Der Rolls Royce unter den Thrillern

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© Hoffmann & Campe

Den vorläufigen Abschluss des Ambler-Marathons bildet der Klassiker „Die Maske des Dimitrios“ – einer der bekanntesten Titel dieses Schriftstellers, dessen Wiederentdeckung sich der ein oder andere Verlag unbedingt wieder auf die Fahnen schreiben sollte. Bei gegebener Zeit werde ich mich auf CrimeAlley auch den weiteren Romanen Amblers ausführlicher widmen. 

Eric Amblers fünften Roman, „Die Maske des Dimitrios“, „halte ich für den elegantesten Kriminalroman des zwanzigsten Jahrhunderts“, konstatiert Hans C. Blumenberg von der Zeitung „Die Zeit“ auf der Rückseite der aktuellsten Diogenes-Taschenbuchausgabe. Angesichts der Massen hochqualitativer Konkurrenten eine mehr als forsche Behauptung, die ich nur zu gern anhand von Argumenten entkräften und widerlegen möchte. Da gibt es bloß ein kleines Problem: Es gelingt mir nicht. Ich kann noch soviel grübeln und nachdenken, es fällt mir schlichtweg kein anderer Autor ein, der derart mühelos, geschliffen und ja, eben elegant, die Mittel dieses Genres ausgeschöpft und immer wieder auf derart beeindruckende Art und Weise neue Bestmarken gesetzt hat. Einen Ambler zu lesen lässt sich mit dem Einstieg in einen Rollys-Royce vergleichen. Sofort und direkt nach Beginn setzt das Wohlgefühl ein, gibt es diese gewisse Vertraulichkeit zwischen dem Leser und der Geschichte, der das actionreiche Tempo heutiger Spannungsromane zwar abgeht, dafür aber durchgehend schnurrt wie ein Kätzchen. Bodenwellen oder Schlaglöcher im Plot sucht man vergebens. Hier sitzt jeder Satz, passt jedes Wort – der klassische Kriminalroman in vollendeter Form.

Wer angesichts dieser Lobeshymnen zu zweifeln beginnt, dem sei doch gleich „Die Maske des Dimitrios“ ans Herz gelegt – ein Buch, das auch 73 Jahre nach der Erstveröffentlichung nichts von seiner Faszination verloren hat und vollkommen zurecht in fast allen ewigen Bestenlisten des Kriminalromans aufgeführt wird.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der erfolgreiche Kriminalschriftsteller Charles Latimer, dem in Istanbul, aufgrund der Bekanntschaft zu einem hiesigen Oberst der Polizei, die zweifelhafte Ehre zuteil wird, einen letzten Blick auf die Leiche von Dimitrios Makropoulos zu werfen, dessen lange Karriere als Verbrecher im schmutzigen Wasser des Bosporus ein jähes Ende gefunden hat. Latimer ist fasziniert von der Hintergrundgeschichte des Ermordeten. Der ehemalige Dozent für Nationalökonomie beginnt Dimitrios‘ Leben näher zu untersuchen. Schon bald muss er jedoch feststellen, dass die Feldforschung weit gefährlicher sein kann, als die Vorlesungen im Hörsaal. Und was als intellektuelles Spiel begonnen hat, wird plötzlich blutiger Ernst …

Smyrna, Sofia, Belgrad, Genf und Paris sind die Handlungsschauplätze dieses Buches, in dem einmal mehr (und Ambler-typisch) ein Jedermann die Hauptrolle innehat, der aus seinem eigenen Milieu gerissen wird und sich mit den düsteren Seiten der kriminellen Schattenwelt konfrontiert sieht. Auf der großen politischen Bühne von Geheimdienstlern, Berufsverbrechern und Kriegsgewinnlern agiert Latimer als Amateur, stolpert mehr oder wenig zufällig immer tiefer in für ihn unbekannte Gefilde – und mit ihm, genauso ahnungslos, der Leser. Es ist dieses Rezept, dessen sich Ambler häufiger bedient, das ihn unter anderem so erfolgreich gemacht hat. Die Tatsache, dass alle Figuren mit viel Fingerspitzengefühl entstanden und uns als Beobachter so nahe sind. Oberbösewichte wie in Flemings Romanen oder soziopathische Killer im Stile heutiger Thriller sucht man hier vergebens. Zwischen Gut und Böse wird keine klar erkennbare Trennlinie gezogen, die Grenzen sind fließend. Ambler überlässt dem Leser das Ruder, dem nach und nach Dimitrios‘ Geschichte enthüllt wird und der sich anhand dieser ein eigenes Bild des Mannes machen kann.

Nicht ohne einen Funken Ironie karikiert Ambler hier die Rolle des klassischen Detektivs, den Latimer in seinen Romanen favorisiert, und zu dem er nun selbst werden muss, um Licht in das Dunkel zu bringen. Dabei schreibt der Autor vollkommen „fettfrei“. Soll heißen: Keine unnötigen Nebenschauplätze, keine überflüssigen Ausschmückungen – nur ein feiner, gerader, immer fester zupackender Plot, der zwar dem Krimikenner keine großen Überraschungen bietet, dafür aber das Erwartete in einer Form präsentiert, die zwangsläufig fesseln muss. Hinzu kommt ein Tiefgang, der sich unter anderem in Amblers präzisen Beobachtungen der Weltpolitik manifestiert, die (mal wieder) prophetisch zukünftige Ereignisse vorweg nehmen und dem ohnehin grandiosen Werk einen zusätzlichen Stellenwert verleihen.

Insgesamt ist „Die Maske des Dimitrios“ einer dieser Klassiker, die man nach der Lektüre mit Vorsicht und Ehrfurcht zurück ins Regal stellt. Ein lupenreiner, literarisch hochwertiger und in erstklassiger Topbesetzung verfilmter Kriminalroman, der keinerlei billiger Effekte bedarf und am Ende auch keine Fragen offen lässt. Außer einer vielleicht: Hat dieser Autor eigentlich je ein Buch geschrieben, das nicht hervorragend war?

Nachtrag: Eric Ambler wird inzwischen vom Atlantik-Verlag neu aufgelegt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Die Maske des Dimitrios
  • Originaltitel: The Mask of Dimitrios / A Coffin for Dimitrios
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Hoffmann & Campe
  • Erschienen: 04/2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 336
  • ISBN: 978-3455405620
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Krieg liegt in der Luft

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(c) Diogenes

Ambler-Marathon, die Vierte. Diesmal im Mittelpunkt: „Anlass zur Unruhe“

Bei Diogenes, wo Eric Ambler lange Jahre verlegt wurde, gehörten seine Bücher zu denjenigen, welche sich am wenigsten verkaufen. Gerade mal drei bis vier Exemplare eines Titels pro Jahr. Eine traurige Ausbeute. Nun hab ich mittlerweile vier seiner Werke gelesen und kann mir immer noch nur kopfschüttelnd die Frage stellen: Warum? Allein seine fünf Vorkriegsromane, die in einem zeitlichen Abstand von gerade mal drei Jahren (1936 – 1939) erschienen sind, gehören zum Besten, was ich in diesem Genre lesen durfte. Und auch wenn „Die Maske des Dimitrios“ der bekannteste dieser fünf Romane ist, wirkt wohl keiner anderer so nach wie „Anlass zur Unruhe„.

Ambler, der selbst Maschinenbau studierte und als Ingenieur abschloss, wählt hier erneut die Zusammenarbeit multinationaler Konzerne mit faschistischen Gruppierungen als thematischen Hintergrund für sein Buch, das wie kein anderer Vertreter dieses Genres die politisch angespannte Stimmung dieser Zeit treffend und erschreckend wiederzugeben vermag. Diesmal konzentriert sich Ambler auf Italien, das sich, seit 1926 unter der Führung von Mussolini stehend, zu einer militärischen Großmacht aufgerüstet hat und an der Seite von Hitlers Deutschen Reich eine zunehmend aggressivere Außenpolitik verfolgt. Möglich ist dies kurioserweise vor allem durch ausländisches Kapital, das in großen Mengen ins Land fließt und die staatlich geförderte Produktion von Kriegsmaterial zusätzlich ankurbelt. Und hier setzt Amblers Story an:

Nicholas Marlow, wie Ambler selbst Ingenieur, verliert seine Arbeit just an dem Tag, an dem er seiner Freundin einen Heiratsantrag machen will. Aufgrund der landesweiten Rezession verläuft die Suche nach einer neuen Anstellung für ihn lange Zeit erfolglos, bis ihm schließlich ein ungewöhnliches Angebot gemacht wird. Die englische Werkzeugmaschinenfabrik Spartacus bietet ihm einen Job in ihrer Mailänder Dependance an und Marlow, verzweifelt und ziemlich pleite, nimmt an, zumal seine Aufgaben relativ einfach klingen. Als Repräsentant der Firma, soll er die Nachfolge seines Vorgängers Fernside antreten, der bei einem Autounfall im dichten Nebel der Stadt ums Leben kam. Was er nicht weiß: Der Unfall war keineswegs einer und mit dem Antritt seiner Stelle heften sich gleich mehrere nicht eindeutig zuzuordnende Spione an seine Fersen, die mehr über die Bewaffnung des faschistischen Staates in Erfahrung bringen wollen. Marlow verstrickt sich schnell in einem Gewirr aus Spionage und Gegenspionage, und muss schließlich um sein Leben rennen…

Dass Eric Ambler ein Meister darin ist, den lautlosen Krieg feindlicher Agenten im Europa der Zwischenkriegszeit zu beschreiben, beweist er in „Anlass zur Unruhe“ einmal mehr. Mit viel dramaturgischen Geschick und einer schon beängstigenden Weitsicht führt er den Leser in ein Italien, das zu diesem Zeitpunkt bereits einen Krieg mit Äthiopien hinter sich hatte und mit begehrlichen Blicken Richtung Albanien schielte. Das Volk wird an der kurzen Leine gehalten, Überwachung ist oberstes Gebot. Ambler weckt eine Epoche mit all ihrer Düsternis zum Leben und analysiert nebenbei das nur auf den ersten Blick so eng wirkende Verhältnis vom Hitler-Deutschland zu Mussolini-Italien. Unwillkürlich macht sich Gänsehaut breit, wenn der Autor den Protagonisten Zaleshoff, der hier gemeinsam mit seiner Schwester Tamara seinen zweiten Auftritt nach „Ungewöhnliche Gefahr“ hat, vom bevorstehenden Krieg reden lässt:

Die vier apokalyptischen Reiter sind zum Start bereit, und, Marlow, wenn die wieder durch Europa reiten, können Sie allen Ihren Träumen adieu sagen. Das wird ein Krieg sein, nach dem auf der Welt alles mögliche gedeihen wird, nur nicht die Menschen (…)

Es sind solche Zeilen, die Ambler zum visionärsten seiner Zunft machten und welche nachhaltig beeindrucken. Und erneut steht dabei ein Jedermann im Mittelpunkt, ein Unbeteiligter und Unschuldiger, der feststellen muss, dass gerade seine Unschuld ihn zum Schuldigen macht. Es ist die Geschichte über einen Mann, der gezwungen wird, seine Loyalität gegenüber seinen Arbeitgebern, seinem Land, der Wissenschaft und der Welt zu hinterfragen.

Insgesamt ist „Anlass zur Unruhe“ ein Meisterwerk des Spionage-Thriller-Genres, dessen Tiefgang im Verbund mit der stets spannender werdenden Handlung, die schließlich bis in verschneite Norditalien führt, auch heute noch über Stunden fesselt. Ohne Zweifel eines seiner besten Bücher, das viel mehr Leser verdient hätte. Möge diese Rezension dazu beitragen.“

 

Wertung: 95 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Anlass zur Unruhe
  • Originaltitel: Cause for Alarm
  • Übersetzer: Dirk van Gunsteren
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 1/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 397
  • ISBN: 978-3-257-23108-3

Agenten-Roman + Whodunit = beste Unterhaltung

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© Atlantik

Aller guten Dinge sind drei.

Im Jahre 1938 erschien mit „Nachruf auf einen Spion“ Eric Amblers dritter Kriminalroman, der bis heute nur wenig von seinem Charme und Witz verloren hat. Beste Strandlektüre für Südfrankreich-Urlauber und nebenbei auch ein gelungener Brückenschlag zwischen Whodunit und Agentenroman.

Wenn man heute in einer Buchhandlung nach einem guten Spionage-Thriller fragt, wird einem Ken Follett ans Herz gelegt werden, eventuell noch John le Carré empfohlen. Eric Ambler ist, meiner Meinung nach leider völlig zu Unrecht, in Vergessenheit geraten und gilt wohl als zu antiquiert. Eine Ansicht, die ich so überhaupt nicht teilen kann, denn Amblers Bücher sind auch mehr als siebzig Jahre nach ihrer Entstehung noch absolut lesenswert, ja kommen sogar erstaunlich modern daher. Das gilt selbst für seine ganz frühen Werke, wie „Nachruf auf einen Spion„, das im Jahre 1938 quasi am Vorabend des 2. Weltkriegs erschienen ist und wie bei seinen beiden Vorgängern eine gehörige Portion Weitsicht enthält. Im Mittelpunkt der Geschichte steht abermals ein absoluter Jedermann:

Joseph Vassady, ein ziemlich harmloser und vor allem völlig unpolitischer Sprachlehrer mit leichtem Hang zur Naivität, wollte eigentlich nur seinen lang ersehnten Urlaub an der Cote d’Azur nahe Toulon genießen. Warme Sonne, blaues Meer, Entspannung am Strand. Vielleicht nebenbei noch ein wenig seinem Hobby, der Fotographie, frönen. Allerdings bringt ihn gerade letzteres in eine ziemlich missliche Lage. Eine dumme Verwechslung von Fotoapparaten hat eine Verhaftung vor der örtlichen Drogerie zur Folge und ehe er sich versieht, ist Vassady in ein Netz von Spionage und staatspolitischen Intrigen verwickelt. Von der Polizei benutzt und erpresst, um einen feindlichen Agenten zu enttarnen, steht nun seine eigene Existenz auf dem Spiel. Doch wo beginnen?

Ohne Ideen kehrt er in sein Hotel zurück unter dessen Gästen sich der wahre Spion befinden muss. Jeder gerät nun in Verdacht und wird Zielscheibe von Vassadys trotteligen Ermittlungsbemühungen, während die Zeit gnadenlos heruntertickt. Nur zwei Tage hat er nämlich Zeit. Dann wird er vom strengen Direktor an der Pariser Schule zurückerwartet…

Wer ist denn jetzt der Agent? Was hat es mit den Verhalten der einzelnen Hotelgäste auf sich? Fragen, die sich der Leser zwischendurch immer wieder stellt, während Ambler eine spannende Geschichte auf Papier bringt, die in erster Linie aufgrund ihrer Atmosphäre zu packen weiß. Die schönen Beschreibungen der Cote d’Azur sind beeindruckend, fangen das Flair der späten 30er Jahre bis ins Detail ein. Schon nach wenigen Seiten ist man in diese längst vergangene Ära eingetaucht, atmet man das Lebensgefühl dieser Jahre ein. Natürlich lebt auch dieser Roman von den Überzeichnungen. Ein britischer Soldat im Ruhestand muss da ebenso anwesend sein, wie der unvermeidliche junge Aufreißer. Genreklischees derer sich auch schon Agatha Christie bedient hat, an die man auch immer wieder erinnert wird, da Vassady in bester Hastings-Manier mit hehrsten Motiven in schwierige Situationen gerät, um sich mit traumwandlerischer Sicherheit für eine Lösung zu entscheiden, die unweigerlich eine noch grässlichere, nahezu ausweglose Lage mit sich bringt. Vom Regen in die Traufe und noch mal zurück scheint also das Motto zu sein, was jedoch für Lesespaß und lautes Lachen sorgt.

Vassady ist ein sympathischer Depp, der selbst den Bösen hier Leid zu tun scheint und der dennoch, wenn auch ungewollt, das Netz um die wahren Täter immer enger zieht. Hinzu kommt, dass Ambler den Schauplatz Hotel aufs Beste zu gestalten vermag und die Angehörigen verschiedenster Nationalitäten in ihren Schrullen aufs Unterhaltsamste beschreibt. Sehr visionär lässt er diese in Gesprächen die europäische Lage erörtern, und hinterlässt dabei beim Leser einen faden Geschmack, werden sich doch wenige Monate danach diese Menschen vielleicht auf verschiedenen Seiten im Kriege begegnen. Was den modernen Krimiautoren lästig geworden zu sein scheint, beherzigte Ambler noch: Genaueste Recherche und Unterhaltung mit unterschwelliger Botschaft.

Insgesamt ist „Nachruf auf einen Spion“ wieder mal ein äußerst kurzweiliger Thriller, der zwar Ambler-typisch mit einem packenden „Shoot-Out“ endet, im Gegensatz zu seinen Vorgängern allerdings weniger actionreich daherkommt. Ein schöner Roman, der bestens für einen Urlaub am Strand geeignet ist und die Lücke zwischen klassischem Whodunit und Agentenroman schließt.

 

Nachtrag: Eric Ambler wird inzwischen vom Atlantik-Verlag neu aufgelegt.

Wertung: 85 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Nachruf auf einen Spion
  • Originaltitel: Epitaph for a spy
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 07/2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 336
  • ISBN: 978-3455650990

Das Kartell der Faschisten

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Weiter geht’s mit dem Ambler-Marathon und der Wiederentdeckung seines zweiten Werks „Ungewöhnliche Gefahr“.

Nachdem mich Eric Amblers Debütwerk „Der dunkle Grenzbezirk“ durchaus überzeugt hatte, war es für einen Serientäter in Punkto Lesen wie mich natürlich selbstverständlich, sich auch den zweiten Roman anzuschaffen.

Ungewöhnliche Gefahr“ ist 1937 und damit in der langsam heiß werdenden Phase der Vorkriegsjahre erschienen. Adolf Hitlers Ambitionen sind nun auch für den Rest Europas kein Geheimnis mehr und ein allerorten stattfindendes Wettrüsten lässt die Hoffnung auf einen länger währenden Frieden dahin schmelzen.

Diese Situation erkennt auch Ambler, der als thematischen Hintergrund seines Werks die Zusammenarbeit multinationaler Konzerne mit faschistischen Gruppen wählt, und dabei, wenn auch wohldosiert, Giftpfeile Richtung Drittes Reich schickt. Die Fassade der Olympischen Spiele hat keinen Bestand mehr, Deutschland ist mit seiner Ideologie zum Feind vieler Völker und gleichzeitig zum wichtigen Verbündeten nach Macht strebender Länder geworden. Eines davon ist Rumänien, ein Vielvölkerstaat, der von politischer Instabilität gezeichnet ist und sich auf der Suche nach einer neuen Schutzmacht dem nationalsozialistischen Deutschland zuwendet. Was wäre gewesen, wenn Hitler dieses Land als persönlichen Spielball und zum Auslöser des von ihm lang ersehnten Krieges gewählt hätte?

Eric Ambler gibt in „Ungewöhnliche Gefahr“ die Antwort darauf und lässt uns an der Seite des jungen Journalisten Kenton von Nürnberg nach Linz reisen. Aufgrund seiner Freude am Glücksspiel in Geldnot, soll er gegen Bezahlung die finanziellen Rücklagen eines Juden in Sicherheit bringen. Eine nur scheinbar einfache Aufgabe, denn Kenton hat so seine Zweifel an der Echtheit des Juden, die sich noch verstärken als er die Grenze zu Österreich überquert. Ohne es zu wollen begibt er sich nämlich damit zwischen die Fronten von Spionageringen und Geheimdiensten, und wird schon bald von der österreichischen Polizei als Mörder gesucht und von zwielichtigen Gangstern gejagt. Wem kann er in diesem gefährlichen Spiel trauen? Was für Dokumente hat ihm der „Jude“ wirklich übergeben?

Spannende Fragen, die Ambler auf meisterhafte Art und Weise lange unbeantwortet lässt. Stattdessen hetzt er den Leser durch Österreich und die Tschechoslowakei, um den eigentlich abenteuerunwilligen Kenton bangend, der sich im Verlauf der Story aber recht bald zu einem ungewöhnlich sturen Gegenspieler für die ihn verfolgenden Agenten mausert. Überragend wie Ambler die Charaktere treffend und bildlich beschreibt, die Landschaften Zentraleuropas dem Leser gemäldegleich vor Augen zeichnet. Wie in einem guten James Bond-Film gerät man ständig vom Regen in die Traufe, werden gefährliche Situationen mit Coolness und flotten Sprüchen gemeistert. Schnell hat man vergessen, wie alt das Buch eigentlich ist, derart fesselnd liest sich der kurzweilige Plot, der mit kurzen, knappen Sätzen stets hohes Tempo hält und keine Zeit zum Verschnaufen lässt. Auch an Action in Form von Verfolgungsjagden und Schießereien wird nicht gespart. Wofür die heutigen Autoren tonnenweise Blut und Gedärme brauchen, das vermochte Ambler ohne viel Schnickschnack: Actionreich, spannend und hintergründig zu schreiben.

Insgesamt ist „Ungewöhnliche Gefahr“ ein durchgängig packendes und durch seinen besonderen historischen Hintergrund interessantes Thriller-Frühwerk aus der Karriere Amblers, das nicht nur die überragende Klasse des Autors offenbart, sondern in vielerlei Hinsicht aufgrund der Anspielungen schon als prophetisch bezeichnet werden muss.

Nachtrag: Eric Ambler wird inzwischen vom Atlantik-Verlag neu aufgelegt.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Ungewöhnliche Gefahr
  • Originaltitel: Uncommon Danger
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 04.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 336
  • ISBN: 978-3455650983

Visionärer Kriminalroman der Vorkriegszeit

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© Atlantik

Angeregt durch eine kleine Diskussion über die Bezeichnung Thriller im von mir äußerst geschätzten Blog „crimenoir.wordpress.com„, habe ich mal meine alte Besprechung zu Eric Amblers „Der dunkle Grenzbezirk“ hervorgekramt. Der Autor – der übrigens sträflicherweise eine Zeit lang (inzwischen hat der Verlag die Rechte nicht mehr) zu den am schlechtesten verkauften Schriftstellern im Hause Diogenes gehörte – gilt als einer der Begründer des Thrillers und erwies sich zu Lebzeiten als äußerst visionär. Der Aufstieg der Faschisten, die Atombombe – Ambler war der Zeit immer ein wenig voraus. Erst letztens bin ich vor dem Eingang zur Frankfurter Buchmesse bei einem kleinen Flohmarkt/Antiquariats-Stand wieder auf seinen Namen gestoßen. Insofern: Augen offen halt und mitnehmen – bis sich endlich mal ein Verlag erbarmt und diesen grandiosen Autor wieder neu auflegt. Zeit wäre es.

Und genau deshalb werde ich seine vier ersten Titel in den nächsten Tagen hier etwas näher vorstellen.

Jules Verne. Es gibt wohl kaum einen, dem dieser Name nichts sagt oder der nicht zumindest in Form einer Verfilmung in den Genuss eines seiner Werke gekommen ist. Samt und sonders sind seine Bücher Klassiker. Und gleichzeitig ein Paradebeispiel für zukunftsweisende Literatur, behandelte Verne doch technische Innovationen und Erfindungen, die erst Jahre später das Licht der Welt erblickten. Von Raketen, welche zum Mond fliegen bis zu Booten, die sich unter Wasser bewegen. Was der französische Schriftsteller für das Science-Fiction-Genre ist, stellt nun Eric Ambler für die Kriminalliteratur dar.

Mit blutjungen 27 Jahren machte er das erste Mal mit seinem Debüt „Dark Frontier“ (dt. „Der dunkle Grenzbezirk„) von sich reden und begründete damit eine Gattung des Kriminalromans, der aus den heutigen Buchhandlungen nicht mehr wegzudenken ist: Den Thriller. Man mag darüber streiten, inwiefern sein Erstlingswerk schon den Namensgebenden „Thrill“ beinhaltet, aber es besteht kein Zweifel, dass er bereits hier wegweisende Maßstäbe gesetzt hat. Wie Jules Verne beweist er ein großes Maß an Voraussicht, behandelt er in seinem Buch doch in Anspielungen die Entwicklung einer völlig neuartigen Waffe. Der Atombombe. Und das zu einer Zeit (1936), als das Ausmaß noch nicht abzuschätzen war und die Nutzung noch in weiter Ferne lag. Nicht mal eine Kernspaltung war bis dato gelungen. Auch das sollte erst zwei Jahre später geschehen. Umso erstaunlicher, wie Ambler bereits zu diesem Zeitpunkt die Wirkung und das Bedrohungspotenzial einer solchen Waffe erkennt, wenngleich er natürlich nicht annähernd den technischen Aufwand beim Bau einer Atombombe erfassen konnte.

In seiner Geschichte begegnet uns zuerst der überarbeitete Professor Barstow, der auf dem Weg in den entspannenden Urlaub von einem Vertreter des Waffenproduzenten Cator & Bliss namens Groom abgefangen und angeheuert wird, um eine europäische Katastrophe zu verhindern. In dem fiktiven Land Ixanien, einer Republik im Balkan, hat man mit dem Bau eines Laboratoriums begonnen, das die Konstruktion einer Atombombe ermöglichen soll. Die kleine Bananenrepublik, in der Korruption, Armut und Despotie herrschen, will mithilfe dieser neuen Waffe eine bessere Zukunft und eine Veränderung der umliegenden Grenzen erzwingen. Barstow soll nun im Auftrag Grooms die Baupläne der zu erbeutenden revolutionären Erfindung überprüfen und als technischer Berater deren Gefahrenpotenzial abschätzen. Doch der pazifistische Professor lehnt ab und setzt seine Fahrt in den Urlaub fort, die im Graben mitsamt seinem Auto ein jähes Ende findet.

Barstow verliert sein Gedächtnis und bildet nun schizophrene Merkmale aus. Hatte er vorher noch in einem Drei-Groschen-Roman von den Abenteuern des Privatermittlers Conway Carruthers gelesen, schlüpft er nun selbst in diese Rolle. Er reist Groom nach Ixanien nach und setzt alles daran, der Entwicklung der Bombe und den egoistischen Plänen des Waffenfabrikanten ein Ende zu setzen.

Zugegeben: Eine kurze Zeit überforderte mich dieser Wechsel der Identitäten, blieb mir wie seiner Umgebung der Umstand der Schizophrenie verborgen. Als es mir dann dämmerte, konnte ich nicht anders, als die Genialität des Autors loben. Die im weiteren Verlauf folgenden Abenteuer des schlagfertigen, einfallsreichen Carruthers haben mich völlig in den Bann gezogen und auf hohem Spannungsniveau bestens unterhalten. Amblers Idee, ab der Mitte des Romans die Perspektive zu wechseln und die Geschichte aus Sicht des Journalisten Casey zu erzählen, ist schlichtweg brillant und macht die Story umso facettenreicher. Verfolgungsjagden, Schießereien und „a few bodies along the way“ tun ihr übrigens, um den Leser bei der Stange zu halten. Eine zwischendurch immer wieder durchscheinende latente Deutschlandfeindlichkeit sehe ich ihm nach, geben die ab 1933 stattfindenden Ereignisse in meiner Heimat seinen Befürchtungen ja recht. Und wer sich über die unrealistische Überspitzung der Heldentaten des Protagonisten ärgert und dessen bewusst überzeichnete Persönlichkeitsmerkmale anprangert, hat wohl den Sinn und den Auftrag dieses Buches nicht verstanden.

Insgesamt ist „Der dunkle Grenzbezirk“ ein äußerst kurzweiliger Ausflug in die Anfänge des Genres, in dem eine anti-patriotische und pazifistische Botschaft mitschwingt, die zum damaligen Zeitpunkt wohl mehr Menschen hätten lesen sollen. Ein gelungenes Debüt, das prophetisch künftige Entwicklungen auf erstaunliche Art und Weise vorweg nimmt.

Nachtrag: Eric Ambler wird inzwischen vom Atlantik-Verlag neu aufgelegt.

 

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Der dunkle Grenzbezirk
  • Originaltitel: The Dark Frontier
  • Übersetzer: Walten Hertenstein, Ute Haffmans
  • Verlag: Atlantik Verlag
  • Erschienen: 01.2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3455651096