Spuren im Staub

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© Unionsverlag

Nachdem mich bereits der erste Band aus der Reihe um Inspector Morse und Sergeant Lewis von der Thames Valley Police gut unterhalten hatte, war für mich eine Rückkehr ins beschauliche Oxford schon fast so etwas wie ein Muss. Allerdings gestaltete diese sich insofern schwierig, da die Morse-Titel nicht nur seit längerer Zeit vergriffen, sondern auch nur noch zu teilweise horrenden Preisen erhältlich sind.

Letztendlich hat es mit dem Kauf von „Zuletzt gesehen in Kidlington“ dann allerdings doch noch einigermaßen günstig geklappt und einer gemütlichen Krimi-Lektüre stand nichts mehr im Wege. Natürlich nicht ohne vorher darüber zu fluchen, dass man einen derart wichtigen Schriftsteller im Bereich der Spannungsliteratur von Seiten der Verlage immer noch so schmählich ignoriert. Aber die Leser kriegen, was die Leser wollen. Und das muss in den letzten Jahren ja zunehmend blutiger und inhaltlich „übersichtlicher“ sein. Colin Dexters zweiter Roman würde wohl heute die meisten Krimifreunde nicht mehr hinter dem Ofen hervor locken, was in diesem Fall sogar verständlich ist, hat doch „Zuletzt gesehen in Kidlington“ seit seinem Erscheinen im Jahr 1976 etwas Staub angesetzt.

Und Staub liegt auch auf dem neuesten Fall, mit dem Inspector Morse von seinem Vorgesetzten beauftragt wird. Vor mehr als zwei Jahren ist Valerie Taylor, zum damaligen Zeitpunkt eine siebzehnjährige Schülerin, aus einem Vorort in der Nähe von Oxford verschwunden und seitdem nie wieder aufgetaucht. Chief Inspector Ainley, einer der besten Mitarbeiter der Thames Valley Police, hatte sich nun nach der Lektüre eines Artikels über verschwundene Jugendliche in der „Sunday Times“ nochmal die Unterlagen des als abgeschlossen betrachteten Falles vorgenommen und war dabei auf gewisse Ungereimtheiten gestoßen, welche ihn dazu bewogen hatten, weitere Nachforschungen in dieser Sache anzustellen. Seine Spur führte ihn dabei nach London. Bevor er jedoch die neuen Erkenntnisse mit jemanden teilen konnte, verunglückte er auf der Rückfahrt tödlich. Morse soll jetzt da weitermachen, wo Ainley aufgehört hat. Ein Auftrag, von dem der eigenwillige Inspector alles andere als begeistert ist, da er die Verschwundene insgeheim bereits für tot hält. Umso überraschter ist er, als ihm ein Brief von Valerie gezeigt wird, den sie erst vor kurzem an seine Eltern geschrieben hat.

Morse ist jedoch weiterhin von seiner Theorie des toten Mädchens überzeugt und versucht die Indizien auch in diese Richtung zu deuten, während gleichzeitig sein Kollege Sergeant Lewis glaubt, dass Valerie noch unter den Lebenden weilt und dementsprechend in London ermitteln will. Gemeinsam schnüffeln sie der schon sehr kalten Fährte nach, wobei sie auf ihrem Weg zum Ziel ein ums andere Mal eine Theorie verwerfen müssen …

Soviel sei gesagt: Sherlock Holmes hätte bei der Lektüre dieses Buches wohl seine Bruyère-Pfeife über dem Knie zerbrochen, widerspricht doch Morses Arbeitsweise so überhaupt nicht der des deduktiv denkenden Meisterdetektivs. Ganz im Gegenteil: Der Oxforder Inspector knobelt im Verlaufe des Falls eine mögliche Lösung nach der anderen aus, wobei er sich stets von seiner Intuition leiten und Beweise grundsätzlich völlig außer acht lässt. Das führt dazu, dass Morse und Lewis bei ihren Ermittlungen gleich desöfteren in einer Sackgasse landen. Und mit ihnen letztendlich dann auch der besonders im letzten Drittel arg in seiner Geduld strapazierte Leser. Doch fangen wir vorne an:

Zuletzt gesehen in Kidlington“ bietet all die Ingredienzien, welche man bereits von den anderen großen britischen Kriminalromanschreibern wie Reginald Hill, Ian Rankin und John Harvey kennt. Ein gut ausgeklügelter, intelligent durchdachter Plot, der, ähnlich einer Baumkrone, sich immer wieder verästelt und falsche Fährten für Leser und Protagonisten gleichermaßen auslegt. Interessanterweise wird hier jedoch zu Beginn kein Mörder gesucht, sondern in erster Linie die Frage behandelt, ob es überhaupt einen Mord und somit ein Verbrechen gegeben hat. Der Kreis der Verdächtigen ist schon fast whodunit-typisch sehr klein gehalten, besticht dafür aber durch eine intensive Skizzierung der Figuren, welche allesamt bis zum Schluss recht undurchschaubar bleiben. Ob Direktor Donald Phillipson oder die Eltern der verschwundenen Valerie. Jeder scheint so seine Leichen im Keller zu haben, was es dem Miträtselnden fast unmöglich macht, einen einzelnen Hauptverdächtigen zu selektieren. Dexter gelingt es hervorragend, uns Einblick in die Seele der Charaktere zu geben, ohne dabei zu viel zu offenbaren. Das macht das Buch besonders gegen Anfang, wo die Geheimnisse der Lehrer auf der Gesamtschule von Valerie sowie das seltsame Verhalten der Eltern thematisiert werden, äußerst spannend und lässt den Leser schnell Zugang zu der Geschichte finden.

Wie bereits oben angedeutet, verliert sich diese Spannung dann aber im weiteren Verlauf, was daran liegt, dass stets neu auftauchende Erkenntnisse nur wenige Seiten später widerlegt werden und den Fall wieder in einem völlig neuen Licht präsentieren. Eine grundsätzlich gute Idee, welche mir Dexter hier aber zu weit getrieben hat, da so einiges an Glaubwürdigkeit verloren geht. Was den Aufbau angeht, fühlte ich mich dabei ein wenig an Anthony Berkeleys „Der Fall mit den Pralinen“ erinnert, welches ebenfalls stets andere Lösungen präsentierte, um sich aus den Fehlern der einzelnen Gedankenansätze dann eine komplett andere Erklärung zu basteln. In gewissem Sinne spiegelt sich in dieser Erzählweise Morses Vorliebe für Kreuzworträtsel wieder. Auf gut Glück werden da Indizien zusammengefügt, welche schließlich als Ganzes manchmal leider keinerlei Sinn mehr ergeben. Am Ende ist man als Leser (sofern man nicht fleißig mit Bleistift und Papier mitdokumentiert hat) gänzlich verwirrt und hat arge Schwierigkeiten und auch wenig Muße, die verschiedenen Stränge aufzudröseln bzw. nachzuvollziehen.

Was die Figuren betrifft: Hier sieht man deutlich den Einfluss, welchen Dexter auf das Genre ausgeübt hat. Morse ist in vielen seiner Eigenheiten in gewissem Sinne der Prototyp des heutigen englischen Roman-Inspectors. Ein sehr eigenwilliger, sturer Kauz, der seine eigenen Wege geht und die Zusammenarbeit mit anderen eher als hinderlich empfindet. Dennoch passt dann der nüchterne und trotzdem sehr produktive Sergeant Lewis perfekt an seine Seite. Ein interessantes Team, das gegenüber dem Erstlingswerk „Der letzte Bus nach Woodstock“ aber für weniger Lacher sorgt.

Zuletzt gesehen in Kidlington“ ist ein zwar wenig spannendes, aber intellektuell äußerst anregendes Rätselraten, das ruhig erzählt für verregnete Herbsttage bestens geeignet ist und trotz einiger Holperer und Schwächen durchaus Appetit auf mehr aus der Morse-Reihe macht. Eine Empfehlung für alle Freunde englischer Kriminalliteratur, die auch ohne blutüberströmte Leichen Freude an einem Buch finden können.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Colin Dexter
  • Titel: Zuletzt gesehen in Kidlington
  • Originaltitel: Last Seen Wearing
  • Übersetzer: Marie S. Hammer
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 07.2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3293208063

Das Alphabet des Inspector Morse

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© Unionsverlag

Am 21. März 2017 ist er im Alter von 86 Jahren gestorben: Colin Dexter. Der Brite, dessen Krimi-Reihe um den in Oxford und Umgebung ermittelnden Inspector Morse in den 70er und 80er Jahre zur Grundausstattung einer jeden gut sortierten Buchhandlung gehörte, hat in späteren Jahren nie mehr wirklich  vom aufkommenden Boom des Genres profitieren können und doch frühzeitig für dieses Maßstäbe gesetzt. Zu einer Zeit, in der der Krimi noch abfällig schnaubend als Toiletten-Lektüre abgetan wurde, hatte er bereits (nicht nur aufgrund des Schauplatzes) gezeigt, das Bildung und Gelehrsamkeit durchaus mit Mord und Totschlag in Einklang zu bringen sind. Grund genug für mich einen Blick zurück auf sein Debütwerk zu werfen und ihm die gebührende Ehre zu erweisen.

Ruhen Sie in Frieden, Mr. Dexter.

Als ich meinen ersten Roman aus der Reihe um Inspektor Morse von der Thames Valley Police durchgelesen hatte, zeichnete sich bereits damals ab, dass daraus eine langjährige Freundschaft erwachsen könnte. Colin Dexter, der inzwischen (leider) vielen gar kein Begriff mehr sein dürfte und unverständlicherweise seit Jahren bei Neuauflagen von Seiten der Verlage ignoriert wird, gehörte nicht nur zu den beliebtesten Kriminalautoren Großbritanniens, sondern diente auch vielen seiner Nachfolger als stilistisches Vorbild.

Aus einer gutbürgerlichen Familie stammend, unterrichtete Dexter bereits in frühen Jahren an der Universität von Cambridge und wechselte dann, nachdem bei ihm Anzeichen einer beginnenden Taubheit ausbrachen, auf einen Posten an einem College in Oxford. Und hier, im kultivierten Mileu von Oxfordshire, ließ er seit Mitte der 70er Jahre Inspector Morse an der Seite von Sergeant Lewis auf Verbrecherjagd gehen. Die Idee zu seinem Erstling „Der letzte Bus nach Woodstock“ soll ihm dabei während eines Familienurlaubs in Wales gekommen sein, als ihn Dauerregen für mehrere Tage im Hotel festsitzen ließ.

Der Krimi beginnt auf halber Strecke zwischen Oxford und Stratford-on-Avon im beschaulichen Woodstock, einem kleinen Ort, in dem unter anderem Sir Winston Churchill das Licht der Welt erblickt hat. Nicht nur wegen dieser Berühmtheit ist es ein beliebtes Ausflugsziel für die Bewohner der umliegenden Gemeinden, die besonders den Pub „Black Prince“ mit Freude frequentieren. Dort findet eines Abends der betrunkene John Saunders in der dunkelsten Ecke des Hinterhofparkplatzes die übel zugerichtete und vergewaltigte Leiche einer jungen Frau. Inspector Morse nimmt sich des Falles an und arbeitet dabei erstmals mit Sergeant Lewis zusammen. Gemeinsam wühlt man sich mithilfe von Befragungen durch das nähere Umfeld und findet bald heraus, dass die Tote namens Sylvia Kayes nach Woodstock getrampt ist. Und ihr Mörder scheint derjenige gewesen zu sein, der sie mitgenommen hat. Damit nicht genug: Eine Augenzeugin berichtet, dass Kayes zusammen mit einer anderen Frau war, mit welcher sie offensichtlich befreundet war. Doch wer war diese andere Unbekannte? Und warum meldet sie sich nicht bei der Polizei?…

Auf gerade mal knapp 288 Seiten gelingt es Dexter eine sehr dichte Atmosphäre auf Papier zu schmieden, die zwar durchaus immer wieder die Schwächen des Debütromans (u.a. viele unnötige Wiederholungen) aufweist, im Ganzen aber mit einer Reife überrascht, die bereits zu Beginn mehr als neugierig auf die Nachfolger macht. Morse zeigt sich als Urtypus des unkonventionell ermittelnden Polizeibeamten (Sherlock Holmes war ja Detektiv in „beratender Funktion“), der weniger dem Handbuch folgt, als vielmehr auf eigene Eingebungen setzt und es mit dem dienstlichen Ton nicht so genau nimmt. Lewis nimmt dabei eine Watson-ähnliche Rolle ein und muss, obwohl älter als Morse, stellvertretend für den oftmals in die Irre geführten Leser die blöden Fragen stellen, auf die sein Vorgesetzter zumeist schon die „offensichtliche“ Antwort kennt.

Überhaupt ist das miteinander der Beiden ein äußerst erfrischendes, komödiantisches Element, das für stetige Kurzweil in einem Plot sucht, der in erster Linie mit seinem intelligenten, wenn auch nicht übermäßig komplexen Aufbau und der typisch-englischen Kleinstadtstimmung überzeugt. Die Zeichnung der Hauptfiguren ist nicht weniger gelungen, bleibt aber im Erstling noch ziemlich grob und geht vor allem auf Morse ein, von dem wir erfahren, dass er nicht nur über ein umfassendes Allgemeinwissen verfügt, welches er im allmorgendlichen Kreuzworträtsel erprobt, sondern auch eine Schwäche für hübsche Verdächtige hat. Ein Element, das sich durch die ganze spätere Reihe ziehen soll. Die wurde übrigens über viele Jahre für das englische Fernsehen verfilmt und uns bisher in deutscher Übersetzung vorenthalten. Dafür hat es der Ableger „Lewis„, von dem ich persönlich weniger angetan bin, bereits vor einiger Zeit auf unsere Fernsehbildschirme geschafft.

Der letzte Bus nach Woodstock“ – das ist ein überzeugender, verblüffend gut geratener und spannender! Debütroman, der bei mir die Lust nach mehr weckte  und allen Freunden von melancholischen, aber gewitzten Ermittlern nur ans Herz gelegt werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass sich – nach Dexters Tod vor wenigen Tagen – endlich wieder ein Verlag findet, der diese richtungsweisende, ur-britische Krimi-Reihe neu, und vor allem auf gebührende Art und Weise, auflegt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Colin Dexter
  • Titel: Der letzte Bus nach Woodstock
  • Originaltitel: Last Bus To Woodstock
  • Übersetzer: Marie S. Hammer
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 11.2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3293208216