Der Rattenfänger von Haiti

© Goldmann

Nostalgie ist eine schöne Sache, aber sie verklärt bekannterweise oft den Blick auf die Wirklichkeit und zeichnet ein Bild, dass es so nur in unserer eigenen Erinnerung gegeben hat. Insofern war ich nun einigermaßen neugierig, als ich Nick Stones Debütwerk „Voodoo“ ein zweites Mal zur Hand nahm, mehr als zehn Jahre nach der ersten Lektüre. In einer Zeit, in der das Forum der Internetseite Krimi-Couch noch ein äußerst belebter Ort und Treffpunkt vieler gleichgesinnter Krimi-Freunde war, welche sich nicht nur über ihr aktuellstes Buch austauschen konnten, sondern auch gegenseitig den eigenen Literaturhorizont erweiterten.

Es war hier, wo einem der Facettenreichtum dieses Genres gewahr wurde und man über das Lesen hinaus tiefer in eine Materie eintauchte, die inzwischen zumindest aus meinem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Und es war auch hier, wo zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 eben jener Roman in aller Munde war und allseits – und damit auch von mir – gepriesen wurde. So viele Jahre danach stellt sich jetzt Frage: Waren diese hymnischen Rezensionen tatsächlich gerechtfertigt oder hatte ich mich damals in meinem jugendlichen Eifer auch ein bisschen beeinflussen lassen?

Letzteres lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, hätte doch sonst allein schon die optische Aufmachung genügt, um Stones Roman zu meiden. Sowohl das Cover als auch der reißerische Titel ließen bzw. lassen hier auf ein Werk im Stil eines Jean-Christophe Grangé schließen, das eher in der blutrünstigen Ecke des Kriminalromans beheimatet ist und zudem noch Mystery- und Okkult-Elemente in den Mittelpunkt stellt. Eine Annahme, die nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte, erheblich in die Irre führt und einmal mehr die Unfähigkeit gewisser Verlage deutlich macht, ein Buch auch passend zum Inhalt zwischen dem Einband zu vermarkten. Und spätestens ein Jahrzehnt später lässt sich tatsächlich konstatieren: Nick Stone und sein Roman „Voodoo“ hätten nicht nur eine weitaus bessere Werbung verdient gehabt, sondern sicher auch gebrauchen können, ist doch vielen Freunden des hochklassigen Hardboiled hier ein äußerst empfehlenswerter und vor allem durchaus realistischer Vertreter des Subgenres durch die Lappen gegangen.

Eine Neubetrachtung lohnt also, umso mehr, da Autor Nick Stone, dessen Mutter selbst aus Haiti, dem Schauplatz des Buches stammt, nicht nur erstklassig recherchiert, sondern auch gleichzeitig eine Milieustudie eines der ärmsten Länder der Welt vorgelegt hat und damit der westlichen Welt, und ihrer Kultur des Wegschauens, den Spiegel vorhält. Stone hat tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, will weit mehr als nur unterhalten und schafft doch auch dies von Seite eins an.

Diese nimmt ihren Anfang im Jahr 1996. Max Mingus, Ex-Cop und ehemaliger Privatdetektiv aus Miami, steht kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Sieben lange Jahre hat er seine Haft abgesessen, als Strafe dafür, einst im kalten Zorn drei Männer erschossen zu haben, die einer brutalen und mörderischen Kidnapper-Bande angehörten. Eine Tat, die zwar die Unschuldigen gerächt, Mingus selbst aber nichts als Unglück gebracht hat. Seine Frau kam bei einem Autounfall ums Leben, seine eigene Detektei musste dicht machen und seine ehemaligen Kollegen – bis auf seinen langjährigen Partner und Freund Joe Liston – wollen von ihm nichts mehr wissen. Die Welt, wie er sie kannte, sie liegt in Trümmern. Als die Gefängnistore sich hinter ihm schließen, liegt lediglich das Nichts vor ihm. Doch ein Mann scheint eine Aufgabe für ihn zu haben: der Milliardär Allain Carver.

Bereits während seiner Zeit im Gefängnis wurde Mingus immer wieder von ihm kontaktiert und darum gebeten, einen heiklen Auftrag anzunehmen. Mingus lehnte stets ab. Bis jetzt, bis er hört, welche Summe ihm für die Erledigung des Jobs angeboten wird. Zehn Millionen Dollar winken ihm als Belohnung, wenn ihm gelingt, woran bereits mehrere Detektive vor ihm – äußerst schmerzvoll – gescheitert sind: Charlie Carver zurück seiner Familie zu bringen. Allain Carvers Sohn wurde vor zwei Jahren auf Haiti entführt. Es gab nie ein Lebenszeichen und auch keinerlei Lösegeldforderung. Mingus‘ Vorgänger kehrten brutal misshandelt oder erst gar nicht zurück – es scheint, als würde irgendjemand nicht wollen, dass Carver gefunden wird. Doch was bedeutet wirklich Gefahr für jemanden, der ohnehin alles verloren hat. Und der in dem vielen Geld seine Chance sieht, nochmal neu zu beginnen.

Schon bei seiner Ankunft in der Ofenhitze von Haiti muss er erkennen, dass er von echtem Verlust zuvor keine Ahnung hatte. Das Land liegt wirtschaftlich am Boden, die Menschen sind bitterarm und von einer politischen Stabilität kann keinerlei Rede sein. Vielmehr befindet sich die Karibikinsel im Ausnahmezustand. Ein Zustand, an dem auch Präsident Jean-Bertrand Aristide seinen Anteil hat, der aufgrund seiner amerikafreundlichen Haltung kurzerhand von den USA ins Amt gehievt wurde, welche seitdem Haiti mit Truppen besetzt halten, um dessen Macht zu sichern. Hinzu kommen diverse UN-Verbände verschiedenster Nationen, die ihrer eigentlichen Aufgabe, der Friedenssicherung, schon lange nicht mehr nachkommen. Entsprechend herzlich fällt auch der Empfang für Max Mingus aus, dem zwar die Mittel der mächtigen Carver-Familie zur Verfügung stehen, welche aber außerhalb von Port-au-Prince nur von geringer Hilfe sind. Stattdessen haben Warlords das Kommando, allen voran der gefürchtete Vincent Paul, der beschuldigt wird, hinter Charlie Carvers Entführung zu stecken. Doch handelt es sich bei ihm tatsächlich um „Tonton Clarinette“, den Schwarzen Mann, welcher der Legende nach des Nachts die Kinderseelen raubt?

Max Mingus Ermittlungen lassen ihn bald an den Intentionen aller Beteiligten zweifeln. Und als er von seinem Partner die Nachricht erhält, dass sein Todfeind Solomon Boukman – ein skrupelloser Mann und selbsternannter Voodoo-Priester, der ihm einst Rache schwor – begnadigt und zurück in seine Heimat abgeschoben wurde, ahnt er, dass selbst zehn Millionen für diesen Auftrag noch zu wenig sein könnten …

Man könnte es sich einfach machen und „Voodoo“ einfach als einen Private-Eye vor exotischer Kulisse abstempeln, in dem einmal mehr ein gebrochener, vom Leben gezeichneter Anti-Held das Leid dieser Welt schultert und – umgeben von karibischen Schönheiten – der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Ja, und genau all das ist Nick Stones Erstlingswerk eben nicht, denn wenngleich er sich tatsächlich bekannter Elemente des klassischen Noirs bedient, so liegt doch der eigentliche Kriminalfall nur an der Oberfläche. Und wir als Leser brechen diese nach und nach auf, um zu sehen was darunter liegt, denn Stone weiß nicht nur wovon er schreibt, er hat auch eine fühlbar emotionale Bindung zu diesem Land, was besonders deutlich wird, wenn er die gnadenlosen Auswüchse des Kapitalismus skizziert und die Amerikaner mit ihrem kolonialistischen Treiben konfrontiert. Wohlgemerkt ohne dabei an irgendeiner Stelle zu moralisieren. Stattdessen lässt er den Ami sich selbst offenbaren, was angesichts des aktuellen Treibens eines Donald Trump rückblickend umso glaubwürdiger erscheint.

Überhaupt versteht es Stone vorzüglich mit unseren Erwartungen und Annahmen zu spielen, in falsche Richtungen zu leiten und Brotkrumen zu verteilen, welche uns letztlich in eine Sackgasse führen. Und obwohl dies mehr als einmal geschieht, stellt sich keinerlei Langeweile ein, was wiederum daran liegt, dass sich der Autor als äußerst geschickt erweist, wenn es darum geht, aus dem Weg das Ziel zu machen. Neben Max Mingus ist hier allen voran Haiti der zentrale Protagonist – und diese Insel wird mit allen ihren Sonnen- und Schattenseiten zum Leben erweckt. Fernab der touristischen Hochglanzbroschüren öffnet sich uns ein Land, welches zwischen dem modernen Aufschwung und traditionellen Bräuchen gefangen ist, seinen eigenen Weg ins das 21. Jahrhundert sucht und doch dabei immer wieder von außerhalb an der Hand genommen, besser gesagt gepackt wird. Wie Nick Stone diese Ausbeutung verdeutlicht ist mir besonders anhand einer Szene bis heute in Erinnerung geblieben. In dieser wird eine Gruppe indischer UN-Soldaten von Vincent Paul mit den von ihnen begangenen Übergriffen auf haitianische Frauen konfrontiert. Mangels irgendeiner Gerichtsbarkeit, spricht Paul auch gleich direkt das Urteil, das noch an Ort und Stelle vollstreckt wird. Hut ab vor all den Lesern, welche sich an dieser „Stelle“ nicht im Lesesessel ihres Vertrauens winden.

Übrigens ist dies einer der wenigen Ausbrüche von Brutalität, welche sich dieser Roman erlaubt, der ansonsten auf ganz andere Art und Weise für Entsetzen sorgt. Wenn sich nach und nach die wahren Hintergründe von Charlie Carvers Verschwinden offenbaren, das ganze Ausmaß klar wird, erweitert sich nicht nur unsere Perspektive – wir beginnen auch diesen tiefen, verzweifelten und doch auch machtlosen Zorn der Haitianer zu verstehen, die, um ihr Überleben kämpfend, der Willkür ihrer Herrscher – sei es von innen oder von außen – nichts mehr entgegenzusetzen haben. Im Angesicht dieses Elends und dieser Ungerechtigkeit gelingt Stone das Kunststück Bodenhaftung zu bewahren, denn anstatt sich als den Tag rettender Held zu entpuppen, muss der zynische Max Mingus weitestgehend die Kontrolle über das Geschehen abgeben und zur Seite treten. Er muss einsehen, dass diese haitianische Angelegenheit letzten Endes auch nur von Haitianern geregelt werden kann. Und inmitten dieser emotionalen Offenbarung kredenzt uns der Autor dann auch noch eine Wendung, die wohl selbst gut beobachtende Leser nur in den wenigsten Fällen voraussehen konnten. Chapeau für diesen Schlag aus dem Nichts, Mr. Stone.

Was bleibt nun nach der Lektüre – und mehr als zehn Jahre nach dem Erstkontakt? Das Denkmal „Voodoo“ hat zwar in der Tat über die Zeit ein wenig gebröckelt und Macken bekommen – die Überzeugung, hier einen einzigartigen und lohnenswerten Kriminalroman gelesen zu haben, konnte aber auch im zweiten Durchgang nicht erschüttert werden. Ein immersives, eindringliches und düsteres Noir-Werk, das sich schwer abschütteln und seine Spuren hinterlässt. So darf, so muss heutzutage ein Krimi sein.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Nick Stone
  • Titel: Voodoo
  • Originaltitel: Mr. Clarinet
  • Übersetzer: Heike Steffen
  • Verlag: Goldmann Verlag
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442463367
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Perlen vor die Säue

© Unionsverlag

Was lange währt, wird endlich gut, denn es hat in der Tat eine Weile gedauert, bis ich mein Versprechen eingelöst und mir Gary Victors Kriminalroman „Schweinezeiten“ zur Lektüre aus dem Bücherregal gezogen habe. Weniger aufgrund mangelnden Interesses, als vielmehr der sich exponentiell steigenden Auswahl in meiner Sammlung geschuldet.

Zudem war der haitianische Autor über einen größeren Zeitraum sowohl im Feuilleton als auch in der Blogosphäre in aller Munde, was eine weitere Stimme irgendwie obsolet gemacht und zudem meine eigene Bewertung eventuell beeinflusst hätte. Und das wäre schade, lohnt es doch, dieses Werk immer wieder neu hervorzuheben und zu empfehlen, denn was Victor hier auf Papier gebracht hat, das verdient durchaus Beachtung. Mehr noch: Gerade Freunde des Noir sehen ihr Sub-Genre dank „Schweinezeiten“ durch eine ganz neue Facette bzw. Nuance erweitert, denn nicht nur dass wir äußerst gezielt einen Blick in die desaströsen Zustände des Karibik-Staats Haiti werfen dürfen – der den westlichen Medien sonst nur bei Naturkatastrophen einen weiteren wert ist – auch die mysteriöse Zwischenwelt des Voodoo ist für die Handlung von essenzieller Bedeutung, welche an dieser Stelle daher auch kurz angerissen sei:

Haiti, ein drückend heißer Sommer noch vor den verheerenden Erdbeben des Jahres 2010. Inspektor Dieuswalwe Azémar gilt unter seinen Kollegen auf dem Polizeirevier von Port-au-Prince als Versager, als eine gescheiterte Existenz. Sein größter Makel: Seine Ehrlichkeit. In einem Land, in dem Korruption zum guten Ton gehört und man sich gefälligst von allen Seiten gehörig schmieren zu lassen hat, ist Azémar ein unliebsamer Störenfried, dem allseits Verachtung zuteil kommt. Gesteigert wird diese Abneigung nur durch die Tatsache, dass er auch noch die beste Aufklärungsquote des Reviers vorweisen kann. Dieuswalwe Azémar ist gut in seinem Job – und dafür ist ihm ebenfalls der Hass der Neider sicher. Gepaart mit einem miserablen finanziellen Auskommen ergibt sich eine Situation, die es nur noch zu ertränken gilt, was neben der Arbeit den Großteil eines Tagesablaufs in Anspruch nimmt. Zufriedenheit und Nüchternheit sind zwei Zustände, welche dem Ermittler gänzlich fremd sind, der jede Möglichkeit, den regionalen Zuckerrohrschnaps Tranpe herunterkippen zu können, genauso mit Freuden wahrnimmt, wie die Dienste der hiesigen Prostituierten.

Trotz des dauerhaften Alkoholrauschs bleibt er sich aber seiner Lage bewusst. Wohl wissend, dass er mit seinen geringen finanziellen Mitteln seiner mutterlosen Tochter Mireya ein ähnliches Schicksal in Haiti nicht ersparen kann, plant er, diese schweren Herzens für eine Adoption aus dem Ausland freizugeben. Als Vermittler dient die Kirche vom Blut der Apostel, ein evangelikales Pensionat, in dem sie bereits seit einiger Zeit lebt und auch ihre Schulbildung erhält. Zumindest für sie, so scheint es, könnte es also einen Ausweg aus diesen Schweinezeiten geben. Doch recht schnell zeigt sich, dass auch diese Hoffnung inmitten eines hoffnungslosen Landes trügerisch ist. Drei Tage bevor Mireya aus Haiti weggebracht werden soll, spitzen sich die Ereignisse plötzlich zu. Als Azémar das Kind einer Bekannten aus den Fängen eines hiesigen Voodoo-Priesters befreien will – das Geld zur Auslösung kann diese schlicht nicht aufbringen – greift er kurzerhand zur Waffe und erschießt sowohl den vermeintlichen Heiler als auch zwei seiner Komplizen. Ein Mord, der auch auf einer korrupten und von Verbrechern durchsetzten Dienststelle wie der seinen nicht unbemerkt bleibt. Doch damit nicht genug:

Mireya erzählt ihm von seltsamen Träumen, in denen sie Azémars alten Kollegen Wachtmeister Colin mit Schweineohren vor sich sieht. Eigentlich nur eine aberwitzige Kinderphantasie und dennoch löst sie Unbehagen in ihrem Vater aus, denn sein einstiger Ziehsohn bei der Polizei, in den er große Hoffnungen gesetzt hatte, ist seit einiger Zeit wie vom Erdboden verschluckt. Azémar nimmt dessen Spur auf und beginnt auf eigene Faust mit den Ermittlungen, die interessanterweise auch in den Kreis der Kirche vom Blut der Apostel führen. Als er erkennt, welch perfides Spiel im Namen Gottes getrieben wird, ist es fast zu spät …

Nun ja, wenn wir mal ganz ehrlich zu uns selbst sind – jeder der schon den ein oder anderen Krimi gelesen hat, wird sich bereits jetzt ein ziemlich klares Bild davon machen können, wohin die Reise im weiteren, ohnehin sehr übersichtlichen Verlauf (das Buch hat gerade mal 148 Seiten und damit Novellencharakter) gehen wird. Und es stimmt wohl, wenn man konstatiert, dass Victor in Punkto Plotbuilding oder auch Spannungsaufbau hier nicht die Sterne vom Himmel geholt hat. Gleichzeitig hat dies allerdings auch kaum Gewicht, denn er weiß stattdessen an ganz anderer Stelle, nämlich bei der Atmosphäre zu punkten. Das Etikett „Noir“ ist inzwischen ein vielfach verteiltes, welches überall mit Wonne verklebt und vergeben wird, wenngleich der betitelte Inhalt mit dem Urtypus dieses Genre zumeist kaum noch etwas zu tun hat. Denn Nein, ein versoffener Ermittler allein reicht für diese Typisierung bei weitem nicht aus. Der Noir hat sich seit jeher vor allem als Literatur der Krise verstanden, als Transportmittel der realen gesellschaftlichen Umstände einer Stadt oder eines Landes – und damit als beste Möglichkeit, um die regionale oder kulturelle Distanz zwischen Schauplatz und Leser zu überwinden.

Gary Victor versucht in „Schweinezeiten“ erst gar nicht, über irgendetwas den Mantel des Schweigens auszubreiten, sondern schildert sein von ihm erfahrenes Haiti schonungslos und bis ins kleinste Detail. Er zeigt uns ein ausgeblutetes, von der Sonne verbranntes Land, das trotz seiner klimatischen Lage statt Exotik nur Verzweiflung ausstrahlt. Und er zeigt es uns nicht behutsam, sondern reißt uns hart am Schopfe, macht ein Abwenden unmöglich, hält uns den Geruch von Armut, Gewalt und Tod direkt unter die Nase. Selbst weniger dünnhäutige Leser wird diese Lektüre, diese tiefe Aussichtslosigkeit nicht kalt lassen können, da sie keines künstlerischen Ursprungs, sondern vielmehr Abbild des Ist-Zustands ist. Ein Ist-Zustand, der eben dann letztlich auch das Handeln des Protagonisten Azémars bedingt, dessen Skizzierung ich zu den größten Stärken dieses Romans zähle. Kaputte Schnüffler gibt es nun bereits wie Sand am Meer – und auch literarisch über den ganzen Globus verteilt. Mit Gary Victors Anti-Held erreichen wir aber in der Tat nochmal eine andere Stufe bzw. legen eine tiefer verborgene Schicht frei, die mich unerwarteterweise emotional ziemlich angefasst hat.

Und auch Schreiben kann Victor. Seine Sprache ist unaufgeregt, pragmatisch, kalt und doch nicht bar einer gewissen, vielleicht gar kreolischen Poesie. So wie er es darlegt, wie er den Rhythmus aufbaut – so konnte das auch nur aus der Feder eines Haitianers geschehen, der natürlich, wie könnte es auch anders sein, dem okkulten Glauben seiner Heimat Tribut zollt. Wie auch Blog-Kollegin Christina Benedikt, so kam auch mir in manchen Szenen hier Franz Kafka und insbesondere sein Werk „Die Verwandlung“ in den Sinn, so nah ist Victor am rätselhaften, unheimlichen Ton des berühmten Pragers. Wenn es denn Lichtstimmungen in einem Buch gibt – ich habe bei einer Lektüre tatsächlich immer solche vor dem geistigen Auge – so dominieren in „Schweinezeiten“ trotz der brennenden Sonne vor allem die von ihr geworfenen, langen Schatten, in denen sich Dinge abspielen, die sich rational nicht erklären lassen. Ob diese Ausflüge ins Übernatürliche nun unbedingt sein mussten, sei dahingestellt (ich persönlich hätte darauf verzichten können) – sie fügen sich aber in jedem Fall reibungslos ins dieses kleine nachtschwarze Werk ein.

Die breite Masse kann und will „Schweinezeiten“ am Ende sicher nicht bedienen. Und sind wir mal ganz ehrlich, es hieße auch Perlen vor die Säue (oder sollte ich lieber Schweine sagen?) werfen. Alle diejenigen, die aber nach einer besonderen Erfahrung im literarischen Krimi immer gerne Ausschau halten und welche die künstlerische Leistung eines Autors zu würdigen wissen – denen sei dieses Buch unbedingt ans Herz gelegt.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Gary Victor
  • Titel: Schweinezeiten
  • Originaltitel: Saisons de porcs
  • Übersetzer: Peter Trier
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 03.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 156
  • ISBN: 978-3293207288