„Wie fügsam die Toten sind …“

© Arche

Es war für mich persönlich DIE Neuigkeit der diesjährigen Frankfurter Buchmesse: Sieben Jahre nach seinem Tod wird William Gay endlich wieder auf Deutsch veröffentlicht. Diesmal im Rahmen des neuen Taschenbuch-Programms vom Polar Verlag. Eine weise, hoffentlich vielfach von den Lesern gewürdigte Entscheidung, gilt für mich der in Tennessee geborene Autor doch zu den ganz großen Meistern des Southern Gothic – und damit auf eine Stufe mit literarischen Größen wie William Faulkner, Daniel Woodrell, Flannery O’Connor oder Cormac McCarthy, die ihm hierzulande leider nur einen höheren Bekanntheitsgrad voraus haben. Höchste Zeit dies nun zu ändern, was für mich wiederum hieß, sich dem letzten noch ungelesenen Titel im Regal, „Nächtliche Vorkommnisse“, zu widmen, welcher vor genau einem Jahrzehnt durch den Arche Verlag herausgegeben wurde und inzwischen leider wieder vergriffen ist.

Leider deswegen, weil es sich hierbei meiner Einschätzung nach um das mit Abstand (bisher) stärkste ins Deutsche übertragene Werk handelt, was neben der hervorragenden Übersetzung durch Joachim Körber vor allem der archaischen Sprachgewalt zu verdanken ist, mit der William Gay dieses stockfinstere Südstaaten-Epos direkt in unserer Magengrube platziert, denn die Lektüre ist wahrlich nichts für Zartbesaitete. Wer schon bei „Kein Land für alte Männer“ Chigurhs Wirken mit dem Bolzenschussgerät nur mit größter Mühe beiwohnen konnte, der sollte von diesem Roman wohl ebenfalls tunlichst Abstand nehmen, spart Gay in seiner Erzählung doch nicht mit der Schilderung expliziter Gewalt, um das Gefahrenmoment für seine Protagonisten zu unterstreichen. Und damit jetzt erst einmal zur Handlung:

Overton County, Tennessee, im Winter des Jahres 1951 (Und damit ein halbes Jahr vor den Ereignissen des Romans „Provinzen der Nacht“ angesiedelt, welcher im Nachbarsort Ackerman’s Field spielt). Die Geschwister Corry und Kenneth Tyler, Nachkommen des in der Vergangenheit stark frequentierten Schwarzbrenners Moose Tyler, haben sich in der schützenden Dunkelheit auf den Friedhof der Kleinstadt geschlichen, um das Grab ihres Vaters zu öffnen. Sie hegen seit langer Zeit den Verdacht, dass bei der Beerdigung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist und wollen sich nun Klarheit verschaffen. Als sie am nächsten Morgen ihr Werk beendet haben, bietet sich ihnen ein schreckliches Bild. Derart bestätigt setzen sie ihre Ausgrabungen fort und fördern bald eine Perversion nach der anderen zutage: Während manche Särge nichts als Unrat bergen, teilt sich in einem anderen Grab eine alte Frau ihre letzte Ruhestätte mit einem jungen Mann, der mit aufgeschlitzter Kehle zwischen ihren Schenkeln liegt. An wiederum anderer Stelle wurde ein weiterer Leichnam zum Eunuchen gemacht und das entwendete Geschlechtsteil einer Frau in der Parzelle nebenan hinzugefügt. Die Schändungen sind so bizarr, wie unglaublich. Und alles deutet daraufhin, dass der Sonderling Fenton Breece, der reiche und unheimliche Bestattungsunternehmer des Countys, für diese makabren Kompositionen der Toten verantwortlich zeichnet.

Breece sieht sich jetzt plötzlich mit der Enthüllung seiner nekrophilen Vorlieben konfrontiert, denn Corry will nicht nur Rache für ihren Vater, sondern auch einen stattlichen Batzen Geld herausschlagen und beginnt ihn mit mehreren kompromittierenden Fotos zu erpressen. Entgegen dem Rat ihres Bruders, der das Beweismaterial lieber der Polizei übergeben möchte. Und Kenneth soll mit seinem Unbehagen Recht behalten, denn derart in die Enge getrieben, nimmt Breece die Dienste des moralfreien Soziopathen Granville Sutter in Anspruch, um wieder in den Besitz der Fotos zu kommen. Doch Sutter hat seine eigenen Methoden ein Problem zu lösen und kurze Zeit später finden sich die einbalsamierten Überreste von Corry auf dem Sofa von Fenton Breece wieder, während Kenneth sich auf der Flucht vor dem eiskalten Killer in das labyrinthartige Dickicht des Harrikin schlägt. Eine verlassene, unwirtliche Einöde, in der schon so mancher spurlos verschwunden ist …

Zwei Kinder auf der Flucht, ein mitleidloser und sinistrer Verfolger auf ihren Fersen – das weckt nicht ganz ungewollt Erinnerungen an den Film-Noir-Klassiker „Die Nacht des Jägers“, dessen literarische Vorlage von David Grubb hier William Gay auch ganz bewusst zitiert. Und man kann tatsächlich konstatieren: Robert Mitchum wäre mit Sicherheit eine erstklassige Besetzung für Granville Sutter gewesen, dessen diabolisches Schauspiel schon auf Papier diesen Roman nochmal auf eine ganz andere, unheilvolle Ebene hebt. Natürlich ist das Genre des „Southern Gothic“ seit jeher nicht für seine farbenfrohen Töne und den hoffnungsvollen Tenor bekannt – doch „Nächtliche Vorkommnisse“ ringt selbst dem üblichen Pechschwarz weitere dunkle Schattierungen ab. Sutter ist ein Bösewicht, der in seinem teuflischen Treiben neue Maßstäbe setzt und dieses zudem noch mit einer mitunter kaum mehr erträglichen Teilnahmslosigkeit zelebriert, was wiederum beim Leser für klaustrophobische Beklemmung sorgen dürfte. Hinter Sutters erbarmungslosen Augen lauert außer Arglist und Verfall nichts als Leere – und stets aufs Neue in sie blicken zu müssen, das zerrt, fordert und verleiht dem Roman eine nicht greifbare, aber immerwährende Kälte. Eine Kälte, in der die Herzen der wenigen halbwegs guten Menschen in dieser Handlung nur noch langsam und schwach schlagen – wohl auch wissend, dass jedes lautere Geräusch sie als Wild dem Jäger verraten würde.

Und als nichts anderes betrachtet Sutter allen voran Kenneth, mit dem er ein perfides Spiel treibt, dessen Regeln wiederum er selbst festgelegt hat. Allein zu töten, es reicht ihm nicht. Er genießt die Hilflosigkeit seines Opfers, kostet den Moment der Macht aus und erlaubt so dem jungen Tyler immer wieder die Flucht, wobei er jedoch dessen Einfallsreichtum alsbald unterschätzt. Inmitten des Harrikin, wo sich die Wildnis die aufgegebenen Eisenerz- und Phosphat-Minen sowie die verlassenen Farmen nach und nach zurückgeholt hat – hier scheinen auch Sutters eigene Gesetze keinerlei Gültigkeit mehr zu besitzen. Stattdessen hat die Natur alles in den Zangengriff des Winters genommen, der beiden mit unbarmherziger Kraft entgegenweht und wortwörtlich vom Weg abbringt. Ähnlich wie das Bear Thicket in Tom Franklins „Die Gefürchteten“, so manifestiert sich auch hier der Harrikin als ein eigener Charakter innerhalb der Handlung, welche zudem von William Gay besonders stimmungsvoll in Szene gesetzt wird.

Die Wildnis in die Kenneth blindlings stolpert – sie ist von einer archaischen, kahlen Schönheit, abweisend und kalt, und gefangen in einer lethargischen Melancholie, welche wie der Schnee des Winters alles Lebendige unter sich begräbt. Die wenigen Menschen, die sich dieser Ursprünglichkeit aussetzen wollen, sind entweder Relikte vergangener Besiedlungsversuche oder aus eigenen Gründen in diese unwegsame Gegend geflohen. Kenneths Begegnungen mit ihnen muten dank Gays traumwandlerischer Schreibe wie ein Ausflug in einen dunklen Märchenwald an, was wiederum seitens des Autors durchaus gewollt ist, der sich schon in „Ruhe Nirgends“ grimmscher Motive bediente, um der Odyssee seines ungewollten Helden mehr Tiefe zu verleihen. Im vorliegenden Roman treibt er diese augenzwinkernde Hommage auf den Höhepunkt und lässt Kenneth nicht nur auf eine alte „Hexe“ treffen, sondern Sutter sich sogar als alte Großmutter verkleiden, um den ahnungslosen Jungen in die Falle zu locken, dessen einziges Ziel es ist, entsprechend dem Held auf der Queste, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. So verrückt das klingen mag – es ist die Art und Weise wie er die klassischen Märchenelemente aufs Bizarrste pervertiert, welche besonders intensiv die Distanz zwischen Leser und Protagonisten überbrückt und uns letztlich so schutzlos zurücklässt.

Sutters Verfolgungsjagd, sie ist manisch beseelt und von drastischer, brutaler Gewalt – und doch am Ende von einer unerklärlichen, fast mystischen Spannung, die uns als Leser förmlich über die Seiten treibt und bis zum Ende in festen Redneck-Pranken gefangen hält. Unfähig dieses wahnsinnige, kraftvolle literarische Meisterwerk auch nur länger als ein paar Minuten zur Seite zu legen.

Nächtliche Vorkommnisse“ hat mich – trotz der Kenntnis von Gays großer Klasse – noch einmal auf allerhöchstem Niveau überrascht und gleichzeitig auch vollkommen erschöpft zurückgelassen. Ein nihilistisches Juwel des Southern Gothic, dem man eine rasche Neuauflage nur wünschen kann und das sich in meiner persönlichen Bestenliste ganz oben ansiedeln wird.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Nächtliche Vorkommnisse
  • Originaltitel: Twilight
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Arche
  • Erschienen: 03/2009
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3716026052

Me and my woman’s done made our plans, on the Tennessee River, walkin‘ hand in hand

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© Fischer

John Steinbeck, William Faulkner, Harper Lee, Flannery O’Connor, Joe R. Lansdale oder Cormac McCarthy. Die gängigen Namen, welche einem immer wieder begegnen, wenn man sich ein wenig näher mit der Literatur aus dem Süden der USA beschäftigt, die unter anderem auch gern als „Southern Gothic“ bezeichnet wird. Im Gegensatz zum klassischen Gothic-Novel, dem Schauerroman des 19. Jahrhunderts, geht es hier jedoch nicht nur darum, Spannung zu erzeugen. Vielmehr soll, eingebettet in ein realistisches Setting, der atmosphärische Schauplatz des Südens genutzt werden, um auf mitunter satirische Weise Kritik an Wertvorstellungen und Sozialproblemen der alten Konföderierten-Staaten zu üben.

Eine Gegend, die sich nach Ende des Sezessionskrieges gänzlich anders als der Norden entwickelt hat, den tief verankerten Rassismus nie gänzlich überwinden konnte und die ihrer Bevölkerung oft das Gefühl verleiht, fremd im eigenen Land zu sein. Es ist also kein Zufall, dass es gerade einige der besten Autoren der USA waren bzw. sind, die sich dieser Thematik angenommen haben. Ein Minenfeld voller verschiedenster Befindlichkeiten, das mit scharfer und doch zarter Feder zugleich betreten werden will und nie ohne ein gewisses Maß von Empathie passiert werden kann. Selbst dann, wenn ein Großteil der Figuren mehr hassenswerte denn liebenswerte Eigenschaften aufweist.

Auch William Gay reiht sich in die Riege dieser Schriftsteller ein und wird doch selten in einem Atemzuge genannt. Hierzulande nach seinem kurzen Stelldichein beim Argon bzw. Arche Verlag wieder schnell in Vergessenheit geraten, blieb ihm auch in seiner Heimat die gleiche Größe der oben genannten bisher verwehrt. Bisher deshalb, weil Autoren wie Richard Yates in den letzten Jahren bewiesen haben, dass Ruhm eine besondere Art des Ansehen ist, die oftmals einen gewissen Reifeprozess durchläuft. Und wie ein guter Whiskey aus Tennessee, so, da bin ich mir ziemlich sicher, wird auch Gays Werk mit der Zeit die gebührende Aufmerksamkeit und Bewertung erfahren. Da ich so lange aber nicht warten will, möchte ich an dieser Stelle nach dem Debütwerk „Ruhe Nirgends“ nun den nachfolgenden Roman „Provinzen der Nacht“ unter die Lupe nehmen. Und soviel sei vorab verraten: Gay konnte sich gegenüber dem schon sehr guten Vorgänger nochmals steigern. Und nun zum Inhalt:

Tennessee, ein kühler April im Jahr 1952. Im hügeligen Hinterland am Tennesse River, genauer gesagt im kleinen, verschlafenen Nest Ackerman’s Field (bereits Schauplatz von „Ruhe Nirgends“) ist die Zeit stehen geblieben. Ein gottverlassener, leerer Flecken Erde, tief verwurzelt im Rhythmus des alten Südens. Heimat für ein paar windschiefe Hütten, von Gras überwucherte Wohnwagen und halb verfallene Häuser. In einem der letzteren wohnt der junge Fleming Bloodworth zusammen mit seinem Vater Boyd. Bis dieser ihn eines Tages von jetzt auf gleich verlässt, um als gehörnter Ehemann seiner Ehefrau und ihrer Affäre in den Norden nachzujagen. Fleming bleibt zurück, allein gelassen mit den Geräuschen der Zikaden und Ziegenmelker, umgeben von dichten Baumlinien und tosenden Bächen, die von der tief stehenden Sonne in Zwielicht getaucht werden. Doch der Verlust des Vaters wiegt nur anfangs schwer, taucht doch bald sein Großvater auf, der vor zwanzig Jahren die Familie ebenso abrupt verlassen hatte und um den seither wilde Gerüchte kursieren. Ein harter, krimineller und skrupelloser Mann soll er gewesen sein. Hart und unnachgiebig gegenüber seinen drei Söhnen, gnadenlos zu seinen Feinden. Besonders sein Sohn Brady, den Fleming nur als unliebsamen Onkel kennt, der anderen für Geld Flüche verkauft, ist die Wiederkehr ein Dorn im Auge.

Für Fleming ist es allerdings eine glückliche Fügung. Das Banjo-Spiel seines Großvaters entführt ihn in eine andere Zeit. Und er beginnt die Beziehung zu seinem eigenen Vater besser zu verstehen. Erkennt, dass es beinahe so etwas wie eine Familientradition ist, dass die Söhne mit ihrem alten Herren genauso wenig anfangen können wie umgekehrt. Statt sich in einem Leben inmitten verlorener Träume einzurichten, will Fleming jedoch mehr. Und als er die hübsche Raven Lee kennenlernt, scheint es für ihn sogar einen Ausweg aus der Tretmühle zu geben. Doch der Winter naht und mit ihm ein kalter Vorhang aus Schnee, der den eben noch so klaren Weg zu verwehen droht …

Ein Roman wie ein guter Bourbon: kräftig, rau und etwas ungestüm“. Eine durchaus treffende Bezeichnung von „Net Business“, wenngleich ich dann doch eher der Single-Malt-Freund bin und mir die hier genannten Adjektive bei weitem nicht reichen, um dieses bisher so schändlich unter dem Radar gesegelte literarische Ausrufezeichen zu beschreiben. Bereits in meiner Besprechung zu „Ruhe Nirgends“ bin ich auf die poetische Schönheit von William Gays Sprache eingegangen, doch für den Fall, dass das eventuell überlesen oder gar abgetan wurde: Hier hat jemand die Feder in eine Hand genommen, die weniger vom Kopf als vielmehr vom Herz geführt worden sein muss – anders lässt sich diese karge Anmut nicht erklären, mit der Gay uns in diesen Roman entführt und Worte ohne jegliche Übertragungsprobleme in Bilder verwandelt. Das Tennessee der 50er Jahre, diese ländliche, spröde, ja archaische Welt – sie ist nicht nur eine Leinwand für diese Geschichte um einen ruchlosen alten Mann und dessen aus den Traditionen ausbrechen wollenden Enkel. Nein, sie ist die Triebfeder des Ganzen, sie ist die Hauptfigur. Die seelische Essenz aus der „Provinzen der Nacht“ eine Faszination bezieht, die man sich anhand der eigentlichen Handlung sonst nur schwer erklären kann.

Bei aller Ästhetik sind Gays Worte dabei allesamt von einer nie fassbaren Schwere. Ursprünglich und unberührt, aber gleichzeitig auch abweisend, wütend, wild und vor allem wahrhaftig. Eine natürliche Komposition, die keiner künstlicher Zutaten oder erzählerischer Tricks bedarf, seine Charaktere nicht überzeichnen, die Stimmung nicht verdüstern oder den Spannungsbogen nicht unnötig erhöhen muss, um zu funktionieren. Im Gegenteil: In der schroffen Einfachheit der Handlung liegt ihr Reiz begründet, entwickelt sich die gefühlsmäßige Verbindung zum Leser, welcher selbst entscheidet, was er der Geschichte entnehmen will oder kann. Was in meinem persönlichen Fall vor allem ein hohes Maß an Melancholie bedeutete, welche mich während der Lektüre immer wieder inne hielten ließ, um die Macht der Worte auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, denn Gay schaut seinen Figuren tief ins Herz. Und dadurch mitunter in einen Abgrund aus Sehnsucht und verlorenen Träumen, durch den man sich einem Gefühl des Mitleids nicht lange erwehren kann.

Provinzen der Nacht“ ist nicht nur einfach ein Sittenbild vor Südstaaten-Kulisse. Es ist auch ein Aufbegehren, ein Aufzeigen von Chancen, ein Ansatz für Glück in einer Welt des Unglücks und der Erbärmlichkeit. Bevölkert von Verlierern und Sonderlingen, deren Gefangenschaft in einem gesellschaftlichen Mühlrad und fortwährendem Trott sich der Protagonist auf so famose wie reine Art und Weise entziehen will. Das Schicksal in die eigene Hand nehmen – dies bedeutet für Fleming den Kreislauf des Hasses, der Unaufrichtigkeit, der Missgunst und der Gewalt den Rücken zu kehren. Einen Schritt in die andere Richtung zu machen, ohne damit gleich dem Ursprung entfliehen zu wollen und damit den Fehler seines Vaters oder Großvaters zu wiederholen. Ein Schritt, der ihm durch seine Liebe zu Raven erleichtert wird, die sich, selbst Opfer dieser abweisenden und von Männern dominierten Welt, ihre egoistischen Ziele erhält und den jungen Bloodworth in seiner Andersartigkeit, seiner Offenheit für Mitgefühl und selbstbestimmtes Denken bestärkt. Wohlwissend, dass ein gemeinsamer Weg ähnlich beschwerlich sein wird wie die Pfade durch das Hinterland von Tennessee.

Drei Generationen Bloodworths. Drei verschiedene Lebenswege. Drei Schicksale. „Provinzen der Nacht“ ist ein im wahrsten und reinsten Sinne des Wortes großer Roman über die Suche nach sich selbst. Eine Geschichte über Hass und Eifersucht, aber auch über Vergebung, Mitleid und eine tief empfundene Liebe. Und für mich eben schon jetzt ein Klassiker, der dringend gleichwertige Erwähnung mit den bekannten Namen des „Southern Gothic“ finden muss.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Provinzen der Nacht
  • Originaltitel: Provinces of Night
  • Übersetzer: Susanne Goga-Klinkenberg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 07.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 360 Seiten
  • ISBN: 978-3596152896

Whiskey and blood run together …

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© Arche

Angesichts meiner derzeitigen Lektüre von William Gays „Provinzen der Nacht“ ward ich an sein hervorragendes Debütwerk „Ruhe Nirgends“ (orig. „The Long Home“) erinnert, das, sprachlich in ähnlich poetischen Höhen wie James Lee Burke angesiedelt, zu den Höhepunkten des Sub-Genres „Southern Gothic“ (bzw. auch „Country Noir“) gehört. Grund genug nochmal den Blick zurückschweifen zu lassen und in die archaische Gesellschaft im wilden Tennessee einzutauchen, zumal Gay sich den ganz großen Namen in Deutschland bisher nicht machen konnte und daher meines Erachtens weit mehr Aufmerksamkeit verdient.

Wie No Country for Old Men von Cormac McCarthy – in doppelter Dosis“ wird Stephen King auf der Rückseite der deutschen Ausgabe von William Gays 1999 im Original veröffentlichten Debütwerk zitiert, womit auch der Arche Verlag dem seit einiger Zeit vorherrschenden Trend folgt und den „Grand Master of Horror“ (der, so scheint es, nicht nur selbst viel schreibt, sondern auch Unmengen an Büchern im Jahr zu lesen scheint) die Werbetrommel rühren lässt. So verkaufsfördernd das am Ende dann sein mag, die Allgegenwärtigkeit des Kings auf Buchdeckeln hierzulande hat meinerseits zuletzt eher fürs Skepsis, denn für begeistertes Zugreifen gesorgt, zumal nicht alle der hymnisch gelobten Titel in der Vergangenheit überzeugen konnten. Selbiges gilt übrigens auch für die immer wieder bemühten Vergleiche mit bereits etablierten Autoren, wobei hier besonders oft Raymond Chandler oder James Ellroy herhalten müssen. Nun also „Cormac McCarthy“. Eine hohe Latte, die King gelegt hat, gehört doch der Pulitzer-Preisträger zu den Schwergewichten der modernen amerikanischen Literatur. Doch eins sei gleich vorab gesagt: William Gay überspringt diese Hürde mit unerwarteter Leichtigkeit.

Sein Erstling „Ruhe Nirgends“ reiht sich nahtlos zwischen den anderen Größen des „Southern Gothic“ bzw.. „Country-Noir“ wie Daniel Woodrell oder Joe R. Lansdale ein. Ja, selbst mit solchen Kalibern wie John Steinbeck oder William Faulkner kann sich der in Tennessee geborene und 2012 eben da gestorbene Autor durchaus messen. Und was meine persönliche Einordnung betrifft: Seit Breece D’J Pancakes Kurzgeschichten und meinem ewigen Favoriten James Lee Burke hat mich kein Vertreter dieser Genregattung mehr derart sprachlich beeindruckt zurückgelassen. Und nun kurz zur Geschichte:

Sie nimmt ihren Anfang im Tennessee des Jahres 1933. Nahe den Wäldern bei Ackerman’s Field kommt es in einer regengepeitschten Nacht zu einem tödlichen Streit: Der aufrechte Nathan Winer stellt den zwielichtigen Dallas Hardin zur Rede, der auf Winers Grund und Boden illegal Schnaps brennt. Hardin erschießt ihn kurzerhand. Die Leiche wirft er in das riesige, nach Schwefel stinkende Erdloch auf dem Land des schwächlichen Hovington, ebenfalls ein Schwarzbrenner.

Zehn Jahre später. Während in Europa, Afrika und Asien der Zweite Weltkrieg tobt, hat Dallas Hardin Hovingtons Platz komplett eingenommen, all den Besitz des Mannes samt seiner Frau und Tochter an sich gerissen. Während dieser in einer Kammer dem Tode entgegensiecht, baut Hardin das Anwesen zum bestbesuchten Kneipenbordell der Gegend um, wird nach und nach zum einflussreichsten und gefürchtetsten Mann, zum Fixpunkt allen Bösen in Ackerman’s Field. Richter, Anwälte, Sheriffs – sie alle werden geschmiert, Konkurrenten die Häuser abgefackelt oder in „Notwehr“ das Leben genommen. „Sei schön brav, sonst gebe ich dich dem alten Hardin“, drohen die Mütter ihren Kindern. Niemand geht eine Konfrontation mit dem Mann ein, dem selbst noch im höheren Alter ein Blick mit den „gelben Ziegenaugen“ reicht, um jeglichen Widerstand im Keim zu ersticken. All das ändert sich jedoch, als ein junger Mann in die Dienste von Dallas Hardin eintritt. Es ist ausgerechnet Nathan Winers Sohn, der, anders als seine Mutter, nicht glauben will, dass sein Vater die Familie vor zehn Jahren einfach so im Stich gelassen hat. Aber auch er kann nicht ahnen, dass er nun in seiner Anstellung als Zimmermann dem Mörder seines Vater das florierende Bordell erweitert.

Während er in der Sonne schwitzt, wird er unbemerkt von jemanden beobachtet. Und dieser Jemand war einst Zeuge des Mordes an Winer senior und bewahrt ein äußerst makabres Beweisstück auf …

Die Tiefen des amerikanischen Hinterlandes, die Wildheit der Naturgewalten, die Ursprünglichkeit des rohen und rauen Staates Tennessee – William Gay, der sich lange seinen Lebensunterhalt als Maler und Schreiner inmitten der Wälder verdingt hat, kennt sie aus eigener Erfahrung, aus erster Hand. Und genau das spürt man in jeder einzelnen Zeile dieses beeindruckenden Romans, der sich so schroff und kantig liest, als hätte der Autor die Worte wie Holzpflöcke mit einer scharfen Axt bearbeitet. Man mag es kaum glauben, dass hier jemand zum ersten Mal zur Feder gegriffen hat, derart kraftvoll, zielstrebig und vor allem stilsicher kommt diese Geschichte daher, die, mit alttestamentarischer Wucht erzählt, den Leser sogleich gefangen nimmt und mittels bildlicher Vergleiche eine dichte Atmosphäre kreiert, welche sich höchstens mit einem aufziehenden Sturm vergleichen lässt.

Dunkle Wolken ziehen über das Land, prasselnder Regen geht hernieder, Fluten lassen Bäche über die Ufer treten, in der elektrisch aufgeladenen Luft hört man die Rufe der Ziegenmelker. Langsam, zäh, ja schwerfällig der Beginn, in dem Gay immer wieder zwischen Perspektiven wechselt, nur kurze Einblicke in die Leben der Protagonisten gewährt, während in erster Linie die Beschreibungen von Wetter und Licht die Erzählung bestimmen. Hier erkennt man den Maler Gay, dessen feine Augen Gesehenes eins zu eins übernehmen, nur dass in „Ruhe Nirgends“ keine Leinwand den Resonanzkörper bildet, sondern ein zutiefst ursprüngliche Geschichte, die zwischenzeitlich gar märchenhafte Züge zeigt.

Vom schwarzen Ritter in seinem Schloss, über die Jungfrau in Nöten und dem weisen, alten Mann bis hin zum jungen Lehrling. Gay spielt mit der klassischen Mythologie, ohne aber dabei Gefahr zu laufen, ein künstliches Gerüst um die Handlung zu spannen. Ganz im Gegenteil: Trotz der lyrischen Sprache ist „Ruhe Nirgends“ zutiefst authentisch, aufs Wesentliche konzentriert, ohne jede Form des sonst so typisch amerikanischen Pathos. Es ist eine archaische, moralisch verkommene Welt ohne Gesetze, in die Gay uns führt und die für die Schwachen und Zweifelnden keinerlei Hoffnungen bereithält, keinerlei Mitleid hat. Brutale Gewalt, Betrug, Grausamkeit, Mord scheinen Alltag in den Wäldern nahe Ackerman’s Field zu sein. Ein Hort des Bösen und der menschlichen Kälte, der aber trotzdem genauso wenig greifbar scheint, wie die handelnden Charaktere, die uns als Spiegelbild ihrer Umwelt begegnen.

Ruhe Nirgends“ ist keine Lektüre für zwischendurch, kein kurzweiliges Urlaubsbuch für den Sommer, keine schlichte Unterhaltung. Es ist die Rückkehr in längst vergessen geglaubte Züge des Menschlichen, in eine Zeit und eine Gegend fernab der Zivilisation, in der das Recht des Stärkeren herrscht. Das ist mitunter schwer verdaulich, ja bedrückend, lässt uns aber andererseits auch trotz all der Trostlosigkeit und der Distanz innerhalb der Erzählung nicht kalt, zumal es Gay hervorragend gelingt, das anfangs noch so verzettelte Szenario in einem stetig ansteigenden Spannungsbogen zu einem nachdrücklich beeindruckenden Klimax zu führen. Der Weg dorthin ist für Leser wie Hauptfigur Nathan Winer junior gleichermaßen eine Reifeprüfung, die man bestehen muss. Wer daran scheitert, wird wohl kaum ein weiteres Buch dieses Autors in die Hand nehmen.

Insgesamt ein stilistisch und sprachlich beeindruckender erster Wurf eines Schriftstellers, der schon fast folgerichtig in den USA als neuer Star des „Southern Gothic“ gefeiert und vom großartigen Joachim Körber (mal wieder) bis hin zum letzten I-Tüpfelchen perfekt übersetzt worden ist. Ich bin mehr als begeistert. Oder um es mit Bela B.s Worten bei Pulp Master zu sagen: „Hab mich selten so gut schlecht gefühlt.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Ruhe Nirgends
  • Originaltitel: The Long Home
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Arche
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 344 Seiten
  • ISBN: 978-3716026359