“It’s a queer world, God knows, but the best we have to be going on with.”

© Kiepenheuer & Witsch

Auch wenn ich jetzt bereits seit vielen Jahren nicht mehr als Buchhändler tätig bin – der Beruf selbst, war und bleibt für mich immer eine Berufung und auch die Ausbildung, insbesondere die schulische an der Buchhändlerschule in Seckbach, Frankfurt (mittlerweile umbenannt in Mediencampus), welche wir in einem mehrwöchigen Blockunterricht absolviert haben, weiß ich bis heute zu schätzen.

Warum ist das für diese Besprechung relevant? Nun, schon immer interessiert an einem breit gefächerten Spektrum der Belletristik hat mir diese Zeit unter unheimlich belesenen Dozenten, direkt am Puls des Mediums Buch, den Blick noch einmal geschärft, meine Entdeckerfreude kanalisiert und mich damit in eine Welt eingeführt, die ich so vielleicht sonst nie entdeckt hätte. Zu dieser Welt gehört, dank eines von mir belegten Kurses, auch insbesondere die irische Literatur.

Seit jeher neugierig auf die ereignisreiche irische Geschichte und die keltische Kultur der grünen Insel, waren mir zum damaligen Zeitpunkt zwar die großen Namen wie James Joyce, Samuel Beckett oder Edna O’Brien durchaus geläufig, viele andere Schriftsteller/innen aber bis dato unbekannt. Zu diesen gehörte unter anderem auch Brendan Behan, der Zeit seines Lebens zwar international besonders als Dramatiker von sich Reden machte, in unserem Kurs aber vor allem im Zusammenhang mit seinem autobiografischen Roman „Borstal Boy“ diskutiert wurde – und mit diesem die Ursprünge des Nordirlandkonflikts bis hin zu den so genannten „Troubles“ und dem Karfreitagsabkommen. Kurzum: Ein ganzes Themengebiet tat sich für mich rund um dieses Werk auf, das sich rückblickend als persönliche Initialzündung herausgestellt hat, sich als Protestant näher mit der jahrzehntelangen Unterdrückung der Katholiken zu befassen. Ein Thema, welches mich bis heute nicht loslässt und das im Hinblick auf den in wenigen Tagen drohenden „harten Brexit“ möglicherweise wieder auf erschreckende Art und Weise an Aktualität gewinnen wird. Das Wiederaufflammen der Feindseligkeiten in Nordirland, eine Eskalation der Gewalt – diese Sorgen sind aufgrund der immer noch nicht gänzlich geklärten Fragen rund um die irisch-nordirische Grenze mehr als berechtigt. Und damit auch eine Lektüre dieses bald siebzig Jahre alten Klassikers?

Um diese Frage beantworten zu können, lohnt eine etwas genauere Auseinandersetzung mit der persönlichen Biographie Brendan Behans und der Geschichte rund um die Entstehung von „Borstal Boy“. Geboren am 9. Februar 1923 als Sohn des Anstreichers und Gewerkschaftsaktivisten Stephen Behan und dessen Frau Kathleen Kearney schien der Weg von Beginn an vorgezeichnet. Bereits bei seiner Geburt saß sein Vater eine Gefängnisstrafe ab, weil er sich an Aktivitäten der verbotenen IRA beteiligt hatte. Und auch die anderen Mitglieder der Familie, alle ansässig in den ärmsten Slums von Dublin, waren zu der damaligen Zeitpunkt auf irgendeine Art und Weise in die irische Unabhängigkeitsbewegung involviert. Behans Onkel Peadar Kearney schrieb 1907 gar den Text der späteren irischen Nationalhymne. Obwohl vorwiegend in Armut lebend, wuchs Brendan Behan aber in einem durchaus gebildeten Umfeld und dadurch von früh an mit der irischen Literatur auf, was ihn aber nicht davon abhielt, sich immer wieder aufs Neue in Schwierigkeiten zu bringen.

Im Alter von dreizehn Jahren verließ er ganz die Schule, drei Jahre später trat er der IRA bei, um in England mehrere Sprengstoffanschläge zu begehen. Bevor er jedoch auch nur einen der Anschläge ausführen konnte, wurde er 1939 schon mitten während der Planung in Liverpool gefasst und zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt, von welche er zwei im Hollesley Bay Borstal, einer so genannten Besserungsanstalt für Jugendliche in Suffolk, absaß. Es sollte zwar nicht sein letzter Aufenthalt hinter Gitter bleiben (u.a. fuhr er 1942 noch wegen seiner Verwicklung in einem versuchten Mord an zwei Polizisten ein), aber es sind genau diese zwei ihn prägenden Jahre, die er später in dem vorliegenden autobiografischen Roman verarbeiten sollte. Behan betonte rückblickend immer wieder, dass er sich trotz seiner diversen Aktivitäten für die IRA nie als wichtiges Mitglied angesehen hat.

Ich bin kein Krieger. Ich bin eine absolute Null. Die IRA hatte genügend militärischen Sachverstand, mich zu nichts anderem als zu Botengängen einzusetzen.

Das hielt die staatliche Zensurbehörde dennoch nicht davon ab, „Borstal Boy“ umgehend nach seiner Veröffentlichung, ohne Angabe von Gründen, zu verbieten. Es darf aber davon ausgegangen werden, dass, neben der ausführlichen Schilderung von Homosexualität, vor allem seine sich durch das Buch ziehende Kritik an der katholischen Kirche dafür ausschlaggebend gewesen sind. Behans Werk, dessen Fertigstellung sich über Jahre hinzog und in dieser Zeit zunehmend unter seiner ausschweifenden Trunksucht litt (zwischenzeitlich musste er deswegen sogar ins Krankenhaus), sollte dennoch nicht allein auf diese Elemente reduziert werden, überzeugt seine autobiografische Schilderung des Lebens von „Paddy“ (Spitzname für die Iren in England) aus der Ich-Perspektive doch neben diesen zornigen Anklagen vor allem durch herrlich-spottenden, zynischen Wortwitz und ein gehöriges Maß beißender Ironie. So offen Behan dabei in Gestalt von Paddy den englischen Imperialismus kritisiert, schimmert hinter dem stoischen, irischen Nationalstolz doch immer seine Einsamkeit und Angst hindurch, die wiederum uns als Leser fast ungefiltert erreicht.

Borstal Boy“ reiht sich damit in die Riege der großen Gefängnisromane wie „Papillon“ ein, welche uns unmittelbar denselben widrigen und klaustrophobischen Umständen aussetzen, uns hineinziehen in die einsamen Zellen, die in ihrer Kälte sowohl Menschlichkeit also auch Unmenschlichkeit offenlegen und das Beste und Schlechteste von uns entblößen. Paddy gelingt es schnell sich diesem Umfeld anzupassen, weiß wann er seine Fäuste und wann er sein loses Mundwerk gebrauchen muss, um eine Situation zu entschärfen. Mit dieser offenen Art schafft er sich sowohl Feinde als auch Freunde unter den Mithäftlingen, wobei Behan es klugerweise vermeidet die Figuren nach irgendwelchen Stereotypen zu zeichnen. Ganz im Gegenteil: Hier scheint tatsächlich ein großes Maß eigener Beobachtung eingeflossen zu sein, arbeitet der Autor die Vielschichtigkeit der Zellennachbarn, Gefängniswärter, Polizisten und Priester doch stets mit Respekt für ihre Eigenheiten und gleichzeitig ungezügelter Deutlichkeit heraus. Was wirklich real passiert ist, was für die Fiktion hinzugedichtet wurde – das vermag man nicht zu unterscheiden. Fakt ist jedenfalls: Paddys Courage und unbeugsame, ja widerspenstige Lebensfreude, sie steht im starken Kontrast zu dem, was man sonst von diesem Sub-Genre gewohnt ist.

So ist bei all der politischen Überzeugung und Botschaft in „Borstal Boy“ dieses Buch vor allem ein Rückblick mit positiver Perspektive. Behan – Zeit seines Lebens ein Mann des Feierns, der Musik, aber auch der Alkoholsucht („I only drink on two occasions – when I’m thirsty and when I’m not“) und des Medikamentenmissbrauchs (an deren Folge er bereits mit 41 Jahren starb) – vertritt den eigenen Standpunkt in seiner Prosa mit unverminderter Vehemenz, aber auch mit einem optimistischen, lebensbejahenden Blick nach vorne. Die Missstände, die Missverständnisse – Paddys Umgang mit seiner Situation sind auch ein Beleg dafür, dass man eben diese überwinden kann. Genau aus diesem Grund gilt der Roman vollkommen zurecht bis heute als Klassiker der Gefängnisliteratur und Kult-Roman der grünen Insel. Womit die Frage von oben beantwortet sein dürfte: Ja, eine Lektüre lohnt auch heute noch unbedingt.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Brendan Behan
  • Titel: Borstal
  • Originaltitel: Borstal Boy
  • Übersetzer: Curt Meyer-Clason
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 01/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3462051889

5 Gedanken zu ““It’s a queer world, God knows, but the best we have to be going on with.”

  1. Hey, auch in Seckbach gewesen 🙂
    Danke für diese Vorstellung, wieder ein Titel, den ich auf die Liste setzen muss. (und bevor ich es vergesse: kennst Du „Cal“?)
    Wir habe angefangen uns näher mit irischer Literatur zu befassen, als wir in Irland waren und Dank Harry Rowohlt.
    Da lohnt definitiv immer mal über den Kanal (2x um auf die grüne Insel zu kommen) zu schauen.
    Habt ein schönes Fest
    Liebe Grüße
    Nina

    Gefällt 1 Person

    • Yep. Von 2006 bis 2009. Gottseidank noch genau rechtzeitig, bevor die alte Garde der Dozenten in die verdiente Rente gegangen ist. Eine tolle Zeit, welche ich nicht missen möchte.

      Du meinst das Buch von MacLaverty? Ich kenne es, habe es aber noch nicht gelesen. Aber danke für den Hinweis! Das kommt doch gleich mal auf den Merkzettel.

      Auf die grüne Insel möchten wir unbedingt auch noch. Tja, momentan wird das erstmal nichts. ;-) – Und ja, Harry Rowohlt war ein echtes Original!

      Euch auch ein frohes Fest und ein paar besinnliche Stunden
      LG zurück
      Stefan

      Gefällt 1 Person

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