Nobody’s hands are clean

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Obwohl der amerikanische Autor Joseph Kanon bereits im Jahr 1998 mit dem Edgar Allan Poe Award für das beste Romandebüt ausgezeichnet wurde („Die Tage von Los Alamos“), einen größeren Namen konnte er sich hierzulande trotz diverser weiterer Veröffentlichungen (übrigens zumeist mit Bezug zu unserer Hauptstadt Berlin) nicht machen, was vielleicht aber auch dem damaligen Zeitgeist geschuldet sein könnte.

Inzwischen sind, vor allem dank solcher Schriftsteller wie Volker Kutscher, historische Kriminalromane mehr und mehr gefragt, scheint die Auswahl an Titeln – mal von mehr, mal von weniger Qualität – welche sich mit der Weimarer Republik, dem Dritten Reich, aber auch dem Beginn des Kalten Kriegs und dem Leben zwischen den Blöcken beschäftigen, jährlich in die Höhe zu schnellen. Ein Trend, von dem viele Newcomer profitieren und der jetzt auch zum Anlass genommen sei, um auch Kanon die wohlverdiente Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen – denn soviel sei vorab gesagt, im Vergleich zu einem Großteil der doch oft im Hinblick auf die geschichtliche Recherche äußerst oberflächlich zusammengeschusterten Werken der Konkurrenz, hat der jahrelange Leiter der Verlage Houghton Mifflin und E. P. Dutton seine Aufgaben äußerst beeindruckend gemacht. Bestes Beispiel dafür ist der vorliegende Roman „The Good German“ (verfilmt von Steven Soderbergh mit u.a. George Clooney und Cate Blanchett in den Hauptrollen), welches den Leser zurück in das vom Krieg versehrte Berlin des Jahres 1945, genauer gesagt die Monate Juli und August führt.

Berlin, Deutschland, wenige Wochen nach der Kapitulation. Die in vier Zonen aufgeteilte Stadt besteht vielerorts nur noch aus Ruinen, in den immer noch täglich Leichen geborgen werden und Trümmerfrauen damit beschäftigt sind, zumindest die Zugänge zu den Häuserresten und die Straßen frei zu räumen. Genau in diese Zeit fällt nun die Potsdamer Konferenz, anlässlich der auch der amerikanische Journalist Jake Geismar nach Berlin zurückreist, um genau darüber zu berichten. Was seine Auftraggeber nicht ahnen – die Konferenz ist für Geismar nur der offizielle Vorwand, denn in erster Linie gilt seine Rückkehr (er lebte schon zuvor einige Jahre in der Stadt) seiner damaligen Geliebten Lena Brandt, die er mitten im Krieg verlassen musste. Ihr Verbleib ist ihm seitdem unbekannt und er hofft sehnlichst auf ein Wiedersehen. Dafür nimmt er vor Ort angekommen auch gewisse Risiken im Kauf, sucht gar die Bereiche Berlins auf, die unter sowjetischer Kontrolle stehen und von deren Besuch ihm die Kollegen eindringlich abraten. Lena bleibt aber verschwunden. Stattdessen sieht sich Geismar aber bald mit einem anderen Rätsel konfrontiert.

Als er sich mittels eines Tricks beim ersten historischen Treffen der Siegermächte im Potsdamer Schloss Cecilienhof einschleusen kann, wird er unwillentlich Zeuge von der Entdeckung einer angespülten Leiche im Uferschlamm des Heiligen Sees. Bei dem Toten handelt es sich zu seiner Überraschung um einen jungen amerikanischen Soldaten. Wie kommt er soweit in die russische Besatzungszone? Wieso sind seine Taschen randvoll mit Besatzungsmark gefüllt? Und wieso ist er überhaupt getötet worden? Jakes Neugier ist geweckt und steigert sich noch zusätzlich, als sowohl Befehlsträger der US-Armee und auch der Sowjets nichts unversucht lassen, diesen Vorfall unter den Teppich zu kehren. Da hier eindeutig eine Story lauert, betreibt Jake Geismar auf eigene Faust weitere Nachforschungen, während er gleichzeitig weiterhin Ausschau nach Lena hält. Schon nach kurzer Zeit wird ihm klar, dass beide seine Ziele eine Verbindung haben – und seine Ermittlungen nicht nur sich, sondern vor allem auch seine große Liebe in Gefahr bringen …

Bereits der Klappentext (und auch das Cover der Filmausgabe) deutet an, dass die Liebesbeziehung zwischen Jake Geismar und Lena Brandt im Mittelpunkt dieser Geschichte steht. Und ja, Joseph Kanon legt tatsächlich ein besonderes Augenmerk auf das Schicksal der beiden, die sich den veränderten Gegebenheiten nur schwer anpassen und insbesondere bei dem Thema persönliche Schuld nicht auf einen gemeinsamen Standpunkt einigen können. Eine Frage, die direkt nach dem Krieg vor allem auf deutscher Seite eigentlich niemand näher erörtern und stattdessen meist ein jeder lieber die Vergangenheit vergessen will.

Keine einfache Aufgabe in einem Land, das selbst über den organisierten Massenmord in den Konzentrations- und Arbeitslagern wie Dora-Mittelbau pflichtbewusst Buch geführt hat. Unterlagen, die nun in den Händen der Alliierten sind und als Grundlage für die so genannte Entnazifizierung dienen sollen. Wohlgemerkt sollen, denn unter dem Eindruck des immer noch erbitterten Widerstands der Japaner an der Pazifikfront, haben auch vermehrt die Amerikaner mehr Interesse daran, das kostbare Wissen der deutschen Wissenschaftler für sich zu nutzen, als diesen den Prozess zu machen. Einer davon ist ausgerechnet Lena Brandts Mann Emil, der sich in die Riege derjenigen eingereiht hat, die nur „ihre Arbeit gemacht“ und „Befehle befolgt“ haben.

Joseph Kanon hat sich bei „The Good German“ immens viel vorgenommen, das weit über das hinausgeht, was man sonst von einem historischen Kriminalroman gewohnt ist, denn nicht nur ist die Geschichte in seinen verschlungenen Handlungsfäden enorm komplex – der Autor hat das Berlin von 1945 auch so im Detail zum Leben erweckt, das hier die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion immer wieder verschwimmen. Und das allerdings mit erstaunlich viel Fingerspitzengefühl, da es an keiner Stelle so wirkt, als wollte hier jemand auf Teufel komm raus so viel erlesenes Wissen wie möglich platzieren. Stattdessen geht der Plot eine äußerst überzeugende Symbiose mit den tatsächlichen historischen Ereignisse ein, wovon die Atmosphäre immens profitiert. Auch wenn es sich Kanon (gottseidank) verkniffen hat, in den Dialogen noch Berliner Schnauze einzubauen, ist er dem realen Antlitz und Lebensgefühl der zerstörten Hauptstadt des untergegangen Nazi-Regimes doch wohl so nah wie möglich gekommen.

Einem Antlitz (und das hat dann später auch Regisseur Steven Soderbergh erkannt), das sich natürlich als Schauplatz für eine noireske Kriminalgeschichte bestens eignet, da mit der Niederlage des Dritten Reichs nicht notwendigerweise gleichzeitig auch der Beginn einer Normalität eingegangen ist. Berlin ist weiter im Ausnahmezustand, während die Soldaten der Besatzungsmächte zwischen Siegestaumel, Kriegsdepressionen und Rachegelüsten pendeln, ein jeder vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein scheint. Die bedingungslose Unterstützung der Einwohner, welche man während der späteren Luftbrücke an den Tag legen wird – sie ist noch weit entfernt. Stattdessen blüht der Schwarzmarkt, werden die Witwen der deutschen Soldaten auf den Strich geschickt und schon bereits neue Feindbilder kultiviert. Das Verhältnis zwischen den Amerikanern und den Sowjets ist vielerorts angespannt, es kommt immer wieder zu Zwischenfällen. Und Jake Geismar, einst selbst ein Berliner, hat große Schwierigkeiten, seine Stadt in diesem Menetekel der Zerstörung wiederzuerkennen.

Gerade die ersten knapp zweihundert Seiten von „The Good German“ gehören mit Sicherheit zum Besten, was ich in diesem Sub-Genre bis jetzt genießen durfte – und lesen sich nebenbei bemerkt fast wie eine inoffizielle Fortsetzung des ebenfalls empfehlenswerten Romans „Wer übrig bleibt, hat recht“ (allerdings ein Jahr später erschienen) von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, das, im letzten Kriegsjahr spielend, ebenfalls in Berlin angesiedelt ist und bereits einige Themen aufgreift, die nun in Kanons Roman einen größeren Stellenwert bekommen. Wie er in diesem ersten Drittel minutiös die Spannung aufbaut, geschickt Hinweise, aber auch falsche Fährten platziert, das zeugt sowohl von großem schriftstellerischen Können, aber auch von ebenso großer Kenntnis um die Geschichte Berlins. Wirklich sehr selten begegnet uns Lesern in einem historischen Kriminalroman ein von Beginn an so authentischer Schauplatz, der umso lebendiger wirkt, da die ihn bevölkernden Figuren bei Kanon nicht rein zur Staffage verkommen.

Ganz im Gegenteil – sie sind fast allesamt ein wichtiges Triebmittel für die Handlung und bilden kaleidoskopartig die verschiedenen Interessensgruppen dieser Zeit ab. Von amerikanischen Abgeordneten aus dem Repräsentantenhaus, in dessen Wahlkreis die Industrie fest mit der IG-Farben verbunden ist bis hin zum jüdischstämmigen Militärjurist Bernie Teitel, der alle Hebel in Bewegung setzt, um die Verbrecher des Nazi-Regimes vor Gericht zu bringen – ein jeder hat andere Gründe in Berlin zu sein, um entweder politisches Kapital daraus zu schlagen, sich finanziell zu bereichern oder persönliche Rachegelüste zu befriedigen. Recht und Gerechtigkeit sind jetzt, direkt nach dem Krieg, ebenfalls nur leblose Ruinen und bröckelnde Fassaden – inhaltsleere Begriffe, die je nach Belieben von den Siegern ausgelegt werden können. Kanons größtes Verdienst ist es, dass er in diesem Gemengelage nie direkt Position bezieht und sich der Leser auch die entscheidende Frage des Buches am Ende selbst beantworten muss: Wer ist bzw. war der „Good German“?

Joseph Kanon ist mit „The Good German“ ein immersives, bildgewaltiges Katz-und-Maus-Spiel im Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit gelungen, das die Grenzen der Zeit vor den Augen des Lesers äußerst eindringlich überwindet und gleichzeitig auch das immer wieder hartnäckige Vorurteil widerlegt, US-Autoren könnten alles nur rein aus amerikanischer Sicht betrachten. Einziges Manko ist die doch etwas repetitive Einbindung der Liebesgeschichte, welche immer wieder unnötig das Tempo (und damit auch das Spannungsmoment) verschleppt und mitunter stark den Geduldsfaden strapaziert. Dennoch – eine Empfehlung für alle, die sich der eigenen Geschichte gerne im Gewand einer Kriminalgeschichte nähern.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Joseph Kanon
  • Titel: The Good German / In den Ruinen von Berlin
  • Originaltitel: The Good German
  • Übersetzer: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 02.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442464814

Oh Lord, ein Mord!

© Goldmann

In der Geschichte der Literatur und des Films hat es bereits so einige Prequels gegeben – und gefühlt waren doch die meisten eher unnötige Anhängsel an die jeweilige Serie oder Trilogie, verzweifelt darum bemüht, irgendwie in Ton und Stil an das Original anzuknüpfen, Antworten auf Fragen zu geben, welche zuvor eigentlich niemand gestellt hatte und auch nicht in diesem Detailgrad wissen wollte. Elizabeth Georges vierter Roman aus der Reihe um Inspector Thomas Lynley führt diese Tradition – mit all ihren Schwierigkeiten – nahtlos fort.

Was die amerikanische Autorin dazu brachte, das sich bereits etablierte Duo Lynley und Havers in „Mein ist die Rache“ erst einmal wieder zu sprengen und stattdessen in die Zeit vor ihrer Zusammenarbeit zu reisen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Ein gelungener Schachzug war es in jedem Fall nicht. Und es darf stark bezweifelt werden, dass ein Großteil der Leser nach mehr Informationen über das Beziehungswirrwarr zwischen Simon Allcourt-St. James, Deborah Cotter, Helen Clyde und eben Thomas Lynley gegiert hat – denn es ist genau dies, was uns Elizabeth George hier, in fast epischer Breite, vor allem im ersten Drittel dieses so arg künstlich anmutenden Romans kredenzt.

Wer sich da bereits recht früh mit einem Blick immer wieder der Etikettierung „Kriminalroman“ auf dem Buchdeckel rückversichert, der hat mein vollstes Verständnis, denn vor dem Mord hat die liebe Frau George tatsächlich erst einmal den Schweiß gesetzt. Insbesondere die penible Ausarbeitung des Adelsprotokolls zeichnet für diese unsere Transpiration verantwortlich, lässt die Autorin doch zu Beginn kein Klischee aus dem Milieu der Reichen und Schönen unangetastet. Vollkommen unnötig, denn unter dieser pilcheresken Patina schlummert tatsächlich eine durchaus intelligente Kriminalgeschichte:

Das Glück des jungen Paars Thomas Lynley und Deborah Cotter ist getrübt. Nach ihrer Rückkehr aus den USA wollten sie eigentlich die freudige Nachricht ihrer Verlobung verkünden, doch insbesondere für Thomas‘ alten Jugendfreund St. James ist dies ein bittersüßes Wiedersehen. Jahrelang lebte er wie ein großer Bruder an der Seite von Deborah, verliebte sich schließlich gar in sie und fand jedoch nie die Worte ihr das zu sagen. Nun soll er, zusammen mit seiner Arbeitskollegin und guten Freundin Helen Clyde, die beiden für ein Wochenende nach Cornwall begleiten. Hier befindet sich Howenstow, der feudale Stammsitz der Ashertons und die seit langem gemiedene Heimat von Thomas Lynley, den einst die neue Beziehung seiner Mutter aus dem Hause trieb. Seitdem haben beide nur wenige miteinander Worte gewechselt. Dementsprechend verhalten gestaltet sich schließlich auch der Empfang, der von unterschwelligen Spannungen überlagert wird. Während sich ein jeder verzweifelt versucht an das Protokoll zu halten, kommt es im nahegelegenen Dorf Nanrunnel (angelehnt an das reale Mousehole) zu einem bestialischen Mord.

Mick Cambrey, ein regionaler Journalist und bekannter Schürzenjäger, wird von seiner Frau tot in seinem Cottage aufgefunden. Seine nachträgliche Kastration deutet einen Beziehungsstreit an, doch Lynley, seines Zeichens Inspector beim New Scotland Yard in London, und St. James, von Beruf Gerichtsmediziner, empfinden diesen Hinweis als allzu offensichtlich und entdecken schon bald, dass die Spuren zurück nach Howenstow führen. Cambreys Frau ist die Tochter des gräflichen Verwalters, der seine Abscheu gegenüber seinem Schwiegersohn nie verbergen konnte. Und auch Thomas‘ Bruder Peter, den seine Drogensucht zurück nach Cornwall getrieben hat, scheint in den Fall verwickelt. Auf der Suche nach dem Täter verfangen sich alle Beteiligten mit jedem Schritt mehr in einem fatalen Netz aus lange unterdrückten Feindseligkeiten, nicht eingestandenen Schuldgefühlen und scheinheiliger Moral. Für jeden entwickeln sich die Ereignisse zum Prüfstein der eigenen Selbstwahrnehmung. Und während die familiären und gesellschaftlichen Bindungen in diesem Schmelztiegel der Emotionen auf die Probe gestellt werden, kommt es zu einem zweiten Unglück …

Der Lord. Die Gräfin. Der Gutsverwalter. Der Chauffeur. Der Gärtner. Gepflegter Anachronismus in Reinkultur, den Elizabeth George in diesem Kriminalroman zelebriert, der augenscheinlich am Reißbrett für klassische Whodunits entworfen wurde und nur wenige Zugeständnisse an die Moderne macht, denn sieht man von den im Buch erwähnten Flugzeugen und Autos ab, könnte die Handlung genauso gut im viktorianischen England spielen (Es hätte nur noch gefehlt, dass eine der Frauen ein Hirnfieber erleidet). Allerdings in einem noch dichter bevölkerten England, werden doch auf den ersten hundert Seiten gefühlt genau so viele Figuren eingeführt – manche mehr, manche weniger wichtig für den eigentlichen Plot – was durchaus eine gewisse Konzentration seitens des Lesers erfordert, welche aufgrund des vielen gepflegten Flanierens und Dinierens allerdings immer wieder abzuschweifen droht. Nun gut, dass ist für eine Elizabeth George nun beileibe nichts Ungewöhnliches – insbesondere ihre späteren Werke lassen da ja meines Erachtens längst jedes gesunde Maß vermissen – dennoch wäre hier der Boden für einen viel schneller steigenden Spannungsbogen eigentlich bereitet gewesen.

Überhaupt beweist George durchaus großes Geschick, was die Verflechtung der Handlungsstränge sowie das Platzieren von Überraschungseffekten angeht. Die Mördersuche, sie ist tatsächlich fordernd, führt uns immer wieder geschickt auf die falsche Fährte und sorgt dann auch dafür, dass ein nicht gerade kleiner Teil der Beteiligten bis zum Schluss von Bedeutung ist bzw. nicht als Täter ausgeschlossen werden kann. Unter dem ganzen High-Society-Zuckerguss schlummert ein mehr als passabler Krimi, der aber einfach zu spät seine Füße aus dem Bett bzw. diese auf die Erde bekommt. George, welche auch hier eindrucksvoll belegt, dass sie schreiben kann, setzt über einen zu langen Zeitraum die falschen Prioritäten, gibt ihren Protagonisten zu viel Zeit mit ihren inneren Dämonen zu ringen, was – vor allem im Hinblick auf die Lächerlichkeit mancher Probleme (die Mama hat einen Neuen) – dem äußerst realistischen Hintergrund des Mords einen Bärendienst erweist.

Wie viel mehr drin gewesen wäre, beweisen dann schließlich die letzten hundertfünfzig Seiten, wo die allzu sterile cornwallsche Kulisse endlich ihren Status als Schauplatz eines Mordes gerecht wird und der bis hierhin mäandernde Plot schnurstracks vorangetrieben wird. Wessen Interesse bis hierhin noch nicht in den vielen romantischen Verstrickungen erstickt wurde, greift nun tatsächlich das vor ihm liegende Buch fester – vielleicht selbst ein wenig überrascht über die Tatsache, dass man nun doch wissen will, wofür das Ganze zuvor gut war. So ganz, dass muss man ehrlich konstatieren, rechtfertigt die Auflösung den vorherigen Aufwand letztlich nicht. Zumindest das Prädikat Krimi wird sich aber wenigstens verdient, wobei sich Freunde von Fontane und Co. auch noch selig schluchzend an die bebende Brust fassen können. Glücklich darüber, dass sich ganz am Schluss doch „Herz zum Herzen find’t“.

Bleibt am Ende noch die Frage offen: Hat es diese Vorgeschichte gebraucht bzw. sollte man diese beim Einstieg in die Lynley-Reihe auch zuerst lesen? Definitiv nein, da sie, von der Änderung des Status diverser Beziehungen mal abgesehen, keinerlei Einfluss auf die kommenden Ereignisse hat und die (zumindest meiner Auffassung nach) interessanteste Figur aus Georges Feder, die bärbeißige Sergeant Barbara Havers, bis auf einen kleinen Kurzauftritt durch Abwesenheit glänzt.

Wertung: 72 von 100 Treffern

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  • Autor: Elizabeth George
  • Titel: Mein ist die Rache
  • Originaltitel: A Suitable Vengeance
  • Übersetzer: Mechtild Sandberg-Ciletti
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3442478248

Die Natur ist Natur, sie kennt uns nicht …

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© Pendragon

Gefühlt jeder zweite Literaturblog hat in den vergangenen Wochen diesen Buchtitel in irgendeiner Form besprochen oder in den Mittelpunkt eines Beitrags gestellt. Und auch der Feuilleton hat Willi Achtens „Nichts bleibt“ durchaus einiges an Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Für den immer noch relativ kleinen Pendragon Verlag sicherlich äußerst wünschenswerte Werbung, was jedoch die Frage aufwirft, ob es Sinn macht, auch auf Crime Alley nochmal mit einer Rezension nachzulegen, ward doch eigentlich bereits alles gesagt. Doch kann man wirklich alles zu diesem hervorragenden Buch sagen? Und viel wichtiger – kann man es eigentlich oft genug sagen?

Meines Erachtens nicht, weshalb all die Kenner dieses Romans zwar jetzt ruhigen Gewissens abschalten können, all die anderen jedoch die Augen schärfen und sich nachhaltig davon überzeugen lassen sollten, Achten die bis dato ausgebliebene Beachtung (Haha, Wortspiel) zu schenken, denn – soviel sei vorab verraten – „Nichts bleibt“ gehört für mich jetzt schon zum Besten, was das Jahr 2017 bereitgehalten hat. Wohlgemerkt auch außerhalb des Genres Kriminalroman, wo ihn zwar der ein oder andere verortet, er allenfalls aber aus marketingstrategischen Gründen sein Zuhause findet. Nicht weil ein Krimi eine solche Geschichte nicht erzählen kann, sondern aufgrund der Art und Weise wie Achten diese erzählt bzw. aus der Ich-Perspektive wiedergeben lässt.

Zum Leser spricht der Roman durch Franz Mathys, einen langjährigen und u.a. mit dem World Press Photo Award dekorierten Kriegsfotografen, dem sein Erfolg jedoch kein Glück, sondern vor allem eine Ladung an tiefen Schuldgefühlen gebracht hat, da er stets nur vom Leid anderer profitierte. Inzwischen hadert er mit seinem Beruf, wird er des Nachts von schrecklichen Bildern und Momenten heimgesucht, spürt er, dass irgendetwas in ihm kaputt gegangen ist. Halt findet er allein in seinem Vater und seinem Sohn, mit denen er gemeinsam auf einem abgelegenen Hof mitten im Wald lebt und sich der Taubenzucht widmet, sowie in seiner neuer Liebe Karen, der Lehrerin seines Sohns. Weit weg von den Kriegsschauplätzen, von Leid, Hunger und schlimmsten Verbrechen, mitten in der Natur – hier will und kann er neu beginnen. So denkt Mathys zumindest, denn dieser Rückzugsort ist allenfalls eine trügerische Idylle und findet auch bald ein jähes Ende, als sein Vaters des Nachts im Wald von zwei Männern brutal niedergeschlagen wird. Obwohl er sofort ins Krankenhaus gebracht wird, verschlechtert sich sein Zustand rapide.

In Mathys, dem in der Vergangenheit – so erfahren wir immer wieder rückblickend – bereits die Erkrankung seines Sohnes zu schaffen gemacht hat (welche auch noch ausgerechnet von dessen geliebten Tauben ausgelöst wurde), zerbricht etwas. Die tief unter der Oberfläche köchelnde Wut bricht sich nun immer stärker Bahn, der Wunsch nach Rache wird drängender – und mit jedem Schritt den er seiner Vergeltung näher kommt, entfremdet er sich von denjenigen, die er liebt und die seinen letzten Halt bedeuten. Während das Glück um ihn herum zerbricht und auch von ihm zerbrochen wird, bereitet er sich unbeirrt auf seine ganz persönliche Abrechnung vor. Hoch oben, zwischen den eisigen Gletschern und den staubigen Geröllfeldern der Alpen, kommt es zu einer letzten Konfrontation …

Wenn „Nichts bleibt“, dann muss natürlich vorher etwas dagewesen sein und daher geht es auch in diesem Roman weniger um die Rache an sich, als in erster Linie um den Verlust – in all seinen Formen und Facetten, denn ironischerweise sind sowohl Aufstieg als auch Niedergang des Franz Mathys eng mit ihm verknüpft. Als Kriegsfotograf hielt er in Krisengebieten wie Serbien oder Somalia das Leid und das Sterben auf Bildern fest, wartete er auf den passenden Moment, in dem jemand seine Würde, seine Hand oder gleich das Leben verlor. Dort wo Menschen nichts blieb außer dem Schrecken, sie alles verloren, was ihnen etwas bedeutete – dort erntete Mathys seinen fragwürdigen Ruhm. Nicht ohne gleichzeitig dabei wiederum einen Teil von sich selbst vor Ort zu lassen, den Teil, den man Menschlichkeit nennt, diese sichernde Schutzschicht der Empathie, die Epidermis des zivilisierten Ichs, welche, einmal entfernt, ihn anfällig macht für diese schleichende Destruktion der Vernunft. Statt sein Glück mit den Händen zu schützen, versucht er danach zu greifen, wobei es ihm nach und nach wie Sand durch die Finger rinnt.

Seine Frau, sein Sohn, sein Vater – alle verlassen sie ihn auf die eine oder andere Weise, speisen die tiefe Leere in ihm. Allein sein Nachbar steht Mathys in diesen dunklen Zeiten zur Seite, doch ist dieser als zuweilen militanter Tierschützer auch gleichzeitig der denkbar schlechteste Verbündete und leistet dem Absturz letztlich nur noch schneller Vorschub. Die Jagd auf die beiden Männer, welche, neben dem Angriff auf seinen Vater, auch für sadistische, auf Video aufgezeichnete Tötungen an Wildtieren verantwortlich zeichnen, gerät mit jeder Seite mehr außer Kontrolle. Dabei ist die Tatsache, dass die Männer ihre brutalen Inszenierungen unter dem Deckmantel der Kunst vollziehen, für Mathys noch schwerer zu ertragen, ist doch einer der beiden der Sohn des gönnerhaften Theaterliebhabers Grunewald, welcher seinerseits Karen mit unliebsamer Aufmerksamkeit überhäuft.

Diese Lust auf Gewalt, diese Gier nach Tod und Blut der Männer – sie erzeugen einen Widerhall in Mathis, spiegeln sich in seiner eigenen Vergangenheit, zeigen ihm Bilder des Mannes, der er zu einem gewissen Bruchteil selbst einst war. Zeigen ihm das, was er vergessen, was er nicht mehr sehen und vor allem nicht mehr sein wollte. Es ist dieser Widerspruch, der für ihn zu einer Schlinge wird, die sich immer mehr zuzieht. Um nicht daran zu baumeln, muss er nur einen Schritt zurücktreten und es geschehen, es gut sein lassen. Doch der Mensch, der er inzwischen ist, ist dazu nicht in der Lage. Braucht die Vergeltung. Braucht die Gewalt. Eben weil sie in seiner Reichweite liegt, weil sie ihm vertraut ist, weil ihm sonst nichts bleibt.

Wie Willi Achten diesen Absturz verbildlicht, wie er diese Spirale aus verlorenen Hoffnungen und Gelüsten nach Rache letztlich plottet – das ist gleich auf mehreren Ebenen zugleich unheimlich intensiv und beeindruckend. Seine Sprache ist geschliffen und wortgewaltig, die Sätze verknappt und kurz wie schnell geschossene Fotos, oft beim Anfang des Satzes das Ende des vorherigen aufgreifend. Zu Beginn ist das vor allem dort irritierend, wo der Autor mitten im Absatz zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt, allerdings stellt man sich relativ schnell darauf ein, wobei der Rhythmus zwar einerseits zum schnellen Lesen auffordert, die inneren Monologe und Beschreibungen andererseits aber zum Innehalten und Nachdenken anregen, wozu ich mich auch immer wieder habe hinreißen lassen – der drängenden Stimme, die wissen wollte, was als nächstes passiert, zum Trotz. Bereut habe ich es nicht, denn Achten entführt uns hier auch gedanklich an Orte, die man in sich aufnehmen muss, die man wirken lassen muss, um diese moralische, aber vor allem psychologische Tiefe reflektieren zu können. Und dies lohnt sich, denn der Roman bietet soviel mehr als nur pure Unterhaltung.

Die Lektüre ist vor allem eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen Gefühlswelt, mit den über dem ganzen Roman dräuenden Fragen: Wie weit würde ich gehen? Was braucht es, um meine Aggressionen das Handeln übernehmen zu lassen? Was wäre ich bereit von mir selbst zu opfern? Was besonders irritiert, was das Ganze uns so nahe gehen lässt – wir kennen die Antworten darauf, wenngleich sich vielleicht der eine das eher als der andere eingestehen kann. Und hieraus entwickelt sich schließlich auch so etwas wie ein Dialog mit dem Erzähler, ergeben wir uns ein Stück weg der Unvermeidlichkeit des Ganzen, welche, einer drückenden Schwüle gleich, am Leser nagt, ihn schlaucht, ihn in gewissem Sinne verzweifeln lässt, weil er nur hilfloser Beifahrer auf dieser Fahrt gen Abgrund ist. Die Einsamkeit, die uns dabei befällt, lässt bei mir – wie schon auch von einigen anderen Rezensenten bemerkt – Erinnerungen an Gerald Donovans „Winter in Maine“ aufkommen, dessen Protagonist seinen Verlust von Hund und Frau ähnlich zu verarbeiten sucht. Mit dem einzigen Unterschied, dass dort die kunstvolle Schreibe nicht derart intensiv auf meine Gefühle gewirkt hat, wie hier. Das gilt übrigens gleichermaßen für die fast fotografisch genauen Beschreibungen der Mathis umgebenden Topographie, welche wiederum besonders im letzten Drittel Parallelen zu Willmans „Das finstere Tal“ aufweisen.

Nichts bleibt“ – das ist Sog und Strudel zugleich. Eine langsame, aber stetige und quasi uns nebenbei in die Geschichte hineinziehende Auseinandersetzung mit dem persönlichen Verlust, mitunter düster und drastisch, dann wieder poetisch und gefühlvoll und dabei eins nie – oberflächlich. Achten beweist sich hier als literarischer Boxer, der an jeder Stelle Treffer erzielt, ohne augenscheinlich außer Puste oder dem leichtfüßigen Schritt zu kommen. Unglaublich, dass dieser Schriftsteller bisher so unter dem Radar geflogen ist, denn so passend der Titel inhaltlich auch ist, als Bewertung gerät er zur Farce – da bleibt einiges und das für viele Tage noch bei mir im Gedächtnis. Ein herausragendes Stück deutscher Literatur!

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: Willi Achten
  • Titel: Nichts bleibt
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 372 Seiten
  • ISBN: 978-3865325686

Been spending most their lives, living in the gangsta’s paradise …

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© Ullstein

„Die wichtigste Kriminalgeschichte der nächsten zehn Jahre“, schreibt die Zeitung „Scottish Mail“ über Gavin Knights Erstlingswerk „The Hood“, für das der Journalist (u.a. tätig für „Guardian“ und „The Times“), dessen Hauptinteresse der Bandenkriminalität in Großbritannien gilt, hunderte Stunden von Interviewmaterial ausgewertet und die polizeilichen Schilderungen realer Verbrechen in literarische Form verarbeitet hat.

Auch wenn diese Beurteilung dann doch die Bedeutung des Werks etwas überhöht – Knights Mischung aus Journalismus und Gangsterroman-Genre darf durchaus als Augenöffner für die Thematik des jugendlichen Terrors sein, der mitunter ganze Stadtteile betrifft und mancherorts inzwischen gar zu kriegsähnlichen Zuständen führt. Unterteilt ist der Erzählungsband dabei in drei Prosastücke, welche sich jeweils auf die Brennpunkte London, Manchester und Glasgow konzentrieren, in denen aus der Bekämpfung von Verbrechen eine Eindämmung seitens der Justizapparate geworden ist, die sich fast nur noch darauf konzentrieren, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die „Hoods“ sind zu einem rechtsfreien Ort verkommen. Und Knight schickt den Leser direkt in das Herz der Szene.

Den Anfang macht East London. Hier, auf den Straßen der Themse-Metropole, herrscht ein vierzehnjähriger ehemaliger Kindersoldat aus Somali namens Troll. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation von Teenagern, die durch Gewalt und Drogen durch das Raster der Gesellschaft gefallen sind, abgedrängt in eine Parallelwelt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt, die Familie die Gang ist, die Vaterfigur ein Killer oder Mafiosi. Jugendliche werden rekrutiert, für den Drogen-Verteilungskampf auf die Straße geschickt oder bei Rache-Feldzügen gegen rivalisierende Banden an vorderster Front verheizt. Selbst Pilgrim – früher ein gefürchteter Gangleader und nun nach einigen Jahren Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen – zeigt sich von dieser neuen Qualität an zügelloser Gewalt erschüttert. Ehemals heilige Regeln, sie gelten nicht mehr…

In Manchester begleitet der Leser Detective Anders Svensson. Eine Figur, die auf einem Undercover-Ermittler basiert, den Knight bei seinen Recherchen längere Zeit begleitete und mit dem er inzwischen gut befreundet ist. Das ist insofern bemerkenswert, da sie die Tragik des Protagonisten unterstreicht, der über fast zwölf Jahre den Drogenbaron Merlin und dessen Vollstrecker, den eiskalten Auftragskiller Flow, verfolgt und für diese Manie sein Privatleben sowie die eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat…

Im letzten Handlungsstrang steht die Polizeianalystin Katryn McClusky im Mittelpunkt, welche die Gewaltspirale in Europas gefährlichster Stadt mithilfe eines Präventionssystems namens „Face-to-Face-Call“, das bereits in Boston erfolgreich eingeführt wurde, durchbrechen will. Hier werden die Täter mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen ihrer Opfer konfrontiert und müssen sich in persönlichen Gesprächen deren Leid und Kummer stellen. Und es zeigt sich: Die Methode hat tatsächlich Erfolg. Aber auch nachhaltig?

Drogen-Kämpfe, Rachemorde, Polizeispitzel. Allein die Lektüre des Klappentexts legt nahe, Gavin Knights „The Hood“ in der Kategorie von David Simons epischen „Homicide“ einzuordnen, welches letztendlich als Blaupause für die erfolgreiche HBO-Fernsehserie „The Wire“ diente. Und in der Tat: Knight und Simon ähneln sich in ihrer Herangehensweise an das Sujet, verzichten beide auf künstliche Ausschmückungen und Zuspitzungen, um stattdessen den gesellschaftlichen Verfall eins zu eins, und von einer gewissen sachlichen Distanz geprägt, abzubilden. Das hat Vor- und Nachteile, da man zwar als Leser einen ungetrübten Einblick in eine Welt bekommt, welche einem sonst (glücklicherweise) verschlossen bleibt, aber auf der anderen Seite vergeblich nach eine richtiger Bezugsperson sucht, die es uns ermöglicht, auf einer persönlicheren Ebene mitzufühlen. Während da Simon mit seiner detaillierteren Ausarbeitung der einzelnen Personen seine Hausaufgaben gemacht hat, lässt Knights Werk dies vermissen. Detective Svensson aus Manchester mag so zwar in Wirklichkeit existieren, die Präsenz eines McNulty oder Wallander, mit denen „The Sunday Times“ einen Vergleich herstellen will, erreicht er aber nicht annähernd. Als Folge dessen hat mich dann auch dieser Erzählstrang am wenigsten beeindrucken können, nimmt man nur wenig Anteil an Svenssons Absturz.

Dafür ist der Einblick in die „Hoods“ selbst umso faszinierender, weil erschütternder. Knights Beschreibungen sprengen selbst schlimmste Vorstellungen, führen zu beunruhigenden Gedankengängen und werden wohl besonders die Einwohner in den nicht betroffenen Teilen der hier vorgestellten Städte ihr Zuhause mit anderen Augen betrachten lassen. Die moralische Wucht, mit der der Autor uns das Elend der Betroffenen nahe bringt, uns verdeutlicht, dass das der Alltag ist, lässt sich schwer schlucken und noch schwerer verdauen. Allen voran die Geschichte der zwei Sikhs, welche, auf ein besseres Leben hoffend, ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um dann drogenabhängig in den Straßenschluchten zu landen, ist genauso ironisch wie tragisch. Vom Regen in die Traufe. Oder „ein Kreislauf der Scheiße“, wie Richard Price es in seinem Milieuroman „Clockers“ beschreibt. Die Unausweichlichkeit der Schicksale, sie ist es, die hier eindringlich und nachträglich beim Leser haften bleibt. Kleine Geschichten, wie die einer Ärztin, welche täglich Kinder und Jugendliche mit schwersten Wunden von Hieb -und Stichwaffen versorgen muss. Oder Eltern, die zwar eine Ahnung von der Gewalttätigkeit ihrer Kinder bekommen, dennoch aber einfach nicht mehr nachfragen wollen, da sie die Wahrheit nicht ertragen können.

Krieg direkt vor der Haustür. Das ist das Stichwort. Und Gavin Knight nutzt jedes Mittel aus, um diesen realistisch und unzensiert auf Papier zu bringen. Ein Unterfangen, was ihm gelingt, wenngleich sich „The Hood“ äußerst holprig liest und nie zum „Pageturner“ wird – was ich, in Unkenntnis der originalen Ausgabe, jetzt einfach mal der Übersetzung anlasten würde, wenn Jürgen Bürger nicht sonst immer so eine sichere Bank wäre. Auch wenn ein Buch mit dieser Thematik in in erster Linie enthüllen und nicht unterhalten will – der sperrige Stil  erweist „The Hood“ leider in diesem Fall einen Bärendienst.

So ist „The Hood“ am Ende eben nicht die „wichtigste Kriminalgeschichte“, aber in jedem Fall ein wichtiges Buch, welches ein noch wichtigeres Thema solide, sachlich und gebührend beleuchtet. Und das allein ist wohl zumindest dem deutschen Leser zu wenig. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum dieses im März des Jahres 2012 hierzulande erschienene Werk nicht mal ganze drei Jahre später schon vergriffen war und nicht mehr gedruckt wird.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Gavin Knight
  • Titel: The Hood
  • Originaltitel: Hood Rat
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2012
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 297 Seiten
  • ISBN: 978-3550088988

 

Würde mit schmutzigem Gesicht

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© Liebeskind

„City of brotherly love
Place I call home
Don’t turn your back on me
I don’t want to be alone“

Diese Strophe aus Neil Youngs Song über die Stadt der brüderlichen Liebe mag vielleicht inhaltlich nicht allzu viel hergeben, gibt dafür aber äußerst treffend den Ton dieses über alle Maßen gefühlvollen und doch gleichzeitig mitunter harten Stücks Literatur wieder, dem man nicht so wirklich abnehmen will, ein Erstlingswerk zu sein.

Bereits in meinem Geburtsjahr 1983 erschienen, hat es inzwischen beinahe ein Vierteljahrhundert auf dem Buchrücken und wirkt dennoch auch heute noch wie frisch zu Papier gebracht. Von einem Alterungsprozess wagt man nicht zu sprechen. Im Gegenteil: Es scheint mit der Zeit noch gereift zu sein und vielleicht diese gar gebraucht zu haben, was u.a. ein Grund sein könnte, warum erst 2011 eine Übersetzung ins Deutsche stattfand – die, das sei vorweg bemerkt, besser nicht sein könnte, was einmal mehr auch Jürgen Bürger zu verdanken ist, der sich derzeit wieder bei James Lee Burke für Pendragon verdient macht. „God’s Pocket“ ist jedoch beim Liebeskind Verlag erschienen. Und ich bin beinahe versucht zu sagen, zwangsläufig, denn wenn es darum geht herausragende Autoren und ihre Bücher zu ent- bzw. wiederentdecken, darf man hier inzwischen fast eine Art Monopol für sich beanspruchen.

Mit Pete Dexter hat man in jedem Fall einen Schriftsteller an Land gezogen, der sich im Grenzgebiet zwischen Spannungsroman und klassischer Unterhaltungsliteratur äußerst wohlfühlt und von Kritikern beider Seiten – und das ist eher selten – wohlmeinend bis überschwänglich gelobt wird. Dem Klischee vom Krimi als schmuddelige, triviale Zwischendurchlektüre nimmt er hier auf nicht ganz vierhundert Seiten auf eindrucksvolle Art und Weise den Wind aus den Segeln, ja, gibt diesem nicht mal einen Fußbreit Raum, sondern bekräftigt sprachlich kraftvoll einmal mehr die Durchlässigkeit der Grenzen dieses sträflich unterbewerteten Genres. Zwar ist auch hier ein Mord der Ausgangspunkt, doch was Dexter im weiteren Verlauf damit macht, das ist – um es mit den Worten eines ehemaligen Bundesligatrainers zu sagen – ganz großes Tennis. Und damit zum Inhalt:

Anfang der 80er Jahre, der Stadtteil God’s Pocket (das in der Realität Devil’s Pocket heißt und auch auf diesem basiert) im Süden der Stadt Philadelphia. Ein ehemals gänzlich irisches Viertel, das zwar im Verlauf der Gentrifikation seine Attraktivität etwas steigern und durch den anschließenden Zuzug den ein oder anderen zahlungskräftigen Eigentümer oder Mieter anlocken konnte, sich im Kern seine raue Natur aber bewahrt hat. Hier leben die hart schuftenden Außenseiter, die geprügelten Hunde, die Zocker, Verlierer und die Trinker. Nachts sind die Straßen in der Hand desjenigen, der bereit ist, sie sich zu nehmen. Und auch die Polizei lässt sich nur dann blicken, wenn es nicht wirklich anders geht. Was diesmal der Fall ist, denn auf der Baustelle des Holy Redeemer Hospitals wartet der Leichnam des 22-jährigen Leon Hubbard, der, laut Aussage seines Vorarbeiters Coleman Peets, bei einem bedauerlichen Unfall ums Leben kam. Eine Erklärung, die vor allem in den Augen von Officer Eisenhower äußerst zweifelhaft ist, dem die nervöse Zurückhaltung der anderen Baustellenarbeiter während Peets Befragung nicht entgeht und diesen dezent darauf hinweist, dass die Sache so einfach nicht aus der Welt zu schaffen ist.

Eine prophetische Bemerkung, den Hubbards Ableben, der tatsächlich durch eine Eisenstange auf den Hinterkopf sein Ableben fand, wirft nach und nach größerer Kreise im trüben, dreckigen Teich God’s Pocket. Während fast alle, einschließlich sein Stiefvater Mickey Scarpato – ein Tiefkühllasterfahrer, der sich mit krummen Touren und Pferdewetten sein Gehalt aufbessert – dem unberechenbaren und seine Mitmenschen drangsalierenden Rotzbengel keine Träne hinterher weinen, will Leons Mutter Jeanie nicht an einen Unfall glauben. Und so lange der genaue Hergang nicht aufgeklärt ist, das ahnt auch Mickey, wird sich keine Normalität – insbesondere in ihrem Sexleben – mehr einstellen. Gezwungenermaßen nutzt er seine Kontakte zur Unterwelt von God’s Pocket, um den Schuldigen ausfindig zu machen. Eine folgenschwere Entscheidung, insbesondere für Mickey selbst.

Jeanie hat sich zu diesem Zeitpunkt längst von ihrem Lebensgefährten distanziert und setzt stattdessen alle Hoffnungen in den Journalisten Richard Shellburn, seit Jahren Liebling der kleinen Leute und das Aushängeschild der Daily Times von Philadelphia, der aber mittlerweile zunehmend von den Erfolgen der Vergangenheit lebt und ohne Unterstützung seines Gehilfen Billy kaum noch eine vernünftige Kolumne auf Papier bekommt. Die Begegnung mit der attraktiven Jeanie holt Shellburn nun jedoch aus seinem Tief. Noch einmal hievt er seinen Hintern hoch, um selbst zu recherchieren. Doch zu diesem Zeitpunkt ist Mickeys Maschinerie bereits schon voll im Gang …

Von der „Würde mit schmutzigem Gesicht“ schreibt Richard Shellburn in seinem Artikel über das Ableben von Leon Hubbard – und es ist auch diese Würde, welche Dexters Roman anhaftet. Eine stille, karge und spröde Würde. Geschliffen und kalt wie Eis, aber gleichzeitig doch trüb, wie ein dunkler, nebliger Schleier, der über allem liegt, alles durchdringt, was in God’s Pocket geschieht. Nein, dieser Roman ist keine einfache Lektüre. Nichts, was man zwischen Feierabend und heimischen Sofa in der U-Bahn mal eben anlesen und genießen kann. Überhaupt ist der Genuss in erster Linie denjenigen vorbehalten, die eine Vorliebe für lakonische und zynische Sprache mitbringen. Für diejenigen, die es wertschätzen, wenn Worte nicht nur eine Ansammlung von Sätzen bilden, um zu erzählen, sondern schon für sich genommen genug Gefühl transportieren, um die Distanz zwischen Leser und Buch zu überbrücken. Denn das tun sie. Seite für Seite.

Ich habe nicht genug von seinen Werken gelesen, um dies eigentlich behaupten zu können und lehne mich dennoch aus dem Fenster und sage: Dies ist Pete Dexters persönlichstes Buch. Nicht nur weil die Figur Richard Shellburn wie er selbst Journalist ist und diesem am Ende ein ähnliches Schicksal ereilt (mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten). Und nein, nicht nur weil dieser Schauplatz God’s Pocket seinem altem Revier als Schreiberling so nahe kommt. Nein, ich äußere dahingehend die Vermutung, weil hier augenscheinlich niemand mit Skript gearbeitet oder gar mehrere Anläufe gebraucht hat. Alles wirkt, als wäre es direkt vom Kopf durch die Hand und die Feder auf die Seiten geflossen. Ohne Verzögerung und ohne einen Moment des Zweifels, ob die eingeschlagene Richtung jetzt stimmt oder das Schicksal einer Person doch anders aussehen sollte. Stattdessen wohnt allem eine Sicherheit inne. Sicherheit für genau den richtigen Rhythmus, für genau den richtigen Satz zur richtigen Zeit. Dexter braucht dafür keinen Spannungsbogen, keinen Klimax, auf den die Handlung zusteuern muss – er nimmt das Leben, den Alltag, wie er kommt. Mit all seinen zerbrochenen Hoffnungen und Selbstzweifeln, mit Selbstbetrug, mit der Suche nach Liebe und mit den Ausbrüchen von Gewalt.

Nichts davon geht am Leser spurlos vorbei. Die Trauer der Mutter ist, trotz Kenntnis der Umtriebe ihres missratenen Sohnes, bar jeder Ironie und nachvollziehbar. Das Streben von Mickey nach mehr Anerkennung oder mehr Geld, sein Scheitern im Kampf um eine Liebe, die vielleicht gar nie eine war – es ist ebenso grotesk und ungelenk wie tragisch. God’s Pocket, das wird von Beginn an klar, lässt einem keine andere Chance. Macht die Menschen, zu dem was sind. Formt ihre Gedanken und Träume auf die gleiche Weise, wie es letztere verblassen lässt. Dexter braucht nur wenige Seiten, um uns in dieses Milieu eintauchen zu lassen, das er zwar offensichtlich genau studiert hat, jedoch nie im Stile einer Studie präsentiert wird. So ist der Realismus eher Resultat als angestrebtes Ziel. Eine unmittelbare Folge von den Geschehnissen, die Dexter präsentiert und niemals inszeniert. Mal mit rabiatem Ernst und mal mit trockenem, unverwässertem Witz:

(…) „Typen wie den habe ich schon so manche Dinge machen sehen …“, sagte Mickey. „Ich meine, er weiß nichts, und das ist schon okay, solange man sicher ist, dass er nichts weiß. Wie jetzt zum Beispiel, wo er dort steht und sich auf die Schuhe pinkelt. Der Wind bläst unterm Anhänger durch, aber er merkt es nicht mal, wegen der ganzen Geräusche, an die er nicht gewöhnt ist. Aber wenn du jetzt da rausgehst und ihm sagst, dass er sich gerade auf die Schuhe pisst, dann legt er dich um, nur um dir zu zeigen, dass er weiß, was er tut.“

„Das ist der Grund“, sagte Bird, „warum der liebe Gott dir und mir ein Gehirn gegeben hat. Damit wir eben nicht aussteigen und ihm sagen, dass er sich gerade auf die Schuhe pinkelt.“ (…)

Es sind immer wieder Dialoge wie dieser, welche die schwermütige Tragik für kurze Zeit unterbrechen, diese allerdings nie ganz vertreiben können. Und das ist auch gut so, denn „God’s Pocket“ sollte und musste genau diese Art von Buch sein. Kein Blick in die Gesellschaft, sondern aus ihr heraus. Heraus aus einem kleinen Viertel, deren Menschen vergessen wurden und in dem eben diese darum kämpfen, dass ihrer gedacht wird – und von Dexter respekt- und würdevoll dabei unterstützt werden.

God’s Pocket“ ist mitunter nicht immer leicht zu ertragen, geht ans Herz, an die Nieren, beschäftigt den Verstand, will sich querstellen und einen anderen Weg gehen. Es ist aber eben auch sprachlich herausragend, tiefsinnig und rasiermesserscharf ehrlich – ein schmutziger Roman „Noir“, der wirkt und nachwirkt. Und der Fingerzeig eines Genres, das verkörpert durch diesen Titel schmunzelnd zu bemerken scheint: „Ja, ich mag auf den ersten Blick schmuddelig sein – aber ich werfe den Blick genau dahin, wohin niemand schauen will. Und ich tue es so, dass ihr mitblicken müsst.“

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Pete Dexter
  • Titel: God’s Pocket
  • Originaltitel: God’s Pocket
  • Übersetzer: Jürgen Bürger, Kathrin Bielfeldt
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3935890700