Wenn die Wölfe kommen …

© Diogenes

Blickt man in der Geschichte des Kriminalromans zurück, fällt auf, dass es immer wieder Schriftsteller gab, die versuchten, mit einem ihrer Werke aus dem Genre auszubrechen, den Schritt Richtung ernsthafter Literatur zu vollziehen (Ob es sich bei vielen Krimis heutiger Tage nicht gar bereits um diese handelt, ist eine Frage, die man meines Erachtens bereits seit langem mit „Ja“ beantworten muss). Fakt bleibt jedenfalls: Dieser eine große Wurf ist weder planbar und der Erfolg vom Namen des Autors gänzlich unabhängig (Bestes Beispiel ist wohl Stephen King, der Jahrzehnte am Fließband veröffentlichen musste, um schlussendlich doch mit dem „National Book Award“ geehrt zu werden und damit die wohlverdiente Anerkennung zu bekommen).

Bei vielen anderen blieb es aber bei dem einen Versuch, wandte sich bald wieder der Schuster seinen Leisten zu. Die wenigen Ausnahmen, welche Fuß fassen konnten, haben jedoch letztlich nicht nur das Image des Spannungsromans aufpoliert, sondern auch Breschen geschlagen, durch die heutige Generationen von Schreiberlingen wesentlich einfacher hindurchgehen können. Neben so großen Namen wie James Ellroy oder Pete Dexter gehört da meiner Ansicht nach vor allem einer genannt – Dennis Lehane.

Bei all den vielen großartigen Spannungsromanen, die ich in den letzten Jahren lesen durfte, fällt es logischerweise irgendwann schwer, gewisse Highlights im Hinterkopf, Inhalte der einzelnen Bücher in Erinnerung zu behalten. Letztlich muss das Werk zwischen den Händen großen Eindruck hinterlassen haben, um auch über die Lektüre hinaus zu wirken – und bei Lehanes Büchern war das, und das macht den Bostoner Autor so einzigartig, bisher jedes Mal der Fall. Dementsprechend gestaltete sich auch hier die Vorfreude auf „Mystic River“, ein 2001 veröffentlichter Roman, der von Clint Eastwood zwei Jahre später Oscar-prämiert verfilmt, nach vier Bänden aus der Reihe um die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro, denselben Schauplatz, nämlich die Vororte Bostons, aus einer gänzlich andere Perspektive zeigt. Dies sei an dieser Stelle explizit erwähnt, da „Mystic River“ nicht nur in Punkto Action und Humor einen deutlichen Kontrast zu den vorherigen Werken Lehanes darstellt und der geneigte Serien-Fan nicht mit falschen Erwartungen das Buch in Angriff nehmen sollte.

Kurz zur Story: Wir schreiben das Jahr 1975. Die drei Freunde Jimmy Marcus, Sean Devine und Dave Boyle spielen mitten auf einer Straße in East Buckingham, dem Arbeiterviertel Bostons, als ein Moment alles verändert. Ein Auto hält an, der Fahrer, vorgeblich Polizist, will die drei zurück zu ihren Eltern bringen und bittet sie einzusteigen. Nur Dave folgt diesem Aufruf, setzt sich auf den Rücksitz und verschwindet – für vier ganze Tage lang. Als er wiederkehrt, seinen Peinigern entkommen, ist nicht nur Daves Kindheit schlagartig vorbei. Auch die Wege der anderen beiden trennen sich endgültig, bis sie sich fünfundzwanzig Jahre später auf schreckliche Art und Weise wieder kreuzen.

Im Penitentiary Park wird die brutal zugerichtete Leiche der 19-jährige Katie Marcus gefunden, Jimmys über alles geliebte Tochter aus erster Ehe. Mit den Ermittlungen wird ausgerechnet Sean beauftragt, der nach einer kurzzeitigen Suspendierung gerade wieder seinen Job beim Bostoner Morddezernat aufgenommen hat. Gemeinsam mit seinem Partner Sergeant Whitey Powers versucht er den Tathergang zu rekonstruieren und gleichzeitig Jimmy davon abzuhalten, auf eigene Faust den Mörder zu jagen. Keine einfache Aufgabe, zumal dieser selbst einige Zeit im Knast gesessen und immer noch beste Kontakte zur kriminellen Unterwelt hat.

Währenddessen kämpft Celese Boyle, Ehefrau von Dave, mit ihrem Gewissen. In der Nacht des Mordes ist dieser blutüberströmt nach Hause gekommen, behauptet von einem Straßenräuber mit einem Messer überfallen worden zu sein. Möglicherweise habe er den Angreifer gar getötet. Bereitwillig hilft Celeste bei der Vernichtung jeglicher Indizien, bis ihr langsam Zweifel kommen. Die Geschichte ihres Mannes hat einige Lücken. Und auch sein Verhalten macht ihr zunehmend Angst. Als sie durch das Fernsehen von Katie Marcus‘ Ermordung erfährt, kommt ihr ein schrecklicher Gedanke – Könnte Dave der Täter sein?

Was auf den ersten Blick wie der typische Beginn eines typischen CSI-Kriminalromans aussieht, entpuppt sich schon nach ein paar Seiten als eine Mischung aus moderner Milieustudie und klassischem Sozialdrama, in der es weit weniger um die forensischen Untersuchungen der Leiche oder das übliche Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mörder und Justiz geht, als vielmehr um das gesellschaftliche Leben vor den Toren Bostons. Hier zwischen den „Flats“ und dem „Point“, der Grenze zwischen den Malochern und den besseren Leuten, spielt die Herkunft eine große Rolle, bedeuten wenige Meter Straße den Unterschied zwischen Gewinner und Verlierer. Lehane, selbst im Problemviertel Dorchester aufgewachsen, entführt den Leser in eine Welt von Ressentiments, Klassenunterschieden und alten Feindschaften, welche derart eindringlich geschildert wird, dass man die Atmosphäre mit einem Messer schneiden könnte. Selten war ich mehr drin in einem Setting, mehr Teil der Handlung eines Romans, als in „Mystic River“, das keinerlei künstlicher Ingredienzen bedarf und nur aufgrund naturalistischer Beobachtung eine unheimlich klaustrophobische Stimmung erzeugt.

Den gleichen Detailgrad legt Lehane auch bei seinen Figuren an, die, allesamt mit nuancierter Feder gezeichnet, menschlicher und glaubhafter nicht sein könnten. Ihre Erfahrungen, ihre Vergangenheit, ihrer Herkunft – all das bestimmt ihr Handeln innerhalb des Plots und macht es zugleich schwer, Sympathien oder Antipathien zu verteilen. Das übliche Gut und Böse – es verschwimmt im grauen Dunst der Hinterhöfe und Gassen, wo das Schicksal eine Hure ist, die Glück und Unglück ohne Maß verteilt, ohne Rücksicht auf Recht oder Gerechtigkeit. So hat die Tragik der Ereignisse letztlich auch ihren Ursprung in den verschiedenen Protagonisten: Dem ehemals tollkühnen, jetzt kühlen und wortkargen Jimmy, dessen frühere kriminelle Taten immer noch Schatten auf die Gegenwart werfen. Dem ehrgeizigen, gewissenhaften, aber auch engstirnigen Sean, der die Trennung von seiner Frau einfach nicht verkraftet. Und, im Zentrum des Geschehens und durch sein undurchsichtiges Verhalten auch verantwortlich für das Spannungsmoment des Romans – Dave, der ewige Verlierer, dessen Kindheitstrauma ihn dazu zwingt, eine Lüge zu leben. Seine „Verwandlung“ innerhalb des Romans gehört mit zum Besten, was ich bisher lesen durfte. Hinsichtlich des Gänsehautfaktors fühlt ich mich hier an den großen Stephen King erinnert.

Wie Dennis Lehane diese drei Menschen, ihre Schicksale miteinander verwebt, die Höhen und Tiefen der Figuren beschreibt, das beeindruckt, bedrückt, bewegt. Mitunter so sehr, dass wir die Frage nach der Identität des Mörders zuweilen gar vergessen. Genauso wie die Tatsache, dass zwischen dem Fund der Leiche und der Auflösung am Ende in Punkto Handlung eigentlich nicht viel passiert. Keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien, keine kessen Sprüche. Nur ein scharf geschnittener, unheimlich dichter Plot, durchsetzt von einer Aura des Geheimnis- und Unheilvollen, die den Leser bis zur letzten Seite gefangen nimmt und sogar dort noch einige Überraschungen bereithält.

Mystic River“ ist – ob als Buch oder Film – ein einzigartiges, weil außerordentlich einprägsames und emotional mitreißendes Erlebnis, das den Vergleich mit den „Great American Novels“ unserer Generation an keiner Stelle scheuen muss. Boston pur bis in die letzte Zeile – unbedingte Leseempfehlung!

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Mystic River
  • Originaltitel: Mystic River
  • Übersetzer: Sky Nonhoff
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 10.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 624 Seiten
  • ISBN: 978-3257243000
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6 Gedanken zu “Wenn die Wölfe kommen …

    • Moin Hauke! Ist er bei mir schon seit Jahren. Habe seine Gennaro/Kenzie-Reihe (wird hier bei nächster Gelegenheit auch näher vorgestellt) mit Freude verschlungen und war spätestens ab „Gone Baby Gone“ Lehane-Jünger. Einer der ganz großen Schriftsteller. Für mich auch über die Grenzen des Krimis hinaus, wofür „Mystic River“ ja ein gutes Beispiel ist.

      Gefällt 1 Person

  1. Ein herausragendes Buch eines herausragenden Autoren – obwohl die Lektüre jetzt auch schon wieder fast zwei Jahre zurückliegt, ist das Buch immer noch präsent bei mir.
    Großes Lob auch an dieser Stelle an den Diogenes-Verlag, die sich nun Lehanes angenommen haben!

    Gefällt 1 Person

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