Down by the river, I was drawn by your grace

© Nagel & Kimche

Was ist die hervorstechendste Eigenschaft von großer, nachhaltiger Literatur? In meinem Fall wohl vor allem die Tatsache, dass ich nun gefühlt sechs oder sieben Mal mit der Niederschrift meiner Besprechung begonnen habe, nur um im Anschluss die Backspace-Taste wieder frustriert in ihrer Fassung zu versenken.

Die Worte, sie wollen nicht so richtig aufs „Papier“, was speziell bei einem Roman wie Peter Hellers „Der Fluss“ ärgerlich ist, der seinem Titel über knapp 280 Seiten mehr als gerecht wird und sich als Lektüre in einem einzigen flüssigen Rausch wegschmökern lässt. Leichte Kurzweil für zwischendurch also? Mitnichten, denn obwohl wir an der Seite der zwei Protagonisten in ihrem Leichtbau-Kanu nur so übers Wasser und die Zeilen gleiten, wartet das Buch mit einem erstaunlichen, weil (zumindest für mich) in diesem Maße unerwarteten Tiefgang auf, welcher den Leser auch über das Ende hinaus noch zu beschäftigen weiß.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich zu diesem seltenen literarischen Glück beinahe gezwungen werden musste, war der Titel doch zwar seit der Sichtung der Verlagsvorschauen und der lobpreisenden Besprechung von Andrea O’Brien auf ihrem Blog Krimiscout ganz oben auf meinen persönlichen Merkzettel gerückt – ein sofortiger Kauf aber, auch aufgrund der inzwischen überbordenden Auswahl in unserer Hausbibliothek, erst einmal nicht geplant. Selbst das Angebot, ein Freiexemplar dieses Buches vom Verlag zu erhalten, lehnte ich höflich mit der (wie immer gleichen) Begründung ab, dass ich es nicht schaffen würde, ihm zeitnah meine Aufmerksamkeit widmen und eine Rezension aufs Papier bringen zu können. Eine Begründung, die, vollkommen verständlich, für die meisten Verlage dann auch ein Ko-Kriterium darstellt und im Anschluss den eMail-Verkehr beendet. Aber – und nun kann ich behaupten gottseidank – nicht in diesem Fall. Das Leseexemplar fand letztlich trotzdem den Weg zu mir – und ich mich damit auch irgendwie gezwungen, diese Großzügigkeit mit der gebotenen Sorgfalt beim Lesen zu vergelten. Ein Leichtes bei einem Roman wie „Der Fluss“, der, soviel kann vorab bereits gesagt werden, am Ende des Jahres zu meinen persönlichen Highlights gehören wird.

Und damit kurz zu dem, was uns zwischen den Buchdeckeln erwartet:

Der hohe Norden Kanadas. Wynn und Jack, beste Freunde seit Studienbeginn, wollen mit ihrem Kanu das Wildwasser des Maskwa River bis hin zu dessen Mündung in die Hudson Bay zu befahren. Mehrere Wochen haben sie eingeplant, um im geruhsamen Tempo zu paddeln, nach Belieben ihre Angel auszuwerfen und des Nachts den sternübersäten Himmel zu genießen. Ein Abenteuer soll es werden – ganz in der Tradition von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Und ein Ausbruch aus den Zwängen des Alltags. Doch ihr Wunsch nach Entschleunigung, er erfüllt sich nur kurz, werden sie doch recht bald auf einen gewaltigen Brand aufmerksam, der sich, vom trockenen Wind vor sich hergetrieben, wie eine unaufhaltsame Walze durch den Wald frisst. Plötzlich ist Eile geboten, denn selbst der breite Fluss bietet keinerlei Schutz vor dieser meterhohen Wand aus Feuer. Bedrängt von dieser drohenden Gefahr versuchen sie den betroffenen Abschnitt möglichst schnell zu passieren.

Im dichten Nebel der Morgendämmerung werden sie dabei auf ein sich heftig streitendes Paar am Ufer aufmerksam. Wenige Paddelzüge später sind der Mann und die Frau außer Sichtweite. Die weiteren Stunden bleiben ereignislos, aber das Geschehene geht Wynn und Jack nicht aus dem Kopf. Sie machen kehrt, um sie vor dem nahenden Feuer zu warnen. Als sie die besagte Stelle wieder erreichen und an Land gehen, fehlt von dem Paar jedoch jegliche Spur. Ihre Umkehr scheint nicht nur umsonst gewesen zu sein – auch das Feuer ist inzwischen einige Meilen näher herangerückt. Aus dem geordneten Rückzug über das Wasser wird jetzt ein Kampf ums Überleben. Und beide ahnen nicht, dass der Tod auch noch von anderer Seite lauert …

Selbst wenn man die vielen, mitunter gar hymnischen Besprechungen im in- und ausländischen Feuilleton ignoriert hat – man kommt gar nicht darum herum, gleich zu Beginn die in der Tat offensichtlichen Parallelen zu James Dickeys Roman „Flussfahrt“ anzusprechen. Hierzulande vor allem durch die überraschend erfolgreiche 70er-Jahre-Verfilmung mit den Namen „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (engl. „Deliverance“) bekanntgeworden – in der u.a. Burt Reynolds und Jon Voight ihre ersten tieferen Eindrücke als Schauspieler hinterließen – scheint die literarische Vorlage für Peter Heller als Inspirationsquelle gedient zu haben. Nicht nur, dass man auch in diesem Fall für die Zivilisationsflucht ein Kanu für die Fahrt auf einem wilden Fluss zu Wasser lässt – das mit jeder Portage und jedem kleinen Wasserfall ansteigende Gefühl einer nicht greifbaren Bedrohung weckt durchaus Erinnerungen. Dessen ist sich Heller allerdings bewusst, der ganz offen gleich zweimal in seinem Buch mit den Gemeinsamkeiten augenzwinkernd kokettiert.

Stellt sich nun die Frage: Handelt es sich bei „Der Fluss“ also um alten Wein in neuen Schläuchen? Auch hier muss dies verneint werden, denn wenngleich sich der anfänglich so harmlose Bootstrip in ganz ähnlich gefährliche und tödliche Untiefen manövriert – Heller hat eine ganz andere Art und Weise seine Flussfahrt in Szene zu setzen. Mehr noch: Wo Dickey vor allem die schroffe Urwüchsigkeit der Wildnis akzentuiert, welche sich nicht nur in keinster Weise formen lässt, sondern sich vor allem auch als erbarmungslos erweist, so nimmt sich der Autor von „Der Fluss“ viel Zeit um die Schönheit der Natur zu unterstreichen – und versucht die Widrigkeiten so lange wie möglich von seinen Protagonisten, und damit auch dem Leser, fern zu halten. Heller öffnet uns vor allem in der ersten Hälfte den Blick auf eine Welt, in welcher der Mensch noch Teil seiner Umgebung sein, mit ihr koexistieren kann. Und er bewerkstelligt das mit einer Sprache, die vor plastischer Lebendigkeit und lyrischer Eleganz nur so strotzt.

Wenn Heller aus dem Kanu herauszoomt, um dem Leser panoramaartig die Umgebung zu beschreiben, kann man gar nicht anders, als beeindruckt zu sein. Man beginnt beinahe die Astern und Rudbeckien am Ufer zu sehen, die Kühle des nebelverhangenen kanadischen Morgens zu spüren und den Flügelschlag des majestätisch aufsteigenden Reihers zu hören – so authentisch, so nah und so liebevoll im Detail wird die pulsierende Flusslandschaft an uns herangetragen. Ähnlich wie auch Algernon Blackwoods Bootstour in der fantastischen Kurzgeschichte „Die Weiden“, so atmet auch „Der Fluss“ Atmosphäre und Suspense aus jeder Pore. Und das wohlgemerkt ohne jedwede Form von überflüssiger Elegie oder Kitsch. Ganz im Gegenteil: Der vorliegende Roman liest sich wie ein fettfreier Vertreter des Noirs. Kein Satz, kein Wort ist hier zu viel. Mit der Ökonomie eines gut getimten Paddelschlags treibt Heller die Handlung voran, getragen von zwei Charakteren, die sich gerade in ihrer Unterschiedlichkeit hervorragend ergänzen. Wynn, der sanfte Riese und Kopfmensch, für den das Glas immer halb voll ist und der jeder Lage noch etwas Gutes abgewinnen kann. Und der pragmatische Cowboy Jack, der sich, gezeichnet vom Verlust seiner Mutter bei einem Reitausflug, eine harte Schale und raues Auftreten zugelegt hat.

Letzterer ist es auch, der ab der Hälfte des Buches das (ansteigende) Tempo und den Fortlauf des Kanu-Trips bestimmt – getrieben von dem festen Verdacht, bei dem Streit des Paars Zeuge eines Verbrechens geworden zu sein. Darauf einzugehen, ob er mit dieser Annahme Recht hat, würde nicht nur vorab dem Spannungsbogen einen Bärendienst erweisen – es täte auch dem Lesevergnügen erheblich Abbruch. Daher nur soviel: Anfangs noch mäandernd, gleicht ab einem gewissen Punkt schließlich jede Seite einer tosenden Stromschnelle, die uns mitreißt, umherwirbelt und am Ende schwer atmend und prustend auftauchen lässt. Wie Peter Heller dieses anfänglich noch latente Unwohlsein, diese vage Ahnung auf den letzten Metern in einem brutalen Ausbruch explosiver Gewalt konkretisiert – das ist nicht nur großes Kino (eine Verfilmung wird hier sicher kommen), sondern nimmt meines Erachtens auch irgendwann seinen verdienten Platz in der illustren Riege moderner Klassiker ein.

Der Fluss“ – das ist ganz, ganz große Literatur auf verhältnismäßig kleinem Raum. Und ein äußerst nachhaltiger Beleg dafür, dass auch nach Twain, London oder Conrad noch lange nicht alle guten Abenteuergeschichten in strömendem Gewässer erzählt sind.

Wertung: 98 von 100 Treffern

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  • Autor: Peter Heller
  • Titel: Der Fluss
  • Originaltitel: The River
  • Übersetzer: Matthias Strobel
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 272 Seiten
  • ISBN: 978-3312011346

Ich danke Julia Marquardt für ihre freundliche Beharrlichkeit und das Freiexemplar, welches ab sofort einen ganz besonderen Platz in unserer Bibliothek bekommt.

Into the Wild …

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© Seeling

Als ich vor ein paar Tagen mal wieder „Beim Sterben ist jeder der Erste“ gesehen habe, brachte mir das sogleich Dickeys literarische Vorlage „Flussfahrt“ in Erinnerung, welche den Film in Punkto Atmosphäre nochmal um ein paar Kanu-Längen schlägt. Leider ist die 2011 im Seeling Verlag erschienene Neuauflage inzwischen schon wieder vergriffen, weshalb interessierten Lesern derzeit nur der Blick ins Antiquariat bleibt. Der wiederum lohnt sich aber – und zwar genau deshalb:

Das Wort „Sogkraft“ wird in den Besprechungen von Kriminalliteratur heutzutage schon fast inflationär benutzt – selten hat der Begriff aber so auf ein Buch gepasst, wie bei James Dickeys Klassiker aus den 70er Jahren. Mit „Flussfahrt“ hat der kleine Seeling Verlag einen lange verschollenen (und vergriffenen) Rohdiamanten ausgegraben, der sich neben den glattgebügelten, rasanten Mainstream-Thrillern von heute zwar wie ein Oldtimer verhält, von seiner erzählerischen Kraft jedoch genauso wenig verloren hat, wie von seiner Aktualität. Ganz im Gegenteil: Dickey legt den Finger in eine Wunde, die heute noch schlimmer schwelt, als zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung – die zunehmende Modernisierung und Verstädterung des Lebens, welche keinerlei Ausbruch mehr erlaubt und die Menschen in ihren alltäglichen Verpflichtungen gefangen hält.

Diesen wollen in „Flussfahrt“ auch die vier Großstädter Ed, Drew, Bobby und Lewis für ein verlängertes Wochenende entfliehen. Es gilt den wilden Cahulawassee River, der bald einem Staudammprojekt zum Opfer fallen soll, im Kanu zu bezwingen und nebenbei ihre Fähigkeiten mit Pfeil und Bogen zu trainieren. Insgeheimer Anführer der Gruppe ist Lewis, ein durchtrainierter Fitnessfanatiker, der mit allen Mitteln dem fortschreitenden Alter zu trotzen versucht und dafür auch die größten Risiken in Kauf nimmt. Die undurchdringliche Wildnis der Provinz scheint dafür bestens geeignet, ist sie doch nicht nur ein Rückzugsort für wilde Tiere, sondern auch für die kriminelleren Elemente der Gesellschaft, welche die Abgeschiedenheit der Wälder unter anderem dafür nutzen um illegal Schnaps zu brennen. Trotz dieser Gefahren lässt man anfangs relativ unbekümmert die Kanus zu Wasser … doch mit jeder Biegung des durch enge Schluchten strömenden Gebirgsflusses werden die Zweifel lauter.

Hätte ich besser zuhause bleiben sollen? Was wollen wir uns hier eigentlich beweisen? Bevor irgendeiner seine Gedanken laut äußern kann, eskaliert von jetzt auf gleich die Situation. Und aus der Suche nach einem harmlosen Abenteuer wird ein erbitterter Kampf ums Überleben …

Der Ruf der Wildnis ist schon in vielen Büchern treibendes Element der Geschichte gewesen – wohl kaum ein anderer Autor hat diese Thematik aber in dieser Art und Weise auf seine archaische Essenz reduziert, wie James Dickey. Schon zu Beginn scheint sich ein namenloses Grauen in die Unternehmung der vier Freunde hineinzuschleichen, einer Gewitterwolke gleich, die nur darauf wartet die Schleusen über den Köpfen des Leser zu öffnen. Aus der Sicht des Ich-Erzählers Ed verfolgen wir die Fahrt im engen Kanu, die so bedächtig beginnt und beinahe unmerklich an Tempo zulegt. Mit jeder Kehre des Flusses, jedem von reißenden Wellen umtosten Felsen, tauchen wir tiefer in diese uns mittlerweile so unbekannte Welt ein, lassen wir die Zivilisation und all seine Annehmlichkeiten hinter uns. Und mit Ihnen auch die moralischen Haltepunkte. Es ist eine Rückbesinnung auf den Ursprung des Menschen, der hier, im Angesicht der Natur, längst verloren geglaubte Sinne schärfen und den eigenen Instinkten vertrauen muss.

Dickey zeigt eindrucksvoll und mit klarer, karger Sprache, wie schmal der Grad zwischen dem einfachen Abenteuer und echter Gefahr sein kann. Welche Folgen es haben kann, sich dem Adrenalin und dem Nervenkitzel zu ergeben. Inmitten der düsteren, von schroffen Felsen übersäten Natur werden Erzähler Ed und seine Freunde auf ihren primitiven Ursprung reduziert und letztlich mit diesem auch konfrontiert. Diesen Kontakt mit der Maß- und Gesetzlosigkeit schildert der Autor drastisch, brutal und erbarmungslos – und der Leser scheint als fünfter Teilnehmer des Ausflugs direkt mittendrin zu sein. Ab hier ist jede Planung über den Haufen geworfen, die Kontrolle an höhere Mächte abgegeben. Aus der Flussfahrt ist ein Kampf geworden, den Dickey dramatisch in Szene zu setzen weiß. Unvergessen die Passage, in der Ed im Mondschein auf einem hohen Baum hockt, Pfeil und Bogen bereit, das Ziel mit schweißnassen Händen anvisiert. Es sind einfachste Mittel, mit denen die Spannung erzeugt wird. Und sie erweisen sich doch wirkungsvoller, als alle Gewaltorgien heutiger Psychothriller.

Es ist dieser ursprüngliche, klassische Stil, welcher den Plot trägt und ihn letztlich so glaubhaft macht. Alles an „Flussfahrt“ ist echt, scheint greifbar nah, wirkt in irgendeiner Art und Weise auf den Leser. Und wo andere Schriftsteller im Finale einen actionreichen Showdown abfackeln, sind es in diesem Falle die leisen Töne, die unbeantworteten Fragen und Zweifel, welche nachhaltig beeindrucken und im so abgestumpften Krimi-Genre an den Gefühlen rühren.

Insgesamt ist „Flussfahrt“ genau das, was Titel und Klappentext versprechen. Ein wilder, rauschender Ritt ins Herz der Natur, dessen grimmiger, karger Charakter seinesgleichen sucht. Nicht nur für Freunde von Lansdales „Die Wälder am Fluss“ und David Osborns „Jagdzeit“ eine mehr als lesenswerte Wiederentdeckung.

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: James Dickey

  • Titel: Flussfahrt
  • Originaltitel: Deliverance
  • Übersetzer: Jens Seeling
  • Verlag: Seeling
  • Erschienen: 4/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 280
  • ISBN: 978-3-938973-13-4