Angriff schließlich kommt und Alfred mit seiner Familie in das sumpfige Marschland bei Athelney im Südwesten Englands flieht, sieht sich Uhtred plötzlich, durch einen Schwur mit seinem König verbunden, an dessen Seite wieder. Während der König auf göttlichen Beistand setzt, versucht Uhtred eine Armee um sich zu scharen, welche den Feind endgültig vernichtend schlagen soll. Angesichts der Tatsache, dass das Sumpfgebiet von allen Seiten fast völlig abgeriegelt ist, eine schier unlösbare Aufgabe. Statt die Dänen direkt zu attackieren, müssen die Angelsachsen nun ihr Glück mit Guerilla-Taktiken versuchen …

Für den Fall, dass meine Besprechung zum vorherigen Band das noch nicht klar genug zum Ausdruck gebracht, auch hier nochmal eine kleine Warnung vorweg: Wer in der Regel im Genre des historischen Romans sonst eher unter Wanderhuren, Wanderapothekerinnen oder Wanderfriseurinnen unterwegs ist, dem wird es so vorkommen, als hätte der liebe Göttergatte auf dem Sofa soeben mit der Fernbedienung von Rosamunde Pilcher auf Braveheart umgeschaltet. Für die landschaftliche Schönheit, die es damals bestimmt noch im Übermaß gegeben haben muss, hat Cornwell in seiner Sachsen-Saga keinerlei Auge. Schauplätze werden unter rein militärischen und damit strategischen Gesichtspunkten betrachtet. So ist ein Weiher kein lauschiges Plätzchen für ein liebendes Bauernpaar, sondern eine perfekte Falle für einen schwer gerüsteten Gegner. Und die von einem Sonnenuntergang beleuchtete Anhöhe dient lediglich der besseren Übersicht über die feindlichen Truppen. Für Romantik oder sonstige geschichtliche Folklore ist im Kampf um das letzte Königreich Angelsachsens schlicht kein Platz. Das mag den ein oder anderen Leser erschrecken, ist wohl aber damit näher an der historischen Wahrheit als die buntgekleideten Wunderfrauen und Handwerkerinnen, welche sonst so auf den Buchdeckeln prangen.

Überhaupt ist das einzige Handwerk, welches in diesem einmal mehr in Ich-Form erzählten Epos näher geschildert wird, das des Tötens, denn im Angesicht der drohenden Niederlage haben sich auch die letzten Untertanen ihrer gewohnten Werkzeuge entledigt, um sich im Kampf gegen die Dänen ihrem Fyrd, den angelsächsischen Milizen, anzuschließen. Bernard Cornwell führt uns in eine der hoffnungslosesten Epochen der englischen Geschichte, in der sich das gerade erst seit ein paar Jahrhunderten auf der Insel ausbreitende Christentum seiner größten Niederlage gegenübersah und nicht wenige Heiden den Kampf gegen die Dänen unterstützten. Uhtred ist einer von ihnen. Ja, eine fiktive Figur, aber nun weit zugänglicher, schafft es doch der Autor – besser als noch in „Das letzte Königreich“ – die Motivationen seines Anti-Helden herauszuarbeiten, der dem Herz nach zwar Däne ist, durch den Verlust seines Ziehvaters aber unter ihnen inzwischen mehr Feinde als Freunde hat. Und er ist somit auch eine geschickte Wahl, da wir genaueren Einblick in beiderlei Perspektiven bekommen, wodurch „Der weiße Reiter“ nicht nur um einige Facetten, sondern vor allem moralische Grauzonen reicher wird.

Bernard Cornwell vermeidet irgendeine Gewichtung oder Parteinahme, beleuchtet diesen Konflikten von allen Seiten, so dass man das eine Feindbild vergeblich sucht. Die schlechten Menschen, es gibt sie sowohl unter den Angelsachsen, als auch unter den Dänen. Und auch die heilige römische Kirche handelt nicht immer nach christlichen Gesichtspunkten, sondern versucht vor allem ihren Machtbereich auszuweiten und die dänischen Heiden zu missionieren. Ein Unterfangen, dass, wie die Geschichte beweist, bei dem ein oder anderen Kriegsherr der Wikinger am Ende sogar erfolgreich war und dennoch trotzdem nicht unbedingt den Wohlwollen des Lesers findet. Es ist beinahe ein Widerspruch, dass in diesem oftmals lauten Aufeinandertreffen von Schilden und Schwertern der Autor doch stets den Raum und die Ruhe findet, diese religiösen, aber auch gesellschaftlichen Konflikte zu vertiefen und damit ein genaues Bild der damaligen Zeit zu vermitteln. Und das er dabei stets auch die Kurzweil nicht aus dem Auge verliert.

Der weiße Reiter“ bietet erneut Humor der schwärzesten und derbsten Sorte, was sich insbesondere in den Passagen, wo Uhtred und Leofric unter angelsächsischer Flagge im Bristolkanal auf Kaperfahrt gehen, äußerst stimmig liest und beim Leser für ausgeprägtes Kopfkino sorgt. Ja, natürlich – Uhtred ist in vielen Situationen dann doch „larger than life“, dieses mittelalterliche Gegenstück zu Cornwells anderem bekannten Helden aus den napoleonischen Kriegen, Richard Sharpe. Auch ihn verfehlte über zig Bücher hinweg jede Kugel und jedes Bajonett. Und ähnlich verhält es sich auch mit dem Erben von Bebbanburg. Unrealistisch, mag manch einer unken und damit nicht unrecht haben. Aber mir letztlich tausendmal lieber als viele Protagonisten mancher deutscher Autoren und Autorinnen, die zwar bis in Detail stimmig beschrieben werden, nur eben auch zum Gähnen langweilig und farblos sind. Geschichte – sie wird da am besten vermittelt, wo sie lebendig erzählt wird. Und noch lebendiger als vor allem im letzten Drittel, kann zumindest diese Stück der Historie Englands wohl nicht mehr aufs Papier gebracht werden.

Hätte er es nicht schon zuvor mehrmals in der oben erwähnten Sharpe-Reihe unter Beweis gestellt – Bernard Cornwell hätte mit der Wiedergabe der historischen Schlacht von Ethandum (das heutige Edington) sein Meisterstück abgeliefert. In einem epischen Umfang wird dieses brutale Aufeinandertreffen von König Alfred und Guthrum vor uns ausgebreitet – und das Schicksal mancher Figuren für kommende Ereignisse besiegelt. Und ohne sich wirklich dagegen wehren zu können, tauchen wir als Leser in diesen Rausch aus Blut, ächzenden Leibern und schiebenden Schilden mit ein, unfähig sich der wirkungsvollen Schreibe zu entziehen, die zwar auch niederste und primitivste Instinkte weckt, aber uns auch auf erschreckende Weise befriedigt zurücklässt, wenn das Schwert schließlich siegreich gen Himmel gereckt wird. Cornwell gibt damit Edington eben genau jene Bühne, die es braucht, gilt doch der Ausgang als Grundsteinlegung für die weitere englische Geschichte. Bis heute erinnert nicht weit entfernt das berühmte Scharrbild Westbury White Horse an diese Schlacht. Womit der Autor auch geschickt den Bogen zum Titel seines Buches schlägt, der sich aber in erster Linie auf das Wort der Apokalypse bezieht:

Da sah ich ein fahles Pferd; und der Reiter der auf ihm saß, heißt der Tod.

Mit dem Tod wird Uhtred von Bebbanburg garantiert auch in den kommenden Bänden wieder seine Klingen kreuzen. Worauf sich wiederum Freunde fundierter historischer Romane freuen dürfen, denn „Der weiße Reiter“ ist, bei allem Kampfesgetümmel, ein hervorragend recherchierter Vertreter seines Genres (wie geschichtlich akkurat, lässt sich im ausführlichen Nachwort nachlesen), der mit großer Authentizität eine Epoche beleuchtet, welche zuvor eher stiefmütterlich behandelt worden ist. Und so heißt es für mich daher nun: Aufsatteln und Schilde festzurren. Wir reiten gen Norden.

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Der weiße Reiter
  • Originaltitel: The Pale Horseman
  • Übersetzer: Michael Windgassen
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 10.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 509
  • ISBN: 978-3499242830

Keine Ehre unter Dieben

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„Aufhören, wenn es am schönsten ist“, so sagt der Volksmund. Und gerade im Bezug auf die Kriminalliteratur ist an diesem Sprichwort durchaus etwas dran, gibt es doch genügend Beispiele in der langen Geschichte dieses Genres, welche von Autoren künden, die eben jenen Zeitpunkt verpasst, das Pulver verschossen und ihren Serienhelden/ihre Serienheldin zu Tode geritten haben.

Ob getrieben durch stets aufeinanderfolgende Verträge mit dem Verleger, durch die schlichte Geldnot oder weil das Stammpublikum es nachdrücklich immer wieder fordert – oft bedeuten kommerziell erfolgreiche Krimi-Reihen für manchen Schriftsteller die kreative Sackgasse, aus der dieser gar nicht oder nur mit Mühe wieder herauskommt. Wallace Stroby, so scheint es, hat diese mögliche Gefahr nicht nur elegant umschifft, sondern parallel auch seine Protagonistin, die Berufsganovin Crissa Stone, mit einem ganz ähnlichen Problem konfrontiert. Im vierten Band muss sie in Bezug auf ihre persönliche Vergangenheit eine Entscheidung treffen und sich darüber klar werden, inwieweit sie das gegenwärtige Leben noch nachhaltig erfolgreich – und vor allem unversehrt – weiterführen kann. Oder ob nicht doch der Zeitpunkt gekommen ist, einen Schlussstrich zu ziehen. Eine Entwicklung, welche der Leser mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgt, denn selbst wenn Stroby ein durchaus stimmiger und versöhnlicher Abschluss gelingt, so schleicht sich in diesen Abschied auch ein großes Maß an Wehmut, verlieren wir mit „der Roten“ doch einen der letzten Anti-Helden aus der Tradition von Richard Starks Parker oder Gary Disher Wyatt. Und manchmal verlangt es den Krimi-Freund eben genau nach diesen amoralischen Charakteren, flüstert uns eine verführerische Stimme leise ins Ohr: „Der Teufel will mehr“.

Hin und wieder erliegt auch Crissa Stone diesem Reiz des Bösen, diesem Gefühl von Aufregung und diesem anhaltenden Rausch, wenn ein Coup erst minutiös geplant und dann Schritt für Schritt ausgeführt wird. Und so ist es dann meist weniger das Geld, das sie lockt, als die Herausforderung der Tat an sich, wenngleich sie sich inzwischen eingestehen muss, dass längst nicht mehr alle nach den Regeln spielen und das Gefahrenpotenzial mittlerweile ein weit höheres ist als zum Beginn ihrer kriminellen Karriere. Dennoch zögert sie nur kurz, als der wohlhabende Kunstsammler Emile Cota über einen Kontaktmann mit ihr Verbindung aufnimmt und sie mit einem ganz besonderen Diebstahl beauftragt:

Cota konnte in der Vergangenheit illegal mehrere wertvolle Kunstschätze aus dem Irak erwerben und sieht sich nun von der neu eingesetzten Regierung des Landes – und damit den rechtmäßigen Besitzern – gezwungen, diese zurück in ihr Heimatland zurückzuführen. Der Multimillionär ist not amused. Er denkt gar nicht daran, auf diesen besonderen Teil seiner Sammlung einfach so zu verzichten und plant stattdessen, die Ware auf dem Weg zur Rückführung stehlen zu lassen, um die Versicherungssumme zu kassieren und die Antiquitäten direkt wieder an interessierte Käufer zu veräußern. Crissas Interesse ist geweckt, denn den Truck-Konvoi zu stoppen und inmitten der Einöde der Wüste nahe Las Vegas umzuladen, scheint nicht nur machbar, sondern sollte erfahrungsgemäß relativ lautlos und ohne Waffengewalt vonstatten gehen. Insbesondere letzteres ist der Diebin wichtig, welche Schusswaffen als ein notwendiges Übel erachtet, das aber bei richtigen Profis nicht zum Einsatz kommt. Das birgt wiederum in diesem Fall Konfliktpotenzial, denn ihr Partner bei dieser Unternehmung – der frühere Marine-Infanterist Randall Hicks – übernimmt nicht nur große Teile der Planung, sondern holt mit seinem ehemaligen Kameraden Sandoval auch einen unberechenbaren Heißsporn mit an Bord.

Während Crissa ihrerseits ein Team zusammenstellt, zu dem u.a. der eigentlich bereits im Ruhestand befindliche Fahrer Chance gehört, und gleichzeitig nach und nach die Tatsache akzeptieren muss, dass ihre große Liebe Wayne das Gefängnis wohl so schnell nicht mehr verlassen wird, rückt der Tag des Raubzugs immer näher. Über den zunehmenden Verlust der Kontrolle besorgt, rechnet Crissa insgeheim schon mit einem Scheitern, doch zum besagten Zeitpunkt scheint alles gut zu gehen. Bis plötzlich Schüsse fallen und sich damit eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang setzt, in deren weiteren Verlauf sich die Rote einmal mehr ihrer Haut erwehren muss …

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, wenngleich dies eher aus reiner Höflichkeit, denn aus Vorsicht geschieht, denn schon nach wenigen Seiten sollte der geneigte Krimi-Leser bereits erahnen können, welche Richtung dieser Plot einschlagen wird, erfindet Wallace Stroby hier doch das Genre wahrlich nicht neu, sondern bedient sich stattdessen altbekannter logischer Abfolgen des Noir. Natürlich kommt es zum Verrat und zu einem Zerwürfnis der Beteiligten, natürlich will jeder für sich allein mit dem Gewinn in den Sonnenuntergang reiten – und natürlich erweist sich Crissa Stone wieder als äußerst findig, wenn es darum geht, ihren Widersachern nicht zu viel von sich zu verraten. Und doch gewinnt dieses Element der Offensichtlichkeit erstaunlicherweise nicht an übermäßig Gewicht, denn Stroby gelingt es scheinbar mühelos, den Spannungsbogen hochzuhalten, was vor allem daran liegt, dass Crissa in „Der Teufel will mehr“ letztendlich mehr um ihr eigenes Leben, als um die Beute kämpft. Der für sie ungewohnte Kontrollverlust macht sie, trotz ihrer Erfahrung, zu einer Gejagten, die lange nur reagieren kann und fast hilflos beobachten muss, wie langjährige Konstanten ihres Lebens und ihrer Profession nun in Gefahr geraten.

Vermeintlich feste Stützen, wie der Auftragsvermittler Sladden brechen jetzt auf einmal weg und entblößen das fragile Fundament, auf dem sich Crissa Stone seit der Festnahme von Wayne ihr Leben aufgebaut hat. Und derart aus dem Gleichgewicht gebracht, braucht es eine gewisse Zeit, bis sie die Zügel wieder in die Hand nehmen kann, was den Leser, der sich vom hohen Tempo mitreißen lässt, auf der anderen Seite allerdings entgegenkommt, und der – derart in Beschlag genommen – nur sporadisch registriert, mit welch heißer Nadel die Handlung mitunter gestrickt wurde. Stroby vermag es erneut exzellent, die übersichtliche Menge der genreüblichen Werkzeuge so einzusetzen, dass wir ganz in diesem düsteren Katz-und-Maus-Spiel aufgehen und von der stets fast greifbaren Suspense durch das Buch gezogen werden. Die hohe Kunst, das Gefahrenmoment auch für die Serienfigur wirksam werden, uns um sie bangen zu lassen – er meistert sie scheinbar mühelos. Und das verleiht der Geschichte einen unheimlichen Drive, dem man sich schwer entziehen kann – und vor allem gar nicht entziehen will.

Crissa Stone derart am Scheideweg zu erleben, derart in ihrer Existenz bedroht zu sehen – das reicht schlicht und ergreifend einfach, um für 320 Seiten die Wirklichkeit außerhalb der Buchdeckel auszublenden und der eigenen Fantasie im Kopf den Rest der „Arbeit“ übernehmen zu lassen. Mehr noch: Dieses vorgezogene Requiem auf eine Verbrecherin geht uns trotz aller Simplizität wieder gehörig unter die Haut, wirkt nach – und hinterlässt uns durchgehend zufrieden und in dem Gefühl, was Besonderes in den Fingern gehalten zu haben.

Kommt also das Beste wie immer zum Schluss? Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, muss ich diese Frage mit Nein beantworten, ist der Plot dafür doch viel zu geradlinig und durchsichtig, bedient sich Stroby im letzten Halali von Crissa Stone ein bisschen zu oft bereits bekannter Elemente und Gesetzmäßigkeiten. Allein – es kann den Gesamteindruck einmal mehr kaum trüben, denn auch der finale Auftritt liest sich wieder wie aus einem Guss, überzeugt durch äußerst elegante und stilistisch manchmal fast grazile Sicherheit, die selbst der Routine einen Glanz abringt, welcher einem Großteil der Konkurrenz verborgen bleibt. Wie schon ein Robert B. Parker vor ihm, so hat auch Stroby die Kunst auf kleinstem Raum gemeistert und trotzt einer doch schon so oft erzählten Geschichte auch dank der pointierten Dialoge neue faszinierende Facetten ab. Ein schönes, ein gutes Ende. Oder um es mit Bogarts Worten und vielleicht auch etwas Hoffnung in der Stimme zu sagen:

„Uns bleibt immer noch Paris.“

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Der Teufel will mehr
  • Originaltitel: The Devil’s Share
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2019
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3865326461

Prinz der Nacht

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Edward Bunkers Debütroman „Lockruf der Nacht“ ist das nächste Opfer einer meiner regelmäßigen kreativen Durststrecken, ward er doch bereits vor einigen Monaten gelesen, ohne dass ich mich anschließend mit einer Rezension des Werks auseinandergesetzt hätte. Eine zeitliche Distanz, welche sich naturgemäß – und daher auch hier – rächt, wenn es darum geht die so lang zurückliegende Lektüre korrekt einzuordnen.

Doch so wenig aussichtsreich das Unterfangen auch sein mag, so notwendig ist es auch, denn Bunkers posthum (im Jahr 2008) veröffentlichtes Erstlingswerk ist ein Paradebeispiel des Pulp-Genres der frühen 60er Jahre, das im Gegensatz zu seinen späteren Romanen auch noch weit ungeschliffener, kantiger und roher daherkommt. Zwangsläufig möchte man behaupten, hat er doch seine ersten Schritte als Literat im Gefängnis von San Quentin gemacht, wo er gleich mehrfach in seinem Leben einsaß. Überhaupt lohnt an dieser Stelle ein kurzer Blick in die Autobiografie dieses Schriftstellers, um das vorliegende Buch entsprechend einordnen zu können.

Bunker, 1933 in Hollywood, Kalifornien geboren, wächst in schwierigen familiären Verhältnissen auf. Seine frühesten Kindheitserinnerungen handeln von der wechselseitigen Gewalt seiner Eltern, die nur durch das Eingreifen der Polizei unterbunden wird. Nach deren Scheidung landet er selbst im Heim, aus dem er flieht, nur um im Anschluss in immer noch strengeren Einrichtungen einkaserniert zu werden. Doch kein Ort kann ihn auf Dauer halten und selbst in der Disziplin einer Militärschule findet er keinerlei Heimat. Ganz im Gegenteil: Er kommt er stets aufs Neue mit dem Gesetz in Konflikt, greift schließlich sogar seinen Vater körperlich an und entwickelt ein tief empfundenes Misstrauen gegen jegliche Autorität und staatliche Institutionen. Wegen Ladendiebstahl muss er schließlich in den Jugendknast, wo er sich den Angriffen anderer junger Krimineller erwehren muss.

Obwohl weit jünger und kleiner als viele seiner Mitinsassen, lernt er seine Angst zu verstecken und erkennt, dass einem persönlich nur die Wahl zwischen Jäger und Beute bleibt. Er beschließt ersteres zu sein. Im Alter von sechzehn Jahren – inzwischen sitzt er im Los Angeles County Jail für Erwachsene ein – ersticht er einen anderen Insassen und erarbeitet sich damit endgültig den Ruf als furchtloser Mann. Nur ein Jahr später wird ihm dann die fragwürdige Ehre zuteil, der jüngste Insasse in eben jenem bereits erwähnten San Quentin State Prison zu sein. Hier nimmt er Kontakt zu Caryl Chessman auf, der in der Todeszelle auf die Vollstreckung seines Urteils wartet. Chessman, den Bunker schon aus früheren Jahren kennt, lässt ihm das erste Kapitel seines Buches („Cell 2455, Death Row“) zukommen, was diesen wiederum dazu inspiriert, seine eigenen Geschichten zu schreiben.

Seine Liebe zur Literatur soll fortan nicht mehr abbrechen, auch wenn er, nach viereinhalb Jahren auf Bewährung entlassen, bald aufgrund weiterer Straftaten erneut zu vierzehn Jahren Haft verurteilt wird, von denen er diesmal sieben – ebenfalls in San Quentin – absitzen muss. In dieser Zeit entsteht schließlich auch „Lockruf der Nacht“, dessen Manuskript über Jahrzehnte verschollen blieb, bis es durch Zufall kurz nach seinem Tod im Jahr 2005 entdeckt wurde. Ein Glücksfall, ist es doch sowohl unverwässertes Zeitdokument, als auch das erste Ausrufezeichen eines äußerst talentierten Autors, der hierzulande jedoch wohl den meisten eher aufgrund seiner kleinen Nebenrollen in Kinofilmen wie „Reservoir Dogs“, „Running Man“ oder „Tango & Cash“ ein Begriff ist. Insofern ist diese Rezension nun auch die passende und beste Gelegenheit, um eine andere Facette von Edward Bunker zu beleuchten.

Lockruf der Nacht“ führt uns in das Kalifornien des Jahres 1962, genauer gesagt nach Ocean View. Ernie Stark ist gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden und versucht seine Karriere als Kleinkrimineller voranzutreiben, als ihn Detective Lieutenant Patrick Crowley, der ihn bereits seinen längerem im Auge hat, vor die Wahl stellt: Entweder er findet heraus wer den örtlichen Dealer Momo Mendoza mit Drogen beliefert oder Crowley sorgt dafür, dass er wieder im Knast landet. Bei aller Ehre unter Ganoven, Stark hat keinerlei Bedarf nach einem weiterem Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen und willigt ein, zumal er seine Chance sieht, selbst zu der großen Nummer aufzusteigen, für die er sich schon seit jeher hält. Keine einfache Aufgabe, da er, trotz immerwährender Selbstbeteuerungen, inzwischen längst selbst zum Junkie geworden ist und hoffnungslos an der Nadel hängt. Es bedarf einiger Raffinesse und noch mehr Skrupel, um Momos Vertrauen zu gewinnen, doch schließlich gelingt es ihm, dessen Interesse an einem großen Deal zu wecken und diesen anschließend auch erfolgreich durchzuziehen. Von jetzt an wird er als Momos Partner akzeptiert – die Drogenquelle jedoch, sie bleibt weiter ein Geheimnis. Kompliziert wird das Ganze durch Momos Frau, Dorie Williams, in der sich Stark selbst wiedererkennt und die ihre eigenen Gründe hat, den Dealer ans Messer zu liefern. Doch kann er ihr trauen? Stark muss jeden seiner Schritte vorsichtig abwägen, um am Ende lebend aus der Sache herauszukommen …

Es verwundert kaum, dass sich schon in dieser kurzen Inhaltsbeschreibung einige Parallelen zu Edward Bunkers eigenem Leben wiederfinden und natürlich fließen in die Figur Ernie Stark gleich mehrere Elemente aus dessen Biographie mit ein. Mehr noch als die Charakterisierung des Hauptprotagonisten fällt aber vor allem die messerscharfe Skizzierung des Drogenmilieus ins Auge, durch die der Leser vollkommen ungefiltert in das Nachtleben des Kaliforniens der 60er Jahre eintaucht. Bar jeder künstlichen Ausschmückung erwartet uns hier eine fast fotografische Wiedergabe der damaligen kriminellen Unterwelt, welche Bunker mit beinahe selbstverständlicher Ruhe porträtiert, ohne groß moralisch die Handlungen der Beteiligten zu hinterfragen. „Lockruf der Nacht“ will nicht polarisieren oder belehren – es bildet schlicht den Status Quo ab, mit dem sich alle Beteiligten inklusive des Detectives abfinden, ohne das eigene Schicksal groß zu bedauern. Es ist wie es ist – das scheint das übergeordnete Motto zu sein, dem sich auch der Autor selbst Zeit seines Lebens ausgeliefert sah und dementsprechend damit umgehen musste.

Rückblickend dürfte diese Lektüre daher für den ein oder anderen heutigen Leser ungewohnt unbequem daherkommen, taugt doch keine der Figuren irgendwie zum Sympathieträger oder Anti-Held. Allesamt sind auf ihre Art und Weise Verbrecher oder zumindest korrupt. Und wenn ein Leben genommen werden muss, um das eigene damit zu sichern, dann ist das eben so. Wer sich mit dieser Tatsache abfindet, vor dem wälzt sich ein Plot aus, der geradlinig wie ein kalifornischer Highway seinem Ende entgegensteuert und trotz der Düsternis, in der er sich bewegt, keinerlei Schwermut verströmt und – das sei besonders betont – seit seiner Entstehung keinerlei Staub angesetzt hat. So wie die Werke von Paul Cain oder Lawrence Block, so ist auch Bunkers „Lockruf der Nacht“ ein typisches Exemplar zeitloser Pulp-Fiction. Zwar durchaus eingebettet in den historischen Kontext, doch gleichzeitig von einer erschreckenden Aktualität, haben sich doch allenfalls gewisse Methoden, aber nicht die Zustände in diesen gesellschaftlichen Abgründen geändert.

Natürlich muss auch festgehalten werden: Ohne Kenntnis von Bunkers Lebenslauf verliert auch diese gänzlich fettfreie und schnörkellose Gangster-Geschichte etwas von ihrer Faszination. Wer sich jedoch klar macht, dass der Autor selbst durch diese dreckigen Straßen lief, sich dieselben Drogen durch die Adern gejagt und mit denselben Huren und Mafiosis verkehrt hat (mit dem mexikanischen Mafia-Boss Joe „Pegleg“ Morgan war er gar eng befreundet) – vor dessen Augen entfaltet dieser auf den ersten Blick so schlichte Roman noch eine weit tiefere, kantigere Dimension. Oder anders gesagt: Ohne Bunkers eigene Erfahrungen würde „Lockruf der Nacht“ nicht so gut funktionieren, wie er das tut.

Edward Bunkers Debüt ist ein schmerzhaft ehrliches und schroffes Zeitzeugnis, das wenig überraschend seitens des exzellenten Liebeskind-Verlages für das deutsche Lesepublikum entdeckt worden, allerdings mittlerweile auch schon wieder vergriffen ist. Allen Freunden des Pulp-Genres sei an dieser Stelle aber die antiquarische Suche unbedingt ans Herz gelegt. Es lohnt sich.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Edward Bunker
  • Titel: Lockruf der Nacht
  • Originaltitel: Stark
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 02.2009
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3935890618