Die Spottdrossel singt ihr Lied …

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© Moewig

Es gibt wohl nur wenige Science-Fiction-Autoren, welche das Genre im Nachhinein derart geprägt haben, wie Philip K. Dick, wobei hier auch tatsächlich das Wort „nachhinein“ betont werden muss, wurde ihm doch die Ehre und die Anerkennung für sein Werk erst relativ spät in seiner fast 30-jährigen Karriere zuteil. Mehr noch: Von Anfang der 50er bis in die späten 60er Jahre schrieb Dick zwar ebenso besessen Bücher, wie er sie selbst las (vorwiegend über Philosophie und Gnostizismus, aber auch über Religion), konnte aber in dieser Zeit keinen seiner Romane bei einem Verlag unterbringen.

Mit „Eine Bande von Verrückten“ (orig. „Confessions of a Crap Artist“), den er 1959 zu Papier brachte, wurde nur eins dieser Frühwerke zu seinen Lebzeiten, nämlich im Jahr 1975, veröffentlicht. Von den wenigen Kurzgeschichten, die er verkaufen konnte, blieb nicht viel Geld zum Leben übrig, weswegen Dick in verhältnismäßig ärmlichen Verhältnissen leben musste. Durch die linken Aktivitäten seiner ersten Frau Kleo kam er zudem erstmals in Kontakt mit dem Inlandsgeheimdienst FBI, gegenüber dem er über die Jahre eine regelrechte Paranoia entwickeln sollte. Gut möglich, dass sein Gefühl beobachtet zu werden auch in die vorliegende Lektüre eingeflossen ist, in welcher Überwachung ein zentrales Thema der Handlung ist. Diese sei kurz angerissen:

Nach einem verheerenden Atomkrieg mit dem japanischen Kaiserreich im Jahr 1972 hat sich das Antlitz unserer Welt verändert. Während die Inseln Japans weitestgehend radioaktiv verseucht sind, ist auf dem amerikanischen Festland zwar wieder Leben möglich, doch der Konflikt hat auch hier tiefgreifende Spuren hinterlassen. Die Vereinigten Staaten existieren nicht mehr, stattdessen kam es 1987 zu der sogenannten Moralischen Restauration, in dessen Zuge, angeführt durch Major Jules Streiter, alle Volksgenossen unter der „MoRes“ gleichgeschaltet wurden. Kontrolliert wird die Gesellschaft durch den militärischen Arm des Staatsapparats, den „Kohorten“, deren „Pimpfe“, mechanische Spionagerobotor, die Einhaltung der allgemein gültigen Regeln von Frieden und Wohlstand überwachen. Die Indoktrinierung der Bevölkerung übernimmt derweil Telemedia (T-M), das Propagandainstrument des Ministeriums, welches allgegenwärtig seine Botschaften an Mann und Frau bringt. Eine Rechnung, welche im Jahr 2114 aufgegangen zu sein scheint.

Zumindest für Allen Purcell, Agenturchef und einer der wichtigsten Kunden von Telemedia, dessen Konzepte für Sendungen allenthalben Beachtung gefunden haben und ihn nun ins Blickfeld als Nachfolger des bestehenden Chefs der T-M, Myron Mavis, rücken. Auch wenn seine neueste Idee den ideologischen Grundsätzen der MoRes zuwiderläuft – sein Aufstieg scheint, dank vielfacher Unterstützung, nur eine Frage der Zeit. Bis eines Tages die Statue von Jules Streiter im Park von Newer York geschändet wird. Als Purcell mit roter Farbe und Gras an seinen Schuhen nach Hause zurückkehrt, ahnt er, dass er dafür verantwortlich ist. Doch warum kann er sich nicht daran erinnern? Wenn er unterbewusst gehandelt hat, was war der Grund dafür? Und droht ihm dasselbe Schicksal wie den anderen Systemfeinden – eine psychiatrische Behandlung weit entfernt auf dem Planeten, der nur „Die Zuflucht“ genannt wird? Purcell versucht den Status Quo weitestgehend aufrecht zu erhalten, doch mit Gretchen Malparto tritt bald eine Frau in sein Leben, die in ihm eine waghalsige Idee reifen lässt …

Das Wesen der Realität oder besser gesagt die Loslösung der eigenen individuellen Existenz vom Realen – sie stehen insbesondere in der frühen Schaffensphase Philip K. Dicks immer wieder im Zentrum seiner Geschichten und stellen dabei sein Publikum nicht selten vor eine gewisse Hürde, seinen transzendenten Gedankengängen folgen zu können (Bekanntestes Beispiel ist vielleicht die Verfilmung „Total Recall“). Wo die Wirklichkeit endet und die Einbildung beginnt, diese Grenze ist fließend, auch in „Der heimliche Rebell“. Und das ist, und das sei vorangestellt, mit Sicherheit keins seiner besten Werke, kommt es doch besonders zu Anfang nur äußerst zäh in Fahrt.

Dick nimmt sich viele Seiten Zeit für die Exposition seiner Welt und Allen Purcells Platz darin. Ein Mann von zu Beginn nur wenig Charisma, der zwar einen gewissen Scharfsinn mitbringt, aber letztlich trotzdem williger Teil in der Propagandamaschinerie ist und sich zusammen mit seiner Frau der Privilegien dieser Position erfreut. Zwar deutet der Autor die Brüchigkeit des Systems zwischendrin an, aber es bleibt allenfalls bei der vagen Ahnung, dass sich daraus vielleicht irgendwann auch größere Risse bilden könnten, bleibt doch Purcell selbst sehr passiv. Bis sich daran im Verlauf der Geschichte nach und nach etwas ändert, fehlt es an Highlights. Einzige Ausnahme sind die Schauprozesse für die Wohnblockbewohner, in denen in schöner Regelmäßigkeit, weitestgehend anonym und in der Hoffnung auf eigenen Vorteil, der Nachbar angeschwärzt und verunglimpft wird. Ihre entlarvende Scheinheiligkeit verströmt bei der Lektüre tatsächlich eine gewisse gruselige Faszination, bis ab der Mitte des Buches, mit dem Auftritt Gretchens, das Ganze dann auch etwas mehr an Fahrt gewinnt.

Purcell, der psychologische Betreuung in Anspruch nimmt, wechselt plötzlich in eine Traumwelt über (oder doch nicht?), die ein Spiegelbild von Dicks Amerika der 50er Jahre darstellt und wird dadurch nun zum Handeln gezwungen. Wohl wissend, dass seine Taten bald ans Licht kommen werden, nutzt er die verbliebene Zeit als Chef von T-M, um die Propaganda für seine Zwecke wirken zu lassen. Während sein Mietvertrag gekündigt wird – der größtmögliche Fall in der Gesellschaft von MoRes – nutzt er ausgerechnet die Legende um Major Streiter, um zum großen Gegenschlag auszuholen. Wie er das inszeniert und ausführt, das hat in der Tat einen gewissen Charme und Witz, kann aber diesen Titel am Ende genauso wenig aus der Bedeutungslosigkeit hervorholen, wie die erotisch angehauchten Passagen mit Gretchen Malparto. Diese sind für Dick-Kenner nur insofern bedeutsam, als das wir hier zum ersten Mal Bekanntschaft mit einem dunkelhaarigen Mädchen machen, das sich als verführerische Femme Fatale wie ein roter Faden durch sein Lebenswerk zieht.

Dennoch: „Der heimliche Rebell“ ist kein Roman Dicks, dessen Wiederentdeckung wirklich groß lohnt, sieht man mal davon ab, dass die Darstellung eines Totalitarismus der Moral inzwischen in der aktuellen Gesellschaft wieder eine erschreckende Aktualität gewonnen hat. Und so sehr mich gerade die letzten Seiten dann doch unterhalten konnten – die Zeit für diese knapp 200 Seiten hätte man anderer Stelle sicher besser investieren können.

Wertung: 73 von 100 Treffern

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  • Autor: Philip K. Dick
  • Titel: Der heimliche Rebell
  • Originaltitel: The Man Who Japed
  • Übersetzer: Karl-Ulrich Burgdorf
  • Verlag: Moewig
  • Erschienen: 1981
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 191 Seiten
  • ISBN: 978-3811835297