Entmystifizierung des amerikanischen Traums

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© Penguin

„Zeiten des Aufruhrs“ (engl. „Revolutionary Road“), dessen Erstveröffentlichung im Jahre 1961 auf großen Beifall stieß, genießt bei den Lesern amerikanischer Literatur seit Beginn der 60er Kultstatus, während man es hierzulande eher in der Kategorie der „modernen Klassiker“ führt. Ein Prädikat, das nicht selten einfach nur bedeutet: „Buch steht ungelesen im Schrank“. Dabei lohnt dieses Werk gelesen zu werden, ist es doch ein Abgesang auf den „American Way of Life“, der heutzutage immer noch Gültigkeit hat und der, durch Richard Yates‚ illusionslose Betrachtungsweise, den amerikanischen Traum endgültig entmystifiziert.

Yates‘ Debütroman führt den Leser zurück in die glücklichen Fünfziger Jahre. Eine Ära des allgemeinen Wohlstands, ein Neuanfang nach den Schrecken der großen Kriege am Anfang des Jahrhunderts. Man wohnt in schicken Einfamilienhaussiedlungen außerhalb der Stadt, gleitet in übergroßen Straßenkreuzern dahin und genießt im Allgemeinen die luxuriösen Bequemlichkeiten der Moderne. Doch inmitten dieser finanziellen Sicherheit und dem familiären Glück schwärt die Unzufriedenheit, finden sich die Ursachen der Langeweile. Plötzlich ist der erreichte Status Quo nicht mehr ausreichend, sucht man Wege heraus aus dem kleinbürgerlichen Käfig, den man sich vorher so bestrebt selbst geschaffen hat. Und unter den Dächern der bunten Häuschen mit den eiscremefarbenen Autos vor der Garage gärt es, klaffen plötzlich Lücken zwischen Schein und Sein, Erwartung und Realität.

So auch bei Frank Wheeler, der Hauptfigur des Buches. Ein Möchtegern-Intellektueller dem jeglicher Ehrgeiz abgeht und dies mit „der Suche nach seiner Bestimmung“ zu erklären versucht. Gerade mal Ende zwanzig scheint für ihn das Leben mit Ehefrau und Kindern schon keine Überraschungen mehr zu bieten. Das gemütliche Heim, die lieben Nachbarn, sein einfacher Job – all das hängt ihm genauso zum Halse raus, wie seine Gattin April, die als unterforderte Hausfrau die Stütze ihres Mannes spielt und ihre wahre Gemütslage unter einem strahlenden Lächeln versteckt. Gemeinsam leben sie in der „Revolutionary Road“ auf dem „Revolutionary Hill“, einer Reihenhaussiedlung außerhalb von New York, wo man in einstudierten und aufwendig inszenierten Gesten seine Freizeit mit Freunden verbringt, stets darauf bedacht falsche Themen zu meiden und darum bemüht, das spießbürgerliche Verhalten des jeweils anderen nicht zu bemerken. Wunschträume und Luftschlösser bilden das Fundament des Zusammenlebens, halten die bröckelnden Steine der Fassade zusammen. Als April jedoch eines Tages den Vorschlag unterbreitet, durch einen Umzug nach Paris den eingefahrenen Verhältnissen zu entfliehen, stürzt die aus Lebenslügen gemauerte bürgerliche Existenz zusammen …

„Schelmisch überspitzte Schilderungen noch kleinster menschlicher Eitelkeiten und gesellschaftlicher Rituale, schwarze Porträts von grotesk zerrütteten Ehen, hochpräzise Miniaturen von Nebenfiguren und ungewöhnlich böse Urteile über Arroganz, die sich als Unschuld gibt“.

Diese Auszüge aus dem Nachwort von Richard Ford könnten Yates‘ Roman nicht besser beschreiben, ist doch bereits der Titel (der deutsche wie das Original) ironisch zu verstehen, da es zu einem Aufruhr oder gar einer Revolution niemals kommt. Stattdessen legt der Autor nach und nach die Spannungen unterhalb der Oberfläche frei, seziert mit boshafter Eleganz die Tücken einer einstudierten, nie auf Liebe gebauten Ehe, ohne dabei eines moralischen Zeigefingers zu bedürfen. Er beschreibt den langweiligen Alltag einer typischen Vorzeigefamilie und tut dies mit einer Spannung, die elektrisierend wirkt, die uns Anteil nehmen lässt, ja, die am Ende schlichtweg betroffen macht. Nicht weil Yates seine Figuren so gut gezeichnet hat, sondern gerade weil sie nicht „gezeichnet“ wirken. Vielmehr begegnen uns hier Menschen, in denen sich ein jeder auf erschreckende Art und Weise selbst wiederfindet. Wie oft ist es mir während der Lektüre passiert, dass mir das Ganze plötzlich zu nah ging, weil ich das Gefühl nicht los wurde, dass mich da jemand selbst analysiert.

Hierin besteht Yates große Kunst. „Zeiten des Aufruhrs“ ist nicht einfach nur als das Psychogramm einer Ehe oder als Satire auf das System zu verstehen – es ist ein Roman über die Unzulänglichkeit des Menschen, über die Gefahren von übergroßer Zufriedenheit und Unehrlichkeit. (Das gerade der schizophrene Sohn der Hausmaklerin, John Givings, derjenige ist, der die Wahrheit ausspricht und dafür den Rest des Lebens in der Irrenanstalt fristen muss, entbehrt da nicht einer gewissen Ironie und Symbolik.) Und gerade weil dies der Autor nicht wie ein Plädoyer oder eine Anklage klingen lässt, wirkt das Ganze umso mehr.

Zeiten des Aufruhrs“ ist ein sprachlich herausragendes, bewegendes, großartiges Stück moderner amerikanischer Literatur. Ein meisterhaft geschriebener, bis in kleinste Wort durch komponierter Genuss, der mir manchmal die Kehle zugeschnürt, aber vor allem eines – nämlich tief beeindruckt hat.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Zeiten des Aufruhrs
  • Originaltitel: Revolutionary Road
  • Übersetzer: Hans Ulrich Wolf
  • Verlag: Penguin
  • Erschienen: 09.2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3328101543
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Chronik eines Gescheiterten

© btb

Edward Hoppers „Nighthawks“ (frei übersetzt: „Nachtschwärmer“) ist nicht nur eines der populärsten Bilder des 20. Jahrhunderts (es wurde oft kopiert und noch öfter zitiert), sondern gehört auch zu meinen persönlichen Favoriten, was insofern erwähnenswert ist, da ich mich ansonsten für Kunst kaum interessiere und noch weniger Ahnung von der Thematik habe. Fakt ist jedenfalls: Hoppers Komposition der Farben spricht mich genauso an, wie die Grundstimmung des Bilds, das drei in einer Bar sitzende Gäste zeigt, welche aneinander vorbeischauen und allem Anschein nach ihren eigenen Gedanken nachhängen.

Während draußen bereits die Nacht hereingebrochen ist, tauchen die Lampen des „Phillies“ alles in ein kühles, grelles Licht, das die Einsamkeit der Figuren noch unterstreicht. Durch die Theke von ihnen getrennt, geht der Barkeeper seiner Arbeit nach. Seine Aufmerksamkeit gilt dem rauchenden Mann vor ihm, der seinerseits die Frau neben sich kaum wahrzunehmen scheint. Abseits von ihnen sitzt ein weiterer Mann, mit der Rückenpartie zum Betrachter. Sein Hut hängt tief im Gesicht, sein Blick ist nach unten gerichtet. Meiner Ansicht nach ist es letztlich er, der die Popularität von „Nighthawks“ begründet. Einsam und in der hellen Ausleuchtung des Diners auch irgendwie exponiert, fungiert er als Fragezeichen für den Betrachter. Wer ist dieser Mann? Wo kommt er her? Warum wirkt er so niedergeschlagen?

Interpretationsansätze und -möglichkeiten gibt es sicherlich genug. Kein anderer hat für mich jedoch bisher eine passendere Hintergrundgeschichte geliefert als Richard Yates, der in seinem dritten Roman „Ruhestörung“, welcher im Jahr 1975 veröffentlicht worden ist, die Geschichte vom Absturz John Wilders erzählt. Und der erinnerte mich mehr als nur einmal, an den Mann auf dem bekannten Bild.

Wir schreiben den September des Jahres 1960. Wilder ist ein unauffälliger, durchschnittlicher New Yorker aus der Mittelschicht, mäßig talentiert, und doch beruflich recht erfolgreich im Verkauf von Anzeigen. Zuhause wartet eine auf ihn liebende Frau täglich auf seine Rückkehr aus dem Büro. Und am Wochenende entfliehen sie zumeist, gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Sohn, dem Trubel des Big Apple und fahren aufs Land. Kurzum: Alles scheint gut und Wilder (der regelmäßig dem Alkohol frönt und sich auch immer mal wieder in einer heimlich gemieteten Wohnung mit anderen Frauen vergnügt) ein zufriedenes Leben zu führen. Doch die Idylle trügt … und etwas droht, die Ruhe zu stören.

Statt nach seiner Rückkehr von einem Arbeitstermin in Chicago wieder direkt die Wärme des Eigenheims anzusteuern, ruft er diesmal aus einer Telefonzelle seine Frau Janice an, um ihr mitzuteilen, dass er nicht nach Hause kommen kann. Ihre Frage nach dem Warum beantwortet er kurz und knapp: „Willst du es wirklich wissen, Schatz? Weil ich Angst habe, dass ich euch umbringen werde, deswegen. Euch beide.“ Einige Stunden später findet ihn sein Freund Paul Borg in einer Hotelbar. Wilder hat mehrere Whiskey zu viel Blut, ist mit dem Nerven am Ende und wirkt unberechenbar. Schließlich wird er, nicht ohne vorher noch dessen Frau aufs Übelste zu beleidigen, von Paul direkt ins Bellevue Hospital verfrachtet. Da es jedoch das Wochenende des Labor Day ist, wo ganz Amerika, einschließlich der Ärzteschaft, feiert und frei hat, überstellt man ihn zügig und ohne längere Erklärungen in die Psychiatrie. Hier, in der geschlossenen Station für gewalttätige Männer, zwischen Patienten in Zwangsjacken, Verbrechern, Verrückten und einem hünenhaften Schwarzen ausgeliefert, der mit freudiger Willkür seine Spritzen setzt – hier beginnt der tiefe und bodenlose Fall Wilders …

Richard Yates „Ruhestörung“ wird heute als eines seiner weniger guten Werke bezeichnet, wobei auch dabei die meisten Kritiker einen großen Bogen um das Wort „schlecht“ machen, schrieb der amerikanische Autor doch in solch literarischen Höhen, dass ein solches Adjektiv schlichtweg fehl am Platz wirken würde. Dennoch bin ich insofern geneigt zuzustimmen, dass es wohl Werke wie eben dieser dritte Roman waren, die Yates‘ dauerhaften Ruhm und Erfolg verwehrten. Seine sich durch alle Werke ziehende überaus pessimistische Ansicht vom Leben sowie die fortwährende Entmystifizierung des „American Dream“ stehen im krassen Gegensatz zum zuversichtlichen, gutgläubigen US-Amerikaner, dem ein Blick auf das flatternde Stars-and-Stripes-Banner zu reichen scheint, um voller Hoffnung in die Zukunft zu blicken. Diese Illusion vom lohnenden Happyend, dem letztendlichen Erreichen aller Träume – sie zerschlägt Yates mit einer Beiläufigkeit, welche zwar großen Anklang im Umfeld der Autorenkollegen fand, ihm aber den Beifall des Publikums versagte. Sein ernüchternder Realismus zieht sich wie ein Leitmotiv durch alle seine sieben Romane und Kurzgeschichten, und ist immer auch ein Abbild von Yates‘ eigener Biographie, was in „Ruhestörung“ wieder besonders stark zutage tritt.

Wie Wilder war Richard Yates ein starker Alkoholiker, der, trotz vieler Entziehungsversuche, sein Leben lang in exzessiven Mengen trank und dieses schließlich dadurch sogar beendete, als er 1992 an seinem eigenen Erbrochenen erstickte. Und wie Wilder war Yates in psychiatrischer Behandlung und Patient des Bellevue Hospitals. All das, was den amerikanischen Autor (auch aus seiner eigenen Sicht) scheitern ließ, lässt er hier seinem Protagonisten widerfahren, der ebenfalls glaubt, etwas Großes, Einmaliges erreichen zu können, Filmproduzent zu werden, Hollywood im Sturm zu erobern – und der letztlich mit jedem versuchten Ausbruch aus der Routine des ihm inzwischen so verhassten Familienlebens die Schlinge nur enger zieht, den Treibsand nur noch mehr dazu einlädt, ihn fester zu packen. Schon mit dem ersten Auftritt Wilders ist dem Leser klar, dass der Fahrstuhl in dem er steckt, allein in eine Richtung fahren kann – nach unten. Immer wieder ist es seine Trunksucht, die zuvor aufgewandte Mühen zermalmt, um ihn sich sogleich wieder in Hoffnungen verrennen zu lassen, die nichts als Luftschlösser sind. Wilders Geschichte liest sich somit als Chronik des Scheiterns, wobei Yates gänzlich darauf verzichtet diese mit Pathos und literarischem Zuckerguss zu versüßen.

Stattdessen erwartet uns in „Ruhestörung“ eine trockene, lakonische und distanzierte Sachlichkeit. Nachtschwarz, hoffnungslos, desillusionierend, und doch nicht ohne ein gewisses Gespür für Situationskomik und Witz, welches den Leser die Aneinanderreihung von Enttäuschungen mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgen lässt. Nicht selten musste ich für kurze Zeit lauthals auflachen, um schon einen Absatz später ernüchtert zu schlucken, weil Yates den Schutzpanzer des Betrachters beharrlich malträtiert. Gerade seine Fähigkeit das Scheitern im kleinen Rahmen darzustellen, die Fehler im Alltag, die Unfähigkeit zur Umkehr in einfachsten Situationen zu betonen, macht seine Bücher so wirkungsvoll – und damit, trotz des düsteren Grundtenors, so lesenswert.

Ruhestörung“ liest sich wie eine rohe Abrechnung, wie ein verbitterter, aber auch zielgerichteter Rundumschlag eines Zeit seines Lebens Verkannten, der uns durch John Wilder gleichzeitig einen Blick in das eigene Befinden erlaubt. Er tut dies nicht als typischer allwissender Erzählender, sondern bodenständig und behutsam. Wir dürfen nur sehen, was Wilder sieht, fühlen, was er selbst fühlt. Wenn dieser einmal mehr vom Ärztepersonal zu Boden gerungen und narkotisiert wird, geht für uns das Licht gleichermaßen aus. Bis dieser wiederum erwacht und mit den Worten „Entschuldigen Sie. Können Sie mir sagen, wo ich bin?“ den Gang in den Abgrund auf ein Neues antritt. Einmal, zweimal, dreimal. Ein stilistischer Kunstgriff, der Wilders Höllenritt nicht nur glaubwürdiger macht, sondern seine geschädigte Psyche auch wesentlich intensiver wirken lässt.

Mit „Ruhestörung“ hat Richard Yates sein vielleicht düsterstes und eindringlichstes Werk abgeliefert. Eine „Tour de Force“ in den Untergang, die uns am Ende mit bitterem Geschmack in eine Wirklichkeit entlässt, welche der Wilders – in vielen Facetten – immer noch ähnelt. Ganz, ganz große, zierlose und geradlinige Literatur – höllisch gut erzählt.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Ruhestörung
  • Originaltitel: Disturbing the Peace
  • Übersetzer: Anette Grube
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 04.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 315 Seiten
  • ISBN: 978-3442744268

„Wir tun einfach so, als ob es nicht so wäre.“

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© DVA

Es gibt Autoren, die kann man gar nicht genug würdigen. Richard Yates ist so ein Autor. Daher jetzt ohne längere Umschweife meine vierte Rezension zum bloginternen Marathon durch das Schaffenswerk des US-Amerikaners, dem zu Lebzeiten die verdiente Ehrung leider nicht zuteil wurde.

The Lost World of Richard Yates – How the great writer of the Age of Anxiety disappeared from the print.

So lautete die Überschrift von Stewart O’Nans Artikel, welcher 1999 in den Monaten Oktober und November im Boston Review erschien und den sieben Jahre zuvor verstorbenen Autor aus der antiquarischen Versenkung holte. Bereits kurz nach seinem Tod war Yates, dem schon zu Lebzeiten der Publikumserfolg verwehrt geblieben ist, nur noch dort zu finden. Erst die Anerkennung seiner Schriftstellerkollegen, die, wie O’Nan oder auch Richard Ford, schon seit längerer Zeit seine Bedeutung für die amerikanische Literatur und den Einfluss auf eigene Werke priesen, hat Yates‘ Werk wieder mehr in den Fokus gerückt.

Inzwischen auch in Deutschland, wo der DVA-Verlag bzw. im Anschluss daran btb sowie Penguin für die Titelpflege verantwortlich zeichnet. Ein Einsatz, der sich, geht man von den dortigen regelmäßigen Veröffentlichungen aus, zu lohnen scheint. Auch für den Leser, den im Gegensatz zu vielen anderen modernen Klassikern keine undurchdringlichen Sprachlabyrinthe, sondern ruhig-nüchterne und doch eindringliche Geschichten erwarten, die mit viel Herzblut auf Papier gebracht worden sind und in jeder Zeile auch vom schwierigen Leben Yates‘ künden. Das dieses in erster Linie von Einsamkeit, Misserfolg, Alkoholexzessen und Depressionen geprägt war, merkt man keinem seiner Bücher so sehr an wie „Eine besondere Vorsehung“. Im Erscheinungsjahr 1969 von Kritikern weitestgehend ignoriert und vom Publikum als unzeitgemäß abgelehnt – von mir vollkommen gebannt verschlungen. Yates unterstreicht seinen Namen in meiner Kategorie der Lieblingsautoren hier nochmal dick und fett mit rotem Edding. Und das, obwohl kaum ein anderer Roman mich wohl so deprimiert hat wie dieser. Ein Widerspruch?

Kurz zur Geschichte: New York im Jahr 1944. Der junge GI Robert Prentice besucht ein letztes Mal seine Mutter Alice, ehe er mit seinen Kameraden nach Europa eingeschifft wird, wo der Krieg auf ihn wartet. Es ist ein Treffen zweier Menschen, welche ihre Vergangenheit gemeinsam meistern mussten und sich doch jetzt fremder sind als je zuvor. Besonders Robert durchschaut die zwanghaften Versuche seiner Mutter, eine halbwegs normale Konversation zu führen:

„Wovon sie sprach, war bedeutungslos, er wusste, was sie tatsächlich sagen wollte. Hilflos und vorsichtig, klein und müde und bestrebt zu gefallen, bat sie ihn, ihr zu bestätigen, dass ihr Leben nicht gescheitert war.“

Ein Leben, in dessen Schlepptau sich stets auch Robert befand, der als Kind immer wieder von Ort zu Ort ziehen musste, um den Lebenstraum seiner Mutter, eine erfolgreiche Karriere als Bildhauerin zu starten, irgendwann einmal wahr werden zu lassen. Eisern, stur und verblendet hält Alice selbst an diesem fest, als sie aufgrund einer Klage wegen nicht bezahlter Mieten den Staat verlassen muss. Robert erträgt die täglich neuen Demütigungen des Alltags, die andauernde Armut und die Abwesenheit des Vaters, der in Trennung von seiner Mutter lebt, mit stoischer Gelassenheit und zusammengebissenen Zähnen.

Der Krieg ist für Robert nun die Chance dieser tristen Mittelmäßigkeit zu entfliehen. Doch seine Hoffnungen auf Ruhm und Ehre erfüllen sich nicht, denn die großen Schlachten sind bei seiner Ankunft längst geschlagen …

Eine besondere Vorsehung“ beinhaltet zwei konträr laufende Handlungsstränge, die zwar in unterschiedlichen zeitlichen Ebenen spielen, dennoch aber dieselbe Thematik behandeln: Sie erzählen von Menschen, die sich fortlaufend über ihre Möglichkeiten täuschen und die hartnäckig an ihren Vorstellungen von der Welt festhalten, obwohl sich die Kluft zwischen den hochfliegenden Erwartungen und der letztlich ernüchternden Realität mit jedem verzweifelten Versuch weiter auftut. Besonders tragisch ist dies im Fall von Robert, der zwar die Lebenslügen seiner Mutter durchschaut, dennoch aber wie sie hofft, seiner gewöhnlichen Herkunft, dieser deprimierenden Mittelmäßigkeit mittels großer Taten entfliehen und den Erfolgreichen gefallen zu können. Ein Vorhaben, das am Ende zum Scheitern verurteilt ist, da zum heldenhaften Kampfe nicht nur der Gegner fehlt, sondern auch eine Lungenentzündung ihn schließlich zum wichtigsten Zeitpunkt von der Front holt.

Yates, den sein Militärdienst wie Robert selbst nach Deutschland brachte, schildert das Grauen des Zweiten Weltkriegs schonungslos, drastisch, detailreich – und doch auch nicht ohne eine gehörige Prise Zynismus, die er schonungslos über seine Protagonisten und damit auch den Leser entlädt. Die Bitterkeit, welche man schmeckt, scheint nicht selten die des Autors, der wie Robert ebenfalls immer dem Erfolg hinterherlaufen musste. Dabei bewertet und moralisiert er jedoch nicht. Stattdessen hebt er die Fallstricke der Herkunft hervor, führt er uns vor Augen, wie verheerend es sein kann, sich in der Welt der Illusionen zu flüchten und diese auf Kosten der Wirklichkeit aufrechterhalten zu wollen. Ein Fehler, den Mutter und Sohn in ihrem fortwährenden Selbstbetrug gleichermaßen begehen:

„Wir tun einfach so, als ob es nicht so wäre.“

Dieser radikale Pessimismus, die entsetzliche Lieblosigkeit mit der Yates die Beziehung zwischen Alice und Robert zeichnet – sie wird nicht jedermann gefallen können. „Eine besondere Vorsehung“ kann trotz des eingängigen, perfekt getimten Stils keine „gute Unterhaltung“ im weiteren Sinne sein. Es ist ein Roman, der genauso viel gibt, wie er uns abverlangt. Eine Aneinanderreihung vieler kleiner und großer Niederlagen, ohne wirkliches Happyend. Und doch ein Buch, das im Gedächtnis, das haften bleibt – weil es eben berührt. Große amerikanische Literatur, die kein zweites Mal ihr Dasein nur in Antiquariaten fristen sollte.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Eine besondere Vorsehung
  • Originaltitel: A Special Providence
  • Übersetzer: Anette Grube
  • Verlag: DVA
  • Erschienen: 08.2008
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 389 Seiten
  • ISBN: 978-3421043313

Lehrer ist ein Beruf, Schüler ein Schicksal

Eine gute Schule von Richard Yates

© DVA

So, heute zur Abwechslung mal wieder etwas vom Belletristik-Gabentisch. Zwei Werke von Richard Yates habe ich hier ja bereits vorgestellt, nun folgt Nummer drei.

Dass ich wohl nicht umhin komme, sein ganzes Werk lesen zu „müssen“, kristallisierte sich bereits nach der Lektüre von „Easter Parade“ und „Elf Arten der Einsamkeit“ heraus. Nachdem ich nun „Eine gute Schule“ von Richard Yates genießen durfte, steht zudem fest: Auch die Biographie von Rainer Moritz (wie alle anderen Titel ebenfalls als Hardcover im DVA-Verlag erschienen) wird in mein Regal wandern müssen – allein um meine Vermutung, dass es sich beim vorliegenden Roman um das wohl am meisten autobiografische Buch handelt, zu bestätigen (Auch die Figur John Wilder in „Ruhestörung“ trägt Yates‘ Züge, lässt sich aber in ihrer Charakterisierung nicht so eins zu eins ihm zuordnen). Eine Feststellung, die allein schon insofern bemerkenswert ist, da in allen seiner Romane eine gehörige Portion von Yates‘ eigenen Erfahrungen und Erlebnissen steckt. Und diese waren in den seltensten Fällen positiv, weshalb Zynismus und Ironie beliebte Stilmittel seinerseits sind, was sich hier bereits im Titel zeigt. „Eine gute Schule“ – Kenner von Yates erkennen natürlich das süffisante Grinsen hinter dem Eigenschaftswort, wissend dass sich dahinter ganz sicher ein eher gegenteiliges Adjektiv verbirgt und der Autor dem Maskenball, den er in der Gesellschaft sieht, einmal mehr äußerst subtil seiner Verkleidung entledigt. Und das erneut im Rahmen einer gänzlich unspektakulären Handlung, die mir wahrscheinlich bei den meisten anderen Schriftstellern keinen Kauf wert gewesen wäre. Sie sei hier kurz angerissen:

William Grove ist ein Jedermann, sein Auftreten und seine Intelligenz von beinahe auffälliger Durchschnittlichkeit. Seit frühester Kindheit wächst er allein bei seiner Mutter auf, die mittels ihrer Bildhauerei darum bemüht ist, den Aufstieg in die höheren und damit ihres Erachtens auch besseren Kreise der Gesellschaft zu vollziehen und ihrem Kind auch eine dementsprechend gute Bildung zu ermöglichen. Ein Vorhaben, das allein schon an fehlenden finanziellen Mitteln scheitert, welche wiederum immer wieder Williams Vater zur Verfügung stellen muss, der mit seinem Sohn eine distanzierte, „ständig voneinander irritierte“ Beziehung pflegt und seine Gefühle in erster Linie auf dessen ältere Schwester konzentriert. Dennoch: Als der 15-jährige William Anfang der 40er Jahre wider Erwarten ein Stipendium an der Dorset Academy in Connecticut, Neuengland, erhält, bringt er die benötigte Summe auf, wenngleich niemand in seinem beruflichen Umfeld die so elitär anmutende Schule oder dessen Direktor, Alcott Knoedler, auch nur vom Namen her kennt.

Gegründet von der Millionärin Abigail Church Hooper, die in den 20er Jahren die Söhne der besseren Leute fördern wollte, steht die Dorset Academy stellvertretend für individuelles Lernen und Lehren, was durch ein aufgestocktes, qualifiziertes Personal sichergestellt werden soll. Die Realität sieht jedoch, insbesondere für William Grove, anders aus, der relativ schnell die Träume seiner Mutter vom sozialen Aufstieg abschreiben und auf täglicher Basis für seine proletarischen Wurzeln und die damit verbundene Aufmachung leiden muss. Verzweifelt auf der Suche nach Anerkennung oder zumindest stillschweigender Missbilligung, muss William mehrmals schlimme Demütigungen ertragen, bevor er erst nach und nach seinen Platz – wenn auch am Rand – der schulischen Gemeinschaft findet. Als Ablenkung dient ihm die Mitarbeit an der Schülerzeitung „Dorseter Chronicle“, wo er auch die Liebe zum Schreiben entdeckt (spätestens hier dürften den meisten Lesern die Parallelen zu Yates‘ eigenem Werdegang ersichtlich werden).

Doch Grove ist auch nicht der einzige, der an der Dorset Academy mit Problemen zurechtkommen muss. Während Direktor Knoedler tagtäglich aufgrund des unrentablen Systems der Schule mit den Finanzen zu kämpfen hat, ist auch der Zusammenhalt und die Zufriedenheit innerhalb der Lehrerschaft empfindlich gestört. So befindet sich einer der Lehrer in der ungünstigen Situation, das Versagen des eigenen Sohns an der Academy sehen zu müssen, wohingegen der an Kinderlähmung leidende Mr. Draper hilflos die Affäre seiner Ehefrau mit dem Französischlehrer Frenchy La Prade verfolgt und seine Trauer im Alkohol ertränkt. Und über allem drohen nach Pearl Harbor zusätzlich die Schrecknisse des Zweiten Weltkrieges, wartet doch auf viele Schüler nach ihrem Abschluss der Dienst an der Front…

Auch wenn aus diesem kurzen Inhaltsausschnitt eher das Gegenteil hervorgeht – im Vergleich mit seinen anderen Werken kommt „Eine gute Schule“ erstaunlich versöhnlich, der oftmals ätzende Sarkasmus auffällig verhalten daher. Fast so, als hätte der Autor mit einer gewissen Nostalgie den Blick zurück gerichtet, was ihn aber nicht davon abhält, die Vielzahl der Figuren mit spitzer, wissender Feder zu beschreiben und äußerst feinfühlig – aber auch ernüchternd klar – in deren Gedanken- und Gefühlswelt einzutauchen. Ob amouröse Verstrickungen in der Erwachsenenwelt oder die Begleiterscheinungen der Pubertät – einfach grandios wie Yates hier die Brücke zwischen seinen Charakteren und dem Leser schlägt, ohne dabei irgendein Klischee zu bedienen. Es ist diese tiefe Menschlichkeit, dieser für amerikanische Autoren der damaligen Zeit so seltene kritische Blick auf unsere Schwächen und Fehler, der Yates‘ Werk trotz vermeintlich alltäglicher Themen so vielschichtig – und vor allem so lesenswert macht. Freundschaften schließen, mit Mädchen flirten, Anerkennung suchen. Richard Yates skizziert all dies gestochen scharf und auch die jeweiligen tragischen Begleitumstände entwaffnend aufrichtig.

So ist „Eine gute Schule“ dann auch mehr als nur ein Porträt über eine akademische Einrichtung oder eine Zeitaufnahme der amerikanischen Vorkriegsjahre, sondern vor allem eine wahrheitsgetreue Abbildung über das menschliche Zusammenleben auf kleinstem Raum. Eine künstlich zusammengestellte Gemeinschaft, die vor allem das distanzierte Verhältnis zu ihrer Schule (mit ihrer ungewissen Zukunft) eint. Obwohl das Scheitern der Einrichtung unabwendbar scheint – die Tragik des Scheiterns ist Leitmotiv eigentlich aller Werke von Richard Yates – bricht doch niemand aus dieser Gemeinschaft aus, versuchen alle die Fassade einer „guten Schule“ mitzutragen und aufrechtzuerhalten. Und selbst Mr. Draper, der sich längst nicht mehr mit der Lehrerschaft zugehörig fühlt und sich in einem finalen Schritt seiner tief empfundenen Schande entziehen will, versagt dabei, muss die Rolle des gehörnten Ehemanns auf Gedeih und Verderb weiterspielen. Wie schwer dies allen fällt wird dann vor allem auf den letzten Seiten deutlich, wo die Abschlussfeier im Schatten einer für viele anstehenden Fahrt nach Übersee stattfindet. Besonders die Szene, in welcher der Lehrer Mr. Driscoll die nach der Feier ausgerissenen Schüler zurück zur Dorset Academy bringt, ist mir hier nachhaltig in Erinnerung geblieben.

(…) Auf diesem Pick-Up gab es keine Kriegsbereitschaft, keine ernste und übermütige Begrüßung von Herausforderungen. Sie klangen … Mutter Gottes – sie klangen wie Kinder.

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Wu-hunderbar

Ein ganzes Fass Bier

Allein für uns vier …

Und Robert Driscoll wusste beim besten Willen nicht, wie man ihm das, was er dann tat, jemals vorwerfen konnte. Er ging sicherheitshalber auf vierzig Stundenkilometer herunter; er beugte sich übers Lenkrad und hielt es mit beiden Händen fest; er behielt ein Auge offen, richtete es fest auf die Straße, und alles andere in ihm ließ er zerbrechen, und er weinte und weinte. (…)

Wer jetzt fragt, wo hierin jetzt sonst noch Richard Yates zu finden ist, sollte vor allem Vor- und Nachwort seine Aufmerksamkeit schenken. Die anfänglich beschriebene Familiensituation ist eindeutig und bis hin zum Beruf von William Groves Vater autobiografisch. Und wenn am Ende Grove über die von ihm besuchte Schule konstatiert:

„Sie half mir durch die schlimmsten Momente meiner Adoleszenz, wie nur wenige Schulen es vermocht hätten, und sie hat mich die Grundzüge meines Gewerbes gelehrt. Ich lernte schreiben…“

Dann ist das eindeutig Yates, der da spricht.

Eine gute Schule“ mag der kürzeste Roman im Werk des Zeitlebens so schmählich missachteten Schriftstellers sein. Es ist möglicherweise aber auch sein persönlichster, da er wie kaum ein anderer Einblick in das Seelenleben seines Schöpfers gewährt, was wiederum seinen Widerhall beim Leser findet, dem es nur schwer möglich sein wird, angesichts des hier beschriebenen eine emotionale Distanz zu wahren.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Eine gute Schule
  • Originaltitel: A Good School
  • Übersetzer: Eike Schönfeld
  • Verlag: DVA
  • Erschienen: 09.2012
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3421043948

Literarischer Hochgenuss in 11 Akten

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Mit „Elf Arten der Einsamkeit“ folgt nun das zweite Werk aus meiner kleinen Blog-internen Serie zur Wiederentdeckung des großen amerikanischen Autors Richard Yates, dessen Roman „Eine gute Schule“ ich gerade (und wieder einmal) äußerst begeistert beendet habe und in Zukunft hier ebenfalls besprechen werde.

„Nach Easter Parade war die Kurzgeschichtensammlung „Elf Arten der Einsamkeit“ mein zweites Werk von Richard Yates – und spätestens seit diesem Buch kann ich verstehen, warum der bereits 1992 verstorbene Autor vielen amerikanischen Schriftstellern, darunter Richard Ford und Raymond Carver, ein literarischer Vater und prägendes Vorbild gewesen ist.

Seine Erzählungen und Romane handeln stets von der Tyrannei des amerikanischen Traums. Und dem Versprechen, dass jeder alles erreichen kann, wenn er nur will. Diesem Selbstverständnis misstraute Yates, auch aufgrund eigener Erfahrungen, zutiefst, weshalb seine Helden oft die mittelmäßig Begabten sind, welche sich bald in den Selbstbetrug oder noch einen Drink flüchten, weil in der Allgegenwart der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten die eigene Begrenztheit besonders schwer zu ertragen ist. Und so erzählt er auch in „Elf Arten der Einsamkeit“ vom eintönigen Arbeitstag im Großbüro, von desillusionierten Lehrern und perspektivlosen Kriegsveteranen in folgenden Geschichten:

  • Doktor Schleckermaul
  • Alles alles Gute
  • Jody lässt die Würfel rollen
  • Überhaupt keine Schmerzen
  • Der Masochist
  • Der mit Haien kämpft
  • Spaß mit Fremden
  • Der BAR-Mann
  • Ein wirklich guter Jazzpianist
  • Weg mit dem Alten
  • Baumeister

Das Scheitern und die (nicht nur die körperliche) Einsamkeit waren Yates‘ Lieblingsthemen. Bei seinem Tod war er bereits zweimal geschieden und hatte kein enges Verhältnis zu seinen drei Töchtern. Alkoholexzesse gehörten immer wieder zu seinem Leben, und der durchschlagende Erfolg seiner Bücher blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt. Insofern ist es kaum verwunderlich, wenn man viel von Yates selbst in seinen Figuren findet und warum diese nur auf Papier existierenden Personen uns menschlich uns so rühren. Nach und nach, und ohne große Sentimentalitäten oder übersteigerte Melancholie, greift hier die Einsamkeit nach dem Leser, nimmt von ihm Besitz. Unmerklich kommt der Stimmungsumschwung, fühlt man sich als Teil der Geschichten, die allesamt auf den Moment zusteuern, wo das Leben des Protagonisten einen Zusammenbruch erfährt, das Ende des Weges erreicht ist, an dem lediglich ein tiefer Abgrund gähnt. Illusionen und Träume von einer besseren Zukunft lösen sich in nichts aus. Das „Es-wird-schon-irgendwie-werden“-Mantra fällt der nüchternen Wahrheit zum Opfer. Wie Yates diese wichtigen Wendepunkte innerhalb seiner Erzählungen einfängt, die Einsamkeit im Feierrausch der 50er Jahre auch im 21. Jahrhundert lebendig erhält, ist beeindruckend, atemberaubend und lange nachwirkend.

Keine der elf Geschichten fällt qualitativ in irgendeiner Art und Weise ab. Im Gegenteil: Jede für sich ist lesenswert, nähert sich aus einem anderen Winkel demselben Thema an. So verfolgt man zum Beispiel in „Alles alles Gute“ ein Paar während des letzten Abends vor deren Hochzeit. Ein wichtiger, glücklicher Tag im Leben eines jeden Menschen, der jedoch hier zum Sinnbild der verfehlten Ziele beider wird, die sich eigentlich schon beim Gedanken an die kommende Ehe winden und lediglich die unerträgliche Endgültigkeit des Termins sehen. Und den Abschluss eines zuvor aufregenden gesellschaftliches Lebens, das sich nun wie alles andere andere unterzuordnen hat. In einer anderen Geschichte verfolgen wir die verzweifelten Versuche einer jungen Lehrerin den Außenseiter Vincent aus der Isolation zu holen und in die Klasse zu integrieren. Die Situation vollkommen verkennend treibt sie durch ihr Gutmenschentum und ihre Naivität den Jungen nur noch weiter ins Abseits, so dass sie schließlich genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie in ihrem Eifer zu erreichen bestrebt gewesen ist. Vincent, der, wie seine Mitschüler die Unausweichlichkeit seines Schicksals längst erkannt hat, wird schließlich zum folgenschweren Handeln gezwungen.

Mein persönliches Highlight innerhalb der Sammlung ist allerdings „Baumeister“. In dieser Geschichte begegnen wir einem jungen Möchtegern-Hemingway, welcher durch einen New Yorker Taxifahrer die Gelegenheit bekommt sich als Ghostwriter zu verdingen und von nun an mit erfundenen Berichten dessen Berühmtheit fördern soll. Die Sinnlosigkeit seines Tuns und die realitätsfernen Vorstellungen des Taxifahrers offenbaren sich ihm erst sehr spät. An diesem Punkt ist die Beziehung zu seiner jungen Frau nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Was nun aber alles tieftraurig klingt ist nie ohne eine Prise Humor, verwehrt sich nie den fröhlichen Momenten des Lebens. Yates beherrscht die große Kunst, seine Helden auf Distanz zu halten, ihr Selbstmitleid und ihren Selbstbetrug genau zu beschreiben, ihnen aber gleichzeitig mit großer Zuneigung beim Scheitern zuzuschauen.

So sind die knapp 300 Seiten von „Elf Arten der Einsamkeit“ ein literarischer Hochgenuss, an deren Ende eine Erkenntnis steht: Es bleibt gleich, mit welchem Werk man die Lektüre von Yates beginnt. Sie lohnen wohl alle. Und es ist schon manchmal erschreckend, wie aktuell sie geblieben sind.“

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Richard Yates

  • Titel: Elf Arten der Einsamkeit
  • Originaltitel: Eleven Kinds of Loneliness – The Collected Stories of Richard Yates
  • Übersetzer: Hans Wolf, Anette Grube
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288
  • ISBN: 978-3442737307

„Ich bin fast fünfzig Jahre alt, und ich habe noch nie im Leben irgend etwas verstanden.“

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(c) btb

Derzeit lese ich gerade Richard Yates „Eine gute Schule“, was als Anlass genommen sei, auch an dieser Stelle mal das Scheinwerferlicht auf diesen großen amerikanischen Autor zu richten, welcher zu Lebzeiten der Erfolg und letztlich damit auch ein höherer Bekanntheitsgrad verwehrt geblieben ist. Inzwischen hat sich das, auch hierzulande, etwas geändert, was vor allem dem DVA-Verlag zu verdanken ist, der das Werk nach und nach – und in sehr guter Übersetzung – veröffentlicht bzw. wiederveröffentlicht. Ein Glück für uns Leser und auch für mich selbst, gehört doch Yates zu meinen persönlichen Entdeckungen der letzten Jahre. Und das seit dem Kontakt mit dem Buch „Easter Parade“.

„Lange Zeit war er aus den Regalen der Buchhandlungen verschwunden, nachdem er 1992 von der Öffentlichkeit vergessen in Armut und Elend unerkannt von den Lesern verstarb: Richard Yates. Der amerikanische Schriftsteller, dessen Werke oftmals mit denen von J.D. Salinger und John Updike verglichen werden, hatte es zu Lebzeiten bei seinem Publikum schwer. Die Verkaufszahlen seiner Bücher, sieht man mal vom allseits gefeierten Roman „Zeiten des Aufruhrs“ ab, blieben unter den Erwartungen zurück, viele waren schon vor seinem Tod gar nicht mehr lieferbar. Möglicherweise auch deshalb, weil Yates den „amerikanischen Traum“ stets relativierte und in seinen Geschichten darauf hinwies, dass der Mensch in Wirklichkeit einsam und, trotz all der gesetzten Ziele, Orientierungslos ist. Eine Ansicht, welche ein Großteil der Amerikaner nicht teilen wollte, weshalb es einen lobenden Aufsatz von Stewart O’Nan in der Boston Review bedurfte, um Yates wieder salonfähig zu machen und wieder zu entdecken.

In Deutschland schloss sich dem der btb-Verlag an, der seit einigen Jahren nach und nach die Werke des 1926 geborenen Yates neu veröffentlicht. „Easter Parade“, sein vierter Roman (lässt man die Kurzgeschichtensammlung „Elf Arten der Einsamkeit“ außen vor), wurde bereits 1972 geschrieben und erschien erstmals 1976. Der Titel bezieht sich auf die berühmte New Yorker Osterparade, bei der man auf der Fifth-Avenue flaniert, sich herausputzt und dabei so anzieht, wie man gerne wäre. Und dies ist genau die Kernproblematik des Buches: Der Konflikt zwischen Schein und Sein, die Tatsache, dass hinter der Fassade die Wirklichkeit meist völlig anders aussieht. Es wundert dabei nicht, dass Yates Werk einen starken autobiographischen Hintergrund in sich trägt und unter anderem dessen eigene Familiengeschichte widerspiegelt. Auch die Figur des Dichters Jack Flanders orientiert sich eng an Yates und könnte durchaus als Selbstporträt verstanden werden.

Easter Parade“ erzählt die Geschichte der zwei ungleichen Schwestern Sarah und Emily Grimes, welche den frühen 30er Jahren als Kinder geschiedener Eltern bei ihrer ziemlich exzentrischen Mutter Esther, genannt Pookie, im Großraum New York aufwachsen. Diese liebt ihre Kinder heiß und innig, ist aber in ihrem Erziehungsauftrag überfordert. Eine Künstlerin in Sachen Selbsttäuschung, zieht sie mit Sarah und Emily von Stadt zu Stadt, stets auf der Flucht vor Geldmangel, sowie beruflichen und privaten Rückschlägen. Nach außen hin die energische Vorzeigefrau mit Selbstverwirklichungsdrang und Sehnsucht nach dem „Flair des Lebens“ wird mit den Jahren die Kluft zwischen gespieltem Glück und realem Unglück bei ihr immer auffälliger. Esther flüchtet in die Arme des Alkohols, während ihre Töchter schon früh die Flucht nach vorne suchen, um der Vergangenheit zu entfliehen.

Sarah, die älteste Tochter, wandelt sich innerhalb kürzester Zeit von einem schönen Mädchen zur glücklichen Ehefrau. Sie wird früh Mütter, bekommt drei Söhne. Doch hinter diesem Leben, das wenig Glamour besitzt, nach außen hin aber von den Freuden der Hausfrauen-Existenz kündet, zeigen sich die ersten Risse, wird langsam die andere Wahrheit sichtbar. Ihr Mann ist Choleriker und schlägt sie regelmäßig, sie selbst beginnt ihren Frust, wie einst ihre Mutter, im Suff zu ertränken. Die eigentliche Hauptperson, aus deren Perspektive Yates „Easter Parade“ erzählen lässt, ist aber die jüngere Schwester Emily. Klug und lernwillig gewinnt sie in jungen Jahren ein Stipendium, wird Journalistin und Werbetexterin. Sie führt ein emanzipiertes intellektuelles Junggesellinnen-Leben im aufregenden New York. Ständig wechselnde Affären, Partys mit vielen Zigaretten und Drinks, Urlaube in Europa. Das Leben im Glemma lässt Emily auf den Rest ihrer Familie herabschauen bis auch bei ihr der Abstieg beginnt. Als sie ihren Job verliert, wird ihr plötzlich die eigene Einsamkeit bewusst. Kein Mann, keine Familie. Ihre Affären haben nichts hinterlassen außer lose Enden und der soziale Abstieg beginnt. Missgünstig beneidet sie das kleine Glück anderer während ein Blick in den Spiegel schließlich auch ihr „das Gesicht einer Frau in mittleren Jahren in seiner schrecklichen und hoffnungslosen Bedürftigkeit“ zeigt …

Eine Parade ist das Buch in musikalischem Sinne nicht, sondern ein schwermütiger Blues, der sich, wie ein stetiges Gefühl der Traurigkeit, über die ganze Länge dieses Romans zieht und den langsamen Niedergang einer Familie atmosphärisch untermalt. Das Buch gleicht dabei einer Fahrt mit der Titanic, da man weiß, dass ein guter Ausgang unmöglich ist, sich die Tragik hinter dieser Fassade irgendwann unweigerlich entladen muss. Yates Botschaft, dass das Leben ein Schweres ist, trifft den Leser, da sich nicht wirklich viel verändert hat. Auch haben die Menschen oftmals am meisten Angst vor dem Gesichtsverlust, lassen sie sich auf Lebensbedingungen ein, die ihnen widerstreben. Der Kampf gegen die nie akzeptierte Mittelmäßigkeit bietet zwar stets die Aussicht auf Erfolg, hält aber eben auch genauso viele Fallstricke bereit. In gewisser Weise zerstört Yates damit diesen amerikanischen Mythos, dass in den USA jeder Tellerwäscher Millionär werde kann, denn die Ausgangslage zählt. Und die ist für die Grimes-Schwestern von Beginn an denkbar schlecht.

Gleich im ersten Satz, wo von der Scheidung der Eltern die Rede ist, findet sich die Ursprungskatastrophe, über die Ehefrau und Töchter ihr Leben lang nie richtig hinwegkommen werden. Jeder Versuch, Liebe zu finden, scheitert. Fast schon systematisch wird jeder Schritt dem Untergang entgegengesetzt, während sich die Figuren nicht zu wehren vermögen, ihr Schicksal nicht gestalten können. Umso lobenswerter Yates Leistung, dies in einer Art und Weise darzustellen, welche den Figuren ihre Würde lässt. Niemand wird lächerlich gemacht oder gar denunziert. Yates zeigt Menschen in einem Bestreben, die letztlich scheitern. Nicht mehr, nicht weniger.

In kurzer, scharfer, kraftvoller, aber dafür umso prägnanterer Prosa ohne Schnörkel berichtet der Autor emotionslos über die zwei Schwestern, dessen Leben er in Szenen skizziert, welche äußerst präzise das Wesentliche erfassen, entlarven und den Leser somit am wunden Punkt treffen. Dabei schreibt er in Sätzen, die stets etwas im Raum stehen lassen oder nur andeuten. Die Interpretationen aber überlässt er dem Beobachter, der verstört zurückbleibt und sich eines gewissen Mitgefühls in all der Tragik einfach nicht erwehren kann. Das Buch endet schließlich plötzlich und scheinbar mittendrin. So schwarz und düster es ist, zeigt es doch auch die Möglichkeit des Glücks, denn während die zwei Schwestern und ihre Mutter am Leben gescheitert sind, hat der Sohn Sarahs den Absprung geschafft, der besonders Emily verwehrt geblieben ist. „Ich bin fast fünfzig Jahre alt, und ich habe noch nie im Leben irgend etwas verstanden.

Insgesamt ist „Easter Parade“ ein entdeckenswertes, literarisches Kleinod über das Scheitern von Glücksbestrebungen und den nicht erfüllten amerikanischen Traum, das nüchtern, ohne großes Pathos, aber dadurch umso eindringlicher vom großartigen Erzähler Yates auf Papier gebracht worden ist. Ein Buch das so leicht zu lesen ist wie es geschrieben zu sein scheint, nebenbei unheimlich berührt und trotz allem nie deprimierend daherkommt, da der Autor stets ein Gespür für die Komik hinter der Tragik hat. Mit Sicherheit nicht mein letzter Roman von Richard Yates!“

Wertung: 85 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Richard Yates

  • Titel: Easter Parade
  • Originaltitel: The Easter Parade
  • Übersetzer: Anette Grube
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 12.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 304
  • ISBN: 978-3442738748