Sechs blutige Stunden in Edinburgh

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(c) Rotbuch

Ja, zugegeben. Schottland und speziell Edinburgh haben mich gedanklich gerade mal wieder fest im Griff. Und ein weiterer angekündigter Rebus weckt in mir doch sogleich wohlige Vorfreude. Wem es mit dem „Athen des Nordens“ ähnlich geht, die Titel aus der Rankins Reihe allerdings alle schon kennt oder allgemein mehr auf das pulpige Vergnügen steht, der sollte vielleicht mal einen Blick auf Allan Guthrie riskieren, dessen „Family Job“ mir mit zwiespältigen Gefühlen in Erinnerung geblieben ist. Und wer weiß, Geschmäcker sind verschieden – vielleicht findet in dem Roman sogar der ein oder andere genau das Gesuchte.

„Auch wenn es in den Zeiten der Cody McFadyens, Mark Nykanens und Mo Hayders vielleicht überflüssig geworden ist, darauf hinzuweisen, seien an dieser Stelle vorab die Zartbesaiteten unter den Krimilesern gewarnt: Das beim Rotbuch Verlag erschienene Werk (später auch unter dem Titel „6 Stunden Angst“ bei Heyne aufgelegt) des britischen Shootingstarschriftstellers Allan Guthrie, „Family Job“, kratzt in seinen Schilderungen der Gewalt nah an den Grenzen des Erträglichen. Bereits bei dem im davorigen Jahr veröffentlichten „Hard Man“, der Titel lässt es schon vermuten, ging es knallhart zur Sache. Diesmal legt der in Edinburgh geborene Autor noch mal eine Schüppe Blut und eine Portion brachiale Rache oben drauf. „Auge um Auge, Zahn und Zahn“ wäre ebenfalls ein passender deutscher Titel für dieses Buch gewesen, das mit schonungslosen und gleichzeitig skurrilen Szenen irgendwo zwischen Pulp, Burleske und Satire taumelt, ohne sich dabei für eine Genrerichtung entscheiden zu können. Am ehesten lässt sich „Family Job“ da noch mit der „Max-und-Angela“-Reihe von Jason Starr und Ken Bruen vergleichen. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass einem hier trotz all der komödiantischen Elemente ums Verrecken kein Lachen über die Lippen kommen will.

Edinburgh, abends um halb Elf. Fraser Savage, untalentierter Kleinganove und talentierter Säufer, ist mit seiner neuesten Barbekanntschaft auf dem Weg nach Hause, um einen feuchtfröhlichen Abend mit ein bisschen Sex zu krönen, als ihm der Anblick einer nackten Leiche in seinem Wohnzimmer einen Strich durch die Rechnung macht. Bei dem im Waschzuber liegenden Toten scheint es sich um seinen Onkel Phil zu handeln. Da der Kopf säuberlich abgetrennt wurde, ist das so auf den ersten Blick aber schwer festzustellen. Was Fraser zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht weiß: Es ist erst der Auftakt einer äußerst blutigen Nacht, in die auch sein Vater, Tommy Savage, der von dem mit Skimaske vermummten Mr. Smith erpresst wird, involviert ist. Tommy hat ebenso wenig einen Plan was gespielt wird, realisiert aber schnell, dass zum Denken wenig Zeit bleibt und Handeln angesagt ist. Was folgt ist ein Kreislauf von Blutvergießen zwischen zwei verfeindeten Familien aus der Edinburgher Unterwelt, der besonders Mr. Smith, einen an Hämophobie (die abnormale Angst vor Blut) leidenden Ex-Knacki, in den kommenden sechs Stunden auf eine harte Probe stellen soll …

Sollte Quentin Tarantino jemals seine Gedanken in einem Pulp-Roman zu Papier bringen, Allan Guthrie böte sich als Ghostwriter trefflich an, den was der Schotte dem Leser hier präsentiert, muss sich in Punkto Gewalt und Absurditäten hinter „Kill Bill“ und Konsorten nicht verstecken. Allerdings sei auch gleich gesagt: Die Qualität in Sprache, Dialogen und Figuren erreicht „Family Job“ nicht. Besonders zu Beginn liest sich das Werk wie eine oberflächliche Aneinanderreihung von Gräueltaten, in der Guthrie das Thema Mord mit einer schon fast erschreckenden Gleichgültigkeit behandelt. Während Leichen entsorgt und neue produziert werden, versteckt sich der moralische Zeigefinder zitternd im Dunkel des Kellers. Gut und Böse haben zwischen diesen Ausbrüchen der Gewalt ihre Grenzen verloren und sich vermischt. Stattdessen wird ein Loblied auf die Selbstjustiz gesungen. Auch bei genauerem Hinsehen lässt sich da kein größerer Tiefgang erkennen, enttäuscht der plumpe, fäkale und auf lässig gebürstete Stil. Die bei der nächtlichen Metzelei durchschimmernde Ironie in „Family Job“ stirbt meist einen ähnlich schnellen Tod wie ein Großteil der Figuren. Und wenn immer sich dann doch so etwas wie Tragik entwickelt (z.B. im Fall der nach einem Hirnschlag gelähmten Frau von Mr. Smith), macht sich dies der Autor oft noch im selben Absatz wieder zunichte:

(…) Er hob ihre Beine an und hielt sie von sich, während er die Windel zusammenfaltete.
Nahm ein feuchtes Wischtuch. Machte rund ums Loch sauber, wo die Scheiße verschmiert war. Nahm ein anderes, um ihr den Anus zu säubern. Mit einem dritten reinigte er die Vagina.
Eine Rötung verlief in Richtung ihrer Oberschenkel.
Da wischte er ebenfalls ab.
So hatten sie früher immer gefickt. Liz auf dem Rücken, die Beine über seinen Schultern.
Innerhalb von Sekunden war er hart wie eine geballte Faust.
Scheißkacke, ein Windelausschlag. Das reichte bereits aus. Er war schon eine perverse Sau.
Er senkte ihre Beine ab. Das Gebüsch aus fast schwarzen Haaren reichte bis an ihren Bauchnabel. Und wie dicht es war. Daran erinnerte er sich. Es war immer dicht und drahtig gewesen. Er mochte das. Wild und ungezähmt.
Scheiße, er hatte Lust auf sie. (…)

Ein kompletter Blindgänger also? Dieser anfangs gehegte Verdacht bewahrheitet sich letztlich dann doch nicht, was unter anderem daran liegt, dass Guthrie sein Talent zum Plotten unter Beweis stellt und die anfangs (ganz im Stile Tarantinos) zeitlich versetzten Handlungsstränge am Ende gekonnt und feinsinnig zusammenführt. Um das allerdings jeder Zeit nachvollziehen zu können, ist Aufmerksamkeit vom Leser gefragt. Mit jedem weiteren gelesenen Absatz gewöhnt man sich dann auch an die schon beinahe Comicartig überzeichneten Figuren, wenngleich man Sympathien für keinen so richtig aufbringen kann und will. Von Mitgefühl ganz zu schweigen. Stattdessen wartet man lieber gebannt darauf, wen es als nächsten wann und wo trifft.

Und trotz der vielen Kritikpunkte: Guthrie hat das Milieu der düsteren Unterwelt Edinburghs anschaulich zum Leben erweckt. Erstaunlicherweise wählt er sich dabei eine Besetzung aus Amateuren, welche die von ihnen losgetretene Welle der Gewalt letztlich aufgrund von angeborener Krankheit oder mangelndem Stehvermögen gar nicht zu kontrollieren weiß. Dies führt zu einer Reihe unglücklicher Wendungen und slapstickähnlicher Rückschläge, die wiederum dafür sorgen, dass das Tempo in „Family Job“ hoch und ein durchgängiger Spannungs- und Unterhaltungslevel erhalten bleibt. Sprachlich reißt das Buch dabei, wie bereits oben erwähnt, keine Bäume aus. Der harte Ton passt jedoch zu der konstant hohen Brutalität und diesem Gemisch aus Rache, verletztem Ehrgefühl und Machismo-Gehabe.

Wer nun also den kompromisslosen Ton liebt, es gerne blutig mag und das Katana-Schwert der Uzi vorzieht, der liegt bei „Family Job“ goldrichtig. Wer allerdings den zielgenauen Humor eines Ken Bruen oder die Sprachgewandtheit von Thompson, Block und Co. sucht, wird hier ganz sicher enttäuscht werden.

Insgesamt ein kurzweiliges, tiefschwarzes aber auch wenig nachhaltiges Pulp-Gemetzel in ansehnlicher Aufmachung. Nicht witzig genug, um Lacher hervorzurufen und nicht ernsthaft genug, um ernst genommen zu werden. Guthrie hat bereits gezeigt, dass er es weit besser kann.“

Wertung: 70 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Allan Guthrie

  • Titel: Family Job
  • Originaltitel: Savage Night
  • Übersetzer: Gerold Hens
  • Verlag: Rotbuch
  • Erschienen: 12.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3867891202
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Alte Liebe rostet nicht

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(c) Rotbuch

Zeit für einen Rückblick ins Jahr 2008: Es ist also schon etwas länger her, dass Rotbuch nach nur wenigen Titeln (18 um genau zu sein) die Hard-Case-Crime-Reihe von jetzt auf gleich – und zu meinem immer noch großen Bedauern – eingestellt hat. Auf Nachfrage wurde dies damals mit fehlender Nachfrage begründet. Durchaus nachvollziehbar, da wohl hierzulande nur wenige den Sinn der Schund-Cover verstanden bzw. den hohen Anspruch von Ardais Serie erkannt haben. Der hat übrigens ebenfalls zur Feder gegriffen und unter dem Pseudonym u.a. folgenden Band beigesteuert:

Für mich gehörte sie zu den Entdeckungen der letzten Jahre und es ist schade, dass ihr hierzulande keine allzu lange Laufzeit beschienen war: Die „Hard Case Crime“-Reihe vom Rotbuch-Verlag.

Eins zu eins von der US-amerikanischen Vorlage übernommen, rückt sie, allein schon dank der trashig gestalteten Cover im Retro-Look, den vormals so angestaubten Krimi-Noir wieder ins Blickfeld der Leserschaft. Aber nicht nur das Äußere der Reihe überzeugt, auch die Auswahl der Autoren kann sich sehen lassen. Neben verloren geglaubten Klassikern von Lawrence Block, Donald E. Westlake und Co. geben zeitgenössische Autoren ihr Debüt, die ganz im Stile ihr Vorbilder schreiben. Darunter ist auch Richard Aleas, das Pseudonym von Charles Ardai, dem Herausgeber der Reihe in den USA. „Tod einer Stripperin“ ist sein erster Versuch als Schriftsteller und ein durchaus gelungener, der andeutet, dass Potenzial für mehr vorhanden ist. Die Handlung sei hier schnell angerissen:

John Blake ist Privatermittler in einer kleinen Kanzlei in New York. Jung, gutgläubig und noch recht grün hinter den Ohren, wird er von seinem Mentor, dem ehemaligen Cop Leo angeleitet, welcher ihm die Kniffe des Geschäfts beibringen und ihn zu seinem zukünftigen Nachfolger ausbilden will. Als Blake jedoch aus der Zeitung erfährt, dass seine Schulfreundin und Jugendliebe Miranda Sugerman, die er seit gut zehn Jahren nicht mehr gesehen hat, auf dem Dach eines Strip-Clubs ermordet wurde, droht der junge Detektiv den Blick für das Wesentliche zu verlieren. Obwohl ihm von Leo stets emotionale Distanz gepredigt wurde, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln und muss dabei bald feststellen, dass Miranda, die kurz nach der Schule noch eine Karriere als Ärztin ins Auge gefasst hatte, relativ schnell in einem ziemlich düsteren Milieu gelandet ist. Seine Nachforschungen bringen ihn in die dunklen Strip-Lokale New Yorks … und selber in höchste Lebensgefahr.

Nein, diese Geschichte ist wahrlich nicht neu und auch nur wenig innovativ. Und auch die Aussage Paramours auf dem Deckblatt, „Aleas kann es ohne Weiteres mit Chandler aufnehmen„, muss der Kenner dieses Genres mit einem verächtlichen Schnauben abtun, denn zwischen den zwei liegen zweifelsfrei Welten. Dennoch ist dieses Werk kein schlechtes, unterhält diese 250-seitige Story überaus gut, was schlichtweg daran liegt, dass Aleas nicht nur das Flair des Big Apples hervorragend aufzufangen weiß, sondern auch den fast vergessenen klassischen Private-Eye sehr ordentlich in die Jetztzeit katapultiert. Dreckige Hinterhöfe, verregnete Gassen, abgewrackte Schuppen mit flackernden Neonreklamen.

Bereits nach wenigen Seiten vermag die Atmosphäre zu fesseln, die aus der Sicht des Ich-Erzählers Blake geschildert wird. Dieser ist im Gegensatz zu Marlowe, Spade und Co. ein wenig beeindruckender Bursche, dessen sentimentale Anwandlungen zudem nicht ganz in dieses Genre passen wollen. Ein wenig naiv tappt er von einer gefährlichen Situation in die nächste, stets darauf bedacht, den hilflosen Hilfe angedeihen zu lassen. Ein Saubermann, der in dieser dreckigen Welt eigentlich nichts zu suchen hat, dieses allerdings auch ziemlich schnell selbst feststellt. Man folgt ihm dennoch bereitwillig, weil sich die Story mit jeder Seite ein bisschen mehr zuspitzt und uns damit auch unmerklich Blake ans Herz wächst. Die Auflösung ist, besonders für Vielleser, zwar wenig überraschend, wird aber überzeugend, spannend und logisch konstruiert, so dass man letztendlich das Buch nicht begeistert, aber zufrieden, zuklappen kann.

Insgesamt ist „Tod einer Stripperin“ ein unterhaltsamer, grundsolider Noir-Pulp-Mischling in der Tradition von Chandler und Cain, der deren Tiefe und literarische Qualität in beiden Fällen nicht erreicht, für einige Stunden Lesespaß jedoch mehr als taugt und durchaus Lust auf ein Wiedersehen mit John Blake macht.

Wertung: 80 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Richard Aleas

  • Titel: Tod einer Stripperin
  • Originaltitel: Little Girl Lost
  • Übersetzer: Conny Lösch
  • Verlag: Rotbuch Verlag
  • Erschienen: 09.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3-8678-9047-2