That’s the story of the Hurricane…

© Rowohlt

„Ich kenne keinen Schriftsteller, der nicht glaubt, dass er ein Boxer ist.“

Bei dieser auf den eitlen Norman Mailer gemünzten Aussage Nelson Algrens mag er auch ein bisschen an sich selbst gedacht haben, war doch der in Chicago aufgewachsene Autor Zeit seines Lebens ein fanatischer Fan dieser rauen Sportart. Die Innenseite seines rechten Oberarms zierten als Tätowierung ein paar Boxhandschuhe. Sein Lieblingsschauspieler war Charles Bronson, nicht zuletzt weil er kein Antlitz hatte, sondern ein Gesicht. Und zwar das eines Boxers. Selbst im Arbeitszimmer seiner Wohnung in Hackensack, New Jersey, hing neben dem Porträt Dostojewskis ein Foto von Rubin „Hurricane“ Carter. Man kann daher schon von einer gewissen Zwangsläufigkeit sprechen, sieht man sich die Entstehungsgeschichte seines biographischen Romans „Calhoun“ etwas näher an.

1983, zwei Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht, erzählt Nelson Algren in „Calhoun“ die Geschichte des berühmten Boxers Rubin Carter, genannt „Hurricane“, der 1966 wegen Mordes inhaftiert und erst 1985 nach mehrfacher Wiederaufnahme des Verfahrens freigelassen wurde. Ein Fall, der nicht nur aufgrund von Bob Dylans Song und der Verfilmung mit Denzel Washington als Carter bis heute noch in den Köpfen der Boxfreunde präsent ist, sondern auch für viele Jahre die Debatte um den Rassismus in der US-amerikanischen Justiz stark befeuert hat. Algren greift diese Thematik in seinem Roman auf, verflechtet das Boxmilieu mit der etwas anderen Arena Gerichtssaal und zeichnet ein düsteres Bild vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das bis heute wohl nicht allzu viel an Aktualität verloren hat. Umso interessanter, dass Algren ursprünglich gar keinen Roman im Sinn hatte. Als Carter und sein Freund John Artis, beide Afroamerikaner, in New Jersey des Mordes an drei Weißen für schuldig befunden und für dreimal lebenslänglich ins Gefängnis geschickt wurden, war der Autor als Reporter des „Esquire Magazine“ lediglich damit beauftragt, einen Artikel mit Interview zu machen. Doch es sollte anders kommen.

Algren, der den Schuldspruch aufgrund fragwürdiger Zeugenaussagen zweier Kriminelle vor einer durchweg weißen Jury von Beginn an für einen Skandal hielt, rechnete zumindest zu Beginn im Falle eines Wiederaufnahmeverfahrens mit einem Freispruch. Erst als dieser ausblieb bzw. das erste Urteil bestätigt wurde, sah sich Algren in der Pflicht, auf diesen Justizirrtum und vor allem die Logik dieses Irrtums aufmerksam zu machen. Da man dies den Lesern des „Esquire Magazine“, welche kaum den Bürgerrechtlern angehörten, nicht zumuten konnte, schrieb er die ursprüngliche Story um. Aus einem einfachen Artikel wurde ein dokumentarischer Prozessbericht und schließlich, mangels Interesse anderer Zeitungen, ein Roman, den der Autor, der vorerst weiter am Tatort (eine kleine Stadt namens Paterson) blieb und sogar nach New Jersey zog, stetig mit Informationen aus weiteren Recherchen anreicherte. Für Algren war „Calhoun“ dabei die ganze Zeit mehr als nur die Geschichte eines Boxers – es war seine letzte Abrechnung mit einem Amerika, eine Anklage gegen die andauernde rassistische Gewalttätigkeit weißer Geschworenengerichte und deren stille Billigung durch eine große Bandbreite der Bevölkerung.

Wie schon in seinem bekanntesten Roman „Der Mann mit dem goldenen Arm“, so singt auch hier „die Blechpfeife der amerikanischen Literatur“ (Algren über sich selbst) noch ein letztes Mal das Hohelied auf den Scheiternden, den Einzelgänger in den Höllen der so genannten „Freiheit.“ Aus heutiger Sicht liest sich dies immer noch kraftvoll, allerdings auch mit viel Bitternis und Pathos durchsetzt, denn Algren, der stets den Verlierer der Gesellschaft überzeugend spielte, aber nie wirklich verkörperte, bezieht in einigen Passagen zu eindeutig Position, was der Dramatik der Geschichte zwar entgegen kommt, dem ein oder anderen Justizbeamten im Nachhinein jedoch vielleicht nicht ganz gerecht wird. Dem eindringlichen Charakter von „Calhoun“ tut dies jedoch keinerlei Abbruch. Lange vor einem Scott Turow oder John Grisham wird hier die Widersprüchlichkeit des amerikanischen Justizsystems genauso in seine Einzelteile zerlegt, wie die verhängnisvolle Einflussnahme der wohlmeinenden Prominenz (u.a. Bob Dylan) auf Carters Wiederaufnahmeverfahren.

Um es in der Boxsprache zusammenzufassen: „Calhoun“ geht über die volle Distanz von 12 Runden und leistet uns, den Lesern, einen harten Kampf, da Algren immer wieder zwischen den Zeiten springt und auch die vielen Spitznamen der kriminellen Unterwelt New Jerseys oftmals zur Verwirrung beitragen.

Calhoun“ ist eine eindringliche, rasiermesserscharfe Wiedergabe über die Umstände des Falls Rubin „Hurricane“ Carter, an der man sich immer wieder schneiden und reiben kann. Eine eckige, kantige, nicht immer leichte Lektüre, wie sie typisch für Algren war. Ob man das mag oder nicht – Geschmackssache. In seine Fußstapfen ist bis heute jedenfalls nicht wirklich nochmal jemand getreten. Das dürfte dem „Verlierer“ Algren aber gefallen haben, der einer angehenden Schriftstellerin, welche auf der Schwelle zu einer literarischen Karriere stand, per Brief einmal folgenden Rat mitgab:

„Geh zwei Schritte zurück, Baby. Lauf davon, lauf, so schnell du kannst. Das ist keine Schwelle – das ist ein Abgrund.“

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Nelson Algren
  • Titel: Calhoun – Roman eines Verbrechens
  • OriginaltitelThe Devil’s Stocking
  • Übersetzer: Carl Weissner
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 1/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 305 Seiten
  • ISBN: 978-3499136825
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Non, je ne regrette rien

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© Edition Nautilus

Anarchismus – eine politische Ideenlehre und Philosophie, mit der ich mich, trotz großem Interesse an der europäischen Geschichte, lange Zeit nie näher beschäftigt habe. Geändert hat sich diese Einstellung erst vor kurzem durch die Lektüre von Patrick Pécherots „Nebel am Montmartre“ und Anthony Burgess‘ Klassiker „Clockwork Orange“ – zwei Bücher, welche das Streben nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft zwar auf unterschiedliche Art und Weise darstellen, gerade aber auch deswegen die Neugier an der Thematik entfachen. Durch ersteres, beim Verlag Edition Nautilus gemeinsam mit den beiden Fortsetzungen („Belleville Barcelona“ und „Boulevard der Irren“) erschienen, richtete sich schließlich auch mein Augenmerk auf Pino Cacuccis „Besser auf das Herz zielen“.

Eine Quasi-Biographie über den berühmt-berüchtigten Anarchisten Jules Bonnot, der für den ersten motorisierten Raubüberfall der Geschichte verantwortlich zeichnet und sich zuvor gar eine Zeitlang seinen Unterhalt als Fahrer von Sir Arthur Conan Doyle verdiente. Ich gebe zu: Dieser letzte Punkt war für einen Holmes-Fan wie mich bei der letztlich getroffenen Kaufentscheidung nicht ganz unerheblich. Doch warum sonst sollte Cacuccis Werk unbedingt in das Bücherregal wandern?

Zuallererst sollte man sich in jedem Fall von dem (auch von mir anfangs gehegten) Gedanken verabschieden, es hier mit einem reinen True-Crime-Titel zu tun zu haben. Wenngleich sich Cacucci eng an den wesentlichen Fakten aus dem Leben des meist gesuchtesten französischen Verbrechers des beginnenden 20. Jahrhunderts orientiert und in vielen Belangen äußerst akribisch und genau recherchiert hat – wirklich leben tut der Roman vor allem von den nicht belegten und nachträglich hinzugefügten Ausschmückungen. Denn: So spannend, aufregend und tragisch Bonnots kurzes und ereignisreiches Leben war, so wenig vermag Cacucci es zu gelingen, diese Elemente auf Papier zu übertragen. Besonders hinsichtlich der begangenen Verbrechen lässt der Autor doch einiges an Potenzial ungenutzt und konzentriert sich auf klar gefasste historische Wiedergabe, um wiederum an anderer Stelle Dinge im Detail zu beschreiben, die weder für die Handlung noch für Bonnots weiteren Werdegang von grundlegender Bedeutung sind. Auch in Punkto Figurenzeichnung lässt Cacucci viel fruchtbares Land brach. Neben Jules Bonnot, dessen nachvollziehbaren Fall durch die breiten und tiefen Gitter der Gesellschaft er eindringlich schildert, führen die anderen Charaktere ein klares Statistendasein. Gerade Viktor Kibaltschitsch (frz. Victor Serge) kommt bei Cacuccis Ausflügen in die Pariser Anarchistenszene kurz nach der Jahrhundertwende viel zu kurz.

Man muss aber auch deutlich betonen: Die geübte Kritik vollzieht sich auf hohem Niveau und kann sich zudem aufgrund fehlender Kenntnis des Originals nicht allein auf Cacucci einschießen. Inwieweit dessen Schwächen als Romancier oder der Übersetzer Andreas Löhrer „Schuld“ an der doch sehr boulevardhaften Erzählweise haben, ist somit schwer zu sagen. Wie bereits von anderen Rezensenten zurecht betont, steht der Stil jedenfalls einem größeren Lesevergnügen im Wege. Selbiges gilt für die vielen Schauplatzwechsel, welche immer genau dann gesetzt worden sind, wenn die Handlung gerade dabei ist so etwas wie Spannung zu entwickeln. Was bleibt ist schließlich die Faszination an dem Mensch Jules Bonnot, dem das Leben immer wieder Knüppel zwischen die Beine wirft und der erst nach und nach den Weg in die verbrecherische Unterwelt eintritt. Oftmals geradezu dorthin getrieben von den Institutionen, die später anklagend mit dem Finger auf ihn zeigen und sich die Wurzeln des Anarchismus partout nicht erklären können – oder wollen. Bonnots Fall ist so tragisch wie zwangsläufig und nicht selten ohne eine gewisse Portion bitterer Ironie. Bei all den Mitteln des Staates, bei all der Gewalt durch die Obrigkeit und die Herrschenden – wie ist es da möglich, keine Wut zu empfinden?

Während gemäßigte Anarchisten wie Viktor Kibaltschitsch das geschriebene Wort im Kampf gebrauchen, nutzt Bonnot die politische Bewegung für eine persönliche Abrechnung mit dem System, welches ihm von Geburt an jede Möglichkeit von Glück bis zuletzt verwehrt hat. Am Schluss ist dies natürlich keine Rechtfertigung für die von ihm (»Ich bereue nichts. Manches bedaure ich, aber ich bin ohne einen Funken Reue.«) und seiner Bande begangenen Morde – dennoch fällt es schwer, Gefallen am dramatischen und kugelreichen Ende Bonnots zu finden, der selbst in den letzten Minuten seines Lebens Mensch geblieben zu sein schien, als er in einem schnell verfassten Testament mehrere (wohl zu Unrecht verurteilte) Personen von jeglicher Mittäterschaft freisprach.

Besser auf das Herz zielen“ ist somit mehr als nur ein biographischer Roman und das Portrait eines einzigen Mannes. Es ist die treffliche Wiedergabe eines gesellschaftlichen Teufelskreises, welche exemplarisch für viele andere Leben aus der französischen Arbeiterklasse der damaligen Zeit steht und die gleichzeitig den schmalen Grat zwischen politischen Widerstand und krimineller Gewalt deutlich macht. Und ein Blick in die Zeitung dürfte uns in Erinnerung rufen, wie aktuell diese Thematik der Polizeigewalt, Zielfahndungen und rechtswidriger Überwachungen auch heute noch ist.

Trotz einiger Schwächen – eine echte Empfehlung für Freunde von Gangster-Geschichten und „Noir“-Liebhaber, die im Hinblick auf den Realismus ihrer Romane höhere Ansprüche stellen.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Pino Cacucci
  • Titel: Besser auf das Herz zielen
  • Originaltitel: In ogni caso nessun rimorso
  • Übersetzer: Andreas Löhrer
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3894017224

By any means necessary

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(c) Hannibal

„Don’t judge a book by it’s cover“ – Diese, inzwischen auch bei vielen deutschen Lesern, sehr geläufige englische Redewendung, besitzt natürlich durchaus eine gewisse Weisheit, wird von mir jedoch allenthalben immer wieder ausgehebelt bzw. ignoriert, wenn eine von Nebel überzogene Gaslichtlaterne, ein chromverzierter Oldtimer oder ein Mann mit Schlapphut und Mantel den Buchdeckel eines potentiell interessanten Buches ziert. Und da ist es oftmals dann tatsächlich gleich, ob es sich dabei um einen Kriminalroman oder einen Titel aus dem Bereich der Belletristik handelt.

Die Musik, die Literatur, die Filme, das gesellschaftliche Leben – irgendwie habe ich einen Narren an den Jahren zwischen den 20ern bis 60ern gefressen, liebe die „Noir“-Filme aus dieser Zeit genauso, wie ich mich an Wallace‘ „Hexer“ oder Rutherfurds „Marple“-Verkörperungen freuen kann. Ob die von Schatten durchsetzten Straßen Chicagos, wo Gangster, Femme Fatales und Private-Eyes ihre doppelten Spiele treiben oder das einsame Cottage in den englischen Cotswolds, in dem der kultivierte Meisterdetektiv vor allen Verdächtigen die Auflösung vollzieht – es ist wohl der Look, der mich all diese Geschichten so lieben lässt. Und dies ist auch der Grund, warum Paul Liebermans Sachbuch „Gangster Squad“ in mein Regal wandern musste, in dem der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Journalist die wahre Geschichte einer geheimen Polizeieinheit des LAPD dokumentiert, der jedes Mittel recht war, um Mickey Cohen und andere Mafiosi aus dem Los Angeles der Nachkriegsjahre zu vertreiben.

Der Hannibal-Verlag, bei dem „Gangster Squad“2013  auf Deutsch erschienen (und mittlerweile schon wieder vergriffen) ist, lässt schon bei der Aufmachung nichts unversucht, um die Tatsache zu unterstreichen, dass es sich bei Liebermans Werk um die Vorlage zum gleichnamigen Film handelt, in dem u.a. so gefragte Schauspielgrößen wie Sean Penn, Josh Brolin, Ryan Gosling und Nick Nolte ihr Stelldichein geben. „Das Buch zum Kinofilm“ prangt auf dem Titelbild. Eine Aussage, welche zwar nicht falsch ist, beim etwaigen Leser aber zumindest andere Erwartungen wecken dürfte, hat doch Liebermans akribische Recherche über die „Gangster Squad“ nur wenig mit dem Hollywood-Action-Feuerwerk auf der Leinwand gemeinsam. Bis auf eine Tatsache: Sowohl Buch auch als Film, schüren Hoffnungen, die letztlich nicht erfüllt werden können, was bei beiden allerdings nicht an der Thematik, sondern an der schlussendlichen Umsetzung liegt, wodurch weder die Warner Brothers Produktion ein richtiger „Blockbuster“ war, noch man im Zusammenhang mit Liebermans Tatsachenbericht solche Worte wie „rasant“, „packend“ oder gar „spannend“ in den Mund nehmen kann.

Bevor nun die wohlwollenden Kritiker über mich herfallen und argumentieren, dass man von „True Crime“ nicht die Suspense eines Kriminalromans erwarten darf, sei ihnen vorab gesagt: Hinsichtlich dessen hatte ich, auch nach den Erfahrungen mit Werken wie David Simons „Homicide“, tatsächlich keinerlei große Ansprüche gestellt, da oftmals allein die Menge an Informationen und ihre Aufarbeitung das Zustandekommen eines zusätzlichen Spannungsbogens zu einer Herkulesaufgabe macht. Nein, der Punkt der bitter aufstößt ist schlichtweg die stilistische Umsetzung, die literarische Auswertung dieses riesigen Berges von Interviews, die Lieberman mit den Polizisten selbst sowie mit Familienmitgliedern und Bekannten der von den Cops verfolgten Mafiosi und Ganoven geführt hat. Fast scheint es so, als wäre da alles eins zu eins von den Notizen ins endgültige Skript übertragen worden, hätte es an keiner Stelle so etwas wie eine Auslese gegeben bzw. ein Lektor mal Einhalt geboten. Selbst das kleinste, für Leser wie auch Thema unwichtige Detail, wird hier nicht außen vor gelassen, was im Zusammenspiel mit der fehlenden Kontinuität und Kohärenz zwischen den einzelnen Kapiteln dafür sorgt, dass man „Gangster Squad“ oft nur äußerst schwer und dann auch nicht selten unwillig folgen kann.

In vielen Passagen liest sich das Buch dann auch mehr wie eine Anthologie aus kleineren Anekdoten, deren chronologische Anordnung zugleich der Willkürlichkeit preisgegeben ist, weshalb nicht immer klar wird, in welchem Zeitraum sich das nun gerade Beschriebene zugetragen hat. Im Mittelpunkt stehen dabei, neben Gangster Mickey Cohen, vor allem die Seregeants John O’Mara und Jerry Wooters, sowie die Mitglieder des Whalen-Clans, deren Werdegang besonders am Anfang von Liebermans Ausführungen der Bezug zur Unterwelt L.A.s etwas fehlt, was sich dann erst mit der schicksalsträchtigen Nacht im Dezember 1959 ändert. Die tödliche Auseinandersetzung zwischen Jack Whalen und Mickey Cohen im Rondelli’s zählt nicht nur zu den kurzweiligeren Geschichten des Buches, sondern darf rückblickend auch als Ende einer blutigen Ära verstanden werden, in der lange Jahre noch das Recht des Stärkeren galt.

Es sind gerade solche Passagen, die andeuten wie viel besser das Werk mit einem anderen Autor hätte werden können, da sich gerade das Los Angeles des frühen 20. Jahrhunderts einem Wandel unterworfen sah, der die Stadt der Engel bis heute prägt. Von einer Metropole der Zuwanderer und Glücksritter zum Mekka des Entertainments, das bereits während des Zweiten Weltkriegs einen Bevölkerungszuwachs erfuhr, an dem nicht nur der legale Industriesektor mitverdiente, sondern eben auch Gangster wie Bugsy Siegel und Mickey Cohen. In einer Stadt, dessen Polizei in Aufbau und Personenstärke noch in den Kinderfüßen steckte, bauten sie sich vor allem im Sektor des Glücksspiels schnell ein Imperium auf, das ihren östlichen Gegenspielern in Chicago und New York in Nichts nachstand. Die Gründung der Gangster Squad ist als Antwort darauf zu verstehen und damit auch von essenzieller Bedeutung für das Bild des L.A.s der Jetztzeit, weswegen der Informationsaspekt des Buches, trotz stilistischer Schlaglöcher, ebenfalls – und trotz oftmals unnötigem Ballast auch in positiver Hinsicht – Erwähnung finden muss.

Gerade diejenigen Leser, die sich für professionelle Polizeiarbeit interessieren, dürften an diesem Buch deshalb ihre Freude haben, da gerade die Gangster Squad wesentlich zur Modernisierung veralteter Ermittlungsmethoden beigetragen hat. Anfangs gänzlich auf sich allein gestellt und schlecht ausgestattet, konnten Jack O’Mara und seine Kollegen schon recht bald auf ein beachtliches Arsenal zurückgreifen, das sie zudem nach eigenem Gutdünken einsetzen durften. Angeführt vom brillanten Con Keeler, leistete die Squad insbesondere in der elektronischen Überwachung und dem Einsatz von Wanzen grundlegende Pionierarbeit, was selbst vom mächtigen FBI unter Hoover neidvoll verfolgt wurde. In einer Zeit, wo diese Bundesbehörde noch die Existenz einer organisierten Mafia in den USA verleugnete, führten O’Mara, Wooters und seine Kollegen eventuelle Verdächtige in die Berge Hollywoods, um, notfalls auch mit Fäusten, Informationen über die Verflechtungen zwischen den Gangstern zu gewinnen und der eingeschüchterten Quelle dann einen Rückzug aus L.A. nahezulegen. Es ist diese Tätigkeit am Rande des Gesetzes, aus der auch „Gangster Squad“ am Ende seinen Reiz bezieht, wenngleich man das Gefühl nicht los wird, das ein Schriftsteller vom Kaliber eines James Ellroy aus all den Elementen wohl noch weit Besseres zustande gebracht hätte.

Insgesamt ist Paul Liebermans „Gangster Squad“ dennoch ein unheimlich informatives und sicher auch wichtiges Buch für Freunde des „True-Crime“-Genres, denen der umfassend recherchierte Inhalt vor der kurzweiligen Unterhaltung geht.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Paul Lieberman
  • Titel: Heimlich
  • Originaltitel: Gangster Squad
  • Übersetzer: Alan Tepper
  • Verlag: Hannibal
  • Erschienen: 01.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3854454052

„Es gibt ihn, den perfekten Mord.“

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(c) Kunstmann

Als großer Fan von „The Wire“ und den Werken von Richard Price war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis David Simons „Homicide“ auf meinem Nachttisch landen würde, dessen True-Crime-Werk in gewissem Sinne die Blaupause für obige Serie (und die gleichnamige TV-Verfilmung „Homicide“) darstellt. Nun habe ich es bereits zum zweiten Mal gelesen. Warum? Tja, vor allem deshalb weil es mir nach der ersten Lektüre unheimlich schwer fiel, meine Gedanken in Worte zu fassen und „auf Papier zu bringen“, was auch daran lag, dass ich zum damaligen Zeitpunkt immer nur sporadisch einige Seiten verschlingen konnte und dementsprechend ziemlich lange für das Buch brauchte. Diesmal nahm ich mir die Zeit und kann nur konstatieren – richtige Entscheidung. Meine Eindrücke zu „Homicide“ nun hier:

„In den letzten fünfzehn Jahren hat sich unsere Arbeit in mancher Hinsicht verändert. Der sogenannte CSI-Effekt, also die Auswirkung der Darstellung der Ermittlungsarbeit in Krimis und Serien auf das öffentliche Bild von der Polizeiarbeit, hat die Erwartungen von Geschworenen und Richtern in unzumutbare Höhen getrieben und ist überall zum Fluch der Staatsanwälte geworden. Die Einschüchterung von Zeugen hat zugenommen, und die Kooperationsbereitschaft der Bürger ist zurückgegangen, was nicht überrascht. Gangs haben Baltimore für sich entdeckt. Das Drogenproblem ist keineswegs geringer geworden. Es gibt weniger Dunker (der einfache, offensichtliche und schnell zu lösende Mordfall) und mehr Whodunits (das genaue Gegenteil davon). (…) Doch unterm Strich sind solche Veränderungen von geringer Bedeutung, und die Arbeit eines Detectives ist im Großen und Ganzen immer noch genau so, wie David Simon sie geschildert hat. Sie ist bestimmt von Tatorten, Befragungen und Verhören vor dem Hintergrund menschlicher Schwächen. Und so wird es immer sein.“

So die das Buch abschließenden Worte von Terrence „Terry“ McLarney, Lieutenant des Baltimorer Morddezernats, nur einem der vielen Protagonisten in David Simons True-Crime-Werk „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“, dessen Veröffentlichung in Deutschland fast genau zwei Jahrzehnte (und meiner Ansicht nach damit viel zu lange!) auf sich warten ließ. Eins davon hat inzwischen auch McLarneys Schlusswort auf dem Buckel und dennoch sei es dieser Besprechung vorangestellt, fasst es doch die Entwicklung der Ostküsten-Metropole nicht nur treffend zusammen, sondern auch den „ewigen Kreislauf der Scheiße“ (Richard Price, „Clockers“), in dem sich zwar die beruflichen Begleitumstände und Bedingungen im Wandel der Zeit geändert haben, die Arbeit für den Mordermittler aber immer noch dieselbe geblieben ist. Und sie ist es, welche Simon – aus dessen Buch nicht nur die gleichnamige Serie „Homicide“ (1993-1999) entstand, sondern der auch verantwortlich für die Realisierung solcher TV-Schwergewichte wie „The Wire“ oder „Treme“ zeichnet – in seiner literarischen Reportage in den Vordergrund stellen wollte.

Im Jahr 1988 begann Simon mit seinem Projekt. Von Januar bis Dezember schloss er sich – sonst Reporter bei der „Baltimore Sun“ – den Polizisten der Mordkommission (Homicide) aus Baltimore unter der Leitung von Detective Lieutenant Gary D’Addario an, begleitete sie bei ihren Einsätzen und Ermittlungen, lauschte an der Tür zum Verhörraum, notierte ihre Gespräche, trank mit ihnen und nahm gar an einer Autopsie mit anschließendem Mittagessen teil – wurde damit also zu einem „Embedded Journalist“, wie man ihn sonst eher aus Kriegsgebieten kennt. Das war Baltimore zu diesem Zeitpunkt zwar nicht – sechs Jahre früher hielt der so genannte „Barksdale Krieg“ (thematisch aufgegriffen in „The Wire“) die Stadt in Atem – die Mordrate inzwischen aber weiterhin kontinuierlich gestiegen und am 31. Dezember 1988 sollte die weiße Tafel im Versammlungsraum der Homicide Section 234 Morde verzeichnen. (Nur zum Vergleich: 2015 wurden 344 gezählt. Und das obwohl die Bevölkerung seit den frühen 90er Jahren über 100.000 Einwohner verloren hat) Schon diese Zahl verdeutlicht, was der Job eines Detectives in erster Linie ist – tagtägliche Fließbandarbeit, die wenig bis nichts mit dem Bild der Polizei gemein hat, was viele TV-Krimiserien und Filme uns in der Regel verkaufen wollen. Ein unrealistisches Bild, das, so lernen wir hier, inzwischen auch das amerikanische Justizsystem bedroht, da es dadurch immer schwieriger wird, Geschworene zu bekommen, die für ihre Aufgabe tatsächlich geeignet sind bzw. verstehen, dass es eben nicht möglich ist, jeden vor Gericht gebrachten Fall mittels DNA-Analyse, Fingerabdrücken, Mordwaffe, Motiv und Zeugen abzusichern.

Nicht selten scheitern genau deshalb Anklagen, was umso härter trifft, als der Leser über 800 Seiten erfahren muss, mit welcher Härte und Hingabe die Ermittler ihre Aufgabe nachgehen, wohl wissend, dass die Mühe durchaus umsonst sein kann. Die Realität – sie ist hart, sie ist ernüchternd und sie ist weit schmerzhafter als es jegliche Fiktion sein könnte. Und sie verändert diejenigen, welche sich jeden Tag damit konfrontiert sehen. Ein guter Detective – das wird man nicht innerhalb kurzer Zeit und schon gar nicht hinter dem Schreibtisch. Das muss in „Homicide“ vor allem Tom Pellegrini erfahren, der gleich zu Beginn seiner Karriere bei der Mordkommission mit einem so genannten „Red-Ball“ konfrontiert wird – einem Tötungsdelikt, dem höchste Aufmerksamkeit gilt. In diesem Fall ist dies Latonya Wallace. Ein elfjähriges Mädchen, auf dem Weg von der Bibliothek nach Hause brutal umgebracht und in einem schäbigen Hinterhof im Stadtteil Reservoir Hill abgelegt. Selbst für die abgebrühten und abgestumpften Ermittler ist dies ein Mord, der längst verloren geglaubte Gefühle weckt. Und für David Simon auch das perfekte Beispiel anhand dem er das Auf und Ab dieses Berufs, das Arbeitspensum, die Gleichgültigkeit der Zeugen und in vielen Phasen auch die Hilflosigkeit des Justizsystems dokumentiert.

Während andere Ermittler, wie der alte Donald „Big Man“ Worden sich mit einer Schusswaffenbeteiligung eines Polizisten herumschlagen müssen oder Rich Garvey mit einer unverschämten Glückssträhne zehn Fälle hintereinander löst, quält sich Pellegrini, anfangs noch von einer Vielzahl von Personal unterstützt, irgendwann komplett allein durch die Akten. Sichtet Beweise neu, untersucht den vermeintlichen Tatort und die Umgebung ein drittes und ein viertes Mal. Wartet auf Laborauswertungen. Und ruft immer wieder den „Fish Man“ aufs Revier – einen älteren Bewohner aus der Nachbarschaft, der bereits in den 50ern wegen eines Sexualdelikts angeklagt worden und bekannt dafür ist, einen Blick auf junge Mädchen zu werfen. Er ist Pellegrinis Hauptverdächtiger. Doch wie ihn überführen?

David Simons Reportage ist fernab von Glanz und Gloria und auch weit davon entfernt, ein Loblied auf den guten, aufrechten Cop zu singen. Stattdessen lässt er uns einen Blick auf eine Gruppe von unterschiedlichen Menschen und Charakteren werden, die verschiedene Talente aufweisen, mal mehr, mal weniger sympathisch daherkommen. Männer, unterbezahlt, überarbeitet und aufgrund vieler rassistischer und homophober Witze nicht immer wirklich gesellschaftsfähig. Und dennoch deshalb nicht gleich Rassisten oder Schwulenhasser. Es sind Männer, die vollkommen in ihrer Arbeit aufgehen, nur selten ein Ventil für ihren Frust finden, Lob nicht zu erwarten haben und denen in den meisten Fällen selbst von denjenigen, denen sie geholfen haben, Abneigung entgegengebracht wird. Das differenzierte Bild, welches wir dank Simon hier erkennen können, zeigt – vielleicht zum ersten Mal im Genre des „True Crime“ – unverwässert und ohne literarische Ausschmückung, was es heißt, Tag ein, Tag aus, der Arbeit als Detective nachzugehen. Es zeigt die gesundheitlichen und familiären Folgen. Es zeigt, dass Motive in einem Mord weit weniger wichtiger sind, als uns die Rätsel-Krimis weismachen wollen. Und es zeigt, dass Glück und Scheitern in diesem Beruf eng zusammenliegen.

Es gibt drei Säulen jeder Mordermittlung. Spuren. Zeugen. Geständnisse. Und es gibt die zehn goldenen Regeln eines Mordermittlers (in der aufwändig und schön gestalteten Kunstmann-Ausgabe auf dem Lesezeichen aufgedruckt), von denen die letzte vielleicht die wichtigste und am schwersten zu akzeptierende ist:

„Es gibt ihn, den perfekten Mord.“

Homicide“ – das ist vor allem ein unverdaulicher Brocken. Ein Buch, das sich dem „Page-Turning“ verweigert, das die Aufmerksamkeit des Lesers vollkommen beansprucht und auch dessen seelische Resistenz auf die Probe stellt. Die Nüchternheit, wenn auch immer gepaart mit einen schwarzen, beißenden Humor, sie bestimmt die Szenerie. An einem Spannungsbogen, an künstlerischer Dramatik – an all dem war David Simon nicht gelegen, wodurch die Lektüre Zeit und Geduld einfordert. Und auch das Verstehen, wie kostbar und – vor allem zum damaligen Zeitpunkt – einmalig die Einblick sind, die man uns hier gewährt, was wiederum insofern bemerkenswert ist, da sie nicht immer ein moralisch gutes Licht auf die Mordkommission von Baltimore werfen. Da werden Geständnisse ohne Beisein eines Anwalts ertrickst, Zeugen beeinflusst und – wenn ein gar Kollege zu Schaden kam – auch mal deutlichere Argumente verteilt, um einfach Dampf vom Kessel zu lassen oder jemanden zum Reden zu bringen. Wenngleich an dieser Stelle betont sei: So etwas passiert Simons Erfahrung nach tatsächlich höchst selten. Nicht aufgrund von Zimperlichkeit, sondern vor allem weil es sich bei den meisten Verdächtigen um Drogenhändler und unverbesserliche Kleinkriminelle handelt, für die kein Cop seine Karriere riskiert. „Irgendwann“, so die häufige Einstellung, „werden wir eh ein paar weiße Kreidestriche um deinen Arsch malen.“

Würde ich diesem nachhaltig beeindruckenden und prägenden Werk ein Attribut verleihen müssen, es wäre wohl Ehrlichkeit. David Simon ist der natürlichen Versuchung, sich in dem einen Jahr mit seinen neuen „Kollegen“ zu eng zu verbrüdern, nicht erlegen. Dennoch duldeten und akzeptierten sie ihn an seiner Seite, wohl wissend, dass dabei Dinge ans Licht kommen würden, die ihrer Behörde Schwierigkeiten bereiten konnten. Welche das im einzeln letztlich tatsächlich waren, erläutert Simon in seinem äußerst informativen Nachwort, das nicht nur die Parallelen zwischen dem Niedergang des Journalismus und an Funktion orientierter Polizeistrukturen herausarbeitet, sondern auch gleichzeitig schon eine kleine Brücke zu „The Corner“, Simons zweitem größerem „True-Crime“-Bericht schlägt, den er gemeinsam mit dem Ex-Detective Ed Burns (ehemaliger Partner des eigenwilligen Harry Edgerton, einem weiteren wichtigen Protagonisten von „Homicide“) schrieb und welcher sich auf den Drogenhandel und seine Auswirkungen an einer bestimmten Straßenecke konzentriert. Fans von „The Wire“ (übrigens die beste TV-Produktion, die ich jemals gesehen habe) vermuten richtig, wenn sie hier die Ursprünge der Serie vermuten.

Norman Mailer sagt über Homicide: „Das beste Buch, das je ein amerikanischer Autor über die Ermittler eines Morddezernats geschrieben hat.

Dem sei an dieser Stelle einfach mal nichts mehr hinzugefügt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: David Simon

  • Titel: Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen
  • Originaltitel: Homicide – A year on the killing streets
  • Übersetzer: Gabriele Gockel, Barbara Steckhan
  • Verlag: Kunstmann
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 829
  • ISBN: 978-3888977237