Wie oft ist die Vorstellungskraft die Mutter der Wahrheit?

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© Insel

„Das Tal der Angst“, erstmals zwischen September 1914 und Mai 1915 im Strand Magazine veröffentlicht, ist nicht nur der vierte und letzte Roman aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle, sondern gilt unter den „Sherlockians“ auch als schwächster Fall des Großen Detektivs. Eine Einschätzung, welche ich so gar nicht teilen kann und will, was vielleicht aber auch daran liegt, dass es, neben „Der Hund der Baskervilles“, dieses Buch gewesen ist, das meine Freude am Lesen geweckt und mein Interesse letztlich in Richtung der Kriminalliteratur gelenkt hat.

Der Tag, an dem ich dieses Werk zum ersten Mal las, ist mir bis heute äußerst detailliert im Gedächtnis geblieben: Der eiskalte, schneidende Wind. Der ans Fenster prasselnde Schneeregen. Das dunkle, alte Zimmer. Der Blick auf ein graues, marodes Fabrikgelände. Kurzum: Es war das perfekte Setting für „Das Tal der Angst“, das, so unterschiedlich die Bewertungen letztlich ausfallen, wohl düsterste Abenteuer von Sherlock Holmes, dessen nüchterner Ton nicht unerheblich von den Wirren des Ersten Weltkriegs geprägt worden ist.

Drei Jahrhunderte waren an diesem alten Herrenhaus nicht spurlos vorübergegangen, Jahrhunderte mit Geburt und Tod, mit ländlichen Tanzfesten, morgendlichem Aufbruch zur Fuchsjagd und Heimkehr. Ein bedrückender Gedanke, dass nun im hohen Alter ein so düsteres Geschehen seinen Schatten auf die ehrwürdigen Mauern werfen sollte! Und doch waren die eigenartig spitzen Dächer und die überhängenden Giebel ein nicht unpassender Hintergrund für ein grausiges Intrigenspiel. Als ich die tief eingesetzten Fenster und die lange, vom Wasser umspülte Vorderfront betrachtete, dachte ich bei mir, dass man sich keinen besseren Schauplatz für solch eine Tragödie vorstellen konnte.

Das schreibt Holmes‘ treuer Weggefährte Dr. Watson beim Anblick von Birlstone Manor, wo sich die örtliche Polizei mit einem mysteriösen Todesfall konfrontiert sieht. Der Herr des Hauses, Mr. Douglas, ist durch einen Schuss mit einer abgesägten Schrotflinte getötet worden, welcher sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat. Da in dem Herrenhaus des Nachts die Zugbrücke hochgezogen wird, blieb dem Mörder nur die Flucht durchs Fenster und den Burggraben. Doch warum sollte jemand eine so laute Waffe wie eine Schrotflinte wählen? Und wovor hatte Mr. Douglas vor seinem Tod solche Angst?

Während sich die Polizei mit den blutbefleckten Spuren auf dem Fenstersims befasst, beschäftigt Sherlock Holmes nur eine Frage: Wohin ist die zweite Hantel verschwunden? Die Antwort darauf fördert ein Geheimnis zutage und eine Geschichte, welche zurück bis in das Jahr 1875 reicht. Nach Vermissa, in Pennsylvania … ins Tal der Angst.

Wie schon im ersten Auftritt von Sherlock Holmes, so ist auch hier die Struktur des Romans in zwei Ebenen geteilt worden: Zuallererst das Verbrechen, gefolgt von einer weit umfangreicheren Rückblende, welche die Hintergründe des Mordfalls beleuchtet und den Kreis letztlich wieder schließt. Bereits dieser Aufbau, den Doyle bewusst an „Eine Studie in Scharlachrot“ angelehnt hat, sieht sich immer wieder der Kritik ausgesetzt. Viele bemängeln den Bruch in der Erzählung, die unnötigen, ausufernden Schilderungen, den zu kleinen Auftritt von Holmes. Genau diese Kritikpunkte sind es, die „Das Tal der Angst“ in meinen Augen zu einem so lesenswerten Roman machen. Stilistisch hat sich Arthur Conan Doyle weit von seinen ersten Kurzgeschichten entfernt. Vom heimeligen, kuscheligen Ohrensessel in der Baker Street, der Jagd nach Dieben, Fälschern, Erpressern oder geklauten Gänsen ist nicht viel geblieben. Stattdessen konfrontiert er den Leser mit einem mörderischen Geheimbund, der mit seinen mafiösen Methoden einen ganzen Landstrich in Angst und Schrecken versetzt. Es ist eine dreckige, von rauchenden Schloten verdunkelte Welt, in die man eintaucht. Schwarz von der geförderten Kohle, mit Verbrechern, deren Seele dieselbe Farbe haben und, die, entgegen dem zwar ebenso diabolischen, aber doch immer gesitteten Moriarty, ihre Hände mit Blut waschen.

Über mehrere Seiten sieht man sich mit grausamen Morden konfrontiert, schaut man dem Treiben einer Bande zu, welche die Polizei in der Tasche und niemanden zu fürchten hat. Das Gesetz scheint fern, der Arm der Justiz zu kurz, um die „Scowrers“ (als historisches Vorbild dienten die „Molly Maguires“, ein Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich existierender irischer Geheimbund), so der Name der entarteten Freimaurerloge, erreichen zu können. „Das Tal der Angst“ muss auch für die damalige Leserschaft ein ziemlicher Schock gewesen sein.

Wo sonst Holmes mit genialen Einfällen den Verbrechern immer wieder einen Schritt näher kam, triumphiert hier allenthalben das Böse. Es ist eine bittere Pille, welche Doyle uns schlucken lässt. Und manch einer fühlt sich in den drastischen Schilderungen gar an die Kriminalromane des „Hardboiled“-Genres erinnert. (Unter ihnen ist auch Charles Ardai, Herausgeber der „Hard Case Crime“-Serie, in der auch Doyles Titel daher nochmalig erschienen ist) Doch trotz des relativ kleinen Auftritts des großen Detektivs, fehlt es der Geschichte nicht an Raffinesse oder Cleverness. Ganz im Gegenteil: Jack McMurdo, ein Gesetzesbrecher aus Chicago, erweist sich als ebenso gewiefter, kühler Planer. Und wie Holmes, so betrachtet auch er die Dinge weit früher als jeder andere im größeren Zusammenhang. Wenn der Leser erkennt, wonach McMurdo wirklich trachtet, ist die Überraschung groß.

Für mich ist Doyles Ausflug ins rauhe, sittenlose Kohlerevier von Pennsylvania (auch abseits eigener nostalgischer Verklärung) eins seiner mit Abstand besten Werke. Eine gelungene erfrischende Abwechslung, welche den von der viktorianischen Ära geprägten Detektiv Sherlock Holmes endgültig in die Moderne katapultiert und der Figur damit auch ein paar neue Facetten abringt. Kein Fest für Freunde des Whodunits, aber ein kompromissloser, knallharter Kriminalroman ohne künstlichen Aha-Effekt oder hineingepresstes Happy-End.

Wertung: 98 von 100 Treffern

  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das Tal der Angst
  • Originaltitel: The Valley of Fear
  • Übersetzer: Hans Wolf
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 259 Seiten
  • ISBN: 978-3458350163

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Die Tragödie von Thornton Lacey

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© Knaur

Eines muss man der Verlagsgruppe Droemer Knaur tatsächlich lassen: Sie beweist eine beeindruckende Ausdauer bei der Veröffentlichung des Krimi-Autors Reginald Hill, welcher seit Jahren (so sagt mir sowohl meine Erfahrung als ehemaliger Buchhändler als auch ein Gefühl) auf dem deutschen Buchmarkt wohl eher mäßig bis solide performt und – nach einer kleinen Renaissance Anfang bis Mitte der 2000er – inzwischen allenfalls noch die Wünsche von England-Krimi-Liebhabern oder langjährigen Fans bedient. Gewiss, dieses Gefühl mag trügen, aber Fakt ist dennoch: Denselben großen Namen wie in seiner Heimat, ihn konnte sich Reginald Hill Zeit seines Lebens in Deutschland nicht machen. Zumindest außerhalb des vergleichsweise kleinen Kreises der Krimi-Gourmets, welche den im Januar 2012 verstorbenen Schriftsteller nicht nur, aber vor allem aufgrund eines gewissen Ermittlergespanns in hohen Ehren halten. Die Rede ist von Superintendent Andrew Dalziel und Chief Inspector Peter Pascoe.

Anfang 2017 (und damit acht Jahre nach dem Original) ist ihr letzter Fall „Die letzte Stunde naht“ hierzulande erschienen – der Großteil von Hills Werk bleibt aber weiterhin vergriffen, zwei Titel aus der Dalziel/Pascoe-Serie wurden sogar bis heute nicht übersetzt. Während der erste Band der Reihe, „Eine Gasse für den Tod“, schon seit langer Zeit nur zu absoluten Mondpreisen antiquarisch zu erstehen ist, kommt man jedoch an „Der Lüge schöner Schein“ noch relativ günstig heran. Und dies ist eine Investition, welche durchaus lohnt. Und zwar in zweierlei Hinsicht. Einerseits erreicht vielleicht eine gehaltvolle Besprechung – neben einen paar neuen Lesern – auch einen Verlag, der Hills Gesamtwerk in einheitlicher und würdiger Ausstattung neu auflegt. Und andererseits erweist sich die Lektüre als ein äußerst launiges Vergnügen, überzeugt der Brite doch schon in den frühen 70er Jahren mit seinem formvollendeten Stil. Mehr dazu nach einer kurzen Inhaltsbeschreibung:

Auch ein Polizist braucht mal Urlaub und so ist Detective Sergeant Peter Pascoe voller Vorfreude, als er sich auf den Weg zu einem geruhsamen Wochenende auf dem Land macht, das er mit ein paar alten Freunden aus Studientagen in einem malerischen Cottage in Thornton Lacey verbringen will. Ein allenfalls äußerliches Idyll, denn Pascoe, der wie immer verspätet eintrifft, macht hinter der Tür einen grausigen Fund. Sowohl die Gastgeberin Rose Hopkins als auch zwei weitere Gäste wurden aus kurzer Distanz mit einer Schrotflinte erschossen und von Colin, Roses Ehemann, fehlt jegliche Spur. Pascoe, außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs, muss hilflos mitansehen, wie der höchstrangige ermittelnde Beamte, Detective Superintendent Backhouse, schon kurz nach seiner Ankunft den nächstliegendsten Schluss zieht und Colin zum Ziel der Ermittlungen macht. Pascoe ist von der Unschuld seines alten Freundes überzeugt, hat aber als Zeuge wesentlich Einfluss auf den weiteren Verlauf der Ereignisse, weshalb er beschließt, sich selbst ein wenig umzuhören.

Bevor er jedoch eine lohnenswerte Spur aufnehmen kann, wird er zurück nach Yorkshire gerufen. Dort ist eine Serie von Einbruchdiebstählen vollkommen außer Kontrolle geraten und droht gewalttätig zu werden. Als er sich gemeinsam mit seinem Vorgesetzten, Superintendent Andrew Dalziel, an die Arbeit macht, scheint sich dieser Fall plötzlich mit den Vorkommnissen im Cottage zu verflechten …

Bereits 1973 erstmalig veröffentlicht, könnte man bei „Der Lüge schöner Schein“ (orig, „Ruling Passion“) einen leicht angestaubten und etwas überholten Rätsel-Krimi erwarten, doch dem ist mitnichten so, was vor allem daran liegt, dass dieses dritte Buch aus der Dalziel-und-Pascoe-Reihe besonders hinsichtlich der Entwicklung der Hauptfiguren einen großen Schritt nach vorne darstellt. Hiervon profitiert vor allem Peter Pascoe, der bei seinem ersten Auftritt in „Eine Gasse für den Tod“ noch eine relativ blasse und austauschbare Erscheinung blieb und hier wesentlich mehr an Profil gewinnt. Er zeigt jetzt erste Ansätze eben jener Intelligenz und Sensibilität, welche ihn später zu einem so liebenswerten Charakter – und damit natürlich auch gleichzeitig zum denkbar geeignetsten Gegenpart für den harschen und arroganten Andrew Dalziel machen. Der ist in „Der Lüge schöner Schein“ noch ein bisschen von dieser „Larger-than-Life“-Person entfernt, zu der ihn Hill im späteren Verlauf dieser Reihe heranwachsen lässt (und die ihn nebenbei bemerkt zu meinem persönlichen Lieblingsarschloch der Kriminalliteraturgeschichte macht). Ein Grund dafür ist, dass sich Dalziel zu diesem Zeitpunkt noch streckenweise in Zurückhaltung übt. Ein Charakterzug, dem er mit fortschreitendem Alter offensichtlich überdrüssig wird, um stattdessen jeden Tatort allein schon mit seiner körperlichen Erscheinung zu dominieren.

Neben den beiden zentralen Protagonisten bekommt aber nun auch erstmals Pascoes Ehefrau Ellie ein paar neue Konturen verpasst. Das ist insofern erwähnenswert, da das Rollenbild der Frau im Kriminalroman zu damaliger Zeit nicht oft über den erotischen Eye-Catcher hinausging. Ellie Pascoe jedoch verkörpert einen neuen Typus in diesem Genre. Keine Damsel-in-Distress und keine Femme Fatale, aber eine sanfte und doch gleichzeitig auch starke, lebhafte Frau, welche selbst aktiv wird und, politisch eher weiter links orientiert, mit dem Beruf ihres Mannes so ihre Probleme hat, stellt der Polizeidienst doch in ihren Augen ein Werkzeug der kapitalistischen Unterdrückung dar. Eine Meinung mit der sie in „Die Lüge schöner Schein“ nicht hinter dem Berg hält, obwohl sie natürlich weiß, dass Peter Pascoe selbst zu den Guten in diesem System gehört, das wiederum jemanden braucht, der diese Art von Arbeit erledigt. Und da ist ihr der Gatte weit lieber als ein Drecksack wie Dalziel, wenngleich sie langsam zu erkennen beginnt, dass sich auch hinter diesem grobschlächtigen Mann eine moralisch weit komplexere Person verbirgt, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.

Die Dreiecksbeziehung dieser drei Figuren, auf der ein Großteil des Erfolgs der Reihe (und auch der TV-Verfilmung) fußt – sie zeigt hier erste zarte Triebe. Wie übrigens Hills Vorliebe für subtile Anspielungen auf die englische Literatur. So ist nicht nur der Name des Dorfes eine Hommage an Jane Austens „Mansfield Park“, auch der originale Titel „Ruling Passion“ lehnt sich an den zweiten Teil von Alexander Popes Gedichtband „Poems of Sentiment“ an. Eine Angewohnheit, die Reginald Hill in den kommenden Bände dieser Serie weiter kultivieren wird.

Während Hill in der Charakterzeichnung langsam die Balance findet, hat der Spannungsbogen allerdings sichtbar Mühe seinen Weg nach oben zu finden. Das lässt sich vor allem auf den relativ unkonventionellen Plotaufbau zurückführen, laufen die beiden Handlungsstränge doch ziemlich lange parallel, ohne irgendwelche Verbindungen miteinander aufzuweisen. Fast scheint es so, als hätte hier jemand einfach mal drauflos geschrieben, um dann im weiteren Verlauf zu erkennen, dass es zusehends schwieriger wird, die einzelnen Fäden miteinander zu verflechten. Wenn Hill schließlich beginnt seine strukturellen Brücken zu schlagen, geht dies auf Kosten der Glaubwürdigkeit, da schlichtweg zu viele Zufälle bemüht werden und sich die große Zahl an Nebenfiguren nicht wirklich homogen einfügt bzw. mitunter wie aus dem Hut gezaubert wirkt. Als Folge dessen verpufft der (durchaus funktionierende) Effekt des dreifachen Mordes zu Beginn und das Tempo verebbt zu einer eher gemächlichen Gangart. Und diese wird nicht jedermanns Sache sein. Wer jedoch den klassischen Whodunit mitsamt der üblichen Rätselei mag, dürfte hier weiter munter am Ball bleiben – auch weil man ein ums andere Mal auf die falsche Fährt gelockt wird. Die Auflösung des Falls erfolgt dann schließlich ebenfalls traditionell englisch – in der gemütlichen Runde eines Herrenhauses.

Der Lüge schöner Schein“ – das ist zwar bei weitem kein herausragendes Highlight der Reihe, aber erstens ein wichtiger Grundstein für das spätere Miteinander der Figuren und zweitens qualitativ immer noch weit über all dem anderen Geschreibsel, was uns heutzutage als typisch britischer Krimi vorgesetzt wird. Ein trotz seines Alters überraschend zeitloser Whodunit, den man auch ohne Kenntnis der anderen Bände ohne große Probleme wegschmökern kann. Als Messlatte für den Autor dient er jedoch nicht – Reginald Hill wird in seinen späteren Werken sowohl in Wortwitz als auch im Storybuilding und dem Spannungsaufbau noch einige Schüppen drauflegen.

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Reginald
  • Titel: Der Lüge schöner Schein
  • Originaltitel: Ruling Passion
  • Übersetzer: Silvia Visintini
  • Verlag: Droemer Knaur
  • Erschienen: 03.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3426624425