Strange to wander in the mist, each is alone

© Ullstein

Am 12. Dezember des vergangenen Jahres starb John le Carré, der mit bürgerlichen Namen eigentlich David John Moore Cornwell hieß, im Alter von 89 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung – und mit ihm eine der ganz großen Stimmen, wenn nicht die größte, des klassischen Spionageromans.

Angesichts solcher Vorgänger wie John Buchan, Eric Ambler oder Ian Fleming vielleicht meinerseits eine durchaus mutige Einschätzung dieses Autors, welche sich aber nicht nur durch seine langjährige Schaffensperiode und die thematische Vielfältigkeit erklären lässt, sondern vor allem aufgrund seinem Verdienst, den einstmals als trivial abgestempelten Krimi, als ernstzunehmende Literatur etabliert zu haben. Persönlich bin ich mir gar sicher: Ohne diese vor allem durch seine Verleger erfolgte Einordnung, wäre er, wie auch Graham Greene, mit Sicherheit ebenfalls immer wieder ein ernstzunehmender Kandidat für den Literaturnobelpreis gewesen. Umso interessanter ist es nun, ein rückblickendes Auge auf sein umfangreiches Lebenswerk zu werfen und dort zu starten, wo auch für Le Carré alles begonnen hat: Mit dem Agent des britischen Auslandsgeheimdiensts MI6, George Smiley – Held gleich mehrerer Romane aus der Feder des Briten und auch Hauptprotagonist in seinem Erstling „Schatten von gestern“.

Held ist dabei jedoch nicht wortwörtlich zu verstehen, verkörpert Smiley doch eher das genaue Gegenteil von dem, was sich gemeinhin die meisten, seit Sean Connery die Rolle des James Bond verkörpert hat, unter einem typischen Spion vorstellen. In seinem ersten Auftritt wird er dem Leser als ein beleibter Brillenträger von kleiner Statur vorgestellt, dessen persönliche Garderobe arg zu wünschen übrig lässt und dem überhaupt erst durch seine Heirat mit Lady Ann Sercomb größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, kann er doch sonst weder Titel noch irgendwelche außergewöhnlichen schulischen Leistungen oder militärische Ehren aufweisen. Und er sollte auch nicht lange im Rampenlicht stehen, denn schon zwei Jahre nach ihrer Hochzeit (und viele Affären später) verließ ihn seine Frau für einen kubanischen Rennfahrer. Smiley kehrte nach ihrer Trennung zum Geheimdienst zurück, den er ihr zuliebe hinter sich gelassen hatte, und arbeitet seitdem für die britische Spionageabwehr. Sein Spezialgebiet ist dabei das inzwischen geteilte Deutschland, zu dem er aufgrund seines Lebenslaufs eine ganz besondere Beziehung hat:

Einen Teil seiner Kindheit verbringt Smiley nämlich in Hamburg und im Schwarzwald, wo er früh eine Vorliebe für die Literatur des deutschen Barock entwickelt. Ein Themenfeld, welches er auch später am College von Oxford studiert, wodurch Deutsch zu seiner zweiten Muttersprache – und er für den britischen Abwehrdienst, der zum damaligen Zeitpunkt den Aufstieg der Nationalsozialisten genau beobachtet, erstmalig interessant wird. So tritt er als englischer Lektor einen Posten an einer kleinen deutschen Universität an, wo er nach potentiellen Agenten Ausschau hält und hilflos und voller Verachtung mitansehen muss, wie politisch Andersdenkende verfolgt und Bücher öffentlich verbrannt werden. Kurz vor Kriegsausbruch verlässt er schließlich das Land, arbeitet in der Tarnung eines Waffenhändlers in Schweden, Schweiz und später auch wieder kurz in Deutschland, bis 1943 die Situation für ihn zu brenzlig wird und ihn der Abwehrdienst zurück nach England holt. Jetzt, Anfang der 60er Jahre, droht ihn diese Vergangenheit einzuholen.

Da sein Vorgesetzter Maston, ein reiner Karrierist, der den alten, eher akademisch geprägten Führungszirkel komplett aufgelöst hat, ihn als zu alt für jegliche Agenteneinsätze erachtet, befindet sich Smiley inzwischen auf dem beruflichen Abstellgleis. Er wird nur noch für Routineaufgaben eingesetzt. So soll er jetzt Samuel Fennan, einem Beamten des Auswärtigen Amtes, einem Verhör unterziehen, da dieser einst der Kommunistischen Partei angehört haben soll. Das Gespräch verläuft ohne größere Probleme, Smiley sieht sein Gegenüber als eindeutig entlastet und legt den Fall zu den Akten – bis ihn kurze Zeit später die Nachricht erreicht, dass sich Fennan das Leben genommen und ihr Gespräch laut dem Abschiedsbrief den Ausschlag dafür gegeben hat. Eine delikate Situation, die es für Maston schnell zu bereinigen gilt, weswegen er den „Verursacher“ mit dessen vermeintlich fehlerhaften Handeln konfrontiert. Smiley quittiert kurzerhand den Dienst und stellt gemeinsam mit dem örtlichen Polizeibeamten Mendel auf eigene Faust Nachforschungen an. Und schon bald darauf lassen gleich mehrere Indizien Zweifel am Suizid Fennans aufkommen. Doch wenn es Mord war, wer hätte Interesse an seinem Tod? Die Suche nach der Wahrheit holt Smiley nicht nur aus seiner beruflichen Lethargie, sondern bringt ihn persönlich auch in große Gefahr …

Wer sich vorab schon ein bisschen mit dem Namen John Le Carré beschäftigt hat – etwas, das sich bei diesem gebildeten, humorvollen Menschen unbedingt lohnt – wird sicher bemerkt haben, wie viel von der eigenen Biographie in die Figur George Smiley eingeflossen ist, der natürlich auch nur auf den ersten Blick einer „Kröte“ oder einem „Maulwurf“ gleicht und hinter dem etwas schäbigen Äußeren einen äußerst brillanten Geist verbirgt. Le Carré teilt die Liebe zur klassischen deutschen Literatur mit seiner Schöpfung, studierte unter anderem Germanistik und Neue Sprachen an der Universität Bern und schloss dort Freundschaft mit vielen Juden, die aus dem intellektuellen Deutschland in die Schweiz geflohen waren. Ein Land, das nach eigener Aussage zu seiner zweiten Heimat wurde und Schauplatz vieler seiner Romane (wenn auch nicht dieses) ist. Wie Smiley, so trat auch Cornwell dem Nachrichtendienst der britischen Armee bei. Er begann 1950 seine Tätigkeit in Österreich, kehrte zwei Jahre später für ein Studium nach England zurück, wo er wiederum im Dienst des MI5 ultralinke Gruppen observierte, unter denen man Sowjetagenten vermutete.Vom MI5 ging es zum MI6 und damit irgendwann nach Bonn und Hamburg. Als 1961 die letzten Lücken der Berliner Bauer geschlossen wurden, war Cornwell direkt vor Ort. Und genau zu dieser Zeit begann er damit unter dem Pseudonym John Le Carré zu schreiben.

Schatten von gestern“ ist das Resultat dieses ungewöhnlichen Berufswechsels und gleichzeitig Zeugnis dafür, dass eigene Erfahrungen und Kenntnisse, welche in das literarische Werk einfließen, diesem nochmal zusätzlich ein hohes Maß an Substanz verleihen können. Und genau unter diesem Aspekt muss Le Carrés Debüt auch betrachtet werden, das sich nicht im klassischen Sinne allein dem Spannungsmoment verpflichtet sieht, als vielmehr einem detailgetreuen Abbild der Realität während einer der heißesten Phasen des Kalten Krieges. Es ist bemerkenswert mit welch kritischem Blick – und wie neutral – er das Wirken der sich gegenüberstehenden Blöcke betrachtet, wie er diesen wenig spektakulären Kriminalfall nutzt, um äußerst subtil die Gefahr zu skizzieren, zu dem zu werden, was man bekämpft, wenn man sich der Methoden des Feindes bedient. Heiligt der Zweck die Mittel? Wie weit darf eine Demokratie bei der eigenen Verteidigung gehen und sich noch selbst Demokratie nennen?

George Smiley sieht sich bei seiner Suche nach der Wahrheit nicht nur immer wieder indirekt mit diesen Fragen konfrontiert, sondern auch mit den Folgen eigener Entscheidungen. Soll er tatsächlich nach und nach ins hintere Glied rücken, der jüngeren Generation das Feld überlassen – und damit auch akzeptieren, dass gewisse moralische Grundsätze mehr und mehr über Bord geworfen werden? Oder soll er doch die Stellung halten und sein Wissen um die menschliche Natur nutzen, um dafür zu sorgen, dass dem Ziel nicht alles untergeordnet wird? Le Carré legt hierauf sein Hauptaugenmerk, zeigt wenig Interesse daran, die mysteriösen Umstände an Fennans „Selbstmord“ künstlich aufzubauschen oder auszuschmücken. Stattdessen konzentriert er sich allein auf das Wirken der Figuren, die so gar nichts mit dem gemein haben, was man sonst von einem üblichen Kriminalroman gewohnt ist. Ob der pragmatische Mendel oder die zynische Holocaust-Überlebende Elsa Fennan – der Autor hält hier der Wirklichkeit gekonnt den Spiegel vor, breitet vor dem Leser eine düstere Welt aus, die tatsächlich existiert, aber von den meisten niemals wahrgenommen wird. Eine Welt, in der Mord ein Beruf ist, Folter nur ein Werkzeug und Verrat der finale Coupe de grâce, mit dem der Feind besiegt wird.

Le Carrés Stil ist dabei auffallend ruhig und kühl, setzt eher auf Dialoge als auf größere Action, wodurch die wenigen Ausbrüche der Gewalt umso mehr ihre Wirkung entfalten. Kurzum: Hier schildert ein Profi seine eigene Profession. Und erweist sich dabei gleichzeitig aber auch in literarischer Hinsicht noch als Schüler am Anfang seiner Karriere. Gerade Smiley bleibt, obwohl wir viel über seine Vergangenheit erfahren, für den Leser noch nicht ganz greifbar und damit auf Distanz. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, ist es doch gerade der unscheinbare Agent, der sich aufgrund seiner Erfahrungen im Deutschland unter Hitler zutiefst dem Individualismus verpflichtet sieht. Oder um es mit Le Carrés Worten zu sagen:

Es war die unerträgliche Anmaßung, die Masse vor das Individuum zu stellen. Wann hatten Massenphilosophien je Segen oder Erkenntnis gebracht?

Smileys individuelle Stärken pointierter herauszuarbeiten und ihn damit mehr abzugrenzen – so ganz gelingt das Le Carré hier noch nicht, was aber letztendlich nichts daran ändert, dass „Schatten der Vergangenheit“ große Vorfreude auf die weitere Erkundung der Welt dieses fantastischen Schriftstellers macht. Und wie viele aufgrund von Klassikern wie „Der Spion, der aus der Kälte kam“ oder „Der ewige Gärtner“ bereits wissen – zurecht.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: John le Carré
  • Titel: Schatten von gestern
  • Originaltitel: Call for the Dead
  • Übersetzer: Ortwin Munch
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 10/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3548061641

Das Alphabet des Inspector Morse

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© Unionsverlag

Am 21. März 2017 ist er im Alter von 86 Jahren gestorben: Colin Dexter. Der Brite, dessen Krimi-Reihe um den in Oxford und Umgebung ermittelnden Inspector Morse in den 70er und 80er Jahre zur Grundausstattung einer jeden gut sortierten Buchhandlung gehörte, hat in späteren Jahren nie mehr wirklich  vom aufkommenden Boom des Genres profitieren können und doch frühzeitig für dieses Maßstäbe gesetzt. Zu einer Zeit, in der der Krimi noch abfällig schnaubend als Toiletten-Lektüre abgetan wurde, hatte er bereits (nicht nur aufgrund des Schauplatzes) gezeigt, das Bildung und Gelehrsamkeit durchaus mit Mord und Totschlag in Einklang zu bringen sind. Grund genug für mich einen Blick zurück auf sein Debütwerk zu werfen und ihm die gebührende Ehre zu erweisen.

Ruhen Sie in Frieden, Mr. Dexter.

Als ich meinen ersten Roman aus der Reihe um Inspektor Morse von der Thames Valley Police durchgelesen hatte, zeichnete sich bereits damals ab, dass daraus eine langjährige Freundschaft erwachsen könnte. Colin Dexter, der inzwischen (leider) vielen gar kein Begriff mehr sein dürfte und unverständlicherweise seit Jahren bei Neuauflagen von Seiten der Verlage ignoriert wird, gehörte nicht nur zu den beliebtesten Kriminalautoren Großbritanniens, sondern diente auch vielen seiner Nachfolger als stilistisches Vorbild.

Aus einer gutbürgerlichen Familie stammend, unterrichtete Dexter bereits in frühen Jahren an der Universität von Cambridge und wechselte dann, nachdem bei ihm Anzeichen einer beginnenden Taubheit ausbrachen, auf einen Posten an einem College in Oxford. Und hier, im kultivierten Mileu von Oxfordshire, ließ er seit Mitte der 70er Jahre Inspector Morse an der Seite von Sergeant Lewis auf Verbrecherjagd gehen. Die Idee zu seinem Erstling „Der letzte Bus nach Woodstock“ soll ihm dabei während eines Familienurlaubs in Wales gekommen sein, als ihn Dauerregen für mehrere Tage im Hotel festsitzen ließ.

Der Krimi beginnt auf halber Strecke zwischen Oxford und Stratford-on-Avon im beschaulichen Woodstock, einem kleinen Ort, in dem unter anderem Sir Winston Churchill das Licht der Welt erblickt hat. Nicht nur wegen dieser Berühmtheit ist es ein beliebtes Ausflugsziel für die Bewohner der umliegenden Gemeinden, die besonders den Pub „Black Prince“ mit Freude frequentieren. Dort findet eines Abends der betrunkene John Saunders in der dunkelsten Ecke des Hinterhofparkplatzes die übel zugerichtete und vergewaltigte Leiche einer jungen Frau. Inspector Morse nimmt sich des Falles an und arbeitet dabei erstmals mit Sergeant Lewis zusammen. Gemeinsam wühlt man sich mithilfe von Befragungen durch das nähere Umfeld und findet bald heraus, dass die Tote namens Sylvia Kayes nach Woodstock getrampt ist. Und ihr Mörder scheint derjenige gewesen zu sein, der sie mitgenommen hat. Damit nicht genug: Eine Augenzeugin berichtet, dass Kayes zusammen mit einer anderen Frau war, mit welcher sie offensichtlich befreundet war. Doch wer war diese andere Unbekannte? Und warum meldet sie sich nicht bei der Polizei?…

Auf gerade mal knapp 288 Seiten gelingt es Dexter eine sehr dichte Atmosphäre auf Papier zu schmieden, die zwar durchaus immer wieder die Schwächen des Debütromans (u.a. viele unnötige Wiederholungen) aufweist, im Ganzen aber mit einer Reife überrascht, die bereits zu Beginn mehr als neugierig auf die Nachfolger macht. Morse zeigt sich als Urtypus des unkonventionell ermittelnden Polizeibeamten (Sherlock Holmes war ja Detektiv in „beratender Funktion“), der weniger dem Handbuch folgt, als vielmehr auf eigene Eingebungen setzt und es mit dem dienstlichen Ton nicht so genau nimmt. Lewis nimmt dabei eine Watson-ähnliche Rolle ein und muss, obwohl älter als Morse, stellvertretend für den oftmals in die Irre geführten Leser die blöden Fragen stellen, auf die sein Vorgesetzter zumeist schon die „offensichtliche“ Antwort kennt.

Überhaupt ist das miteinander der Beiden ein äußerst erfrischendes, komödiantisches Element, das für stetige Kurzweil in einem Plot sucht, der in erster Linie mit seinem intelligenten, wenn auch nicht übermäßig komplexen Aufbau und der typisch-englischen Kleinstadtstimmung überzeugt. Die Zeichnung der Hauptfiguren ist nicht weniger gelungen, bleibt aber im Erstling noch ziemlich grob und geht vor allem auf Morse ein, von dem wir erfahren, dass er nicht nur über ein umfassendes Allgemeinwissen verfügt, welches er im allmorgendlichen Kreuzworträtsel erprobt, sondern auch eine Schwäche für hübsche Verdächtige hat. Ein Element, das sich durch die ganze spätere Reihe ziehen soll. Die wurde übrigens über viele Jahre für das englische Fernsehen verfilmt und uns bisher in deutscher Übersetzung vorenthalten. Dafür hat es der Ableger „Lewis„, von dem ich persönlich weniger angetan bin, bereits vor einiger Zeit auf unsere Fernsehbildschirme geschafft.

Der letzte Bus nach Woodstock“ – das ist ein überzeugender, verblüffend gut geratener und spannender! Debütroman, der bei mir die Lust nach mehr weckte  und allen Freunden von melancholischen, aber gewitzten Ermittlern nur ans Herz gelegt werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass sich – nach Dexters Tod vor wenigen Tagen – endlich wieder ein Verlag findet, der diese richtungsweisende, ur-britische Krimi-Reihe neu, und vor allem auf gebührende Art und Weise, auflegt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Colin Dexter
  • Titel: Der letzte Bus nach Woodstock
  • Originaltitel: Last Bus To Woodstock
  • Übersetzer: Marie S. Hammer
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 11.2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3293208216