Der alte Mann und das Mädchen

© Liebeskind

Pendragon, Arche, Ariadne/Argument, Liebeskind – im Meer der großen deutschsprachigen Verleger sind es oftmals die vermeintlich Kleinen, welche mit einem zwar übersichtlichen, aber stets erlesenen Programm zu überzeugen wissen. Und besonders letztgenannter hat sich in den vergangenen Jahren zu einer sicheren Bank für mich gemausert. Was bei Liebeskind erscheint, das kann, so zumindest meine Erfahrung, nicht nur bedenkenlos gekauft, sondern auch stets mit Vergnügen gelesen werden.

Dennoch hat es lange gedauert, bis Yōko Ogawa in mein Bücherregal gewandert ist. Geschuldet ist diese Zurückhaltung einer allgemeinen Skepsis was japanische Literatur angeht. Das Land der aufgehenden Sonne und des Lächelns ist mir seit jeher etwas suspekt, seine Kultur so sehr und auf eine gewöhnungsbedürftige Art und Weise von der unseren verschieden, dass sich mein Interesse an ihm in Grenzen hält. Der lieben Frau Susanne Fink, Verantwortliche für Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei Liebeskind, ist es zu verdanken, dass ich dennoch einen Versuch gestartet habe: „Hotel Iris“ war ihre Empfehlung, meine erste Ogawa und, auch wenn das Leseerlebnis aufgrund der Thematik doch irgendwie zwiespältig ausfällt, wohl nicht meine letzte.

Kurz zur Handlung: Zusammen mit ihrer Mutter führt die 17-jährige Mari das titelgebende „Hotel Iris“ in einem kleinen Badeort an der japanischen Küste. Ein wenig einträglicher und zuweilen eintöniger Job. Zumindest bis zu dem Abend, wo sie Zeugin eines lautstarken Streits zwischen zwei Gästen wird. Ein älterer Herr und eine offensichtlich zutiefst schockierte Prostituierte, die vor seinen sexuellen Neigungen Reißaus nehmen will. Gegen ihren Willen ist Mari beeindruckt von diesem mysteriösen Mann, der trotz seiner abartigen Wünsche Würde und Eleganz ausstrahlt. Und damit genau das verkörpert, was „Hotel Iris“ seit langer Zeit verloren hat. Als sie ihn wenige Tage später in der Stadt wiedersieht, spricht sie ihn an und folgt ihm kurzerhand mit einer Fähre auf eine kleine Insel. Hier, zurückgezogen von den Menschen, arbeitet der Mann an der Übersetzung eines russischen Romans, an dessen Ende die Heldin der Geschichte ein gewaltsames Ende findet. Genau wie seine eigene Frau Jahre zuvor.

Mari ist gleichermaßen abgestoßen und fasziniert. Hat der Mann seine Frau gar selbst getötet? Wäre er zu so etwas fähig? Von der Neugier getrieben, verbringt sie immer mehr Zeit mit ihm. Stets eingeladen durch einen liebevollen Brief, dem in seinem Haus auf der Insel die Demütigung folgt. Gefesselt und unfähig zur Flucht, lässt sich Mari auf dieses Spiel aus Bestrafung und Lust ein, bis sie eines Tages hinter sein Geheimnis kommt… und aus dem Spiel ernst wird.

Sado-masochistische Praktiken, sexuelle Beziehungen zwischen sehr jung und sehr alt – nein, thematisch wäre „Hotel Iris“ kein Roman gewesen, der mit mir gemeinsam die Buchhandlung meines Vertrauens verlassen hätte. Die Neigung, den eigenen Körper verletzten zu wollen und daraus auch noch Befriedigung zu ziehen, ist mir zutiefst suspekt, wenngleich sie hier äußerst anschaulich und nachvollziehbar geschildert wird. Im Mittelpunkt stehen zwei Charaktere, welche zwar viele Lebensjahre trennen, die aber beide auf ihre Art und Weise einsam, auf der Suche nach einer verwandten Seele sind. Besonders Mari hadert mit der wenig erfüllenden Arbeit im Hotel, lässt sich immer mehr hängen und gibt sich dabei kaum Mühe, ihre Unzufriedenheit zu verbergen. Gerade diese innere Unruhe ist es, welche sie in die Arme des Mannes treibt. Er verkörpert den drastischen Gegensatz zum Hier und Jetzt, holt Mari aus der Tristesse des Alltags. Gleichzeitig ist es eine Rebellion gegen die Zwänge des Hotels und die allgegenwärtige Mutter. Während sie hier lediglich gebraucht wird, will der Übersetzer sie – und alles von ihr. Es ist dieses ihr entgegengebrachte Verlangen, dass den schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens in Gang setzt – aber auch letztlich die Schattenseiten dieser Entwicklung schmerzlich spürbar werden lässt.

Für den Leser ist diese Verwandlung Maris mitunter schwer zu ertragen. Ogawa schreibt zwar nicht obszön, aber doch klar und mitunter eiskalt sachlich. Sie geht weit über die üblichen Andeutungen hinaus und wird selbst in den intimsten Momenten konkret, wobei sich das voyeuristische Potenzial dieser Szenen in Grenzen hält. Letztlich war es aber diese knappe, gefühlskalte Sprache, die „Hotel Iris“ zu einem lohnenden Leseerlebnis gemacht hat. Mit einem anderen thematischen Hintergrund könnte in Zukunft aus dem soliden Vergnügen eventuell sogar Begeisterung werden. Andere Titel der Autorin werden jedenfalls in Bälde auf meinen Merkzettel wandern.

Hotel Iris“ ist ein drastisch-klarer, ungekünstelter „Coming-of-Age“-Roman. Schwer verdaulich, hart, aber auch eindringlich und nachwirkend. Einmal mehr hat der Liebeskind-Verlag hier einen guten Riecher bewiesen.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: Yoko Ogawa
  • Titel: Hotel Iris
  • Originaltitel: Hoteru airisu
  • Übersetzer: Ursula Gräfe, Kimiko Nakayama-Ziegler
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 11/2001
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3935890007
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