The Road to Dark Hollow

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© Ullstein

Mehr als acht Jahre ist die Lektüre von „Das dunkle Vermächtnis“ nun her und dennoch hat sie sich als Erlebnis äußerst hartnäckig in meiner Erinnerung festgesetzt, was vor allem daran liegt, dass ich bis dato nichts vergleichbar düsteres gelesen hatte. Oder um es anders zu sagen: Mitte der 2000er Jahre war John Connolly mein Thomas Harris, mein ganz persönlicher Abstieg in die Tiefen der seelischen und menschlichen Finsternis, mein „First Encounter“ mit der schonungslosen Brutalität des ursprünglichen Bösen.

Schon der Auftakt der „Charlie-Parker“-Reihe deutete das enorme Potenzial des irischen Autors an – mit diesem zweiten Band schreibt er sich meines Erachtens endgültig in die erste Liga der „Thriller“-Prominenz. Und auch wenn viele weitere Romane in der Zeit nach diesem Buch den großen Eindruck vielleicht etwas relativierten – im großen Pool der Hardboiled-Literatur schwimmt dieses Werk für mich doch weiterhin ganz weit mit oben und an zentraler Position. Es bleibt also zu hoffen, dass dieses „Vermächtnis“ weitergegeben und in nicht allzu ferner Zukunft wieder unter den lieferbaren Titeln weilen wird. Doch nun zum Buch selbst und dem Grund für all dies Lob:

Es ist gut ein Jahr her, dass Charlie „Bird“ Parkers Familie durch die Hand eines psychopathischen Serienmörders den Tod gefunden hat. Der Detective des NYPD hatte nach diesem Schicksalsschlag seiner Arbeit den Rücken gekehrt und auf der Jagd nach dem „Fahrenden Mann“, so der Name des Mörders, eine Spur des Blutes hinterlassen. Die Art und Weise, in der er Selbstjustiz verübte, führte zu einer Ächtung durch seine Kollegen, worauf er schließlich den Dienst quittierte. Zurückgezogen im alten Haus seines Großvaters in Maine lebend, verdingt er sich nun als Privatdetektiv und hilft auch alten Freunden gern mal aus. So treibt er für Rita Ferris bei ihrem Ex-Mann, dem stadtbekannten Schläger Billy Purdue, dessen ausstehende Alimente ein… und katapultiert sich damit ohne sein Wissen in ein Gewirr aus Gewalt, Rache und Hass.

Rita wird kurz danach samt Sohn tot aufgefunden und Billy, der Hauptverdächtige, der zuvor die Mafia um Geld erleichtert hatte, flieht in den Norden. Mafiosi, Bullen und zwei mysteriöse Killer dicht an seinen Fersen. Parker, von Billys Unschuld überzeugt, versucht ihn zu finden und wird im Verlauf dieser Jagd mit der Vergangenheit konfrontiert. Denn in den dunklen Wäldern von Maine treibt „Caleb Kyle“ sein Unwesen. Ein mysteriöser Serienmörder, dem im Jahr 1965 schon sein Großvater, selbst Polizist, auf der Spur war … sein dunkelstes Vermächtnis.

„Weltklasse“ – das war das Prädikat, mit dem ich damals, noch atemlos und unter den Eindrücken meines Leseerlebnisses stehend, Connollys zweiten Bird-Roman bedacht hatte. Eine Bewertung, die sich heute etwas maßlos liest und zudem von der Jugend des (vielleicht leichter zu beeindruckenden?) Lesers kündet, der sich inzwischen zu solchen Superlativen eher nicht mehr hinreißen lässt. Dennoch: Vergleichsmöglichkeiten gab es auch da bereits derlei viele. Und was einst stimmte, hat auch heute noch Gültigkeit, denn in der Tat war „Das dunkle Vermächtnis“ eine besondere, über alle Maßen intensive Erfahrung, die sich nicht nur aus jugendlicher Unerfahrenheit, sondern vor allem durch das sprachliche Können des Autors speiste. Während der Vorgänger sich oftmals noch die ein oder andere langatmige Passage gönnt, mangelnde Zielstrebigkeit und Nebenschauplätze den Lesefluss stören, da liest sich sein Nachfolger wie aus einem Guss – und das obwohl Connolly einmal mehr der Handlung ein paar Stränge zu viel zumutet und in Punkto Realismus weiterhin gewaltig Abstriche macht. Doch ganz ehrlich – wen stört das, wenn es in einem so nachtschwarzen, sogkräftigen Cocktail serviert wird, von dem man immer noch ein weiteres Glas haben und runterstürzen muss. Wohl wissend, dass der Griff danach mehr die Sucht nach dem Rausch, als nach dem Geschmack ist.

Und wie der alkoholische Drink, so ist auch diese Lektüre tatsächlich nur etwas für Erwachsene, bei denen selbst „trinkfeste“ Quereinsteiger durch die Wucht, mit der Connolly das Böse auf die Welt niederprasseln lässt, ins Straucheln kommen dürften. Für Zartbesaitete – das sei an dieser Stelle unbedingt nochmal betont – ist auch „Das dunkle Vermächtnis“ absolut nicht geeignet, auch wenn der Roman noch so vermeintlich harmlos beginnt. Und bereits dieser Beginn entscheidet darüber, ob man sich auf die Lektüre einlassen kann und will, mutet uns doch Connolly nicht nur drastische Szenen, sondern auch einige Zufälligkeiten zu. Wer hier grundsätzlich mit der Lupe nach Logiklücken sucht und einen geerdeten, realistischen Plot zur Voraussetzung für den Spaß an einem Buch macht – nun, der wird recht früh auf der Strecke bleiben. Lässt man sich darauf jedoch ein, saugt uns Parkers zweiter Auftritt geradezu in die Handlung, welche der Autor mit traumwandlerischer Brillanz verdichtet und mit einer bis unter die Gänsehaut kriechenden Atmosphäre auflädt, die sich wie ein Dunstschleier mit beklemmender Wirkung auf die Lungen des Lesers legt.

Beklemmend auch deswegen, weil es schwer fällt, nicht um Parkers Haut zu fürchten, der das Zugpferd der Geschichte ist und ein echter Typ, welcher sich hinter den Marlowes, Archers oder auch Kenzies dieser Welt nicht verstecken muss. Er trägt schwer am Verlust seiner Familie, ist streckenweise dem Wahnsinn nicht allzu fern und droht die Reinheit seiner Seele endgültig zu verlieren. Eine Seele, die ohnehin nur noch von einer harten, aber auch dünnen Schale aus Zynismus zusammengehalten wird. Seine Reise in die finsteren Welten von Caleb Kyle ist auch gleichzeitig ein andauernder Kampf gegen den endgültigen Fall, der verzweifelte Versuch, sich wieder in einen Menschen aus Reue und Mitleid zu verwandeln, seine blinde Wut für etwas Gutes einzusetzen. Nicht einfach, wenn einen die Dämonen aus der Vergangenheit plagen, was im Falle von John Connolly wortwörtlich zu verstehen ist, denn die bereits in „Das schwarze Herz“ angedeuteten übernatürlichen Elemente sind hier noch weit mehr ausgeprägt. Folgerichtig, möchte man fast sagen, wandeln wir doch durch die feucht-nebligen Wälder und kleinen Siedlungen von Maine, wo uns schon Stephen King in diversen seiner Werke das Fürchten lehrte.

Und wie bei Stephen King, so stellt sich auch in „Das dunkle Vermächtnis“ der Protagonist nicht allein den finsteren Mächten. Parkers alte Freunde, Angel (große Klappe) und Louis (Hitman mit Hirn), Einbrecher bzw. professioneller Killer außer Dienst, stehen ihm einmal mehr als Waffenbrüder zur Seite. An ihnen scheint der Autor besonderen Gefallen gefunden zu haben, tobt er sich in ihrer Charakterisierung doch über die Maßen aus und schreckt nicht davor zurück, dem Effekt zu liebe auch Überzeichnungen in Kauf zu nehmen. Dennoch: Das schwule Pärchen ist für mich das Salz in der Suppe, da beide ihre Skrupel schon lange über Bord geworfen haben und sich selbst für die dreckigste Arbeit nicht zu schade sind. Das sorgt für erfrischende Abwechslung, haben sie doch mit dem üblichen Helden nichts gemein, sondern – ganz im Gegenteil – wären angesichts humanerer Gegner wohl die eigentlichen Bösewichte. Im Angesicht eines Caleb Kyle muss Parker jedoch auf ihre Hilfe zurückgreifen. Und es ist ja auch nicht der ungeschickteste Schachzug, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Die „few bodies along the way“ nimmt man dafür halt in Kauf.

Liest man obige Beschreibung, sollte man meinen durch die Bank groteske Figuren vorgesetzt zu bekommen. Interessanterweise stellt sich dieser Eindruck bei der Lektüre jedoch nicht ein. Stattdessen gewinnen Handlung und vor allem die Umtriebe des diabolischen Gegenübers mit jeder Seite mehr Macht über uns, während sich der Spannungsbogen in luftige Höhen dehnt und Connolly es versteht, schon beinahe liebevoll detailliert, noch die kleinste Auseinandersetzung in eine Belastungsprobe für unser Nervenkostüm zu verwandeln. Ob Parkers Atem in der kalten Waldluft, vorbeifliegende Projektile in der Nacht oder dunkle Schatten in noch dunkleren Ecken – all das wird derart eindringlich in Szene gesetzt, dass selbst behutsame Leser am Ende ihres literarischen Trips tiefe Leseknicke im Buchrücken vorfinden dürften. Eine Szenerie mit Spannung aufzuladen – kaum einer vermag dies so elegant wie John Connolly.

Im Verlauf der Reihe wird der irische Autor – soviel sei vorab verraten – dieses Niveau nicht immer halten können, wobei sich vor allem sein Wunsch, das archaische Böse stets neu erfinden zu wollen, irgendwann als Zwickmühle erweist. In seinen Anfängen ist die Serie um Parker aber so mit das Beste was das Hardboiled-Genre hervorgebracht hat. Und „Das dunkle Vermächtnis“ unterstreicht dies mit einer Wucht, der man sich einfach nicht entziehen kann. Ganz, ganz großes Kino und unbedingtes Muss für Freunde des härteren Stoffs.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das dunkle Vermächtnis
  • Originaltitel: Dark Hollow
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 02.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 472 Seiten
  • ISBN: 978-3548263915

Ich bin alles tote Sein

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© Ullstein

Es war der Sommer 2008 – die Zeit vor Twitter und der (exzessiven) allgemeinen Nutzung von Facebook . Das Forum auf der Website www.krimi-couch.de war noch quicklebendig, der Thread „Quasselbox“ Anlaufstelle für gleich eine Vielzahl von Membern, allesamt vom Wunsch dorthin getrieben, sich über Spannungsromane aller Couleur auszutauschen und gegenseitig Tipps zu geben (Und auch Offtopic waren die Konversationen mehr als unterhaltsam, aber dies ist eine andere Geschichte). Einer dieser Tipps war ein Name – John Connolly

Rückblickend betrachtet hätte ich ihn wohl ohne dieses Forum nie entdeckt, hat es der irische Autor doch hierzulande nicht wirklich zu größerer Bekanntheit gebracht. Sein Verleger Ullstein bzw. List stellte – höchstwahrscheinlich auch aus demselben Grund – die Veröffentlichung in Deutschland bereits im Jahr 2012 ein. Und selbst vor dieser Zeit war der Name Connolly ein seltener Gast in unseren Buchhandlungen. Dies ist angesichts der Qualität, besonders der frühen Werke, bemerkenswert, könnte aber unter anderem darin begründet sein, dass man sich seitens des Verlags bei der Bewerbung des Autors auch nur wenig Mühe gemacht hat. Inzwischen ist ein Großteil der Titel vergriffen, weswegen es auf den ersten Blick keinen Sinn macht, diese Trommel nachträglich zu rühren. Allerdings eben nur auf den ersten Blick, hat doch die Erfahrung – zum Beispiel im Fall James Lee Burke – gezeigt, dass es durchaus lohnt, einen vergessenen Autor immer mal wieder in den Fokus zu rücken.

Vorneweg: „Das schwarze Herz“, Auftakt der Reihe um den Privatdetektiv Charlie „Bird“ Parker, gehört mit zum Besten was ich im Bereich der härteren Spannungsliteratur bis dato zwischen den Fingern hatte und lesen durfte, was insofern erwähnenswert ist, da ich es mit den brutalen Vertretern dieser Zunft – von Ausnahmen wie Rex Miller oder Thomas Harris mal abgesehen – eher nicht halte. Dies legt weniger in einer zartbesaiteten Seele begründet, als vielmehr an der Tatsache, dass mich die Tendenz moderner Thriller, sich mit immer perfideren Foltermethoden und entstellteren Leichen gegenseitig zu übertreffen, zunehmend ermüdet und daher das Gegenteil des gewollten Effekts erzielt. Blut, Mord, Tod – inzwischen geht dies mit Belanglosigkeit einher, weswegen ich es als umso wichtiger erachte, die unbedingt lesenswerten Vertreter dieser Sparte hervorzuheben. Und einer davon ist eben „Das schwarze Herz“, dessen Inhalt hier kurz angerissen sei:

Ein kalter Dezember im Jahr 1996. Charlie „Bird“ Parker, Detective des New York Police Department, sucht sich den falschen Abend aus, um seine Eheprobleme in einem Pub um die Ecke zu ertränken. Als er nach Hause zurückkehrt, findet er die Hölle vor. Frau und Tochter sind tot. Dahingeschlachtet von einem diabolischen Killer, der sie einem mysteriösen Ritual nach dem Tode wie ein Totenkünstler in einer Art Pieta arrangiert und ihnen die Haut samt Gesicht abgezogen hat. Parker, der kurzfristig selbst zum Mordverdächtigen wird, bricht unter seiner Trauer zusammen, quittiert kurze Zeit später den Dienst und beginnt als freischaffender Detektiv den Täter auf eigene Faust zu suchen, was sich jedoch alsbald als vergeblich erweist. Der Mörder seiner Familie scheint wie vom Erdboden verschluckt. Als Parker der letzten verbliebenen Spur nach New Orleans folgt, gerät er an eine alte Voodoo-Frau. Sie erzählt ihm die Legende vom „Fahrenden Mann“, der bereits unzählige Male in der Vergangenheit getötet hat und immer noch sein Unwesen treibt. Dies scheint der Mann zu sein, den er sucht. Bevor er jedoch diesem Hinweis nachgehen kann, fordert ein anderer Fall Parkers Aufmerksamkeit.

Ein alter Kollege bittet ihn um Mithilfe bei der Suche nach Catherine Demeter, die spurlos verschwunden ist. Parkers Nachforschungen führen ihn in den tiefen Süden der USA, nach Haven, Virginia und auf die Fährte eines weiteren Killers, der seit über dreißig Jahren im Umfeld der örtlichen Mafia ungestraft sadistische Morde an Kindern begeht. Und mehr noch: Dieser Mann scheint die Identität des „Fahrenden Manns“ zu kennen. Parker hat nichts mehr zu verlieren. Gemeinsam mit dem schwulen Paar Angel und Louis, Profis in Sachen Diebstahl, Einschüchterung und eiskaltem Mord, nimmt er den Kampf gegen den Mob auf…

Wie oben bereits angedeutet, gibt es im Umfeld des Spannungsromans kaum etwas, dem ich inzwischen mehr überdrüssig bin, als der Serienkiller-Thematik. Eigentlich also keine guten Voraussetzungen für den Erstling des gebürtigen Iren Connolly, der gleich mit mehr als einem dieser Soziopathen aufwartet und damit augenscheinlich in dieselbe Kerbe schlägt. Was unterscheidet ihn dann von der stereotypen Genre-Konkurrenz? Die Antworten darauf, welche nicht einer gewissen Ironie entbehren, lauten: Glaubwürdigkeit und Originalität. Ironie deshalb, weil Connollys Bösewichte sich der Elemente des klassischen Lecters bedienen, um ihn dann wie einen harmlosen Nachbar von nebenan aussehen lassen. In den Schatten gestellt, von brutalen, gewissenlosen Monstern, die ihren Platz in einer Welt haben, welche so dunkel ist, dass ihr selbst der Begriff „Noir“ nicht mehr gerecht wird. Doch wo andere Romane aufgrund solcher Überzeichnungen Schiffbruch erleiden, sind sie in Connollys Werken das Salz in der Suppe, das Alleinstellungsmerkmal, aus dem vor allem die Serie um Charlie „Bird“ Parker seine Faszination bezieht – wenn man sich als Leser in der Lage dazu sieht, die Bösartigkeiten zu ertragen, welche der Autor mit einer schon perversen Liebe fürs Detail skizziert.

Im Unterschied zu solchen Autoren wie Edward Lee oder Richard Laymon ist John Connolly dabei jedoch nicht an Gewaltpornographie gelegen. Stattdessen dienen die expliziten Schilderungen in erster Linie dem atmosphärischen Anstrich des Plots, der sich gleich an mehreren Stellen den Zwängen des klassischen Thrillers entledigt, um eine Brücke zu den Gefilden von Stephen King und Co. zu schlagen. Eine Tendenz, welche Connolly in den kommenden Bänden der Reihe noch zielgerichteter verfolgen und damit für allerlei Kontroversen unter seinen Lesern sorgen wird. Heißt gleichzeitig: Wem diese übersinnlichen Phänomene bereits jetzt bitter aufstoßen, der kann von der weiteren Verfolgung der Serie gleich Abstand nehmen.

Alle anderen werden auf einen dunklen, stimmungsvollen Trip in die schwül heißen Gefilde von Louisiana und Virginia mitgenommen, der trotz tropischer Temperaturen vor allem für kalte und selten wohlige Schauer sorgt und – das sei hervorgehoben – auf die üblichen Südstaaten-Klischees wohltuender Weise verzichtet. Wie kaum ein anderer Autor vermag es John Connolly die Essenz des Bösen auf Papier zu bringen, der menschlichen Niedertracht ein Gesicht zu verleihen und uns als Leser aus der alltäglichen Komfortzone zu holen. Der viel beworbene Gänsehaut-Faktor, er hat hier beinahe durchgängig Bestand, sorgt für ein ständiges Gefühl des Verfolgtwerdens (der „Fahrende Mann“ bleibt lange Zeit eine im Schatten lauernde Bedrohung) gepaart mit einer nicht wirklich erklärbaren Unruhe und der Neigung den eigenen Blick vom Buch zu heben, um sich zu vergewissern, dass sich in den letzten Minuten nicht doch jemand Zutritt zum sonst doch immer so gemütlichen Wohnzimmer verschafft hat.

Einziger größerer Kritikpunkt an „Das schwarze Herz“ ist die Tatsache, dass hinsichtlich der Komposition des Ganzen der Debütcharakter des Romans doch das ein oder andere mal deutlicher zutage tritt. John Connolly verfolgt die zwei oben angerissenen Handlungsstränge nicht parallel, sondern separat, wodurch das Konstrukt nicht immer homogen daherkommt und die am Ende installierten Verbindungen auch eben genau so wirken. So wäre Parkers Intermezzo mit der hiesigen Mafia allein schon ein passender, weil stilistisch hervorragend und vor allem eindringlich in Szene gesetzter Höhepunkt für das Buch gewesen. Stattdessen ist aber an dieser Stelle erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Und genau nach diesem Showdown hat der Plot dann so einige Mühe den Bruch in der Erzählung zu kitten und den Anstieg für den nächsten Spannungsbogen in die Wege zu leiten. Als Folge davon verliert die Story etwas an Tempo. Und auch der dringliche Charakter, der bis hierhin die Protagonisten in seinen Klauen hatte, lockert seinen Griff. Hat man diese Durststrecke jedoch zurückgelegt, erwartet und belohnt uns ein Finale, das gekonnt mit unserer Vorstellungskraft spielt und in seiner Dramaturgie nichts vermissen lässt.

Zurück bleibt ein atemloser Leser, sichtlich gezeichnet von diesem Ausflug ins das schwarze Herz eines Mörders. Und doch gleichzeitig mit der Erkenntnis, dass auch ein brutaler Thriller mit  Substanz und Finesse aufwarten kann. John Connolly wird die hier schon ziemlich hoch gelegte Latte mit den Nachfolgern, „Das dunkle Vermächtnis“ und „In tiefer Finsternis“, nochmal überspringen. Wer also am vorliegenden Roman (und dem düster-schwarzen Humor von Angel und Louis) Gefallen gefunden hat, dem sei der Kauf dieser zwei Titel unbedingt ans Herz gelegt. In meinem persönlichen Fall hat sich Connolly schon längst einen besonderen Status im Regal erworben.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das schwarze Herz
  • Originaltitel: Every Dead Thing
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 07.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 525 Seiten
  • ISBN: 978-3548251509