In den Trümmern von Berlin

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© dtv

Ja, auch im Sommer 2015 hatte sie mich wieder gepackt – die jahreszeittypische Leseunlust, welche, alljährlich wiederkehrend, meinen hauseigenen Schmöker-Marathon stets aufs Neue unterbricht und mich in ein faules, in der Sonne räkelndes Wesen verwandelt, dem die Fernbedienung oft näher ist, als die aktuelle Lektüre. Gelitten hat darunter im Sommer vor zwei Jahren unter anderem „Wer übrig bleibt, hat Recht“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, deren zweites Werk „Deutsche Meisterschaft“ – von mir bereits vor Jahren gelesen – so mit zum Besten gehört, was ich im Genre der deutschsprachigen Spannungsliteratur in den Händen gehalten habe.

Nun stand also der gemeinsame Erstling an – und soviel sei vorab verraten: Auch diesmal gelingt dem Autorenduo der schwierige Spagat zwischen historischer Authentizität und tiefgründiger Suspense, wobei ersterer im Debüt jedoch ein wenig mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, was Freunde kurzweiliger Krimi-Reißer womöglich abschrecken dürfte. Hier ist der Weg das Ziel, sind es die kleinen Details am Wegesrand, welche den Spaß an der Lektüre befeuern und eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte auf erschreckend plastische Art und Weise zum Leben erwecken.

Kurz zur Handlung:

Berlin im Winter 1944/1945. Der totale Krieg tobt an allen Fronten und Hermann „Meier“ Görings Luftwaffe ist schon längst nicht mehr in der Lage den eigenen Luftraum vor den feindlichen Bomberverbänden zu schützen, welche tagtäglich und auch bei Nacht ihre Last abwerfen und die Hauptstadt des Reiches in eine rauchende Trümmerwüste verwandeln. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist inzwischen Resignation und Zynismus gewichen. Und die Berliner, welche einst jubelnd für ihren Führer den Straßenrand säumten, haben mit einem Endsieg längst abgeschlossen. Die meisten planen schon für die Zeit nach dem Krieg, versuchen verzweifelt in den Besitz gefälschter Papiere oder Judensterne zu kommen, um im Falle des alliierten Sieges möglicher juristischer Vergeltung zu entgehen. Vergessen, verdrängen – so lautet die Agenda für kommende Tage, was aber das verbrecherische Regime nicht davon abhält, auch noch bis zuletzt den Willen des Führers durchzusetzen.

Das muss auch Ruprecht Haas erfahren, der, augenscheinlich angezeigt von der Nachbarschaft, für eine unbedachte Äußerung erst nach Bautzen und schließlich nach Buchenwald deportiert worden ist, wo er sich unter der grausamen Aufsicht der KZ-Wächter zu Tode schuften soll. Doch Haas hat Glück: Ein Tiefflieger-Angriff ermöglicht ihm die Flucht. Nun offiziell für tot erklärt, tritt er den langen Heimweg nach Berlin an. Immer mit der Angst im Hinterkopf, in eine der vielen Gestapo-Kontrollen zu geraten, welche selbst unter schweren Bombardements ihre Suche nach „Volksverrätern“ und Deserteuren nicht unterbrechen. Doch als Haas die Hauptstadt erreicht, lösen sich all seine Hoffnungen in Nichts auf. Seine Familie ist tot. Umgekommen bei einem Bombenangriff, weil man sie nicht mehr in die Sicherheit eines Luftschutzbunkers gelassen hatte. Auch in diesem Fall scheinen die direkten Nachbarn involviert. Wer wollte den Tod seiner Frau und seines Sohnes? Wer hatte Interesse daran, ihn anzuzeigen? Haas, der nichts mehr zu verlieren hat, begibt sich in einem blutigen Rachefeldzug auf die Suche nach Antworten.

Zeitgleich erholt sich Sturmbannführer Kalterer in einem Sanatorium von einer Kriegsverletzung, bis er von ganz oben die Weisung erhält, nach Berlin zurückzukehren. Kalterer, vor dem Krieg als Kriminalpolizist und Ordnungshüter bei der Gestapo tätig, soll im Fall eines altgedienten Parteimitglieds ermitteln, das brutal ermordet wurde. Alles deutet auf eine politisch motivierte Tag hin. Und auch seine Vorgesetzten machen keinen Hehl daraus, dass ihnen diese Lösung die liebste wäre. Doch Kalterer hat Zweifel, welche zusätzlich Nahrung erhalten, als er herausfindet, dass zwei ehemalige Nachbarn des Toten ebenfalls umgebracht worden sind. Also doch eher eine persönliche Geschichte?

Während Berlin in Schutt und Asche gebombt wird und ganze Stadtteile in Flammen aufgehen, kreuzen sich bald die Wege von Haas und Kalterer …

Puh, wo beginnen, bei der Besprechung eines Romans, den ich, zu meiner Schande, gar nicht in einem Ruck weggelesen, sondern immer wieder an die Seite gelegt habe, was jedoch – und das ist ein äußerst wichtiger Punkt – in keinster Weise der Lektüre selbst anzulasten ist. Im Gegenteil: Obwohl „Wer übrig bleibt, hat Recht“ meinerseits so wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat sich der Roman äußerst eindringlich in meinem Gedächtnis festgesetzt. Was mich wiederum zu der Frage bringt: Wie viel mehr hätte mich das Werk nachträglich noch beschäftigt, hätte ich es mir in einem Ruck vorgenommen? Hätte, wenn und aber. Letztendlich kann ich meiner sporadischen Beschäftigung aber allein insofern Positives abgewinnen, da sie eine gewisse emotionale Distanz ermöglicht haben, durch die einige Elemente des Romans erträglicher wurden. Denn Fakt ist: „Wer übrig bleibt, hat Recht“ als historischen Kriminalroman zu bezeichnen, ist eine Untertreibung sondergleichen, welche zudem dem geschichtlich akkurat recherchierten Inhalt dieser Lektüre in keinster Weise gerecht wird.

Wo andere Autoren aus Wikipedia-Fakten hastig ein Gerüst zusammen zimmern, welches allenfalls dazu dient, die Genre-Bezeichnung auf dem Cover zu rechtfertigen, haben sich Birkefeld und Hachmeister augenscheinlich äußerst intensiv mit der Materie beschäftigt. Anders lässt sich jedenfalls die Vielschichtigkeit des Romans, und vor allem die beklemmende Art und Weise in welcher er auf uns Leser wirkt, nicht erklären. „Wer übrig bleibt, hat Recht“ geht an die Nieren, gewährt uns einen berührenden Einblick in eine in Auflösung begriffene Gesellschaft. Eine Zeit, die gerade ganz aktuell rückblickend mit Sätzen wie „Es war ja nicht alles schlecht“ verklärend beurteilt wird – und das dann nicht selten auch aus Bereichen der Verwandtschaft, die, selber Zeugen mancher hier geschilderter Ereignisse, in ihrer Agenda – nämlich dem bereits erwähnten Verdrängen und Vergessen – manchen Figuren dieses Romans erschreckend ähneln.

Das gemeinsame Bollwerk gegen den Bolschewismus, die eingeschworene Volksgemeinschaft – sie war nichts weiter als eine rissige und von Angst zusammengehaltene und im Kern faulende Fassade, welche im letzten Kriegsjahr endgültig keinerlei Bestand mehr gehabt hat. Ein jeder denkt nur an sein eigenes Wohl. Ein jeder denkt nur ans Überleben. Und an die Zeit „danach“. Recht und Ordnung, Gesetz und Gerechtigkeit – im Dritten Reich ohnehin nur hohle Begriffe ohne wirklichen Inhalt – sie existieren im gespenstischen leeren Berlin genauso wenig, wie irgendwelche moralischen Werte. Zertrümmert und zerstört sind sie – wie die Häuser der Städte. Und unter ihnen verwesen die Leichen.

Wer übrig bleibt, hat Recht“ fängt dieses Chaos derart authentisch ein, dass sich mir nicht selten ein Kloß im Hals gebildet hat, da man sich doch an jeder Stelle mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass es genau so – und leider eben nicht anders – gewesen ist, gewesen sein muss. Mühelos fallen hier schon nach wenigen Seiten die Schranken, die Fiktion und Leser sonst trennen, wohl wissend, dass die damalige Realität das Erdachte weit übersteigt und selbst die wenigen Szenen nicht einmal einen Bruchteil der Gräuel wiedergeben, die sich damals zugetragen haben. Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie in diesem Roman genau das richtige Maß finden, Themen wie Frontheimkehrer, Ausgebombte oder Flüchtlinge mit Fingerspitzengefühl einbetten, ohne die eigentliche Kriminalgeschichte – der klassische Wettlauf zwischen Mörder und Ermittler – gänzlich außer acht zu lassen.

Während Kalterer sein Netz um Haas immer enger zieht, ihr anfänglich noch auf Distanz ausgetragenes Duell an bedrohlicher Intensität gewinnt, nehmen auch die Bombardements zu, welche sich mehr und mehr auf die Zivilbevölkerung konzentrieren, um die Verteidiger der Festung Berlin zu zermürben. Mag der ein oder andere diese andauernden Unterbrechungen durch die beschriebenen Luftangriffe oder Nöte der Bevölkerung als störend empfinden – sie geben meines Erachtens äußerst plastisch den damaligen Alltag in Berlin wieder und sind gleichzeitig ein Indikator für den Verfallszustands des Dritten Reichs, das einen bereits vor langem verlorenen Krieg nur noch unnötig in die Länge zieht. Interessant bei der Beschreibung der Protagonisten ist, dass es eigentlich keinen gibt, den man als Leser bedingungslos seine Sympathie schenken kann. Dem Mitläufer und Opportunisten Kalterer genauso wenig, wie Haas, dessen Vergangenheit im Laufe der Geschichte ebenfalls einige Überraschungen bereithält, welche die Legitimation seines Rachefeldzugs zweifelhaft erscheinen lassen.

Überhaupt ist nichts so, wie es scheint. Und genau hieraus bezieht „Wer übrig bleibt, hat Recht“ letztlich auch seine Spannung, die sich jedoch – und das muss man an dieser Stelle dann auch bemängeln – ein paar Auszeiten zu viel gönnt. Ein weiterer Kritikpunkt sind zudem die meiner Ansicht nach etwas willkürlich platzierten Perspektivwechsel, die zudem immer erst nach ein paar Zeilen durch Nennung eines Namens kenntlich gemacht werden. Ob wir gerade Haas oder Kalterer folgen ist daher manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich, was mich stellenweise zusätzlich ein wenig aus der Lektüre gerissen hat.

Auch wenn das ein paar Punkte in der Gesamtbewertung kostet („Deutsche Meisterschaft“ hat es da besser gemacht) – „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (übrigens ein in allen Belangen hervorragend gewählter Titel – vor allem in Bezug auf den Epilog) muss den Vergleich mit einem Volker Kutscher oder einem Marek Krajewski nicht scheuen. Im Gegenteil: Hinsichtlich der geschichtlichen Atmosphäre und dem „Milieu“-Charakter haben Birkefeld und Hachmeister hier bereits im Veröffentlichungsjahr 2002 Maßstäbe gesetzt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister
  • Titel: Wer übrig bleibt, hat Recht
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 05.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 440 Seiten
  • ISBN: 978-3423208505
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Der Lärm des Schweigens

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(c) Pendragon

Für den Pendragon-Verlag war es der erfolgreichste Titel in den letzten Jahren und der Weggang Mechtild Borrmanns zu Droemer Knaur dürfte Günther Butkus wahrscheinlich auch heute noch das ein oder andere mal schmerzen, hat er doch nicht nur an Verkaufspotenzial, sondern vor allem eine über alle Maßen begabte Schriftstellerin verloren. Im Gegensatz zum trivialen Fastfoodgeschreibsel einer Nele Neuhaus steht Borrmann – wie z.B. auch ihre Kolleginnen Christine Lehmann oder Monika Geier – für qualitativ hochwertige Literatur, welche die Grenzen des bis heute in vielen Kreisen so verpönten Genres Krimi auf höchsten Niveau auslotet und streckenweise sogar neu definiert. Im November diesen Jahres wird mit „Trümmerkind“ ihr siebtes Buch erscheinen – wer sich darauf genauso freuen möchte wie ich, dem sei die Lektüre ihres mit dem Deutschen Krimi-Preis bedachten Werks „Wer das Schweigen bricht“ ans Herz gelegt.

„Der Bielefelder Pendragon Verlag hat in der Vergangenheit bereits einige Perlen entdeckt und veröffentlicht – kaum ein anderes Buch ist mir aber so nachhaltig in Erinnerung geblieben wie Mechtild Borrmanns „Wer das Schweigen bricht“. In gewissem Sinne gebührt diesem Titel die Ehre, meine frühere Skepsis gegenüber deutschen Kriminalromanen endgültig hinfort gefegt zu haben, wodurch ich in den folgenden Jahren auf solch großartige Autoren wie Monika Geier, Jörg Juretzka oder Frank Göhre gestoßen bin. Eine große Leistung für ein Buch mit gerade mal 224 Seiten, doch wofür andere tausende verschleißen, da braucht es bei Mechtild Borrmann nur weniger Worte. Und das bei einer Thematik, welche für Deutschland nicht nur immer noch allgegenwärtig und äußerst sensibel, sondern auch höchst komplex ist: Der Zweite Weltkrieg und seine bis heute spürbaren Nachwirkungen. So liest sich „Wer das Schweigen bricht“ denn auch über weite Strecken weniger wie ein klassischer Kriminalroman, wenngleich der Spannungsbogen davon unbeeinflusst auf durchgängig höchstem Level verweilt. Borrmann schreibt einfühlsam, berührend, eindrücklich – und doch stets mit einer scheinbaren Beiläufigkeit, die mehr als nur erahnen lässt, wie viel Talent in dieser wahrhaft begnadeten Autorin schlummert.

Seinen Anfang nimmt das Buch im November des Jahres 1997. Robert Lubisch ist gerade mit der Auflösung des Hausrates seines verstorbenen Vaters beschäftigt, als er in dessen Schreibtisch in einem Kästchen auf alte Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stößt. Lubisch, der zu seinem alten Herr nie ein gutes Verhältnis gehabt und nur wenig mit ihm über dessen Vergangenheit gesprochen hat, ist erstaunt, unter anderem den Ausweis eines unbekannten SS-Mannes sowie das Foto einer jungen Frau vorzufinden. In welcher Beziehung stand sein Vater zu diesen beiden Menschen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sucht er das Fotoatelier auf, in dem die damalige Aufnahme entstanden ist. Hier kreuzt sich sein Weg mit dem der Journalistin Rita Albers, welche in der Spurensuche Lubischs eine große Story wittert, die wiederum ihrer Karriere neuen Schwung verleihen könnte.

Robert Lubisch macht nun, auch aus Angst Dinge zu erfahren, die er gar nicht wissen möchte, einen Rückzieher und bittet Albers, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Doch diese hat den Stein längst ins Rollen gebracht. Hartnäckig recherchiert sie weiter. Und schon bald wir klar, dass auch anderen daran gelegen ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ein Mord geschieht … und Lubisch sieht sich zurück in die Konfrontation mit der eigenen Familiengeschichte gezwungen. Die Fährte führt ihn schließlich zurück in ein kleines Dorf am Niederrhein, wo sich im Sommer des Jahres 1939 sechs Jugendfreunde ihrer ewigen Freundschaft versichern … doch der Krieg hat andere Pläne.

Schuld, Hass, Vertrauensbruch, zurückgewiesene Liebe, Verrat, Politik, heimtückischer Mord, Entnazifizierung. In „Wer das Schweigen bricht“ finden sich all diese Elemente wieder. Und woran sich sonst schon so manch anderer Autor bitterbös verhoben hat, das meistert Mechtild Borrmann mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Sie verschont uns mit Knoppscher Geschichtsbelehrung, nimmt den Leser behutsam an die Hand. Ohne das Ausmaß des katastrophalen Weltkriegs zu reduzieren, fokussiert sie den epischen Konflikt auf das Geflecht weniger Figuren in einem kleinen Dorf auf dem Land. Diese Szenerie ist, nicht zuletzt aufgrund der überzeugenden und behutsam gezeichneten Figuren, derart bildreich, das die zeitlichen Barrieren relativ schnell fallen und man unbewusst Teil des Ganzen wird. Im Familienkreis geäußerte Sätze wie „Es war halt eine andere Zeit“ hallen plötzlich bitter nach, erscheinen angesichts der nachvollziehbaren Probleme der Jugendfreunde unzutreffend, welche vor moralischen Entscheidungen stehen und sich mit der persönlichen Verantwortung auseinandersetzen müssen. Borrmann erzählt ihre Geschichte dabei unaufgeregt und in aller Stille. Sie verschont mit Gewaltexzessen, Folterszenen, Blut – und doch sind es gerade diese ruhigen Töne, ist es diese Abwesenheit von Lärm und Geschrei, der ängstliche Blick, das Unausgesprochene, was bei der Lektüre nahegeht.

Wer das Schweigen bricht“ widersetzt sich dem schnellen „Page-Turning“. Es ist kein Roman, der mit den üblichen Effekten des Mainstreams arbeitet, um den Puls in die Höhe zu treiben. Ebenso wenig will er belehren, das menschenverachtende der Nazi-Diktatur brachial an der Pranger stellen. Borrmann wählt den Mittelweg, schreibt behutsam, lässt dem Leser selbst die Möglichkeit die Tragweite all dessen zu erahnen und zu verstehen. Sie konfrontiert mit dem Thema Schuld, ohne diese irgendwo im Detail zu suchen oder festzustellen, spricht über Verantwortung, ohne diese einzufordern. Es ist eine Kunst, wie sie nur wenige beherrschen und die diesen Roman zu einer echten (und völlig zurecht mit Deutschen Krimi Preis 2012 ausgezeichneten) Entdeckung macht. Gekrönt wird das Werk schließlich von einer Auflösung, welche nicht nur die beiden homogen miteinander verbundenen Handlungsstränge abschließt, sondern auch für die ein oder andere schmerzliche Überraschung sorgt.

Zurück bleibt der Leser. Beeindruckt, getroffen, gedanklich noch am Niederrhein. In einem kleinen Dorf. Zusammen mit Freunden. Kurz vor dem Abschied …

Danke Frau Borrmann, für dieses Stück großartiger Ausnahmeliteratur!“

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Mechtild Borrmann

  • Titel: Wer das Schweigen bricht
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3865322319

Krieg im Frieden

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(c) Grafit

Das Schöne am Hobby Lesen ist, neben der Lektüre selbst, auch der Austausch mit anderen Buchverrückten, welcher nicht selten weiteren Zuwachs im eigenen Regal zur Folge hat. Insbesondere wenn der Gegenüber – in diesem Fall mein ehemaliger Kollege von der Krimi-Couch (inzwischen bei booknerds) Jochen König – geschmacklich auf einer Wellenlänge rudert. Wenngleich ich die Benutzung des Wortes Mentors vermeiden möchte (das steigt Dir nur zu Kopf, lieber Jochen!), so kann ich doch nicht verhehlen, dass mir an seiner Meinung viel liegt und seine Tipps zumeist gleich blind in der nächsten Buchhandlung vereinnahmt werden. Ein Automatismus, der sich bisher noch immer ausgezahlt hat, sieht man mal von James Churchs „Inspector O“ ab (Nein, Jochen, das war kein „meisterliches Debüt“). So auch beim vorliegenden Kriminalroman, denn …

„Ganz ehrlich: Ohne die ausdrückliche Empfehlung meines Booknerds-Kollegen Jochen König wäre Jan Zweyers „Franzosenliebchen“ wohl unter meinem Radar geflogen, was weniger an dem Inhalt oder dem Titel liegt, als vielmehr an der (etwas beschämenden) Tatsache, dass ich den Grafit-Verlag – vor allem aufgrund seines Schwerpunkts auf Regio-Krimis – zumeist nicht in dem Maße auf den Schirm habe. Umso mehr bin ich Jochen deshalb zum Dank verpflichtet, gehört der Auftakt der so genannten „Goldstein“-Trilogie mit Sicherheit zu den Höhepunkten meines vergangenen Lesejahres, wenngleich das unter der Bezeichnung „historischer Kriminalroman“ beworbene Buch in erster Linie auf geschichtlicher Ebene zu punkten weiß und einen Großteil der Suspense eher aus den damaligen Ereignissen bezieht – und weniger aus einem sich in die Höhe schraubenden Spannungsbogen. Zweyer, der selbst seit Jahren in Herne lebt, nimmt zwar auf die regionalen Begebenheiten Bezug, verbaut damit aber auch Nicht-Westfalen nicht den Zugang zu der Lektüre. Und wählt dabei eine Thematik, die, obwohl mitentscheidend für die spätere Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, in der breiten Bevölkerung von heute doch etwas in Vergessenheit geraten ist.

Kurz zur Handlung: Januar 1923. Französische und belgische Truppen besetzen zunächst Essen und dann große Teile des Ruhrgebiets, um die rückständigen Reparationen und Sachleistungen (vor allem Kohlelieferungen) einzutreiben, zu denen sich die Weimarer Republik etwa vier Jahre zuvor durch den Versailler Vertrag verpflichtet hat. In der Folge kommt es, aufgerufen durch die Regierung in Berlin, zu einem weitreichenden passiven Widerstand seitens der deutschen Bevölkerung. Die Bergleute in den Zechen streiken, Flugblätter rufen zu Sabotageaktionen gegen die Besatzer auf und deutschnationale Untergrundbewegungen rechnen gnadenlos mit so genannten Verrätern ab. In dieser aufgeheizten Stimmung wird die junge Agnes Treppmann, Dienstmädchen bei dem reichen jüdischen Kaufhausbesitzer Abraham Schafenbrinck, spät abends auf dem Heimweg ermordet. Die deutsche Polizei beginnt zu ermitteln, bekommt den Fall aber sogleich entzogen, da eine am Tatort gefundene Koppel zwei französische Soldaten belastet, die zum besagten Zeitpunkt in der Gegend Dienst taten. Der französischen Militärgerichtsbarkeit unterstellt, werden beide Soldaten nach einem kurzen und oberflächlichen Prozess freigesprochen. Und Agnes Treppmann für alle militanten Aktivisten damit zur Märtyrerin.

In der obersten Polizeibehörde von Berlin sieht man in dem Urteil der Franzosen nun eine Chance, deren politische Rolle als Besatzungsmacht zu untergraben. Peter Goldstein, ein junger Kriminalassistent, wird inkognito ins Ruhrgebiet gesandt, um im Geheimen Nachforschungen im Fall Treppmann anzustellen und belastendes Beweismaterial zu sammeln. Goldstein, der finanziell am Existenzminimum lebt und wie viele andere unter der fortschreitenden Inflation leidet, nimmt den Auftrag nur wegen einer in Aussicht gestellten Beförderung und mit wenig Begeisterung an, da ihn bei einer Enttarnung eine Verurteilung als Spion und damit die Hinrichtung droht. Gegen alle Widerstände schafft er es dennoch neue Indizien zu finden, die allerdings Zweifel an einer Beteiligung französischer Soldaten aufkommen lassen. Ein Ergebnis, das Berlin genauso missfällt wie der örtlichen Bevölkerung, in deren Mitte immer mehr Elemente auf Rache sinnen. Kann Goldstein die Wahrheit ans Licht bringen? Und will die überhaupt jemand hören?

Vorneweg: Jan Zweyer hat in „Franzosenliebchen“ zweifellos seine Hausaufgaben sorgfältig erledigt. Der im typischen Stil eines Whodunits aufgebaute Fall ist nicht nur ausreichend verzwickt und nebulös, sondern wird am Ende auch schlüssig und mit überraschendem Element aufgelöst. Alles so weit so gut, nur – wirklich in den Vordergrund kann sich der Mord an Agnes Treppmann beim Leser nie richtig spielen, da es gerade die kleinen Details am Rande des Weges sind, welche unsere – zumeist ungeteilte – Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zweyer versteht es hervorragend die Kulisse der 20er Jahre wiederauferstehen zu lassen und die Balance zwischen Lokalkolorit und dem größeren politischen Gesamtkontext zu halten. Für die komplette Distanz von knapp 350 Seiten tauchen wir in das Ruhrgebiet des Jahres 1923 ein, dessen Atmosphäre der Autor wirklich en detail einfängt und damit einen näheren Blick auf den Nährboden erlaubt, von dem die NSDAP nicht allzu viele Jahre später ihre „Ernte“ einholen wird. Dass der „Schandfrieden“ von Versailles letztlich bereits den Weg für Hitlers Machtergreifung geebnet und den Grundstein für den Zweiten Weltkrieg gelegt hat, wissen in heutiger Zeit wohl noch die meisten. Was der Vertrag aber im einzelnen für die Weimarer Republik bedeutet und wie er sich auf das alltägliche Leben ausgewirkt hat – davon können sich wohl heute nur noch wenige ein Bild machen.

Nach der Besetzung des Ruhrgebiets wurde dieses über Monate zum Schauplatz erbitterter Auseinandersetzungen, die von beiden Seiten in einer Art Mimikry als Fortsetzung des Ersten Weltkriegs mit anderen Mitteln geführt wurde. Der „Ruhrkampf“ als „Krieg im Frieden“ brachte die Schrecken von 1914 bis 1918 wieder in das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit. Und zum ersten Mal war durch die Präsenz der Besatzer der Feind auch für die zivile Bevölkerung sichtbar. Daraus resultierten vielerlei Probleme. So empfanden viele Deutsche die Okkupation als ungerecht, wohingegen Franzosen und Belgier dies als natürliche Revanche für die wenige Jahre zuvor erlittene Kriegsbesetzung durch die Deutschen verstanden. Als Folge dessen agierten sowohl Besatzer als auch Widerstandskämpfer skrupellos, wenn es in ihren Augen darum ging, das jeweilige Vaterland zu verteidigen. Kollaboration wurde auf beiden Seiten hart bestraft, was auch deutsche Frauen erfahren mussten, die sich mit französischen Soldaten einließen. Gewaltsam von den „Scherenclubs“ kahlgeschoren, wurden sie öffentlich als „Franzosenliebchen“ gebrandmarkt. Im schlimmsten Fall drohte gar die Feme.

Zweyer beweist hier ein unheimlich sicheres Händchen, wenn es darum geht, die verschiedenen Parteien zu beleuchten, ohne irgendeinem dabei die moralische Hoheit einzugestehen, was sich vor allem in der Wahl der Hauptfigur Peter Goldstein widerspiegelt. Entgegen den üblichen Sympathieträgern oder Raufbolden mit Charme, welche einem sonst in Krimis begegnen, ist er das Paradebeispiel des durchschnittlichen Opportunisten. Als Soldat vor Verdun rettete er sich aus einem mit Gas gefüllten Granattrichter, indem er auf den Kopf eines schwer verwundeten Kameraden stieg. Und nach dem Krieg war er gar ein Mitglied des am Kapp-Putsch beteiligten Freikorps. Kein Charakter also, dem man von Beginn an wohlgesonnen sein kann und will. Und das ändert sich auch im weiteren Verlauf nicht, wo er quasi vor seinen Augen einen Fememord geschehen lässt und der Rechtfertigung des Täters Saborski, er habe lediglich seine Pflicht als Soldat getan, mit Verständnis begegnet. (Dass wir Peter Goldstein und Saborski im zweiten Teil der Trilogie, „Goldfasan“, als Mitglieder der SS wiedersehen werden, ist da fast folgerichtig)

So unbequem Goldstein daherkommt, ist er doch ein glaubhafter Vertreter seiner Zeit und Bindeglied zwischen dem Leser und diesem Stück deutscher Geschichte. Eine Epoche, in der sich keine Seite mit Ruhm bekleckert hat und Weichen gestellt wurden, welche für viele Millionen Menschen in den Tod führen sollten.

Freunden von Page-Turnern und rasanten Plot-Achterbahnfahrten – sie werden hier kaum auf ihre Kosten kommen. Allen geschichtsinteressierten Lesern, die Wert auf eine gründliche Recherche und eine glaubwürdige Kulisse legen, sei „Franzosenliebchen“ jedoch unbedingt ans Herz gelegt. Ich freue mich auf die Fortsetzung und die Rückkehr ins Kohlerevier. Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt …“

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Jan Zweyer

  • Titel: Franzosenliebchen
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Grafit
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 348
  • ISBN: 978-3894256050

Wer bremst, verliert

Unbenannt

(c) dtv

Während meiner derzeitigen (bisher ziemlich überzeugenden) Lektüre von Jan Zweyers „Franzosenliebchen“, dem ersten Band der „Goldstein“-Trilogie, fühlte ich mich unweigerlich an „Deutsche Meisterschaft“ erinnert, das nicht nur in derselben Epoche spielt, sondern den Zeitkolorit und auch den Rhythmus der „Roaring Twenties“ auf ähnliche Art und Weise zu transportieren weiß. Mehr noch: Das Gemeinschaftswerk von Birkefeld und Hachmeister ist ein eindringliches Beispiel dafür, wozu Literatur imstande ist, wenn die richtige Hand die Feder führt. Hier wird Geschichte nicht nur lebendig gemacht, sondern mit Vollgas aufs Papier genagelt.

„Manchmal steht der Rezensent wie der Ochs vorm Berg, weiß nicht was er schreiben soll. „Deutsche Meisterschaft“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister ist so ein manchmal. Nach „Wer übrig bleibt, hat recht“, den Thomas Kürten auf der Krimi-Couch mit 76° bewertete und als „Krimi-Geschichtsstunde“ empfahl, ist dies nun der zweite Roman aus der Feder des Autorenduos. Und erneut haben die beiden ihr Augenmerk auf die wohl düsterste Epoche der deutschen Geschichte gerichtet: Die Jahre der Weimarer Republik bis hin zur Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs. So weit, so gut. Ein weiterer historischer Kriminalroman also, der sich neben den Werken Volker Kutschers, Philipp Kerrs und Uwe Klausners einreiht und den Leser vor geschichtlich-authentischer Kulisse auf Mörderjagd gehen lässt? Weit gefehlt, denn eben das ist „Deutsche Meisterschaft“ nicht. Oder besser gesagt: Es ist vielmehr als das.

Deutschland im Jahre 1926. Auf den Straßen zwischen Berlin und München wird um den Gewinn der Deutschen Motorradmeisterschaft gerungen. Unter den Fahrern sind auch Arno Lamprecht und Falk von Dronte. Beide absolute Könner auf dem Sattel, völlig auf den Sieg fixiert. Und beide seit Jahren herzlich miteinander verfeindet. Der eine gehört der Masse der desillusionierten Kriegsveteranen an und flüchtet sich aufgrund der psychischen Folgen aus dem bürgerlichen Alltag in den Rausch der Geschwindigkeit, der andere verkörpert bis ins kleinste Detail den hochnäsigen Adeligen der verblassten Monarchie. Zu jung, um noch selbst am Ersten Weltkrieg teilnehmen zu können, hatte er sich nach der Kapitulation und Versailles den reaktionären Kreisen der besonders in Süddeutschland aufstrebenden Nationalsozialisten angeschlossen, mit den Jahren aber den Kontakt zu diesen verloren. Zwei sehr unterschiedliche Charaktere also, die aber doch etwas verbindet. Beide profitieren von der Begeisterung der Massen für das neue technische, motorisierte(!) Zeitalter, den so genannten „Roaring Twenties“. Und beide haben im wahrsten Sinne des Wortes ein paar Leichen im Keller liegen.

Drei Jahre zuvor nämlich, in den unsichersten Zeiten der Weimarer Republik, ist Lamprechts Frau brutal ermordet worden. Er selbst galt als Hauptverdächtiger in dem unaufgeklärten Mordfall und konnte nur dank eines falschen Alibis seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Zur selben Zeit, in den Wirren des Hitler-Putsches von München, war von Dronte ein Mitglied der rechten Freikorps und am Fememord an einem angeblichen Volksverräter beteiligt. Die gut vergrabene Leiche taucht nun wieder auf. Allein der Kopf fehlt. Und wieder scheint es Parallelen zu Lamprechts Vergangenheit zu geben, denn auch seine Frau wurde damals enthauptet. Während Falks alte „Kameraden“ immer nervöser werden und ihn drängen, die Sache zu bereinigen, gerät Lamprecht erneut ins Visier der Polizei. Beide beginnen, jeder für sich, Nachforschungen anzustellen, während sie sich gleichzeitig auf den Straßen Deutschlands ein erbittertes Duell um den Sieg und die Liebe einer Frau liefern …

Gebrochene Helden, rasante Motorradrennen, politische Umstürze und ein mysteriöser Serienmörder. „Deutsche Meisterschaft“ ist beeindruckend spannend und facettenreich zugleich, entwickelt im Verlauf seiner 385 Seiten eine sich immer wieder zuspitzende Dramaturgie, welche zwar schon ziemlich früh (und ganz offensichtlich) kein gutes Ende nehmen wird, dem Leser jedoch durchgänig keine Atempause oder gar Zeit zum Nachdenken gewährt. Woran andere Autoren sonst spektakulär scheitern, das haben Richard Birkefeld und Göran Hachmeister mit Kür gemeistert: Den Spagat zwischen dem Spannungsaufbau und der Schilderung echter deutscher Geschichte. Herausgekommen ist ein bildgewaltiges Sittengemälde über die Zeit der Weimarer Republik, das den Geist der 20er Jahre bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt. Die Begeisterung für Technik, die Sucht nach Geschwindigkeit, die Lust an neuer Mode. Bewegung bestimmt das Leben dieser neuen Generation. Alles rast, alles rennt. Wer das nicht tut, kommt unter die Räder. Was böte sich deshalb besser an, als das Buch in der Motorradszene spielen zu lassen? „Motorisierung ist Mobilisierung“ dröhnt es aus den Lautsprechern am Rande der Rennstrecke. Auch ganz tumbe Zeitgenossen erkennen hier den Beginn der gesellschaftlichen Brutalisierung, welche sich im Laufe der Jahre immer wieder in Ausbrüchen gnadenloser Gewalt zwischen politisch und sozial verfeindeten Parteien entladen wird.

(…) … und ihr seht doch, was in diesem Lande los ist, der Krieg ist doch nicht vorbei, der geht doch seit 1919 tagtäglich weiter, die Rechten gegen die Linken und gegen die Gewerkschaften, die Konservativen gegen Rechte und Linke, die Linken gegen Rechte und Nationale und Ultralinke, Rechte und Linke gegen die Kirche, jeder gegen jeden und alle gegen die Juden und alle gegen den Versailler Vertrag, und ich mittendrin, ich gegen den Vermieter, gegen Mitspieler, gegen Vera, meine Frau. Das ist alles schlimm, dass weiß ich, aber glaub mir, es wurde und es wird auch in Zukunft immer mit nackter Gewalt um den Platz an der Sonne gerungen, und wer sich da nicht wehrt, zurück schlägt, der bleibt auf der Strecke, der verliert das Rennen … (…)

Deutsche Meisterschaft“ zeigt ein Deutschland am Scheideweg, eine zerrissene Republik, die nur ein Schritt von Wohl und Heil trennt und doch der Katastrophe von 1933 scheinbar unaufhaltsam entgegensteuert. Auf der einen Seite ziehen marodierende Freikorps durchs Land, putschen Rechte gegen revolutionierende Linke, bricht eine Wirtschaft unter der Last der hohen Inflation zusammen. Auf der anderen Seite entwickelt sich eine neue Kulturlandschaft, blühen Musik, Kunst und Literatur (nicht zuletzt auch die Krimis) auf. Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in den Hauptfiguren Arno Lambrecht und Falk von Dronte wieder, die das augenscheinlich nicht vereinbare Neue und Alte verkörpern und dessen Wege sich letztendlich nicht nur kreuzen, sondern auch dieselbe Richtung einschlagen. Von dem Wechselspiel der verschiedenen Perspektiven lebt dieser Roman, von den echten, nachvollziehbaren Typen, diesen Kerlen. Von Menschen, die durch die Hölle gegangen sind und weiterhin gehen. Heruntergekommene Säufer, abgewrackte Huren, vierschrötige Draufgänger. Sie alle sind vom sozialen Milieu geprägt, dienen dem Leser als Fernrohr in diese längst vergangene Zeit und beleben die Geschichte. Alles wird schonungslos dargestellt, nichts geschönt. Moralisch erhobene Zeigefinger sucht man hier vergebens.

Diese fast schon mechanische, klinische Genauigkeit der Schilderungen spiegelt sich letztlich auch in den literarischen Stilmitteln der Autoren wieder. Kurze, abgehackte Sätze. Hastige Szenen- und Bilderwechsel. Viele Kommas, wenige Punkte (siehe Textausschnitt). Wenn Lamprecht und von Dronte über die Landstraßen rasen, das Gummi auf dem Asphalt quietscht, dann greift die Geschwindigkeit über, wird man ungebremst mitgerissen. Ganz nach dem Motto „Nur der Verlierer hat die besten Bremsen“ jagt der Plot durch das Deutschland der 20er Jahre und mit ihm der Leser, auf den Eindrücke niederprasseln, welche ihn noch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigen werden.

Insgesamt ist „Deutsche Meisterschaft“ ein sprachlich herausragender, atmosphärisch dichter Kriminalroman, der begeistert, erschüttert, nachdenklich macht, und trotz all seiner intelligenten Symbolik nie den Pfad der Unterhaltung verlässt. Ein großartiger Wurf, der gar nicht hoch genug gelobt werden und sich besonders durch sein Finale weit aus der Masse ähnlicher Bücher herausheben kann. Auf weitere Werke dieser beiden hochtalentierten Autoren darf gespannt gewartet werden.“

Wertung: 94 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister

  • Titel: Deutsche Meisterschaft
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 08.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 386
  • ISBN: 978-3423211581