Lügen in Zeiten des Krieges

© Suhrkamp

Jurek Beckers Debütroman „Jakob, der Lügner“ hat, trotz seines Prädikats als Klassiker der Weltliteratur, lange Zeit ein verstaubtes Dasein in meinem Regal gefristet. Zum einem fasst man das Thema Holocaust nicht leichtfertig an, zum anderen haben die im Geschichtsunterricht gezeigten Archivbilder über die Befreiung von Auschwitz Spuren hinterlassen.

Sich diesem dunklen Kapitel unserer deutschen Vergangenheit auf literarischer Ebene nochmals zu stellen, hatte ich mich eine Zeitlang einfach nicht mehr gewagt. Letztlich ward es dann doch irgendwann von mir gelesen, was ich im Nachhinein auch nicht bereut habe, denn Beckers Auseinandersetzung mit den Grauen der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkriegs ist über alle Maßen gelungen. Er schafft das scheinbar Unmögliche – mit Humor über den Holocaust zu schreiben und seine eigenen persönlichen Erfahrungen (Becker selbst wuchs im Ghetto von Lodz sowie in den Konzentrationslagern von Ravensbrück und Sachsenhausen auf und lebte später in Ostberlin, wo auch „Jakob, der Lügner“ entstand) einzuarbeiten, ohne den Roman zu sehr autobiographisch zu prägen.

Geschildert wird die Geschichte aus der Perspektive des einzigen Überlebenden eines polnischen Ghettos, der nicht über die Deportation seiner eigenen Familie und seiner Freunde sprechen mag, und dem Leser stattdessen von Jakob Heym berichtet. Dieser ist zur selben Zeit wie der Erzähler Bewohner des Ghettos. Und das „Leben“ dort bedeutet Verzicht auf alles. Bäume sind in dem abgeriegelten Bezirk von den Nazis verboten worden, genauso wie der Besitz von Ringen und sonstigen Wertgegenständen, die Haltung von Tieren oder der Aufenthalt auf der Straße nach acht Uhr. Besonders diese Sperrstunde macht dem begeisterten Spaziergänger Jakob zu schaffen. Und sie ist es auch, mit der diese Geschichte ihren Anfang nimmt. Jakob wird vorgeblich nach der festgelegten Ausgangssperre von einem Wachposten erwischt, der ihn in das Hauptquartier der örtlichen Polizei schickt. Jakob zittert vor Todesangst, doch er hat Glück im Unglück. Der guten Laune eines anwesenden Offiziers ist es zu verdanken, dass er nicht nur als erster Jude das deutsche Revier lebend verlässt und sich somit der Willkür eines wahrscheinlich nur gelangweilten Wachmanns entzieht, sondern auch noch eine aktuelle Frontlage aus einem Radiobericht belauschen kann. Die Russen sind auf dem Vormarsch. Sie kämpfen kurz vor einer nur 400 bis 500 km entfernten Stadt.

Als er diese Nachricht den Bewohnern des vollkommen von der Außenwelt abgeschnittenen Ghettos präsentiert, will ihm niemand Glauben schenken. Ausgerechnet jetzt will Jakob Frontberichte gehört zu haben? In der Höhle des Löwen, dem deutschen Revier? Ein Ort, den keiner verlässt? Jakob, der ein wenig Freude schenken wollte, wird nur müde belächelt. Um einem Freund aufzumuntern und die Nachricht glaubhafter zu machen, entwirft er eine Notlüge. Er behauptet ein Radio zu besitzen. Dies wird nun schnell zum Lebensgrund der Menschen. Die täglichen Neuigkeiten, die Jakob erfindet, wecken neuen Glauben bei den Ghettobewohnern. Plötzlich werden Pläne für nach dem Krieg geschmiedet, geben sich Paare der Liebe hin, hören die Selbstmorde auf. Aus „einem Gramm Nachrichten“ erschafft Jakob „eine Tonne Hoffnung“ und sieht sich damit einen großen Verantwortung ausgesetzt. Er zerbricht sich den Kopf bei der Erfindung neuer, glaubwürdiger Neuigkeiten, improvisiert sogar ein Interview mit dem englischen Premier Winston Churchill. Bald übersteigt das Lügen seine Kräfte. Doch als er die Wahrheit gestehen will, muss er erkennen, dass ein einfacher Rückzug nicht mehr möglich ist …

Puh, was für ein Buch. Mit einer beiläufigen, klaren und oft sehr humorvollen Sprache schildert Becker den hoffnungslosen und dramatischen Alltag der Bewohner eines Ghettos unter dem menschenverachtenden Naziregime, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben. Stattdessen verpackt er seine Kritik an der damaligen Zeit in der Geschichte selbst. Aufgrund des auktorialen Erzählers, der selbst im Ghetto lebt und die Grausamkeiten und Probleme durch seine Erzählweise (das Dokumentarische wird mit dem Erfundenen vermischt und durch Rückblicke unterbrochen) auflockert, wirkt der Plot von Beginn an authentisch, wird er vor unseren Augen lebendig. Während andere thematisch ähnliche Romane den Leser durch das deprimierende Leid und die Schuldzuweisungen erdrückt, liest sich „Jakob, der Lügner“ trotz eben dieses historischen Hintergrunds seltsam erfrischend, wenngleich die liebevolle Beleuchtung der Figuren dazu führt, dass man sich des drohenden Unheils stets bewusst ist. Unmöglich, das Buch einfach an die Seite zu legen, ohne sich Gedanken zu machen. Unmöglich, trotz des immer wieder aufkeimenden Glücks nicht todtraurig und den Tränen nahe zu sein. Beckers Erstlings hinterlässt tiefe Spuren beim Leser, da man sich unwillkürlich direkt angesprochen und sich zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte gezwungen fühlt.

Die heimliche Hochzeit von Mischa und Rosa, die Mütze Herschels, welche er nie absetzt oder die kleine Lina unter dem Dachboden. Gerade die kleinen Episoden, die das Geschehen immer wieder aus einem anderen Blickwinkel zeigen, füllen dieses gerade mal 283 Seiten lange Buch mit soviel Leben. „Jakob, der Lügner“ ist nicht die Anklage der Täter. Die Tragik des Romans liegt nicht in der Aufzählung von den Verbrechen an den Juden. Ghettoaufseher und Gestapopolizisten sind bis auf wenige Ausnahmen nur namenlose Vertreter des Antisemitismus, welche nur beiläufig erwähnt werden. Nein, es sind diese anrührenden Momente der aufflackernden Hoffnung, welche Jakob entfacht, die zu Herzen gehen.

Becker entlässt den Leser am Ende, wie angesichts der Geschichte nicht anders zu erwarten, ernüchtert und nachdenklich, aber auch mit der Erkenntnis, dass menschliche Freuden selbst unter den schlimmsten Umständen möglich sind. Ein Buch der leisen und bescheidenen Töne, dem jeglicher Hass gänzlich fehlt und das trotz düsterer Dramaturgie, die verschmitzte Heiterkeit des osteuropäischen Witzes einfängt.

Ein literarisches Ereignis und ein Klassiker, der einfach in jedes gut sortierte heimische Bücherregal gehört, aber auch ein Buch, für das man reif genug und bereit sein muss. Eins ist in jeden Fall klar: Vergessen wird man Jakob, den Lügner, wohl nie. Und vielleicht war eben das Beckers Absicht.

Wertung: 89  von 100 Treffern

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  • Autor: Jurek Becker
  • Titel: Jakob, der Lügner
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 04.1982
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3518372746

Recht oder Gerechtigkeit?

© Grafit

Goldfasan – so nannte man im Nationalsozialismus spöttisch die Amtsträger der NSDAP, insbesondere die politischen Leiter aufgrund ihr goldbraunen Uniformen mit goldfarbenen Knöpfen. Und es ist ein mehr als passender Titel für den zweiten Band von Jan Zweyers Trilogie um den Bochumer Polizeihauptkommissar Peter Goldstein, der sich, zwanzig Jahre nach dem in der Weimarer Republik spielenden „Franzosenliebchen“, in den Wirren des Alliierten Bombenkriegs mit einem ganz brisanten Mordfall konfrontiert sieht.

Es ist allerdings nur auf den ersten Blick alles Gold, was glänzt, denn in der „goldenen Stadt“ Herne – so genannt wegen der im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten geringen Zerstörungen und Verlusten – hat sich Goldstein längst seines ursprünglichen Namens entledigt und, dem Zeitgeist entsprechend, in Golsten unbenannt. Eine äußerst folgerichtige Entscheidung, wenn man die Ereignisse des Vorgängers kennt (was unbedingt empfehlenswert ist, um viele der Zusammenhänge und Anspielungen zu verstehen), in denen sich der Ermittler, bei aller Gewitztheit, vor allem als ziemlicher Opportunist erwies. Zweyer greift diesen Faden äußerst gekonnt auf und vermittelt ein Bild davon, wie einfach man – ohne die Ideologie des Nazi-Regimes zu verinnerlichen – Teil dieses verbrecherischen Kreislaufs werden konnte, der im vorliegenden Roman aus dem „einen Volk“ mit dem „einen Führer“ längst eine zerrüttete und zerbrochene Gesellschaft gemacht hat, in der jeder den anderen bespitzelt und verrät, um die eigene Haustür vom Fußtritt der Gestapo zu verschonen. Und damit genauer zum Plot von „Goldfasan“:

Herne, 22. März 1943. Die Schlacht von Stalingrad ist vorbei und obwohl Goebbels alle propagandistischen Hebel in Bewegung setzt, um die Deutschen vom glorreichen Endsieg zu überzeugen, ahnen selbst hochrangige Nationalsozialisten, dass nicht nur dieses Gefecht, sondern auch der Krieg verloren ist. Während der skrupellose Geschäftsmann Wieland Trasse seine Beziehungen spielen lässt, um vor der endgültigen Niederlage noch so viel wie möglich von den „konfiszierten“ Reichtümern der polnischen Bevölkerung abzuschöpfen, meldet seine Tochter, inzwischen verheiratet mit dem stellvertretenden Kreisleiter der NSDAP in Herne, Walter Munder (eben jener Goldfasan), das Verschwinden ihrer Haushaltsgehilfin Martina Slowacki – ebenfalls eine Zwangsarbeiterin aus Polen. Eine pikante Angelegenheit, die normalerweise eine harte Strafe für denjenigen zur Folge hat, der seiner „Aufsichtspflicht“ nicht nachgekommen ist. Doch Munder hat Beziehungen und so kann er Kriminalrat Saborski überzeugen, diesen Fall mit der nötigen Diskretion zu behandeln.

Dieser beauftragt wiederum niemand geringeren als Peter Golsten, Hauptkommissar der Herner Polizei. der zugunsten seiner Karriere inzwischen längst auch der SS beigetreten ist und diese Entscheidung vor sich selbst damit legitimiert, lediglich seinem Land und dessen Gesetzen zu dienen – weshalb die Uniform des SS-Hauptsturmführers auch zumeist im Schrank hängen bleibt. Saborski sieht daher in dem prinzipientreuen und verlässlichen Golsten die perfekte Wahl, der zu Beginn tatsächlich in erster Linie Arbeit nach Vorschrift abliefert, um dieses unangenehme Vorkommnis möglichst schnell zu den Akten legen zu können. Doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse, denn kurze Zeit hintereinander werden zwei Leichen entdeckt. Der Körper einer Frau, angespült an der örtlichen Schleuse des Rhein-Herne-Kanals. Die andere, die eines Säuglings, aufgefunden im Unterholz des Gysenberger Waldes. Golsten vermutet gleich einen Zusammenhang und weitet, entgegen seiner Anweisungen, die Ermittlungen rund um die Familie Munder aus und stößt dabei auf einige Widersprüche.

Während er sich immer tiefer in den Nachforschungen verstrickt, droht gleichzeitig an anderer Stelle Gefahr. Sein Schwiegervater, ein erklärter Gegner des Nazi-Systems, gewährt seit einigen Tagen dem kommunistischen Juden Heinz Rosen in seinem Kaninchenstall Zuflucht. Als Golsten davon erfährt, sieht er sich endgültig mit den Folgen seines beruflichen Tuns konfrontiert und wird zu einer Entscheidung gezwungen …

Bereits im Auftakt der Trilogie gelang es Jan Zweyer äußerst nachdrücklich ein geschichtlich authentisches Bild des Kohlepotts während der Ruhrbesetzung im Jahr 1923 zu zeichnen und dabei subtil kommende Ereignisse anzudeuten. „Franzosenliebchen“ brillierte daher vor allem durch seine regionale Verankerung sowie die glaubwürdige Schilderung eines Milieus, das so wirklich existiert – und letztlich auch den Boden für den Aufstieg der Nationalsozialismus bereitet hat. Beim Spannungsbogen musste der Leser jedoch noch ein paar Abstriche machen, da Peter Goldstein zwar durchweg beharrlich, aber wenig kreativ auf Spurensuche ging und man das Ermittlungsziel letztlich aufgrund der vielen interessanten Details auf dem Weg dorthin gerne mal aus den Augen verlor. In „Goldfasan“ kann Jan Zweyer hier weitere Punkte gut machen. Nicht nur dass wir hier Schulter an Schulter mit SS und Gestapo die Türen so genannter „Volksverräter“ eintreten und jedem Leser guten Herzens angesichts des gezeigten mit jeder Seite unbehaglicher wird – auch der weitverzweigte, stimmig erzählte Mordfall überzeugt mit einer irritierend klaustrophobischen Suspense, welche vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse wie dem schrecklichen Attentat in Halle die übliche Distanz zur Fiktion mühelos durchbricht.

Über eine Länge von etwa 350 Seiten vergessen wir schlichtweg die Tatsache, dass es sich bei „Goldfasan“ um einen Kriminalroman handelt, so plastisch, so nah werden die Ereignisse rund um das Verschwinden von Martina Slowacki an uns herangetragen. Und während vergleichbare Bücher uns dann doch sehr oft den moralisch standhaften Gegner inmitten des bösen Nazi-Regimes präsentieren, erlaubt sich Zweyer auch in diesem Punkt keinerlei künstlerische Freiheiten. Peter Golsten ist ein Polizist, wie er so sicherlich existiert haben kann und wird. Jemand welcher zugunsten der eigenen Karriere schon recht früh über all die Begleiterscheinungen von Hitlers Machtergreifung hinweggesehen hat – und dies, so weit wie möglich, selbst im Deutschland des totalen Kriegs (kurz zuvor ausgerufen durch Joseph Goebbels im Sportpalast) immer noch tut. Während täglich alliierte Bomberverbände Herne überfliegen, die Bevölkerung in einem routinierten Ablauf in die Schutzbunker hastet und die letzten Kommunisten, Juden und Edelweißpiraten aus ihren Häusern gezerrt werden, ist Golsten immer noch der festen Überzeugung, mit seiner Arbeit der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Dass es diese im Rechtssystem des Dritten Reichs schon lange nicht mehr gibt, das weigert er sich beharrlich so lange wie möglich zu sehen.

Beispielhaft steht hier eine Szene in der (inzwischen übrigens unter Denkmalschutz stehenden) Teutoburgia-Siedlung in Herne, wo Golsten an der Spitze eines Gestapo-Trupps eine von ihm angeordnete „korrekte Hausdurchsuchung“ bei guten Bekannten durchführt, an dessen Ende sowohl Großvater als auch der jüngste Spross der Familie in Haft genommen werden, weil nicht nur der Feind-Sender BBC gehört wurde, sondern eine schriftliche Nachricht samt Waffe auch auf eine Unterstützung der hiesigen Edelweißpiraten hindeutet. Während um ihn herum alles auf den Kopf gestellt wird, verfolgt Golsten das Verhalten seiner Kollegen zwar mit Abscheu, rührt aber letztlich keinen Finger, um sie davon abzuhalten. Nein, als Sympathieträger taugt diese Figur wirklich nicht und doch ist sie letztlich der logische Schlüssel zu der Handlung, die sich eins zu eins in ein leider allzu reales Stück deutscher Geschichte einbettet. Zweyer zeigt uns eine Welt, in der Opportunismus und Kollaboration längst reflexartige Ausprägungen geworden sind, in der man ohne Scheuklappen keinen Fuß mehr vor die Tür setzt und seinen moralischen Kompass so kalibriert hat, das er stets in die gewünschte Richtung zeigt. Peter Goldstein ist weder Widerständler noch glühender Nationalsozialist – er ist die gefährliche Verkörperung dessen, was auch heute wieder die Gesellschaft bedroht: Ein Pragmat, der das Beste für sich und seine Familie will und schlichtweg in Kauf nimmt, dass dafür die „anderen“ über die Klinge springen müssen.

Je näher sich Goldstein der Wahrheit in diesem Fall nähert, desto mehr setzt sich das verbrecherische System in Bewegung, um diese zu vertuschen und stattdessen die üblichen Sündenböcke zu präsentieren, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Verbrechen im Nationalsozialismus von einem Nationalsozialisten begangen – so etwas gibt es nicht. Und so bleibt Goldstein schließlich auch tatenlos, als der vermeintliche Täter unter den üblichen Verdächtigen gesucht, gefunden und verurteilt wird. Obwohl Goldstein an dieser Stelle schließlich Tränen der Scham über die Wangen laufen, so können sie uns doch nicht davon überzeugen, dass Goldstein dieses Spiel nicht bis zum bitteren Ende des Krieges weiter mitspielen wird. Was, auf „Franzosenliebchen“ zurückblickend, auch nur konsequent ist. Trasse, Saborski und Goldstein – sie alle machen sich mehr oder weniger zum Helfershelfer dieses korrupten Regimes und führen den Begriff Gerechtigkeit letztlich gänzlich ad absurdum. Nicht Justitia ist es, die im Dritten Reich blind ist.

Die Lektüre von „Goldfasan“ – ich habe sie mit zitternden Fingern und einem ganz dicken Kloß im Hals beendet, was schon allein für die Qualität dieses wirklich ausgezeichneten und klugen Kriminalromans spricht, der, als kleines, aber unheimlich intensives, lokales Kammerspiel inszeniert, die ganz großen Themen auf eine Weise schriftlich entlarvt und verbildlicht hat, dass diese noch lange im Gedächtnis haften bleiben.

Und wie erschreckend ist es, dass wir im Jahre 2019 tatsächlich wieder über diese Themen in einem aktuellen Zusammenhang sprechen müssen.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Jan Zweyer
  • Titel: Goldfasan
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Grafit
  • Erschienen: 10.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3894256050

Spensers erster Abschied

© Pendragon

Es gibt nur wenige Schriftsteller, welche ein Genre über mehrere Jahrzehnte hinweg beeinflusst haben. Und Robert B. Parker war sicherlich einer von ihnen. Seit dem Jahr 1973 legte er kontinuierlich und fast Jahr für Jahr neue Romane vor, die meisten davon aus der Serie um den (vornamelosen) Privatdetektiv Spenser, der, wie sein Schöpfer, in Boston lebt und dort seiner Arbeit nachgeht.

Spenser verhalf Parker zum Durchbruch und u.a. zu einem Edgar Award. Die Fälle wurden (nicht sonderlich originalgetreu) sogar Mitte der 80er mit Robert Urich in der Hauptrolle für das Fernsehen verfilmt und sind nicht zuletzt deswegen bis heute fester Bestandteil der klassischen „Hardboiled“-Sparte. Am 18.1.2010 starb Robert B. Parker genau so, wie er seit jeher lebte: „sitting at his desk, working on his next novel“. Und an einem solchen Schreibtisch beginnt er auch: Der 38. Roman der Spenser-Reihe, mit dem äußerst passend gewählten deutschen Titel „Trügerisches Bild“.

Es ist ein Wintertag wie jeder andere im kalten Boston, als Dr. Ashton Prince durch die Tür von Spensers Büro tritt. Der Universitätsdozent und Kunstkenner möchte den stadtbekannten Privatdetektiv für einen delikaten Auftrag anheuern. Äußerst diskret versteht sich. Ein wertvolles Gemälde ist aus dem Hammond-Museum gestohlen und Prince dazu auserkoren worden, die Lösegeldübergabe auszuführen. Dafür bittet er nun Spenser um Personenschutz. Der hält vom ersten Klienten in dieser Woche zwar nicht allzu viel, aber Geschäft ist schließlich Geschäft, und so willigt er ein. Nach einer kurzen Autofahrt findet die Zusammenarbeit allerdings schnell ein jähes Ende. Als Prince nach der Geldübergabe mit einem Päckchen unter dem Arm auf den im Wagen wartenden Spenser zusteuert, sprengt eine gezielte Explosion den Kunstprofessor in die Luft. Weder von ihm, noch von dem Paket, das möglicherweise das entwendete Meisterwerk enthielt, bleibt ein Fetzen übrig.

Spenser ist im Zwiespalt. Einerseits kann der kühle Profi nur wenig Mitleid für den soeben explodierten Mann aufbringen. Aber andererseits fühlt er sich bei seiner Detektivehre gepackt, denn viel mehr hätte er bei der Ausführung seines Auftrags eigentlich nicht versagen können. Aufgrund des schlechten Gewissens und weil er seinen Ruf nicht aufs Spiel setzen will, ermittelt Spenser von nun an auf eigene Faust (und ohne Honorar) weiter. Da es kaum Anhaltspunkte gibt, beginnt seine Spurensuche an der Universität. Schnell findet er heraus, dass Prince zu Lebzeiten nicht nur auf die Kunst ein Auge geworfen hat. Kaum eine Studentin war vor ihm sicher. Sein Ruf als Weiberheld ging weit über die Universität hinaus. Dennoch war sein Arbeitsplatz nie gefährdet, was er in erster Linie dem Anwalt Morton Lloyd zu verdanken hatte, der, als Rechtsberater ebenfalls im Museum anstellig, ihn hinsichtlich seiner sexuellen Neigung in der Vergangenheit vor einer Anklage bewahrt hat. Letztes Opfer seiner Nachstellungen war Missy Minor. Das es nun gerade deren Mutter ist, die bei einer Versicherungsgesellschaft den Fall des gestohlenen Kunstwerks bearbeitet, lässt Spenser aufhorchen. Ist das nur ein Zufall? Oder ist sie gar in den Diebstahl verwickelt? Was hat Princes jüdische Vergangenheit damit zu tun? Und welche Rolle spielt die Herzberg-Stiftung, zuständig für das Aufspüren von durch Nazis gestohlene Kunst, in dem Fall?

„Er läuft, und läuft, und läuft.“ Was für den VW Käfer mittlerweile nicht mehr zutrifft, gilt weiterhin für Parkers düsteren Held Spenser, denn der hat sich seit seinem ersten Auftritt nicht wesentlich verändert. Mehr noch: Die Jahre sind an dem Verbrecherjäger spurlos vorübergegangen. Wäre nicht zwischenzeitlich von „Labtops“ oder „Sarah Palin“ die Rede, „Trügerisches Bild“ könnte genauso gut in den 70ern spielen, denn die Handlung ist zeitlos. Spenser tut auch diesmal das, was er in jedem Fall tut und was jeder Detektiv der alten „Hardboiled“-Schule nun mal zu tun hat: Verdächtige befragen, Informationen sammeln, Zusammenhänge herstellen. Aus all dem versucht man so etwas wie ein Gesamtbild zu meißeln. Wenn all das nicht funktioniert, wird halt einfach zur Waffe gegriffen und eine etwas direktere Entscheidung gesucht. Frei nach Raymond Chandler, der es wie folgt auf den Punkt gebracht hat, in dem er sagte:

Im Zweifel lass zwei Kerle mit Pistolen durch die Tür kommen.“

Ein Zitat, das Robert B. Parker (der in den 1980er Jahren die Komplettierung eines Romanfragments von Raymond Chandler übernahm und für dessen Marlow-Reihe eine Fortsetzung schrieb) hier sogar in einer Szene wortwörtlich auf dem Papier umsetzt, wenngleich er, als einziges Zugeständnis an die Moderne, aus einer der Pistolen eine Uzi macht. Müßig zu erwähnen, dass der treffsichere Spenser mit Knarre im Anschlag dieser Gefahr eiskalt ein Ende bereitet. Denn auch wenn er in Quirk, Belson und Healy Vertraute und Freunde bei der Bostoner Polizei hat: Ihre Hilfe nimmt er nur insoweit in Anspruch, wie es dem Vorankommen seines Falls dienlich ist. Wenn es hart auf hart kommt, verlässt er sich nur auf sich oder den besten Freund Hawk, der diesmal jedoch in Zentralasien weilt (und dessen Fehlen man der Story leider anmerkt). Das er dadurch dennoch nicht zum Superheld mutiert, liegt an seinen Fehlern, von denen er trotz seiner Coolness doch einige hat. Im Vergleich zu den Meisterdetektiven des Golden Age ist Spenser beileibe kein Superhirn. Nummernschilder kann er sich allenfalls ein paar Minuten merken, weshalb er sich diese sofort aufschreibt, sobald das Auto um die Ecke gebogen ist. So ist es meist weniger die Genialität als vielmehr seine zähe Verbissenheit, die letztlich zum Erfolg führt.

Das dieser Urtypus des hartnäckigen Privatdetektivs auch heute noch spannend bzw. unterhaltsam ist, liegt an Parkers herrlich schnörkelloser Sprache, die weniger Worte bedarf und somit letztlich auch nur wenige Seiten füllt. Die Dialoge sind kurz und knackig gehalten, die Figuren antworten schlagfertig das, was einem Normalsterblichen meist erst Stunden danach einfällt. Es ist diese Lässigkeit die ansteckt, diese Schlagfertigkeit, welche den Charme der Reihe ausmacht. Gleichzeitig liegt hierin allerdings auch die Gefahr, da man diesen lakonischen Ton nur wohldosiert verträgt (weshalb sich der Leser vielleicht selten mehrere Parkers hintereinander vornimmt) und dieser auch vom deutschen Übersetzer erstmal gut getroffen sein will. Frank Böhmert ist dies in „Trügerisches Bild“ leider nicht immer gelungen, wenngleich der Rezensent, mangels Kenntnis des Originals, nicht genau eruieren kann, woran das liegt. Tatsache ist jedenfalls, dass sich manche Wortwahl Böhmerts einfach mit der Atmosphäre eines „Hardboiled“-Romans beißt. Was professionell und eiskalt klingen sollte, kommt hier flapsig und kindlich herüber.

Nichtsdestotrotz ist auch „Trügerisches Bild“ die Lektüre wieder ohne Zweifel wert. Auch weil Parker mit der Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg ein brisantes und, für einen Privateye-Krimi, eher unübliches Thema anpackt und dieses genauso geschickt wie unkonventionell in den Rahmen der Kriminalroman-Handlung einbaut. Hätte er es nicht schon 37 mal zuvor getan, er würde allein dadurch beweisen, welch Schriftsteller von Format uns hier verloren gegangen ist.

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Trügerisches Bild
  • Originaltitel: Painted Ladies
  • Übersetzer: Frank Böhmert
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 216 Seiten
  • ISBN: 978-3865322531