Ganz England ist von den Dänen besetzt …

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Ganz England? Nein, denn im zweiten Band der Saga um den von Dänen großgezogenen Sachsen Uhtred von Bebbanburg leistet das angelsächsische Königreich Wessex noch als einziges tapfer Widerstand gegen die unverminderten Angriffe der Wikinger.

Ein Widerstand, den ich selbst bei der Lektüre des vorliegenden Buches nicht mehr aufrechterhalten konnte. Hatte ich doch im Vorgänger „Das letzte Königreich“ noch so meine Probleme mit dem sehr eigenwilligen Stil des Autors Bernard Cornwell – insbesondere mit seiner Art der Figurenzeichnung – hat mich „Der weiße Reiter“ nun bis zur Grasnarbe in den Boden geritten, denn was einem hier über fünfhundert Seiten um den Helm gehauen wird, das hält der stabilste Schildwall nicht aus. Cornwell scheint nicht nur die Marschrichtung für die Reihe gefunden zu haben, er wirft auch endgültig jegliche künstliche Ausschmückung über Bord und schiebt und schubst uns in grölenden Kriegermeuten durch den saugenden Matsch des Dunklen Mittelalters, das selbst dem pazifistischen Leser die mickrige Heldenbrust schwillt. So nah am Grauen des Krieges, aber auch am Glaubenskonflikt zwischen nordischen Göttern und der christlichen Lehre, war schon lange kein historischer Roman mehr. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet ein selbstgerechtes, egoistisches Arschloch ist, mit dem wir in diesem Fall nur zu gern Schulter an Schulter durch die Seiten stürmen. Doch jetzt erst einmal kurz zur Geschichte:

Der weiße Reiter“ knüpft inhaltlich unmittelbar an das Ende des vorherigen Bands an. Das Jahr 878, England, im heutigen Somerset. Nach einem überraschenden Ausfall aus ihrem Hügelfort konnten die angelsächsischen Truppen unter der Führung des Aldermanns Odda den Dänen eine vernichtende Niederlage zufügen. Auch deren Kriegsherr, der gefürchtete Ubba Lothbroksson, fand durch Uhtreds Schwert im Zweikampf den Tod. Und doch, trotz diesem großen Sieg, hängt das Schicksal der Angelsachsen weiterhin an einem äußerst seidenen Faden. Northumbrien, Mercien, Ostanglien – und damit fast ganz England – sind inzwischen unter der Kontrolle der Dänen, welche ihren Einflussbereich nun auch auf Wales und die Küstengebiete Cornwalls ausweiten. Seit ihren ersten Eroberungszügen zwölf Jahre zuvor scheint nichts ihren Vormarsch stoppen zu können. Zwar wurde kurzerhand ein Frieden mit den Wikingern geschlossen, doch dieser ist mehr als fragil und nur die wenigsten trauen den Invasoren so leichtgläubig, wie der fromme König Alfred.

Allen voran Uhtred, mittlerweile mit seinen zwanzig Jahren schon zu einem kampferfahrenen Krieger mit strategischen Verstand und eigenem Landbesitz herangereift, hat seine Zweifel. Nicht nur, dass er immer noch weit mehr Sympathien für die Dänen hegt, bei denen er aufwuchs – er erfährt für seinen Beitrag bei Cynuit keinerlei Dankbarkeit und sucht nun eine Möglichkeit, sich wieder seinen alten Freunden auf Seiten der Wikinger anzuschließen. Doch als der lang erwartete Angriff schließlich kommt und Alfred mit seiner Familie in das sumpfige Marschland bei Athelney im Südwesten Englands flieht, sieht sich Uhtred plötzlich, durch einen Schwur mit seinem König verbunden, an dessen Seite wieder. Während der König auf göttlichen Beistand setzt, versucht Uhtred eine Armee um sich zu scharen, welche den Feind endgültig vernichtend schlagen soll. Angesichts der Tatsache, dass das Sumpfgebiet von allen Seiten fast völlig abgeriegelt ist, eine schier unlösbare Aufgabe. Statt die Dänen direkt zu attackieren, müssen die Angelsachsen nun ihr Glück mit Guerilla-Taktiken versuchen …

Für den Fall, dass meine Besprechung zum vorherigen Band das noch nicht klar genug zum Ausdruck gebracht, auch hier nochmal eine kleine Warnung vorweg: Wer in der Regel im Genre des historischen Romans sonst eher unter Wanderhuren, Wanderapothekerinnen oder Wanderfriseurinnen unterwegs ist, dem wird es so vorkommen, als hätte der liebe Göttergatte auf dem Sofa soeben mit der Fernbedienung von Rosamunde Pilcher auf Braveheart umgeschaltet. Für die landschaftliche Schönheit, die es damals bestimmt noch im Übermaß gegeben haben muss, hat Cornwell in seiner Sachsen-Saga keinerlei Auge. Schauplätze werden unter rein militärischen und damit strategischen Gesichtspunkten betrachtet. So ist ein Weiher kein lauschiges Plätzchen für ein liebendes Bauernpaar, sondern eine perfekte Falle für einen schwer gerüsteten Gegner. Und die von einem Sonnenuntergang beleuchtete Anhöhe dient lediglich der besseren Übersicht über die feindlichen Truppen. Für Romantik oder sonstige geschichtliche Folklore ist im Kampf um das letzte Königreich Angelsachsens schlicht kein Platz. Das mag den ein oder anderen Leser erschrecken, ist wohl aber damit näher an der historischen Wahrheit als die buntgekleideten Wunderfrauen und Handwerkerinnen, welche sonst so auf den Buchdeckeln prangen.

Überhaupt ist das einzige Handwerk, welches in diesem einmal mehr in Ich-Form erzählten Epos näher geschildert wird, das des Tötens, denn im Angesicht der drohenden Niederlage haben sich auch die letzten Untertanen ihrer gewohnten Werkzeuge entledigt, um sich im Kampf gegen die Dänen ihrem Fyrd, den angelsächsischen Milizen, anzuschließen. Bernard Cornwell führt uns in eine der hoffnungslosesten Epochen der englischen Geschichte, in der sich das gerade erst seit ein paar Jahrhunderten auf der Insel ausbreitende Christentum seiner größten Niederlage gegenübersah und nicht wenige Heiden den Kampf gegen die Dänen unterstützten. Uhtred ist einer von ihnen. Ja, eine fiktive Figur, aber nun weit zugänglicher, schafft es doch der Autor – besser als noch in „Das letzte Königreich“ – die Motivationen seines Anti-Helden herauszuarbeiten, der dem Herz nach zwar Däne ist, durch den Verlust seines Ziehvaters aber unter ihnen inzwischen mehr Feinde als Freunde hat. Und er ist somit auch eine geschickte Wahl, da wir genaueren Einblick in beiderlei Perspektiven bekommen, wodurch „Der weiße Reiter“ nicht nur um einige Facetten, sondern vor allem moralische Grauzonen reicher wird.

Bernard Cornwell vermeidet irgendeine Gewichtung oder Parteinahme, beleuchtet diesen Konflikten von allen Seiten, so dass man das eine Feindbild vergeblich sucht. Die schlechten Menschen, es gibt sie sowohl unter den Angelsachsen, als auch unter den Dänen. Und auch die heilige römische Kirche handelt nicht immer nach christlichen Gesichtspunkten, sondern versucht vor allem ihren Machtbereich auszuweiten und die dänischen Heiden zu missionieren. Ein Unterfangen, dass, wie die Geschichte beweist, bei dem ein oder anderen Kriegsherr der Wikinger am Ende sogar erfolgreich war und dennoch trotzdem nicht unbedingt den Wohlwollen des Lesers findet. Es ist beinahe ein Widerspruch, dass in diesem oftmals lauten Aufeinandertreffen von Schilden und Schwertern der Autor doch stets den Raum und die Ruhe findet, diese religiösen, aber auch gesellschaftlichen Konflikte zu vertiefen und damit ein genaues Bild der damaligen Zeit zu vermitteln. Und das er dabei stets auch die Kurzweil nicht aus dem Auge verliert.

Der weiße Reiter“ bietet erneut Humor der schwärzesten und derbsten Sorte, was sich insbesondere in den Passagen, wo Uhtred und Leofric unter angelsächsischer Flagge im Bristolkanal auf Kaperfahrt gehen, äußerst stimmig liest und beim Leser für ausgeprägtes Kopfkino sorgt. Ja, natürlich – Uhtred ist in vielen Situationen dann doch „larger than life“, dieses mittelalterliche Gegenstück zu Cornwells anderem bekannten Helden aus den napoleonischen Kriegen, Richard Sharpe. Auch ihn verfehlte über zig Bücher hinweg jede Kugel und jedes Bajonett. Und ähnlich verhält es sich auch mit dem Erben von Bebbanburg. Unrealistisch, mag manch einer unken und damit nicht unrecht haben. Aber mir letztlich tausendmal lieber als viele Protagonisten mancher deutscher Autoren und Autorinnen, die zwar bis in Detail stimmig beschrieben werden, nur eben auch zum Gähnen langweilig und farblos sind. Geschichte – sie wird da am besten vermittelt, wo sie lebendig erzählt wird. Und noch lebendiger als vor allem im letzten Drittel, kann zumindest diese Stück der Historie Englands wohl nicht mehr aufs Papier gebracht werden.

Hätte er es nicht schon zuvor mehrmals in der oben erwähnten Sharpe-Reihe unter Beweis gestellt – Bernard Cornwell hätte mit der Wiedergabe der historischen Schlacht von Ethandum (das heutige Edington) sein Meisterstück abgeliefert. In einem epischen Umfang wird dieses brutale Aufeinandertreffen von König Alfred und Guthrum vor uns ausgebreitet – und das Schicksal mancher Figuren für kommende Ereignisse besiegelt. Und ohne sich wirklich dagegen wehren zu können, tauchen wir als Leser in diesen Rausch aus Blut, ächzenden Leibern und schiebenden Schilden mit ein, unfähig sich der wirkungsvollen Schreibe zu entziehen, die zwar auch niederste und primitivste Instinkte weckt, aber uns auch auf erschreckende Weise befriedigt zurücklässt, wenn das Schwert schließlich siegreich gen Himmel gereckt wird. Cornwell gibt damit Edington eben genau jene Bühne, die es braucht, gilt doch der Ausgang als Grundsteinlegung für die weitere englische Geschichte. Bis heute erinnert nicht weit entfernt das berühmte Scharrbild Westbury White Horse an diese Schlacht. Womit der Autor auch geschickt den Bogen zum Titel seines Buches schlägt, der sich aber in erster Linie auf das Wort der Apokalypse bezieht:

Da sah ich ein fahles Pferd; und der Reiter der auf ihm saß, heißt der Tod.

Mit dem Tod wird Uhtred von Bebbanburg garantiert auch in den kommenden Bänden wieder seine Klingen kreuzen. Worauf sich wiederum Freunde fundierter historischer Romane freuen dürfen, denn „Der weiße Reiter“ ist, bei allem Kampfesgetümmel, ein hervorragend recherchierter Vertreter seines Genres (wie geschichtlich akkurat, lässt sich im ausführlichen Nachwort nachlesen), der mit großer Authentizität eine Epoche beleuchtet, welche zuvor eher stiefmütterlich behandelt worden ist. Und so heißt es für mich daher nun: Aufsatteln und Schilde festzurren. Wir reiten gen Norden.

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Der weiße Reiter
  • Originaltitel: The Pale Horseman
  • Übersetzer: Michael Windgassen
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 10.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 509
  • ISBN: 978-3499242830

„Solange es Leben gibt, sind alle Enden ein Anfang“

© Heyne

Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken.

Dieses von mir gerne und viel genutzte Zitat des deutschen Schriftstellers und Experimentalphysikers Georg Christoph Lichtenberg sei an dieser Stelle mal aus einem gänzlich neuen Grund einer Besprechung vorangestellt. Und zwar vor allem um zu verdeutlichen, dass es sich eben nicht beliebig auf jedes Buch anwenden lässt, denn bei der Lektüre von „Der Gottkaiser des Wüstenplaneten“, dem vierten Band von Frank Herberts epischen „Dune“-Zyklus, hätte sich wohl auch der ein oder andere Apostel durchaus zum Affen gemacht.

Versetzen wir uns einmal in die frühen achtziger Jahre. Seit einem halben Jahrzehnt warten die Leser bereits auf eine Fortführung der Abenteuer rund um die auf dem Planeten Arrakis lebende Familie Atreides, welche sich nach ihrem Konflikt mit den Harkonnens schließlich das ganze Universum Untertan gemacht hatte. Paul Atreides tiefer Fall von der Hoffnung der Fremen hin zum religiös-motivierten Diktator sowie die Übergabe des Stabes an seinen Sohn Leto II. – er brach nicht nur mit vielen Erwartungen der Leserschaft, sondern zeichnete auch in gewisser Weise den Weg für zukünftige Entwicklungen heraus.

Dennoch lehne ich mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich konstatiere: Mit so etwas wie dem vorliegenden Roman hatten wohl die wenigsten „Dune“-Anhänger selbst nach „Die Kinder des Wüstenplaneten“ gerechnet, erwartet uns doch hier ein über sechshundert Seiten langes, philosophisches Text-Monster, welches Herbert in erster Linie in Monologen und Dialogen präsentiert und dessen eigentliche Handlung in eine durchschnittliche Kurzgeschichte gepasst hätte. Und so stellt man sich schon nach wenigen Seiten die Frage, ob es diesen Aufwand lohnt, um einmal mehr vom Baum der Erkenntnis zu naschen – und vor allem: Erwartet dieser „Baum“ uns am Ende überhaupt? Eine gewisse Portion Argwohn und Skepsis, sie ist angesichts des mehr als verkopften Beginns meines Erachtens jedenfalls durchaus verständlich. Versuchen wir also etwas Ordnung hineinzubringen:

Dreieinhalb Jahrtausende, genauer gesagt 3508 Jahre, sind seit den Ereignissen aus „Die Kinder des Wüstenplaneten“ vergangen. Einem Wüstenplaneten, der längst keiner mehr ist, inzwischen Rakis heißt und durch die Manipulation der Umweltbedingungen fruchtbar gemacht wurde. Statt endlosen Sanddünen und scharfkantigen Felsen dominieren nun dichte Wälder und Flüsse das Erscheinungsbild. Das in der Vergangenheit so kostbare Nass fällt nun regelmäßig vom bewölkten Himmel, wohingegen die gnadenlosen Wüstenstürme nur noch in einem relativ kleinen Gebiet, der Sareer, zu beobachten sind. Der Rest einer riesigen gelben Einöde, welche einst den gesamten Planeten bedeckte und Standort der zitadellenähnlichen Festung von Leto II., der seit tausenden Jahren von hier aus das Universum beherrscht. Während die riesigen Sandwürmer längst verschwunden sind, hat er sich über die Zeit in eine Art Pre-Wurm verwandelt. Ein nur noch entfernt menschliches Wesen von über sieben Meter Länge und wurmähnlicher Gestalt. Er ist der Hüter der Shai-Hulud und des letzten Restes Spice, dem wertvollen Gewürz, das als einziges interstellares Reisen ermöglicht und in früheren Zeiten die Macht der skrupellosen Handelsgilde sicherstellte. Nun kontrolliert allein Leto II. den verbliebenen Gewürzvorrat. Wohlwissend, dass es auf keiner anderen Welt angebaut werden kann und seine Lebensversicherung darstellt, denn mit ihm, dem letzten Wurm, stürbe auch die Hoffnung darauf, je wieder Spice ernten zu können.

Während seine Metamorphose in einen Wurm unaufhaltsam fortschreitet bildet sich jedoch Widerstand gegen ihn und seinen Goldenen Pfad, der von vielen nur noch als tyrannische Willkür empfunden wird …

Puh, tief durchatmen. Also erst einmal vorneweg: Wer befürchtet hat, dass sich Herberts Epos über den Wüstenplaneten irgendwann im Kreise drehen bzw. tot laufen würde, den kann ich hier nachdrücklich vom Gegenteil versichern. Expect the unexpected – das scheint wohl die durchgängige Devise des bereits 1986 verstorbenen Autors gewesen zu sein, der sich auch mit „Der Gottkaiser des Wüstenplaneten“ nochmal neu erfindet und das Geschehen in Richtungen lenkt, die den Leser wieder mit vollkommen neuen Fragen konfrontieren. Und er tut dies mit einer Wortgewalt und Tiefe, welche unsere Gedankenwelt stets aufs Neue befeuert und in philosophische Irrgärten zwingt, die man freiwillig wohl vorher nie betreten hätte – und aus denen man auch nach Beendigung der Lektüre nur schwer wieder herausfindet. Womit man eigentlich auch schon zum springenden Punkt, zur Stärke des Romans, zu Sprechen kommt. Diese liegt wie bereits angedeutet nicht in seiner kurzweiligen, mitreißenden Erzählweise – der Aspekt Unterhaltung wird gänzlich der Wirkung untergeordnet – sondern in der Brillanz von Letos Gedanken, welche letztendlich nun ja Herberts sind bzw. waren.

Leto II. lässt keinerlei Parallelen zu anderen Protagonisten im Genre der Science-Fiction erkennen, zu fremdartig, ja, eben göttlich seine Zeichnung, die den Roman über die gesamte Strecke trägt. Seine Widersprüchlichkeit hat auch bei uns als Leser einen gewissen emotionalen Zwiespalt zur Folge, ist doch Letos tyrannische Herrschaft einerseits allumfassend, andererseits aber auch auf ein Ziel ausgerichtet, das letztendlich zum Besten der Menschheit dienen soll. Oder besser gesagt dient, denn die Gabe der Vorhersage trägt die Gedankenspiele des Gottkaisers nochmal auf eine weitere, höhere Ebene, spielt mit den Gewissheiten und den möglichen Enden des Konflikts zwischen ihm und dem Widerstand. Die früheren Konstanten von Arrakis, allen voran das alte Wüstenvolk der Fremen, aber auch die Bene Gesserit – sie sind hier weitestgehend ohne Einfluss. In kleinen Reservaten fristen Erstere ihr Dasein, wo sie die alten Bräuche und Riten für eine Bezahlung durch Touristen zum Besten geben. Gekleidet in funktionsunfähigen Destillieranzügen, welche in einer richtigen Wüste nicht von Nutzen wären. Besonders die Beschreibung ihres Niedergangs steht im großen Kontrast zu den stolzen Kämpfern der vorherigen Bände – und weist wohl nicht ganz ohne Hintergedanken Parallelen zum Niedergang der Indianer in Nordamerika auf.

Im Gegensatz zum weißen Mann im wilden Westen bedauert Leto II. allerdings den kulturellen Verfall der Fremen und versucht insgeheim den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen, aus Arrakis wieder einen Wüstenplaneten zu machen, um eine Rückkehr der Sandwürmer zu ermöglichen. Als rechte Hand dient ihm dabei stets Duncan Idaho. Oder besser gesagt, ein Duncan Idaho, denn dieser wird auf den Wunsch des Gottkaisers von den Tleilaxu stets aufs Neue in deren Axolotl-Tanks geklont. Leto II. weiß um die Loyalität der Duncans zu den Atreides. Und er benötigt dessen Gene für seine Kreuzungsversuche mit den Nachkommen seiner verstorbenen Zwillingsschwester Ghanima. Sein Ziel: Eine menschliche Rasse, die ohne Voraussicht existieren kann und nicht der Versuchung erliegt, sich immer wieder selbst zu zerstören. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet eine Nachfahrin Ghanimas ist, welche die Rebellion anführt, die Letos Tod zum Ziel hat.

Dieses komplexe und auch komplizierte Durcheinander entwirren wir an der Seite des neuesten Duncans, für den sich die Situation ähnlich verwirrend und undurchsichtig darstellt, wie für den Leser. Mit jedem Gespräch zwischen ihm und Leto erfahren wir ein wenig mehr über die Motive des Gottkaisers, öffnet sich uns auch Stück für ein Stück die Gefühlswelt dieses mächtigen Wesens, das zwar jederzeit zwischen Leben und Tod entscheidet, für diese Bürde aber auch einen Großteil seiner Menschlichkeit geopfert hat. Bei all seiner Göttlichkeit entbehrt er die körperliche Liebe und das Vertrauen einer Gefährtin. Ein Umstand, den sich seine Feinde zu nutzen machen, was uns als Leser wiederum in die schizophrene Situation bringt, Mitleid für das Leid Letos aufzubringen, dessen brutale Willkür sonst vor allem Abscheu bei uns erregt. Herbert ist mit dieser Gradwanderung innerhalb der Charakterisierung ein echtes Meisterstück gelungen.

Der Gottkaiser des Wüstenplaneten“ – das ist keine selbsterklärende Unterhaltung, sondern ein Sci-Fi-Roman, der ebenso viel von uns fordert, wie er uns gibt. Trotz der mühsamen Auseinandersetzung ohne größere Höhepunkte greift hier eine Faszination, eine unerklärliche Gier nach dem philosophischen Diskurs, aus der sich dann überraschenderweise auch eine stetig zupackendere Spannung speist. Diese Gedankenreise durch die Jahrhunderte – sie fordert uns „Affen“ auf eine Art und Weise, wie das eben nur ein Visionär wie Frank Herbert vermochte. Wer sich auf dieses mitunter zähe Ringen einlässt und die nötige Geduld mitbringt, der wird am Ende konstatieren: Ein Blick in diesen Spiegel ist es mehr als wert.

Wertung: 72 von 100 Treffern

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  • Autor: Frank Herbert
  • Titel: Der Gottkaiser des Wüstenplaneten
  • OriginaltitelGod Emperor of Dune
  • Übersetzer: Frank M. Lewecke
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 5/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 602 Seiten
  • ISBN: 978-3453186866

Der Fluch des Blutes

Unbenannt

© Bastei Lübbe

Ich bin wohl alles andere als der typische Stephen-King-Fan, habe ich diesen Autor doch – im Gegensatz zu vielen anderen meiner Schulkollegen – in Jugendzeiten komplett verschlafen. Ob seine Werke oder die Verfilmungen – das Genre Horror war für mich lange Zeit nur über klassische Grusel -und Schauergeschichten von Stoker, Shelley, Walpole, Lovecraft oder Blackwood zugänglich. King selbst erschien mir stets zu trivial, zu billig und zu wenig subtil. Eine Einschätzung, welche natürlich auf Nichtkenntnis beruhte und sich erst änderte, als ich mich vor ein paar Jahren schließlich doch überwand, um mir „Es“ und im Anschluss daran „Carrie“ zu Gemüte zu führen. Ab da an war es um mich geschehen – und um mein Konto, denn nach und nach sind schließlich fast alle seine Bücher in mein Regal gewandert, welche ich nun chronologisch nach Erscheinungsdatum verschlinge, glücklich darüber, dass King in den letzten Jahrzehnten so produktiv gewesen ist (Und hoffentlich auch noch sehr lange bleiben wird).

In den nächsten Monaten (und vielleicht auch Jahren) möchte ich euch hier auf meinem Blog an dieser Reise in die Welt des „Grand Master of Horror“ teilnehmen lassen. Den Anfang macht, logischerweise, „Carrie“. 

Wohl kaum ein anderer Autor in der Literaturgeschichte schuldet seiner Frau derart viel Dankbarkeit wie Stephen King, war es doch seine Frau Tabitha, die Anfang der 70er Jahre das Manuskript zu „Carrie“ aus dem Papierkorb fischte und ihren Mann, damals noch ein arbeitsloser Englischlehrer, dazu überredete, es fertig zu schreiben und den Verlagen anzubieten. Der Grundstein für sein späteres literarisches Schaffen war damit gelegt, alles weitere liest sich aus heutiger Sicht wie die perfekte Version der amerikanischen „from rags to riches“-Biographie. Knapp 40 Jahre später ist Stephen King nicht nur der finanziell erfolgreichste Schriftsteller der Welt, sondern gilt auch als unangefochtener „Grand Master of Horror“, der eine ganze Generation folgender Schreiberlinge des Genres inspiriert und beeinflusst hat. Umso interessanter der Blick auf diesen allerersten Erfolgsroman, welcher jedoch mitnichten der erste war, den King geschrieben hat. Einige der frühen vier, die genauen Titel sowie ihre Anzahl sind immer noch umstritten, kamen ein paar Jahre später, überarbeitet, unter dem Pseudonym „Richard Bachman“ heraus, das der zum damaligen Zeitpunkt bereits berühmte King wählte, um zu sehen, ob sich sein Stil möglicherweise auch ohne den zugkräftigen Namen verkaufen würde. (Der Erfolg blieb, so groß er war, weit hinter den „King“-Werken zurück)

Nimmt man „Carrie“ heute in die Hand und schaut sich gleichzeitig die weiteren King-Titel im Regal an, fällt dem Betrachter vor allem der geringe Umfang von knapp dreihundert Seiten ins Auge, der sich im Vergleich zu den späteren epischen Wälzern beinahe mickrig ausnimmt. Bringt man sich dabei noch in Erinnerung, dass das ursprüngliche „Müll“-Manuskript gerade mal 98 Seiten umfasste, wird die bemerkenswerte Entwicklung des Autors King umso deutlicher. Das ein jeder für eine steile Karriere aber unten beginnen muss, kann auch „Carrie“ nicht verhehlen. Auch wenn es in Punkto Qualität und Wirkung sich nicht hinter Meisterwerken wie „Brennen muss Salem“ oder „Es“ verstecken muss, haftet dem Buch doch dieser typische Erstlings-Charakter an. Stark am Zeitgeist der 70er Jahre orientiert, bot es eine Gänsehaut für Puristen, die angesichts moderner Splatter-und-Folter-Werke, oberflächlich gesehen, schrecklich trivial erscheint. Eine Kritik, welche der haarscharfe Beobachter aber bereits nach wenigen gelesenen Seiten relativieren muss, denn „Carrie“ hat weder an Aktualität noch an Intensität verloren.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht das titelgebende junge Mädchen, das, aufgewachsen im Schatten des religiösen Wahns ihrer fanatischen Mutter, als Außenseiterin ihr Leben an der Ewen High School im kleinen Städtchen Chamberlain fristet. Versehen mit der Gabe der Telekinese, lässt sie bereits als Dreijährige einen Steinregen auf ihr Elternhaus prasseln, weil die Mutter ihrer in „Sünde gezeugten“ Tochter nach dem Leben trachtet. Dreizehn Jahre später sieht sich Carrie nicht enden wollendem Spott seitens ihrer Mitschüler ausgesetzt, welche keinerlei Gelegenheit auslassen, um das scheue, zurückhaltende Mädchen für ihren christlichen Glauben und die aus ihrer Erziehung resultierende Unwissenheit zu hänseln. Den Höhepunkt findet das Ganze schließlich im Duschraum der Sporthalle, wo Carrie, vollkommen überrumpelt vom Eintreten ihrer ersten Menstruation, mit Binden und Tampons beworfen und schließlich von der Sportlehrerin nach Hause geschickt wird.

Was zu diesem Zeitpunkt keiner weiß: „Der Fluch des Blutes“, wie ihre Mutter später kalt feststellt, führt schließlich zu einer Kette von Ereignissen, welche die zurückhaltende Carrie an ihre Grenzen und darüber hinaus treiben. Während manch einer versucht, die begangenen Gemeinheiten durch gute Taten zu sühnen, bereiten sich andere auf einer allerletzten Streich vor, der Carries Position innerhalb der Gemeinschaft der anderen Schüler und Schülerinnen endgültig vernichten soll. Um ihre erste aufkeimende Liebe gebracht und durch Wut und Verzweiflung zum Äußersten getrieben, entfesselt Carrie schließlich ihre Gabe, um Kraft ihres Willens gnadenlose Rache zu nehmen …

Auch wenn das Motiv des Loser-Teenagers bereits zu Beginn der 70er Jahre kein Neues mehr war – derart emotional auf die Spitze getrieben und in seiner Essenz erfasst, hat es wohl nur Stephen King, der in einem von Vietnam-Krieg, Umweltzerstörung und atomarer Bedrohung geprägten Amerika, die Angst mit „Carrie“ wieder auf ihren Ursprung reduziert. Es ist der alltägliche Horror, der Blick unter die Dächer und damit hinter die Kulissen der sauberen Vorstadtsiedlungen und Kleinstädte, welcher den Autor nicht nur durch seine weiteren Werken begleitet, sondern letztlich auch seine große Popularität begründet hat. Grusel, Schrecken, Spannung – all dies ergibt sich in erster Linie aus den ursprünglichen, menschlichen Gefühlen und nicht aus den durchaus auch immer präsenten übersinnlichen oder fantastischen Elementen. Der Grund warum man die Seiten von „Carrie“ schon direkt nach Beginn der Lektüre immer fester packt, ist die gefühlsmäßige Verbindung zu den Figuren, deren präzise Zeichnung Stephen Kings herausragende Stärke ist. Ob Wut, Hass, Mitleid oder eben Angst – die Gefühle dieser fiktiven Charaktere sind stets nachvollziehbar und vor allem nachfühlbar. So resultiert die Spannung schließlich aus Dingen, welche man in ähnlicher Form selbst bereits erlebt hat.

In „Carrie“ ist dieses Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen Kings zwar erst in Ansätzen vorhanden – im Verbund mit den fiktiven, (pseudo-)wissenschaftlichen Fachartikeln und Verhandlungen der White-Kommission, welche King nachträglich einbaute, um einerseits den Umfang zu strecken und andererseits die Authentizität zu erhöhen, ergibt sich jedoch ein äußerst intimer Einblick in die Schicksale der Figuren. Das dieser so prägend ausfällt, ist auch insofern verwunderlich, da eigentlich niemand der Beteiligten in seinen Handlungen Sympathie erwecken kann. Selbst gut meinende Charaktere wie Miss Desjardin oder Sue Snell können sich ihrer Abscheu für Carrie nicht erwehren, müssen sich von der Falschheit der gegen sie begangenen Taten mit Logik überzeugen, weil ihre Gefühle, wie die aller anderen, gegen die Außenseiterin sprechen. Diese innere Zerrissenheit zieht sich durch das gesamte Buch und sorgt für diese immense Sogkraft, der man sich nur schwer entziehen kann. Und das obwohl durch oben genannte Berichte dem Leser bereits Fakten zukünftiger Ereignisse bekannt gemacht werden und man dadurch eigentlich bereits weiß, wohin das Ganze führt.

Dem Lesevergnügen tut das keinen Abbruch – im Gegenteil: Durch sie wird das Ausmaß der Katastrophe, welches im Kleinen, nämlich im Hause der Whites, seinen Anfang nahm, in seiner vollen Tragweite deutlich. Angesichts heutiger Schulmassaker, nicht nur in Amerika, ist der beinahe deckungsgleiche Verlauf ein zusätzlich unheimlicher und nachdenklich stimmender Nebeneffekt. Dazu passt auch der Ursprung der Figur Carrie, die ein reales Vorbild hat. King, der als Kind in Durham, Maine lebte, wählte den Namen aufgrund eines seltsamen Mädchens, welches mit ihm zusammen zur Schule fuhr und von allen gemieden wurde – im Erwachsenenalter nahm sie sich das Leben.

Trotz durchaus vorhandener und kritikwürdiger Schwächen – Stephen Kings Frühwerk „Carrie“ ist, immer noch, ein in allen Belangen überzeugender Horror-Roman. Ein perfekter Einstieg in das Kingsche Universum, der mich persönlich tief beeindruckt und endgültig zum „Jünger“ dieses fantastischen Schriftstellers gemacht hat.

Wertung: 95 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Stephen King

  • Titel: Carrie
  • Originaltitel: Carrie
  • Übersetzer: Wolfgang Neuhaus
  • Verlag: Bastei Lübbe
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3404169580