Das geheimnisvolle Verbrechen in Styles

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Wir schreiben das Jahr 1916. In Zentraleuropa tobt ein heftiger Weltkrieg, der bereits Millionen von Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet und ganze Landstriche zerstört hat. Und wenngleich Großbritannien auf dem eigenen Boden bisher davon weitestgehend verschont geblieben ist, werden die Folgen der andauernden Kämpfe auch in England immer mehr spürbar. Nahrung wird knapp, allgemeine Güter rationalisiert und Scharen von Flüchtlingen kommen in das Land. Unter ihnen sind, neben Franzosen und Niederländern, auch viele belgische Staatsbürger, was wiederum auch einer jungen Frau nicht verborgen bleibt: Agatha Christie.

Diese gibt, gerade frisch verheiratet, ihr in Paris begonnenes Medizinstudium bei Ausbruch des Krieges auf, um erst als Krankenschwester in einem Krankenhaus zu arbeiten und dann schließlich in einer Apotheke auszuhelfen. Ihre Erfahrungen über giftige Mittel und Stoffe sowie ihr täglich Kontakt mit den neuen belgischen Mitbürgern in ihrem Geburtsort Torquay lassen in ihr die Idee reifen, einen Kriminalroman über einen Giftmord zu schreiben. Und der ermittelnde Detektiv soll einer dieser Belgier sein. Für mehrere Wochen zieht sie sich in das Moorland Hotel bei Haytor im Dartmoor zurück. (Auf das wir bei unserer Wanderung durch Haytor im Jahr 2019 auch einen Blick werfen konnten. Siehe Fotos) Am Ende ist Hercule Poirot geboren.

Der Öffentlichkeit bleibt dies jedoch noch vier Jahre lang verborgen, denn es dauert bis zum Oktober 1920 bis ihr Erstlingswerk, „Das fehlende Glied in der Kette“ (engl. „The Mysterious Affair at Styles“), erst in den USA und drei Monate später auch in Großbritannien erscheint. Sie erfüllt damit nicht nur ihren Teil einer Wette – ihre Schwester Madge hatte einst behauptet, sie würde es nie zustande bringen, einen Roman zu schreiben – sondern legt auch gleichzeitig den Grundstein für einen Autorenkarriere, welche wohl im Krimi-Genre bis in alle Zeiten seinesgleichen suchen wird. Zum Zeitpunkt der Öffentlichkeit konnte dies jedoch noch niemand ahnen, denn wenngleich der Titel durchaus positive Resonanz erfuhr, blieb Christie – und somit auch auch dem Detektiv mit den kleinen, grauen Zellen – ein größerer Durchbruch vorerst verwehrt. Doch welchen Einfluss und welche Bedeutung hat dieser erste Band der Serie im Nachhinein? Und wieso nimmt der Schauplatz des Romans, der Landsitz Styles, einen so wichtigen Platz im Leben von Agatha Christie ein? Nicht nur aufgrund dieser Fragen lohnt auch heute noch eine Lektüre dieses Klassikers, der, im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Kriminalromanen, erstaunlich wenig Staub angesetzt hat.

Juli 1917. Auf dem ländlichen Gut Styles herrscht Missstimmung und Aufregung, nachdem die reiche Hausherrin Mrs. Emily Inglethorp den zwanzig Jahre jüngeren Alfred Inglethorp geheiratet hat, dem allem Anschein nach nur an ihrem Geld gelegen ist. Besonders Lieutenant Arthur Hastings, nach einer Verletzung aus dem Krieg zurückgekehrt und von seinem alten Freund John Cavendish nach Styles eingeladen, ist diese feindselige Atmosphäre mehr als unangenehm. Als die Hausdame Miss Howard in einem dramatischen Auftritt abreist – nicht ohne vorher noch Alfred des Betrugs an seiner Frau zu bezichtigen – kommt jegliche Konversation zwischen den Gästen zum Erliegen. Zu Erleichterung von Hastings bleiben die nächsten Tage weitere Zwischenfälle aus, bis dann eines Nachts Mrs. Inglethorp mit schweren Krämpfen schreiend erwacht. Ihr zur Hilfe zu kommen erweist sich jedoch als schwierig, denn die Zimmertür ist verschlossen. Als sie endlich aufgebrochen wird, kann Emily Inglethorp nur noch den Namen ihres Mannes nennen, bevor sie stirbt. Alfred selbst ist allerdings zu diesem Zeitpunkt außer Haus und so herrscht große Verwirrung, als der hinzugezogene Giftspezialist Dr. Bauerstein die Vermutung äußert, dass eine Strychnin-Vergiftung für ihren Tod verantwortlich ist.

Hastings erinnert sich an seinen Bekannten, den ehemaligen belgischen Polizisten Hercule Poirot, der auf dem Kontinent einen ausgezeichneten Ruf genießt, und bittet ihn in diesem mysteriösen Fall um Hilfe. Poirot, der dankbar ist, dass die Engländer ihm und seinen Landsleuten so willig und freundlich Obdach gegoten haben, sieht es als Chance sich erkenntlich zu zeigen und beginnt mit seinen äußerst eigenwilligen Ermittlungen. Schon bald stößt er auf mehrere Widersprüche in den Aussagen der Beteiligten, welche nahe legen, dass durchaus auch andere am Tod von Mrs. Inglethorp gelegen haben könnte. Bevor er seine Untersuchungen abschließen kann, kommt es jedoch zu einer überraschenden Eröffnung: Nicht nur war Strychnin tatsächlich die Todesursache – eine Alfred Inglethorp ähnelnde Person hatte diese Substanz einige Tage zuvor sogar in der Ortsapotheke gekauft. Der Fall scheint somit gelöst. Doch Poirot ist nicht überzeugt und verhindert, sehr zum Missfallen von Inspector Japp, dessen Verhaftung. Während man offensichtlich wieder am Anfang der Untersuchung steht, hat der kleine Belgier aber längst das fehlende Glied in der Kette gefunden …

Mehr noch als für Sir Arthur Conan Doyle, den das geheimnisvolle Dartmoor zu seinem wohl berühmtesten Roman „Der Hund der Baskervilles“ inspirierte, spielt die Grafschaft Devon in Südwestengland für Agatha Christie eine äußerst entscheidende Rolle in ihrer Karriere als Schriftstellerin. In Torquay an der so genannten englischen Riviera geboren, verlor Christie, welche später insbesondere in den Nahen Osten mehrere Reisen unternahm, nie den Bezug zu ihrer Heimat und nutzte die örtlichen Gegebenheiten gleich mehrfach für ein paar ihrer wohl bekanntesten Romane, darunter unter anderem „Das Böse unter der Sonne“ und „Und dann gabs keines mehr“. Noch heute kann man auch Greenway Estate, ihren ehemaligen Landsitz am River Dart bei Galmpton, besichtigen, welcher zudem als Setting für zwei ihrer Werke, „Das unvollendete Bildnis“ und „Wiedersehen mit Mrs. Oliver“, diente (und sogar als Drehort der gleichnamigen Fernsehverfilmung mit Peter Ustinov). Ob wiederum das Gut Styles ebenfalls einen real existierenden Landsitz zum Vorbild hatte, ist nicht bekannt, darf aber wohl angenommen werden, zumal Christie viele Jahre später ihr Haus in Sunningdale, Berkshire als Reminiszenz auf den Namen „Styles House“ taufte. Und – um einen perfekten Bogen zu spannen – ist der Schauplatz ihres ersten Poirot-Romans am Ende auch die Bühne für den fallenden „Vorhang“ im letzten Band der Reihe.

Anfang der 20er Jahre konnte niemand diese mehr als ein halbes Jahrhundert andauernde Laufbahn des belgischen Detektivs auch nur erahnen. Ganz im Gegenteil: Christies Manuskript wurde von den beiden Verlagen Hodder and Stoughton und Methuen sogar abgelehnt. Der dritte Verlag, Bodley Head, behielt es mehrere Monate zur Prüfung und verlangte letztendlich sogar eine Änderung vom Ende des Buches. Statt dem Gerichtssaal sollte Hercule Poirot die große Auflösung lieber im der Bibliothek von Styles abhalten. Christie gab nach – und aus heutiger Sicht kann man nur sagen: Glückwunsch zu dieser Entscheidung, denn es sollte endgültig ein Markenzeichen nicht nur dieser Krimi-Serie, sondern eines ganzen Subgenres, des Whodunit des „Golden Age of Detective Fiction“, werden, welcher viele Elemente des klassischen Kriminalromans übernahm. So wird auch Agatha Christies Debüt aus der ersten Person erzählt, welche, ganz in der Tradition von Doyle, als Assistent des Detektivs – und damit auch als verlängerter Arm des Lesers – fungiert. Lieutenant Hastings ist die unschuldige, weiße Leinwand, auf der Poirot seine Kunst vollbringen und glänzen kann. Ein Spiegelbild von uns, die wir, genau wie der doch etwas naive Kriegsveteran, angesichts all der vielen, widersprüchlichen Indizien, im Dunkeln tappen und auf die Mithilfe des Mannes mit dem Eierkopf und dem Watschelgang angewiesen sind.

Es ist Agatha Christies große Kunst, den Leser in diese mitunter verwirrende Hilflosigkeit zu geleiten, aufgrund derer wir uns willfährig in die Hände Poirots begeben, der uns – naturgemäß – bis zum Schluss alle seine Entdeckungen vorenthält, um dann genau dort, in Anwesenheit aller Beteiligten und damit auch Verdächtigen, mit einer detaillierten Rekonstruktion der Ereignisse und der damit verbundenen Entlarvung des Täters zu überraschen. Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie dabei immer großen Wert darauf legt, dass wir selbst ebenfalls auf diese Lösung hätten kommen können – hätten wir uns eben nicht von den vielen Ablenkungsmanövern und Wendungen in die Irre führen lassen. In „Das fehlende Glied in der Kette“ befindet sich Christie fühlbar noch am Anfang ihrer Karriere. Die traumwandlerische Sicherheit, mit der sie in den späteren Jahren ihre Plots konzipiert, sie fehlt zwangsläufig. Dennoch bietet Poirots erster Auftritt genau das, was man von einem guten Rätsel-Krimi alter Schule erwarten darf – und was letztlich auch zu Christies großer Erfolgsgeschichte beitragen wird: Eine intelligente, kurzweilige, atmosphärische und letztlich auch spannende Lektüre, mit der man sich in diesem Fall äußerst gut einen sommerlichen Nachmittag im Garten mit Kaffee und Kuchen um die Ohren schlagen kann.

Wer mehr über Poirots Herkunft und seinen Werdegang erfahren, Einblick in dieses das „Golden Age“ prägende Stück Literatur nehmen und sich nebenbei noch prächtig unterhalten möchte – dem sei „Das fehlende Glied in der Kette“ auch heute noch mit Nachdruck empfohlen.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Das fehlende Glied in der Kette
  • Originaltitel: The Mysterious Affair at Styles
  • Übersetzer: Nina Schindler
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 09/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3455650525

„Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache“

© Insel

Sherlock Holmes langte die Flasche von der Ecke des Kaminsimses herunter und nahm seine Spritze aus dem fein gearbeiteten Saffian-Etui. Mit seinen langen, weißen, nervösen Fingern setzte er die feine Nadel auf und rollte sich die linke Manschette hoch. Eine Zeitlang verweilte sein Blick nachdenklich auf dem sehnigen Unterarm und dem Handgelenk, die von den Flecken und Narben unzähliger Einstiche gesprenkelt waren. Endlich stieß er die dünne Nadelspitze hinein, drückte den kleinen Kolben durch und ließ sich dann mit einem langen Seufzer der Befriedigung in die Samtpolster seines Lehnstuhls zurücksinken.

Wenn „Eine Studie in Scharlachrot“ rückblickend meinen Initiationsritus als Sherlockian darstellte, so war es dieser erste Absatz des drei Jahre später veröffentlichten Romans „Das Zeichen der Vier“, welcher für meine endgültige Konvertierung verantwortlich zeichnete – und diese bis dato ungebrochene Faszination für den großen Detektiv aus der Baker Street befeuerte. Mehr noch: Selbst so lange Zeit nach meiner ersten Lektüre kann ich mich noch genau an die Wirkung der obigen Worte auf mein damals noch jüngeres Ich erinnern. Das Staunen, der Unglaube, die Gänsehaut – gefolgt von einem unwirklichen Gefühl der Erkenntnis, hier etwas Besonderes in den Händen zu halten, das Auswirkungen auf meine Zukunft als Leser haben wird.

Wenngleich auch heutzutage viele Holmes-Anhänger dessen Drogensucht so weit wie möglich ignorieren und sich vor allem auf seine deduktive Geistesarbeit konzentrieren – es ist dieses Laster, diese Achillesferse, die den Mann mit der alten Bruyèreholzpfeife, trotz seiner scheinbar übermenschlichen intellektuellen Meisterleistungen, von einer künstlichen Figur in ein gesellschaftliches Phänomen verwandelten und ihn auch ironischerweise im selben Augenblick erdeten. Denn so sehr das Fixen von Morphium und Heroin im London des viktorianischen Zeitalters verrufen war – mehrere Opium-Höhlen rund um die Themse kündeten von dessen weiter Verbreitung. Und das obwohl die schädlichen Nebenwirkungen – die natürlich Dr. Watson nicht unerwähnt lässt – nicht nur in Medizinerkreisen bekannt waren.

Gleichzeitig markiert der Beginn von „Das Zeichen der Vier“ den Abschied von Sir Arthur Conan Doyles Findungsphase. Litt Sherlock Holmes‘ erster Auftritt in „Eine Studie in Scharlachrot“ (1887) noch unter dem inkohärenten Plotaufbau und streckenweise gar fehlender Wegfindung, webt der gebürtige Edinburgher Doyle hier nun mit neu gefundener Sicherheit einen geradlinigen roten Faden um diese Kriminalgeschichte, die, recht schnell zum Klassiker avanciert, im Anschluss ganze Generationen von Schriftstellern des Sub-Genres Whodunit maßgeblich beeinflusst hat und dies mitunter noch immer tut. Sie sei im folgenden deswegen kurz angerissen:

Mary Morstan, Tochter des verschollenen und als verstorben geltenden Captain Morstan, der lange Jahre in Indien stationiert war, erhält seit sechs Jahren an jedem Geburtstag eine wertvolle Perle. Stets wird diese ihr anonym zugeschickt, ohne nähere Erklärung. Nun, in einem nebligen Herbst des Jahres 1888, wird sie von ihrem unbekannten Wohltäter kontaktiert, welcher ihr nicht nur den Grund für das regelmäßige Präsent offenbaren will, sondern auch im Besitz von Informationen über die näheren Umstände des damaligen Verschwindens ihres Vaters ist. Da Mary Morstan sich nicht allein zu diesem Treffen mit einem Fremden begeben will, wendet sie sich mit diesem Rätsel an Sherlock Holmes und dessen getreuen Freund Dr. Watson, damit diese zwei ihr bei der Ergründung der Geheimnisse beiwohnen. Während Holmes die mysteriösen Eigenheiten des Falls reizen, ist Watson aus einem ganz anderen Grund Feuer und Flamme. Er hat sich auf den ersten Blick unsterblich in ihre neue Klientin verliebt.

Gemeinsam macht man sich in tiefster Nacht auf und folgt der Spur zum Anwesen des exzentrischen Thaddeus Sholto, der ihnen – gegen den Willen seines Bruders Bartholomew – schließlich eröffnet, dass er der Sohn desjenigen Mannes ist, durch den Mary Morstans Vater seinen Tod fand – und der ihn bis zuletzt um den Anteil an einem riesigen Schatz gebracht hat. Ein Schatz, der seit Jahren von einem geheimnisvollen, von Rache beseelten Mann gesucht wird, der nach dem Tode des alten Sholto einst eine Nachricht hinterließ. Ein Zettel, unterschrieben mit: „Das Zeichen der Vier“. Während Thaddeus Sholto nun die alte Schuld begleichen und den Reichtum mit Mary Morstan teilen will, wandelt Bartolomew in den Spuren seines Vaters. Von Geiz und Missgunst getrieben, hat er sich auf sein Anwesen zurückgezogen, um dort mit Argusaugen über den Schatz zu wachen. Eine Tragödie befürchtend, machen sich Holmes, Watson und Mary auf den Weg – doch der Tod ist schneller. Da sich die Polizei einmal mehr als überfordert erweist, übernimmt Sherlock Holmes kurzerhand das Ruder und bläst zu einer Jagd, bei der all seine Fähigkeiten auf die Probe gestellt werden …

London, Spätherbst 1888. Wenn man nicht gerade Patricia Cornwell heißt oder auf dem Mond großgezogen wurde, assoziiert ein jeder diesen Ort und dieses Jahr mit den Serienmorden von Jack the Ripper im Londoner East End von Whitechapel. Nicht nur wegen ihrer Brutalität, sondern vor allem aufgrund der Tatsache, dass der Täter nie gefunden wurde, sind sie kollektiv im Gedächtnis geblieben. Letzteres lastete man seinerzeit vor allem den Polizeikräften Londons an, die in der Tat kein gutes Bild abgaben bzw. in den übervölkerten dunklen Gassen der Armenviertel an die Grenzen ihrer damals beschränkten Möglichkeiten stießen. Ihr Versagen war aber auch gleichzeitig ein Startschuss für die Einführung moderner Ermittlungsmethoden, was in Sir Arthur Conan Doyles „Das Zeichen der Vier“ jedoch noch keinerlei Widerhall findet. Im Gegenteil: Die Polizei, hier in der Gestalt von Athelny Jones, suhlt sich in ihrer vermeintlichen Überlegenheit und sieht sich recht bald durch Sherlock Holmes eines wortwörtlich Besseren belehrt, der naturgemäß als einziger in der Lage ist, die Indizien am Tatort richtig zu deuten und die Fährte aufzunehmen.

Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt im Buch lässt Doyle seinen großen Detektiv unter dem Dachfirst des Sholto-Anwesens zur Höchstform auflaufen – und weiß dabei auch die örtlichen Begebenheiten äußerst atmosphärisch zu nutzen. Ein abgeschlossener Raum unter einem Dachboden ohne offensichtlichen Zugang – das typische, nur auf den ersten Blick unerklärliche Locked-Room-Mystery. Und natürlich keine Herausforderung für den scharfen Verstand von Sherlock Holmes, der eine Probe seiner Fähigkeiten gibt und damit auch diejenigen Leser abholt, an denen „Eine Studie in Scharlachrot“ noch vorübergegangen ist. Auffällig dabei ist, dass auch die Figur Watson nun immens an Profil gewonnen hat. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft ist längst eine enge Freundschaft geworden. Und gar mehr: Holmes hat den pragmatischen Afghanistan-Veteranen inzwischen zu schätzen gelernt, der wiederum erstmals seinen Wert beweist und verdeutlicht, dass man in Zukunft als Duo eine noch weit größere Gefahr für die kriminellen Elemente der Stadt darstellen wird.

Diese Stadt, das dreckige London des viktorianischen Zeitalters, sie ist der heimliche Star in diesem zweiten Roman mit Sherlock Holmes, führt uns doch die Spurensuche alsbald durch die dunklen Gassen der Themse-Metropole – und dies wiederum so zielsicher, bildreich und stimmungsvoll, dass vor unseren Augen eine längst vergangene Epoche wiederaufersteht. Doyles London, es ist ein äußerst Lebendiges und zeugt von der scharfen Beobachtungsgabe des gebürtigen Schotten, der seine Pappenheimer und vor allem das Milieu kannte. Nachdem Sherlock Holmes im ersten Roman noch weitestgehend durch Abwesenheit glänzte und stattdessen rückblickend der Wilde Westen zur Bühne verkam, wächst hier endlich zusammen was zusammen gehört. Eine Stadt und ihr Detektiv, der, einer Spinne gleich, von der Baker Street aus seine Fäden zieht, Kontakte in alle Gesellschaftsschichten hat und für die passende Gelegenheit selbst den richtigen Schnüffler hinzuziehen weiß. In diesem Fall den Bluthund Toby, dem sowohl Holmes und Watson als auch der Leser in das laute Hafenviertel folgt – dem Schauplatz für die finale Dampfboot-Verfolgungsjagd auf der Themse, welche für Doylesche Verhältnisse ziemlich actionreich daherkommt und den letzten Halt vor der eigentlichen Auflösung darstellt, die auch diesmal in Gestalt einer Rückblende inszeniert wird.

Es gibt Kritiker, die Doyle an dieser Stelle dann unnötiges Ausschweifen und eine Verschleppung des Tempos vorwerfen. Für mich persönlich rundet der Ausflug in das Indien während des Sepoy-Aufstands von 1857 die ohnehin mystisch aufgeladene Geschichte hervorragend ab. Gerade dieser Abschnitt ist mir wie kaum eine andere Passage aus dem Holmes-Kanon in Erinnerung geblieben – und hat nebenbei auch mein späteres Interesse an der britischen Kolonialgeschichte geweckt. Die Ereignisse rund um den Schatz von Agra sind genau diese Prise Mantel-und-Degen-Abenteuer, welche einem herausragend komponierten Detektivroman (und einem persönlichen Favoriten) die Krone aufsetzt. „Das Zeichen der Vier“ hat den Grundstein für Sherlock Holmes heutigen Kultstatus gelegt und ruft uns dank einer bestens aufgelegten Spürnase stets eins in Erinnerung:

Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache.

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das Zeichen der Vier
  • Originaltitel: The Sign of the Four
  • Übersetzer: Leslie Giger
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 196 Seiten
  • ISBN: 978-3458350149

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

„Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.“

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© Insel

Sherlock Holmes – selbst dem unbelesensten Zeitgenossen dürfte dieser Name nicht gänzlich unbekannt sein, was einerseits daran liegt, dass Sir Arthur Conan Doyles Figur in diversen Medien und verschiedensten Varianten weiterhin allgegenwärtig ist und andererseits damit zusammenhängt, dass viele allein nur das Wort „Detektiv“ gleich mit einem großen, hageren Mann mit Deerstalker, Inverness-Mantel und Pfeife assoziieren.

Wie kaum ein anderer Protagonist aus der Kriminalliteratur vor und nach ihm, hat der geniale Denker aus der Baker Street einen Kult-Faktor erreicht – und das weit über die Grenzen seines „Geburtslands“ England hinaus. Überall in Europa gibt es Fanclubs und Gesellschaften, die sich mit den intellektuellen Großtaten von Sherlock Holmes befassen und seine Fußspuren auch geographisch bis ins kleinste Detail nachvollziehen, weshalb vielerorts die Grenzen zwischen Realität und Fiktion komplett verschwommen sind, Gedenktafeln oder Denkmäler (wie z.B. am Reichenbach-Fall in der Schweiz) den Anschein erwecken, dass diese Figur, dieser Mann, wirklich gelebt hat.

Als der gebürtige Edinburgher Doyle sich im Jahr 1886 daran machte, eine eigene Detektivgeschichte auf Papier zu bringen, war all dies noch nicht mal in Ansätzen absehbar. Ganz im Gegenteil: Der zum damaligen Zeitpunkt in Southsea, in der Nähe von Plymouth praktizierende Arzt, hatte tatsächlich sogar große Probleme einen Verlag für „Eine Studie in Scharlachrot“ (orig. „A Study in Scarlet“) zu finden, musste mehrfach Ablehnungen hinnehmen und sich letztlich mit einem äußerst geringen Betrag von £ 25 beim Verkauf seiner Rechte an Ward, Lock & Co, begnügen. Detektivgeschichten galten im viktorianischen Zeitalter (und bei manchen Menschen bis heute) als billige Prosa. Und das obwohl sich zum Beispiel Edgar Allan Poes Geschichten um C. Augustine Dupin (ab 1841), Charles Warren Adams „Das Mysterium von Notting Hill“ (1862/63) oder Wilkie Collins‘ „Der Monddiamant“ (1868) großer Beliebtheit erfreuten.

Übrigens auch bei Doyle selbst, der die genannten Autoren nicht nur schätzte, sondern in ihnen vor allem Inspiration für seinen eigenen Held fand. So lassen sich bis heute viele Parallelen zwischen Collins‘ Sergeant Cuff, Poes Dupin und eben Sherlock Holmes erkennen – so wie auch Émile Gaboriaus Inspector Lecoq wohl nicht unwesentlich die Marotten und vor allem die Genialität des Detektivs beeinflusst hat. Es darf als augenzwinkernde Danksagung verstanden werden, dass Holmes diesen Vorbildern schon in „Eine Studie in Scharlachrot“ jegliche Qualität abspricht. Übrigens ein arrogantes Selbstverständnis, dass seinen Widerhall in vielen späteren großen Detektiven, wie z.B. Agatha Christies Hercule Poirot fand und inzwischen fast zur guten Tradition bei einem mit außerordentlichen Fähigkeiten ausgestatteten Ermittler gehört.

Vor den Erfolg haben jedoch die Götter den Schweiß gesetzt und dieser mag durchaus auch bei der Niederschrift von Doyles Debüt geflossen sein, das die traumwandlerische Komposition späterer Werke noch über weite Strecken vermissen lässt, aber allein wegen einem Satz, einen besonderen Platz im Herz eines jeden Sherlockians – und damit vor allem auch in meinem – einnimmt:

Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.

Es ist ein kalter Januar im Jahr 1881, als der junge Dr. John H. Watson, gerade erst mit einer schmerzhaften Kriegsverletzung aus eben jenem Afghanistan zurückgekehrt, diese Worte hört und einem schlanken, hochgewachsenen Mann mit Adlernase gegenübersteht, der sich als Sherlock Holmes vorstellt. Ein Freund Watsons hatte dieses Treffen organisiert, wissend, dass beide auf der Suche nach einer Unterkunft und die hohen Mietpreise in London für einen einzelnen nicht zu stemmen sind. Trotz der zur Schau gestellten Exzentrik ist Holmes dem unaufgeregten Watson auf Anhieb sympathisch, weshalb man kurz darauf gemeinsam eine Wohnung in der Baker Street 221b bezieht. Aus der Zweckgemeinschaft entwickelt sich schon alsbald eine enge, wenn auch ungewöhnliche Freundschaft, könnten die beiden doch nicht unterschiedlicher sein. Dem gemütlichen Watson ist Holmes unbändige Energie ein ständiges Rätsel, dessen Vorliebe für Pfeifenrauch und Violinespiel sogar mitunter ein echtes Ärgernis – und doch kann er sich der Bewunderung für diesen beeindruckenden Mann nicht erwehren, der nicht nur von Privatpersonen, sondern selbst von der Polizei (wenn auch widerwillig) in schöner Regelmäßigkeit konsultiert wird, um scheinbar unlösbare Rätsel zu entwirren oder einen festgefahrenen Fall aus dem Dreck zu ziehen und aufzuklären.

Wenn Holmes mit großen Schritten durch die Gassen Londons schreitet, folgt ihm Watson – der aus gesundheitlichen Gründen bis auf Weiteres nicht praktiziert – getreu, fasziniert von den Methoden des Detektivs, dessen Eitelkeit nur noch von seinem meisterhaften Verstand und der unvergleichlichen Fähigkeit übertroffen wird, aus am Tatort gefundenen Indizien den kompletten Hergang eines Verbrechens zu rekonstruieren. Als daher zwei Monate nach ihrem ersten Zusammentreffen Scotland Yard Sherlock Holmes darum bittet, Licht in das Dunkel um den Mord an Enoch J. Drebber zu bringen, ist auch Dr. John Watson bei der Besichtigung der Leiche zugegen und kann relativ schnell feststellen, dass der Mann, der in einem alten, verlassenen Haus in Lauriston Garden liegt, vergiftet wurde. An der Wand direkt über ihm hat jemand mit Blut die Buchstaben R A C H E geschrieben, was allen Anwesenden, allen voran den Polizisten Lestrade und Gregson, Rätsel aufgibt. Während Watson und die Polizei Theorien aufstellen und unter anderem die Vermutung äußern, dass der Mörder, bei seinem Versuch den Frauennamen Rachel zu schreiben, gestört wurde, widmet Sherlock Holmes stattdessen seine volle Aufmerksamkeit einem goldenen Ring.

Im Gegensatz zur Botschaft an der Wand, deren wirkliche Bedeutung Sherlock Holmes zur Überraschung der Anwesenden noch vor Ort preisgibt, hat der Mörder den Ring unbeabsichtigt am Schauplatz des Mordes zurückgelassen, was der gerissene Detektiv nun dazu nutzt, um diesem eine Falle zu stellen. Doch als sie zuschnappt, ist der Fall noch nicht gelöst, denn wie sich bald herausstellt, war der Mord an Drebber nur der Abschluss einer von religiösen Fanatikern inszenierten Vendetta. Die Spur zum Ursprung dieses Verbrechens führt sie viele Jahre in die Vergangenheit, in den damals noch wilden mittleren Westen der USA …

Und für den Leser gewissermaßen erst einmal in eine Art von Sackgasse, denn der Bruch zwischen dem eigentlichen Kriminalfall, dem Mord an Drebber, und der Aufarbeitung der weit zurückliegenden Geschehnisse in der Neuen Welt – er ist nur allzu deutlich und entlarvt in gewisser Weise auch den Debütcharakter dieses Werkes, das Arthur Conan Doyle im Alter von 27 Jahren niederschrieb und das sich bis zu diesem Punkt der Geschichte durchaus gefällig lesen lässt – und vor allem atmosphärisch zu überzeugen weiß. Wenn Holmes und Watson in den Schatten des Hauses von Lauriston Garden nach Spuren suchen, der kümmerliche Lichtschein die mit Blut geschriebenen Worte erfasst, dann, ja, dann greift diese beklemmende Szenerie des Schauplatzes, der Schauder hinter der Tat nach dem Leser – auch dank der stimmungsvollen Illustrationen von Sidney Paget. Es ist bezeichnend, dass dies auch der Nährboden ist, auf dem Sherlock Holmes hier und in späteren Werken (z.B. „Das gefleckte Band“ oder „Der Hund der Baskervilles“) zur Höchstform aufläuft bzw. seine größte Wirkung auf uns entfaltet.

Fast scheint es so, als wäre das auch Doyle an diesem Punkt aufgefallen, der sich nach dieser Klimax nun nicht nur mit dem Problem konfrontiert sieht, den Spannungsbogen weiter oben zu halten, sondern diesen auch noch zu übertreffen sucht und die offenen Fäden zu einem logischen Ganzen verknüpfen muss. Vorneweg: Dies gelingt durchaus schlüssig, doch der Weg in „Das Land der Heiligen“ ist für den Leser ein sperriger und unwegsamer, da die schlussendliche Auflösung auf den Ausgang des Falls keinerlei Auswirkung mehr hat und lediglich dazu dient, das Wieso zu erläutern. Ein Vorgang, der gänzlich ohne großes Zutun von Sherlock Holmes abläuft und damit das Potenzial, ihn schon hier als besten Detektiv seiner Zunft zu etablieren, verspielt und verstolpert. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass „Eine Studie in Scharlachrot“ ursprünglich sogar „A Tangled Skein“ (zu Deutsch „Ein verworrener Faden“) heißen sollte. Im Nachhinein gesehen ein durchaus passender Titel.

Was machte nun aber „Eine Studie in Scharlachrot“ zu diesem großen Erfolg? Warum wird die Ausgabe des „Beeton’s Christmas Annual“ aus dem November 1887, in welcher der Roman erstmals erschien, heute zu derartigen Unsummen versteigert? – Die Antwort findet sich in der Ausarbeitung der Figuren und vor allem in der Mehrzahl dieser, denn wie Doyle sehr schnell und schlauerweise erkannte, funktioniert eine Figur wie Sherlock Holmes nur dann, wenn ihr jemand zur Seite gestellt wird, zu dem auch der normale Leser einen Zugang findet bzw. mit dem auch ein schlichteres Gemüt sympathisieren kann. Durch Dr. Watson erschloss sich der Autor ein weit größeres Publikum, kreierte er einen menschlichen Parabolspiegel, in dem der geniale Holmes seine Argumentationen und Theorien abprallen und letztlich zur finalen Lösung bündeln konnte. „Die Wissenschaft der Deduktion“, welche im zweiten Kapitel des Romans zum ersten Mal erklärt und vom Detektiv bereits bei der Begrüßung von Dr. Watson angewandt wird – sie hat zwar ihren Ursprung in den akademischen Lehren von Doyles ehemaligen Professor Joseph Bell, wird aber durch das Wirken des Chronisten Watson von der sachlichen Ebene heruntergeholt und geerdet – und natürlich auch gewissermaßen in der Perspektive begrenzt, womit wiederum die Leserschaft in die gewünschte, zumeist falsche Richtung gelockt werden kann.

Arthur Conan Doyle hat erkannt, dass präzise Wissenschaft selbst in verkürzter Form allein nicht reicht, um das Publikum in den Bann zu ziehen. Schon gar nicht, wenn der Anwender dieser Wissenschaft derart unnahbar ist, wie der große Meisterdetektiv. Es ist das Gespann aus beiden Charakteren, welches das Phänomen Sherlock Holmes letztlich zum Rollen bringt, das Dozieren und Demonstrieren auf eine Art und Weise veranschaulicht, die auch den Leser mitzureißen und vor allem bis heute noch zu überzeugen vermag. Für das Ende des 19. Jahrhunderts muss dies noch ein weit revolutionärer Ansatz gewesen sein, sah man sich doch diesen Untersuchungsmethoden und Theorien nur in akademischen Kreisen ausgesetzt – und wenn außerhalb, dann schon gar nicht im Gewand eines Kriminalromans. Doyle findet in dieser Thematik jedoch seinen Steigbügel zum Ruhm, den er – von der zweiten Hälfte des vorliegenden Romans mal abgesehen – in den weiteren Sherlock-Holmes-Geschichten auch immer wieder nutzt. Eben weil bereits dieser Erstling die wesentlichen Eigenschaften, die Charakter-Züge sowohl von Holmes als auch von Watson prägt und typisiert. Ein Erfolgsrezept, welches letztlich als literarische Vorlage und Referenz einer ganzen Generation von Krimi-Autoren diente, von denen sich besonders die Vertreter des „Golden Age“ des Kriminalromans (u.a. Dorothy Sayers, Agatha Christie, John Dickson Carr etc.) maßgeblich beeinflussen ließen.

Aus heutiger Sicht mögen die Holmes‘ zugeschriebenen Fähigkeiten dabei als Überzeichnungen abgetan werden – für damalige Verhältnisse war die Figur dagegen, vor allem im Verständnis seines Handwerks, durchaus am Puls der Zeit. Das Lesen von Spuren, das Nehmen von Fingerabdrücken, die Arbeit mit Mikroskop, Maßband und Lupe. In einem Zeitalter, in dem naturwissenschaftliche Entdeckungen noch immer für Begeisterungsstürme sorgen konnten, war Sherlock Holmes ein unverbesserlicher Skeptiker, ein qualifizierter Spezialist, der seiner Intuition mitunter mehr vertraute, als modernen Erkenntnissen und sein Wissen daher auch eher abseits der allgemeinen Themen erntete. Und das auch nur, wenn es der Lösung eines aktuellen oder vielleicht zukünftigen Falls dienlich war:

Was spielt das für eine Rolle? Dann drehen wir uns eben um die Sonne! Von mir aus auch um den Mond oder wie der Bi-Ba-Butzemann im Kreis, das würde keinen Unterschied machen!

Eine Studie in Scharlachrot“, der erste Auftritt von Sherlock Holmes und Dr. Watson auf der literarischen Bühne – er ist trotz besagter Schwächen ein Meilenstein in der Geschichte des Kriminalromans. Der Startschuss für eine neue Generation von Krimi-Autoren, der bis heute in den Werken vieler Schreiber nachhallt und mir auch als persönliches Erweckungserlebnis in Sachen Literatur gedient hat. Nach „Die vergessene Welt“ war es dieser Roman, der mir von Doyle als nächstes in die Hände fiel. Es war der Beginn einer langjährigen Freundschaft. Nicht nur mit einem Genre, sondern vor allem mit einem gewissen Detektiv aus der Baker Street, der für so viele wichtige Dinge in meinem Leben verantwortlich zeichnet und mich ganz sicher bis in den Tod begleiten wird. Man mag es mir also verzeihen, wenn ich aus ganz egoistischen Gründen eine eigentlich niedrigere Wertung auf eine höhere Gesamtsumme aufrunde – denn neben dem qualitativen Inhalt ist es vor allem der persönliche Stellenwert, der mich dazu diesmal bewegt und berechtigt.

Oder um es mit Holmes‘ eigenen Worten zu sagen:

Seien Sie versichert, lieber Freund, ich bleibe stets der Ihre …

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Eine Studie in Scharlachrot
  • Originaltitel: A Study in Scarlet
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 189 Seiten
  • ISBN: 978-3458350132

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Blut ist trüber als Wasser

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(c) Antje Kunstmann

Während ich mich derzeit in James Ellroys Erstlingswerk „Browns Grabgesang“ vertiefe und dort nach ersten Spuren des späteren „Demon dog of American crime fiction“ suche, sei hier an dieser Stelle mal ein kleines, schmales Büchlein vorgestellt, dass wohl bei dem ein oder anderen bei der Veröffentlichung hierzulande durchs Raster gefallen sein könnte. Eigentlich die perfekte Winterlektüre für zwischendurch – wobei, wenn ich so durchs Fenster und aufs Thermometer schaue, ist „Bruderliebe“ von Yves Ravey wahrscheinlich auch jetzt gut lesbar.

Yves Raveys „Bruderliebe“ gehört mit knapp 110 Seiten (für die der Kunstmann Verlag auch gern noch, nicht gerade preiswerte, 14,95 € haben möchte) zu der Kategorie von Literatur, welche von Feuilletonisten begeistert besprochen, von der größeren Leserschaft im Anschluss daran aber komplett ignoriert wird. Selbst der gezogene Vergleich mit Hitchcock, der auf der Buchrückseite prangt, ist da eher kontraproduktiv, hat doch heutzutage die psychologisch-ziselierte Spannung den Wettkampf gegen den derben Splatter längst verloren. „Augenschneider“, „Seelenbrecher“, „Todesflüsterer“. Fast-Food-Unterhaltung ist angesagt. Und die soll vor allem schnell verdaulich sein, der Geschmack bleibt nebensächlich. Frei nach dem Motto: Wozu ein Plot, wenn man jemanden über zwanzig Seiten genüsslich ins Nirvana foltern kann? So bleibt „Bruderliebe“ ein Häppchen für diejenigen Leser, die sich literarische Sprache noch auf der Zunge zergehen lassen.

Kurz zur Geschichte: Jerry und Max sind Brüder – und haben sich doch seit knapp zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Nun treffen sie sich inmitten der verschneiten Berglandschaft der Schweizer Alpen wieder. Nicht die Sehnsucht nach Familie, sondern ein perfider Plan hat die zwei ungleichen Brüder zusammengeführt. Max, der von der Tochter seines Chef mehrmals eine Abfuhr kassiert hat, will diese nun kidnappen, um von ihrem Vater eine halbe Million Euro zu erpressen. Jerry, der in Afghanistan sein Geschick im Kampf bewiesen hat, soll helfen, damit die Entführung gelingt. Und es sieht anfangs auch ganz so aus, als sollten sie Erfolg haben. Bis plötzlich die ersten Risse im kriminellen Konstrukt auftauchen.

Jerry scheint sich nicht in allen Belangen an das abgesprochene Vorgehen zu halten und zeigt sich dem Entführungsopfer gar ohne Maske. Hat er vielleicht ganz andere Absichten mit dem Geld als sein Bruder? Und wer von beiden bestimmt was mit der jungen Frau passiert? Was als sorgfältig ausgeklügelte Idee begonnen hat, wird zu einem eiskalten Duell, das letztlich nur einen Ausgang nehmen kann… oder ist doch alles anders, als gedacht?

Nur wenige Seiten und doch ein Spannungsbogen, der es in sich hat. Es ist diese hohe Kunst, die Ravey hier meistert und „Bruderliebe“ zu einem intensiven, weil unheimlich fesselnden Stück Kriminalliteratur macht. Ausschweifungen, Nebenschauplätze, detaillierte Beschreibungen – Fehlanzeige. Raveys Sprache ist so karg, unwirtlich und kalt, wie der Ort, an dem seine Handlung spielt. Und der Plot, wie auch die Figuren, leben von dieser klirrenden Kälte, dieser augenscheinlichen Taubheit, einer Schneedecke gleich, unter der nur langsam die darunter verborgene Wahrheit zutage kommt. Stil und Aufbau der Geschichte erinnern dabei an die frühen Werke James M. Cains. Und wie sein amerikanischer Kollege, so ist auch bei Ravey nicht immer alles wie es scheint. Der Schuss Genialität, diesen Funken mehr Qualität, macht die schnörkellose, und doch tiefgründige Lektüre, zu etwas Besonderem.

Bruderliebe“ ist nur ein kurzer Bissen, aber einer der schmeckt. Ein frostiges und kraftvolles Katz-und-Maus-Spiel für die dunkle Jahreszeit oder einfach nur düstere Abende, das letztlich jeden Cent wert ist.“

Wertung: 82 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Yves Ravey

  • Titel: Bruderliebe
  • Originaltitel: Enlèvement avec rançon
  • Übersetzer: Angela Wicharz-Lindner
  • Verlag: Antje Kunstmann
  • Erschienen: 02.2012
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 112
  • ISBN: 978-3888977503