Fedoras im Fernen Osten

© Heyne

Auch Tom Bradby reiht sich in die Gruppe der Autoren ein, welche ich im Mitte der 2000er Jahre noch lebendigen Forum der Krimi-Couch für mich entdecken durfte und seitdem nicht mehr von meinem persönlichen Radarschirm verschwunden sind, was insbesondere an dessen herausragenden Roman „Der Gott der Dunkelheit“ liegt (zu diesem Werk werde ich mich in der kriminellen Gasse nochmal detaillierter äußern), der im Sub-Genre des Agentenromans den Vergleich mit den ganz großen Namen nicht scheuen muss.

Zwei Jahre zuvor erschien im Original bereits „Der Herr des Regens“, mit dem Bradby nicht nur ebenfalls sein Faible für exotische Schauplätze vor einem historischen Kontext untermauert, sondern bereits andeutet, welch talentiertes Händchen er dafür besitzt, Geschichte vor den Augen des Lesers lebendig zu machen und damit die Grenzen zwischen dem Jetzt und dem Früher aufzuweichen. Ohne vorab zu viel verraten zu wollen, würde ich gar behaupten, dass es genau diese Fähigkeit ist, die den Autor nochmal aus der Masse heraushebt und letztlich seinen Werken auch jene ganz besondere Atmosphäre verleiht, an der sich viele andere Kollegen, trotz detailliertester Beschreibungen, regelmäßig verheben. Gleichzeitig sorgt dieses vor uns ausgebreitete, äußerst stimmungsvolle literarische Buffet dafür, dass wir nicht so genau auf die Simplizität des Rezepts achten, würde doch ein genauerer Blick genügen, um zu erkennen, dass sich Bradby hier nicht nur einiger Klischees bedient, sonder auch die Handlung das Rad ganz sicher nie neu erfindet. Diese sei hier kurz vorgestellt:

Shanghai im Jahre 1926. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der verschiedensten Nationen. Chinesen, Engländer, Amerikaner, Russen und Franzosen leben eng an eng, in einzelne so genannte „Settlements“ unterteilt und arbeiten in einigen Behörden, wie der Polizei und dem Geheimdienst, sogar zusammen. Richard Field – ein junger Grünschnabel von der Polizeiakademie aus Yorkshire, der vor seiner eigenen Vergangenheit in den Fernen Osten geflüchtet ist, um neu anzufangen – wird bereits nach wenigen Tagen im Dienst mit einem äußerst heiklen Mordfall konfrontiert. Eine russische Prostituierte wurde brutal gefoltert und anschließend getötet. Alle Indizien weisen daraufhin, dass der Gangsterboss „Lu Huang“, Oberhaupt der mächtigen „Grünen Triade“, dabei seine Finger mit ihm Spiel hat. Von Eifer und Idealismus beseelt stürzt sich Field in die Ermittlungen, nur um schon bald zu erfahren, dass es in der fremdartigen und pulsierenden Metropole vor allem eine Regel gibt: Traue niemanden.

Hartnäckig treibt er dennoch seine Nachforschungen voran und gerät dabei immer tiefer in ein verstricktes Netz der Korruption und kriminellen Machenschaften, welche auch vor dem Geheimdienst selbst nicht halt macht. Vom Verrat und Widerstand in den eigenen Reihen desillusioniert, scheint die wunderschöne Natascha, eine weitere russische Prostituierte und Freundin der Ermordeten, das einzige Beständige. Doch kann er ihr vertrauen? Oder spielt auch sie ein falsches Spiel?

(…) „in keiner Stadt einen je einen solchen Eindruck von einem dichten Morast üppig verflochtenen Lebens wie hier“ (…)

Aldous Huxley über Shanghai

Weitestgehend unbeobachtet und ohne größere Aufmerksamkeit zu erzeugen, erschien zuletzt 2019 mit „Secret Service“ ein Titel von Tom Bradby auf dem deutschen Buchmarkt (den ich, zu meiner Schande, bisher auch selbst noch nicht gelesen habe), womit sich dann auch irgendwie ein Trend fortsetzt, denn der britische Autor hat es bis zum heutigen Tag nicht geschafft, sich hierzulande einen größeren Namen zu machen. Während ein Richard Harris mit ähnlicher Produktivität seit „Vaterland“ in Deutschland ein gewisses Lesepublikum fast sicher sein Eigen nennen kann, musste man schon für „Der Gott der Dunkelheit“ in der Vergangenheit kräftig die Trommel rühren. Insofern stellt diese Besprechung auch meinen zweiten Versuch da, Tom Bradby einer etwas größeren Leserschaft – oder zumindest meiner eigenen Blog-Klientel bekannt und auch schmackhaft zu machen. Dass dabei die Wahl zuerst auf „Der Herr des Regens“ fiel (und eben nicht auf das noch weit gelungenere „Der Gott der Dunkelheit“), ist auch ein wenig Clementine Skorpils (bereits von mir rezensierten) Roman „Gefallene Blüten“ geschuldet, der im gleichen Jahr vor gleicher Kulisse angesiedelt ist, aber sich auf einen anderen Aspekt der Geschichte Shanghais konzentriert – und damit mit Bradbys Buch ein kongeniales Duo bildet.

Denn Fakt ist: Einmal mehr gelingt es Tom Bradby beinahe traumwandlerisch sicher, aus einem historischen Schauplatz eine lebendige Bühne zu kreieren, welche, ein Jahr nachdem die britischen Truppen einen Studentenprotest niedergeschlagen haben, zunehmend den beginnenden Einfluss des Kommunismus zu spüren beginnt und die ohnehin aufgeheizte Stimmung in dem kosmopolitischen, äußerst dynamischen Moloch aus verschiedensten Kulturen zum Überkochen bringt. Wohlgemerkt noch weitestgehend unbemerkt von den Europäern, für die, insbesondere bei den Briten, Shanghai immer noch als Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten gilt, in welcher der mutige Abenteuer nicht nur zu Reichtum kommen, sondern auch alle anderen niederen Gelüste hemmungslos befriedigen kann. In ausgerechnet diesem Morast der Versuchungen wagt der Hauptprotagonist Richard Field seinen Neuanfang. Und muss dabei schnell erkennen, dass Recht und Gerechtigkeit nicht immer dasselbe sind und auch nicht allen Polizeikräften daran gelegen ist, die Wahrheit ans Tageslicht zu fördern.

Der Herr des Regens“ ist nicht nur thematisch, sondern auch von der Tonalität her ein klassischer „Noir“ und Gangsterroman, dessen Zutaten allesamt höchsten Wiedererkennungswert bieten. Männer mit Fedoras. Langläufige Thompsons mit Trommelmagazin. Schwarze Limousinen mit verdunkelten Scheiben. Stinkende, regennasse Gassen. Verruchte und verrauchte Nachtclubs. Bradby konstruiert einen Sündenpfuhl aus Hass, Verrat und Gewalt, der beim Lesers nicht ohne Wirkung bleibt und sogar darüber hinwegtäuschen kann, dass der eigentliche Spannungsbogen sich nicht in allerhöchste Höhen schwingt, so düster, ja, und damit auch nachhaltig bedrückend das Setting. Der Plot, er lebt von dieser desillusionierten, beinahe nihilistischen Atmosphäre, dieser immer präsenten Gefahr, die wie ein Damoklesschwert bedrohlich über allen Beteiligten hängt. Nein, sonderlich innovativ ist das alles nicht (das Ende riecht arg nach Hollywood), aber wer Filme wie „Chinatown“ und „Die Unbestechlichen“ mag oder mit Ellroy schon das historische L.A. unsicher gemacht hat, der wird wohl auch hier voll auf seine Kosten kommen.

Tom Bradbys „Der Herr des Regens“ ist ein schillernder, wendungsreicher und für einen „Noir“ überraschend politischer Roman, der allen Fans klassischer Gangstergeschichten ans Herz gelegt sei, die jedoch aufgrund der mitunter ausschweifenden Erzählweise etwas Geduld und Einfühlungsvermögen mitbringen sollten.

Wertung: 86 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Tom Bradby
  • Titel: Der Herr des Regens
  • Originaltitel: The Master of Rain
  • Übersetzer: Ina Kleinod
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12/2005
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 576 Seiten
  • ISBN: 978-3453470224

Money for nothin and chicks for free

© Polar

Wer sich schon etwa länger in der kriminellen Gasse herumtreibt, dem wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass ich das Werk des leider bereits 2012 verstorbenen Schriftstellers William Gay über alle Maße schätze – und im vorletzten Herbst entsprechend freudig auf die Nachricht des Polar-Verlags reagiert habe, als mit „Stoneburner“ die Übersetzung eines posthum veröffentlichten Romans angekündigt wurde. Dass dieser überhaupt erscheinen konnte, ist einer kleinen Gruppe von Freunden und Bewunderern des Autors zu verdanken, welche sich nicht nur die Mühe machten, dessen unzählige Manuskripte zu sichten, sondern auch die handgeschriebenen Texte abtippten und letztlich in Form brachten.

Mühe, die sich – soviel sei vorab verraten – durchaus bezahlt gemacht hat, was allerdings auch ein wenig davon abhängt, mit welchen Erwartungen man die Lektüre von „Stoneburner“ in Angriff nimmt, der als Hardboiled-Detective-Eye beworben wird, tatsächlich sogar mit einigen der klassischen Ingredienzien aufwartet, dennoch aber sich der eingeschlagenen Richtung nicht immer so ganz sicher zu scheint. Ein Grund dafür ist bereits in der Entstehungsgeschichte des Buches zu finden, in dem Gay nicht nur einen gehörigen Teil seiner eigenen Biografie verarbeitet, sondern auch seine frühe Liebe zu Autoren wie William Faulkner, Thomas Wolfe, Ross MacDonald oder Mickey Spillane (Insbesondere letzterer dürfte gerade die Charakterisierung der weiblichen Hauptfigur maßgeblich beeinflusst haben, die das Motiv der umtriebigen Femme Fatale tatsächlich auf die höchstmögliche literarische Spitze treibt). Dennoch blieb „Stoneburner“ über viele Jahre in der Schublade, wofür letztlich vor allem Cormac McCarthy verantwortlich zeichnet, mit dem Gay, erstmals nachhaltig beeindruckt durch dessen „Draußen im Dunkel“, eine lange und innige Freundschaft verbunden hat. McCarthy gelang sein großer Durchbruch schließlich mit „Kein Land für alte Männer“, was wiederum Gay veranlasste, sein eigenes Manuskript noch vor der Veröffentlichung zurückzuziehen.

Einerseits war Gay immer sehr empfindlich gegenüber Vergleichen mit seinem Freund, andererseits gibt es dermaßen viele Parallelen zwischen den beiden Werken, dass er mit dem Vorwurf, die Handlung geklaut zu haben, hätte rechnen müssen. Um auch nochmal zu verdeutlichen, wie ähnlich sich beide Plots sind, sei der von „Stoneburner“ hier kurz angerissen:

Ackerman’s Field, Tennessee, im Jahr 1974. Sandy Thibodeaux, Vietnam-Veteran und inzwischen unberechenbarer Trinker, nutzt die Gunst des Stunde, als er eines Nachts die heimliche Landung eines Drogenkuriers mitverfolgt und sich den kurzzeitig unbeobachtet gelassenen Koffer mit dem dafür vorgesehenen Geld unter den Nagel reißt. Hundertfünfundachtzigtausend Dollar. Genug um die drückende Enge der Provinz hinter sich zu lassen und vielleicht auch endlich bei Cathy Meecham zu landen, deren verführerisches Äußeres Sandy schon seit längerem um den Verstand bringt. Cathy, beeindruckt von dessen neuerworbenen Reichtum, zeigt sich tatsächlich interessiert und brennt kurzerhand mit ihm durch. Sehr zum Missfallen von „Cap“ Holder, dem ehemaligen Sheriff des Countys, der allein schon aufgrund seiner Statur immer noch von vielen vor Ort gefürchtet wird. Er erhebt Anspruch auf Cathy, hatte Thibodeaux bereits vorgewarnt und setzt nun, zusätzlich noch von Schulden geplagt, alles auf eine Karte, um sie zu finden und zurückzuholen.

Hier kommt der titelgebende Privatdetektiv (ohne Lizenz) Stoneburner ins Spiel. Von Holder beauftragt, soll er das flüchtige Pärchen aufspüren, welches, mit Geld um sich schmeißend, eine allzu deutliche Spur im Süden der USA hinterlässt, bis diese schließlich in den Baumwipfeln eines Bergpasses in den Ozarks endet. Für Stoneburner ist es jedoch mehr als ein Routineauftrag. Er hatte einst gemeinsam mit Thibodeaux in Vietnam gedient, war dort gar eng mit ihm befreudnet. Und eine Frage bleibt zudem offen: Welches Spiel spielt eigentlich „Cap“ Holder in dieser Geschichte? Als Stoneburner nach und nach die Zusammenhänge erkennt, wird der Fall für ihn im wahrsten Sinne des Wortes heiß …

Bei uns ins Ostwestfalen gibt es bei einer kritischen Betrachtung die Redewendung „Wie wenn einer will und kann nicht.“ Das lässt sich aber nicht eins zu eins auf „Stoneburner“ übertragen und muss in „Wie wenn einer kann und weiß nicht genau wie“ abgewandelt werden, denn wiewohl William Gay einmal mehr stilistisch und sprachlich auf allerhöchstem Niveau zu überzeugen weiß – es ist diesmal eine literarische Reise mit einigen (unnötigen) Hindernissen für den Leser. Der muss nach dem Prolog erst einmal für knapp zweihundert Seiten von Stoneburner Abschied nehmen und damit gleichzeitig von der (durchaus im Klappentext geschürten) Hoffnung, den Privatdetektiv bei seinem Fall durchgängig begleiten zu dürften. Stattdessen konzentriert sich William Gay gänzlich auf die Beschreibung von Thibodeaux‘ wilder Flucht, welche von den beiden Flüchtenden jedoch wie eine Perversion der üblichen Flitterwochen gelebt wird, wodurch sich „Stoneburner“ in der ersten Hälfte eher wie ein Roadmovie anfühlt als wie ein typischer Vertreter des „Noir“. Und dabei, das muss man natürlich trotzdem betonen, seine Sache auch sehr gut macht.

William Gay nutzt die lange Reise um uns insbesondere in Thibodeaux‘ Gedankenwelt einen größeren Einblick zu gewähren, dem zwar von vorneherein bewusst ist, dass Cathy ihn nur wegen des Geldes begleitet, darüber sich aber bald in paranoiden Wahnvorstellungen verliert, sie könnte ihn berauben oder – noch schlimmer – „Cap“ Holder absichtlich auf seine Fährte bringen. Was immer Thibodeaux anfasst, scheint im Unglück zu enden, was diesen vom Krieg traumatisierten Tunichtgut aber mehr und mehr zum Sympathieträger aufsteigen lässt, zumal er, trotz eindeutig krimineller Tendenzen, zwischendurch stets sein gutes Herz beweist. So riskiert er zum Beispiel im verschneiten Gebirge seine eigene Gesundheit, um einem schwer kranken Jungen Medizin zu bringen. Ein selbstloser Akt, der ihn auch die Augen bezüglich Cathy endgültig öffnet, dadurch aber wiederum eine Kette von unglücklichen Ereignissen auslöst, die Böses erahnen lassen. Überraschenderweise ertappen wir uns selbst dabei, ihm bei seinem Vorhaben Glück zu wünschen, wobei Kenner von William Gays Werken natürlich wissen, dass es kein Happy-End geben kann. Die enge Beziehung, welche wir zu Thibodeaux aufbauen, erweist dem Roman dann deshalb auch ungewollt einen Bärendienst, wenn dessen Erzählperspektive gänzlich zu Stoneburner wechselt, der nun die Jagd auf seinen alten Kriegskameraden eröffnen soll.

Zwar ergibt sich durch Stoneburners Blickwinkel noch einmal ein facettenreicheres Bild von Thibodeaux, aber der Leser sieht sich an dieser Stelle dennoch etwas störend gezwungen, nochmal gänzlich von vorne Vertrauen zu einer weiteren Figur aufzubauen. Ein Prozess, der zumindest in meinem Fall nur äußerst schleppend in Gang kam, da Stoneburner sich doch allzu willig von dem herrschsüchtigen, wenngleich ebenfalls von Tragik umgebenen „Cap“ Holder durch die Gegend kommandieren lässt und – wie es sich nun für einen Private-Eye in den Tradition von Ross MacDonald und Chandler gehört – ebenfalls den erotischen Reizen der herrlich hassenswerten Cathy zu erliegen droht. Die Reminiszenzen an Gays große Vorbilder, sie sind allgegenwärtig, laufen aber zu oft nebeneinander her, um eine richtige Symbiose eingehen zu können, wodurch einige Passagen allzu holprig daherkommen. The more, the merrier. Das gilt nun eben nicht immer. Und hier wäre ein bisschen weniger Inspiration von außen und stattdessen ein Schuss mehr Gay angebrachter gewesen. Es hätte auch dem Lesefluss selbst gut getan.

Dennoch darf und will ich diese Besprechung keinesfalls mit einem kritischen Ton abschließen – dafür ist auch der vorliegende Roman einmal mehr viel zu hochklassig. Was William Gays bildgewaltige, epochale und düster-schwarze Schreibe stets aufs Neue mit mir anrichtet, das hat schon ein Alleinstellungsmerkmal. Da stört es sogar nicht, dass sämtliche wörtliche Rede ohne Anführungsstriche auskommen muss, zwingt doch diese archaisch-brachiale Wortgewalt unseren Blick geradezu fest an die Zeilen, um ja jedes Detail auch aufnehmen zu können. Wie auch James Lee Burke oder William Faulkner, so vermag es auch Gay, aus einer simplen Wetterbeschreibung ein nachhaltig wirkendes Erlebnis zu schmieden.

So bleibt „Stoneburner“ ein zwar streckenweise etwas inkohärenter, aber auch immer stimmungsvoller Mischling aus Southern-Gothic und klassischem Noir, der vielleicht sogar auf der Leinwand ein noch besseres Bild abgeben dürfte – wenn nicht hier ein gewisser Javier Bardem mit seinem Bolzenschussgerät die qualitative Latte schon so hoch gelegt hätte.

Wertung: 83 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: William Gay
  • Titel: Stoneburner
  • Originaltitel: Stoneburner
  • Übersetzer: Sven Koch
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 388 Seiten
  • ISBN: 978-3948392123

The unknown troubles on your mind

© Suhrkamp

Geister- und Gruselgeschichten. Seit jeher üben sie auf den Menschen eine oft nicht ganz greifbare Faszination aus, scheint uns dieses, letztlich dann doch immer harmlose Spiel mit der Angst, der literarische Kontakt mit dem unnatürlichen Bösen in den Bann zu ziehen. Und dennoch sind es gerade diese Erzählungen, denen nicht selten ein gewisser Wert abgesprochen wird oder – noch schlimmer – als Schund bezeichnet, ihr Dasein im Schatten anderer, eher respektierter Genres fristen. Dass sich der Kriminalroman inzwischen dazu zählen darf, war ein langer, steiniger (und noch nicht überall zu Ende gegangener) Weg – der Horror aber, ihm haftet dieses Etikett des vermeintlich billigen Kitsches weiterhin an, gespeist aus den Assoziationen, welche vor allem cineastische Werke in den letzten Jahren zuhauf geboten haben.

Der klassische Schauer und Schrecken, er ist der schockierenden Brutalität und dem voyeuristischen Ekel vor Blut und Gedärm gewichen, wobei die Psyche bzw. der Kopf, ehemals Ziel des künstlichen „Angriffs“, seinen Platz für den Magen und den Rest des Verdauungstrakts geräumt hat. Zugegeben – eine vielleicht allzu plakative und verallgemeinernde Aussage, aber man lehnt sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass sich inzwischen gerade der ziselierte, psychologische Ansatz zwischen den Buchdeckeln äußerst rar gemacht hat. Ein Grund mehr, den Blick zurückzuwerfen und sich, wie in diesem Fall Algernon Blackwood, den alten Meistern zuzuwenden. Und „Meister“ darf hier durchaus wörtlich genommen werden, denn kaum ein anderer Autor beherrscht diesen eng geführten Tanz mit unseren Urängsten derart eindrucksvoll wie der hierzulande zu Unrecht in Vergessenheit geratene Engländer. Von ein paar wenigen Veröffentlichungen abgesehen, ist er in den letzten Jahren fast vollkommen vom deutschen Buchmarkt verschwunden. Während Lovecraft, maßgeblich von Blackwood beeinflusst, immer wieder neu aufgelegt wird, müssen wir daher weiterhin auf die alten Suhrkamp-Ausgaben zurückgreifen. Nachdem ich bereits „Das leere Haus“ mit Muße genossen haben, steht nun also die Kurzgeschichten-Sammlung „Besuch von Drüben“ auf dem Prüfbestand.

Folgende Erzählungen sind in dem Sammelband enthalten:

  • Der Horcher

  • Die Spuk-Insel

  • Besuch von drüben

  • Gestohlenes Leben

  • Kein Zimmer mehr frei

  • Ein gewisser Smith

  • Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York

  • Griff nach der Seele

Authentizität mag ein etwas unpassendes Attribut für eine Gruselgeschichte sein, aber irritierenderweise ist es genau diese Vokabel, welche unmittelbar in unserem Kopf herumspukt, wenn wir uns uns als Leser mit den acht vorliegenden Erzählungen beschäftigen, da es Algernon Blackwood in durchgängig allen gelingt, auf äußerst intelligente Art und Weise zu unterhalten. Obwohl vom Unmöglichen und Unfassbaren berichtet wird, ertappt man sich schnell dabei, die Logik des Ganzen nie zu hinterfragen, derart fest nimmt uns der Autor an die Hand und erschafft, bar jeder Künstlichkeit, einen atmosphärischen Rahmen, in dem er nach und nach scheinbar mühelos Zugriff auf die Fantasie seines Publikums erhält. Das liegt vor allem an den stimmungsvollen Schauplätzen, die, anders als z.B. bei einem John Dickson Carr, nicht eigens aufgebaute „Kulissen“ sind, sondern Blackwoods eigenen Beobachtungen während seiner vielen Reisen entstammen – und Beleg dafür sind, dass das Schaudern nicht mit Kitsch verbunden sein muss, eine spannende, unheimliche Szenerie keinerlei billige Effekte benötigt.

Stets geht es dabei um den Einfluss andersweltlicher Phänomene auf seine Protagonisten, wodurch sich auch der Leser, meist schon allein aufgrund der bildreichen Beschreibungen, als Teil der Erzählung empfindet. Blackwood will hier nicht einfach nur erschrecken – nein, er nötigt uns quasi, sich näher mit der jeweiligen Materie zu beschäftigen. Das Grauen, es wird nicht auf ein durchsichtiges Gespenst oder einen rachsüchtigen Verfluchten reduziert, sondern ist vielmehr allgegenwärtig, nicht fassbar – und gerade deswegen letztlich auch in diesem Maße bedrohlich und beklemmend. Wie viele seiner Zeitgenossen, z.B. auch Sir Arthur Conan Doyle, so kann sich auch Blackwood einen gewissen lehrerhaften Unterton nicht verkneifen und versucht immer wieder seine Expertise auf dem Gebiet des Okkulten (er war seit 1900 Mitglied im „Hermetic Order of the Golden Dawn“) zu verarbeiten, was sich dann auch in der Wahl seiner Figuren widerspiegelt.

Die bekannteste unter ihnen dürfte Dr. John Silence sein. Ein ziemlich von sich selbst überzeugter, parapsychologischer Seelendoktor, der wohl nicht ganz ungewollt als Reminiszenz an Doyles Sherlock Holmes daherkommt und wie dieser ebenfalls in beratender Funktion tätig ist – und sich natürlich auch die Freiheit nimmt, nur die Fälle zu bearbeiten, die ihn interessieren. In „Griff nach der Seele“ nimmt er sich seines ersten (von insgesamt sechs Kurzgeschichten, die Algernon Blackwood in seiner Karriere über ihn geschrieben hat) an, wobei sich der Autor des Drogengebrauchs als verbindendes Mittel zur Geisterwelt bedient. Natürlich eine weitere augenzwinkernde Parallele zu dem großen Meisterdetektiv und dessen dunklen Laster. „Griff nach der Seele“ ist übrigens auch eines der Highlights dieser Zusammenstellung, die eigentlich keine wirklich schwache Story aufweist und in der Zusammenstellung zudem äußerst abwechslungsreich geraten ist. Obwohl tendenziell die meisten davon ein gutes Ende nehmen, sind sie allesamt von der Grundstimmung ziemlich düster geraten, hängt die Gefahr stets wie dichter Nebel, nicht greifbar, zwischen den Zeilen.

Besonders in „Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York“ tritt dies zutage, welche, für Blackwood eher ungewohnt lebhaft, ja, fast actionreich daherkommt und mit einem Gänsehaut fördernden Ende in der Tradition Edgar Allan Poes aufwartet. Ein schaurig-humoriger Genuss zum mithorchen und Zähne klappern, prädestiniert für die Erzählung im Schein eines von Dunkelheit umhüllten Lagerfeuers. Soviel „Handlung“ begegnet uns allerdings in den wenigsten Geschichten, denn Blackwood lässt die Protagonisten oder Erzähler vor allem viel reden und erklären, wobei es erstaunlich ist, wie es dem Autor dabei dennoch gelingt, in den inneren Monologen und Dialogen die Gefühle, Eindrücke und Wahrnehmungen der jeweiligen Figuren zu transportieren.

Bestes Beispiel ist dafür wohl „Die Spuk-Insel“, in der ein einsamer Besucher einer kleinen Insel inmitten der kanadischen Wildnis des Nachts Besuch von indianischen Geistern bekommt. Unwillkürlich hält man in dieser Geschichte gleich mehrfach den Atem an, meint selbst die Schweißperlen im Nacken fühlen zu können, derart detailliert und präzise wird die Angst des Protagonisten eins zu eins auf uns übertragen, während der Protagonist, ein Student auf der Suche nach Erholung, sich in der Dunkelheit seiner Blockhütte seinen Angreifern ausgesetzt sieht. Und dann dieses Ende! Für mich ohne Zweifel eine der besten Gruselgeschichten, die je geschrieben wurden.

Auch über die anderen Geschichten gäbe es genug zu bemerken, was hier jetzt aber unerwähnt bleiben soll, um nicht unnötig zu spoilern oder ihnen gar diese spezielle Faszination und ihre Wirkung zu nehmen. Wer also wissen möchte, warum in „Besuch von Drüben“ Marriott plötzlich dem elenden Antlitz seines alten Freundes gegenübersteht oder der Abenteurer und Geisterjäger Shorthouse in „Gestohlenes Leben“ eine Nacht mit einem Phantom verbringen muss, der möge dies bitte lieber selbst lesen.

Und soviel sollte spätestens an dieser Stelle deutlich geworden sein – diese Sammlung ist nicht nur ein absolutes Muss für alle Freunde von stimmungsvollen Gruselgeschichten aus dem guten, alten viktorianischen England, sondern wohl die Abstand beste Zusammenstellung vom Suhrkamp-Verlag. Man kann nur hoffen, dass diese fantastischen Erzählungen bald wieder in würdiger Aufmachung und zumindest stellenweise etwas zeitgemäßerer Übersetzung der heutigen Generation zugänglich gemacht werden. Bis dahin heißt es aber: Antiquarische Suche lohnt, unbedingt!

Wertung: 95 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Algernon Blackwood
  • Titel: Besuch von drüben
  • Originaltitel
  • Übersetzer: Friedrich Polakovics
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 04/1997
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 246 Seiten
  • ISBN: 978-3518392010

Das Mädchen mit dem langen grünen Herzen

© Rotbuch

Im September 2004 ging der Verlag „Hard Case Crime“ in den USA an den Start. Sein Programm: Das in den 60er Jahren für den schnellen Lektüre-Verbrauch konzipierte Genre der Pulp-Krimis durch längst verloren geglaubte Noir-Klassiker und die stärksten Werke zeitgenössischer Autoren neu zu beleben. Ein Konzept das aufging, denn die Reihe geht 2021 bereits in ihr siebzehntes Jahr.

Grund für den Erfolg ist neben der treffsicheren Autoren- und Titelauswahl sicherlich auch die herrliche klassische Cover-Gestaltung. Die hatte der Rotbuch-Verlag eins zu eins übernommen, welcher ab 2008 einige der „Hard Case Crime“-Werke dem deutschen Büchermarkt zugänglich machen konnte. Darunter unter anderem auch Lawrence Blocks „Abzocker“ (engl. „Grifters Game“), mit dem „Hard Case Crime“ in den USA einst begann. Mit Band zehn der Rotbuch-Reihe kehren wie nun zu Block zurück. „Falsches Herz“ (engl. „The Girl with the Long Green Heart“) ist einmal mehr ein Pulp-Krimi par excellence, der nicht nur bei den älteren Semestern unter den Lesern nostalgische Gefühle weckt, sondern dank eines sauber konstruierten Plots und knackig, flotter Sprache auch heute noch bestens unterhält.

John Hayden hat es geschafft. Nachdem er wegen Betrugs sieben Jahre lang im Gefängnis saß, konnte er letztlich doch mit seiner kriminellen Vergangenheit abschließen. Mit seiner Arbeit auf einer Bowlingbahn hält er sich über Wasser, Geld wird angespart, um sich irgendwann den Traum vom Neuanfang als Hotelier erfüllen zu können. Doch dieses irgendwann macht Hayden zunehmend zu schaffen. Er selbst wird nicht jünger und die Zeit scheint unerbittlich gegen ihn zu ticken. Genau in diesem Moment erscheint Douglas Rance auf der Bildfläche, ein Bekannter und ehemaliger Komplize, der seine Hilfe benötigt und ihn zu einem letzten großen Coup überreden will. Hayden zeigt sich störrisch, will von der Sache nichts wissen … und sagt schließlich doch seine Mitarbeit zu, denn Rances Plan ist trotz seiner Einfachheit äußerst genial.

Gemeinsam wollen sie Wallace Gundermann, einen Immobilienspekulanten aus der Kleinstadt Olean, ausnehmen. In den vergangenen Jahren hatte dieser in großem Stil billige Grundstücke und Land aufgekauft und es sich mit engelsgleicher Ruhe auf ihnen so lange bequem gemacht, bis anstehende Bauprojekte oder der Fund von Bodenschätzen die Preise in die Höhe getrieben hatten und er sie wiederum für teures Geld verkaufen konnte. Eine simple Vorgehensweise, durch die er steinreich geworden ist, allerdings auch eine herbe Schlappe einstecken musste. Betrüger hatten ihm eine wertlose „Elchweide“ in Kanada angedreht, die ihm bisher keinerlei Gewinn gebracht hat. Und Gundermann, ehrgeizig und ein schlechter Verlierer, will diese Scharte nun unbedingt wieder gut machen. Hier kommen John Hayden und Douglas Rance ins Spiel: Sie gründen im kanadischen Toronto ein Scheinfirma, die riesige Flächen von brachliegendem Waldland für wenig Geld aufkauft und treten schließlich selbst an ihr Opfer heran. Gundermann denkt nicht dran zu verkaufen, wird aber durch die Aktivität dieser Firma, die anscheinend mehr über das Land weiß als er, zunehmend neugieriger. Gibt es vielleicht dort ein geheimes Uranvorkommen?

Hayden und Rance setzen Gerüchte in die Welt und Gundermanns Sekretärin und Geliebte, die wunderschöne Evelyn Stone, tut ihr übriges dazu, um ihrem Chef Sand in die Augen zu streuen, da dieser sein Versprechen, sie zu ehelichen, augenscheinlich nicht zu halten pflegt und sie nun auf Rache aus ist. Alles scheint perfekt zu laufen, jedes Rädchen in das andere zu greifen, bis Hayden einen entscheidenden Fehler macht – er beginnt eine Affäre mit Eveyln und tut damit genau das, was ein Profi eben in so einer Situation besser nicht tun sollte … er vermischt das Geschäft mit der Liebe.

Falsches Herz“ beinhaltet alles, was ein guter Krimi-“Noir“ haben sollte. Gewiefte, aber glücklose Gangster, ein hilfloses Opfer sowie eine Femme Fatale, welche mit ihren verführerischen Fähigkeiten ordentlich Chaos verursacht und aus einem Routine-Betrug ein ganz heißes Eisen macht. Insofern zeigt bereits das Cover deutlich, was einen hier erwartet. Und der geneigte Block-Leser, weiß ohnehin was auf ihn zukommt, bleibt doch der Autor eigentlich immer seinem Erfolgsschema treu. Er lässt sich Zeit, um den bis ins Detail ausgeklügelten Betrug zu inszenieren, gönnt uns einen Blick in den zwar komplizierten, aber besonders in seiner Vorbereitung äußerst spannungsarmen kriminellen Coup, der bereits zu Beginn so seine Fehlerchen durchschimmern und wenig Gutes erwarten lässt. Haydens Traum vom eigenen Hotel steht im harten Kontrast zur Wirklichkeit. Ein echter Profi könnte sich derartiges nicht erlauben. Hayden ist alt geworden, schwach, anfällig. Seine sich selbst eingeredete Läuterung hat im Angesicht des langvermissten Kicks bei einem Betrug keinerlei Bestand mehr. Die Aussicht, jemanden nach Strich und Faden auszunehmen, lässt ihn alle Vorsicht über Bord werfen. Und die Schönheit von Evelyn Stone bringt ihn letztlich komplett vom Kurs ab. Wer das „Noir“-Genre kennt, weiß das so etwas nicht lange gut gehen kann.

Überhaupt liegt auf „Falsches Herz“, nicht nur aufgrund der ruhigen Schilderungen des Autors, dieser Hauch von Tragik und Melancholie. Das Buch liest sich wie der Abgesang eines zwar ausgeschlafenen, aber auch zu naiven Gauners, der seinen Zenit überschritten hat und der sein Feld für die viel gewissenlosere nächste Generation räumen muss. So gekonnt und detailliert wie Block das Betrugsunternehmen aufzieht, so sicher ist man sich auch, dass es scheitern muss. Und um es scheitern zu sehen, liest man weiter. Blocks Sprache ist dabei zwar ohne Höhepunkte, aber in ihrer Glanzlosigkeit auch irgendwie mitreißend. Die Handlungsorte werden sparsam bis überhaupt nicht beschrieben, auf die Darstellung der äußeren Umgebung kein Wert gelegt. Allein die hier benutzten Kommunikationsformen lassen erahnen, dass man sich in den 60ern befindet. Abgesehen davon könnte das Buch auch erst kürzlich auf dem Büchermarkt aufgeschlagen sein. Mit dem einzigen Haken, das in der Zeit von Handys, Fax und Notebooks dieser Coup wohl gar nicht mehr durchführbar wäre.

Das tut dem Lesevergnügen allerdings auch keinen Abbruch. „Falsches Herz“ sagt mit wenigen Worten zwar nicht alles, aber das nötigste. In Zeiten von ausschweifenden Persönlichkeitsanalysen und Forensik-Bla-Bla ist diese kühle, knappe Schreibe eine herzerfrischende Abwechslung. Und trotz dem wenig originellen und streckenweise offensichtlichen Aufbau der Geschichte, muss sich der Leser um die Spannung keine Sorgen machen. Das Seitenblättern geschieht automatisch, der Sog stellt sich sofort ein. Und Block gelingt es einmal mehr, gewieft mit unseren Erwartungen zu spielen und dank genialen Timings uns letztlich doch die ein oder andere Überraschung zu kredenzen.

Falsches Herz“ ist eine äußerst lesenswerte (leider bereits wieder vergriffene) Neuauflage aus der Hochzeit des pulpigen Noir, die zwar nicht ganz das Niveau des ersten Block-Bands dieser Reihe („Abzocker“) erreicht, aber dennoch jedem Freund von gut geplotteten Gaunergeschichten nur ans Herz gelegt werden kann. Ein Oldtimer, der kaum Staub angesetzt hat und uns auf weitere Werke der „Hard Case Crime“-Reihe, insbesondere von Block, freuen lässt.

Wertung: 85 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Lawrence Block
  • Titel: Falsches Herz
  • Originaltitel: The Girl With the Long Green Heart
  • Übersetzer: Andreas C. Knigge
  • Verlag: Rotbuch
  • Erschienen: 02/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3867890687

Into the Great Wide Open

© Heyne

„Unendlichkeit“ ist nicht nur der Auftakt zum „Revelation-Space“-Zyklus, sondern gleichzeitig auch das Erstlingswerk des Walisers Alastair Reynolds, welcher lange Zeit als Physiker für die ESA (European Space Agency) gearbeitet hat und damit in Punkto Technik bereits durchaus das qualifizierte Rüstzeug für einen erfolgreichen Sci-Fi-Schriftsteller mitbringt. Leider kann er davon im ersten Band seines im weiteren Verlauf sich stetig steigernden Epos noch nicht viel Gebrauch machen, zumal der beinahe 800 Seiten umfassende Roman trotz beeindruckender Kulisse, vielfältigster Ideen und interessanter Figuren jeglichen Funken von Lebendigkeit bzw. Atmosphäre vermissen lässt.

Gerade den „reichlichen Charakter“, welchen Rezensent Frank A. Dudley von der Phantastik-Couch so begeistert lobt, habe ich hier schmerzlich vermisst, ist doch das Gesamtkonstrukt von Reynolds Universum eigentlich äußerst stimmig konzipiert. Allein die Beschränkung der Menschheit auf Reisen unterhalb der Lichtgeschwindigkeit ist ein gelungener Kniff, der aus der in vielen Elementen futuristischen Sci-Fi-Opera eine gleichzeitig auch konsequente Weiterentwicklung des derzeitigen Stands der Wissenschaft macht. Die Handlung von „Unendlichkeit“ kann, im Gegensatz zu den folgenden Bänden des Zyklus, von solchen Einfällen leider (noch) nicht profitieren.

Aufgeteilt ist sie zu Beginn in drei, später zwei parallel laufende Handlungsstränge, welche jedoch in verschiedenen zeitlichen Ebenen spielen. Ihren Anfang nimmt die Geschichte auf dem Planeten Resurgam, welcher im äußersten Winkel der von Menschen kartographierten Galaxis liegt und vor etwa einer Million Jahren Heimat des Volkes der Amarantin war. Von ihnen und ihrer Kultur sind nur noch tief im Boden verschüttete Ruinen übrig geblieben. Eine mysteriöse planetare Katastrophe hat sie vollständig ausgerottet – und Dan Sylveste, egozentrischer Wissenschaftler und Archäologe, arbeitet versessen daran, die näheren Hintergründe der Vernichtung in Erfahrung zu bringen, zumal er befürchtet, dass der Menschheit, welche trotz ihrer weiten Ausbreitung bisher nicht auf nennenswerte Alienvölker gestoßen ist, in nicht allzu ferner Zukunft dasselbe Schicksal drohen könnte.

Zehn Jahre zuvor begleiten wir das Lichtschiff „Sehnsucht nach Unendlichkeit“, das sich, gestartet im Epsilon Eridani System, der Heimat Silvestes, auf der langen Reise nach Resurgam befindet. Mit an Bord ist auch die professionelle Killerin Ana Khouri, welche im Auftrag der geheimnisvollen Mademoiselle, einen Weg finden sollen, den bekannten Archäologen zu eliminieren. Keine leichte Aufgabe, ist doch das Schiff mittlerweile fest im Griff der Schmelzseuche und wird von einem rätselhaften Virus namens „Sonnendieb“ immer wieder sabotiert …

Wenn ich ehrlich bin, ist dieser kurze Anriss des Inhalts doch sehr geschönt, braucht es doch viele hundert Seiten bis überhaupt absehbar wird, dass die einzelnen Handlungsstränge ineinanderlaufen bzw. näher miteinander zu tun haben. Alastair Reynolds springt schneller zwischen Perspektiven, Zeiten und Schauplätzen als Hamilton Rennen fährt, weshalb es besonders im ersten Drittel des Romans höchste Aufmerksamkeit bedarf, um zumindest ein wenig den Überblick zu behalten. Mehr als einmal stand ich kurz davor, diesen dicken Schinken in die Ecke zu knallen, wurde dann aber stets wieder schwach, da es dem Autor, trotz des komplexen Handlungskonstrukts, schließlich doch gelingt für gewisse Spannungsmomente zu sorgen und durch rätselhafte Ereignisse den Detektiv im Leser zu wecken. Mit fast schon unverschämter Dreistigkeit hält er uns immer wieder den leckeren Knochen hin, um ihn kurz vor Erreichen unter der Nase wegzuziehen. Bestes Beispiel sind die eindrucksvollen Beschreibungen der „Schleierweber“, deren im Dunkeln lauernde Gefahr man sich (wie auch die „Schmelzseuche“) viel detaillierter ausgearbeitet wünscht. Reynolds belässt es aber bei einer kurzen Geschmacksprobe und konzentriert sich stattdessen auf das konfliktreiche Katz-und-Maus-Spiel der Figuren.

So wird der Leser durchgehend an der langen Leine gehalten, was von der Besetzung des Romans noch verstärkt wird, die – und daran krankt „Unendlichkeit“ besonders – ziemlich blass daher kommt. Ob Ana Khouri, Volyova oder Sylveste selbst – inmitten der durchaus beeindruckenden Kulissen (hier ist vor allem das düstere, schaurige Ultra-Raumschiff „Sehnsucht nach Unendlichkeit“ hervorzuheben) wirken sie allesamt wie ungewollte Staffage, derart lieblos sind sie gezeichnet. Eine größere Verbindung zwischen Leser und Figuren will so nicht aufkommen. Der Mangel an sympathischen Charaktere ist Reynolds dabei weniger vorzuwerfen, als die emotionale Gleichgültigkeit mit der sie handeln.

Kalt, rücksichtslos, verschlagen – alles schön und gut. Aber was geht in den Köpfen eigentlich vor? Was sind die Motive? Und warum fühlen wir nicht mit ihnen? Womit Reynolds in „Chasm City“ (mehr dazu bald hier) zu begeistern weiß, das gelingt hier noch nicht oder zumindest nicht lang genug, um an irgendeinem der Schicksale Anteil zu nehmen. Torpediert wird das Ganze noch durch ein vorangestelltes Personenregister, das unnötigerweise bereits vor dem ersten Satz der Geschichte Auskunft darüber gibt, was mit wem wo und wann passiert bzw. wer was und wie im Schilde führt. Daher vorweg an alle künftigen Leser: Unbedingt ignorieren, um sich nicht vorab die ohnehin rar gesäten Aha-Momente zu nehmen.

So kritisch die Rezension nun klingen mag, ein Flop ist „Unendlichkeit“ beileibe nicht. Allein die detaillierten physikalischen Beschreibungen Reynolds sowie der umfangreiche Aufbau beeindrucken, machen einfach Appetit auf dieses Universum, das augenscheinlich noch so viele Überraschungen bereithält, welche in den kommenden Bänden dann tatsächlich auch auf den Leser warten. Um diese in vollen Zügen genießen zu können, sollte man „Unendlichkeit“ allerdings unbedingt gelesen haben, da hier der Boden für zukünftige Ereignisse bereitet wird. Dieser „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“-Charakter des Buches wird natürlich nicht bei allen Sci-Fi-Freunden auf Begeisterung stoßen.

Letztlich bleibt nur zu sagen: Der Kampf durch dieses manchmal arg staubige und zähe Machwerk lohnt. „Unendlichkeit“ präsentiert sich als verheißungsvolle Spitze eines weit größeren Eisbergs, an dem Freunde der dystopisch-dreckigen Science-Fiction sicherlich ihren Spaß haben werden. Wer hier jedoch nicht bis zum Ende durchhält, hat trotzdem mein vollstes Verständnis.

Wertung: 74 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Alastair Reynolds
  • Titel: Unendlichkeit
  • OriginaltitelRevelation Space
  • Übersetzer: Irene Holicki
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 05/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 768 Seiten
  • ISBN: 978-3453521865

Der Mörder von Roger Ackroyd

© Atlantik

Bereits Mitte der 2000er hatte ich schon einmal damit begonnen, mich chronologisch durch die Hercule-Poirot-Reihe zu lesen und die Titel anschließend im Kontext zum Gesamtwerk entsprechend zu rezensieren – fast zwanzig Jahre später muss ich nun feststellen, dass ich diese Texte nicht mehr lesen kann, ohne mir verzweifelt die Haare zu raufen und bei jedem zweiten Satz den Rotstift anzusetzen. Ganz besonders fällt mir dies bei meinem alten Senf zu dem vielleicht wichtigsten Buch in der Karriere von Agatha Christie auf – „Alibi“.

Ihren heutigen Weltruf und Bekanntheitsgrad hat sie im großen Maße allein dieser einen Geschichte zu verdanken, welche sich zwar, wie ein Großteil der Whodunits aus dem Golden Age (die sogenannte Epoche von den 20ern bis 40er Jahren des 20. Jahrhunderts in Großbritannien), weitestgehend in den bis dato üblichen Grenzen des Genres bewegt, mit ihrer Auflösung aber auch gleichzeitig diese auf eine Art und Weise sprengt, welche bis zum heutigen Tag noch immer wieder neue Leser aufs Glatteis führen dürfte.

Als „Alibi“ im Jahr 1926 veröffentlicht wurde – nachdem Christie lange Jahre mit dieser Idee gespielt, das Risiko aber auch gefürchtet hatte (u.a. ihr Schwager und der damalige Lord Mountbatten hatten ihr zu einer ähnlichen Romankonstellation geraten) – zahlte sich der verwegene Ansatz der Handlung komplett aus. Es gab damals in England fast kaum eine Zeitung oder Zeitschrift, die sich nicht in irgendeiner Form diesem Buch widmete, wodurch es in der Öffentlichkeit zu dem Thema Nummer eins und damit auch zu Agatha Christie finalem Durchbruch wurde. Diese Hysterie, aber auch diese Menge an positiven und negativen Kritiken, hatte es so in Bezug auf die Spannungsliteratur das letzte Mal beim vermeintlichen „Tod“ des großen Sherlock Holmes gegeben. Während man jedoch beim Pfeife rauchenden Meisterdetektiv aus der Baker Street noch relativ einfach zur Analyse schreiten kann, ohne Gefahr zu laufen, das Lesevergnügen zu schmälern, ist dies in diesem Fall für den Rezensenten ein äußerst gefährlicher Drahtseilakt. Jeder kleine Hinweis könnte genau der entscheidende zu viel sein und damit der Lektüre von „Alibi“ die eben (leider nur) einmalige und einzigartige Wirkung rauben. Das ist auch dann der Grund, warum ich für dieses Werk ein zweites Mal zur Feder gegriffen habe.

Gerade viele Anhänger des „Noir“ – und auch manche der zeitgenössischen Autoren selbst, wie z.B. Raymond Chandler – kritisieren genau diese künstlich erzeugte Wirkung vehement, werfen Agatha Christie mangelnde Fairness oder gar Schummelei bei ihrer Erzählung vor. „Alibi“ – es polarisiert immer noch. Und auch wenn man sich tatsächlich über die limitierten Fähigkeiten der Autorin streiten kann – dieser hartnäckige, kritische Widerstand ist vielleicht gleichzeitig ein weiterer Beleg, wie gut, ja, wie genial das Konzept der Handlung weiterhin funktioniert. Und diese sei nun auch kurz, wie üblich, angerissen:

Das kleine verschlafene Nest King’s Abbot in England ist in Aufruhr. Der Tod der reichen Witwe Mrs. Ferrars lässt die Gerüchteküche hochkochen, zumal im Dorf seit langer Zeit das Gerücht die Runde macht, sie hätte einst ihren Mann umgebracht. Anfänglich hält deshalb auch jeder ihr Ableben für einen Selbstmord. Zumindest solange, bis der noch begüterte Roger Ackroyd, ein Witwer, welcher sich mit der Absicht trug Mrs. Ferrars zu ehelichen und Zweifel an der Suizid-Theorie äußerte, brutal erstochen wird. Verdächtige gibt es nun genug. Da ist zum einen Mrs. Cecil Ackroyd, die neurotische und hypochondrische Schwägerin Rogers, welche seit Jahren durch ihren extravaganten Lebensstil große Schulden angehäuft hat und finanziell arg in der Klemme steckt. Aber auch ihre Tochter Flora, Ackroyds Sekretär Geoffrey Raymond, Ackroyds Stiefsohn Ralph Paton und der Großwildjäger Major Blunt scheinen etwas zu verbergen und eine ungewisse, dunkle Vergangenheit zu haben.

Da man bei den Ermittlungen nicht weiterkommt, zieht man Monsieur Hercule Poirot hinzu, der sich vor einem Jahr aus seinem Berufsleben zurückgezogen hat und seitdem inkognito im Dorf lebt um Kürbisse züchten. Da sein treuer Freund Captain Hastings derzeit in Argentinien weilt, nimmt der belgische Meisterdetektiv diesmal die Hilfe des Landarztes Dr. Sheppard in Anspruch, aus dessen Perspektive dieser Fall auch erzählt wird …

Alibi“ spielt einige Monate nach dem (später erschienenen) Roman „Die großen Vier“ und präsentiert sich im gesamten Verlauf als typischer Vertreter des klassischen Landhauskrimis. Verschrobene Dorfbewohner, ein herrlicher Landsitz und ein ganzer Haufen düsterer Geheimnisse. Und irgendwo mittendrin – der Mörder. So weit, so bekannt, dürfte man nun meinen, aber Christie macht es dem Leser doch diesmal um einiges schwerer, sich überhaupt auf irgendeinen Verdächtigen einschießen zu können, weil es derer erstens viele sind und weil sich zumindest auf den ersten Blick keiner bzw. keine direkt als Täter anbieten möchte. Anstatt schon relativ früh, wie sonst in Poirot-Romanen üblich, falsche Fährten und Hinweise zu legen, nutzt die Autorin stattdessen den Raum, um die Besetzung dieses literarischen Kammerspiels in der Provinz näher zu charakterisieren und auszuarbeiten. Wohlgemerkt mit äußerst feiner Feder, denn wer selbst in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, wird wohl im Verhalten der Betroffenen gleich einige Ähnlichkeiten zu den eigenen Nachbarn entdecken dürfen.

Was darüber hinaus auffällt: Hercule Poirots erster Auftritt lässt lange auf sich warten, was Christie damit erklärt, dass der belgische Meisterdetektiv, inzwischen in höherem Alter, bereits in den Ruhestand gegangen ist. Meines Erachtens ein deutlicher Hinweis darauf, wie unsicher sie sich zum damaligen Zeitpunkt über diese Figur und deren Potenzial war. Gut möglich also, dass „Alibi“ die letzte Chance des Belgiers mit dem Eierkopf und den kleinen grauen Zellen war. Eine Vermutung, welche ich auch im folgenden Roman „Die großen Vier“ und dessen Entstehung bekräftigt sehe, aber dazu dann an passender Stelle mehr.

Fakt ist: Zurückgezogen das englische Landleben genießend und Kürbisse züchtend, hat Poirot in „Alibi“ eigentlich nichts mehr der Aufklärung von Verbrechen zu schaffen, entgegen des späteren Eindrucks, er könne ohne Ermittlungen nicht leben, gar komplett mit diesem Teil seines Lebens abgeschlossen. Erst die mehr als offenkundige Hilflosigkeit der Polizeikräfte in Bezug auf den Mord an Roger Ackroyd holen ihn letztlich aus der Lethargie, wobei Poirot dennoch verhältnismäßig wenig Raum innerhalb der Handlung eingeräumt wird und er sich in erster Linie aufs Beobachten beschränkt. Zumindest bis zum Ende, in dem er endlich aktiv werden und den, natürlich die ganze Zeit von ihm identifizierten Mörder, der Gerechtigkeit zuführen darf. Insbesondere diese letztere Passage dürfte den ein oder anderen Beobachter ein wenig an den im Geplänkel verborgenen Scharfsinn eines Inspector Columbo erinnern.

Bis dahin werden uns alle relevanten Fakten der vergangenen Ereignisse von dem Ich-Erzähler Dr. Sheppard präsentiert, der zwar seine eigenen Vermutungen anstellt, sich letztlich auf den genauen Hergang oder die Motive des Mörders aber keinen Reim machen kann. In Folge dessen kommt gerade in der ersten Hälfte das Spannungsmoment weitestgehend zu kurz, profitiert „Alibi“ eher von dem Witz und Charme der skizzierten Dorfbewohner, wobei sich hier besonders die Schwester des Doktors, Caroline Sheppard, ihre Meriten beim Leser verdienen dürfte. Es ist keine große Überraschung, dass sie – Christie bestätigt dies später selbst – in vielerlei Hinsicht als Blaupause für Mrs. Marple dienen sollte. Poirots Abwesenheit bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass wir auch diesmal nicht wieder alle Werkzeuge zur Hand bekommen, um selbst das Geheimnis zu lüften. Wie genial jedoch Christie die Identität des Mörders verschleiert und uns damit zum zweifeln und verzweifeln bringt – das ist im Rückblick das größte Verdienst dieses Romans. Geschickt wird unsere Aufmerksamkeit abgelenkt, während direkt vor unserer Nase ein Indiz nach dem anderen verschoben wird. Der geschickteste Jahrmarktspieler könnte es nicht besser machen.

So ist es dann die finale Revelation, welche „Alibi“ aus der Masse der vielen anderen Kriminalromane heraushebt – und uns fassungslos, staunend und ehrfürchtig diesen Geniestreich, diesen äußerst erfindungsreichen Tabubruch bewundern lässt. Er reißt das Konzept der üblichen Kriminalerzählung aus seiner vorgegebenen (als felsenfest angenommenen) Verankerung und gibt ihr eine völlig neue Form. Viele mögen vorher diese Idee vielleicht schon gehabt haben, aber nur eine konnte sie wohl derart perfekt und stilsicher umsetzen: Agatha Christie, die „Queen of Crime“.

Alibi“ ist ohne Übertreibung eines der wichtigsten und besten Bücher aus ihrem riesigem Gesamtwerk. Ein Muss für alle Freunde des klassischen Whodunits – ohne Wenn und ohne Aber.

Wertung: 94 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Alibi
  • Originaltitel: The Murder of Roger Ackroyd
  • Übersetzer: Michael Mundhenk
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 08/2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3455650044

Der Fluch der Karibik

© dtv

„Früchte des Zorns“, „Jenseits von Eden“, „Von Mäusen und Menschen“, „Die Straße der Ölsardinen“ – John Steinbeck hat in seiner Karriere als Schriftsteller wohl die denkbar tiefsten literarische Fußspuren in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts hinterlassen und gehört bis heute noch zurecht zu den meistgelesenen amerikanischen Autoren dieser Epoche.

Ausgezeichnet unter anderem mit dem Nobelpreis für Literatur und dem Pulitzer-Preis, fällt er damit zwangsläufig in die Kategorie, welche man gemeinhin als Klassiker tituliert und daher in jeder gut sortierten heimischen Bibliothek den wohlverdienten Platz einräumt. Wohlgemerkt aber bitte nicht, um sie dort verstauben zu lassen, denn Steinbecks Werk ist, im Gegensatz zu manch anderer so genannter Weltliteratur, auch knapp fünf Jahrzehnte nach seinem Tod im Dezember 1968 immer noch von großem Unterhaltungswert und uneingeschränkt empfehlenswert. Doch gilt dies auch für seinen eher unbekannten Erstlingsroman „Eine Handvoll Gold“?

Es ist einmal mehr meiner persönlichen (und augenscheinlich unheilbaren) Neurose geschuldet, dass ich das literarische Schaffen Steinbecks für die kriminelle Gasse chronologisch in Angriff nehme, um dessen Entwicklung als Autor verfolgen zu können und seiner Bedeutung als naturalistische, einfühlsame Stimme der Verlierer des so genannten „American Dream“ entsprechend Rechnung zu tragen. In seinem Debüt kommen diese allerdings noch nicht „zu Wort“ bzw. zum Tragen, handelt es sich bei „Eine Handvoll Gold“ doch um einen historischen Roman, der allerdings nur auf den ersten Blick ganz in der Tradition der Mantel-und-Degen-Abenteuer von Jack London, Robert Louis Stevenson oder Rafael Sabatini steht, bei genauerem Hinsehen dieses Genre jedoch um ein paar bis dato eher unbekannte Elemente erweitert.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die historische Persönlichkeit Captain Henry Morgan (heutzutage der Mehrheit vielleicht nur noch aufgrund seiner Namensgebung für eine Rumsorte ein Begriff), einem geborenen Waliser, den es – behütet in einer bürgerlichen, aber eher armen Familie aufgewachsen – schon als Kind drängt, die Welt jenseits der britischen Gestade zu erkunden. Entgegen dem Willen seiner Mutter und dem Bergweisen Merlin (!) verlässt er die sichere Zuflucht und heuert in Cardiff als Kombüsenhilfe auf dem Handelsschiff „Bristol Girl“ an. Das Ziel: Westindien. Hier will sich Morgan als Bukanier (alte Bezeichnung für einen Freibeuter oder Piraten) mit Raubzügen und Eroberungen einen Namen machen. Es kommt jedoch zuerst ganz anders als gedacht. Der Kapitän der „Bristol Girl“ verkauft ihn als Sklaven an den Plantagenbesitzer James Flower, der jedoch Mitleid mit dem träumerischen Jungen hat und zudem in ihm einen wissbegierigen Zuhörer erkennt.

Schnell steigt Morgan zu dessen Sekretär auf, übernimmt bald die Leitung und nutzt die Zeit um sich vor allem in Kriegstaktik weiterzubilden. Als der fünfjährige Arbeitsvertrag mit Flower seinem Ende entgegen geht, sieht er endlich seine Chance gekommen. Er überredet Flower zum Kauf eines Schiffes, heuert eine Mannschaft an und geht, mit dem Segen der Majestät von England, auf Kaperfahrt. Immer mehr Kapitäne sammeln sich um Henry Morgan, dessen Ruf allein Furcht bei seinen Gegnern schürt und dessen gewiefte Manöver reiche Beute versprechen. Und mit der Zeit wird die Piraterie von einem kleinen Ärgernis zu einer ernsthaften Bedrohung innerhalb der Karibik. Insbesondere für die Spanier, welche aufgrund der vielen Angriffe ihr Gold inzwischen nur noch in großen Konvois gen Heimat transportieren und nach und ihre Stützpunkte an die Freibeuter-Armada verlieren. Allein Panama, die befestigte und aufgrund des Reichtums als Perle der Karibik bekannte Stadt, konnte bisher standhalten. Diese Trutzburg der Spanier gilt als uneinnehmbar, doch als Morgan erfährt, dass sie auch Heimat der geheimnisvollen „Roten Heiligen“ ist, der angeblich schönsten Frau der Welt, will er auch dieses Wagnis in Angriff nehmen …

Wie gemeinhin auch bei anderen historischen Romanen üblich, so hat auch John Steinbecks erster literarischer Wurf nur bedingt den Anspruch geschichtlich gänzlich korrekt zu sein, was im Hinblick auf den Lebenslauf von Henry Morgan ohnehin ein aussichtsloses Unterfangen gewesen wäre, existieren doch bis zum heutigen Tag nur spärliche Informationen über dessen Raubzüge in der Karibik. Und insbesondere über seine Kindheit und Jugend ist fast nichts bekannt. Die wenigen Quellen sind zudem widersprüchlich (der Pirat legte gegen manche Darstellungen sogar zu Lebzeiten noch gerichtlich Einspruch ein), so dass Steinbeck, vom Schauplatz Wales einmal abgesehen, sämtliche kreative Freiheiten genutzt hat, um Morgans Sehnsucht nach der Ferne in Szene zu setzen und zu erklären, wie es ihn letztlich in die Karibik verschlägt, wo er ab dem Jahre 1665 bis zu seinem Tod 1688 zum gefürchtetsten Freibeuter dieser Ära aufstieg, dessen Machtfülle selbst dem aufstrebenden britischen Weltreich und seiner Majestät zunehmend ein Dorn im Auge wurde. Ironischerweise war er es aber gleichzeitig auch, der die Expansion des jungen Empire in dem vormals vor allem von Spanien beherrschten Gebiet – und damit den Aufstieg zur Weltmacht – entscheidend begünstigte. Zur Belohnung stieg er später gar zu einem königlichen Beamten auf.

Morgans Zeit als erfolgreicher Bukanier nimmt jedoch nur einen überschaubaren Teil dieses mit gerade mal 200 Seiten relativ kurzen Romans ein. Vielmehr konzentriert er sich vor allem auf den inneren Antrieb seines Protagonisten, der nach Ruhm, Ehre und später vor allem auch Reichtum strebt, die Heimat als Fesseln empfindet, welche es abzustreifen gilt. Interessant ist dabei, wie behutsam und liebevoll Steinbeck eben diese Entwicklung Morgans skizziert, der uns zu Beginn als unschuldiges, neugieriges Kind begegnet, dem man noch größtmöglichen Erfolg bei der Erfüllung seiner Träume wünscht, nur um nach und nach zu begreifen, wie gefährlich eben solche Wünsche sein können, wenn jemanden für deren Umsetzung jegliches nur denkbare Mittel Recht ist. Seine Zielstrebigkeit und der eiserne Willen, welche den jungen Morgan sowohl die erste Überfahrt als auch seine Knechtschaft auf der Plantage überstehen lassen, härten ihn zwar sichtbar ab, haben letztlich aber auch zur Folge, das er von nun an mitleidslos fähig ist, andere dasselbe durchleiden zu lassen. Henry Morgan herrscht durch Furcht, sein Name wird, wenn überhaupt, nur leise genannt. Fast so, als läge ein Fluch auf ihm. Übrigens hat sich das bis zum heutigen Tag nicht geändert. Bewohner der damals betroffenen Inseln vergleichen ihn immer noch mit niemand geringeren als dem Teufel selbst.

Was auf den ersten Blick wenig ungewöhnlich für einen Freibeuter klingt, ist dennoch in literarischer Form im Jahr der Veröffentlichung (1929) durchaus ein Novum, wurden die rauen Gesellen mit Augenklappe und Papagei auf der Schulter doch eher als Robin Hoods der Meere porträtiert, für welche die sorglose Lebenslust und die grenzenlose Freiheit bei ihrem Treiben weit mehr im Vordergrund stand, als tiefer verwurzelte, konkrete Ziele, die es hartnäckig zu verfolgen galt. Henry Morgan dagegen offenbart sich uns als ein getriebener, kaltblütiger Charakter ohne Reue, der kein Ziel erreichen kann, ohne sich selbst schon wieder ein Neues zu stecken – sei es auch noch so unerreichbar. Es ist diese unbändige Gier sich zu beweisen, die im späteren Verlauf seines Lebens letztlich zu seinem Fall führen wird. Isoliert von all den Menschen um ihn herum – seinem einzigen Freund und Verbündeten Coer de Gris will er unbedingt trauen, ohne dies wirklich zu können – schafft sich Morgan einen goldenen Käfig, der, gebaut aus dem immerwährenden Hunger nach mehr Macht und Geld, für ihn nur Einsamkeit und den teuflischen Kreislauf der Obsession bereithält (Hier verkörpert durch „La Santa Roja“, die „Rote Heilige“). Wir als Leser erkennen, dass er sich dabei selbst verrät – und das gleich zweimal. Einerseits kann er gegenüber Merlin nicht sein Wort halten, andererseits kehrt er dem selbstbestimmten Bukanierleben den Rücken, um stattdessen als Diener der Krone in deren Auftrag zu plündern.

Der Aufstieg Henry Morgans bis zum Gipfel und der darauffolgende Sturz – sie sind gleichzeitig die Triebfeder dieser leichtfüßigen, wenn auch manchmal etwas zu phantasievoll ausgeschmückten Erzählung, welche bei ihrer Veröffentlichung von der Kritik nahezu unbeachtet blieb und für den Autor einen finanziellen Misserfolg bedeuteten. Es sollte noch einige Zeit, genauer gesagt zwölf Jahre und bis „Tortilla Flat“ dauern, ehe der Name John Steinbeck den Stellenwert erhielt, den er bis zum heutigen Tage beibehalten hat. Dass auch der Weg dorthin ein unheimlich lohnens -und lesenswerter ist, beweist „Eine Handvoll Gold“ nachdrücklich. Ein feiner, geistreicher und mitunter philosophischer Abenteuerroman über den ursprünglichen Fluch der Karibik, der immer noch zu unterhalten weiß.

Wertung: 81 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Steinbeck
  • Titel: Eine Handvoll Gold
  • Originaltitel: Cup of Gold – A Life of Sir Henry Morgan, Buccaneer, with Occasional Reference to History
  • Übersetzer: Hans B. Wagenseil
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 09.1987
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3423107860

Der Steppenwolf und die Fliegen

© Kampa

Nach dem sogleich mit einem Edgar Award ausgezeichneten Debütroman „Schwarzes Echo“ ließ Autor Michael Connelly schon direkt ein Jahr später den zweiten Band aus der Reihe um den unbequemen Detective Hieronymus „Harry“ Bosch folgen und griff dabei einmal mehr auf seine reichhaltigen Erfahrungen aus der Zeit als Polizeireporter für die Los Angeles Times zurück.

Ende der 1980er konnte er sich aus erster Hand überzeugen, wie vor allem neuartige Drogen zum rapiden Verfall ganzer Gesellschaftsschichten und Stadtviertel beitrugen – und auch die Kriminalitätsrate in schwindelerregende Höhen katapultierten. Als besonders gefürchtet galt „Ice“, ein äußerst reine Form vom Methamphetaminhydrochlorid, welche, ursprünglich aus Asien stammend, vor allem in Hawaii schnell Fuß fassen und von dort schließlich auch nach Kalifornien gelangen konnte. Im vorliegenden Roman greift Connelly diese Thematik nun auf, erfindet mit „Black Ice“ eine Variante, die jedoch aus Mexiko ihren Weg in die USA findet und nutzt den Namen auch zeitgleich (und passenderweise) als Titel. Doch wie bereits schon im Vorgänger, so ist auch in „Schwarzes Eis“ Drogenhandel nur ein Element eines vielschichtigen Plots, welcher für Bosch seinen Anfang am ersten Weihnachtstag nimmt:

Bosch sitzt gerade beim Essen und beobachtet ein fernes Buschfeuer am Rand der nächtlichen Lichter von Los Angeles, als über den Polizeifunk eine Meldung eingeht und Personal zu einem Tatort in Hollywood beordert wird. Er ist irritiert, sich nicht unter den angeforderten Personen zu befinden, hat er doch eigentlich für diese Nacht Einsatzbereitschaft. Irgendjemandem scheint sehr daran gelegen zu sein, dass er bei diesem neuesten Fall außen vor bleibt. Ein zusätzlicher Anreiz für den sturköpfigen Cop, der sich nach einem kurzen Anruf bei der Dienststelle die Adresse besorgt und direkt im Anschluss auf den Weg Richtung Sunset Boulevard macht. Das Ziel ist das heruntergekommene Hideaway Hotel. Eine alte, abgewrackte Anlage voller dreckigen Absteigen – und Fundort von Calexico „Cal“ Moores Leiche, einem Drogenfahnder und Kollegen, der Bosch noch vor kurzem bei seinen Ermittlungen im Mordfall Jimmy Kapps – einem Drogenkurier, verantwortlich für den Transport der Modedroge „Black Ice“ von Hawaii nach L.A. – unterstützt hatte. Dass nun auch Moore tot ist, weckt Boschs Argwohn, zumal als Todesursache Selbstmord angegeben wird.

Bevor er sich selbst ein Bild davon machen kann, wird er jedoch von Assistant Chief Irvin Irving aufgehalten, mit dem Bosch in der Vergangenheit, erstmals im Zusammenhang mit dem „Dollmaker“-Fall (siehe Beginn von „Schwarzes Echo“), heftig aneinandergeraten ist. Irving hat die Untersuchungen offiziell an sich gerissen und gibt deutlich zu verstehen, dass die Anwesenheit des bekannten Quertreibers aus der Abteilung Hollywood unerwünscht ist. Doch Bosch lässt nicht locker, verschafft sich dennoch Zutritt und erkennt recht schnell, dass etwas an dem vermeintlichen Suizid mittels Schrotflinte nicht ganz zu passen scheint. Und überhaupt – warum ist auch die Dienstaufsicht direkt am Tatort erschienen?

Boschs Jagdtrieb ist geweckt und wird noch stärker, als immer mehr Instanzen der Behörde alles daran setzen, ihn von diesem Fall fernzuhalten. Wieso will man das Ganze so schnell zu den Akten legen? Was kann Moore entdeckt haben, dass eventuell seinen Mord rechtfertigt? Und was haben sterilisierte Fruchtfliegen damit zu tun? Bosch geht jeder möglichen Spur nach, muss aber dann doch von der Fährte ablassen, als ihn sein Vorgesetzter Lieutenant Harvey Pounds mit den liegengebliebenen Akten eines vom Dienst beurlaubten Kollegen betreut, um die bescheidene Aufklärungsquote der Abteilung etwas aufzuhübschen. Nur widerwillig nimmt sich Bosch dieser kalten Spuren an, bis ihn eine davon plötzlich zu Cal Moore und nach Mexiko, genauer gesagt in die Grenzstadt Mexicali führt. Genau gegenüber, auf amerikanischer Seite, liegt auch Calexico, die Stadt welche Moore seinen Namen gab. Ein Zufall zu viel für Moore, der langsam ahnt, dass der Großteil des „Black Ice“ inzwischen nicht mehr aus Hawaii kommt. Unter fadenscheinigen und vorgeschobenen Gründen macht er sich auf eigene Faust auf den Weg nach Mexiko – nicht ahnend, dass bereits jeder seiner Schritte von den Männern des Drogenbosses Zorillo, genannt „Der Papst“, mit Argusaugen verfolgt wird …

Was auf den ersten Blick vielleicht noch wie ein ziemlich geradliniger roten Faden aussieht, erweist sich schon bereits nach wenigen Seiten als ein abermals äußerst komplexes Geflecht vieler kleinerer Handlungsstränge, welche gerade zu Beginn höchste Aufmerksamkeit und ein gutes Namensgedächtnis seitens des Lesers voraussetzen. Es wird auch in „Schwarzes Eis“ deutlich – Michael Connelly macht wenig bis keine Zugeständnisse an eine bessere Zugänglichkeit, sondern erzählt seine Geschichte haargenau so, wie er es für richtig hält. Und das ihn dabei besonders die großen Namen des „Noir“ wie Raymond Chandler und Dashiell Hammett maßgeblich inspiriert und beeinflusst haben, will und kann er gar nicht verhehlen. Allein sein Hauptprotagonist ist – mit dem Unterschied, dass er eben (noch) nicht als Privatdetektiv arbeitet – ein Spiegelbild des klassischen Private-Eye der 30er und 40er Jahre, dem das Protokoll und Hierarchien nichts bedeuten, und der gegen jeglichen Widerstand seinen eigenen Willen durchzusetzen vermag – und damit auch immer wieder durchkommt. Ist das realistisch? Wohl kaum. Auch wenn jede Polizeistelle der Welt wohl gerne eine solch hartnäckige Spürnase wie Harry Bosch in seinen Reihen hätte – für das zerschlagene „Porzellan“ dieses mitunter brachialen „Elefanten“ würde wohl kaum ein Vorgesetzter seinen Kopf hinhalten.

Und doch speist sich gerade aus dieser Figur und Michael Connellys unnachahmlichen Gespür für die Inszenierung seiner Schauplätze die Faszination dieser inzwischen so langlebigen Reihe. Harry Bosch, nicht selten ein Arschloch wie es eben nur im Buche steht, ist genau wegen seiner aufmüpfigen Art und den unkonventionellen Methoden der perfekte Sympathieträger für den Leser, zumal er in einem Umfeld wirken darf, dass – dank Connellys eigener Erfahrungen – so lebensecht wie nur möglich herüberkommt. Von Bosch abgesehen zeichnet der Autor ein äußerst realistisches Bild des Polizeiapparats von L.A., der unter Druck der Öffentlichkeit, vorgegebener Quoten und machtgieriger Karrieristen nicht nur immer wieder äußerst unbeweglich, sondern auch für äußere Einflussnahme unheimlich anfällig ist. Zwar gehören die Zeiten der ganz großen Korruption der Justizbehörden in den frühen 90ern inzwischen lange der Vergangenheit an – die Strukturen selbst haben sich mitunter aber kaum geändert. Und so ist es auch kein Wunder, dass der unbestechliche Einzelgänger Bosch schon fast ein Dauerabonnement auf das berufliche Abstellgleis hat und oft gänzlich allein gegen alle kämpft.

In Folge dessen ist auch jeder berufliche Kontakt für Bosch vor allem eins – ein nützliches Mittel zum Zweck, das ihm letztlich dazu dient, der Gerechtigkeit, und wenn schon nicht ihr, dann wenigstens der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. Das muss in „Schwarzes Eis“ auch Teresa Corazon erfahren, die als Stellvertretende Chefgerichtsmedizinerin vom L.A. County vom nächsten beruflichen Schritt in ihrer Karriere träumt. Bosch, mit dem sie eine Affäre hat, nutzt ihre Position rücksichtslos aus, um die Vertuschung rund um Moores Ableben an die Öffentlichkeit zu bringen und damit erst weitere Ermittlungen möglich zu machen. Connelly gelingt es dabei jedoch meisterhaft, die menschliche Seite seines Hauptprotagonisten nie außen vor zu lassen. Bosch ist bar jeder Künstlichkeit, hat nicht viel gemein mit den überzeichneten Rächergestalten, die heute den Thriller vielfach bevölkern – nein, sein Benehmen, seine ganze Persönlichkeit ist Resultat eines längeren Prozesses, der in frühen Jahren seinen Anfang genommen hat. Wie wir in „Schwarzes Eis“ erfahren, wuchs er ohne Vater auf und wurde schon in jungen Jahren aus der Obhut seiner Mutter, einer Prostituierten, geholt und in einer einem Jugendheim ähnelnden Wohnanlage, der McLaren Youth Hall, untergebracht, wo man Kinder sowohl vernachlässigt als auch systematisch misshandelt hat.

Seinen eigenen, unehelichen Vater, J. Michael Haller, lernte Harry Bosch erst in späteren Jahren an dessen Sterbebett kennen. Eine für ihn traumatische Begegnung, in der Autor Michael Connelly übrigens äußerst geschickt seine große Liebe für Hermann Hesse, insbesondere für sein Werk „Steppenwolf“ verarbeitet, dessen Hauptfigur Harry Haller sich eben aus jenen beiden Namen zusammensetzt. Für Interessierte sei erwähnt, dass an dieser Stelle auch erstmalig Michael „Mickey“ Haller, Boschs Halbbruder erwähnt wird, der zwölf Jahre später in seinem ersten eigenen (und auch verfilmten) Roman „Der Mandant“ nachhaltig Eindruck hinterlassen und anschließend dann ein fester Bestandteil des Connelly-Kanons wird. Doch bis dahin warten noch einige Bosch-Bände auf den Leser, der sich sicherlich auf jeden einzelnen freuen darf – denn auch wenn „Schwarzes Eis“ nicht ganz das hohe Niveau des großartigen Auftakts erreicht, kann das Buch doch auf vielerlei Ebenen überzeugen.

Harry Boschs zweiter Auftritt ist ein durchweg spannender Mischling aus Police-Procedural und Noir, der besonders nochmal im letzten Drittel zwischen Stierkampfarenen und verlassenen mexikanischen Herrenhäusern mit einer atmosphärischen Dichte aufwartet, die Connellys großen Vorbildern in nichts nachsteht. Wenngleich die Handlung vielleicht den ein oder anderen Haken zu viel schlägt, wandelt man unheimlich gern in den Fußspuren dieses einsamen Wolfs, der inzwischen – auch dank der erfolgreichen TV-Serienumsetzung – aus dem Olymp der Kriminalliteratur nicht mehr wegzudenken ist. Wer sich also immer noch fragt, ob ein Griff zu den frühen Bänden der Serie lohnt, dem gibt „Schwarzes Eis“ eine deutliche Antwort. Definitiv, ja.

Wertung: 86 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Michael Connelly
  • Titel: Schwarzes Eis
  • Originaltitel: The Black Ice
  • Übersetzer: Norbert Puszkar
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 08.2021
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 464 Seiten
  • ISBN: 978-3311155126

Totgesagte leben länger

© Elsinor

Wer ist John Mair? Wohl die ersten vier Wörter, welche mir während der Vorschausichtung und der Entdeckung dieser deutschen Erstübersetzung von Elsinor durch den Kopf gegangen sind – ein kleines, aber feines Verlagshaus, das ich seit der Veröffentlichung diverser Titel von Gilbert Keith Chesterton und John Buchan glücklicherweise nie ganz aus dem Auge verloren habe.

Nun also ein Agentenroman aus den frühen 40er Jahren, der selbst in seiner englischen Heimat gänzlich in Vergessenheit geraten ist, fast so als hätte Mair mit dem originalen Titel („Never come back“) einen Blick in die eigene literarische Zukunft seines einzigen Romans geworfen. Aber Geschichte wiederholt sich nicht nur stets und ständig, sie wird manchmal auch zielgerichtet zutage gefördert – so geschehen im Falle dieses Werks durch Julian Symons, der ihn erst Ende der 50er Jahre (für viele überraschend) in seine Liste der „100 Best Crime & Mystery Books“ in der Sunday Times und drei Jahrzehnte später nochmal in die „Oxford University Twentieth Century Classics“-Reihe aufnahm. Es folgten ein BBC-Hörspiel, eine dreiteilige TV-Adaption und eine äußerst frei interpretierte, eher mäßig gelungene Verfilmung. Und es war auch zu jener Zeit, wo Martin Compart, damals für eine Sendung des öffentlich-rechtlichen in London auf Recherche unterwegs, über genau dieses Buch durch Symons‘ Empfehlung stolperte.

Interessanterweise hat sich „Es gibt keine Wiederkehr“ seit dieser Zeit in Comparts Schublade befunden, der eine Herausgabe des Buches schon im Rahmen seiner (leider viel zu kurzlebigen) DuMont-Noir-Reihe geplant hatte, jedoch letztlich nicht mehr umsetzen konnte. Aber Hartnäckigkeit zahlt sich, in diesem Fall auch für den Leser, bekanntlich aus. Wenngleich aus erwartbarer Richtung des Kritikermilieus nur mit belustigtem Wohlwollen goutiert – der Name Compart fällt natürlich in diesem Zusammenhang nie, ja, wird gefühlt verzweifelt gemieden – halte ich hingegen Mairs Debütwerk (er starb bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung während seiner Pilotenausbildung bei einem Flugzeugabsturz), soviel sei vorab gesagt, für tatsächlich zwingend empfehlenswert, da es nicht nur den klassischen Agentenroman der damaligen Zeit – verkörpert durch Namen wie Eric Ambler, Geoffrey Household oder eben John Buchan – um eine weit düstere Facette hinsichtlich seiner Hauptfigur erweitert, sondern den Leser, wohlgemerkt auf dem Höhepunkt der Luftschlacht von England und dem damit verbundenen Bombenkrieg, mit patriotischen Parolen oder dem naheliegenden Feindbild Nazi-Deutschland gänzlich verschont. Obwohl Mair stattdessen eine geheimnisvolle, mehrere Nationen umfassende Organisation aus dem Hut zaubert, ist die Einschätzung mancher, es handle sich hierbei um eine überzeichnete Parodie, kaum nachvollziehbar, was ich im weiteren Verlauf gerne erörtern möchte. Doch erst einmal kurz zur Handlung:

Zweiter Weltkrieg, London. Während die deutsche Luftwaffe jede Nacht Angriffe auf die Metropole fliegt und regelmäßiger Bombenalarm die Bevölkerung in Schutzkeller und U-Bahn-Stationen zwingt, hat der eitle Boulevard-Journalist Desmond Thane ganz andere Sorgen. Dem notorischen und – zumindest in seinen eigenen Augen – erfolgreichen Frauenheld hat es eine geheimnisvolle junge Frau namens Anna Raven angetan. Sie erweist sich nicht nur im Gespräch als hoch intelligent, sondern auch als überraschend stark und selbstbewusst. Für Thane eine Trophäe, die es unbedingt zu erobern, ja, zu besitzen gilt. Doch obwohl er zwar fast auf Anhieb bei ihr (und damit auch in ihrem Bett) landen kann, entwickelt sich diese merkwürdige Beziehung zunehmend zu seinem Missfallen. Entgegen seinen üblichen Erfahrungen macht Anna keinerlei Anstalten, sich ihm irgendwie zu unterwerfen. Ganz im Gegenteil: Sie dominiert jeglichen Aspekt ihrer Affäre, bestimmt wann sie sich treffen, gibt die Richtung vor – kurzum verfährt genauso mit ihm, wie er immer zuvor mit all seinen früheren Liebeleien. Ihre Dominanz beginnt ihn zu verunsichern, zu reizen, stachelt seinen Zorn auf sie mehr und mehr an.

Eines Abends bricht sich diese Wut schließlich Bahn. Desmond verabredet sich per Telegramm mit Anna, es kommt zum Streit und in einer undurchsichtigen Mischung aus Effekt und kaltblütiger Absicht tötet er seine Geliebte mit ihrer eigenen Waffe. Der kurzfristige Stolz auf diese Tat weicht bald einer um sich greifenden Panik, als ihm klar wird, dass er nichts über diese Frau weiß. Wer ist sie eigentlich? Wo und für wen arbeitet sie? Wer weiß von ihrem Verhältnis und könnte ihn identifizieren? Und noch viel wichtiger – wo ist sein Telegramm, das ihn als Beweismittel direkt belasten könnte? Ohne eine klare Antwort auf all diese Fragen, muss er ihr Apartment verlassen, noch nicht wissend, dass er den Weg mit einer Internationalen Geheimorganisation gekreuzt hat, in der Oppositionelle und politische Eiferer aus verschiedenen Ländern zusammenarbeiten, um in den Wirren des Krieges ihre jeweiligen nationalen Regierungen zu stürzen. Und deren auserwählter Ausputzer, der eiskalte Killer Mr. Foster, hat bereits Witterung aufgenommen und sich an Desmonds Fersen geheftet …

Wer sich ein bisschen mehr mit den Ursprüngen des Agentenromans, und vor allem mit den frühen Werken des bereits oben erwähnten Eric Amblers beschäftigt hat, wird in dieser Ausgangssituation natürlich einige bekannte Elemente wiederfinden, derer sich Autor John Mair wohl auch ganz bewusst bedient hat. Wie z.B. in „Ungewöhnliche Gefahr“, so beginnt der Leser gleichfalls hier seine Reise an der Seite eines Journalisten, der mehr oder weniger per unglücklichem Zufall zwischen die bisher im Verborgenen gelegenen Fronten gerät und bald um das eigene Leben fürchten muss. Nichts Neues also, das Symons besondere Würdigung dieses Titels rechtfertigen würde, möchte man auf den ersten Blick meinen, sollte aber dann unbedingt einen zweiten riskieren und insbesondere ein klein wenig Geduld mitbringen, denn gerade auf den ersten dreißig bis vierzig Seiten tut sich dieser Roman auffällig schwer.

Wenn auch stilistisch sehr geschliffen (was auch dank der hervorragenden Übersetzung durch Jakob Vandenberg zum Tragen kommt), so formuliert doch Mair zu Beginn äußerst umständlich, ja, neigt fast zur Schwafelei und verliert sich in der Skizzierung seines philosophisch veranlagten Hauptprotagonisten, welche aber durch die darauffolgenden Ereignisse und dessen Handeln letztlich eigentlich obsolet wird. Gründe sind eventuell in der langen Schaffensphase für dieses Buch zu finden. Mair begann mit der Arbeit an dem Buch bereits 1939, veröffentlicht wurde es erst zwei Jahre später. Hinweise finden sich darauf auch im Text selbst. So lässt er zu Beginn noch in einem Dialog erklären, wie gering die tödliche Wirkung von Bombenangriffen eigentlich sind (er bezieht sich dabei auf die bis dato bekannten Ereignisse in Shanghai und im Spanischen Bürgerkrieg), nur um später deren verheerende Wucht als Kulisse kurz vor dem Showdown zu nutzen. Hier wird der zeitliche Versatz bei der Niederschrift durchaus deutlich.

Das ist allerdings auch der einzige größere Kritikpunkt, den man bei der Beurteilung von „Es gibt keine Wiederkehr“ aufführen kann, denn spätestens mit dem Tod Annas nimmt die Handlung immens an Fahrt auf, gewinnt sowohl der Schreiber Mair als auch seine Figur Desmond Thane zunehmend an Sicherheit. Gejagt von einer gesichtslosen Organisation mit scheinbar grenzenlosen Ressourcen erweist sich Thanes spitze Zunge und Eloquenz recht bald als schärfste Waffe gegen seine Peiniger, denen er immer wieder ein Schnippchen schlägt, falsche Fährten auslegt oder in letzter Sekunde entkommt. Das mag mancher in dieser Häufung als Überzeichnung deuten, trübt aber in keinster Weise das Leseerlebnis oder holt uns aus dem Geschehen heraus. Ganz im Gegenteil: Es sind gerade dieses intellektuelle Katz-und-Maus-Spiel und Thanes mitunter überbordende Männlichkeit, die in diesen Passagen Erinnerungen an einen gewissen Spion mit der Lizenz zum Töten wecken und auch ähnlich zu faszinieren wissen. Mit dem Unterschied, dass – wie Martin Compart in seinem äußerst informativen (und viel zu ausführlichen, du lässt einem nicht viel für die Analyse übrig Martin) Nachwort treffend herausarbeitet – der vorliegende Anti-Held keinen Gedanken an seine Majestät oder England verschwendet, sondern ganz und gar auf den eigenen Vorteil bedacht ist.

Es ist Mairs größtes Verdienst, dass es ihm dennoch gelingt, gewisse Sympathien für Thane zu wecken, der für mich bis zum Schluss komplett unberechenbar geblieben ist. So geschehen in der Szene, in der er für kurze Zeit auf seiner Flucht Unterschlupf bei zwei Frauen sucht. Diese Passage wird vollkommenen von dem unter Adrenalin stehenden Hauptprotagonisten dominiert, dem man in dieser Situation einfach alles zutraut, um nicht entdeckt zu werden – also auch zwei weitere Morde (Der folgerichtige Gedanke an Highsmiths Tom Ripley dürfte an dieser Stelle nicht nur Martin Compart kommen). Wie Mair auf diesem schmalen Grad zum vollkommen gewissenlosen Soziopathen balanciert, das hinterlässt auf der Behaarung der Unter- und Oberarme genauso nachhaltig Eindruck, wie die unheimlich stimmungsvollen Beschreibungen von Thanes Gefangenschaft und dem anschließenden Entkommen. Eine klare, mondhelle Nacht. Ein verlassenes Haus. Ein vom Flakfeuer immer wieder beleuchteter Himmel. Dank Mairs feiner Feder ist gerade dieser Teil des Buches bestes Kopfkino, von dem man sich als Leser nur zu gern mitreißen lässt. Wohlgemerkt, wenn man sich dazu in der Lage sieht und die Lektüre nicht durchgängig mit dem scharfen Auge des Literaturchirurgen seziert.

Denn natürlich fällt Mair sprachlich gegenüber einem Eric Ambler ab. Und natürlich ist das Grundgerüst der Handlung an sich bei genauer Betrachtung nur wenig logisch und glaubwürdig – aber wen bitte schert das, wenn es dermaßen hervorragend unterhält? So sehe ich dann schlussendlich auch in „Es gibt keine Wiederkehr“ kein Genre persifliert, sondern den gelungenen Versuch, einen undurchschaubaren Zyniker, manchmal auch mit einem gewissen humoristischen Element, seine Gegner auf dem eigenen Schlachtfeld schlagen zu lassen. Desmond Thane wächst in diesem Roman an seiner ungewollt eingenommenen Rolle und kann – obwohl einem bis kurz vor dem Finale nicht klar ist, wie genau das möglich sein soll – letztlich dann sogar den Spieß noch umdrehen.

Keine holde Maid in Nöten, kein hehres Ziel – nur ein gewitztes, eingebildetes und opportunistisches Arschloch, das auf knapp 270 amüsanten, aber auch atmosphärisch wirkungsvollen und mitreißenden Seiten zur Höchstform aufläuft. Und mehr braucht es tatsächlich auch nicht, um diese Wiederentdeckung zu einer zwingenden Empfehlung meinerseits zu machen, denn wenngleich ich Mairs Roman ebenfalls nicht als Klassiker des Genres bezeichnen würde – am Ende hat der Autor dann irgendwie doch Unrecht behalten: Es GIBT eine Wiederkehr. Auch Dank dem Elsinor-Verlag und Martin Compart, denen ich für dieses Buch möglichst viele Leser wünsche.

Wertung: 85 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Mair
  • Titel: Es gibt keine Wiederkehr
  • Originaltitel: Never Come Back
  • Übersetzer: Jakob Vandenberg
  • Verlag: Elsinor
  • Erschienen: 06.2021
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 268 Seiten
  • ISBN: 978-3942788564

No Big Easy

© Rowohlt

Zuletzt hat der US-amerikanische Autor Nathaniel Rich (nicht nur) hierzulande vor allem durch sein aufrüttelndes Werk „Losing Earth“ auf sich aufmerksam gemacht, das uns schonungslos die Kette von falschen Entscheidungen vor Augen hält, welche letztlich das unumkehrbar gemacht haben, was wir inzwischen tagtäglich weltweit als Klimawandel erleben bzw. teilweise schon bitter am eigenen Leib erfahren müssen.

Sein nur ein Jahr zuvor veröffentlichter Roman „King Zeno“ konnte dieses mediale Scheinwerferlicht jedoch nicht für sich beanspruchen, lief weitestgehend unter dem Radar und hat – trotz durchaus positiver Resonanz im Feuilleton – wenig nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Dass dennoch meine Wahl nun aber genau auf diesen Titel fiel, hat vor allem mit meinem grundsätzlichen Interesse an der Stadt New Orleans und deren Geschichte zu tun, das – einst geweckt durch James Lee Burke – inzwischen schon zu einer gewissen Faszination angewachsen ist. Wenn dann noch ein realer Kriminalfall dazu gemengt wird – auch Ray Celestin hatte sich zuletzt literarisch des (nie gefassten) Axtmörders angenommen – stehen die Chancen für eine atmosphärische Reise in die historischen Straßen von „The Big Easy“ ja eigentlich nicht schlecht. Doch macht Rich auch etwas aus dieser Ausgangskonstellation?

Bevor an dieser Stelle kurz die Handlung angerissen wird, sei aber noch darauf hingewiesen, dass es sich nicht, wie in mancher Rezensionen behauptet, um einen Kriminalroman im klassischen Sinne oder gar einen reinen Vertreter des „Noir“ handelt – entsprechend also diejenigen unter den Lesern vorgewarnt sind, die hier einen intensiven Spannungsbogen erwarten oder auf jeder zweiten Seite eine überraschende Wendung voraussetzen. Richs größte Stärke (und auch Schwäche, doch dazu später mehr) ist vielmehr sein enorm facettenreicher und opulenter Ansatz, der sich nicht nur in mehreren Handlungssträngen, sondern auch in der Vielzahl der tragenden Charaktere widerspiegelt, deren Schicksale sich im New Orleans von 1918 überschneiden.

Mit der großen Gelassenheit, welche die Stadt namensgebend verkörpern will, ist es im Mai 1918 nicht weit her. New Orleans befindet sich im Aufruhr, denn ein mysteriöser Unbekannter, von der Presse aufgrund des Modus Operandi als „Axtmörder“ bezeichnet, verbreitet Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Seine Opfer sind anfangs vor allem italienischstämmige Geschäftsleute und Händler, weswegen die Polizei Schutzgeldpressung als Motiv und den Täter im Umkreis der hiesigen Mafia vermutet. Unter den Beamten befindet sich auch Bill Bastrop, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, der sich nicht nur mit seinen Erlebnissen an der Westfront, sondern auch mit dem Alltagsrassismus seiner Kollegen herumplagen muss. Als einer von ihnen bei einer Verfolgungsjagd durch einen Schwarzen ums Leben kommt, hat diese Tat auch Auswirkungen auf den titelgebenden Protagonisten Isadore Zeno. Isadore, tagsüber als Arbeiter beim Bau des Industrial Canal beschäftigt, der den Lake Pontchartrain mit dem Mississippi verbinden soll, und nachts als Kleinkrimineller unterwegs, um seine Liebe zum Jass (der bald Jazz heißen soll) zu finanzieren, wird Zeuge des Polizistenmordes und fürchtet nun den Verrat durch seinen im Gefängnis sitzenden Kumpanen Bailey.

Gleichzeitig träumt Beatrice Vizzini, Matriarchin eines sizilianischen Mafia-Clans, von einem weiter wachsenden Machteinfluss auf die Stadt, den sie durch ihre Beteiligung beim Kanalbau zu erreichen hofft. Neben den ständigen Arbeitsunfällen auf der gefährlichen Baustelle macht ihr vor allem der eigene Sohn zunehmend Sorgen. Zwar hat er sich aufgrund seiner Brutalität bereits einen gefürchteten Namen gemacht, verliert aber mehr und mehr die Kontrolle und scheint auch vor (nicht beauftragten) Morden Halt zu machen. Vizzini fürchtet ungebetene Aufmerksamkeit und als eine Leiche im Schlamm des Kanals gefunden wird, soll sich ihre Besorgnis als begründet erweisen. Derweil kann sich Isadore mit gelegentlichen Auftritten nach und nach einen Namen in der Jazz-Szene machen, was vor allem seinem Talent am Kornett zu verdanken ist. Doch bevor dieser neue Musikstil, der schon in New Orleans als gescheitert galt, die Stadt und seine Bewohner infizieren kann, kommt ihm ein Virus zuvor. Die letzten Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg haben die Spanische Grippe mit in die Heimat gebracht – und plötzlich droht neben dem Axtmörder noch eine weit tödlichere Gefahr …

Alle Schulen, staatlich, privat oder kirchlich sind geschlossen. Alle Kinos und Theater geschlossen. Alle Kirchen geschlossen. Alle öffentlichen Zusammenkünfte, Konzerte und Sportveranstaltungen abgesagt. Menschenansammlungen auf Straßen sind verboten.

Nein, hier hat sich kein Ausschnitt vom Spiegel aus der Anfangszeit der aktuellen Corona-Pandemie in den Text verirrt, sondern es handelt sich tatsächlich um eine von mehreren originalen Zeitungsmeldungen, welche Rich immer wieder geschickt in seinem Text platziert, um die Authentizität seines Romans zu unterstreichen. Und auch wenn obiges Zitat aus dem Oktober 1918 stammt, so ist es schon unheimlich, wie sehr es sich eins zu eins auf die Jetztzeit anwenden lässt – wohlgemerkt seitens des Autors eher ungewollt, denn „King Zeno“ entstand bereits 2018 und damit lange vor den ersten Schrecknissen durch Covid-19. Andererseits stehen diese Parallelen auch sinnbildlich für die uralte (und augenscheinlich ewig geltende) Wahrheit, dass wir Menschen aus der Geschichte lernen, dass wir eben nichts aus ihr lernen. Auch im New Orleans der Jahre 1918 und 1919 hat dieser staatlich verordnete Lockdown seine Auswirkungen auf die Gesellschaft, kämpfen die Krankenhäuser mit einer nicht enden wollenden Flut an Infizierten. Obwohl New Orleans sich weit liberaler als die meisten Nachbarstädte des Südens zeigt, so kocht unter dem Druck der Ereignisse auch hier Stimmung schnell hoch – und die Suche nach den Schuldigen führt in den meisten Fällen in die Reihen der schwarzen Bevölkerung.

Verkörpert wird deren ohnmächtige Wut in „King Zeno“ in erster Linie durch Isadore, dem die Quarantäneverordnungen genauso schwer zu schaffen machen, wie die allgemeine Ablehnung schwarzer Musik. Zwar zeigen sich auch mehr und mehr Weiße für den Jazz aufgeschlossen, aber auch diese geben sich ihre Leidenschaft entweder nur in den eigenen vier Wänden oder exklusiven Clubs hin. Genau an diesen Orten versucht Isadore nachträglich Eindruck zu hinterlassen, um sich endlich einen Namen zu machen und sich finanziell abzusichern. Ein Kampf gegen viele Widerstände, gefördert und gestützt von einem ungerechten System, dem auch Bill Bastrop angehört, in dessen Zeichnung Nathaniel Rich ebenfalls viel Zeit investiert. Er ist auch vielleicht die tragischste Figur des Romans, hängt ihm doch eine folgenschwere Fehlentscheidung an der Kriegsfront immer noch nach und wie ein Schatten über seinen Handlungen. Seine introvertierte, ablehnende Art und die kühle Vorgehensweise während seiner Ermittlungen sind deutlich erkennbare Anleihen des Noirs der 30er Jahre, werden mitunter aber zu dominant skizziert, um glaubwürdig zu überzeugen. Und damit kommen wir auch zum großen Knackpunkt des Romans:

King Zeno“ will schlichtweg zu viel, leidet an seinem epischen Grundgerüst, wodurch das erzählerische „Gebäude“ am Ende keinerlei einheitliche Form erhält und ein roter Faden als Fundament nicht erkennbar bleibt. Richs Ansinnen, New Orleans in all seinen Facetten zum Leben zu erwecken, darf atmosphärisch als mehr als gelungen bezeichnet werden, sorgt im Umkehrschluss aber auch dafür, dass sich der Plot immer wieder selbst ausbremst, ja, quasi erstarrt, wodurch sich ein richtiger Lesefluss nie so recht einstellen will. Wann immer wir die Seiten festen greifen – so zum Beispiel meinerseits unter anderem geschehen bei der Schilderung von Isadores, nur durch eine Tür getrennten Begegnung mit dem Axtmörder – lässt Rich das Potenzial dieses Augenblicks brach liegen, in dem er entweder direkt den Schauplatz wechselt oder im nächsten Absatz gleich erst mit einem Abstand von ein paar Monaten innerhalb der Geschichte fortsetzt. Die Gelegenheit, diese räumliche Enge der French Quarter, das knisternde Momentum, diesen einen entscheidenden Augenblick einfach laufen zu lassen – sie verstreicht und wird oft ersetzt durch eine Unmenge von detaillierten Beschreibungen, die zwar das Milieu akkurater, aber dann auch nicht immer zwingend lebendiger erscheinen lassen.

Sperrig ist wohl das Adjektiv, mit dem man die Lektüre treffend zusammenfassen könnte, was mittendrin immer wieder ärgert, da „King Zeno“ gleichzeitig auch soviel richtig macht und man quasi zwischen den Zeilen spürt, welchen großen Wurf Nathaniel Rich hier landen wollte. Und dass er dazu in der Lage ist, steht außer Frage, denn trotz dem unbeweglichen Duktus bleiben doch viele Passagen nachhaltig in Erinnerung, gelingt es dem Autor gelegentlich mit seiner augenzwinkernden Schreibe, die spiegelnden Flächen seiner Erzählung sichtbar zu machen. Bestes Beispiel dafür ist eben jener Bau des Industrial Canal, durch dessen Fertigstellung man sich damals einen größeren strategischen Vorteil als wichtiger Hafen der USA erhoffte. Wie die meisten Leser heute wissen, ist es aber genau dessen Verlauf direkt vom Golf von Mexiko Richtung New Orleans, der 2005 die Überflutung der Stadt in Folge des Hurrikan „Katrina“ entscheidend begünstigte. Viele Menschen verloren dabei ihr Leben oder zumindest jegliches Hab und Gut. Ein Fingerzeig, ganz im Stil von „Losing Earth“, mit dem uns Nathaniel Rich elegant und dennoch unmissverständlich auf die direkten Folgen der Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen hinweist.

So bleibt am Schluss für mich paradoxerweise ein Buch, das sich streckenweise nur schlecht genießen lässt und dennoch gut in Erinnerung bleibt, weil es gerade historisch interessierte (und vor allem Jazz-begeisterte) Leser äußerst glaubwürdig in die Vergangenheit dieser so einmaligen Metropole der USA katapultiert, wenn sie willens sind, bei der durchgehenden Spannung und einer klaren Linie in der Erzählung qualitative Abstriche zu machen.

Wertung: 79 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Nathaniel Rich
  • Titel: King Zeno
  • Originaltitel: King Zeno
  • Übersetzer: Henning Ahrens
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 10.2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3737100915