No Big Easy

© Rowohlt

Zuletzt hat der US-amerikanische Autor Nathaniel Rich (nicht nur) hierzulande vor allem durch sein aufrüttelndes Werk „Losing Earth“ auf sich aufmerksam gemacht, das uns schonungslos die Kette von falschen Entscheidungen vor Augen hält, welche letztlich das unumkehrbar gemacht haben, was wir inzwischen tagtäglich weltweit als Klimawandel erleben bzw. teilweise schon bitter am eigenen Leib erfahren müssen.

Sein nur ein Jahr zuvor veröffentlichter Roman „King Zeno“ konnte dieses mediale Scheinwerferlicht jedoch nicht für sich beanspruchen, lief weitestgehend unter dem Radar und hat – trotz durchaus positiver Resonanz im Feuilleton – wenig nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Dass dennoch meine Wahl nun aber genau auf diesen Titel fiel, hat vor allem mit meinem grundsätzlichen Interesse an der Stadt New Orleans und deren Geschichte zu tun, das – einst geweckt durch James Lee Burke – inzwischen schon zu einer gewissen Faszination angewachsen ist. Wenn dann noch ein realer Kriminalfall dazu gemengt wird – auch Ray Celestin hatte sich zuletzt literarisch des (nie gefassten) Axtmörders angenommen – stehen die Chancen für eine atmosphärische Reise in die historischen Straßen von „The Big Easy“ ja eigentlich nicht schlecht. Doch macht Rich auch etwas aus dieser Ausgangskonstellation?

Bevor an dieser Stelle kurz die Handlung angerissen wird, sei aber noch darauf hingewiesen, dass es sich nicht, wie in mancher Rezensionen behauptet, um einen Kriminalroman im klassischen Sinne oder gar einen reinen Vertreter des „Noir“ handelt – entsprechend also diejenigen unter den Lesern vorgewarnt sind, die hier einen intensiven Spannungsbogen erwarten oder auf jeder zweiten Seite eine überraschende Wendung voraussetzen. Richs größte Stärke (und auch Schwäche, doch dazu später mehr) ist vielmehr sein enorm facettenreicher und opulenter Ansatz, der sich nicht nur in mehreren Handlungssträngen, sondern auch in der Vielzahl der tragenden Charaktere widerspiegelt, deren Schicksale sich im New Orleans von 1918 überschneiden.

Mit der großen Gelassenheit, welche die Stadt namensgebend verkörpern will, ist es im Mai 1918 nicht weit her. New Orleans befindet sich im Aufruhr, denn ein mysteriöser Unbekannter, von der Presse aufgrund des Modus Operandi als „Axtmörder“ bezeichnet, verbreitet Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Seine Opfer sind anfangs vor allem italienischstämmige Geschäftsleute und Händler, weswegen die Polizei Schutzgeldpressung als Motiv und den Täter im Umkreis der hiesigen Mafia vermutet. Unter den Beamten befindet sich auch Bill Bastrop, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, der sich nicht nur mit seinen Erlebnissen an der Westfront, sondern auch mit dem Alltagsrassismus seiner Kollegen herumplagen muss. Als einer von ihnen bei einer Verfolgungsjagd durch einen Schwarzen ums Leben kommt, hat diese Tat auch Auswirkungen auf den titelgebenden Protagonisten Isadore Zeno. Isadore, tagsüber als Arbeiter beim Bau des Industrial Canal beschäftigt, der den Lake Pontchartrain mit dem Mississippi verbinden soll, und nachts als Kleinkrimineller unterwegs, um seine Liebe zum Jass (der bald Jazz heißen soll) zu finanzieren, wird Zeuge des Polizistenmordes und fürchtet nun den Verrat durch seinen im Gefängnis sitzenden Kumpanen Bailey.

Gleichzeitig träumt Beatrice Vizzini, Matriarchin eines sizilianischen Mafia-Clans, von einem weiter wachsenden Machteinfluss auf die Stadt, den sie durch ihre Beteiligung beim Kanalbau zu erreichen hofft. Neben den ständigen Arbeitsunfällen auf der gefährlichen Baustelle macht ihr vor allem der eigene Sohn zunehmend Sorgen. Zwar hat er sich aufgrund seiner Brutalität bereits einen gefürchteten Namen gemacht, verliert aber mehr und mehr die Kontrolle und scheint auch vor (nicht beauftragten) Morden Halt zu machen. Vizzini fürchtet ungebetene Aufmerksamkeit und als eine Leiche im Schlamm des Kanals gefunden wird, soll sich ihre Besorgnis als begründet erweisen. Derweil kann sich Isadore mit gelegentlichen Auftritten nach und nach einen Namen in der Jazz-Szene machen, was vor allem seinem Talent am Kornett zu verdanken ist. Doch bevor dieser neue Musikstil, der schon in New Orleans als gescheitert galt, die Stadt und seine Bewohner infizieren kann, kommt ihm ein Virus zuvor. Die letzten Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg haben die Spanische Grippe mit in die Heimat gebracht – und plötzlich droht neben dem Axtmörder noch eine weit tödlichere Gefahr …

Alle Schulen, staatlich, privat oder kirchlich sind geschlossen. Alle Kinos und Theater geschlossen. Alle Kirchen geschlossen. Alle öffentlichen Zusammenkünfte, Konzerte und Sportveranstaltungen abgesagt. Menschenansammlungen auf Straßen sind verboten.

Nein, hier hat sich kein Ausschnitt vom Spiegel aus der Anfangszeit der aktuellen Corona-Pandemie in den Text verirrt, sondern es handelt sich tatsächlich um eine von mehreren originalen Zeitungsmeldungen, welche Rich immer wieder geschickt in seinem Text platziert, um die Authentizität seines Romans zu unterstreichen. Und auch wenn obiges Zitat aus dem Oktober 1918 stammt, so ist es schon unheimlich, wie sehr es sich eins zu eins auf die Jetztzeit anwenden lässt – wohlgemerkt seitens des Autors eher ungewollt, denn „King Zeno“ entstand bereits 2018 und damit lange vor den ersten Schrecknissen durch Covid-19. Andererseits stehen diese Parallelen auch sinnbildlich für die uralte (und augenscheinlich ewig geltende) Wahrheit, dass wir Menschen aus der Geschichte lernen, dass wir eben nichts aus ihr lernen. Auch im New Orleans der Jahre 1918 und 1919 hat dieser staatlich verordnete Lockdown seine Auswirkungen auf die Gesellschaft, kämpfen die Krankenhäuser mit einer nicht enden wollenden Flut an Infizierten. Obwohl New Orleans sich weit liberaler als die meisten Nachbarstädte des Südens zeigt, so kocht unter dem Druck der Ereignisse auch hier Stimmung schnell hoch – und die Suche nach den Schuldigen führt in den meisten Fällen in die Reihen der schwarzen Bevölkerung.

Verkörpert wird deren ohnmächtige Wut in „King Zeno“ in erster Linie durch Isadore, dem die Quarantäneverordnungen genauso schwer zu schaffen machen, wie die allgemeine Ablehnung schwarzer Musik. Zwar zeigen sich auch mehr und mehr Weiße für den Jazz aufgeschlossen, aber auch diese geben sich ihre Leidenschaft entweder nur in den eigenen vier Wänden oder exklusiven Clubs hin. Genau an diesen Orten versucht Isadore nachträglich Eindruck zu hinterlassen, um sich endlich einen Namen zu machen und sich finanziell abzusichern. Ein Kampf gegen viele Widerstände, gefördert und gestützt von einem ungerechten System, dem auch Bill Bastrop angehört, in dessen Zeichnung Nathaniel Rich ebenfalls viel Zeit investiert. Er ist auch vielleicht die tragischste Figur des Romans, hängt ihm doch eine folgenschwere Fehlentscheidung an der Kriegsfront immer noch nach und wie ein Schatten über seinen Handlungen. Seine introvertierte, ablehnende Art und die kühle Vorgehensweise während seiner Ermittlungen sind deutlich erkennbare Anleihen des Noirs der 30er Jahre, werden mitunter aber zu dominant skizziert, um glaubwürdig zu überzeugen. Und damit kommen wir auch zum großen Knackpunkt des Romans:

King Zeno“ will schlichtweg zu viel, leidet an seinem epischen Grundgerüst, wodurch das erzählerische „Gebäude“ am Ende keinerlei einheitliche Form erhält und ein roter Faden als Fundament nicht erkennbar bleibt. Richs Ansinnen, New Orleans in all seinen Facetten zum Leben zu erwecken, darf atmosphärisch als mehr als gelungen bezeichnet werden, sorgt im Umkehrschluss aber auch dafür, dass sich der Plot immer wieder selbst ausbremst, ja, quasi erstarrt, wodurch sich ein richtiger Lesefluss nie so recht einstellen will. Wann immer wir die Seiten festen greifen – so zum Beispiel meinerseits unter anderem geschehen bei der Schilderung von Isadores, nur durch eine Tür getrennten Begegnung mit dem Axtmörder – lässt Rich das Potenzial dieses Augenblicks brach liegen, in dem er entweder direkt den Schauplatz wechselt oder im nächsten Absatz gleich erst mit einem Abstand von ein paar Monaten innerhalb der Geschichte fortsetzt. Die Gelegenheit, diese räumliche Enge der French Quarter, das knisternde Momentum, diesen einen entscheidenden Augenblick einfach laufen zu lassen – sie verstreicht und wird oft ersetzt durch eine Unmenge von detaillierten Beschreibungen, die zwar das Milieu akkurater, aber dann auch nicht immer zwingend lebendiger erscheinen lassen.

Sperrig ist wohl das Adjektiv, mit dem man die Lektüre treffend zusammenfassen könnte, was mittendrin immer wieder ärgert, da „King Zeno“ gleichzeitig auch soviel richtig macht und man quasi zwischen den Zeilen spürt, welchen großen Wurf Nathaniel Rich hier landen wollte. Und dass er dazu in der Lage ist, steht außer Frage, denn trotz dem unbeweglichen Duktus bleiben doch viele Passagen nachhaltig in Erinnerung, gelingt es dem Autor gelegentlich mit seiner augenzwinkernden Schreibe, die spiegelnden Flächen seiner Erzählung sichtbar zu machen. Bestes Beispiel dafür ist eben jener Bau des Industrial Canal, durch dessen Fertigstellung man sich damals einen größeren strategischen Vorteil als wichtiger Hafen der USA erhoffte. Wie die meisten Leser heute wissen, ist es aber genau dessen Verlauf direkt vom Golf von Mexiko Richtung New Orleans, der 2005 die Überflutung der Stadt in Folge des Hurrikan „Katrina“ entscheidend begünstigte. Viele Menschen verloren dabei ihr Leben oder zumindest jegliches Hab und Gut. Ein Fingerzeig, ganz im Stil von „Losing Earth“, mit dem uns Nathaniel Rich elegant und dennoch unmissverständlich auf die direkten Folgen der Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen hinweist.

So bleibt am Schluss für mich paradoxerweise ein Buch, das sich streckenweise nur schlecht genießen lässt und dennoch gut in Erinnerung bleibt, weil es gerade historisch interessierte (und vor allem Jazz-begeisterte) Leser äußerst glaubwürdig in die Vergangenheit dieser so einmaligen Metropole der USA katapultiert, wenn sie willens sind, bei der durchgehenden Spannung und einer klaren Linie in der Erzählung qualitative Abstriche zu machen.

Wertung: 79 von 100 Treffern

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  • Autor: Nathaniel Rich
  • Titel: King Zeno
  • Originaltitel: King Zeno
  • Übersetzer: Henning Ahrens
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 10.2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3737100915

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