+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2018 – Teil 6 +++

Nachdem ich in den vergangenen Wochen wieder mal zu einem lethargischen lese- und schreibunlustigen Wesen mutiert bin (lieber Martin Compart, falls du das liest, ich habe Dich nicht vergessen) – Akku alle und Muße gen Null tendierend – wird es nun Zeit, wieder Schwung bzw. in der kriminellen Gasse wieder den Faden aufzunehmen.

Am besten vielleicht mit der nächsten Ausgabe des Vorschau-Tickers, die gleich auch Versäumtes nachzuholen gedenkt. So habe ich zwar in der vorherigen Auswahl auf zwei Titel des Polar Verlags aufmerksam gemacht, zwei weitere mangels vorschnellem Übereifer aber außen vor gelassen, was hiermit wieder gutgemacht werden soll. Im Fall des gerade geretteten Polar Verlags ist mir das ein besonders wichtiges Anliegen. Desweiteren wird die Liste komplettiert von Titeln aus dem Hause Kindler, Rowohlt und vom Unionsverlag – wobei mir übrigens eins immer mehr auffällt: Inhaltsbeschreibungen und Klappentexte werden länger und länger. Damit wir uns also selbst nicht die Hälfte des Plots spoilern, habe ich hier und da mal den Rotstift angesetzt und gekürzt. Ob die komplette Widergabe ganzer Handlungsstränge das Mittel der Zukunft ist, um Leser zu gewinnen – ich denke nicht. Doch nun zum Thema.

Den Anfang macht mit Friedemann Hahn ein Autor aus der „Bitte-wer-nie-gehört“-Kategorie, der er aber wohl nicht allzu lange angehören wird, spricht doch alles stark dafür, dass „Foresta Negra“ seinen Weg in mein Bücherregal finden wird. Die im Schwarzwald angesiedelte Geschichte (schön, wie hier bereits der Titel verdeutlicht, dass das mit nem Provinz-Krimi aber so gar nichts zu tun hat) um eine kriminelle Gruppierung aus ehemaligen Wehrmachtssoldaten, Fremdenlegionären und Polizeiveteranen mit düsteren Geheimnissen lässt die Lauscher aufstellen und birgt Potenzial für ein nachtschwarzes Gemengelage nach meinem Geschmack. Und auch mein Interesse für die Wirren der Nachkriegszeit, dürfte hier sicher bedient werden.

Undercover“ von Brennen Gerard, ebenfalls bis dato ein Unbekannter für mich, klingt ebenfalls mehr als verheißungsvoll. Eine Flucht quer durch Belfast, ein verdeckter Ermittler, der auch vor Selbstjustiz nicht zurückschreckt, gnadenlose Verfolger. Richtig (und hoffentlich klischeearm) zu Papier gebracht, sicher ein Roman der in den Bann schlagen dürfte. Und ein Setting, das spätestens seit Adrian McKinty immer wieder äußerst gern von mir besucht wird. Muss-Kauf für mich.

Ryan Gattis‘ „Safe“ (sein „In den Straßen die Wut“ wartet auch immer noch auf meine Aufmerksamkeit) klingt wie das Drehbuch für einen Michael-Bay-Film. Zwei Totgeweihte mit dem Rücken zur Wand. Tönt nach „a few bodies a long the way“ und patronengeschwängerter Umgebung. Da ich sowas, wenn es nicht zu arg platt daherkommt, zwischendurch immer mal gerne genieße – auf Leinwand und zwischen den Buchdeckeln – werde ich auf „Safe“ sicher einen näheren Blick werfen. Abhängig von Stil und Präsentation des Ganzen könnte ich dann auch hier meine Geldbörse zücken. Sicher ist das aber noch nicht.

Verrat“ von Nicholas Searle ist das beste Beispiel für die bereits oben erwähnte Tendenz, gefühlt das halbe Buch in den Klappentext zu quetschen. Ich erfahre – zumindest dem Gefühl nach – hier viel zu viel über das was passiert, was, wenn Searle die beschriebenen Ereignisse nicht in wenigen Seiten zu Beginn abhandelt, der Lektüre sicher nicht gut tun wird. Was schade wäre, denn der IRA-Killer, der sich plötzlich in einem Irland im Waffenstillstand (Frieden ist meines Erachtens immer noch ein zu gewagtes Wort, insbesondere angesichts des drohenden Brexits) wiederfindet, lockt mich sehr. Ein interessantes Kapitel Geschichte, welches der Autor von „Das alte Böse“ vor allem hinsichtlich der Charakterentwicklung zu einem spannenden Plot geschmiedet haben könnte. Die Tendenz geht dahin, mich davon selbst zu überzeugen.

Last but not least – „Leiser Tod“ von Garry Disher. Hier feiern wir das Wiedersehen mit Inspector Challis, den ich persönlich bis dato immer irgendwie weniger mochte als den Drecksack Wyatt. (Manch einer würde behaupten, wundert mich bei Dir nicht. ;-) ) Nachdem „Bitter Wash Road“ aber doch ziemlich gefeiert wurde, bekomme ich wieder etwas mehr Lust auf Disher und einen Ausflug auf die Peninsula. Ob ich den aber im Hardcover-Format unternehme oder aufs Taschenbuch warte, steht noch nicht fest.

Neues Jahr, neues Glück – wer frönt 2018 weiter seiner Sucht? Und mit welchem Buch aus dieser Auswahl?

  • Friedemann Hahn – Foresta Nera (Broschiertes Taschenbuch, März 2018 – Polar Verlag – 978-3945133613)
  • Inhalt: In einem abgelegenen Wirtshaus im Schwarzwald zelebrieren Polizei- und Wehrmachtveteranen ein blutiges Schlachtfest. Regie führt der selbstherrliche Bundesgrenzschutz-Offizier Felix Krüger. Der Polizeioffizier Hans Cremer, der wie viele „Alte Kameraden“ nach der Kapitulation `45 für Frankreichs Fahne in der Fremdenlegion weiterkämpfte, wechselt zum Bundesgrenzschutz und wird von Krüger, nicht ganz legal, als Sonderermittler eingesetzt. Eine Blutspur zieht durch den Schwarzwald und das angrenzende Rheintal. Ein Kunstmaler erschießt sich angeblich selbst. Ein Mitarbeiter der Organisation Gehlen wird hingerichtet. Mädchen verschwinden und tauchen als Leichen wieder auf. Auf Polizeioffiziere wird geschossen, sie werden gejagt, sie werden ermordet. Hans Cremer sieht einen Zusammenhang zwischen den Anschlägen und Morden im Dreiländereck Baden, Schweiz und dem Elsaß und Verbrechen im 2. Weltkrieg. Wer steckt hinter der Organisation Boxsport-Süd? Welche Rolle spielt der Gendarmerie-Commandant Proust? Die Vergangenheit holt die Täter ein. Auch Hans Cremer ist tiefer in die Mordtaten verstrickt, als er anfangs ahnt.
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© Polar

  • Brennen Gerard Undercover (Broschiertes Taschenbuch, Juni 2018 – Polar Verlag – 978-3945133637)
  • Inhalt: Nachdem der verdeckte Ermittler Cormac Kelly eine skrupellose Entführer- und Erpresserbande infiltriert hat, ist er gezwungen, aus der Deckung zu gehen und sich den Weg aus einem eskalierten Geiseldrama freizuschießen. Mit einem zwölfjährigen Jungen und dessen schwer verletztem Vater im Schlepptau zieht Kelly durch die gefährlichen Straßen von Belfast, verzweifelt darum bemüht, der Bande zu entkommen und die Familie mit der Mutter des Jungen zu vereinen, einer Fußballagentin namens Lydia Gallagher. Diese ist jedoch in London, weiß nichts von der Befreiungsaktion und wird zudem von der Bande genötigt, ihren prominentesten Klienten zu verraten. Als Kelly sich über sämtliche Regeln hinwegsetzt und in einem Alleingang die Grenze zwischen Polizeiarbeit und Selbstjustiz überschreitet, liegt die Macht über Leben und Tod zunehmend in der Hand von Stephen Black, einem tödlich charmanten Ex-Spion.

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    © Polar

  • Ryan Gattis – Safe (Hardcover, März 2018 – Rowohlt Verlag – 978-3498025373)
  • Inhalt: Ricky Mendoza, genannt Ghost, ist Panzerknacker, der beste von L.A. Früher war er Gangster, jetzt knackt er für die Polizei die Safes der Banden. Doch Ghost plant einen Coup. Er will Geld abzweigen, sehr viel Geld. Nicht aus Eigennutz – das hätte er vielleicht getan, bevor er in der Krebsklinik Rose kennenlernte. Rose ist lange tot, Ghost wurde geheilt. Doch nun ist der Tumor zurück. Ghost wird sterben. Bis dahin will er den Bösen nehmen und den Armen geben. Ein Dead Man Walking. – Rudy Reyes, genannt Glasses, ist die rechte Hand des Drogenkönigs. Er hat eine solide Verbrecherkarriere hinter sich, aber er hat auch Familie in Mexiko, wo die Kartelle ganze Dörfer abschlachten. Glasses fühlt sich mitschuldig, er will ein neues Leben beginnen. Mit der Polizei arbeitet er seit längerem zusammen; gerade hat er eine Liste mit den Gelddepots der Gangs geliefert. Vielleicht ist auch er ein Dead Man Walking …
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© Rowohlt

  • Nicholas Searle – Verrat (Hardcover, März 2018 – Kindler Verlag – 978-3463406923)
  • Inhalt: Weihnachten 1989. Bridget O’Neill blickt mit Grauen den Feiertagen entgegen: Wird ihre Gebäck Gnade finden vor der Schwiegermutter? Ihr Mann ist derweil in Calais, um einen britischen Soldaten vor den Augen seiner Familie zu töten. Francis ist ein Fußsoldat der IRA, der Kampf ist ihm Beruf und Lebenszweck. Doch seine Frau leidet sehr am Bürgerkrieg: Die bösen Geheimnisse, der Heimatort, der einer Geisterstadt gleicht, Jahre wie Blei. Bridget lässt sich vom britischen Geheimdienst rekrutieren und wird doch die Schuldgefühle – beiden Seiten gegenüber – nicht los. Auch Francis‘ Bruder Liam will Informant werden. Ein Hinweis von Francis beschert ihm den Tod. Und „Gentleman Joe“, Francis‘ Boss, schätzt solche Treue. Er hat gleich den nächsten Job für Francis: ein Bombenattentat. Dass die IRA insgeheim längst mit den Briten verhandelt, weiß Francis nicht …

© Rowohlt

  • Garry Disher – Leiser Tod (Hardcover, Februar 2018 – Unionsverlag – 978-3293005280)
  • Inhalt: Dicke Luft auf der Peninsula: Ein Vergewaltiger in Polizeiuniform treibt sein Unwesen. Eine Reihe von bewaffneten Raubüberfällen hält die Polizei in Atem. Eine gerissene Meisterdiebin spielt Katz und Maus mit den Sergeants. Einsparungen an allen Ecken und Enden drücken die Arbeitsmoral auf dem Revier. Als Hal Challis das alles auch noch einem Zeitungsreporter erzählt, sieht er sich an allen Fronten belagert.
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© Unionsverlag

 

 

 

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+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2017 – Teil 6 +++

Mein letzter, sich mit dem Spannungs-Genre beschäftigender Vorschau-Ticker beinhaltet in erster Linie einige Neuauflagen von schon seit langem vergriffenen Titeln sowie eine Erstveröffentlichung aus dem Hause Ullstein. Ich führe sie dennoch hier auf, da ich sie allesamt für entdeckenswert, im Fall von Dennis Lehane aufgrund eigener Erfahrung sogar für äußerst lesenswert erachte. Und überhaupt: Es gibt zwar Bücher, die schlechter altern als andere – ein Buch ist allerdings nie schlecht, weil es alt ist. Da zudem der Bereich des Kriminalromans selbst für ausgewiesene Krimi-Experten inzwischen kaum noch in seiner Gänze zu überblicken ist, findet vielleicht der ein oder andere ja hier unter den fünf Titel  einen, von dem er noch nichts gelesen hat bzw. wird daran erinnert, einem bestimmten Autor im Regal vielleicht doch mehr Aufmerksamkeit zu widmen. So, und nun genug gefaselt.

Mit „Es klingelte an der Tür“ erscheint nach langer Zeit (zuletzt 2009 im Rahmen der „Fischer Crime Classics“-Reihe mit „Nero Wolfe in Montenegro„) wieder ein Titel aus einer der langlebigsten Krimi-Reihen der Welt. Bereits 1933 feierte der spleenige Meisterdetektiv Nero Wolfe sein Debüt und löste seinen letzten Fall erst 32 Jahre später. Klett Cotta legt nun diesen Band von 1965 neu auf (früher erschienen unter „Per Adresse Mörder X„) und scheint sich in Punkto Aufmachung an den Christie-Romanen bei Atlantik zu orientieren. Ob gerade dieser Fall jetzt der richtige ist, um Stout den Lesern des 21. Jahrhunderts nahe zu bringen, kann ich mangels Kenntnis nicht beurteilen. Die Tendenz geht allerdings dahin, dass mal näher herauszufinden.

Die Wiederauflagen von James McClure beim Unionsverlag finden bei mir – wie auch die neue Herausgabe der Michael Dibdins – großen Zuspruch. McClure ist seit längerer Zeit ein blinder Fleck in meiner Krimi-Vita und meine zerschlissenen Exemplare von Rowohlt machen eine geplante Lektüre zu einem Wagnis, kann doch jede weitere Berührung ihr Ende bedeuten. Überhaupt ist die Lust nach mehr krimineller Energie aus Südafrika seit Malla Nunn, Deon Meyer und Mike Nicol derzeit sehr groß. Die werden definitiv beide gekauft.

Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert wird als Neo-Noir beworben, was ich, vor allem bei deutschen Vertretern, immer mit so einer gewissen Skepsis beobachte. Oft ist da vieles gewollt und nicht gekonnt. Heuchert ist mir kein Begriff, der Plot klingt jedoch danach, als könne er jemandem wie mir Spaß machen, wenn der Autor es mit „Noir“ tatsächlich ernst gemeint hat.

Mit „Dunkelheit, nimm meine Hand“ setzt Diogenes seine Neuübersetzung der Kenzie/Gennaro-Reihe weiter fort. Ich nenne zwar die alten Ullstein-Ausgaben alle mein Eigen und habe die Serie durchweg gelesen – trotzdem lachen mich die Wiederveröffentlichungen sowohl optisch, als auch aufgrund des Übersetzers (Torberg!) durchaus an. Und weil man ja als Büchersüchtiger an alles denken muss – sie sind zudem nicht ganz so dick und nehmen dementsprechend im Regal weniger Platz weg. ;-) . Wer die Reihe von Dennis Lehane noch gar nicht kennen sollte – unbedingte Leseempfehlung!

Was wandert in euren Einkaufskorb?

  • Rex Stout – Es klingelte an der Tür (Hardcover, März 2017 – Klett Cotta Verlag – 978-3608981117)
  • Inhalt: Die reiche Exzentrikerin Rachel Bruner hat die Nase voll vom amerikanischen Geheimdienst. Sie kauft zehntausend Exemplare eines Enthüllungsbuchs und verschickt es landesweit. Klar, dass das Ärger gibt: Das FBI lässt sie auf Schritt und Tritt überwachen. In ihrer Not wendet sich die vornehme Dame an Nero Wolfe, den berühmtesten Privatermittler von New York. Doch wie soll der ihr helfen? Sein Gegenspieler ist immerhin kein Geringerer als J. Edgar Hoover. Ein Scheck über 100 000 Dollar überzeugt ihn, es zumindest zu versuchen. Da kommt ihm ein Mordfall an einem Journalisten sehr gelegen …
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(c) Klett Cotta

  • James McClure – Caterpillar Cop (Taschenbuch, April 2017 – Unionsverlag – 978-3293207653)
  • Inhalt: Jonathan hat sich sein erstes Rendezvous mit Penny anders vorgestellt. Kaum kommen sie sich näher, spürt er die Blicke eines Beobachters. Wutentbrannt stürmt er los, um dem vermeintlichen Spanner eine Lektion zu erteilen. Doch als er ihn hervorzerrt, sackt dieser zusammen: Der Unterleib ist blutüberströmt. Lieutenant Tromp Kramer erfährt, dass es sich bei dem Toten um den 12-jährigen Boetie handelt, der mit einem Draht erdrosselt und erbarmungslos verstümmelt wurde. Nun beginnt für Kramer und Sergeant Zondi eine intensive Zeit der Investigation. Ein grausamer Mord an einem Kind – das ist auch für die beiden erfahrenen Ermittler ein harter Brocken. Zudem sitzt ihnen der neue Colonel höchstpersönlich im Nacken; genauso wie die Witwe Fourie, Mutter von vier Kindern.
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(c) Unionsverlag

  • James McClure – Gooseberry Fool (Taschenbuch, April 2017 – Unionsverlag – 978-3293207660)
  • Inhalt: Laut dem Dorfpfarrer hatte niemand einen Grund, Hugo Swart, den treuen und angesehenen Bürger, zu hassen. Doch am Weihnachtsabend liegt dieser niedergestochen in seiner Küche. Es sieht aus, als könnte das einzige Motiv Geld gewesen sein und so verdächtigt man Swarts Diener, Shabalala, der mittlerweile aufs Land geflohen ist. Detective Michael Zondi verfolgt den Tatverdächtigen in entlegensten Dörfern, während Lieutenant Tromp Kramer mit einer anderen Angelegenheit beauftragt wird: einem Autounfall unter Alkoholeinfluss. Kramer zieht bald Parallelen zwischen beiden Fällen und versucht, den Bewohnern von Trekkersburg Informationen abzugewinnen. Die Behauptungen des Dorfpfarrers entpuppen sich langsam aber sicher als blanke Lügen.
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(c) Unionsverlag

  • Sven Heuchert – Dunkels Gesetz (Broschiertes Taschenbuch, April 2017 – Ullstein Verlag – 978-3550081781)
  • Inhalt: Ein Exsöldner, ein geplatzter Drogendeal und ein junges Mädchen: Altglück ist ein verlassenes Nest in der Nähe der belgischen Grenze, hier träumt es sich schlecht vom sozialen Aufstieg. Achim, der Tankstellenbesitzer, heuert bei der Lokalgröße Falco an und steigt gemeinsam mit seinem Knacki-Kumpel in den Drogenhandel ein. Seine letzte Chance auf ein gutes Leben, glaubt er ― für sich, seine Geliebte und deren Tochter Marie. Doch ein Mann droht alles kaputtzumachen: Richard Dunkel, Exsöldner. Um über die Runden zu kommen, arbeitet er als Security für eine Chemiefirma. Eines Nachts stößt er dort auf Achims Drogenversteck. Er setzt Falco und Achim mächtig unter Druck ― und bringt so, ohne es zu wollen, Marie in tödliche Gefahr.
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(c) Ullstein

  • Dennis Lehane – Dunkelheit, nimm meine Hand (Taschenbuch, Juni 2017 – Diogenes Verlag – 978-3257300437)
  • Inhalt: Die renommierte Bostoner Psychologin Diandra Warren lebt in Angst. Man hat gedroht, ihrem Sohn etwas anzutun. Die Drohung trägt die Handschrift der Mafia – nur hat die mit der Sache nachweislich nichts zu tun. Als Kenzie & Gennaro zu ermitteln beginnen, überschlagen sich die Ereignisse; ein Mord nach dem anderen geschieht. Alle Spuren führen zu einem Serienkiller, der seit Jahren im Gefängnis sitzt – und tief in Patrick Kenzies eigene Vergangenheit.
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(c) Diogenes

 

+++ Der Vorschau-Ticker – Sommer/Herbst 2016 – Teil 12 +++

Wem bei der Lektüre dieses Tickers ein gewisses Déjà-vu-Gefühl beschleicht, der sei von mir beruhigt – bis auf „Bitter Wash Road“ von Garry Disher handelt es sich in der Tat bei allen anderen Titel um Wiederveröffentlichungen im Taschenbuch bzw. um Neuauflagen älterer Werke, was meines Erachtens den Gesamteindruck vom Frühjahrs/Sommer-Programm des Unionsverlags jedoch keineswegs schmälert. (Natürlich erscheinen noch mehr Bücher, auch Krimis, in diesem Frühjahr beim Unionsverlag – diese haben es aber nicht in meine Auswahl geschafft) Im Gegenteil:

Michael Dibdin ist einer dieser Autoren, den ich schon lange meinem Regal einverleiben und dessen italienische Krimis ich immer mal lesen wollte. Zuletzt bei Goldmann erschienen und seit langem vergriffen, waren die meisten Aurelio-Zen-Bände aber nur für unverschämte Preise im Antiquariat zu ergattern. Nun legt der Unionsverlag – der bereits im vergangenen Jahr mit der Wiederveröffentlichung Dibdins begonnen hat – weitere Titel neu auf. Stand jetzt sieht es also gut aus mit einer Werkausgabe dieses Schriftstellers, den ich bisher nur von seinem Sherlock-Holmes-Roman näher kenne.

Der Haiti-Krimi „Schweinezeiten“ (und auch das nachfolgend erschienene Buch „Soro„) steht bereits länger auf meinem Merkzettel und erscheint nun schon fast folgerichtig beim Unionsverlag, der ja seit vielen Jahren insbesondere die exotischen Spannungsromane in seinem Programm vereint. Mein letzter Ausflug auf die Insel in der Karibik war mit Nick Stones „Voodoo“. Bin gespannt, inwiefern Victor mich überzeugen kann. Die Kritik war ja 2014 durchweg positiv.

God’s Country“ war mir als HC schlicht zu teuer. Das Taschenbuch wird nun in jedem Fall in mein Regal wandern. Und Disher ist eh – nicht zuletzt wegen dem großartigen Übersetzer Peter Torberg – ein Muss-Kauf.

Ist für euch auch etwas dabei?

  • Garry Disher – Bitter Wash Road (Februar 2016 – Unionsverlag – 978-3293005006)
  • Inhalt : In der Nähe von Tiverton, einer Kleinstadt in Australiens Nirgendwo, wird ein Mädchen tot am Straßenrand gefunden. Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, übernimmt den Fall. Er glaubt nicht an einen Unfall mit Fahrerflucht. Einsam und isoliert durchquert der Constable die unwirtliche Landschaft, vorbei an mageren Schafen, schäbigen Höfen, stellt unbeirrt seine Fragen und lernt eine Kleinstadt kennen, unter deren Oberfläche Enttäuschung und Wut, Rassismus und Sexismus brodeln. Hirsch rüttelt an der trügerischen Stille und wirbelt nicht nur den Staub der ausgedörrten Straßen auf.
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(c) Unionsverlag

  • Gary Victor – Schweinezeiten (März 2016 – Unionsverlag – 978-3293207288)
  • Inhalt : Ein drückend heißer Sommer in Haiti. Inspektor Dieuswalwe Azémar hält sich für eine gescheiterte Existenz: Da er sich mit der allgemeinen Korruption nicht abfinden kann, wird er immer als Versager gelten, dem nur noch der Alkohol Trost spenden kann. Als jedoch das Leben seiner Tochter durch die Machenschaften einer Sekte in Gefahr gerät, findet er seine Reflexe als Elitepolizist wieder. Ein weiteres Mal zieht der Dirty Harry von Port-au-Prince mit seiner Beretta und viel Zuckerrohrschnaps in den Kampf gegen Verbrechen, Korruption und okkulte Mächte. Was verbirgt sich hinter der »Kirche vom Blut der Apostel«? Was hat der Traum seiner Tochter zu bedeuten? Und was hat all das mit der seltsamen Verwandlung zu tun, die mit seinem ehemaligen Assistenten vor sich geht?
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(c) Unionsverlag

  • Michael Dibdin – Vendetta (April 2016 – Unionsverlag – 978-3293207318)
  • Inhalt : Kommissar Aurelio Zen steht vor einem Rätsel: ein vierfacher Mord in der festungsartig ausgebauten Villa eines reichen Sarden, in die eigentlich niemand unbemerkt eindringen kann. Ein Ding der Unmöglichkeit? Nicht nur die Leichen bezeugen das Gegenteil. Die Bluttat ist verewigt, da es zu den Gepflogenheiten des Hausherrn Oscar Burolo gehörte, sein Leben auf Video aufzuzeichnen – jetzt dokumentiert die Anlage seinen Tod. Als Aurelio Zen mit den Ermittlungen in Sardinien beginnt, findet er sich in einer brutalen, abweisenden Welt wieder.
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(c) Unionsverlag

  • Percival Everett- Gods‘ Country (April 2016 – Unionsverlag – 978-3293207332)
  • Inhalt : Jock Marder, Spieler, Trinker, Betrüger und Möchtegern-Frauenheld, will seine Frau zurück und den Tod seines Hundes rächen. Dafür braucht er die Hilfe des Fährtenlesers Bubba. Marders Problem: Bubba ist schwarz. Das passt ihm gar nicht, aber er hat keine andere Wahl. So beginnt ein Westernabenteuer quer durch den amerikanischen Süden des 19. Jahrhunderts. Everett verwickelt das ungleiche Paar in einen Reigen skurriler Szenen, in denen sich Satire und Tragik meisterhaft ergänzen. Als einzige Lichtgestalt erscheint Bubba, der gesellschaftlich Geächtete – ein Held, der in der gesetzlosen Gesellschaft kein Held ist, weil er qua Hautfarbe keiner sein kann.
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  • Michael Dibdin – Entführung auf italienisch (April 2016 – Unionsverlag – 978-3293207301)
  • Inhalt : Polizeikommissar Aurelio Zen geht keinem Konflikt aus dem Weg. Das macht ihm nicht nur Freunde, und sein Spezialauftrag in Perugia entpuppt sich prompt als eine Art Strafversetzung: Bei der Entführung von Ruggero Miletti, dem Haupt einer der mächtigsten Familien Italiens, kann es eigentlich nur Verlierer geben. Alles scheint sich gegen den Neuankömmling aus Rom verschworen zu haben. Doch im Kampf gegen Korruption und Mafia entwickelt Aurelio Zen seine wahren Qualitäten.
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(c) Unionsverlag

  • Michael Dibdin – Così fan tutti (April 2016 – Unionsverlag – 978-3293207325)
  • Inhalt : Polizeikommissar Aurelio Zen lebt im Chaos: Man hat ihn nach Neapel strafversetzt, seine Frau will sich scheiden lassen, und seine Geliebte erwartet ein Kind von ihm. Zu allem Überfluss findet in der Stadt am Vesuv gerade eine politische Säuberungsaktion statt. Zunächst verschwinden dubiose Geschäftsmänner, korrupte Politiker und stadtbekannte Mafiosi spurlos. Und als der Kommissar sich auf die Suche nach den Drahtziehern begibt, gerät er selbst in höchste Lebensgefahr.
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(c) Unionsverlag

Der Geige des Engels entkommt keiner

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(c) Unionsverlag

2010 wenige Monate vor der Buchmesse erschienen – dessen Gastland passenderweise auch Argentinien war – durfte ich damals Argemís „Und der Engel spielt dein Lied“ für die Krimi-Couch rezensieren. Auch wenn der Unionsverlag ohnehin für gute Spannungsliteratur steht (auch dank Thomas Wörtches Engagement), ist mir dieser Titel doch nachhaltig in Erinnerung geblieben. Ein Roman, wie mit der Sense gestutzt und geschrieben. Knapp, knackig, eindrucksvoll – und gerade deswegen unbedingt wert nochmal ins Scheinwerferlicht gerückt zu werden.

„Argentinien im Jahr 1978. Während sich das gesamte Land für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft um eine positive Außenwirkung bemüht, bekommt der junge Ganove El Negro von seinem Boss, dem Mafiosi Polaco, einen heiklen Auftrag erteilt. Er soll gemeinsam mit vier anderen Fahrern eine große Ladung Drogen über die chilenische Grenze schaffen. Eigentlich eine leichte Aufgabe, zumal das Transportunternehmen von den Führern der Militärjunta gedeckt wird. Doch El Negro ist vom Pech verfolgt. Als die Fahrer in eine mobile Straßenkontrolle der Polizei geraten, schlägt bei einem der Autos ein Drogenhund an. Ehe Negro überhaupt reagieren kann, sind zwei der Fahrer dem konzentrierten Kugelhagel mehrerer Maschinengewehre zum Opfer gefallen. Ein Debakel. Negro kann fliehen und kommt bei der wunderschönen Irma unter. Eine Femme Fatale, mit der ihn bald eine heiße Affäre verbindet. Bis zu dem Tag, an dem er verraten wird und für acht Jahre ins Gefängnis wandert.

Als er herauskommt, hat sich nicht nur Argentinien verändert. Aus dem jungen Kriminellen ist ein Mann geworden. Ein Mann, der sich nach Rache und nach der Liebe von Irma sehnt. Zu spät erkennt er, dass es sich bei der Frau um die Geliebte des Polaco handelt. Im Büro des alternden Mafiosi trifft man sich wieder … zur endgültigen Abrechnung.

Und der Engel spielt dein Lied“ (2006 im Original veröffentlicht) ist nach „Chamäleon Cacho“, schon bereits der zweite im Unionsverlag erschienene Kriminalroman des in Barcelona lebenden argentinischen Schriftstellers Argemí, welcher zur Zeit der Militärdiktatur Jorge Rafael Videlas aktiver Mitstreiter der bewaffneten Guerilla war, im Jahre 1974 ins Gefängnis kam und erst nach der Einführung der Demokratie vier Jahre später frei gelassen wurde. Seine Zeit hinter Gittern hat er in seinen Werken verarbeitet, wobei er allerdings der Versuchung widersteht, die Taten beider Seiten in irgendeiner Art und Weise zu rechtfertigen oder moralisch zu legitimieren. Stattdessen streift er die politischen Themen nur skizzenhaft, während sich die eigentliche Handlung immer wieder um die sich gegenüber sitzenden Gangster El Negro und Polaco dreht. Diese Szene bildet den Kernpunkt des Romans, wird stets aufs Neue von Rückblenden unterbrochen, welche sich wiederum in verschiedenen Zeitebenen zutragen und Einblicke in die schmutzigen Geschäfte geben, die El Negro für seinen Boss erledigen musste.

Dieser Plotaufbau mit den Wechseln der Perspektive ist nicht nur äußerst geschickt und raffiniert, er macht „Und der Engel spielt dein Lied“ auch zu einem Buch mit enormer Sogkraft. Wie schon Landsmann Guillermo Orsi, der seinen Kriminalroman „Im Morgengrauen“ in einem Westernähnlichen Finale schließen ließ, so versprüht auch Argemís Werk dieses Flair von Highnoon. Stetige Anspannung liegt in der Luft. Man spürt förmlich, dass es irgendwann zum Ausbruch von Gewalt kommen muss. Getragen wird das Ganze von der Sprache des Romans, die in einem kurzen, lakonischen und sehr düsteren Ton gehalten ist und die die unterschwellige Hoffnungslosigkeit, welche man als Leser in allen beteiligten Figuren spürt, noch verstärkt. Wenn sich El Negro und Polaco über den Schreibtisch hinweg taxieren, wirkt es, als würde man über Pistolenläufe blicken. Knappe, schnelle Schnitte vermitteln eine durchaus vorhandene Dramatik, die aber versteckt im Untergrund brodelt und sich im erst im überraschenden Ende entlädt.

Und der Engel spielt dein Lied“ ist ein sprachlicher und formaler Hochgenuss. Wie Argemí hier mit den Blickwinkeln arbeitet, die Handlung trotz ihrer Kürze Haken wie ein Hase schlagen lässt, das verdient höchste Beachtung. Bemerkenswert auch die Wahl seiner Figuren, welche allesamt dem kriminellen Milieu entstammen und dennoch nicht nur schwarz und weiß gezeichnet sind. Stattdessen zeigt er die Verflechtungen von militärischen und konventionellen Verbrechern, die zu Zeit der Diktatur Hand in Hand gearbeitet und sich beide in der Ausübung ihres Terrors nicht zurückgehalten haben. Ohne den Erzählfluss zu stören oder dies zum zentralen Thema zu machen, deutet Argemí die natürliche Symbiose von Diktatur und Verbrechertum an. Zwei Elemente, welche einander brauchen und dafür auch gemeinsam gegen Oppositionelle vorgehen. El Negro ist dabei unpolitisch geblieben, wenngleich sogar er den Widerspruch erkennt (Der deutsche Leser fühlt sich eventuell ein wenig an die Olympischen Spiele von 1936 erinnert): Einerseits ein Argentinien, das Heimat für viele Vertriebene (Ein Großteil der argentinischen Bevölkerung hat seine Wurzeln in Europa. Besonders in Italien, Deutschland oder Spanien. Oder wie in Polacos Fall in Polen) bietet und sich zur WM weltoffen zeigt. Und anderseits ein Argentinien, das jeglichen Aufstand im Keim ersticken will und gegenüber Gegnern des Systems keine Gnade zeigt. Dieser Gegensatz spiegelt sich untergründig und subtil erzählt im Handeln der beteiligten Figuren wieder.

Trotz seiner Kürze und dem ruhigen, unspektakulären Ton ist „Und der Engel spielt dein Lied“ ein äußerst eindringlicher, fesselnder und hervorragend übersetzter (!) Kriminalroman, der mit Passagen wie dieser nachhaltig in Erinnerung bleibt:

(…) „Was willst du machen, Kleiner, das Leben ist wie ein Tango, so ist das nun mal. Wenn du auf die Welt kommst, greift ein Engel nach der Geige und spielt eine Melodie, nach der du dein Leben lang tanzen wirst. Immer dasselbe Lied. Bei deinen Geschäften, bei deinen Freunden, bei allem. Und wenn du als Mann geboren wurdest, hast du es verschissen, denn mit den Frauen tanzt du auch immer nach demselben Lied. Der Geige des Engels entkommt keiner.“ (…).“

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Raúl Argemí

  • Titel: Und der Engel spielt dein Lied
  • Originaltitel: Siempre la misma música
  • Übersetzer: Susanna Mende
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 7/2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 192
  • ISBN: 978-3-2930-0418-4