Fünf Kugeln und Italien ist sauber

© Unionsverlag

Der übliche Schauplatz für Krimis, seien sie nun europäisch oder amerikanisch, ist die Großstadt. Denn die Stadt repräsentiert den Ort, an dem die kleinen, schmutzigen Ereignisse, in denen der Tod lauert, auf die großen Fragen unserer Zeit treffen.

Was Bruno Morchio in seinem Nachwort festhält, scheint gleichzeitig seine Maxime bei der Ausarbeitung des Debütromans „Kalter Wind in Genua“ gewesen zu sein, der sich deutlich erkennbar an den großen „Mittelmeerkrimis“ von Jean-Claude Izzo und Vásquez Montalbán orientiert und mit Bacci Pagano einen weiteren Privatdetektiv „alter Schule“ auf die große Bühne der Spannungsliteratur schickt.

In einem Genre voller schlechter Kopien bewahrt sich jedoch Morchio auf bemerkenswerte Weise seine Eigenständigkeit, was nicht zuletzt daran liegt, dass sein Protagonist mehr als nur das übliche Zugpferd für die kriminalistische Handlung verkörpert. Er steht hier beispielhaft für eine Stimme aus der Gesellschaft der Genueser Altstadt und erlaubt dem Leser damit einen Blick in das enge Geflecht düsterer Gassen, in dem der Kontrast von Licht und Schatten, Pracht und Verfall, schon fast sinnbildlich für das moderne Italien steht. Ein Blick, den eben jener Leser wohl in der Vergangenheit wenig genutzt hat, denn Morchio, dessen erste zwei Bücher beim Unionsverlag erschienen sind und der nun bei dtv verlegt wird, ist auf den Tischen vieler Buchhandlungen immer noch ein seltener Gast. Angesichts eines solchen eindrucksvollen Debüts kann man sich da nur verdutzt die Augen reiben.

Bacci Pagano, Kind einer ehrlichen und strebsamen Arbeiterfamilie, ist im fortgeschrittenen Alter zum zynischen Einzelgänger und Egozentriker geworden. Er meidet Menschenaufläufe genauso wie gefühlsmäßige Bindungen und widmet sich in seiner Freizeit lieber der klassischen Musik und guter Literatur. Es ist ein Ausgleich zu seinem dreckigen Job, denn als Privatdetektiv macht er stets aufs Neue Bekanntschaft mit den düsteren Abgründen der „Caruggi“, den engen Gassen von Paganos geliebter Heimatstadt, die er auf dem Sattel seiner amarantroten Vespa durchquert. Während eines routinemäßigen Überwachungsjobs wird er dabei auf ein großes Plakat aufmerksam, das in ungewöhnlicher und radikaler Weise für einen lokalen linken Radiosender wirbt. „Fünf Kugeln und Italien ist sauber“ ist darauf zu lesen, sowie die Aufforderung, sofort den Sender zu kontaktieren und das gewünschte Ziel zu nennen, welches mit einem Sturmgewehr exekutiert werden soll. Das hinter dieser PR-Kampagne sein alter Jugendfreund Samuele Lagrange steckt, erfährt Bacci erst kurze Zeit später, als dieser ihn für einen Job anheuern will.

Das betreffende Gewehr ist bei einem Einbruch gestohlen geworden und Lagrange fürchtet nun die Schließung seines Senders. Bacci stellt sofort Nachforschungen an, welche ihn auf die Spur eines gesuchten Terroristen führen, der offensichtlich den geplanten Besuch des Ministerpräsidenten Berlusconi in Genua für einen Anschlag nutzen will. Da kommt es äußerst ungelegen, dass sein zweiter Auftrag, bei dem Bacci für eine alteingesessene Reeder-Familie hinsichtlich Industriespionage ermittelt, ihn auch noch in die Kreise der Mafia führt. Während ganz Genua sich auf ein frostiges Weihnachtsfest vorbereitet, wird der Boden unter Bacci schneller heißer als ihm lieb sein kann …

Das „Kalter Wind in Genua“ der erste Roman aus der Feder des Italieners Bruno Morchio ist, mag man angesichts der routinierten Sicherheit, mit welcher er hier Form, Inhalt und Spannungsbogen verbunden hat, fast kaum glauben. Sein Erstling liest sich von der ersten bis zur letzten Seite wie aus einem Guss und trumpft dabei mit einem Facettenreichtum auf, der von den Trieben der Mafia, über Polizeiwillkür, illegale Einwanderer, Zwangsprostitution bis hin zum erstarkten italienischen Faschismus so ziemlich jedes aktuelle Thema des Mittelmeerstaates abdeckt.

Forsch geht er zur Sache, dieser Morchio, überrascht mit einem kämpferischen, treffsicheren Ton, der, wie die Zeichnung von Genua selbst, ganz den klassischen Motiven der alten Hardboiled-Größen verbunden ist, im Gegensatz zu diesen aber auch das politische nicht außen vor lässt. Berlusconi, der im Buch stets nur als „Ministerpräsident“ betitelt wird, sieht sich hier einer Dusche des Spotts ausgesetzt. Seine weit verzweigten, mafiösen Verbindungen deutet Morchio zwischen den Zeilen immer wieder an, ohne dabei den roten Faden der eigentlichen Handlung zu verlassen. Alles wird schlüssig miteinander verknüpft, die parallel laufenden Stränge gekonnt weiterverfolgt. Immer dann, wenn man gerade glaubt, Morchio habe sich in diesem Wirrwarr verzettelt, überrascht der Autor mit einer neuen intelligenten Verbindung.

Schon fast im Kontrast zu dieser politisch kämpferischen Ader stehen dann die liebevollen Beschreibungen von Genua, dessen komplexen Wandel er anrührend und äußerst bildreich wiedergibt. Diese kleine Stadt mit der großen historischen Vergangenheit ist es auch, die den Kern der Geschichte darstellt. Bruno Morchios Roman ist eine Hommage an seine Heimat, welche auf der Suche nach einer postindustriellen Zukunft und dabei zwischen Tradition und Fortschritt gefangen ist. Wind, Wetter, Gerüche und Geschmack. Sie bilden die Zutaten von denen dieses Buch lebt, es seine Sogkraft bezieht. Bacci auf seiner Vespa durch die düsteren, muffigen Häuserschluchten zu folgen, in kleinen Cafés zu speisen und den Mistral im Gesicht zu spüren. Das macht die Faszination aus, welche sich wie die Neugier an dieser Stadt langsam aber stetig einstellt. Mag sonst dieser Begriff schon ausgelutscht und abgedroschen sein. Hier darf man endlich wieder von Lokalkolorit, von regionalem Flair sprechen.

Was Bacci Pagano angeht. Morchio, der auf die Frage nach seinen literarischen Vorbildern Chandler nennt, hat seinen Protagonisten ganz in dessen Tradition gezeichnet, wenngleich er aber auch geschickt mit den Klischees spielt. Wie z.B. hier im Gespräch Baccis mit dessen Freund bei der Mordkommission, dem Vicequestore Commissario Salvatore Pertusielo:

(…)
„Was zum Teufel machst du denn hier?“
„Ich arbeite für die Firma Pellegrini.“
„Kümmerst du dich nicht mehr um diese Gewehrgeschichte?“
„Wenn ich nur an einem Fall arbeiten würde, ginge es mir wie Philip Marlowe.“
„Und wie erging es Philip Marlowe?“
„Immer pleite.“
(…)

Im Armenviertel der Stadt aufgewachsen, ist Bacci die raue Seite Genuas von Kindesbeinen an bekannt. Und wie fast jeder Private-Eye in der Geschichte des Kriminalromans hat er dort, in dieser modernden Düsternis, seine Kontakte und Informanten. Sollten diese nicht ausreichen, zögert aber auch Bacci nicht handgreiflich zu werden oder gar seine locker im Halfter sitzende Beretta zu ziehen, um an Informationen zu gelangen. Die Konfrontationen, zu denen es in jedem Hardboiled irgendwann unweigerlich kommt, fehlen auch hier nicht. Mehr als einmal muss der schnoddrige, übellaunige und oftmals unbeherrschte Detektiv Prügel einstecken. Das diese „gut gemeinten Ratschläge“ letztlich ignoriert werden, versteht sich natürlich von selbst.

Morchio ist die Ausarbeitung seiner Hauptfigur äußerst gut gelungen. Er spielt mit den genretypischen Klassizismen, ohne dabei ausrechenbar zu werden. In der Vergangenheit Baccis, der in den 68ern als vermeintlich gewalttätiger Regimekritiker festgenommen wurde und einige Jahre im Gefängnis verbracht hat, finden sich die Ursachen seiner heutigen Distanziert- und Ziellosigkeit. Wo bei anderen Krimikollegen sonst soziale und private Probleme zum Selbstzweck geworden sind, unterfüttern sie hier lediglich die authentische Lebensgeschichte eines Mannes, der zwar die in seiner Jugend angestrebten Ideale, nicht aber sich selbst aufgegeben hat. Es ist diese Glaubhaftigkeit, welche schon zu Beginn den Zugang zu diesem Roman herstellt, der mit einem spannenden, aber auch sehr bitteren Ende abschließt. Ein Ende, das nachdenklich macht, zur Diskussion anregt und gleichzeitig das I-Tüpfelchen auf ein exzellentes Buch setzt.

Kalter Wind in Genua“ ist ein scharfsinniger, wortgewandter Noir, der den Finger tief in die derzeitigen Wunden Italiens legt und mit einer für ein Debütwerk ungewöhnlichen Kaltschnäuzigkeit überrascht.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Bruno Morchio
  • Titel: Kalter Wind in Genua
  • Originaltitel: Bacci Pagano – Una storia da caruggi
  • Übersetzer: Ingrid Ickler
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 02/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3293204447

Schwarzes Buch und Schwarze Seelen

© Goldmann

Im Frühsommer 1991 erreichte Ian Rankin ein Brief in Südwestfrankreich, wo er nach seiner „Flucht“ aus dem Großkapital Londons seit knapp einem Jahr mit seiner Familie wohnte. In diesem wurde ihm mitgeteilt, dass er das Chandler-Fulbright-Stipendium für Kriminalliteratur gewonnen hatte und der Preis ein größerer Betrag Geld (mit freundlicher Empfehlung der Raymond-Chandler-Stiftung) war, an den die Bedingung geknüpft wurde, dass dieses im Verlauf eines sechsmonatigen Aufenthalts in den Vereinigten Staaten ausgegeben werden musste. Gemeinsam mit dem gerade erst drei Monate alten Sohn Jack flog Familie Rankin gen USA, wo der Autor damit begann sich Gedanken über den nächsten Rebus-Roman zu machen.

Sein Ziel war es, der Serie einen erkennbaren Hintergrund zu geben, seine Figur vom erfundenen Edinburgh ins das reale zu versetzen, weshalb er schon im Vorgänger die fiktive Dienststelle von Rebus hatte abbrennen lassen. Nun sollte er in der echten Polizeistation in St. Leonard’s Street arbeiten und der Leser endlich genau erfahren, in welcher Straße der DI wohnt. Das Ergebnis all dieser in den USA stattgefundenen Überlegungen ist der fünfte Roman der Reihe: „Verschlüsselte Wahrheit„.

Für John Rebus hat sich nicht allzu viel geändert. Sein Glück bei den Frauen scheint weiterhin ein zeitlich begrenztes, denn Patience, seine Freundin, hat ihn kurzerhand aus der Wohnung geschmissen. Da er seine eigene blöderweise an eine Gruppe Studenten vermietet hat, muss er sich nun dort neben Joints, Körnermüsli und Tofuhappen ein freies Eckchen suchen, was schließlich noch erschwert wird, als plötzlich sein Bruder Michael, nach dreijähriger Haft wegen Drogenhandels entlassen, völlig pleite vor seiner Tür steht. Dementsprechend wenig Zeit versucht Rebus zu Hause zu verbringen, wenngleich es für ihn auch auf der Arbeit wenig rosig aussieht. Bei den neuen Kollegen in der Hauptwache St. Leonard’s hat er sich nicht nur Freunde gemacht und besonders Detective Inspector Flower scheint ihn auf dem Kieker zu haben. Zu allem Überfluss kommen dann noch seine Vorgesetzten auf die glorreiche Idee, eine weiteren Versuch zu starten, Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty hinter Gitter zu bringen.

Der heimliche König des organisierten Verbrechens in Edinburgh hat dem Gesetz bereits desöfteren ein Schnippchen geschlagen und sich dank einflussreicher Freunde stets dem Zugriff entzogen. Als nun Rebus‘ Partner Brian Holmes im Hinterhof eines Restaurants niedergeschlagen wird und der DI in seinen Habseligkeiten ein schwarzes Buch findet, dass neue Erkenntnisse über den vor fünf Jahren stattgefundenen Brand im Central Hotel beinhaltet, sieht er die Chance gekommen seinen Erzfeind endgültig matt zu setzen. Ohne Rückendeckung von oben nimmt Rebus die Ermittlungen auf …

Mit „Verschlüsselte Wahrheit“ nähert sich, auch seinen eigenen Worten nach, Ian Rankins lange Lehrzeit allmählich ihrem Ende. Der Reihencharakter ist nun eindeutig erkennbar, zumal der Autor inzwischen ökonomischer schreibt und wieder auf altbekannte Figuren (z.B. Jack Morton, Matthew Vanderhyde) zurückgreift. Eine Routine stellt sich dennoch nicht ein, da immer wieder neue Facetten der Stadt Edinburgh in Augenschein genommen werden, um die Rankin einen stets spannenden Plot zu spinnen weiß. In diesem Fall ist das Thema die Korruption der Volksvertreter, hinter deren achtbarer Fassade das organisierte Verbrechen in Form von Cafferty seine Fäden zieht. Weitestgehend ungestört, denn dieses bis auf die Grundfesten verrottete System ist nicht nur hervorragend vernetzt, sondern auch frei von Skrupeln, wenn es darum geht, seinen Einflussbereich immer mehr auszuweiten. John Rebus, der kleinere Ganoven aus den sozial schwächeren Schichten auch mal laufen lässt, ist der erklärte Feind dieser elitären Oberschicht, die in seinen Augen die größte Gefahr für die Gesellschaft darstellt. Und so ist es natürlich auch diesmal wieder er, der, mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattet, die Kreise dieser Verbrechner im feinen Zwirn stört und den Dreck am Fuße des Tümpels aufwirbelt.

Wortwörtliche Drecksarbeit in trüben Gewässern, denn die Grenzen zwischen Gut und Böse sind fließend – und die dicken Fische halten sich entweder gut versteckt im Untergrund oder präsentieren sich nach außen hin als vorbildliche Bürger. Doch Rebus ist geduldiger „Angler“, der zudem genau weiß, wo er seine Köder samt Haken auswerfen muss, um Unruhe in den Schwarm zu bringen. Einmal mehr ist es ein echter Genuss, dem bärbeißigen Detective Inspector bei seinem Werk über die Schultern zu schauen, wohl wissend, dass auch er dem Verbrechen in Edinburgh am Ende allenfalls Nadelstiche versetzen kann. Aber diese Stiche, sie sitzen. Und wie Rebus sie verteilt, um dann seinerseits Prügel zu beziehen, das hat seine ganz eigene, äußerst schottische Faszination. Auch weil es Rankin verstanden hat, diesen anachronistischen Dinosaurier nicht zu sehr an den üblichen Stereotyp anzupassen. Natürlich kämpft auch John Rebus mit seinen ganz eigenen Dämonen – seine kurze, aber verhängnisvolle Zeit im SAS bleibt zum Beispiel weiterhin ein Thema – ergibt sich aber diesen nicht oder droht gar in Depressionen zu verfallen. Stattdessen opfert er alles, vor allem das private Glück, für den Beruf, den er nach seinen, und nur seinen Regeln ausübt.

Bei seinen Vorgesetzten und vielen Kollegen kommt dies naturgemäß eher bescheiden an, was Rebus selbst in größeren Ermittlungen letztlich stets isoliert. Allerdings wissen auch sie, dass sie ihn und seine ganz eigenen unorthodoxen Methoden manchmal einfach benötigen, um den Stein ins Rollen und ein vermeintlich stabiles verbrecherisches Gerüst zum Wanken zu bringen. John Rebus ist sich dieses stillschweigendes Respekts stets bewusst, nutzt ihn jedoch nie über Gebühr aus, weswegen selbst sein Chef „Farmer“ Watson bei dessen Verfehlungen auch mal ein Auge zudrückt. Überhaupt gewinnt „Verschlüsselte Wahrheit“ durch die genaue Skizzierung des Polizeireviers St. Leonards unheimlich an Realismus, da sich Rankin viel Zeit für seine Figuren nimmt und diese auch ihren Charaktereigenschaften entsprechend nachvollziehbar handeln lässt. Neben Siobhan Clarke, die mit jedem Band der Reihe für Rebus zu einer wichtigeren Partnerin wird, steht allerdings vor allem jemand außerhalb des Gesetzes im Vordergrund: Morris „Big Ger“ Cafferty, Rebus‘ ganz eigener Moriarty.

Nicht selten heißt es ja, dass ein Film nur so gut ist wie sein Bösewicht. Und genau das lässt sich auch für viele Krimi-Serien anwenden, braucht es doch diesen einen Gegenpart auf Augenhöhe, diese ebenbürtige Nemesis, an der sich unser Held reiben und an der er wachsen kann. Ian Rankin versteht es dabei äußerst geschickt, sowohl das Bild des Helden als auch das des typischen Bösewichts zu meiden, was die Beziehung dieser zwei echten Typen umso interessanter macht. Cafferty ist mehr als nur ein Gangster, sondern steht symbolisch für den Felsbrocken, welchen Rebus immer wieder auf den Berg hochrollen muss, nur um ihn am nächsten Tag wieder an dessen Fuße vorzufinden. Er ist dieser eine unnachgiebige Widerstand, gegen den selbst dieser gewiefte Bulle (noch) erfolglos anrennt, aber gleichzeitig auch der Antrieb, es immer wieder zu versuchen. Die Beziehung dieser zwei, sie bekommt in „Verschlüsselte Wahrheit“ nicht nur ein paar neue Perspektiven, sondern gibt auch einen äußerst vielversprechenden Ausblick auf das, was da in den weiteren Bänden noch kommen wird. Weiterhin ganz getreu des ursprünglichen Jekyll und Hyde-Themas, mit dem die Serie einst ihren Anfang nahm.

Mit „Verschlüsselte Wahrheit“ erreicht Ian Rankin einen neuen Reifegrad als Schriftsteller und liefert einen starken „Tartan Noir“ in der Tradition von William McIlvanney ab, der die Vorfreude auf weitere John-Rebus-Romane ganz weit oben hält.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Verschlüsselte Wahrheit
  • Originaltitel: The Black Book
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 10.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3442450152

Strip Jack Naked

© Goldmann

Geduld. Vielleicht die wertvollste Tugend, welche man sich als angehender Schriftsteller zu Eigen machen kann. Geduld mit sich selbst, bis endlich die Worte gefunden sind, die so lange darauf gewartet haben auf Papier gebracht zu werden. Und dann nochmal Geduld, um jemanden zu finden, der den Wert hinter diesen Worten erkennt, wertschätzt was von Herz und Seele zwischen die Zeilen geflossen ist. Selbst wenn dieser Weg zurückgelegt, ein unterstützender Verleger gefunden wurde – für viele Autoren, für die meisten Autoren, ist dies letztlich nur der erste Schritt, denn um von diesem künstlerischen Handwerk leben zu können, vergehen mitunter Jahre.

Der schottische Krimi-Autor Ian Rankin kann davon ein Lied singen. Knappe zehn Bücher und ebenso viele Jahre hat es gebraucht, bis aus dem lokalen Phänomen Edinburghs ein weltbekannter Bestsellerautor wurde – um auf dem deutschsprachigen Buchmarkt Fuß zu fassen sogar noch eine ganze Weile länger. Diese Phase des „Apprenticeship“, wie Rankin sie selbst nennt, war nicht nur von finanzieller Unsicherheit und Rastlosigkeit gekennzeichnet, in ihr bilden sich auch die größten Entwicklungsschritte ab, welche er als Schriftsteller vollzogen hat. Anfänglich gar keinen Krimi schreiben wollend, spiegeln besonders die ersten vier Romane seiner Reihe um den einzelgängerischen Detective John Rebus seine Wandlung zu eben jenen späteren Leuchtturm des britischen Spannungsromans wieder. Mit jedem Band gewinnt die Figur Rebus an Schärfe und Kanten, integriert er den zu Beginn noch künstlichen Schauplatz in das reale Edinburgh.

Diese Stadt zwischen Alt und Neu, Hell und Dunkel, Gut und Böse, diese Stadt der Jekyll und Hydes – sie wird am Ende von „Ehrensache“ endgültig zum zweiten Fixpunkt der Serie und verleiht ihr im weiteren Verlauf diese unverwechselbare Eigenart, diesen rauen, einzigartigen Charakter. Und genau diesen Aspekt sollte man bei der Lektüre des vorliegenden Romans im Hinterkopf behalten, dem dieser beispielloser Rhythmus und Sound zwar noch abgeht, der dennoch aber einen wichtigen Mosaikstein im Gesamtkonstrukt von Rankins Werk darstellt.

Nun kurz zur Geschichte: Als junger, im Volk populärer Abgeordneter des schottischen Parlaments steht Gregor Jack vor einer großen politischen Karriere – zumindest bis zu dem Tag, als man ihn und andere Mitglieder der High Society bei einer Polizeirazzia in einem Bordell im besseren Stadtteil Edinburghs erwischt. Ein gefundenes Fressen für die örtliche Presse, welche nicht nur schon am nächsten Morgen sein Foto in der Zeitung prangen lässt, sondern überhaupt erstaunlich schnell am Tatort war. Wie konnten die Medien bloß so schnell von diesem Einsatz erfahren haben? Gibt es eine Quelle innerhalb der Polizei? Und wenn ja, woher wusste diese von Jacks Anwesenheit? Oder hat man ihn gar gezielt in eine Falle gelockt? Detective Inspector Rebus, eigentlich mit einem ganz anderen Fall betreut, gehen diese Fragen nicht aus dem Kopf. Auch weil er eine gewisse Sympathie für diesen Politiker hegt, dessen Werdegang dem seinen nicht unähnlich ist.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Brian Holmes – der einzige, der es länger in der Gesellschaft des Griesgrams Rebus aushält – beginnt er zu recherchieren, während er gleichzeitig mit einem weiteren dringlichen Problem kämpft. Soll er tatsächlich bei seiner neuen Lebensgefährtin Patience einziehen und sein Leben als Einsiedler aufgeben? Geistig schließt er mit sich selbst den Pakt, dass er diesen Schritt nur dann geht, wenn die alte, liebgewonnene Polizeistation Great London Road erhalten bleibt und renoviert wird (Die letzte Seite des Buches gibt hierüber auf äußerst amüsante Art und Weise Auskunft – und markiert eben jenes bereits erwähnte Ende des fiktiven Edinburghs). Diese private Zwickmühle gerät allerdings recht bald in den Hintergrund, denn nur kurze Zeit nach dem er Jack persönlich besucht hat, entdeckt man die Leiche von dessen Frau in ihrem Wochenendhaus in den Highlands. Ein weiterer Schicksalsschlag für den Politiker – oder etwa nicht? Böse Zunge behaupten, Jack hätte sie nur wegen des Geldes geheiratet und als Trittbrett für seine Karriere genutzt. Rebus kommen langsam Zweifel …

Von der psychologischen Herangehensweise in „Verborgene Muster“ über das vom Jekyll-&-Hyde-Thema inspirierte „Das zweite Zeichen“ bis hin zu dem von Thomas Harris‘ geprägten „Wolfsmale“ – Ian Rankin hat zu Beginn seiner Reihe bereits eine Vielzahl verschiedener Stilrichtungen eingeschlagen, erst mit „Ehrensache“ schien aber schließlich der richtige Kurs gefunden. Insbesondere das Feedback seines Lektors zum Vorgänger, er möge doch in Zukunft auf explizite Gewalt und Sex verzichten, trägt hier bereits Früchte. So ist der vorliegende Rebus-Band weit weniger brutal in seinen Beschreibungen, spart gänzlich mit größeren Actionszenen und konzentriert sich stattdessen auf die Figuren und das Vorantreiben der Handlung. Wobei Vorantreiben in diesem Zusammenhang vielleicht das falsche Wort ist, denn selbst mit viel Wohlwollen entwickelt sich der Plot allenfalls behäbig. Ein Beweis dafür, dass Rankin das richtige Tempo, das Pacing zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere noch nicht ganz gefunden hatte. Dafür hat er aber an anderer Stelle einen großen Schritt nach vorne gemacht.

John Rebus hat sich zu einer Figur weiterentwickelt, welche natürlich Parallelen zu anderen Krimi-Protagonisten aufweist, sich aber in ihren Marotten und Eigenheiten von diesen inzwischen abhebt und als eigene „Marke“ zu überzeugen weiß. „Ein echter Rebus“ – dieses heute so oft verliehene Prädikat erblickt nach drei in der Charakterisierung noch eher unsicheren Schritten in „Ehrensache“ endgültig das Licht der Welt. Und dies äußerst nachhaltig, denn auf den Schultern des kauzigen Cops errichtet Rankin hier und in späteren Werken seine komplexen Geschichten mit einer mitunter schon schlafwandlerischen Sicherheit. Ein stabiles Fundament, welches dem vierten Fall über einige äußerst zähe Passagen hinweghilft, denn der schottische Autor nimmt sich für sein Plot-Building ein bisschen zu viel Zeit, was dem Spannungsaufbau nur wenig zuträglich ist. Wenn man ehrlich ist muss man gar konstatieren – über viele Seiten will so gar keine aufkommen. Doch was macht dann überhaupt den Reiz dieser Lektüre aus?

Wenngleich „Ehrensache“ definitiv einen der „Tiefpunkte“ der Rebus-Serie darstellt, so kann auch dieser Band mit einem rauen, bodenständigen Charme und einem trockenen Humor punkten, der nicht nur die schottische Seele sprühend und sprudelnd zum Leben erweckt, sondern den Leser auch über manches Schlagloch im etwas wackelnden Konstrukt der Geschichte hinweghilft. John Rebus ergreift zwar erst relativ spät die Initiative, weiß diese Bühne jedoch aufs Beste zu nützen. Ob dies genügen wird, den Krimi-Gelegenheitsleser für weitere Ausflüge nach Edinburgh zu gewinnen, bleibt abzuwarten bzw. zu bezweifeln. Die Tatsache, dass man der Lösung wohl schneller näher kommt als Schnüffler Rebus (sowie ein weiterer unaufgeklärter Mord), setzt tatsächlich ein gewisses Maß an Genügsamkeit voraus – oder halt eine treue Liebe zu dieser sich im weiteren Verlauf auf höchstem Level einpendelnden Krimi-Reihe. Also weiterhin jedes Buch von Ian Rankin lesen? Für mich – Ehrensache.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Ehrensache
  • Originaltitel: Strip Jack
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 02.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3442450145

Am Kap der verlorenen Hoffnung

© Aufbau

„Tod vor Morgengrauen“ („Orion“, so der Titel auf Afrikaans) gehört ohne Zweifel zum sowohl sprachlich als auch inhaltlich besten, was ich seit längerer Zeit (oder besser gesagt seit James Lee Burke) in diesem Genre in den Händen halten durfte. Deon Meyer legt hier nicht nur das Klischee des südafrikanischen Exoten ad acta, er vollzieht, wie das nur wenigen vor ihm gelungen ist, den Spagat zwischen ernsthafter Literatur und spannungsgeladener Unterhaltung, ohne sich dabei die Leisten zu zerren bzw. dem Leser zu viel künstlich aufgetragenes Gefasel zuzumuten. Hier sitzt jeder Satz am richtigen Platz, trägt jede winzige Zeile dazu bei, ein Gesamtbild zu erzeugen, das uns geistig direkt an den Kap katapultiert und aus künstlichen Figuren erschreckend, ja berührend nachvollziehbare Menschen macht.

Im Mittelpunkt steht dabei diesmal ein ehemaliger Ermittler der Mordkommission namens Zatopek van Herrden, der sich inzwischen notgedrungen als abgehalfterter Privatdetektiv seinen Lebensunterhalt verdingt und dabei in schöner Regelmäßigkeit vollkommen besoffen am Fußboden irgendeiner Kneipe wiederfindet. Als ihn eines Tages wieder einmal sein Anwalt Kemp aus dem Knast holen muss, weil er des Abends zuvor eine Schlägerei vom Zaun gebrochen hat, hat dieser zugleich einen neuen Auftrag für ihn: Kemps Kollegin Hope Beneke benötigt seine Hilfe in einem mysteriösen und aufgrund der fehlenden Indizien auch undankbaren Fall. Er soll den Mord an dem Antiquitätenhändler Johannes Jacobus Smit aufklären, der vor seinem Tod brutal gefoltert und am Ende mit einem Schuss aus einer amerikanischen M-16 hingerichtet worden ist. Die Polizei hat die Akte Smit längst geschlossen. Doch da man bei dem Mord auch den Safe geplündert und das darin enthaltene Testament entwendet hat, drängt die Witwe nun auf neue Ermittlungen. Andernfalls fällt das Erbe, ein beträchtliches Vermögen, nach dem Ablauf von sieben Tagen direkt an den Staat.

Van Heerden ist von seiner Aufgabe genauso wenig begeistert wie von der idealistischen Hope Beneke. Nur widerwillig erklärt er sich bereit Nachforschungen anzustellen, sind die Spuren doch, allein aufgrund der bereits vergangenen Zeit seit dem Tod des Opfers, mehr als kalt. Als er schließlich auf etwas stößt, scheint er in einen Wespennest gestochen zu haben. Plötzlich zeigt sich neben der Polizei auch der südafrikanische Geheimdienst an seinen Ergebnissen äußerst interessiert. Mit jedem Tag wird mehr Druck auf van Heerden ausgeübt, der immer noch herauszufinden versucht, was sich genau im Safe befunden hat. Waren er es gefälschte Dollars oder Drogengeld? Hatte Smit vielleicht etwas mit Schmuggel zu tun?

Nach und nach verwirft er die einzelnen Theorien bis er schließlich auf die Wahrheit stößt, die ihn nicht nur weit zurück in das Jahr 1976 führt, sondern sich und Hope Beneke auch in tödliche Gefahr bringt …

Ich bin ganz ehrlich: Kriminalromane mit zwei parallel laufenden Handlungssträngen, welche selbst nach mehr als dreihundert Seiten immer noch keine größere Verbindung zueinander aufweisen, sind mir eigentlich grundsätzlich zuwider, hemmen sie doch zumeist das Lesevergnügen bzw. stören die Dynamik und den Fluss der eigentlichen Geschichte. „Tod vor Morgengrauen“ kann allerdings als schulmeisterliches Beispiel angeführt werden, wie man es richtig macht, gelingt es doch Deon Meyer mit diesem stilistischen Griff hervorragend, der ohnehin schon unheimlich komplexen Handlung und ihren Figuren zusätzliche Tiefe zu verleihen. Und um es auf den Punkt zu bringen. Das ist tatsächlich Optimierung auf besten Niveau, da van Heerden den Vergleich mit den ganz Großen standzuhalten vermag und sich problemlos in die Riege der Dave Robicheaux‘, Philip Marlowes, John Rebus‘ oder Patrick Kenzies einreiht. Es fällt mir wirklich schwer zu urteilen, was mir besser gefallen hat: Der eigentliche Krimi-Plot oder die in der Ich-Form erzählte Lebensgeschichte van Heerdens. Fakt ist jedenfalls: Beide zusammen sorgen für den genau richtigen Mix aus psychologischer Betrachtung und stimmungsvoller Atmosphäre, heben das ohnehin schon hohe Niveau des Romans nochmal an.

Auch wenn knurrige, saufende Ermittler uns allerorten aus den Buchdeckeln entgegenzuhüpfen scheinen – Zatopek van Herrden hat mit diesen schablonenhaften Stereotypen nur wenig gemein, ist in seiner Charakterisierung viel intensiver gezeichnet, als man dies allgemein hin von diesem Genre gewohnt ist. Fast scheint es so, als wäre nicht die Figur für die Handlung entworfen, sondern andersrum. Als hätte Deon Meyer rund um van Heerden seine Geschichte erzählt, die nicht nur die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen des heutigen Südafrikas berücksichtigt, sondern bis weit zurück in die Zeit der Befreiungskriege reicht. Einmal mehr wird deutlich, wie eng Zukunft und Vergangenheit am Kap zusammenhängen, wie die Folgen der Apartheid, die begangenen und unter den Teppich gekehrten Verbrechen, das Land, trotz der TRC (Wahrheits- und Versöhnungskommission), weiterhin beschäftigen.

Für uns Europäer ist das mitunter schwer verständlich, wenngleich sich Meyer große Mühe gibt, seine Handlung nicht allzu sehr mit Informationen zu überfrachten. Um den ein oder anderen Blick ins Lexikon (Befreiungskriege, UNITA, Geschichte Angolas) kam ich letztlich dennoch nicht herum. Für mich jedoch auch kein Grund zur Kritik. Ganz im Gegenteil: Ein Krimi, welcher es neben dem eigentlichen Auftrag der Spannungserzeugung auch noch schafft mich tiefer für die Thematik zu interessieren, muss umso höher gelobt werden. Selbiges gilt für Meyers Angewohnheit, Figuren früherer Bücher in Nebenrollen auftauchen zu lassen, was einem immer wieder das Gefühl gibt, sofort zuhause zu sein. In diesem Fall sind dies Mat Joubert (Hauptprotagonist in „Der traurige Polizist“) sowie der ehemalige Berufskiller Thobela »Tiny« Mpayipheli, dem der Leser u.a. in „Das Herz des Jägers“ wieder begegnen wird.

Wer jetzt Angst hat von all den komplexen Verbindungen erschlagen zu werden, den kann ich beruhigen. „Tod vor Morgengrauen“ liest sich flüssig, schnell, ja, wie aus einem Guss und hält stets die Balance zwischen ruhigen Passagen und deftiger Action. Letztere hat Deon Meyer nicht selten drastisch und brutal inszeniert, wenngleich diese Einlagen keinesfalls den Gewaltgrad eines Roger Smith erreichen. Dennoch: Meyers dritter Roman ist nichts für zartbesaitete Rätselfreunde. Anhänger des nachtschwarzen Hardboiled werden dafür aber ebenso auf ihre Kosten kommen wie Leser psychologischer Krimis. Auch weil die Handlung nicht mit Überraschungen geizt und immer wieder neue Haken schlägt, bis man sich letztendlich mit der ernüchternden, düsteren Wahrheit konfrontiert sieht.

Tod vor Morgengrauen“ ist eine in allen Belangen meisterhafte Mischung aus gesellschaftlichem Kriminalroman und psychologischer Lebensgeschichte, die über die volle Distanz zu überzeugen weiß. Nachtschwarz, spannend, einfühlsam, glaubwürdig und einfach vortrefflich erzählt – ein ganz dicke Empfehlung für alle Freunde anspruchsvoller Spannungsliteratur!

Wertung: 96 von 100 Treffern

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  • Autor: Deon Meyer
  • Titel: Tod vor Morgengrauen
  • Originaltitel: afrikaans: Orion / englisch: Dead at Daybreak
  • Übersetzer: Karl-Heinz Ebnet
  • Verlag: Aufbau
  • Erschienen: 02/2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 579 Seiten
  • ISBN: 978-3746630489

Dead before dying

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© Aufbau

Seit über dreizehn Jahren wird der südafrikanische Schriftsteller Deon Meyer nun hierzulande bereits veröffentlicht – und rückblickend betrachtet muss man dies als eine absolute Erfolgsgeschichte bezeichnen, hat er doch nicht nur unheimlich viele Leser in Deutschland für sich gewonnen, sondern auch gleichzeitig dafür gesorgt, dass Kriminalromane aus der „Regenbogennation“ inzwischen vom heimischen Buchmarkt nicht mehr wegzudenken sind bzw. nicht mehr nur als Exot, sondern als etablierter Schauplatz wahrgenommen werden.

Ein großes Verdienst, welches wiederum der Qualität dieses Autors geschuldet ist, der – anfänglich noch vom Aufbau-Verlag als „südafrikanischer Mankell“ plakatiert – den Vergleich mit den ganz Großen des Genres mitnichten zu scheuen braucht. Ganz im Gegenteil: Insbesondere die Gegenüberstellung mit dem Erfinder von Kurt Wallander hinkt, da meines Erachtens Meyer weit facettenreicher und wandlungsfähiger daherkommt, als der sicherlich Maßstäbe setzende, aber irgendwann auch viel zu schwermütige und zähflüssig schreibende Schwede. Eine Meinung, über die sich streiten lässt und die sicherlich nicht jedermann teilt, welche aber das Kaliber des vorliegenden Autors unterstreichen soll, der mir, bei allem Erfolg, in Leserkreisen immer noch zu sehr unter dem Radar segelt. Ein Umstand, den diese Besprechung ja vielleicht zumindest in geringem Maße ändern kann, wenngleich sie eine Überarbeitung bedurfte, da ich – zehn Jahre nach meiner ersten Lektüre des Buches – mit den damals angelegten Maßstäben sowie der letztlichen Ausarbeitung nur bedingt zufrieden war. Insofern: Auf ein Neues, bei diesem inzwischen doch etwas älteren Titel, endete doch die Apartheid gerade mal zwei Jahre vor der Erstveröffentlichung von „Der traurige Polizist“. Ein Ende der Apartheid, das jedoch nicht das Ende von Rassismus und Ungerechtigkeit implizierte, was sich auch im Plot widerspiegelt, welcher hier kurz angerissen sei:

Mat Joubert, Captain bei der Mordkommission der South African Police, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Tod seiner Ehefrau vor gut zwei Jahren – sie starb als Drogenfahnderin in einem Undercover-Einsatz – hat ihn völlig aus der Bahn geworfen, seinen Elan erstickt und droht ihn nun auch beruflich zu erledigen, da seine Leistungen im Dienst zunehmend unter den Depressionen leiden. Gedanken an Selbstmord kommen ihm und konkretisieren sich, als er einen Kollegen im Einsatz gefährdet und eine Abmahnung erhält. Soll er dem Ganzen ein Ende bereiten? Bevor er sich zu einer Entscheidung durchringen kann, kommt es zu einem Wechsel an der Spitze der Mordkommission in Kapstadt. Mit Colonel Bart de Wit bekleidet nun ein Schwarzer den Posten des Abteilungsleiters. Als Protegé der ANC hat er, trotz fehlender Erfahrung in praktischer Polizeiarbeit, jegliche Freiheiten und nutzt diese von Beginn an, um in seinen Augen für Gleichheit in der Truppe zu sorgen. So wird allen Detectives ein spezielles Trainingsprogramm für mehr körperliche Fitness verordnet. Joubert, mit mittlerweile miserabler Aufklärungsquote, Raucherlunge und Übergewicht, ist ihm besonders ein Dorn im Auge. Er wird auf strikte Diät gesetzt und zu der Polizeipsychologin Hanna Nortier geschickt.

Während er sich nur langsam aus seinem seelischen Loch herausarbeitet und überdies noch Gefühle für Hanna Nortier zu entwickeln beginnt, versetzt eine mysteriöse Mordserie ganz Kapstadt in Aufregung. Die Mordwaffe: Eine deutsche Mauser aus dem 19. Jahrhundert. Die Opfer: Auf den ersten Blick nicht miteinander in Verbindung zu bringen. Die Ausführung: Eiskalte Hinrichtung. Ausgerechnet Joubert wird nun mit der Leitung der Ermittlung betraut. Für ihn die letzte Chance als Cop und als Mensch einen Neuanfang zu schaffen …

Deon Meyers zweiter Roman (Sein Erstling „Wie Met Vuur Speel“ ist bis dato noch unübersetzt) „Der traurige Polizist“ erschien – wie alle seine Werke – zuerst in Afrikaans, unter dem Namen „Feniks“, um anschließend ins Englische (hier lautet der Titel „Dead before Dying“) und von dort wiederum ins Deutsche übersetzt zu werden. Ein durchaus ungewöhnlicher Vorgang, welcher aber wohl nicht zum Schaden des Buches war, wirkt doch die vorliegende Übersetzung trotz der doppelten Übertragung mehr als stimmig und scheint kein bisschen der originalen Essenz verloren zu haben. Und diese ist vielleicht nicht das, was man angesichts der obigen Kurzbeschreibung erwarten würde, denn trotz der mittlerweile endgültig zu Tode gerittenen Serienmörder-Thematik hat dieses Werk aber mal so gar nichts mit den 0815-Thrillern der Neuzeit gemein.

Während die Konkurrenz nichts unversucht lässt, um sich gegenseitig mit immer perfideren Mordmethoden und noch kränkeren Soziopathen zu übertreffen, bleibt Meyer mit beiden literarischen Beinen ganz fest auf dem Boden. So sehr Matt Joubert auf den ersten Blick all den anderen von Verlusten getroffenen, depressiven Ermittlern auch ähnelt – Deon Meyer verwehrt sich hier jeglicher künstliche Ausschmückungen, nimmt sich viel Zeit für seinen Protagonisten und schildert dessen Situation rundweg glaubhaft. Und diese ist vor allem zu Beginn des Buches äußerst verzweifelt, so dass sich relativ schnell ein enger Bezug zu Joubert herstellt, was insofern erstaunt, da er eigentlich nicht allzu viele sympathische Züge mit sich bringt.

Gekennzeichnet vom Verlust seiner Frau pflegt er die Verwahrlosung seiner eigenen Person mit genauso viel Hingabe, wie das Selbstmitleid, was nicht nur auf Seiten seines neuen Vorgesetzten Bart de Wit Zweifel aufkommen lässt, ob er für den Polizeidienst überhaupt noch taugt. Joubert ist gebrochen, zurechtgestutzt, am Boden. Und doch ist da auch irgendetwas zwischen all dem Schmerz, das uns hinschauen lässt, das den Leser bannt – inmitten all der Dunkelheit, denn „Der traurige Polizist“ kultiviert – wie der Name schon vermuten lässt – eine äußerst gedrückte und düstere, ja manchmal beinahe noireske Stimmung, welche wiederum nur dann überrascht, wenn man nicht weiß, dass Deon Meyer u.a. John D. MacDonald zu seinen großen Vorbildern zählt. MacDonald gehörte zu den Spannungsautoren, welche Anfang der 70er den Hardboiled in eine neue Ära führten. Weg von Fedora, Trenchcoat und dem getriebenen Private-Eye, hin zu Romanen, die mehr „plot driven“ waren und weit komplexere Figuren beinhalteten. Meyer greift diesen Faden auf, legt wie MacDonald unheimlich viel Wert auf die Dreidimensionalität der Charaktere und versucht – wie dieser mit dem vom Vietnam-Krieg verunsicherten Amerika der damaligen Zeit – das Südafrika nach Ende der Apartheid gesellschaftskritisch zu erfassen.

Sprachlich ist das – ebenfalls wie bei MacDonald – ein absolutes Vergnügen für den Leser, den Deon Meyer mit unvergleichlicher Stimme in seine Geschichte zieht. Und das mit einer Beiläufigkeit, welche angesichts der Tatsache, dass es sich hier erst um sein zweites Buch handelt, umso mehr beeindruckt. Meyer beherrscht das Handwerk – wohlgemerkt ohne stilistisch große Experimente wagen. Oder besser wagen zu müssen, denn „Der traurige Polizist“ liest sich auch ohne Staffage und Schnörkel wie aus einem Guss. Auch weil der Plot Seite um Seite mehr Atmosphäre und vor allem Südafrika atmet, funktioniert der Roman doch nur deshalb so gut, eben weil er in Kapstadt angesiedelt und würde – an einen anderen Schauplatz verlegt – ein Gros seiner Intensität verlieren. Diese reißt im Verlauf der Lektüre jegliche Barrieren zwischen Leser und Buch nieder, und entlädt sich in einem verstörenden Finale, welches schwer schlucken lässt und wohl nur ganz eiskalte Herzen nicht berührt. Meyers Feingefühl für die richtige und doch auch folgerichtige Auflösung – es kann gar nicht hoch genug gelobt werden.

Die Bewerbung von „Der traurige Polizist“ als simpler Thriller – das ist Understatement pur, denn dieses Werk ist soviel mehr als das. Ein filigraner und doch auch mitunter brachialer, gefühlvoller und eiskalter Police Procedural, der die Veränderungen im neuen Südafrika aufs Trefflichste abbildet und gleichzeitig im Segment der anspruchsvollen Spannungsliteratur neue, tiefe Fußspuren hinterlassen hat. Und für alle, die Deon Meyer bereits kennen: Ja, auch dieses Frühwerk ist unbedingt lesenswert – und das nicht nur, weil die spätere Serienfigur Bennie Griessel hier ihren ersten kleineren (und doch auch für die Geschichte wichtigen) Auftritt hat.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Deon Meyer
  • Titel: Der traurige Polizist
  • Originaltitel: afrikaans: Feniks / englisch: Dead before Dying
  • Übersetzer: Ulrich Hoffmann
  • Verlag: Aufbau
  • Erschienen: 04/2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 452 Seiten
  • ISBN: 978-3746630502

Von Knoten und Kreuzen

© Goldmann

Edinburgh, das „Athen des Nordens“, hat schon seit jeher eine besondere Faszination auf mich ausgeübt, was insofern bemerkenswert ist, da ich es bis dato nicht geschafft habe, dieser Stadt einen Besuch abzustatten. Wie kann man ein Faible für etwas haben, ja, etwas beinahe lieben, ohne es persönlich gesehen zu haben? Und woher kommt dieses Gefühl? In meinem Fall schwer zu erklären und noch schwerer zu beantworten.

Literatur aus Schottland begleitet mich seit Teenager-Zeiten durch mein Leben. Über Sir Arthur Conan Doyle habe ich nicht nur das Genre Krimi für mich entdeckt, sondern sogar meine Lebensgefährtin kennengelernt, mit der ich inzwischen seit mehr als neun Jahren zusammenlebe und zwei gemeinsame Kinder habe. Robert Louis Stevensons Umtriebe von „Jekyll“ und „Hyde“ waren mein erster Kontakt mit dem wohligen Schauer, der aus den Zeilen eines Buches entspringen kann. Und Ian Rankin, ja, Ian Rankin hat meine Zuneigung und Sehnsucht zur Dùn Èideann über die Jahre hinweg nochmals zementiert, weswegen dieser Blog in gewissem Sinne auch als Hommage an ihn zu verstehen ist – inhaltlich wie visuell.

Zeit also, Rankin – unangreifbar ganz oben in meiner persönlichen Bestenliste der Autoren zu finden – auch in der Rubrik „Rezensionen“ die langverdiente Ehre zuteil werden zu lassen und sich dem Gesamtwerk des Schotten etwas näher zu widmen. Und dabei beginne ich natürlich da, wo alles seinen Anfang nahm …

Am 22. März 1985 schrieb Ian Rankin die ersten Zeilen seines Kriminalromans „Verborgene Muster“ (engl. „Knots & Crosses„) mitsamt der Hauptfigur John Rebus. Knappe zwei Jahre nach Beginn des Skripts kam sein Debütwerk im kleinen, mittlerweile nicht mehr existenten Verlag Bodley Head heraus. Das Buch konnte kein großes Aufsehen zu erregen. Die Absatzzahlen waren und blieben kümmerlich, die Besprechungen spärlich. Seine Karriere als Autor schien beendet, bevor sie richtig begonnen hatte und für Rankin war das Thema Rebus abgehakt. Er konnte zu dem Zeitpunkt nicht ahnen, dass er in Wirklichkeit eine Erfolgsserie aus der Taufe gehoben hatte, die bis zum heutigen Tag die britischen Bestsellerlisten anführt und für viele nachfolgende Krimiautoren zum Vorbild geworden ist. Krimi? Ja, für Ian Rankin war die Einordnung seines ersten Romans in dieses Genre – die er zu Beginn noch ablehnte – eine echte Überraschung. Bis er relativ schnell die Chance darin erkannte, sich als Autor zu etablieren.

Heute ist John Rebus Kult. Nicht nur in Edinburgh und in Schottland. Weltweit. Und der erste Fall mit dem kauzigen Detective Sergeant zeigt auch bereits all die typischen stilistischen Elemente, welche die Nachfolger so erfolgreich gemacht haben. Die Story sei kurz angerissen:

Edinburgh Mitte der 80er Jahre. John Rebus, 40-jähriger DS bei der Mordkommission, macht schwierige Zeiten durch. Sein Beruf hat ihn ausgebrannt, sein Alkohol- und Zigarettenkonsum das normale Maß bereits längst überschritten. Auch das Privatleben ist ein Desaster, seine Ehe gescheitert und die Ex-Frau nun eine erbitterte Feindin, die am liebsten auch den Kontakt zu seiner einzigen Tochter unterbinden möchte. Hinzu kommen die Nachwirkungen seiner Zeit beim SAS, wo ihn ein psychischer Zusammenbruch zur Aufgabe gezwungen hatte. Ein wahrlich ungeeigneter Zeitpunkt, um die Ermittlungen in einem Fall zu übernehmen, der ganz Edinburgh in Atem hält. Ein Kidnapper geht um, dem bereits zwei Mädchen zum Opfer gefallen sind und die im Dunkeln tappende Polizei steht unter heftigem Beschuss seitens der Medien und Politik. In all der Hektik und dem Stress bemerkt man zu spät, dass hinter den Entführungen ein verborgenes Muster steckt, eine Aufforderung zum Spiel. Mit niemand geringeren als Rebus selbst…

Sicherlich hat Rankin mit seinem Erstling das Rad nicht neu erfunden, aber trotz einiger Parallelen zu Wallander und Co. überrascht der Autor in vielen Dingen mit erfrischender Eigenständigkeit. Edinburgh als Kulisse war zu diesem Zeitpunkt noch herrlich unverbraucht und der Plot in dieser stets regnerischen, alten Stadt perfekt angesiedelt. Rankin kennt seine Heimat und seine Landsleute genau, vermag Atmosphäre, Marotten und Eigenheiten genauestens aufs Papier zu bringen, so dass man sich sehr schnell zuhause fühlt. Der Schlüssel zum Ganzen ist natürlich John Rebus, ein „Anti-Held“, schmutzig, arrogant, verschlossen und fehlbar. Ein guter Polizist, dessen Schläue und Kenntnisse in der Literatur in folgenden Bänden etwas abgemildert werden, und der sich meist eher auf seine Intuition denn auf sein Wissen verlässt. Und jemand, der seine Dämonen wie ein Kreuz mit sich von Bar zur Bar trägt. Nur nach und nach erhält man als Leser Einblick in seine Gefühlswelt, legt Rankin die Schichten zum Kern von Rebus frei, löst er die Knoten zu dessen Vergangenheit.

Dennoch erstaunlich schnell stellt man einen Zugang zu ihm und damit der Geschichte her, die äußerst geschickt mit den wiederkehrenden Motiven von Robert Louis Stevensons (auch ein Edinburgher) Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ spielt, denn auch John Rebus quälen Erinnerungslücken, die der Leser mit eigenen Vermutungen füllen kann, um sich am Ende die Frage zu stellen: Was wenn er am Ende selbst die Verbrechen begeht? Auch wenn der eigentliche Krimiplot besonders am Anfang der Charakterzeichnung noch weichen muss, entfesselt der Erstling bereits durch diese Neuinterpretation des klassischen Zwei-Persönlichkeiten-Themas eine enorme Sogwirkung. Frei ohne Fehler bleibt er dabei nicht: Rebus‘ eigentliche Ermittlungen bleiben recht dürftig und er stolpert eher zufällig und mithilfe anderer über die wichtigen Hinweise. Die Kurzweil leidet darunter jedoch nicht, was auch daran liegt, das Rankin eine Portion Humor der schwärzesten Sorte mit einbringt, die immer wieder zum Schmunzeln zwingt. (Großes Lob gilt hier auch der deutschen Übersetzerin, die den Ton genau getroffen hat) Das Ende, in dem die anfangs getrennten Handlungsstränge zusammengeführt werden, lässt den Puls noch mal höher schlagen und kann mit einer intelligenten Auflösung überzeugen.

Verborgene Muster“ ist ein zwar, kurzer, aber – vor allem für einen Erstling – schon sehr stimmiger, guter und düsterer Kriminalroman, der den Grundstein für eine erfolgreiche Reihe gelegt, die Klasse späterer Rankins allerdings allenfalls angedeutet hat. Mit jedem weiteren Roman wird sich der Autor steigern und dem Leser diese Figur und seine Kollegen von der Polizeistation Great London Road ans Herz wachsen.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote zur Entstehung von „Verborgene Muster„: Als der junge Ian Rankin damals die Edinburger Polizeistation auf der Suche nach mehr Informationen über die Arbeit der Beamten aufsuchte und mit seiner Idee konfrontierte, machte er sich unwissentlich selbst zum Verdächtigen, da zum gleichen Zeitpunkt eine geheime Ermittlung in einem Fall lief, der ganz ähnlich gelagert war, wie der im Roman beschriebene. So wurde der wissbegierige Rankin schließlich dazu gebracht, bei einem „fiktiven“ Verhör mitzuspielen, in der Hoffnung, er würde sich als der gesuchte Täter offenbaren. Erst nach einem Besuch bei seinem Vater und dessen Erklärung wurde ihm klar, wie knapp er einem Aufenthalt im Gefängnis entgangen war.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Verborgene Muster
  • Originaltitel: Knots & Crosses
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3442446070