Auf der Suche nach sich selbst

© Heyne

Nach der Lektüre des zweiten Bands des lose zusammenhängenden „Revelation-Space“-Zyklus muss ich ganz klar konstatieren: Alastair Reynolds hat mich infiziert. Und das war angesichts des doch sehr zähen Auftakts durch „Unendlichkeit“ so wirklich nicht zu erwarten. Was jedoch letztlich überzeugt, ist Reynolds Konzept.

Im Gegensatz zu einem Großteil der Konkurrenz, welche im Sci-Fi-Genre die Grenzen des derzeit Machbaren weit hinter sich gelassen hat, beinhalten die Bücher des Waliser Autors eine stets glaubwürdige und realistische Physik, die seine „Space Opera“ dem Leser auf gewisse Art und Weise bekannt erscheinen lässt. Seine Raumschiffe, nicht fähig Überlichtgeschwindigkeit zu erreichen, sind nicht mehr und nicht weniger als eine konsequente Weiterentwicklung der heutigen Raketen. Und mit diesen kennt sich der Physiker Reynolds, der neben seinem Schriftstellertum auch im wissenschaftlichen Bereich der Raumfahrt arbeitet, scheinbar bestens aus. Diese Atmosphäre des dreckigen, düsteren und doch so vertrauten Universums hat mich schließlich zu „Chasm City“ greifen lassen, mit dem Reynolds die klassische Science-Fiction aus „Unendlichkeit“ hinter sich lässt und stattdessen nun in den Gefilden von „Cyberpunk“ und „Noir“ wildert.

Obwohl im gleichen Universum wie der Vorgänger angesiedelt, präsentiert sich „Chasm City“ als eigenständiges Werk, das chronologisch vor den Ereignissen von „Unendlichkeit“ spielt und lediglich auf den Schauplatz sowie einige Figuren zurückgreift, um den bekannten Look beizubehalten. Dies vorweg als Information für all diejenigen, die mit der Aussicht auf eine Fortsetzung von der Resurgam-Expedition herangegangen sind. Sie werden dennoch mehr als entschädigt, bietet Reynolds doch nicht nur eine äußerst gelungene Mischung aus Chandler, Dick und Miéville, sondern gleichzeitig auch einen größeren Einblick in das komplexe Gefüge des „Revelation“-Universums.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der ehemalige Elitesoldat Tanner Mirabel, der nach einen 15jährigen Kryo-Schlaf im Orbit des Planeten Yellowstone erwacht und nur langsam seine Erinnerung zurückgewinnt. Das einzige was er sicher weiß: Er ist von Sky’s Edge hierhin gereist, um den Tod seines ehemaligen Arbeitgebers Cahuella, eines begeisterten Jägers und Waffenschmugglers, zu rächen. Sein Ziel: Argent Reivich, ein unsterblicher Aristokrat, der in Chasm City untergetaucht ist. Doch in den vielen Jahren der bewusstlosen Kälte hat sich hier viel verändert. Aus dem einstmals strahlenden Juwel des Epsilon Eridani Systems, dem Utopia der Menschheit, ist ein verrottender, baufälliger Moloch geworden, der sich fest in den Fängen der Schmelzseuche (Leser von „Unendlichkeit“ werden sich erinnern) befindet. Jede Form von Technologie, welche über die simple Mechanik hinausgeht, schmilzt wortwörtlich dahin. Millionen mit Nanotechnologie behandelter Menschen sind ihr bereits zum Opfer gefallen. Während der reiche Teil der Bevölkerung sich ihrer Implantate entledigen konnte oder als Hermetiker in der noch einigermaßen prächtigen Oberwelt, dem „Baldachin“, residiert, bleibt für alle anderen nur ein hoffnungsloses Dasein in der von Smog und Abgasen durchsetzten Unterwelt, dem „Mulch“.

Neben der immer noch nicht gebannten Gefahr durch die Schmelzseuche wird Tanners ohnehin schon gefährliche Ausgabe durch ein weiteres Hindernis erschwert. Offensichtlich ist er mit dem Haussmann-Virus infiziert worden, der von der gleichnamigen sektenähnlichen Religion entwickelt wurde, um alle Befallenen mittels Stigmata und regelmäßigen Visionen zu ihren Anhängern zu machen. Während Mirabel sich einen Weg durch die düsteren Abgründe von Chasm City sucht, erhält er immer wieder neue Einblicke in das Leben von Sky Haussmann, der einst Sky’s Edge seinen Namen gab und als Anführer einer von der Erde gestarteten Flottille zu den großen Pionieren der Menschheit zählt.

Doch bald regen sich bei Tanner Zweifel. Ist es wirklich nur das harmlose Haussmann-Virus oder steckt gar mehr dahinter? Warum sieht er nun Dinge aus Skys Leben, welche in keiner offiziellen Chronik verzeichnet sind? Die Suche nach Antworten auf seine Frage führt ihn nicht nur tief in den Kern von Yellowstone, sondern auch weit zurück in seine eigene Vergangenheit – wenn es denn überhaupt die seine ist…

Wie schon im Auftakt „Unendlichkeit“, so bedient sich Reynolds auch diesmal mehrerer Schauplätze und chronologisch verlagerter Handlungsstränge, um seine komplexe Geschichte zu erzählen. Im Gegensatz zum Erstling ist dieser Balanceakt diesmal jedoch auch vollends gelungen, stimmt die Gewichtung der einzelnen Rädchen, welche, immer mehr ineinander verzahnt, den Plot vorantreiben und ihn letztlich in einem mehr als stimmigen Finale abrunden. Auf dem Weg dorthin geizt Reynolds nicht mit Twists und Turns, die stets aufs Neue am Status Quo zweifeln und uns das soeben gelesene aus einem anderen Blickwinkel betrachten lassen. Auffällig dabei: Egal, welche Erzählebene man so eben betritt, der Rhythmus kommt an keiner Stelle aus dem Takt. Im Gegenteil: Ob im Dschungel von Sky’s Edge, dem vor Dreck triefenden „Schlund“ oder in der Düsternis der Siedlerschiffe – jeder Handlungsstrang fasziniert auf seine Art, trägt eine weitere Facette zum Renyoldschen‘ Universum bei. „Chasm City“ ist, trotz mehr als 800 Seiten, durchgängig spannend, seine Figuren, wenngleich in ihren Fähigkeiten hier und da überzeichnet, unheimlich lebensecht.

Als Freund klassischer „Hardboiled“-Geschichten fielen mir persönlich da vor allem die „Privat-Eye“-Anleihen bei Tanner Mirabel ins Auge, welche sich allerdings mit dem Sci-Fi-Umfeld in keinster Weise beißen, sondern vielmehr zur Dynamik beitragen und „Chasm City“ mit dieser gewissen Portion Coolness versehen. Überhaupt lässt sich die Atmosphäre im Buch mit dem Messer schneiden. Hinter jeder dunklen Ecke lauert das Unbekannte, jeder neue Bekannte Tanners wird scharf und misstrauisch beäugt. Wo er kann, sät Reynolds die Saat des Zweifels aus, was die vielen Kehren in der Geschichte umso eindrucksvoller macht und zur Vielschichtigkeit des Ganzen genauso beiträgt, wie die undurchschaubaren und moralisch schwer einzuordnenden Charaktere. Übertroffen wird all dies nur noch von der Kulisse, die fast schon selbst eine eigenständige Figur darstellt und, trotz Anleihen aus anderen bekannten Werken (z.B. Dicks „Blade Runner“, „Shadowrun“ oder auch „Star Wars“), durchgehend fasziniert. Da verzeiht man es dem Autor sogar, dass die große Überraschung am Schluss wohl viele Leser nicht überraschen wird bzw. in Punkto Aha-Effekt nur mäßig zündet.

Chasm City“ ist eine hervorragende Mischung aus knallharten „Noir“, visionärer „Space Opera“ und dystopischen „Cyberpunk“, die mich über mehrere Tage mit Erfolg in meinen Schlaf- und Essensgewohnheiten gestört und über die volle Distanz bestens unterhalten hat. Ein ganz starker, eindrucksvoller Roman, der viele Fragen beantwortet, aber noch genug offen lässt, um nach den weiteren Bänden des „Revelation-Space“-Zyklus gieren zu lassen.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Alastair Reynolds
  • Titel: Chasm City
  • OriginaltitelChasm City
  • Übersetzer: Irene Holicki
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 832 Seiten
  • ISBN: 978-3453522213

Into the Great Wide Open

© Heyne

„Unendlichkeit“ ist nicht nur der Auftakt zum „Revelation-Space“-Zyklus, sondern gleichzeitig auch das Erstlingswerk des Walisers Alastair Reynolds, welcher lange Zeit als Physiker für die ESA (European Space Agency) gearbeitet hat und damit in Punkto Technik bereits durchaus das qualifizierte Rüstzeug für einen erfolgreichen Sci-Fi-Schriftsteller mitbringt. Leider kann er davon im ersten Band seines im weiteren Verlauf sich stetig steigernden Epos noch nicht viel Gebrauch machen, zumal der beinahe 800 Seiten umfassende Roman trotz beeindruckender Kulisse, vielfältigster Ideen und interessanter Figuren jeglichen Funken von Lebendigkeit bzw. Atmosphäre vermissen lässt.

Gerade den „reichlichen Charakter“, welchen Rezensent Frank A. Dudley von der Phantastik-Couch so begeistert lobt, habe ich hier schmerzlich vermisst, ist doch das Gesamtkonstrukt von Reynolds Universum eigentlich äußerst stimmig konzipiert. Allein die Beschränkung der Menschheit auf Reisen unterhalb der Lichtgeschwindigkeit ist ein gelungener Kniff, der aus der in vielen Elementen futuristischen Sci-Fi-Opera eine gleichzeitig auch konsequente Weiterentwicklung des derzeitigen Stands der Wissenschaft macht. Die Handlung von „Unendlichkeit“ kann, im Gegensatz zu den folgenden Bänden des Zyklus, von solchen Einfällen leider (noch) nicht profitieren.

Aufgeteilt ist sie zu Beginn in drei, später zwei parallel laufende Handlungsstränge, welche jedoch in verschiedenen zeitlichen Ebenen spielen. Ihren Anfang nimmt die Geschichte auf dem Planeten Resurgam, welcher im äußersten Winkel der von Menschen kartographierten Galaxis liegt und vor etwa einer Million Jahren Heimat des Volkes der Amarantin war. Von ihnen und ihrer Kultur sind nur noch tief im Boden verschüttete Ruinen übrig geblieben. Eine mysteriöse planetare Katastrophe hat sie vollständig ausgerottet – und Dan Sylveste, egozentrischer Wissenschaftler und Archäologe, arbeitet versessen daran, die näheren Hintergründe der Vernichtung in Erfahrung zu bringen, zumal er befürchtet, dass der Menschheit, welche trotz ihrer weiten Ausbreitung bisher nicht auf nennenswerte Alienvölker gestoßen ist, in nicht allzu ferner Zukunft dasselbe Schicksal drohen könnte.

Zehn Jahre zuvor begleiten wir das Lichtschiff „Sehnsucht nach Unendlichkeit“, das sich, gestartet im Epsilon Eridani System, der Heimat Silvestes, auf der langen Reise nach Resurgam befindet. Mit an Bord ist auch die professionelle Killerin Ana Khouri, welche im Auftrag der geheimnisvollen Mademoiselle, einen Weg finden sollen, den bekannten Archäologen zu eliminieren. Keine leichte Aufgabe, ist doch das Schiff mittlerweile fest im Griff der Schmelzseuche und wird von einem rätselhaften Virus namens „Sonnendieb“ immer wieder sabotiert …

Wenn ich ehrlich bin, ist dieser kurze Anriss des Inhalts doch sehr geschönt, braucht es doch viele hundert Seiten bis überhaupt absehbar wird, dass die einzelnen Handlungsstränge ineinanderlaufen bzw. näher miteinander zu tun haben. Alastair Reynolds springt schneller zwischen Perspektiven, Zeiten und Schauplätzen als Hamilton Rennen fährt, weshalb es besonders im ersten Drittel des Romans höchste Aufmerksamkeit bedarf, um zumindest ein wenig den Überblick zu behalten. Mehr als einmal stand ich kurz davor, diesen dicken Schinken in die Ecke zu knallen, wurde dann aber stets wieder schwach, da es dem Autor, trotz des komplexen Handlungskonstrukts, schließlich doch gelingt für gewisse Spannungsmomente zu sorgen und durch rätselhafte Ereignisse den Detektiv im Leser zu wecken. Mit fast schon unverschämter Dreistigkeit hält er uns immer wieder den leckeren Knochen hin, um ihn kurz vor Erreichen unter der Nase wegzuziehen. Bestes Beispiel sind die eindrucksvollen Beschreibungen der „Schleierweber“, deren im Dunkeln lauernde Gefahr man sich (wie auch die „Schmelzseuche“) viel detaillierter ausgearbeitet wünscht. Reynolds belässt es aber bei einer kurzen Geschmacksprobe und konzentriert sich stattdessen auf das konfliktreiche Katz-und-Maus-Spiel der Figuren.

So wird der Leser durchgehend an der langen Leine gehalten, was von der Besetzung des Romans noch verstärkt wird, die – und daran krankt „Unendlichkeit“ besonders – ziemlich blass daher kommt. Ob Ana Khouri, Volyova oder Sylveste selbst – inmitten der durchaus beeindruckenden Kulissen (hier ist vor allem das düstere, schaurige Ultra-Raumschiff „Sehnsucht nach Unendlichkeit“ hervorzuheben) wirken sie allesamt wie ungewollte Staffage, derart lieblos sind sie gezeichnet. Eine größere Verbindung zwischen Leser und Figuren will so nicht aufkommen. Der Mangel an sympathischen Charaktere ist Reynolds dabei weniger vorzuwerfen, als die emotionale Gleichgültigkeit mit der sie handeln.

Kalt, rücksichtslos, verschlagen – alles schön und gut. Aber was geht in den Köpfen eigentlich vor? Was sind die Motive? Und warum fühlen wir nicht mit ihnen? Womit Reynolds in „Chasm City“ (mehr dazu bald hier) zu begeistern weiß, das gelingt hier noch nicht oder zumindest nicht lang genug, um an irgendeinem der Schicksale Anteil zu nehmen. Torpediert wird das Ganze noch durch ein vorangestelltes Personenregister, das unnötigerweise bereits vor dem ersten Satz der Geschichte Auskunft darüber gibt, was mit wem wo und wann passiert bzw. wer was und wie im Schilde führt. Daher vorweg an alle künftigen Leser: Unbedingt ignorieren, um sich nicht vorab die ohnehin rar gesäten Aha-Momente zu nehmen.

So kritisch die Rezension nun klingen mag, ein Flop ist „Unendlichkeit“ beileibe nicht. Allein die detaillierten physikalischen Beschreibungen Reynolds sowie der umfangreiche Aufbau beeindrucken, machen einfach Appetit auf dieses Universum, das augenscheinlich noch so viele Überraschungen bereithält, welche in den kommenden Bänden dann tatsächlich auch auf den Leser warten. Um diese in vollen Zügen genießen zu können, sollte man „Unendlichkeit“ allerdings unbedingt gelesen haben, da hier der Boden für zukünftige Ereignisse bereitet wird. Dieser „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“-Charakter des Buches wird natürlich nicht bei allen Sci-Fi-Freunden auf Begeisterung stoßen.

Letztlich bleibt nur zu sagen: Der Kampf durch dieses manchmal arg staubige und zähe Machwerk lohnt. „Unendlichkeit“ präsentiert sich als verheißungsvolle Spitze eines weit größeren Eisbergs, an dem Freunde der dystopisch-dreckigen Science-Fiction sicherlich ihren Spaß haben werden. Wer hier jedoch nicht bis zum Ende durchhält, hat trotzdem mein vollstes Verständnis.

Wertung: 74 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Alastair Reynolds
  • Titel: Unendlichkeit
  • OriginaltitelRevelation Space
  • Übersetzer: Irene Holicki
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 05/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 768 Seiten
  • ISBN: 978-3453521865