Sex sails

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(c) Pendragon

So schön Krimi-Reihen eigentlich sind, erweisen sie sich für Menschen wie mich, die notorischer Weise jeden Titel unbedingt besprechen wollen, dann doch manchmal als eine gewisse Bürde. Insbesondere im Falle von Autoren wie dem inzwischen verstorbenen Robert B. Parker, welcher sowohl mit seinen Spenser-Romanen als auch bei der Jesse-Stone-Reihe jegliche Experimente strikt abgelehnt und stets nach bewährten Rezept bzw. Konzept geschrieben hat, was es wiederum etwas schwierig macht, das „Besondere“ hervorzuheben. Denn – so negativ das jetzt geklungen haben muss– Parkers Werke sind, fernab krimineller Superlative der Mainstream-Konkurrenz, (fast) uneingeschränkt empfehlenswert und können größere Aufmerksamkeit seitens der deutschen Leser zweifelsfrei gebrauchen.

Insofern kommt da der fünfte Band um Polizeichef Jesse Stone (bekannt auch durch die CBS-Verfilmungen mit Tom Selleck in der Hauptrolle) gerade recht, stellt „Tod im Hafen“ doch den bisherigen Höhepunkt der Serie dar, was nicht zuletzt daran liegt, dass Parker ein wenig die Komfortzone verlässt und thematisch heißeres und auch emotional aufwühlenderes Eisen anfasst.

Sieben Jahre sind inzwischen vergangen, seit der Cop Jesse Stone Los Angeles den Rücken gekehrt und seinen Posten als Polizeichef im fiktiven Provinznest Paradise im Bundesstaat Massachusetts bezogen hat. Die Zeiten als Ermittler in der Mordkommission liegen genauso hinter ihm, wie seit kurzem auch der Alkohol. Seit zehn Monaten und genau dreizehn Tagen hat er keinen Schluck mehr getrunken. Und auch seine Beziehung zu Ex-Frau Jenn steht wieder unter einem besseren Stern. Nach vielen Affären auf beiden Seiten wagen sie nun einen Neuanfang. Wortwörtlich paradiesische Zustände also, wäre da nicht die im Hafenbecken angeschwemmte Leiche einer jungen Frau, welche Rätsel aufgibt, zumal Florence Horvath, so ihr Name, eigentlich in Fort Lauderdale, Florida, wohnhaft ist.

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass gerade zu dieser Zeit die Rennwoche stattfindet? Ein riesiges Event in Paradise, das zahlreiche Besitzer großer, teurer Yachten in den Hafen lockt und doch weit weniger mit Segelsport zu tun hat, als der Name auf den ersten Blick vermuten lässt. Stattdessen werden feuchtfröhliche Parties an Bord und an Land gefeiert. Und Florence, Tochter reicher Eltern, attraktiv, durch und durch verwöhnt und mit einer Vorliebe für außergewöhnliche Sexspiele, scheint, wie Jesse Stone und seine Kollegen recht bald herausfinden, fester Bestandsteil der ausartenden Exzesse gewesen zu sein. Warum aber leugnen dann Besitzer, Crew und Gäste der „Lady Jane“ Florence gekannt zu haben? Und weshalb haben sich ihre Schwestern, Musterbeispiele der Kategorie „Blond und Blöd“, jetzt ebenfalls nach Paradise begeben, um selbst Nachforschungen anzustellen?

Mit der ihm eigenen Sturheit und Beharrlichkeit ermittelt Stone in den Kreisen der „Upper Class“ und muss nach und nach erkennen, dass es sich bei Florence‘ Tod nur um die Spitze eines Eisbergs aus Sex, Gewalt, Lügen und Verdrängung handelt …

Dass die High Society nicht selten einem Sündenpfuhl mit tiefsten Abgründen gleichkommt, ist ganz sicher keine neue Erkenntnis und wird in „Tod im Hafen“ auch nicht zum ersten Mal in der Form eines Kriminalromans präsentiert. Interessant ist aber die Herangehensweise von Robert B. Parker, der sich nur allmählich und – vor allem im ersten Drittel – behutsam der Thematik nähert, wobei er mittels einfachster Tricks und Kniffe, dem Leser die hedonistischen Ausschweifungen der Reichen vor Augen führt. Drogen, zügelloser Sex, Alkohol – im Rausch fällt die Fassade des Wohlstands zusammen, bricht sich ein Deck tiefer, unter dem blank gebohnerten Teakholz der Yachten, das Primitive und Dreckige des Menschen Bahn. Probleme und Widrigkeiten – unter den Oberen Zehntausend werden sie in Cocktails ertränkt, menschliche Schicksale mit starren, facegelifteten Masken weggelächelt, wodurch Jesse Stone wiederum auf eine Mauer des Schweigens stößt, die, vor allem was die sexuellen Ausschweifungen angeht, zunehmend seinen inneren Friedens stört, da etwas in ihm davon nicht unbehelligt bleibt. Er selbst hegt zunehmend unkeusche Gedanken gegenüber Jenn, kann die Eifersucht nicht abschütteln – macht ihn das den Teilnehmern dieser orgiastischen Veranstaltungen ähnlich? Antworten auf diese Fragen sucht er, wie fast in jedem Band, bei seinem Psychotherapeuten Dix.

Auch aus diesem Grund schleppen sich vor allem anfangs seine Ermittlungen hin, was die ungeduldigen unter den Lesern hoffentlich nicht mit einem Abbruch der Lektüre quittieren werden, da „Tod im Hafen“ einem guten Wein gleichkommt, dem man die Zeit zum Atmen geben muss, um anschließend das „Aroma“ kosten zu können. Wobei Aroma in diesem Zusammenhang eher einen faden Beigeschmack bezeichnet, der sich unabwendbar die Kehle hinaufarbeitet, wenn uns Robert B. Parker mit jeder weiteren Seite mehr haarsträubenden Details aussetzt und sich aus dem reinen Mordfall schließlich eine dramaturgische Tragödie entwickelt, welche zunehmend auch familiäre Züge aufweist. In der Auseinandersetzung mit den haarsträubenden, ans Licht kommenden Details zeigt sich dann auch die Stärke dieses Romans, der, gleichsam dem Ablauf einer rauschenden Party, einen Bogen von ungehemmter Ausgelassenheit hin zum morgendlichen Kater schlägt – in diesem Fall verkörpert durch menschliche und moralische Abgründe, die selbst hartgesottene Leser wohl nicht kalt lassen dürften.

Selten, wirklich sehr selten, hat Robert B. Parker seinen emotionalen Schutzschild derart tief gesenkt, wie hier in „Tod im Hafen“. Obwohl auch der fünfte Band der Reihe von seinem kurz-knappen, schnoddrigen und vor allem schnörkellos-geschliffenen Stil dominiert wird, umgibt ihn doch eine gewisse, traurige Schwere, die an keiner Stelle künstliche Züge annimmt, sondern der abschließenden Auflösung des Falls auf gebührende, und vor allem ernsthafte Art und Weise, Rechnung trägt. Insbesondere das letzte Drittel beeindruckt und bedrückt gleichermaßen, erinnerte mich streckenweise gar an die Umtriebe in Bret Easton Ellis Kult-Roman „Unter Null“, der in einem ähnlich parasitären Umfeld spielt und dessen Protagonisten sich auf der „Lady Jane“ wohl auch gut aufgehoben fühlen würden.

Natürlich wäre ein Jesse Stone kein Jesse Stone, wenn uns Parker nicht auch hier ein paar flotte Sprüche und noch flottere Damen kredenzen würde. Die Anwältin Rita Fiore (bekannt aus der „Spenser“-Reihe – der in „Tod im Hafen“ nur als „Detektiv“ bezeichnet wird) und die Polizeibeamtin Kelly Cruz aus Fort Lauderdale, die vor Ort im Auftrag des Polizeichefs aus Paradise weiteren Spuren nachgeht, komplettieren die übliche Besetzung aus heißen Bräuten, die nun mal immer irgendwie Stones Nähe suchen – wie sich das für den smarten Cop alter Schule halt gehört. Dass diese Schilderungen sich nicht abnutzen, liegt dann nicht zuletzt auch an der unheimlich gelungenen Übersetzung von Bernd Gockel, der die auf Tempo frisierten, lässigen Dialoge samt Ironie, Zynismus und Sarkasmus über die gesamte Distanz äußerst stilsicher ins Deutsche überträgt. Gerade bei diesem Band, der sich an der Balance zwischen Coolness und Ernsthaftigkeit unbedingt messen lassen muss, sollte Gockels Wirken als entscheidend gewürdigt werden.

Tod im Hafen“ – das ist eben doch nicht einfach nur der x-te Band irgendeiner Krimi-Reihe, sondern ein erschreckend aktueller, unheimlich eindringlicher Augenöffner im Gewand des Spannungsromans, dessen stufenweise zu Tage tretende Enthüllungen ihn entdeckungs- und vor allem lesenswert machen. Gefangen im Mahlstrom von Dekadenz und Pomp liefern sowohl Parker als auch Jesse Stone ihre bis hierhin beste Leistung innerhalb der Serie ab.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Tod im Hafen
  • Originaltitel: Sea Change
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 07.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 328 Seiten
  • ISBN: 978-3865324160

… und sie spielen Bonnie und Clyde.

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Während mir mein Job mal wieder kaum Zeit lässt, mich meiner aktuellen Lektüre, James Ellroys „Browns Grabgesang“ zu widmen, nutze ich hier mal die Gelegenheit, um meinen Jesse-Stone-Marathon weiterzuführen. Dieses Mal im Fokus – Band 4, „Eiskalt“.

„Es ist ein Merkmal von Krimi-Serien, das mit fortschreitender Dauer und wachsender Anzahl der Titel, die Wahrscheinlichkeit immer größer wird, vom möglicherweise nächsten Fall enttäuscht zu werden, da sich die steigende Qualität naturgemäß auf die Erwartungshaltung eines Lesers auswirkt. Eine Bürde, welche auch der vierte Band aus Robert B. Parkers Reihe um den Polizeichef Jesse Stone, „Eiskalt“, tragen muss, der in Stil und Ton zwar durchaus an seinen äußerst lesenswerten Vorgänger anzuknüpfen weiß, dessen Esprit und Spannungsbogen jedoch nicht mehr durchgängig aufrecht erhalten kann. Damit pflegt der amerikanische Autor, der bereits im Januar 2010 verstarb, aber auch eine gewisse Tradition: Im Modus Operandi was das Schreiben betrifft sich stets treu geblieben, fehlte, insbesondere in Bezug auf die Spenser-Krimis, manchmal dann doch diese gewisse Konstanz, wenngleich man an dieser Stelle auch deutlich betonen muss – in der Ausarbeitung seiner Figur Jesse Stone zeigt sich Parker nochmal um einiges gereift.

Bei vielen seiner Leser gilt der kauzige Provinzcop, den Tom Selleck auch in mehreren Fernsehverfilmungen verkörperte, inzwischen ohnehin als der bessere Spenser. War der Bostoner Privatdetektiv noch eindeutig den Traditionen von Chandler und Hammett verhaftet und als zeitgemäße Fortsetzung des „Noir“-Genres konzipiert, ist Parkers jüngere Serie in gewissem Sinne als ein Zugeständnis an die Moderne zu verstehen – ohne dabei die Wurzeln, denen sich der Autor verbunden fühlte, leugnen zu wollen. Eine Mischung, die funktioniert und in deren Genuss wir dank des Pendragon Verlags nun endlich auch in Deutschland kommen.

Das Wort „Genuss“ darf, trotz oben bereits angedeuteter Kritik, auch im Zusammenhang mit „Eiskalt“ verwandt werden, da der im Original („Stone Cold“) bereits 2003 erschiene Titel zwar der bis hierhin schwächste Titel der Stone-Serie ist, die (leider) mehr etablierte Genre-Konkurrenz hierzulande aber in den meisten Fällen hinter sich lässt. Dies sei schon allein deswegen erwähnt, weil sich Parker gleich zwei Themen widmet, welche er in der Vergangenheit eher gemieden hat und die dem Krimi-Freund derzeit in immer billigeren und blutigeren Varianten in Buchhandlungen stapelweise präsentiert werden. Um das zu konkretisieren, sei die Story kurz angerissen:

Eine Mordserie hält die (fiktive) US-Kleinstadt Paradise in Atem: ein Jogger am Strand, eine Frau vor einem Einkaufscenter und ein Mann auf offener Straße. Getötet durch zwei Schüsse in die Brust aus kurzer Distanz. Parallel abgefeuert aus zwei verschiedenen Waffen. Und damit enden auch die Gemeinsamkeiten der Morde. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Opfer sich kannten. Was also ist das Motiv? Polizeichef Jesse Stone steht vor einem Rätsel und angesichts des stetig wachsenden Medienaufkommens auch unter öffentlichem Druck. Weitere Morde kann er sich nicht leisten – er muss die Täter fassen. Und zwar so schnell wie möglich…

Was erst einmal wie der typisch abgeschmackte „Serienkiller-nimmt-Ermittler-ins-Visier“-Plot klingt, umschifft das Mainstream-Allerlei mit der wie üblich stilsicheren Routine, die halt nur ein Robert B. Parker auf Papier zu bringen weiß. Wer also bei der Lektüre des Klappentexts Angst bekommen sollte, einen weiteren drögen Schlitzer-Thriller im Ami-Style präsentiert zu bekommen, dem sei diese sogleich genommen. Zynisch, knapp und mit herrlich lakonischen Dialogen gewürzt zieht die Story recht schnell in den Bann, welche sich in erster Linie auf Jesse Stone konzentriert und nur in kurzen Ausschnitten auch einen Blick auf die anderen Charaktere wirft. Das hat Vor- und Nachteile, denn gerade der Weiterentwicklung seines privaten Lebens – seine Alkoholabhängigkeit und die äußerst seltsame „Nicht“-Ehe mit Ex-Frau Jenn sind wieder äußerst präsent – wird in manchen Passagen der Spannungsbogen dann doch zu arg geopfert. Zumal Weiterentwicklung einen weit größeren Schritt ankündigt, als Stone ihn in Wirklichkeit geht. Der sehr gelassene, in sich ruhende und sture Cop beharrt, trotz Sprechstunden beim Psychologen, stur auf seinem Standpunkt, der Liebe zu seiner Ex – die ihn jedoch nicht davon abhält, in schöner Regelmäßigkeit mit jeder sich bietenden Frau in die Kiste zu steigen. Es ist Parkers großes Verdienst, dass er es trotzdem irgendwie schafft, dass dieser Womanizer und eiskalte Hund trotzdem so menschlich daherkommt.

Einen Fehler macht er dennoch. Und dieser ist gerade bei Kriminalromanen eigentlich unverzeihlich. Er lässt Stone an keiner Stelle die Kontrolle über das Geschehen verlieren. Sicher, kleine Fehler baut er auch diesmal wieder, doch wird an keiner Stelle im Buch ein Gefühl der Gefahr oder Bedrohung kreiert, da seine Gegenüber ihm augenscheinlich nicht gewachsen sind und Stone, der selbst ins Visier des Killerpärchens gerät, weiterhin gänzlich in sich ruht. Coolness gut und schön – aber gerade die hier im weiteren Verlauf geschilderten Schicksalsschläge und Niederlagen sollten auch an einem so gelassenen Gemüt wie dem von Stone mehr rütteln. Was für andere Krimis jetzt der Genickschlag wäre, ist in „Eiskalt“ tatsächlich aber nur ein Schönheitsfehler, der dem Lesevergnügen letztlich nicht abträglich ist. Auch weil Parker zweigleisig fährt und neben der Jagd nach den Killern (die Idee durch Mord einen Kick beim Sex zu bekommen fand ich durchaus interessant geschildert; die nach außen gelebte Normalität der beiden unheimlich erschreckend) den Vergewaltigungsfall nicht aus den Augen verliert. Stoisch versucht er Gerechtigkeit für die junge Candace zu erreichen oder ihr zumindest den Spaß am Leben in gewissem Maß zurückzugeben. Parker gelingt dieser Balanceakt zwischen Sozialkritik und juristischen Fallstricken hervorragend. Im Verbund mit dem durchgehend melancholisch-traurigen Ton von „Eiskalt“ sorgen sie für die Realitätsnähe, welche der Krimi-Konkurrenz oftmals abgeht.

Wer sich jetzt fragt, ob das als Kaufargument reicht, dem sei eindrücklich mit „Ja“ geantwortet. Trotz gewisser Abnutzungserscheinungen und einem latent vorhandenen Gefühl der Vorhersehbarkeit – „Eiskalt“ unterhält doch einmal mehr gekonnt und unaufgeregt, so dass die knapp 350 Seiten schnell durchgeschmökert sind – und wir uns auf den nächsten Band der Jesse-Stone-Reihe freuen dürfen.

In diesem Sinne: Ich bleibe weiterhin „Stoned“.

Wertung: 80 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Eiskalt
  • Originaltitel: Stone Cold
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 348
  • ISBN: 978-3865323910

Paradise City … where the grass is green and the girls are pretty

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Weiter geht’s mit meinem Rezensionsmarathon zur Jesse-Stone-Reihe von Robert B. Parker. Diesmal im Blickfeld – Band drei, „Die Tote in Paradise“.

„„Klein, aber fein“. Ein Prädikat was, in der Vergangenheit oft vergeben, selten in dem Maße so zugetroffen hat, wie auf den Bielefelder Pendragon Verlag, der bereits seit Jahren für die Wiederentdeckung von Klassikern des Kriminalroman-Genres verantwortlich zeichnet und dabei in schöner Regelmäßigkeit ein äußerst gutes Händchen beweist. Nach den Shaft-Titeln von Ernest Tidyman und Robert B. Parkers Serie um den knallharten Privatdetektiv Spenser, kommen die deutschen Leser seit Anfang 2013 nun auch endlich in den Genuss der bis dato unveröffentlichten Jesse-Stone-Serie, welche mit „Die Tote in Paradise“ und dem gleichzeitig erschienenen Titel „Eiskalt“ Anfang 2014 in die dritte und vierte Runde dieser irgendwann hoffentlich vollständigen Werkausgabe ging. Eine solche Vollständigkeit wäre wünschenswert, einen langen Atem beim Verlag und genug Interesse bei den Krimi-Freunden hierzulande vorausgesetzt. Da Parker vielleicht durch Letztere jedoch eher weniger Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, bietet sich hier einmal mehr die Gelegenheit die Werbetrommel zu rühren. Schließlich gilt auch für „Die Tote in Paradise“ wieder: Parker ist und bleibt eine Klasse für sich!

Kurz zur Story: In der fiktiven Ostküsten-Kleinstadt Paradise ist nach den Ereignissen auf Stiles Island (siehe „Terror auf Stiles Island“) endlich wieder etwas Ruhe eingekehrt, was zur Folge hat, dass selbst Polizeichef Jesse Stone sich eines Feierabends erfreuen darf. Den verbringt er zumeist mit Freunden auf dem Baseball-Platz, wo der ehemalige Profispieler Stone die Sorgen des Alltags zumindest für eine Weile vergessen kann. So denkt er zumindest, bis eines Abends am nahegelegenen See die stark verweste Leiche einer jungen Frau gefunden wird. Während recht schnell fest steht, dass es sich um Mord handelt, gibt die Identität der Toten Rätsel auf. Niemand scheint sie zu kennen oder zu vermissen. Allein ein Ring gibt Hinweise auf ihren möglichen Namen, doch die dazu gehörigen Eltern geben vor keine Tochter zu vermissen.

Doch ein Jesse Stone lässt sich so leicht nicht entmutigen und geht den vielen Fragen auf den Grund. Was hatte das Mädchen mit einem stadtbekannten Mafioso zu tun? Warum wird sie sogar von ihren eigenen Eltern verleugnet? Und wie passt ein Bestseller-Autor in das Szenario? Die Suche nach Antworten führt ihn bis ins benachbarte Boston … und wieder einmal auch in die Gesellschaft der ein oder anderen schönen Frau.

Ja, natürlich könnte man es sich als Rezensent hier leicht machen und Band 3 der „Jesse-Stone“-Reihe unter „Business as usual“ abhaken, die üblichen Automatismen der Reihe betonen und damit Nichtkennern der Serie gleichzeitig ungewollt die Lust auf Parkers Kriminalromane nehmen, welche tatsächlich selten wirklich neue Wege gehen, dafür aber eben auf eine Art bestechen, die in der Vergangenheit nur wenige beherrscht haben: Die Variation auf kleinem Raum. Das ökonomische Schreiben mit minimalem Aufwand und Umfang. Der kurze, knackige Roman, der nur eine Richtung kennt. Und die heißt vorwärts. Wie auch die inzwischen ebenfalls verstorbenen Kollegen Donald E. Westlake (alias Richard Stark) oder Elmore Leonard, so ist auch Robert B. Parker dem ihm eigenen Stil stets treu und Experimenten gegenüber eher skeptisch geblieben. Und warum auch etwas reparieren, das so gut funktioniert wie hier in „Die Tote in Paradise“?

Ein Parker-Roman bietet das Erwartete und verzichtet zumeist gänzlich auf künstliche Twists und Turns, wie sie uns in vielen aktuellen Thrillern und Krimis oft begegnen. Langeweile also vorprogrammiert? Gerade das eben nicht, denn Parkers flüssige Schreibe gleicht diese fehlenden Aha-Effekte aus, überzeugt mit stilvoller Cleverness, in der sich nicht selten eine unterschwellige Satire des Kleinststadtlebens mischt, die den genauen Beobachter Robert B. Parker offenbart. Schuld, Verlangen, Verzweiflung, Wut. All dies sind Ingredienzen dieses Romans und spielen sich dennoch in einem kleinen Rahmen ab, der große Showdowns nicht benötigt und auf kunstvoll in Szene gesetzte Action ebenfalls verzichtet. Einem Schuss folgt hier schlicht der Tod. Und diesem ein abschließender Bericht. Das Nehmen eines Menschenlebens ist Parker selten einen ausschweifenden Kommentar wert. Und auch die Gefühle und die Gedanken des Protagonisten bleiben uns hier eher verschlossen. Die immer wieder in verschiedensten Formen auftauchenden Schönheiten des Ortes sind hier das einzige Zugeständnis des Autors an ein künstliches Setting. Der Rest könnte direkt in Aufbau und Ablauf des Verbrechens durchaus einem normalen Polizeibericht entnommen worden sein.

In Zeiten von komplexen Romanen mit über 1000 Seiten, von Thrillern mit hunderten von Toten und Tonnen von Blut, wirkt „Die Tote in Paradise“ wie ein Anachronismus, ein Relikt einer vergangenen Ära, als Polizisten noch Hüte trugen und Sonnenstrahlen durch Jalousien auf das bärtige Antlitz eines rauchenden Privatdetektivs fielen. Und doch zeigt sich gleichzeitig: Parker kochte dieses Rezept immer wieder nur aus einem Grund: Weil es zeitlos ist und weil es schmeckt. Bis heute. Und ganz sicher auch in naher Zukunft noch.

Insgesamt ist „Die Tote in Paradise“ ein herrlich schroffes, ungeschliffenes Krimi-Juwel im Meer Dutzender Kieselsteine. Unbedingt entdeckungswürdig. Uneingeschränkt empfehlenswert. Wer Police-Procedurals ohne Pathos mag und unter „Hardboiled“ mehr als nur seelenlose Gewalt versteht, der darf und sollte hier zugreifen.“

Wertung: 85 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Die Tote in Paradise
  • Originaltitel: Death in Paradise
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 312
  • ISBN: 978-3865323699

No man is an island

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Und weiter geht’s mit meiner Würdigung von Robert B. Parker Jesse-Stone-Reihe, deren TV-Umsetzung mit Tom Selleck in der Hauptrolle immer noch weit bekannter ist, als die literarische Vorlage, was wohl auch hier leider wieder an der Tatsache liegen wird, dass der Verlag Pendragon von viel zu vielen Buchhandlungen – und vor allem Buchhandelsketten – konsequent ignoriert wird. Ein Versäumnis, zumal Verlagsleiter Günther Butkus eine beeindruckend hohe Trefferquote aufweist, wenn es darum geht, literarische Perlen, vor allem aus dem Bereich Krimi, für den Leser zu entdecken. (Zuletzt in Gestalt von Wallace Strobys „Kalter Schuss ins Herz„.)

„Nein, zu Begeisterungsstürmen lädt „Terror auf Stiles Island“, der zweite Band aus der Reihe um Polizeichef Jesse Stone, nicht ein – dies liegt allerdings nicht unbedingt an mangelnder Qualität, als vielmehr an der Tatsache, dass Robert B. Parker, dessen lakonisch-unaufgeregter Stil ohnehin charakteristisch ist, hier in Punkto Tempo nochmals einen Gang zurückgeschaltet und dem rahmengebenden „Hardboiled“-Plot zu großen Teilen der Figurenzeichnung geopfert hat. Vom im Titel angekündigten Terror kann somit, trotz einer Reihe finsterer Gegenspieler, über weite Strecken nicht die Rede sein. Das als Info für diejenigen Leser vorangestellt, welche einen guten Spannungsroman in erster Linie an adrenalingeschwängerter Action oder bluttriefenden Folterszenen festmachen. Diese dürften an Parkers klassischer Erzählweise nur wenig Gefallen finden. Vielleicht auch ein Grund, warum der inzwischen verstorbene US-Autor auf dem deutschen Buchmarkt nie so recht Fuß fassen konnte. Parker-Fans wird es egal sein – „Terror auf Stiles Island“ bietet einmal mehr gute, weil altbewährte Kost.

Kurz zur Handlung: Jesse Stone, ehemals Polizist bei der Mordkommission in Downtown LA, hat mit seinem knallharten Durchgreifen gegen die instrumentalisierte Bürgermiliz (siehe „Das dunkle Paradies“) in der beschaulichen Kleinstadt Paradise für klare Verhältnisse gesorgt. Seine Kritiker sind größtenteils verstummt und die Bewohner mit Stones wortkarger Art inzwischen vertraut geworden. Dennoch gibt sein schroffes Verhalten immer noch Fragen auf. Insbesondere Abby Taylor, die attraktive Staatsanwältin, sucht Abstand, was Stone, der seine Beziehung zu der ebenfalls nach Paradise gezogenen Ex-Frau Jenn immer noch nicht geklärt hat, direkt in die Arme der heißblütigen Immobilienmaklerin Marcy Campbell treibt. Und als wären drei Frauen nicht schon Probleme genug, sieht er sich nun auch noch mit einem Fall von Brandstiftung konfrontiert. Die Opfer: Ein schwules Pärchen. Die vermeintlichen Täter: Drei stadtbekannte jugendliche Straftäter, welche dank einflussreicher Eltern dem Zugriff des Gesetzes schon desöfteren entgangen sind.

Unter Stone laufen die Dinge jedoch anders. Entgegen der Empfehlungen seiner Kollegen zerrt er die drei Verdächtigen aufs Revier, um sie in einem geschickten Verhör zu einem Geständnis zu bringen. Und während die Rufe nach seinem Rücktritt plötzlich schon wieder lauter werden, droht von anderer Seite weit größere Gefahr.

Eine Bande von Gangstern, angeführt vom gerade aus dem Knast entlassenen Adrenalinjunkie „Jimmy“ Macklin, plant einen gewagten Coup: Stiles Island, Rückzugsort der reichen High Society und nur durch eine Brücke mit dem Festland und der Stadt Paradise verbunden, soll komplett ausgeräumt werden. Doch da haben sie die Rechnung ohne Jesse Stone gemacht…

Man kann ja von Robert B. Parker Geschichten halten was man will – literarisch war, ist und bleibt er eine Klasse für sich. In seinen Romanen ticken die Uhren weiterhin noch wie zu Chandlers Zeiten, sind Handys und Computer die einzigen Zugeständnisse an die Moderne. Unnötiges Beiwerk, zum Beispiel die heutzutage allgegenwärtigen forensische Untersuchungen, spart er sich genauso wie größere Ausschmückungen der emotionalen Befindlichkeiten seiner Protagonisten. Stattdessen lässt er die Figuren sich durch ihre Handlungen selbst erklären, geben kurze, knappe und haargenau getimte Dialoge kurze Einblick in ihre Gefühlswelt. Parker schabt aber lediglich an der Oberfläche, ordnet alles der schnörkellosen Federführung unter, mit der zielgerichtet und beinahe zwangsläufig der Plot vorangetrieben wird. Ohne Abzweigungen, Umwege oder Abkürzungen. Es ist diese „fettfreie“ Art des Schreibens, welche Parker zwar zu einem stilistischen Fossil im Genre des Kriminalromans macht, seinen Werken aber auch stets diese Aura der Souveränität verleiht. Ganz wie bei seinen Kollegen Richard Stark oder Elmore Leonard wird kein scharfkantiger, serpentinenartiger Spannungsbogen in die Handlung gezimmert, sondern stattdessen der Weg zum Ziel erklärt.

Herausgekommen ist ein kühler, lässiger „Hardboiled-Police-Procedural“-Mischling, dessen melancholische Atmosphäre vor allem vom Hauptprotagonisten aufrecht erhalten wird, der hier einmal mehr mit den Dämonen seiner Alkoholsucht und den Verlockungen des weiblichen Geschlechts zu kämpfen hat. Seine unerschütterliche Ruhe, die selbst in Zeiten großer Gefahr nicht ins Wanken gerät, bestimmt das Tempo des Romans, der sich, noch mehr als im Vorgänger, einen ziemlich langen Vorlauf genehmigt, bis es zum im Klappentext angedeuteten Aufeinandertreffen von Gut und Böse kommt. An diesem Punkt muss sich Parker auch etwas Kritik gefallen lassen. Wenngleich die prologartige Einleitung Neueinsteigern entgegen kommen dürfte – Kennern bzw. Viellesern des Genres verlangt es hier vielleicht ein bisschen zu viel der Geduld ab. Und auch das „Femme-Fatale“-Element hat der Autor angesichts der vielen schenkelschwenkenden Schönheiten vielleicht etwas überreizt.

Das man sich trotzdem nicht gähnend den Kiefer ausrenkt, liegt schlichtweg am Rhythmus des Buches, der wie ein gut geschmierter Acht-Zylinder voranschnurrt, ohne unnötig oft das Gas- oder Bremspedal zu treten. Am Ende geschieht dann wenig Überraschendes, bleibt ein Showdown mit Dauerfeuer aus. Stattdessen ein einziger Schuss, ein schneller Tod und ein Boot das sich im Dunkel der Nacht verliert.

Insgesamt ist „Terror auf Stiles Island“ ein typischer Robert B. Parker. Unspektakulär, unaufgeregt und doch seltsamerweise trotz fehlender Highlights fast unmöglich aus der Hand zu legen. Gute, solide, stimmige Unterhaltung und ein erfrischender Kontrast zum modernen Krimi-Angebot. Auch die weiteren Bände werden mit Sicherheit in mein überfülltes Bücherregal wandern.“

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Terror auf Stiles Island
  • Originaltitel: Trouble in Paradise
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 312
  • ISBN: 978-3865323569

+++ Der Vorschau-Ticker – Sommer/Herbst 2016 – Teil 10 +++

Auf der Zielgeraden (die meisten Verlagsvorschauen sind inzwischen online) wird es für mich jetzt nochmal richtig interessant. Inzwischen ist auch das Programm vom Pendragon Verlag einsehbar, das ich persönlich zwar schon länger kenne, nun aber endlich auch mit der Allgemeinheit und den endgültigen Covern teilen kann.

Großes Highlight ist da meines Erachtens die Veröffentlichung von „Mississippi Jam„, der endlich die Lücke zwischen den damals bei Goldmann übersetzten Titeln „Im Schatten der Mangroven“ und „Im Dunkel des Deltas“ schließt und die Wiederentdeckung von Dave Robicheaux hierzulande fortsetzt. Es bleibt zu hoffen, dass hier auch der ein oder anderen Buchhandlung (und vor allem Buchhandelskette)  klar wird, dass dieser Titel neben den Heyne-Burkes auf die Ladentische gehört, um eine zukünftige Werks-Komplettierung dieses grandiosen US-Schriftstellers zu gewährleisten. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass die durchgehende Qualität der Serie weitestgehend konkurrenzlos ist und vielen deutschen Lesern sonst einiges entgeht.

Selbiges gilt für Jürgen Heimbach, der immer noch unter ferner liefen läuft und dem das große Lesepublikum bisher versagt geblieben ist. Schade, zumal sich dessen bisherige Bücher „Unter Trümmern“ und „Alte Feinde“ nicht hinter einem Volker Kutscher verstecken müssen. Ich freue mich jedenfalls sehr auf den Abschluss der Trilogie um Kommissar Paul Koch.

Und was Robert B. Parker angeht. Jesse-Stone ist dieser coole Drink, den ich einfach zwischendurch brauche. Von daher – Muss-Kauf.

Bleibt noch Pulp Master, wo mit „Gott sagte nein“ in den letzten Tagen ein weiterer Titel in der Verlagsplanung aufgetaucht ist. Der Termin Juli ist dabei wie immer mit Vorsicht zu genießen, da Frank Nowatzki sich mit seinem Ein-Mann-Projekt genau die Zeit nimmt, die er benötigt. Gut so, sage ich. Bisher hat sich hier das Warten noch immer gelohnt.

Was ist für euch dabei?

  • James Lee Burke – Mississippi Jam (Februar 2016 – Pendragon Verlag – 978-3-86532-527-3)
  • Inhalt : Vor der Küste Louisianas liegt ein U-Boot der Nazis. Dave Robicheaux erhält den Auftrag, dessen genaue Lage auf dem Meeresgrund zu lokalisieren, damit es gehoben werden kann. Hippo Bimstine will am Ufer des Mississippi aus dem U-Boot ein Casino als Touristenattraktion machen. Dave verspürt wenig Lust auf den Job, aber er braucht das Geld, um seinem Freund Batist zu helfen, der wegen Mordverdachts verhaftet wurde. Schnell erkennt Robicheaux, dass er es nicht nur mit seinem Auftraggeber, der sich als zwielichtiger Geschäftsmann entpuppt, sondern auch mit einem gefährlichen Psychopathen zu tun hat, der das U-Boot für seine Zwecke nutzen will. Dieser schreckt vor nichts zurück. Auch nicht davor, Dave und seine Familie zu vernichten. Ihr Leben gerät völlig aus den Fugen …
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  • Jürgen Heimbach – Offene Wunden (Februar 2016 – Pendragon Verlag – 978-3-86532-526-6)
  • Inhalt : April 1950: Das Leben von Hauptkommissar Paul Koch verläuft nach seiner Heirat mit Dorle in ungewohnt ruhigen Bahnen. Doch bald muss er sich um einen neuen Fall kümmern. Albert Roth wird ausgeraubt und ermordet. Alle Indizien sprechen dafür, dass er von einem einquartierten Flüchtling umgebracht wurde. Nur Paul Koch lässt sich nicht von der Hetze gegen die Flüchtlinge anstecken und ermittelt weiter. Dann passiert das Unfassbare: Dorle wird ermordet. Koch wird von dem Fall abgezogen, da er als befangen gilt, wenig später gerät er selbst unter Verdacht. Er muss untertauchen, wenn er die Tat aufklären will. Wer hatte ein Interesse daran, Dorle umzubringen? Die Zeit wird knapp und Koch muss alles auf eine Karte setzen.
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  • Robert B. Parker – Verfolgt in Paradise (März 2016 – Pendragon Verlag – 978-3-86532-525-9)
  • Inhalt : Ein Spanner, der sich The Night Hawk nennt, terrorisiert die Bewohnerinnen der eher beschaulichen Kleinstadt Paradise. Zunächst gibt er sich noch damit zufrieden, die Frauen zu beobachten. Aber im Laufe der Zeit hat er sich immer weniger unter Kontrolle und wird immer rücksichtsloser. Als er schließlich eine Frau unter Waffengewalt dazu zwingt, sich vor ihm auszuziehen, weiß Polizeichef Jesse Stone, dass der Stalker weitere Grenzen überschreiten wird. Stone muss die tickende Zeitbombe stoppen, bevor die Situation eskaliert und stellt ihm eine riskante Falle …
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  • Thor Kunkel – Und Gott sagte nein (Juli 2016 – Pulp Master Verlag – 978-3-927734-18-0)
  • Inhalt : Mit Heidi-Land hat Nora Fritjof, auch Fräulein Friedhof genannt, so gar nichts am Hut. Balsthal, Biel, Mogelsberg – bei vielen Fällen von Kirchenraub in der Schweiz hatte sie ihre Finger im Spiel. Doch der neue Auftrag scheint ihre Karriere des Bösen zu krönen: In einem abgelegenen Bergkloster, hoch über dem Lac de Moiry, wird das Thebäische Kreuz in einer Krypta entdeckt. Nora und ihr Partner Luis sollen es im Auftrag eines Hehlers entwenden. Immerhin ist er bereit, für das Kreuz eine halbe Million Franken zu zahlen, ein lukrativer Nebenverdienst für eine fast abstudierte Studentin der Kunstgeschichte und einen Bergführer, der seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Doch nichts läuft wie geplant, der Raub geht schief, Nora und Luis werden in der verschneiten Wildnis getrennt. Und sie sind nicht allein … Fast zu spät erkennt Nora ihre Verstrickung im Komplott einer satanistischen Sekte.
Unbenannt 22

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Tougher than the Rest

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(c) Pendragon

Wie Elmore Leonard, so hatte es auch Robert B. Parker in den letzten Jahrzehnten schwer, wieder einen Fuß auf den deutschen Buchmarkt zu bekommen. Ironischerweise waren es in beiden Fällen eher die Verfilmungen (z.B. „Out of Sight“ und „Schnappt Shorty“ bei Leonard oder „Spenser: For Hire“ bei Parker), welche nachträglich in Erinnerung geblieben sind und weniger die Romane an sich. Beim Pendragon Verlag versucht man dies mit der Veröffentlichung von Parkers „Spenser“-Titeln schon seit einigen Jahren zu ändern. Nun stößt auch Jesse Stone – Polizeichef der fiktiven Kleinstadt Paradise – zum Verlagsprogramm dazu. Zeit also, das Wirken Pendragons zu würdigen und vor allem den Werken Parkers nähere Aufmerksamkeit zu widmen – zumal sich dies für den Leser mehr als lohnt.

Robert B. Parkers Roman „Das dunkle Paradies“, der Auftakt der Serie um den Kleinstadt-Polizeichef Jesse Stone, erschien erstmalig im Jahr 1997. Ein Jahr später folgte die deutsche Übersetzung durch Robert Brack im Rowohlt-Verlag, der kurz darauf die Herausgabe weiterer Werke des Autors einstellte. Nun nimmt Pendragon, welcher sich in der Vergangenheit vor allem auf die späten Titel um den Bostoner Privatdetektiv Spenser konzentriert und auch den Standalone „Wildnis“ neu veröffentlicht hat, den Faden wieder auf. Eine gute Nachricht, erlebt der Leser hier doch eine Rückbesinnung auf die klassischen Motive des „Hardboiled“-Novels durch Parker, der auf die für Spenser so typischen lakonischen Frotzeleien verzichtet und dessen offensiv ausgestellter Coolness er die eiskalte Zurückhaltung Stones entgegenhält. Herausgekommen ist ein rasiermesserscharf geschnittener Plot. Ohne Haken und Ösen, gerade und zielstrebig wie ein amerikanischer Highway und tiefgründig wie der Pazifische Ozean, an dessen Ufer der Roman seinen Anfang nimmt.

Jesse Stone steht vor den Scherben seines Lebens. Seine Frau ist mit einem anderen durchgebrannt, er selbst ist dem Alkohol verfallen und hat dadurch seinen Job als Polizist bei der Mordkommission in Downtown L.A. verloren. Die einstige Heimat hält nichts mehr für ihn bereit, was bleibt ist die Flucht. Die Möglichkeit dazu bietet ein Job-Angebot von der anderen Seite des Kontinents. Als Polizeichef in der ruhigen neuenglischen Kleinstadt Paradise soll er für Recht und Ordnung sorgen. Stone, der dies als Chance sieht, seine Probleme in den Griff zu bekommen, nimmt an und macht sich im Auto auf den Weg quer durch die USA. Doch bereits kurz nach seiner Ankunft muss er erfahren, dass die beschauliche Idylle von Paradise vor allem eine gut gepflegte Fassade ist, unter der Korruption, Waffenhandel und politischer Extremismus hervorragend gedeihen.

Als wenig später ein Streifenwagen beschmiert und die Revier-Katze tot vor der Wache aufgefunden wird, regt sich in Stone erstes Misstrauen. Warum hat man gerade ihn eingestellt, wo sein Alkoholproblem doch bereits im Vorstellungsgespräch deutlich zutage getreten ist? Steckt der muskelbepackte Schläger Jo Jo Genest wirklich allein hinter der Tat oder handelt er im Auftrag eines anderen? Und wem kann er hier in Paradise eigentlich überhaupt noch trauen?

Völlig auf sich allein gestellt, beginnt Stone mit seinen Nachforschungen und sticht dabei in ein äußerst gefährliches Wespennest …

Zugegeben: Anhand des kurzen Inhaltsabrisses ragt Parkers „Das dunkle Paradies“ nicht wirklich aus der Masse der Kriminalliteratur heraus. Das Besondere offenbart sich auch erst im Detail, denn Parker präsentiert die allseits bekannte „Gebrochener-Cop-räumt-auf“-Story, die selbst „Rambo“-Darsteller Stallone zu höchsten schauspielerischen Leistungen beflügelte, in einem gänzlich anderen Gewand. Entgegen seiner Konkurrenz verzichtet der Autor auf die üblichen Rache-Effekte oder patronengeschwängerten Showdowns und überrascht stattdessen mit einem ruhigen, melancholischen Stil, der die stillen Momente weit mehr betont, als die durchaus auch vorhandenen Ausbrüche von Gewalt. Im Mittelpunkt des Ganzen steht dabei natürlich Jesse Stone, dessen wortkarge, introvertierte und vor allem undurchschaubare Art dem Leser sogleich ins Auge fällt und welche die Spannungsmomente des Romans mit seiner kühlen Gleichgültigkeit nochmals betont. Wo andere Cops mit großen Gesten, harten Sprüchen oder gar wohlgezielten Faustschlägen das kriminelle Gegenüber zu Fall bringen, genügt Jesse Stone meist ein langer, geduldiger Blick. Sein Verzicht auf viele Worte ist es, der seine Gegner zum Reden und damit letztlich auch zu Fall bringt. Ironischerweise ähnelt er dabei sehr einem weiteren Serienhelden, welcher sich jedoch auf der anderen Seite des Gesetzes aufhält: Richard Starks Parker. Gemein haben beide allerdings noch weit mehr.

Wie der Verbrecher, so weiht nämlich auch der Cop Stone niemanden in seine Pläne ein. Er ist ein Einzelgänger, trifft seine Entscheidungen allein und sieht auch keinerlei Notwendigkeit diese im Nachhinein anderen Personen zu erklären. Eine Eigenschaft, welche ihm neben Bewunderung auch später viel Kritik in Paradise einbringt, und schließlich dafür sorgt, dass der Leser gegen Ende um das Leben des pragmatischen Helden bangen muss. Bis dahin dreht Robert B. Parker die Schrauben am Plot immer enger, der sich, obwohl man in Perspektivwechseln stets über das Treiben der Gegenspieler informiert ist, in Sachen Spannung keinerlei Durchhänger erlaubt und vor allem „Noir“-Puristen aufs Beste unterhalten dürfte. Diesem Genre bleibt Parker in seiner altmodischen Erzählweise übrigens weitaus näher, als dem „Police Procedural“. Auch wenn sich ein Großteil des Romans in den vier Wänden des Polizeireviers abspielt, wird die eigentliche Arbeit der Gesetzeshüter nur wenig betont. Stone, abgehärtet durch seine Erfahrungen in Downtown L.A., agiert in erster Linie als Instinktermittler, der den Apparat lediglich zur Absicherung und möglichst wenig benutzt, da er bis zuletzt fürchten muss, den Feind in den eigenen Reihen zu haben.

Hierin unterscheidet sich der Roman auch von der (ebenfalls sehr empfehlenswerten) Verfilmung, in der Tom Selleck den gebrochenen Cop Jesse Stone mimt, und welcher Frank Göhre in der Pendragon-Ausgabe ein äußerst aufschlussreiches Nachwort gewidmet hat. Sellecks Stone ist zwar ebenso mundfaul, aber ein doch weit besserer Teamplayer als seine literarische Vorlage. Zudem gehen die Fernsehfilme in größerem Maße auf die Stellung der Polizei innerhalb der Kleinstadt ein. Diese Thematik reißt Robert B. Parker im Auftakt der Serie nur an, wobei es ihm mit wenigen Worten gelingt, die typische Szenerie der neuenglischen Provinz mit all ihren Facetten einzufangen bzw. den Kontrast zwischen West- und Ostküste zu unterstreichen. Überhaupt ist Stones Autofahrt von L.A. nach Paradise ganz zu Beginn eins der stilistischen Highlights des Romans, in dem Parker zwischen aktuellen Eindrücken und Rückblicken hin und her wechselt, und den Leser dabei gleichzeitig die verschiedenen Seiten der USA erleben lässt. Ob verschneite Berghänge, staubbedeckte Wüsten oder die kühle Gischt des tobenden Atlantiks – dank der bildreichen Sprache ist man stets mittendrin statt nur dabei.

Im Verbund mit dem temporeichen, geradlinigen Plot verzeiht man „Das dunkle Paradies“ dann sogar den ein oder anderen etwas zu tumben Bösewicht. Robert B. Parker ist mit Jesse Stone ein unheimlich interessanter Gegenpart zum lässigen Detektiv Spenser gelungen. (Auf den wird er in späteren Werken sogar persönlich treffen – Fans der Serie werden hier bereits Captain Healy wiedererkannt haben). Eine ganz dicke Empfehlung für alle Freunde des „Good-Old“-Noir und ein mehr als neugierig machender Auftakt einer Serie, bei deren Veröffentlichung der Pendragon Verlag hoffentlich langen Atem beweist. Mögen ihn möglichst viele Leser dabei unterstützen!“

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Das dunkle Paradies
  • Originaltitel: Night Passage
  • Übersetzer: Robert Brack
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 2/2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-86532-355-2