Morgan, der Menschenfeind

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© Berlin

Trotz des lang anhaltenden Engagements des Berlin Verlags – William Boyd ist hierzulande inzwischen wieder ein äußerst seltener Anblick, sowohl in den Filialen der großen Buchhandelsketten als auch in kleineren inhabergeführten Läden. Nachhaltig scheint er sich in Deutschland also nicht zu etablieren und das ist tatsächlich äußerst bedauerlich, weist doch das Werk des in Ghana geborenen Schriftstellers eine Vielseitigkeit auf, die manch anderer vermeintlich größerer Kollege – zumeist wohl auch aus Angst heraus, etwas Neues wagen zu müssen – vermissen lässt.

Von einer fiktiven Biographie über das Katz-und-Maus-Spiel von Agenten bis hin zum Kriminalroman vor exotischer Kulisse – Boyd zeigt sich seit Jahren erstaunlich wandlungsfähig, wobei er – trotz seiner vielen Genre-Wechsel – mit einer Stilsicherheit überzeugt, die jedes seiner Bücher eindeutig als ihm zugehörig kennzeichnet. Das gilt auch und vor allem für den Erstling „Unser Mann in Afrika“, der, unter anderem mit Somerset Maugham Award ausgezeichnet, literarische Klasse mit einer Humor-Dichte paart, welche man sonst so nur von T. C. Boyle kennt, dessen Debüt „Wassermusik“, nur ein Jahr später erscheinend, interessanterweise ebenfalls auf dem Schwarzen Kontinent verortet ist.

In seinem erste Roman erzählt Boyd die Geschichte des zweitklassigen Diplomaten und ewigen Verlierers Morgan Leafy, welcher verzweifelt danach strebt, seinem Posten in der fiktiven ehemaligen Westafrika-Kolonie Kinjanja zu entfliehen und die Karriereleiter emporzuklettern. Scheitern tut der egoistische und arg oberflächliche Menschenfeind dabei in erster Linie an sich selbst, was ihn jedoch nicht davon abhält, seine Schuld stets bei anderen zu suchen. Mit „Unser Mann in Afrika“ hat Boyd einen schwierigen Balanceakt bewältigt – eine höchst humorvolle Satire auf Papier zu bringen, welche, trotz teilweise schon Slapstick-artiger Auswüchse, nie gänzlich ins Lächerliche kippt. Mit beißender Ironie legt er das koloniale Gehabe der englischen Botschaftsmitarbeiter bloß, die Afrika vor allem als berufliches Abstellgleis und die Kultur seiner Einwohner als rückständig empfinden. Hinter strahlendem Lächeln wird hier intrigiert, gemobbt, korrumpiert und erpresst – was man haben will, wird sich einfach genommen.

Umso überraschender, dass uns der selbstsüchtige und, selbst nach peinlichsten Tiefschlägen, hochmütige Morgan, so sehr ans Herz wächst, ja, wir einfach Mitleid mit ihm haben müssen. Die Art und Weise wie der Protagonist immer wieder vom Regen in die Traufe gerät, hat mich manchmal schallend lachen lassen. Auch hier fühlte ich mich bei seinen Kapriolen, die nicht selten haarscharf am Slapstick vorbeitaumeln, an das bereits oben erwähnte „Wassermusik“ von Boyle erinnert. Besser noch als diesem gelingt Boyd (was ihn auch in späteren Werken auszeichnen wird) seine Landschaftsbeschreibungen. Ein Buch dieses Autors zu lesen bedeutet farbenprächtiges Kopfkino, wobei er die stimmungsvolle Schwarzafrikaromantik genauso gut hinbekommt wie den bezahlten, verschwitzten Sex zweier Besoffener in einer verdreckten Absteige. Von Letzterem hat Morgan trotz dicker Bierplauze erstaunlich viel, wenngleich natürlich auch diese Liebesakte nicht ohne Merkwürdigkeiten ablaufen.

Der zynische Unterton, er beherrscht diesen zwar immer schmunzelnden, aber auch stets scharfzüngigen Roman und es stellt sich dann doch die Frage, wie viel eigene Erlebnisse hier mit eingeflossen sind, verbrachte der in Ghana gebürtige William Boyd doch einen Großteil seiner Jugend in Afrika, weshalb er durchaus mit den Überresten kolonialen Dünkels konfrontiert worden sein dürfte. Wo die Überdosis Testosteron, die uns allenthalben entgegenschlägt, ihren Ursprung hat, ist dagegen weniger einfach nachzuvollziehen, aber selbst wenn es da eine Erklärung geben sollte – man muss es mögen und aushalten, um das vorliegende Werk über die gesamte Distanz genießen zu können. Und dazu sei dringend geraten, schlummert doch unter dieser oberflächlichen Triebhaftigkeit eine durchaus ernst gemeinte Botschaft. Übrigens ganz im Gegensatz zur Verfilmung (u.a. mit Sean Connery – keine seiner Sternstunden), die so überzeichnet und derb daher kommt, dass selbst die Bezeichnung Klamauk noch zu hoch angesetzt ist.

Unser Mann in Afrika“ ist ein herrlich doppeldeutiges Werk über den arroganten und ignoranten Europäer, aber auch eindeutig erst ein früher Schritt des mich in späteren Büchern immer wieder auf höchstem Niveau begeisternden Autors, der, soviel sei zur Beruhigung gesagt, schon recht bald auch die seriösere Ernsthaftigkeit für sich entdeckt. Während Morgan Leafy sich in der im gleichen Jahr (1981) erschienenen Kurzgeschichtensammlung „On the Yankee Station and other Stories“ nochmal nach allen Regeln der Kunst in zwei weiteren Stories austoben darf, wagt sich William Boyd mit „Der Eiskrem-Krieg“ – dem nachfolgenden Roman, welcher den Schauplatz Ostafrika im Ersten Weltkrieg thematisiert – auf weit schwierigeres Terrain. Mehr dazu dann aber zu einem späteren Zeitpunkt an anderer Stelle, denn in Zukunft werde ich hier doch immer wieder mal einen Titel aus der Feder dieses erfrischend experimentierfreudigen Schreiberlings vorstellen.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: William Boyd
  • Titel: Unser Mann in Afrika
  • Originaltitel: A Good Man in Africa
  • Übersetzer: Hermann Stiehl, Chris Hirte
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 04.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3833305375
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„Die Leute werden immer rücksichtsloser …“

© Kiepenheuer & Witsch

Ursprünglich als Abschlussarbeit für den Creative-Writing-Kurs am Bennington College in Washington geschrieben, war Bret Easton Ellis‘ damaliger Professor derart beeindruckt von „Unter Null“ (engl. „Less than Zero“), dass er den 21-jährigen Studenten dazu motivierte, die Arbeit als Roman im Jahr 1985 zu veröffentlichen.

Ein Glücksfall für Autor wie Leser gleichermaßen, ist doch Ellis‘ Erstlingswerk knapp dreißig Jahre später längst zum Kultbuch einer ganzen Generation avanciert. Zugleich stellt es den Ausgangspunkt einer Reihe weiterer stilistisch wie inhaltlich ähnlicher Titel des Schriftstellers dar, die alle eins gemeinsam haben – sie sind nichts für die kurzweilige Lektüre für zwischendurch, sondern verstörend-düstere Milieuschilderungen aus der Upper-Class, von denen Zartbesaitete besser von vorneherein ihre Finger lassen sollten. Wenngleich ich mich selbst nicht zu den Letzteren zähle, hat doch mich insbesondere die Verfilmung von „American Psycho“ lange von einer Lektüre des Autors abgehalten. Zu Unrecht, wie ich nach Beendigung des Buches feststellen muss. „Unter Null“ ist ein harter, dunkler, bitterer Trip, aber letztlich in allen Belangen lohnenswert.

Die Story, welche eigentlich genauso belanglos ist, wie das Treiben ihrer Protagonisten, sei an dieser Stelle zum Verständnis dennoch kurz angerissen:

Erzählt wird die Geschichte des privilegierten und bis über alle Maßen verwöhnten Studenten Clay, welcher über Weihnachten und Neujahr für einen Familien-Besuch nach Los Angeles zurückkehrt, sich letztlich von dieser aber sogleich distanziert, um sich stattdessen in das alte Vor-College-Leben zu stürzen und gemeinsam mit seinen Kumpels von früher, allesamt aus ähnlich reichen Verhältnissen stammend, in das Party-Leben der High Society einzutauchen. Frei von jeglichen sozialen oder beruflichen Verpflichtungen besteht das einzige Problem darin die Zeit im sonnigen Kalifornien irgendwie totschlagen zu können. Die Tage sind ausgefüllt mit Drogen- und Alkoholexzessen, sexuellem Verkehr mit Männern wie Frauen, ziellosen Autofahrten in teuren Autos über die Boulevards von L.A. – ständig auf der Suche nach dem schnellem Kitzel, dem Kick, der wenigstens für eine kurze Zeit die Langeweile vertreibt und die sinnlose Leere des Alltags füllt. Ein Kick, der aber am Ende doch stets ausbleibt.

Wie lebende Tote wandeln Clay und seine Freunde von Party zu Party, von einer Line Koks zur nächsten – gefangen in einem Teufelskreis immer extremerer Beschäftigungen, denen diese Kinder ebenso oberflächlicher und verstörender Eltern nach und nach erliegen. So schaut Clay tatenlos mit zu, wie sich sein ehemals bester Freund Julian durch seine Heroinabhängigkeit prostituiert, wie sein Drogendealer Rip mit mehreren anderen ein 12-jähriges gefesseltes Mädchen bestialisch vergewaltigt, wie sich gleich eine ganze Gruppe an der Brutalität eines Snuff-Films erfreut. Obwohl durchaus angewidert vom moralischen Verfall seiner alten Clique, besitzt Clay am Ende doch keinen über sich selbst hinausweisenden eigenen Antrieb. Unfähig zur Aktion, dazu zu fühlen, zu lieben und taub vom sinnentleerten Leben bleibt ihm am Ende als Ausweg nur die Abreise … und damit das zu tun, was ihm seit der Ankunft am Flughafen auf einem Reklameschild immer wieder entgegen geprangt hat: „Verschwinde von hier!

Was Jack Kerouac einst in „On the Road“ als Genre aus der Taufe und zum Programm erhob – in „Unter Null“ wird es auf eine neue und leider wahrscheinlich nicht mal finale Ebene gestemmt, in der der Wille zur sexuellen und ethischen Freiheit im Verbund mit der Bewusstseinserweiterung durch Drogen längst nicht mehr der Intensivierung des Lebensgefühls dient, als vielmehr zur Betäubung eben dieses. Während ein Irvine Welsh in „Trainspotting“ und weiteren Werken genau dieses Phänomen aus der Sicht der sozialen Unterschicht schildert, führt Ellis mehr als eindringlich vor Augen, dass der moralische Verfall keinerlei Unterschiede mehr macht und keine gesellschaftlichen Grenzen kennt. Ob Arm oder Reich – das Ende der klassischen Familie, die ergebnislose Suche nach der eigenen Bestimmung finden wir inzwischen in allen Bereichen vor. Und seit Burgess „Clockwork Orange“ habe ich persönlich kein Buch mehr in den Händen gehabt, das die stumpfsinnige Maschinerie unserer in so vielen Belangen degenerierten und emotionslosen Gesellschaft derart intensiv und sprachlich präzise auf Papier übertragen hat, wie Bret Easton Ellis „Unter Null“. Gerade die völlige Abwesenheit gefühlsmäßiger Regungen, diese kalte, abgebrühte, ekelhaft sachliche Sprache angesichts schlimmster Ereignisse, hat mich tief getroffen und schockiert. Und das nicht weil eine fiktive Geschichte hier gut funktioniert, sondern weil einem in jeder Zeile im Bewusstsein bleibt, dass das Buch ein gänzlich realistisches Spiegelbild der 80er Jahre im mondänen Kalifornien darstellt – und es sich seitdem dort und auch andernorts sicherlich nicht verbessert hat. Im Gegenteil.

Es entbehrt also nicht einer gewissen Ironie, dass es gerade ein vollkommen gefühlskaltes Buch ist – in dem sich übrigens der Autor eines moralischen Zeigefingers vollkommen enthält und es zwischen all den hassens- und bedauernswerten Figuren keinerlei „Helden“ gibt – das uns auf solche eindringliche Art und Weise berührt. Die scharfe, aber immer nüchterne Feder mit der Ellis den Leser mit den Entartungen der Jugendlichen konfrontiert – sie ist der Resonanzkörper der Grausamkeit, der Destruktion und des nie enden wollenden Stumpfsinns.

Unter Null“ ist von Anfang bis Ende düster, gönnt uns trotz dauerhaft brennender kalifornischer Sonne, getönten Brillengläsern, grellblonden Haaren und gebräunten Körpern keinerlei Licht, keinerlei Ansätze vom so erfüllenden „Way of Life“. Stattdessen herrscht eine Schwere vor, die selbst die Erinnerungen Clays nicht durchbrechen können, der oft am Rande der Tränen zurückblickt und in der inzwischen längst verstorbenen Großmutter oder den Jahren an der Highschool einen Hauch von Normalität zu erkennen glaubt. Diese zarten Andeutungen von Gefühl reichen jedoch am Ende nicht aus, um ihn zu berühren. Gefangen im Luxus alles zu haben und bekommen zu können, ist er einfach nicht in der Lage sein eigenes seelisches Leid zu erkennen, ist er nie verzweifelt genug, die Anstrengung zu unternehmen, hinter die hohle Fassade zu blicken und aus dieser auszubrechen.

Nach knapp 200 Seiten kehrt Clay Kalifornien und einer möglichen Liebe den Rücken. Was bleibt sind tiefe Eindrücke, ein schaler Beigeschmack und verstörende Bilder, die ich wohl so schnell nicht losbekommen werde. „Unter Null“ ist ein Buch, das die Macht des geschriebenen Wortes aufs Eindrucksvollste unter Beweis stellt. Ein nachtschwarzes Panorama über die langen, schweren Schatten des Jet-Sets und der Upper-Class, das seinen Kultstatus völlig zu Recht verliehen bekommen hat. Ganz große Literatur auf kleinstem Raum – weitere Werke dieses Autors werden sicher in Bälde in mein Regal wandern.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Bret Easton Ellis
  • Titel: Unter Null
  • Originaltitel: Less than Zero
  • Übersetzer: Sabine Hedinger
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 01.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3462037005

This bitch is like a rose …

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© Walde & Graf

Spricht man über die frühen „schwarzen“ Romane der amerikanischen Krimi-Kultur, die so genannten „Hardboiled-Novels“ oder „Noirs“, fallen unweigerlich immer die Namen der großen Drei: Dashiell Hammett, Raymond Chandler und James Mallahan Cain. Während jedoch das Werk der beiden ersteren auch literarisch seine Würdigung fand, galt letzterer Zeit seines Lebens als Autor der Massen, welchem letztendlich nur wegen seiner Popularität bei den Lesern anerkennende Beachtung geschenkt wurde – und weniger aufgrund der von ihm produzierten Qualität. Besonders die stetig wiederkehrenden Handlungsmotive in seinen Büchern, seine Fixierung auf den Zusammenhang von Sex, Kriminalität und Gewalt, haben Cains Werk immer wieder nah an den Rand der Schund-Literatur gerückt.

Ein Stigma, das ihm bis heute, fast vierzig Jahre nach seinem Tod, noch wie ein übler Geruch anhaftet und dem der Autor in seiner langen Karriere auch stets aufs Neue ausreichend Nährboden lieferte. Cain suchte zielgerichtet den Skandal, wollte schockieren, die niederen Instinkte des Lesers ansprechen. Und er erreichte dies, in dem er in den 40ern und 50ern Tabuthemen wie Ehebruch, Verführung, sündhaftes Verlangen und kalten Mord nicht nur ansprach, sondern explizit schilderte.

Besser gesagt: Cain ging durch die Türen, welche Hammett und Chandler geschlossen ließen. So ist das Düstere in ihren Romanen zwar ein kunstvolles, aber in seiner Beschreibung auch lediglich künstliches Stilmittel, um die scharfen Kanten und die Härte von Sam Spade und Philip Marlowe zu betonen, wohingegen Cains Milieuschilderungen weit naturalistischer daherkommen. Das unmoralische und triebhafte Verhalten seiner Charaktere dient keinesfalls atmosphärischen Zwecken oder Effekthascherei – es ist ein Abbild des Lebens in den Gossen Amerikas, eine Wiedergabe seiner eigenen Erfahrungen. Und gerade das machte seine Bücher letztlich auch so beliebt und erfolgreich.

Ein Grund mehr einen Blick auf „Abserviert“ zu werfen, Cains letzten großen Roman, der für lange Zeit unbeachtet in dessen Nachlass vorlag, bis ihn der „Hard-Case-Crime“-Herausgeber Charles Ardai, auf Hinweis des Autorenkollegen Max Allan Collins, geborgen und schließlich 2012, nach einiger Überarbeitung, unter dem Titel „The Cocktail Waitress“ veröffentlicht hat. Letztlich ist er auch in deutscher Übersetzung von Gunter Blank und Simone Salitter bei Walde+Graf/Metrolit erschienen und gehört für mich schon jetzt zu den Highlights der letzten Jahre.

Erzählt wird die Geschichte, welche in den späten 50er Jahren spielt, von Joan Medford. Eine junge Frau, die soeben ihren Ehemann beerdigen musste, der im Suff sein Auto in eine Wand gefahren hat. Während dessen Familie sein Ableben betrauert, ist Joan mehr als froh den gewalttätigen Trinker los zu sein, der nicht nur sie, sondern auch ihren gemeinsamen Sohn mehr als einmal geschlagen hat. Weil er ihr aber gleichzeitig einen Haufen Schulden hinterlassen hat, muss sie ihren Jungen vorerst in der Obhut ihrer Schwägerin lassen, die nichts unversucht lässt, um Joan mit dem Tod ihres Bruders in Verbindung zu bringen und ihr die Polizei auf den Hals zu hetzen. Geld muss also dringend her. Und Ansprüche kann sich die junge Mutter nicht leisten.

Bereits kurze Zeit später tritt sie ihre Stelle als Cocktail-Kellnerin an, wo sie, offenherzig gekleidet und sexy gestylt, schon bald nicht nur fette Trinkgelder einstreicht, sondern auch zwei männliche Stammgäste auf sich aufmerksam macht. Einer ist Earl K. White III. Ein steinreicher, älterer Witwer und erfolgreicher Geschäftsmann, der sich unsterblich in sie verliebt und Joan heiraten möchte. Sollte sie sein Angebot annehmen, wären die finanziellen Probleme auf einen Schlag gelöst. Doch es nicht nur Earls Erscheinung, die Joan zögert lässt. Da ist auch noch Tom, ein junger, mittelloser Herumtreiber mit großen, aber nicht umsetzbaren Ideen, der sie immer wieder mit seinen Unverschämtheiten ärgert und gleichzeitig ihre Gefühle zum Kochen bringt. Für wen soll sie sich entscheiden?

Für Joan beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn ihre Schwägerin will ihren Sohn endgültig für sich selbst. Und auch die Polizei gibt sich mit der Unfallerklärung für den Tod ihres Mannes nicht zufrieden und beginnt neue Ermittlungen…

Bereits nach diesem kurzen Ausschnitt wird klar: Auch „Abserviert“ beinhaltet all die üblichen Zutaten eines klassischen Cain-Romans, einschließlich des typischen Frauenporträts. Verführerisch, verrucht, mit einer sexuellen Anziehungskraft, die in Joans Fall Fluch und Segen gleichermaßen darstellt, weil sie ihr zwar die Mittel zum sozialen Aufstieg verleiht, im selben Moment aber auch eben diesem im Weg steht. So nutzt ihre Schwägerin Joans Ruf weidlich aus, um deren Position im Kampf um das Sorgerecht des Jungen zu schwächen. Diese ist aufgrund ihrer Zahlungsunfähigkeit gezwungen, von den Vorzügen des Körpers Gebrauch zu machen, wenngleich sie nicht soweit gehen will wie ihre Kollegin Liz, und ihn an den meistbietenden verkauft. Stattdessen spielt sie geschickt mit ihren Reizen, wobei die Dreiecksbeziehung, so oft in Cains Romanen thematisiert, Joan in die Rolle der „femme fatale“ zwingt. Oder doch nicht?

Inwiefern Joans Rolle innerhalb der Handlung zu interpretieren ist, hängt ganz vom Blickwinkel des Lesers ab, der über knapp 350 Seiten ihren Ausführungen durchaus wortgetreu glauben kann, wodurch er die Geschichte eine naiven, aber selbstbewussten Frau erlebt, die aus jeder Situation ihren Vorteil zu ziehen versucht und dabei gegen das Rollenverständnis der Männer kämpft, welchen weniger an ihrem Glück, als vielmehr an ihrem Körper gelegen ist. Das würde aus „Abserviert“ einen Kriminalroman ohne Verbrecher bzw. Verbrechen machen, da Joan, trotz der Zweifel des jungen Cops Private Church, in allen Todesfällen nichts nachzuweisen ist. Bringt man sich jedoch in Erinnerung, dass bei Cain (mit Ausnahme von „Mildred Pierce“) stets die Männer einer Frau verfallen, die in kriminelle Handlungen verstrickt ist und ihre Verehrer nach Strich und Faden betrügt, erscheint der Roman in einem gänzlich anderen Licht. So bleibt am Ende stets der Zweifel, ob Joan nicht doch eine Lügnerin und damit letztlich eine dreifache Mörderin ist, die, ähnlich wie der Erzähler in Christies „Alibi“, uns Leser lediglich das wissen lässt, was wir wissen sollen.

Es sind diese beiden Interpretationsmöglichkeiten, im Verbund mit Cains zeitlosem Stil, die „Abserviert“ zu einer Perle im Lebenswerk des amerikanischen Schriftstellers machen. Charles Ardai ist es gelungen, aus den vielen Einzelteilen und Ansätzen der Notizen eine in sich stimmige, stringent erzählte Fassung zu schmieden, welche den Geist der 50er und 60er in jeder Zeile atmet und diesen konserviert (hier stechen besonders die Passagen innerhalb der Cocktail-Bar hervor), ohne dabei in irgendeiner Art und Weise altmodisch zu wirken. Ganz im Gegenteil: Joans Situation und ihr Versuch sich dieser zu entziehen, sind heute noch genauso nachvollziehbar wie damals.

Abserviert“, Cains so lange verschollener Roman, ist, auch dank der erneut großartigen Aufmachung von Walde+Graf/Metrolit, für Krimi-Freunde wie Bibliophile gleichermaßen eine mehr als empfehlenswerte Wiederentdeckung. Ein düsteres und doch berauschendes „Noir“-Werk der alten Schule, das durch Ardais Nachwort informativ abgerundet wird.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: James Mallahan Cain
  • Titel: Abserviert
  • Originaltitel: The Cocktail Waitress
  • Übersetzer: Gunter Blank, Simone Salitter
  • Verlag: Metrolit (Walde + Graf)
  • Erschienen: 03.2013
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 272 Seiten
  • ISBN: 978-3849300623

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(c) Pendragon

So schön Krimi-Reihen eigentlich sind, erweisen sie sich für Menschen wie mich, die notorischer Weise jeden Titel unbedingt besprechen wollen, dann doch manchmal als eine gewisse Bürde. Insbesondere im Falle von Autoren wie dem inzwischen verstorbenen Robert B. Parker, welcher sowohl mit seinen Spenser-Romanen als auch bei der Jesse-Stone-Reihe jegliche Experimente strikt abgelehnt und stets nach bewährten Rezept bzw. Konzept geschrieben hat, was es wiederum etwas schwierig macht, das „Besondere“ hervorzuheben. Denn – so negativ das jetzt geklungen haben muss– Parkers Werke sind, fernab krimineller Superlative der Mainstream-Konkurrenz, (fast) uneingeschränkt empfehlenswert und können größere Aufmerksamkeit seitens der deutschen Leser zweifelsfrei gebrauchen.

Insofern kommt da der fünfte Band um Polizeichef Jesse Stone (bekannt auch durch die CBS-Verfilmungen mit Tom Selleck in der Hauptrolle) gerade recht, stellt „Tod im Hafen“ doch den bisherigen Höhepunkt der Serie dar, was nicht zuletzt daran liegt, dass Parker ein wenig die Komfortzone verlässt und thematisch heißeres und auch emotional aufwühlenderes Eisen anfasst.

Sieben Jahre sind inzwischen vergangen, seit der Cop Jesse Stone Los Angeles den Rücken gekehrt und seinen Posten als Polizeichef im fiktiven Provinznest Paradise im Bundesstaat Massachusetts bezogen hat. Die Zeiten als Ermittler in der Mordkommission liegen genauso hinter ihm, wie seit kurzem auch der Alkohol. Seit zehn Monaten und genau dreizehn Tagen hat er keinen Schluck mehr getrunken. Und auch seine Beziehung zu Ex-Frau Jenn steht wieder unter einem besseren Stern. Nach vielen Affären auf beiden Seiten wagen sie nun einen Neuanfang. Wortwörtlich paradiesische Zustände also, wäre da nicht die im Hafenbecken angeschwemmte Leiche einer jungen Frau, welche Rätsel aufgibt, zumal Florence Horvath, so ihr Name, eigentlich in Fort Lauderdale, Florida, wohnhaft ist.

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass gerade zu dieser Zeit die Rennwoche stattfindet? Ein riesiges Event in Paradise, das zahlreiche Besitzer großer, teurer Yachten in den Hafen lockt und doch weit weniger mit Segelsport zu tun hat, als der Name auf den ersten Blick vermuten lässt. Stattdessen werden feuchtfröhliche Parties an Bord und an Land gefeiert. Und Florence, Tochter reicher Eltern, attraktiv, durch und durch verwöhnt und mit einer Vorliebe für außergewöhnliche Sexspiele, scheint, wie Jesse Stone und seine Kollegen recht bald herausfinden, fester Bestandsteil der ausartenden Exzesse gewesen zu sein. Warum aber leugnen dann Besitzer, Crew und Gäste der „Lady Jane“ Florence gekannt zu haben? Und weshalb haben sich ihre Schwestern, Musterbeispiele der Kategorie „Blond und Blöd“, jetzt ebenfalls nach Paradise begeben, um selbst Nachforschungen anzustellen?

Mit der ihm eigenen Sturheit und Beharrlichkeit ermittelt Stone in den Kreisen der „Upper Class“ und muss nach und nach erkennen, dass es sich bei Florence‘ Tod nur um die Spitze eines Eisbergs aus Sex, Gewalt, Lügen und Verdrängung handelt …

Dass die High Society nicht selten einem Sündenpfuhl mit tiefsten Abgründen gleichkommt, ist ganz sicher keine neue Erkenntnis und wird in „Tod im Hafen“ auch nicht zum ersten Mal in der Form eines Kriminalromans präsentiert. Interessant ist aber die Herangehensweise von Robert B. Parker, der sich nur allmählich und – vor allem im ersten Drittel – behutsam der Thematik nähert, wobei er mittels einfachster Tricks und Kniffe, dem Leser die hedonistischen Ausschweifungen der Reichen vor Augen führt. Drogen, zügelloser Sex, Alkohol – im Rausch fällt die Fassade des Wohlstands zusammen, bricht sich ein Deck tiefer, unter dem blank gebohnerten Teakholz der Yachten, das Primitive und Dreckige des Menschen Bahn. Probleme und Widrigkeiten – unter den Oberen Zehntausend werden sie in Cocktails ertränkt, menschliche Schicksale mit starren, facegelifteten Masken weggelächelt, wodurch Jesse Stone wiederum auf eine Mauer des Schweigens stößt, die, vor allem was die sexuellen Ausschweifungen angeht, zunehmend seinen inneren Friedens stört, da etwas in ihm davon nicht unbehelligt bleibt. Er selbst hegt zunehmend unkeusche Gedanken gegenüber Jenn, kann die Eifersucht nicht abschütteln – macht ihn das den Teilnehmern dieser orgiastischen Veranstaltungen ähnlich? Antworten auf diese Fragen sucht er, wie fast in jedem Band, bei seinem Psychotherapeuten Dix.

Auch aus diesem Grund schleppen sich vor allem anfangs seine Ermittlungen hin, was die ungeduldigen unter den Lesern hoffentlich nicht mit einem Abbruch der Lektüre quittieren werden, da „Tod im Hafen“ einem guten Wein gleichkommt, dem man die Zeit zum Atmen geben muss, um anschließend das „Aroma“ kosten zu können. Wobei Aroma in diesem Zusammenhang eher einen faden Beigeschmack bezeichnet, der sich unabwendbar die Kehle hinaufarbeitet, wenn uns Robert B. Parker mit jeder weiteren Seite mehr haarsträubenden Details aussetzt und sich aus dem reinen Mordfall schließlich eine dramaturgische Tragödie entwickelt, welche zunehmend auch familiäre Züge aufweist. In der Auseinandersetzung mit den haarsträubenden, ans Licht kommenden Details zeigt sich dann auch die Stärke dieses Romans, der, gleichsam dem Ablauf einer rauschenden Party, einen Bogen von ungehemmter Ausgelassenheit hin zum morgendlichen Kater schlägt – in diesem Fall verkörpert durch menschliche und moralische Abgründe, die selbst hartgesottene Leser wohl nicht kalt lassen dürften.

Selten, wirklich sehr selten, hat Robert B. Parker seinen emotionalen Schutzschild derart tief gesenkt, wie hier in „Tod im Hafen“. Obwohl auch der fünfte Band der Reihe von seinem kurz-knappen, schnoddrigen und vor allem schnörkellos-geschliffenen Stil dominiert wird, umgibt ihn doch eine gewisse, traurige Schwere, die an keiner Stelle künstliche Züge annimmt, sondern der abschließenden Auflösung des Falls auf gebührende, und vor allem ernsthafte Art und Weise, Rechnung trägt. Insbesondere das letzte Drittel beeindruckt und bedrückt gleichermaßen, erinnerte mich streckenweise gar an die Umtriebe in Bret Easton Ellis Kult-Roman „Unter Null“, der in einem ähnlich parasitären Umfeld spielt und dessen Protagonisten sich auf der „Lady Jane“ wohl auch gut aufgehoben fühlen würden.

Natürlich wäre ein Jesse Stone kein Jesse Stone, wenn uns Parker nicht auch hier ein paar flotte Sprüche und noch flottere Damen kredenzen würde. Die Anwältin Rita Fiore (bekannt aus der „Spenser“-Reihe – der in „Tod im Hafen“ nur als „Detektiv“ bezeichnet wird) und die Polizeibeamtin Kelly Cruz aus Fort Lauderdale, die vor Ort im Auftrag des Polizeichefs aus Paradise weiteren Spuren nachgeht, komplettieren die übliche Besetzung aus heißen Bräuten, die nun mal immer irgendwie Stones Nähe suchen – wie sich das für den smarten Cop alter Schule halt gehört. Dass diese Schilderungen sich nicht abnutzen, liegt dann nicht zuletzt auch an der unheimlich gelungenen Übersetzung von Bernd Gockel, der die auf Tempo frisierten, lässigen Dialoge samt Ironie, Zynismus und Sarkasmus über die gesamte Distanz äußerst stilsicher ins Deutsche überträgt. Gerade bei diesem Band, der sich an der Balance zwischen Coolness und Ernsthaftigkeit unbedingt messen lassen muss, sollte Gockels Wirken als entscheidend gewürdigt werden.

Tod im Hafen“ – das ist eben doch nicht einfach nur der x-te Band irgendeiner Krimi-Reihe, sondern ein erschreckend aktueller, unheimlich eindringlicher Augenöffner im Gewand des Spannungsromans, dessen stufenweise zu Tage tretende Enthüllungen ihn entdeckungs- und vor allem lesenswert machen. Gefangen im Mahlstrom von Dekadenz und Pomp liefern sowohl Parker als auch Jesse Stone ihre bis hierhin beste Leistung innerhalb der Serie ab.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Tod im Hafen
  • Originaltitel: Sea Change
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 07.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 328 Seiten
  • ISBN: 978-3865324160