„Reality is just a crutch for people who can’t handle drugs.“

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©  Conte

Hardboiled aus Kalifornien von einem deutschen Schriftsteller – kann das funktionieren? Es kann – und wie. Peter J. Kraus‘ „Joint Adventure“ ist eine der vielen Entdeckungen, die ich auf der Krimi-Couch machen durfte und zudem das erste Buch, welches ich bei einer Leserunde begleitet habe. Größere Aufmerksamkeit hat der Titel – im Gegensatz zum Vorgänger „Geier“, der 2004 für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Debüt“ nominiert worden ist – bisher nicht erhalten. Beste Gelegenheit also, dies nun zumindest hier zu ändern.

Ich bin ganz ehrlich. Auf die Frage, um wen es sich bei Peter J. Kraus handelt, hätte ich wohl ein paar Jahren noch mit einem unbedarften Schulterzucken geantwortet. Das hat sich dann aber spätestens nach Kollege Königs lobender Rezension zu „Joint Adventure“ erledigt, mit der mich dieser nicht nur auf den in Amerika lebenden Krimiautor, sondern gleichzeitig auch insgesamt auf den Conte-Verlag aufmerksam gemacht hat. (Tut mir leid, lieber d.p.r., für diese Wissenslücke) Und wie schon beim „Geheimtipp“ John Farrow, so liege ich auch diesmal mit Jochen Königs Geschmack vollkommen auf einer Wellenlänge, denn „Joint Adventure“ ist ein Vertreter des rabenschwarzen und rasanten Hardboiled, der einfach nur Laune macht und den Vergleich mit etablierten Größen wie James Lee Burke oder James Crumley nicht scheuen muss. Ganz im Gegenteil. Eine solche Gegenüberstellung, besonders mit ersterem, bietet sich sogar oft im Buch an und man mag es zwischenzeitlich eigentlich kaum glauben, dass hier ein deutscher Schriftsteller am Werk gewesen ist. Auch weil die Handlung kaum amerikanischer sein könnte:

Das Leben ist chillig für Rasta Jimmy, den ehemaligen Radio-DJ, der in den dichten Wäldern im Norden Kaliforniens im großen Stil Marihuana anbaut und sein Produkt auch gern selbst konsumiert. Mit der Ruhe ist es allerdings an dem Tag vorbei, als eine Leiche in den Wipfeln eines Redwoodbaums in der Nähe seiner Plantage gefunden wird. Das FBI rückt an und Jimmy kann nur in allerletzter Sekunde entkommen. Doch was tun? Der eingeplante Gewinn durch den Verkauf des Stoffs ist Futsch und da Erntezeit ist, sind die umliegenden Plantagen bestens bewacht. Besonders mit der mexikanischen Konkurrenz will er sich eigentlich nicht anlegen. Soll er im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache wachsen lassen? Nein, um den Verlust seiner Ware zu kompensieren muss er auf Risiko spielen. Auch weil sein guter Freund und heimlicher Geschäftspartner, der korrupte und von allen Seiten geschmierte Sheriff „Ollie“ Oliphant, auf Distanz zu ihm geht, um nicht selbst ins Visier der Bundespolizei zu geraten.

Jimmy setzt alles auf eine Karte. Mit vorgehaltener Waffe klaut er sich Stoff bei zwei unaufmerksamen Erntehelfern. Blöd nur, dass die ihr Marihuana nicht einfach so hergeben wollen. Wenn man die Finger schon am Abzug hat, kann man auch abdrücken, denkt sich Jimmy und schickt einen der beiden mit einem Bauchschutz ins Jenseits. Während sich der ehemalige Rastafari (die zwanzig Jahren lang gepflegten, arschlangen Dreadlocks hat er sich zur Tarnung abgeschnitten) ins Walddickicht übergibt, nimmt der andere Erntehelfer Reißaus. Da zudem ein Hubschrauber mitsamt FBI-Agent über dem nahe liegenden Indianer-Reservat abgeschossen worden ist, und man auch dafür Rasta Jimmy verantwortlich macht, hat dieser jetzt richtig Ärger am Hals. Es beginnt eine atemlose Flucht von einem Versteck ins nächste, die erst in den Armen der scharfen Motelbesitzerin Conchita ein zwischenzeitliches Ende findet. Aber ist ihre Sorge für ihn wirklich echt? Als Jimmy die Wahrheit aufgeht, ist es fast zu spät … und statt zum Joint muss er nun zur Waffe greifen.

Die Leserunden mit Autoren im Forum der Krimi-Couch waren dank Bio-Fans (Jürgen Priester) Engagement lange Zeit so etwas wie eine feste Institution. Dennoch haben mich fehlende Zeit und die Tatsache, dass ein Buch immer peu a peu in Abschnitten gelesen und besprochen wird, immer davon abgehalten selber daran teilzunehmen. Peter J. Kraus‘ „Joint Adventure“ war damals meine Feuertaufe. Und soviel kann vorab gesagt werden: Ein besseres Buch hätte ich für den Einstieg sicher nicht finden können, denn der zweite Kriminalroman des Wahlamerikaners bietet auf 209 Seiten ein kurzes, aber auch kurzweiliges und stilistisch geschliffenes Lesevergnügen. „Joint Adventure“ ist eines dieser Bücher, das keinerlei Anlauf braucht, um in Gang zu kommen, sondern den Leser gleich von der ersten Zeile an packt, in den Schalensitz wirft und die Tachonadel in den roten Bereich jagt. Wer also entspanntes Reggae-Flair oder Kiffer-Lässigkeit erwartet, wird von dieser knallharten Geschichte sicherlich überrascht werden. Überhaupt beweist Kraus ein sicheres Händchen, wenn es darum geht uns Leser auf die falsche Fährte zu locken und falsche Vorstellungen zu wecken.

Bestes Beispiel ist da allen voran die Hauptfigur Rasta Jimmy, die bei Freunden der Coen-Brüder unweigerlich Bilder vom „Dude“ zum Leben erweckt, der aber, und diese Pille muss man im weiteren Verlauf der Handlung bitter schlucken, mit diesem weniger gemein hat, als es anfangs den Anschein hat. Wie Bio-Fan in der Leserunde sehr treffend bemerkt hat, ist mit dem Verlust der Dreadlocks auch Jimmys friedliche Lebenseinstellung passé, welche sowieso, das wird mehr und mehr klar, bereits lange Zeit eine bröckelnde Fassade gewesen ist. Auch wenn die ersten, auf sein Konto gehenden Leichen noch starkes Unwohlsein hervorrufen, so tötet der Marihuana-Genießer doch bald immer kaltblütiger. Und dabei bedient er sich eines Waffenarsenals, das, in verschiedensten Verstecken platziert, ausreichen würde, um einen kleinen Krieg zu führen. Der tobt, wenn auch in der Finsternis der Wälder und gedeckt von der Polizei, schon seit längerem. Und mit seiner Eskalation verliert auch Rasta Jimmy jegliche Skrupel.

Joint Adventure“ ist ein schwarzer Trip, der in Stil, Ton und vor allem in Punkto Besetzung an die frühen Größen des Genres gemahnt, ohne diese schlicht zu kopieren. Vielmehr hat Kraus gezielt typische Elemente (der korrupte Bulle, die Femme-Fatale, der kleine Gauner auf der Flucht) aufgegriffen und geschickt in die Neuzeit katapultiert, wobei ein gewisser nostalgischer Charme auch dieser modernen Geschichte erstaunlicherweise zu Eigen ist. Als Identifikationsfigur taugt in dieser Gesellschaft von Kriminellen niemand. Selbst der eifrige FBI-Agent gewinnt keine Sympathiepunkte. Sein rückwärtsgewandtes Denken sowie die an Liebe grenzende Treue zum verstorbenen J. Edgar Hoover hat Kraus mit schelmischen und äußerst ironischem Witz skizziert, womit er einmal mehr deutlich macht, dass unter den „Guten“ meist noch die größten Arschlöcher zu finden sind.

Was die Sprache angeht, gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln. Ganz im Gegenteil: Kraus‘ knockentrockene Schreibe passt wunderbar zur Handlung und glänzt durch die völlige Abwesenheit unnötiger Ausschweifungen. Stattdessen treiben kurze Kapitel und knappe Dialoge das Tempo voran, wobei die Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Parteien zunehmend brutaler werden und die beruhigende Hanfbrise nach und nach dem penetranten Kordit-Geruch weicht. Allein das viele Herumkurven Rasta Jimmys macht auf Dauer etwas mürbe, zumal man den vielen Kehren, Kreuzungen und Feldwegen als Nicht-Ortskundiger nur noch dank Google Maps zu folgen weiß. Die herrlich bildreiche und stimmungsvolle Sprache von Kraus, welche mich geistig direkt vor Ort katapultiert hat, kann jedoch auch das noch teilweise ausgleichen. Zudem wird der Leser mit einem klasse in Szene gesetzten Ende belohnt, das voll auf die Magengrube zielt und gleichzeitig auch zum Nachdenken darüber anregt, ob eine Legalisierung mancher Droge nicht doch sinnvoller wäre bzw. mehr Gutes bewirken würde, als deren aufwendige und verlustreiche Bekämpfung.

Insgesamt ist „Joint Adventure“ ein kurzweiliger Trip in die Wälder Kaliforniens, der einen bitteren Geschmack hinterlässt und dem Anbau von Marihuana jegliche bisher empfundene Hippie-Romantik nimmt. Peter J. Kraus ist ein toller Wurf gelungen, dem man möglichst viele Leser und gerne auch ein paar Nachfolger aus selbiger Feder wünscht.

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Peter J. Kraus
  • Titel: Joint Adventure
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Conte
  • Erschienen: 09.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 218
  • ISBN: 978-3941657168

Into the Wild …

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© Seeling

Als ich vor ein paar Tagen mal wieder „Beim Sterben ist jeder der Erste“ gesehen habe, brachte mir das sogleich Dickeys literarische Vorlage „Flussfahrt“ in Erinnerung, welche den Film in Punkto Atmosphäre nochmal um ein paar Kanu-Längen schlägt. Leider ist die 2011 im Seeling Verlag erschienene Neuauflage inzwischen schon wieder vergriffen, weshalb interessierten Lesern derzeit nur der Blick ins Antiquariat bleibt. Der wiederum lohnt sich aber – und zwar genau deshalb:

Das Wort „Sogkraft“ wird in den Besprechungen von Kriminalliteratur heutzutage schon fast inflationär benutzt – selten hat der Begriff aber so auf ein Buch gepasst, wie bei James Dickeys Klassiker aus den 70er Jahren. Mit „Flussfahrt“ hat der kleine Seeling Verlag einen lange verschollenen (und vergriffenen) Rohdiamanten ausgegraben, der sich neben den glattgebügelten, rasanten Mainstream-Thrillern von heute zwar wie ein Oldtimer verhält, von seiner erzählerischen Kraft jedoch genauso wenig verloren hat, wie von seiner Aktualität. Ganz im Gegenteil: Dickey legt den Finger in eine Wunde, die heute noch schlimmer schwelt, als zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung – die zunehmende Modernisierung und Verstädterung des Lebens, welche keinerlei Ausbruch mehr erlaubt und die Menschen in ihren alltäglichen Verpflichtungen gefangen hält.

Diesen wollen in „Flussfahrt“ auch die vier Großstädter Ed, Drew, Bobby und Lewis für ein verlängertes Wochenende entfliehen. Es gilt den wilden Cahulawassee River, der bald einem Staudammprojekt zum Opfer fallen soll, im Kanu zu bezwingen und nebenbei ihre Fähigkeiten mit Pfeil und Bogen zu trainieren. Insgeheimer Anführer der Gruppe ist Lewis, ein durchtrainierter Fitnessfanatiker, der mit allen Mitteln dem fortschreitenden Alter zu trotzen versucht und dafür auch die größten Risiken in Kauf nimmt. Die undurchdringliche Wildnis der Provinz scheint dafür bestens geeignet, ist sie doch nicht nur ein Rückzugsort für wilde Tiere, sondern auch für die kriminelleren Elemente der Gesellschaft, welche die Abgeschiedenheit der Wälder unter anderem dafür nutzen um illegal Schnaps zu brennen. Trotz dieser Gefahren lässt man anfangs relativ unbekümmert die Kanus zu Wasser … doch mit jeder Biegung des durch enge Schluchten strömenden Gebirgsflusses werden die Zweifel lauter.

Hätte ich besser zuhause bleiben sollen? Was wollen wir uns hier eigentlich beweisen? Bevor irgendeiner seine Gedanken laut äußern kann, eskaliert von jetzt auf gleich die Situation. Und aus der Suche nach einem harmlosen Abenteuer wird ein erbitterter Kampf ums Überleben …

Der Ruf der Wildnis ist schon in vielen Büchern treibendes Element der Geschichte gewesen – wohl kaum ein anderer Autor hat diese Thematik aber in dieser Art und Weise auf seine archaische Essenz reduziert, wie James Dickey. Schon zu Beginn scheint sich ein namenloses Grauen in die Unternehmung der vier Freunde hineinzuschleichen, einer Gewitterwolke gleich, die nur darauf wartet die Schleusen über den Köpfen des Leser zu öffnen. Aus der Sicht des Ich-Erzählers Ed verfolgen wir die Fahrt im engen Kanu, die so bedächtig beginnt und beinahe unmerklich an Tempo zulegt. Mit jeder Kehre des Flusses, jedem von reißenden Wellen umtosten Felsen, tauchen wir tiefer in diese uns mittlerweile so unbekannte Welt ein, lassen wir die Zivilisation und all seine Annehmlichkeiten hinter uns. Und mit Ihnen auch die moralischen Haltepunkte. Es ist eine Rückbesinnung auf den Ursprung des Menschen, der hier, im Angesicht der Natur, längst verloren geglaubte Sinne schärfen und den eigenen Instinkten vertrauen muss.

Dickey zeigt eindrucksvoll und mit klarer, karger Sprache, wie schmal der Grad zwischen dem einfachen Abenteuer und echter Gefahr sein kann. Welche Folgen es haben kann, sich dem Adrenalin und dem Nervenkitzel zu ergeben. Inmitten der düsteren, von schroffen Felsen übersäten Natur werden Erzähler Ed und seine Freunde auf ihren primitiven Ursprung reduziert und letztlich mit diesem auch konfrontiert. Diesen Kontakt mit der Maß- und Gesetzlosigkeit schildert der Autor drastisch, brutal und erbarmungslos – und der Leser scheint als fünfter Teilnehmer des Ausflugs direkt mittendrin zu sein. Ab hier ist jede Planung über den Haufen geworfen, die Kontrolle an höhere Mächte abgegeben. Aus der Flussfahrt ist ein Kampf geworden, den Dickey dramatisch in Szene zu setzen weiß. Unvergessen die Passage, in der Ed im Mondschein auf einem hohen Baum hockt, Pfeil und Bogen bereit, das Ziel mit schweißnassen Händen anvisiert. Es sind einfachste Mittel, mit denen die Spannung erzeugt wird. Und sie erweisen sich doch wirkungsvoller, als alle Gewaltorgien heutiger Psychothriller.

Es ist dieser ursprüngliche, klassische Stil, welcher den Plot trägt und ihn letztlich so glaubhaft macht. Alles an „Flussfahrt“ ist echt, scheint greifbar nah, wirkt in irgendeiner Art und Weise auf den Leser. Und wo andere Schriftsteller im Finale einen actionreichen Showdown abfackeln, sind es in diesem Falle die leisen Töne, die unbeantworteten Fragen und Zweifel, welche nachhaltig beeindrucken und im so abgestumpften Krimi-Genre an den Gefühlen rühren.

Flussfahrt“ ist genau das, was Titel und Klappentext versprechen. Ein wilder, rauschender Ritt ins Herz der Natur, dessen grimmiger, karger Charakter seinesgleichen sucht. Nicht nur für Freunde von Lansdales „Die Wälder am Fluss“ und David Osborns „Jagdzeit“ eine mehr als lesenswerte Wiederentdeckung.

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2

  • Titel: Flussfahrt
  • Originaltitel: Deliverance
  • Übersetzer: Jens Seeling
  • Verlag: Seeling
  • Erschienen: 4/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 280
  • ISBN: 978-3-938973-13-4