One day, a King will come, and the Sword will rise… again

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Nein, diesmal erspare ich mir den Sermon über Cornwells Meriten und eine knappe Kurzbeschreibung des Inhalts, da jeder, der die ersten beiden Bände der Artus-Trilogie gelesen hat, ohnehin weiß worum es geht und woran er bei dem britischen Autoren ist. Daher sollen wenige(r) Worte genügen, um es auf den Punkt zu bringen:

Arthurs letzter Schwur“ bildet den Abschluss einer Reihe, die mit den traditionellen Versionen der Grals-Legende vollkommen bricht und eine der ältesten Sagen Britanniens in einer Art und Weise präsentiert, wie man sie so noch nicht gekannt hat. Wo sich doch die meisten Erzählungen um die Ritter der Tafelrunde zumindest in einigen Punkten gleichen, ist es Cornwell gelungen, etwas gänzlich Neues auf Papier zu bringen, das sich jeglicher mythischer Einflüsse enthält, mittels der realistischen Erzählungen aber dafür umso nachhaltiger wirkt. Der Spagat zwischen Magie und Geschichte, er funktioniert bis ins letzte Detail. Die Figuren, heruntergeholt vom lichtdurchfluteten Sockel, sind derart menschlich gezeichnet, dass man gar nicht anders kann, als mitzuleiden, mitzufiebern, mitzulieben und letztlich auch zu hassen. Fernab vom Glanz üblicher Grals-Geschichten hat Cornwell ein Epos zu Papier gebracht, das in erster Linie das frühe Mittelalter in England zum Leben erwecken will und sich dabei nur zufällig der bekannten Figuren bedient. Und auch diese erkennt man hier nicht wieder.

Merlin ist ein verrückter, verdreckter Druide mit Wahnvorstellungen. Artus ein genialer Stratege ohne Ambitionen auf eine Krone. Lancelot ein feiger, ehrloser Geck ohne Rückgrat. Und erzählt wird die Geschichte rückblickend aus der Sicht eines einfachen Soldaten. Womit natürlich auch der Boden für Cornwell bereitet ist, dem hinsichtlich der minutiösen Beschreibung einer Schlacht wohl kein anderer Autor dieser Welt das Wasser reichen kann. Im Gegensatz zu der „Sharpe“-Reihe oder Büchern wie „Das Zeichen des Sieges“ lebt die Artus-Trilogie aber noch weit mehr von ihren Figuren. Und auch nirgendwo sonst sind sie dem englischen Autor derart gut gelungen. Inmitten des Konflikts zwischen aufkommenden Christentum und alter Götterkulte erzählt er eine Geschichte, die man weniger mitliest, als vielmehr miterlebt. Es geht um Verrat, Ehre, Treue, Liebe, Freundschaft. Um Eide, die nicht gebrochen werden dürfen. Und um Pakte, die geschlossen werden müssen, um das Überleben zu sichern. Kurz: Cornwell beschreibt das düstere frühe Mittelalter, wie es hätte sein können.

Und düster, ja streckenweise schon hoffnungslos finster, ist besonders der letzte Band der Reihe geworden. Nach und nach scheint sich alles zum schlimmsten zu wenden, die Lage für Artus und seine Getreuen immer aussichtsloser zu werden. Und dem Leser ist, nicht nur aufgrund des Titels, klar, dass das Ganze nicht gut ausgehen kann und wird. Doch gerade diese Tatsache, scheint das Buch noch umso spannender zu machen. Man weiß, dass der Traum vom friedlichen Britannien nicht in Erfüllung gehen kann, dass Mordred verloren ist, dass es zu viele Sachsen sind, um siegen zu können, dass das Druidentum zum Untergang verdammt ist. Aber man will das Drama, die Tragik, hautnah erleben. Und was Bernard Cornwell hier dann auf den letzten einhundertfünfzig Seiten abfackelt, ist großes Kino, ist einfach schlicht und ergreifend meisterhaft.

Die letzten Schritte an der Seite Arthurs und seiner Gefährten sind unheimlich schwer, der Abschied von den ans Herz gewachsenen Figuren rührt. Und die ganze Leidenschaft, die Cornwell in die Geschichte hineingesteckt hat, sie zahlt sich mehr als aus. Ein Buch wird an dieser Stelle für kurze Zeit zu mehr. Wenige Worte, die lediglich etwas beschreiben, werden zu einem beeindruckenden, ergreifenden Moment. Würdiger und besser hätte sich der Kreis der Handlung nicht schließen können. Und kurz, ganz kurz, war ich mir tatsächlich sicher: Irgendjemand schneidet gerade Zwiebeln.

Arthurs letzter Schwur“ ist, wie schon seine beiden Vorgänger, ein Meisterwerk im Genre des historischen Romans. Hervorragend erzählt, atmosphärisch einzigartig, unheimlich bewegend. Es ist eins dieser Bücher, die im Gedächtnis, die unvergesslich bleiben. Und es ist die beste, weil glaubhafteste Geschichte vom „König“ Artus, die ich bisher lesen durfte.

Wertung: 97 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Arthurs letzter Schwur
  • Originaltitel: Excalibur
  • Übersetzer: Gisela Stege
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 12.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 688
  • ISBN: 978-3499246265
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Der Kessel von Clyddno Eiddyn

© Rowohlt

Der Schwachpunkt einer jeden Trilogie ist bekanntlich fast immer der zweite Teil, da ein Großteil der vorhergehenden Ereignisse aufgegriffen werden und das Buch zwangsläufig mit einem offenen Ende schließen muss. Bernard Cornwell schafft es jedoch, trotz dieser offensichtlichen erzählerischen Einschränkungen, nochmals eine Schüppe oben drauf zulegen und den ohnehin schon überragenden ersten Part der Artus-Saga, „Der Winterkönig“, zu überflügeln.

Erneut entzaubert er die bis dato bekannte Legende um die Tafelrunde und Camelot, um stattdessen dem Leser eine Alternative zu kredenzen, welche dank sorgfältiger Recherchen nicht nur historisch glaubwürdiger daherkommt, sondern zugleich den sonst sehr stereotyp gezeichneten Heldenfiguren und Bösewichten ein gehöriges Maß an Facettenreichtum und Tiefgang verleiht. Herausgekommen ist ein historischer Roman, der als schulmeisterliches Beispiel für die Verknüpfung von Fakten und Fiktion gelten darf.

Britannien Ende des 5. Jahrhunderts. Nach der Schlacht von Lugg Vale ist Arthurs lang ersehnter Traum in Erfüllung gegangen: Die bisher zerstrittenen britannischen Stämme sind endlich im Kampf gegen die sächsischen Eindringlinge vom Festland geeint und Gerechtigkeit und Ordnung scheinen greifbar nahe. Nach mehreren Kämpfen an der sächsischen Grenze wird ein zerbrechlicher Frieden ausgehandelt, der dem Land einige Jahre der Ruhe beschert. Doch während der bösartige Mordred auf seine Rolle als König vorbereitet wird, ziehen am Horizont bereits dunkle Wolken auf, denn mit dem Sieg bei Lugg Vale ist auch das Christentum in Britannien erstarkt. Einzig und allein Merlin, der Druide, und seine Gehilfin Nimue glauben noch an die Wiederkehr der alten Götter. Um die deren Mächte neu zu entfesseln, brauchen sie den Kessel von Clyddno Eiddyn, eines der dreizehn Kleinodien der Briten, das sich auf der Insel Ynys Mon und damit tief im Territorium des gefürchteten irischen Königs Diwrnach befindet. Durch einen Eid an Merlin gebunden, schließt sich der Krieger Derfel Cadarn dem Druiden an und reist gemeinsam mit diesem tief ins Feindesland … wo Diwrnach bereits auf sie wartet.

Währenddessen droht von anderer Seite ebenfalls Gefahr. Guinevere, Arthurs Frau, hat genug von ihrer Rolle als stilles Eheweib und sucht den Kontakt zum machtgierigen und selbstverliebten Lancelot. Und der hat, da ihm Derfel einst die Frau vor dem Altar stahl, mit Arthurs bestem Mann schon seit langem eine Rechnung offen …

Erneut wird uns die Geschichte rückblickend aus der Sicht von Derfel Cadarn erzählt, dem bei den Briten aufgewachsenen Sachsen, welcher nun im hohen Alter im Kloster lebend, der Königin Igraine die Legenden um Arthur niederschreiben soll. Dabei wird einiges wieder ganz anders dargestellt, als man es gemeinhin aus den Sagen kennt. Ein Umstand, den die heldenliebende Igraine stets aufs Neue bemängelt, dem Leser jedoch nur zugute kommt, denn Bernard Cornwells Darstellung von Arthur, Merlin, Lancelot und Co. hebt sich erfrischend vom klischeehaften Einerlei bisheriger Literaturfassungen ab. So hat Arthur nichts mit dem strahlenden Recken zu Pferde gemein, sondern wird als idealistischer, kühner Mann voll Schwächen gezeichnet, welcher in Merlin einen Verbündeten hat, den einzig und allein die Götterwelt und weniger die Geschicke der Menschen interessiert. Guinevere hat auch hier nichts von ihrer Schönheit verloren, ist jedoch zudem mit einer überragenden Intelligenz gesegnet, die große Ambitionen in ihr nährt, wohingegen Lancelot als narzisstischer und opportunistischer Feigling wohl den größten Gegensatz zur altbekannten Vorlage darstellt.

Cornwell hat mit der Zeichnung seiner Charaktere beeindruckendes, ja streckenweise atemberaubendes geleistet, denn trotz all dieser neuen Facetten, nimmt einen das hier geschilderte Frühmittelalter von der ersten Seite gefangen. Man leidet, hofft und bangt mit den Helden, welche allesamt mit unglaublicher Tiefe ausgestattet sehr menschlich skizziert wurden und im Verlauf der Trilogie eine jederzeit nachvollziehbare Entwicklung durchmachen. Auf der anderen Seite wird die Bühne dieser Erzählung von einer ganzen Schar äußerst hassenswerter Bösewichte besiedelt, welche uns stets um Arthurs Hoffnungen und Träume bangen und ein Happy-End nicht selten in weite Ferne rücken lassen. Ohnehin ist auch Band zwei der Artus-Chroniken wieder mal nichts für zartere Gemüter, was schon in der Erzählperspektive des Buches begründet liegt. Derfel, als Kind einer druidischen Todesgrube entkommen, ist als Krieger aufgewachsen und schreibt deshalb auch aus deren Sicht. Seine Geschichte Arthurs ist eine Geschichte voller Kriege zwischen Angeln und Sachsen, vom Konflikt des Druidentums mit dem aufkommenden Christentum. Sprachlich wird nichts beschönigt, die Taten auf und neben dem Schlachtfeld detailliert geschildert. Das frühe Mittelalter war eine rauhe, eine rohe Zeit. Und genau das will Cornwell auch zeigen. Wem das nicht liegt, der sollte lieber zu Iny Lorentz und Konsorten greifen.

Dass sich Cornwell damit zwangsläufig vom ätherischen, magischen Mythos im Stile Marion Zimmer Bradleys entfernt, liegt auf der Hand. Und dennoch verliert die Erzählung nichts von ihrem Zauber und ihrer Unterhaltung. Da wird die „Tafelrunde“ kurzerhand zum bierbefleckten Holztisch voll schnarchender, besoffener Speerträger umfunktioniert, was neben den Auftritten Merlins eine der humorigsten Passagen des Buches darstellt. Cornwell gelingt das, was nur wenigen gelingen will. Einen Mythos neu zu interpretieren, in dem er ihm zwar den Glanz nimmt, aber gleichzeitig glaubwürdiger, nachvollziehbarer und damit bewegender macht. Die bildhafte, direkte Sprache lässt selbst die verworrensten politischen Intrigen und Verwandschaftsverhältnisse verständlich werden, ohne das an irgendeiner Stelle deutlich wird, wo die Fakten aufhören und die Fiktion beginnt. „Der Schattenfürst“ funktioniert somit als fantastischer und historischer Roman gleichermaßen. Nicht zuletzt deshalb, da Cornwell Kenner der Mythologie das Erwartete auf völlig andere Art und Weise präsentiert und neben seiner üblichen Liebe zu Schlachten diesmal auch besonders im Hinblick auf die Charakterzeichnung zu punkten weiß.

Für mich gehört „Der Schattenfürst“schon jetzt zu meinen persönlichen Favoriten in diesem Genre. Über knapp 700 Seiten hat Cornwell mich mit herrlichen Bildern und ungeahntem Tiefgang auf allerhöchstem Niveau unterhalten, bewegt und bis zum Ende nicht losgelassen. Wenn man in manchen Passagen (hier möchte ich besonders Cornwells Erzählung von Tristan und Iseult/Isolde hervorheben) einen Kloß im Hals hat, an anderer Stelle vor Wut und Empörung kocht, um dann wieder im Wüten der Schlacht das Adrenalin steigen zu spüren, dann, ja dann, hat ein Buch bemerkenswertes geleistet.

Bernard Cornwell hebt sich mit „Der Schattenfürst“ endgültig weit von der trivialen Konkurrenz ab und schafft eine Neuerzählung des Mythos, welche den Geist jener Zeit lebendig macht und den ohnehin schon brillanten Vorgänger (den man vorher gelesen haben sollte) zu übertrumpfen weiß. Ein episches Meisterstück, das mit zwei Karten, Namensliste und äußerst informativen Nachwort abgerundet wird.

Wertung: 96 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Der Schattenfürst
  • Originaltitel: Enemy of God
  • Übersetzer: Gisela Stege
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 05.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 688
  • ISBN: 978-3499246258

Das Erbe des Uther Pendragon

© Rowohlt

Nachdem zuletzt die Warterei auf Band 11 von Bernard Cornwells Sachsen-Saga zu lang zu werden drohte, habe ich mir „Der Winterkönig“ aus dem Bücherregal hervorgeholt, um damit zumindest etwas die Zeit überbrücken zu können. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Auftakt der Arthur-Trilogie, welche Cornwell Mitte der 90er und damit chronologisch vor der so erfolgreichen Serie mit dem Sachsen Uthred geschrieben hat, die anderen Werke nochmal derart in den Schatten stellen sollte. Und dabei standen die Zeichen vor der Lektüre doch eigentlich nicht so günstig, gibt es schließlich bereits genug Bücher über die Artus-Saga, von denen ein Großteil (von wenigen Ausnahmen abgesehen) letztendlich am versuchten Spagat zwischen Fiktion und Fakten gescheitert ist.

Besonders auf Letztere legt nun ja auch Cornwell bekanntlich großen Wert, weswegen das von ihm hier Geleistete umso höher zu bewerten ist. Ihm ist es gelungen, aus Mythen und Legenden, und trotz fehlender geschichtlich belegbarer Aufzeichnungen, einen historischen Roman zu schmieden, der die märchenhafte Erzählung zwar zu großen Teilen entzaubert, dafür aber gleichzeitig eine viel realistischere aus der Taufe gehoben hat. Diese sei schnell angerissen:

Britannien Ende des 5. Jahrhunderts. Es ist eine dunkle, eine düstere Zeit. Die Königreiche der Insel werden von Sachsen und Iren gleichermaßen bedroht, innere Streitigkeiten sorgen für Krieg zwischen den einzelnen Stämmen. Uther Pendragon, der alternde Großkönig, wartet verzweifelt auf die Geburt seines Kindes, in der Hoffnung es möge ein Junge sein, der seine Nachfolge sichert. Sein Wunsch wird ihm erfüllt, doch nur wenige Zeit später stirbt Uther aufgrund seines hohen Alters. Da der Säugling mit dem Namen Mordred das Land nicht regieren kann, beginnt nun die Suche nach einem Vertreter unter den Rittern, der anstatt des jungen Königs die Führung übernimmt und die begonnenen Friedensgespräche zwischen den britannischen Stämmen weiter vorantreibt. Ist Mordred alt genug, muss dieser Regent von seinem Amt zurücktreten und dem von Geburt an bestimmten Herrscher die Macht übergeben. Doch wer soll dieser Ritter sein?

Ein Rat wird gegründet, der aus den verschiedensten Stämmen den geeignetsten Kandidaten auswählen soll. Nach langen, zähen Verhandlungen einigt man sich schließlich auf Arthur, den Bastardsohn Uthers ohne legitimen Kronanspruch, der derzeit in Armorica, an der nordwestlichen Küste Galliens weilt, um dort das gefährdete britannische Reich gegen die vorrückenden Franken zu verteidigen. Bevor er sein Amt als Protektor Mordreds antreten kann, kommt es zu Verrat zwischen den Stämmen auf der Insel, den der junge rechtmäßige König nur knapp überlebt. Arthur eilt in Riesenschritten zur Hilfe und macht sich fortan an daran, das zerteilte Britannien zu einen, um die Sachsen endgültig vernichtend schlagen zu können. Alles sieht danach aus, als hätte er Erfolg. Die Heirat der Tochter eines ehemaligen Feindes scheint endlich den ersehnten Frieden und damit auch den Sieg zu bringen … bis Arthurs Blick auf die junge Guinevere fällt und durch seine Liebe zu ihr das gesamte Königreich in den Abgrund zu stürzen droht.

Uther Pendragon, Arthur, Guinevere, Merlin, Gawain, Lancelot. All die aus der legendären Sage bekannten Namen tauchen auch in diesem Buch auf, soviel sei verraten. Doch mit den Namen endet dann auch jegliche Ähnlichkeit zu anderen Artus-Büchern. Von Rittern in glänzenden Metallrüstungen oder elfengleichen Prinzessinnen vor turmhohen Steinburgen fehlt hier nämlich jede Spur. Und auch die Figuren sind so ganz anders, als man sie aus Film und vergleichbaren Büchern kennt. Cornwell zeigt sich einmal mehr als innovativer Autor und lässt die Geschichte, wie auch in der Sachsen-Saga, rückblickend erzählen. In diesem Fall von einem alten Mönch mit Namen Derfel, der als Kind nur knapp einer Todesgrube entkam und als Mündel des Druiden Merlins aufwuchs. In späteren Jahren wurde er zum findigen Krieger, Heerführer und Freund an Arthurs Seite, mit dem er gemeinsam so manche Schlacht schlug, um letztendlich in einem christlichen Kloster zu landen. Nun, im hohen Alter, schreibt er auf Wunsch von Lady Igraine seine Erlebnisse nieder, wobei diese stets den Ausgang der Geschichte sowie die Darstellung der Figuren zu beeinflussen versucht, da die von Derfel berichteten Vorgänge nicht zu dem von ihr lieber gesehenen Heldenbild der Beteiligten passen wollen. An dieser Stelle spielt Cornwell augenzwinkernd auf die verschiedenen, zumeist eher traditionellen Artus-Sagen an, die in seiner realitätsnahen Geschichte letztendlich keinen Platz finden.

Arthur ist hier kein strahlender Held und schon gar nicht König, sondern lediglich ein willensstarker, fähiger Krieger mit politischem Weitblick, dem es jedoch nicht an charakterlichen Schwächen und Feinden mangelt. Sein Mentor Merlin kann keine Zauberkräfte aufbieten und ist vielmehr der führende Kopf des vom Aussterben bedrohten Druidenkults. Und selbst Lancelot, der strahlende, blondgelockte Vorzeigeritter aus der Sage, hat keinerlei Ähnlichkeit mit der von z.B. Richard Gere verkörperten Figur. In diesem Buch ist er ein Feigling und Blender, und ein besonders hassenswertes Geschöpf dazu, an dem Cornwell seinen Spaß gehabt zu haben scheint. Selbiges gilt natürlich auch für Merlin, der mit seiner zynischen Art und dem staubtrockenen Humor nicht nur für ordentlich Spaß in der Geschichte sorgt, sondern der auch trotz seiner anfangs undurchsichtigen Handlungen die zusammenhängenden und -führenden Faden der Ereignisse in den Händen zu halten scheint.

Wo sonst besonders die Ausarbeitung der Nebencharaktere zu den größeren Schwächen des Autors zählt (u.a. bei „Das Zeichen des Sieges“ oder den ersten Bänden der Uthred-Reihe), so ist sie gerade hier das Bemerkenswerte des Romans. Alle, wirklich alle Personen innerhalb der Handlung überzeugen mit einer beeindruckenden Tiefe und einem Facettenreichtum, den man sonst innerhalb dieses Genres vergeblich sucht. Gute und Böse gibt es hier nicht. Vielmehr verkörpert fast jede Figur vor allem das Menschliche, das Zerrissene. Geleitet von den verschiedensten Motivationen und Wünschen sind sie weit entfernt von den strahlenden Rittergestalten der Sage, wodurch der Plot nicht nur an Authentizität gewinnt, sondern auch der Leser einen viel engeren Zugang zu den Charakteren bekommt. Und obwohl sich Cornwell liebevoll um diese, SEINE Figuren kümmert, verliert er doch nie den größeren Kontext aus den Augen. Dies hat zur Folge, dass „Der Winterkönig“ weit mehr ist, als nur eine weitere Version einer Legende. Der Autor erweckt eine ganze Epochen mit ihren Kriegen, Religionsstreitigkeiten und politischen Auseinandersetzungen zum Leben, und tut dies derart bildreich und berührend, das man nicht anders kann, als mitgerissen zu werden. So blutig und brutal auch hier die Schlachten wieder sind, sind es doch diesmal die ruhigen Szenen, die im Gedächtnis haften bleiben und das Leseerlebnis damit zu einem äußerst nachhaltigen machen.

Der Winterkönig“ ist weit mehr als ein guter Auftakt einer Trilogie. Cornwell stellt hier vielleicht erstmals sein sprachliches Können und seine Befähigung als Romancier auf ganzer Länge unter Beweis. Ein historischer Roman mit Anleihen des Fantasy-Genres, der einen Mythos auf die allerbeste Weise neu erzählt und gleichzeitig in Punkto Spannungsaufbau neue Grenzen auslotet. Für mich das (bisher) beste Werk dieses Autors, der sich langsam aber sicher zum Olymp des Genres schreibt.

Wertung: 95 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Der Winterkönig
  • Originaltitel: The Winter King
  • Übersetzer: Gisela Stege
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 09.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 688
  • ISBN: 978-3499246241

Gute Freunde kann niemand trennen

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© Ehrenwirth

Worin die größte Kunst beim Schreiben eines guten Buches besteht, darüber mag man sicherlich trefflich streiten bzw. hat ein jeder, seine eigene Meinung. Im Falle des historischen Romans begegnen uns – geschuldet unter anderem den geschichtlichen Entwicklungen, welche sich über Jahrzehnte hinweg vollzogen haben – nicht selten Schmöker von bis zu 1000 Seiten. Natürlich spielt in diesen Fällen dann auch der Erzähldrang des Autors eine gewichtige Rolle. Und hiermit kommt man direkt zu dem Punkt, dem ich persönlich größte Wichtigkeit beimesse und der auch letztlich die Qualität und die Kunstfertigkeit der vorliegenden Lektüre maßgeblich beeinflusst: Der Aspekt der Unterhaltung.

Ein Wort, das, wie mir scheint bedingt durch die triviale Unterhaltungsliteratur der Jetztzeit, inzwischen enorm an Wert verloren hat und nicht selten gänzlich kritisch beurteilt wird. Kurzum: Ein Buch, das nur unterhält, kann keinerlei tieferen literarischen Wert in sich bergen, hält keinerlei genauerer Betrachtung stand. Inwieweit man damit den Dan Browns, Ken Folletts oder Stieg Larssons dort draußen Unrecht tut, sei dahingestellt. Aber Fakt ist: Ganz von der Hand zu weisen, ist diese (natürlich sehr oberflächliche) Analyse jedenfalls auch nicht. Es gibt allerdings ebenso Fälle, wo es gerade die dauerhafte Kurzweil ist, welche das Werk über die Masse der anderen hebt. Und damit hätte ich dann auch wieder den Bogen zu den dicken Schwarten im Genre des historischen Romans vollzogen, für die hierzulande vor allem die deutsche Autorin Rebecca Gablé verantwortlich zeichnet.

Im Hinblick auf eine wahre Geschichte (aufgearbeitet von „stern“-Autor Jan Christoph Wiechmann) über siebzehn psychisch kranke und drogenabhängige Männer, die zusammen vor dem Hurrikan Katrina aus einem Obdachlosenasyl in New Orleans geflohen waren und während ihrer langen Odyssee so gut aufeinander achtgegeben hatten, wie sie eben konnten, schreibt Gablé im Nachwort des vorliegenden Romans „Hiobs Brüder“:

Ich wünschte, ich könnte so großartige Geschichten in so knapper Form schreiben, aber wie man an diesem Buch hier wieder einmal unschwer erkennen kann, ist es mir einfach nicht gegeben, mich kurzzufassen.

Ein ehrliches Geständnis, das aus dem Munde eines anderen Schriftstellers vielleicht für Schweißperlen auf der Stirn des Lektors sorgen dürfte – nicht so jedoch bei Rebecca Gablé. Denn so wenig sie in der Lage ist, den Umfang ihrer Geschichten auf weniger Seiten zu begrenzen, so wenig vermag sie es auch – trotz des epischen Ausmaßes – an irgendeiner Stelle zu langweilen. Eine banale Feststellung, der ich aber höchsten Wert beimesse. Besonders im Beispiel von „Hiobs Brüder“, das auf den ersten Blick zwar für mich alle Voraussetzungen mitbringt, um die übliche, hundertfach wiedergekäute Gutmenschen-Helden-Geschichte zu erzählen, dann aber doch mit einer Mischung aus Innovation und altbekannten Gablé-Tugenden einmal mehr auf ganzer Länge überzeugt und von der ersten bis zur letzten Seite unterhält. Eine auch deswegen bemerkenswerte Leistung, weil die Autorin mit einer traumwandlerischen Sicherheit und Selbstverständlichkeit nun bereits seit über zehn Jahren dieses hohe Niveau im Zweijahres-Rhythmus abliefert.

Doch nun näher zum Buch, welches den Leser abermals ins englische Mittelalter entführt, genauer gesagt ins Jahr 1147. Eingesperrt in einer verfallenen Festung auf der Isle of Whitholm vor der Küste von Yorkshire fristen sie ein menschenunwürdiges Dasein, weil sie nicht zu den Kindern Gottes zählen: Simon de Clare hat die Fallsucht. Edmund hält sich selbst für den gleichnamigen toten Märtyrerkönig. Godric und Wulfric sind an der Hüfte zusammengewachsen. Oswald hat das Down-Syndrom. Luke glaubt, eine Schlange in seinem Bauch zu haben. Regy ist ein soziopathischer Mörder und so gefährlich, das er an einer Kette gehalten werden muss. Und Losian hat sein Gedächtnis und seine Vergangenheit verloren. Ausgerechnet Letzteren fällt die Führung dieser sonderbaren Gemeinschaft zu, als eine Laune der Natur ihnen den Weg in die Freiheit öffnet.

Losian bringt die kleine Schar zurück in die „wirkliche“ Welt, wo Hunger, Not und Rechtlosigkeit herrschen. Auf ihrer Reise durch das vom Bürgerkrieg (als „Anarchy“ in die Geschichte eingegangen) gebeutelte England gelangt er zu erschreckenden Erkenntnissen über den Mann, der er einmal war. Und gerade als er einer Frau begegnet, mit der ein Neuanfang möglich scheint, beginnt Losian zu ahnen, dass er die Schuld an dem furchtbaren Krieg trägt, der das Land zugrunde zu richten droht…

Mit „Hiobs Brüder“ vollzieht Autorin Rebecca Gablé bisweilen meisterhaft den Spagat zwischen den an sie gestellten Erwartungen und dem Gehen neuer Wege abseits der bisher von ihr genutzten Routen. So kehren wir auf der einen Seite ins englische Mittelalter zurück, um, wie im Nachwort zu ihrem Roman „Das zweite Königreich“ angekündigt, „die seltsamen Begebenheiten um Henrys Regentschaft und was es mit dem Weißen Todesschiff („White Ship“) auf sich hatte (…)“, näher zu beleuchten. Auf der anderen Seite befinden wir uns diesmal zu Beginn weit weg vom Umfeld der Mächtigen, den Königen und Rittern, um uns stattdessen verstärkt mit den damaligen Verlierern der Gesellschaft zu befassen, welche, separiert von dieser, nicht besser als Tiere behandelt und selbst von kirchlicher Barmherzigkeit gänzlich ausgeschlossen werden. Ein gewagter Schritt seitens Gablé, so zumindest mein erster Gedanke, da ich besonders für den weiteren Verlauf die Gefahr gesehen habe, diese äußerst ungewöhnliche und in ihren Fähigkeiten ja auch limitierte Gemeinschaft als Helden zu installieren, welche größeren Einfluss auf die Geschicke anderer nehmen könnten. Nun, ich hätte es natürlich besser wissen sollen – Gablé meistert auch diese Herausforderung mit Bravour.

Ganz im Stil von Tolkiens „Der Herr der Ringe“ – nicht zufällig auch Gablés Lieblingsbuch – begibt sich der Leser an der Seite der vermeintlich Schwachen auf die Reise, die, einem mittelalterlichen Roadtrip gleich, nicht nur dazu dient, um die ausweglose Lage der Figuren zu unterstreichen, sondern diese dem Leser gleichzeitig auch näher zu bringen. Auffällig hier ist, dass die Autorin diesmal ein wenig länger dafür braucht, das Profil der Protagonisten, allen voran das von Simon und Losian, zu schärfen. Im Falle des Letzteren ist dies aber natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass dieser seine eigene Vergangenheit und damit seinen ursprünglichen Platz im Gefüge des englischen Adels vergessen hat. Dass er diesem angehört, kann er nur aufgrund der Tatsache schlussfolgern, weil er mit einem Kreuzfahrermantel bekleidet auf der Insel das Bewusstsein erlangt hat. Dennoch – es dauert ein bisschen länger als die übliche Zeit, bis man warm wird mit ihm und seinen merkwürdigen Freunden. Das scheint vielleicht auch Gablé bemerkt zu haben, welche nach dem ersten Drittel nach und nach in die adligen Kreise – und damit auch auf sicheres, weil altbekanntes Terrain – zurückkehrt.

Nach „Die Säulen der Erde“ ist „Hiobs Brüder“ erst der zweite von mir gelesene historische Roman, der sich eingehend mit der vielleicht dunkelsten Zeit im englischen Mittelalter, der „Anarchy“, beschäftigt. Eine Epoche, ausgelöst durch den Untergang des „White Ship“ und den damit verbundenen Tod des rechtmäßigen Thronfolgers William, geprägt vom langjährigen Bürgerkrieg zwischen König Stephen und Kaiserin Maud, von immer wieder wechselnden Bündnissen und anhaltender Gesetzeslosigkeit. Rebecca Gablé gibt diese Zeit eindringlich wieder, ohne sich dabei in drastischen Schilderungen zu verlieren oder allzu übermäßige Brutalität zu zelebrieren. Im Gegenteil: Es sind die ruhigen Momente, die uns inne halten und das Ausmaß des Schreckens erkennen lassen, für die dieser Bürgerkrieg bis heute berüchtigt ist und dem schließlich selbst die Beteiligten irgendwann überdrüssig wurden. Der Glaube eine Entscheidung oder den Sieg in diesem Konflikt herbeizuführen – er war irgendwann auf beiden Seiten ins Wanken geraten. Und es ist diese Hoffnungslosigkeit, welche Gablé, besonders beim Beispiel der Belagerung von Wallingford, haargenau einfängt.

Obwohl Stephen und Maud die wichtigen Rollen in diesem Krieg ohne wirkliche Grenzen verkörpern, nehmen sie jedoch verhältnismäßig wenig Raum im Roman ein. Stattdessen konzentriert sich „Hiobs Brüder“, abgesehen von der ungewöhnlichen Gemeinschaft, vor allem auf den jungen Heißsporn Henry Plantagenet, der nichts unversucht lässt, um den englischen Thron zu erobern und später eine der mächtigsten Herrscherdynastien begründen wird. Gablés besonderes Händchen für historische Figuren – es kommt auch hier wieder hervorragend zum Tragen. Nach William, dem Eroberer („Das zweite Königreich“), John of Gaunt („Das Lächeln der Fortuna“) und Henry Beaufort („Die Hüter der Rose“) ist Henry FitzEmpress die nächste geschichtliche Person, die von Gablé, mit viel Sympathie, Witz, Charme, aber auch historisch belegten Eigenschaften bedacht, zum Leben erweckt wird. Wenn man ihr denn überhaupt hinsichtlich der Figurenzeichnung einen Vorwurf machen will, dann den, dass doch die meisten herrschenden Adligen äußerst gut wegkommen. Einen richtigen Unsympathen gibt es in „Hiobs Brüder“ nicht. Genauso wenig wie einen durchgängigen Antagonisten, der Losian und seinen Freunden das Leben schwer macht. Hier hätte ich mir dann doch manchmal einen William Hamleigh (aus Folletts „Die Säulen der Erde“) gewünscht. Auch weil Losian bzw. seine später wiedergewonnene Identität ein wenig zu stark daherkommt, um glaubhaft zu sein oder ein gewisses Gefahrenmoment zu befeuern.

Stattdessen wird die Gemeinschaft Losians durch die Einschränkungen und Krankheiten der einzelnen immer wieder auf die Probe gestellt, geht die Gefahr eher von gesellschaftlichen Begebenheiten als von feindlichen Rittern aus. Das muss besonders Losian feststellen, der sich in ein jüdisches Mädchen verguckt und das schwere Los ihres Volkes an der eigenen Haut erfahren muss. Die Abschnitte von ihm und dem jüdischen Arzt Josua gehören für mich eindeutig zu den Höhepunkten des Buches, wenngleich mir da manch eine Figur für mittelalterliche Verhältnisse dann doch zu modern und aufgeklärt reagiert. Aber ganz ohne künstlerische Freiheit kann halt auch ein historischer Roman seine Wirkung nicht entfalten.

So bleibt am Ende wieder mal die Erkenntnis: Selbst eine in einer gewissen Routine verfangene Rebecca Gablé thront immer noch weit über der im Genre ansässigen Konkurrenz. Wie keine andere vermag sie Geschichte – und in dem Zusammenhang natürlich dann auch geschichtsträchtige Figuren und Momente – lebendig zu machen und gleichzeitig einen Plot zu zimmern, dem man nur mit größten Unwillen den Rücken kehren will. „Hiobs Brüder“ ist ein über die volle Distanz mitreißendes Epos, das trotz des düsteren Kontextes den Wert von Freundschaften über alle Einschränkungen hinaus überaus warmherzig vor Augen führt und ein Loblied auf die Treue singt, welches vor allem auf den letzten Seiten den Leser durchaus zu ergreifen weiß. Denn wie Gimli schon einst sagte: „Treulos ist, wer Lebewohl sagt, wenn die Straße dunkel wird.

Meine Lektüre beende ich äußerst zufrieden und mit der Hoffnung, dass die darauffolgende Epoche noch eines Tages von Rebecca Gablé in Angriff genommen wird. Zwischen 1154 und 1330 ist jedenfalls noch eine Menge Platz für ein oder zwei Romane. Wenn sie also so freundlich wären …

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Rebecca Gablé
  • Titel: Hiobs Brüder
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Bastei Lübbe (Ehrenwirth Verlag)
  • Erschienen: 10.2009
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 912
  • ISBN: 978-3-404-16069-3