Unterhalten wir uns hier im Dämmerlicht mal über Vampire …

Brennen muss Salem von Stephen King

(c) Heyne

Warum ich nach all der Zeit ausgerechnet eine Rezension zu „Brennen muss Salem“ auf meinem Blog poste? Da die Gegenfrage „Warum nicht?“ wohl ein bisschen zu wenig Inhalt bietet, komme ich mal auf meine Besprechung von „Carrie“ aus dem April letzten Jahres (Verdammt, ist das schon wieder so lange her?) zurück, die ja als Auftakt einer Reise in die Welt von Stephen King dienen sollte. Und da meine aktuelle Lektüre „Feuerkind“ der Feder desselben Schreiberlings stammt, lag die Idee nahe, mit dem „Grand Master of Horror“ den Faden wieder aufzunehmen.

Lange Rede, kurzer Sinn. Hier mein Senf zu „Brennen muss Salem“. Nicht weniger als einer der besten Horror-Schmöker, die ich je in Händen halten durfte.

„Schaut sich der interessierte Besucher heutzutage in den Buchhandlungen um, wird er immer öfter auf eine separate Abteilung für Vampire stoßen, die, losgetreten von Stephenie Meyers „Biss“-Zyklus, auf einer Welle reitet, welche die klassische Figur des „Nosferatu“ zum wunderschönen, romantischen Jüngling degradiert hat – der anscheinend nur ganz zufällig unsterblich und mit Eckzähnen versehen ist. Saugten früher die Wesen der Nacht noch in der Halsbeuge ihrer Opfer, wird nun wesentlich tiefer liegenden Körperteilen die volle Aufmerksamkeit geschenkt. Der Vampir ist zum Zugpferd des „Nackenbeißer“-Genres geworden, der eigentliche Schrecken und Aberglauben um diese sagenumwobene Figur wurde der Schmonzette und letztlich vor allem dem Profit geopfert. Währenddessen herrschen im eigentlichen Horror-Genre inzwischen Splatter und Folter vor, wird sackkarrenweise Blut und Gedärm über den Leser ausgeschüttet, der, oftmals abgestumpft von „Saw“ und Co., davon ungefähr so emotional bewegt wird, wie manch anderer mittlerweile von den Abendnachrichten – vom fein ziselierten, psychologischen Grusel scheint man weiter entfernt denn je. Was bleibt ist der Griff zum Klassiker – und zu denen muss, nicht erst seit der Wiederveröffentlichung des Titels in einer „Illstrated Edition“ bei Zsolnay und Heyne, „Brennen muss Salem“ unbedingt gezählt werden.

Stephen Kings zweiter Roman, der in seiner Idee bereits vor „Carrie“ entstanden ist, sollte allen heutigen „Vampir“-Autoren mit satter Vorhand um die Ohren gehauen und anschließend als Lehrmaterial in die Hand gedrückt werden, erweist sich diese moderne Version von Bram Stokers „Dracula“ doch als zeitloses Werk, dessen Story auch über vierzig Jahre nach der Veröffentlichung immer noch funktioniert. Sein Erfolgsrezept: Die Einfachheit, das unkomplizierte Du und Du mit dem Leser, dem nichts von oben herab erzählt und der auch nicht belehrt, sondern mit simpelsten, aber wirkungsvollsten Mitteln in die Geschichte hineingezogen wird:

„Schalten Sie den Fernseher aus – schalten Sie doch auch mal alle Lichter aus bis auf die eine Lampe über ihrem Lieblingssessel -, und dann unterhalten wir uns hier im Dämmerlicht mal über Vampire. Ich denke, ich bringe Sie dazu, an sie zu glauben, denn ich habe es, während ich an meinem Buch arbeitete, selber auch getan.“ Stephen King in seinem Vorwort zur Ausgabe von 2005. Und soviel sei vorab gesagt: An Vampire habe ich nach der Lektüre des Buches zwar letztlich nicht geglaubt – das allabendliche Warten an der finsteren Haltestelle unseres kleinen Dorfes fiel aber irgendwie noch stiller aus als sonst.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte von „Brennen muss Salem“ im Herbst des Jahres 1975. Ben Mears, Schriftsteller und Sohn der Kleinstadt Salem’s Lot (kurz für Jerusalem’s Lot), kehrt in die Heimat seiner Kindheit zurück, um den Tod seiner bei einem Unfall gestorbenen Freundin zu verarbeiteten und einen Neuanfang zu wagen. Gleichzeitig will er sich einer alten Angst stellen, welche in Form des alten Marsten-Hauses oberhalb der Stadt thront. Erbaut im frühen 20. Jahrhundert, ranken sich viele Mythen und Legenden um das Haus und seine Bewohner. Hubert Marsten soll gar für einige Morde verantwortlich und praktizierender Satanist gewesen sein. Für Ben Mears, der sich in frühester Jugend bei einer Mutprobe Zutritt verschafft und eine bis heute nicht rational zu erklärende Begegnung mit dem Geist Marstens gehabt hat, sieht darin genug Potenzial für ein neues Buch und beginnt zu schreiben. Gesellschaft leistet ihm dabei die junge Susan Norton, in die er sich recht bald verliebt.

Doch Mears Inspiration, das seit vielen Jahren unbewohnte Haus, scheint nun einen neuen Mieter gefunden zu haben. Mr. Straker, ein mysteriöser Herr mittleren Alters mit noch älterem Auto, hat sich dort niedergelassen. Gemeinsam mit seinem Partner Mr. Barlow will er ein Antiquitätengeschäft in Salem’s Lot eröffnen. Ein ungewöhnliches Ansinnen, nicht nur aufgrund der überhöhten Preise. Doch bevor sich die Bevölkerung der Kleinstadt länger über den Neuankömmling und den durch Abwesenheit glänzenden Kompagnon wundern kann, erregen weit schlimmere Dinge ihre Aufmerksamkeit: Am Friedhofszaun wird ein gepfählter Hund aufgefunden. Und nur kurze Zeit später verschwindet ein Sohn der Glicks spurlos, während der andere plötzlich an einer unerklärlichen Blutarmut zu leiden scheint. Da all die Ereignisse mit Ben Mears Ankunft in Salem’s Lot zusammenfallen, wird dieser nun zunehmend schärfer beäugt. Er selbst richtet seinen Blick dagegen hoch zum Marsten-Haus.

Sind die alten Gemäuer erneut zu einem Hort des Bösen geworden? Oder gibt es für all das eine vollkommen logische Erklärung? Gemeinsam mit Sue, dem trinkenden Priester Callahan, dem alten Lehre Burke und einem scharfsinnigen, kleinen Jungen namens Mark, geht Ben Mears dem Übel auf dem Grund … und stößt auf einen Gegner, der ihm und seinen Gefährten stets einen Schritt voraus zu sein scheint.

Achtzig Jahre nach Stokers „Dracula“ kehrt King mit „Brennen muss Salem“ zu den Ursprüngen des Vampir-Romans zurück und konfrontiert den Leser, ausgehend von der Idee den alten Stoff in die Moderne zu übernehmen, mit den Urängsten der Menschen. Dunkle, knarzende Kellertreppen. Huschende Schatten in der Finsternis. Vom Wind raschelnde Blätter im Wald. Rot funkelnde Augen in völliger Schwärze. Kings Mittel sind so einfach wie wirkungsvoll, kreieren von Beginn an eine Stimmung, welcher man sich nur schwerlich entziehen mag und mit jeder umgeschlagenen Seite an Intensität gewinnt. Das ist insofern beeindruckend, da die Hommage in Aufbau und Chronologie den Ereignissen des älteren Vorbilds durchaus ähnelt. Von der Verschiffung der Kisten, über den Gehilfen und die Ausbreitung der Vampire bis hin zum Aussehen des Vampirs – „Brennen muss Salem“ hält sich eng an den Ur-Stoff, ordnet sich aber dennoch nicht gänzlich den klassischen Tönen unter. Wo Stoker lediglich andeutete, wird King konkret. Dabei macht er die Thematik Vampirismus glaubhaft ohne sie zu entmystifizieren. Als Mittel dient ihm, wie auch in vielen seiner späteren Romane, die provinzielle US-Kleinstadt, welche dem Leser zwar nicht als Karte vorliegt, aber derart en detail beschrieben wird, das deren Aufbau uns bald so vertraut ist, wie die sie bevölkernden Figuren, welche uns teilweise mit schwindelerregender Schnelligkeit ans Herz wachsen. Und hiervon lebt, ja, hierdurch atmet die gesamte Geschichte.

Salem’s Lot ist nicht einfach der zufällige Schauplatz eines auf ihm tobenden Horrors – es wird zur Heimat des Lesers, die dort lebenden Menschen zu Bekannten, Freunden, Vertrauten. Und hieraus zieht „Brennen muss Salem“ seine Spannung. Wie eine langsam vor die Sonne schiebende Wolke greift der Schauder auf uns über. Die gemütliche Wärme eines spätsommerlichen Abends weicht herbstlicher Kälte. Statt zirpenden Grillen und Zikaden erklingen die Schreie der Ziegenmelker in der Nacht. Schritt für Schritt nimmt die Dunkelheit Besitz von Salem’s Lot, während wir hilflos mit anschauen müssen wie Barlow und Straker, von der Abgeschiedenheit des Ortes genauso begünstigt wie von der typischen Kleinstadt-Mentalität der Bewohner, die Reihen mit eiskalter Präzision lichten und dabei auf fast keinerlei Gegenwehr stoßen. King, der selbst an einem ähnlichen Ort aufgewachsen ist, erweist sich hier einmal mehr – und das ist seine große Stärke, die mich immer wieder so begeistern und bewegen vermag – als perfekter Beobachter seiner Mitmenschen. Salem’s Lot ist voller Ecken und Kanten. Seine Bevölkerung, so amerikanisch sie auch sein mag, ist der unserer Dörfer und Kleinstädte mit all ihren Fehlern erschreckend ähnlich. Häusliche Gewalt, Gleichgültigkeit, Snobismus, tugendhafter Wahn, Spießbürgertum, soziales Elend. Anhand der Figuren erhalten wir einen Querschnitt der Gesellschaft, welcher den eigentlichen Horror des Vampirs durch die alltägliche Bösartigkeit noch verstärkt.

Als Zentrum des Ganzen versteht sich dabei das Marsten-Haus. Eine Reminiszenz an Shirley Jacksons „Hill House“ (oder auch Blackwoods „Das leere Haus“), steckt auch in ihm „etwas Dunkles“ und bleibt, selbst als Barlow es verlässt, ein unheimlicher, das ursprünglich Böse verströmender Ort. In Folge dessen sind es besonders die Passagen, welche rund um das Haus spielen, welche die angesichts heutiger Schrecken schon fast in Vergessenheit geratene Gänsehaut auslösen und den Leser mit leicht nervösem Blick den Gang in den eigenen Keller antreten lassen. Die photographische Schärfe mit der King all dies zeichnet, sein unnachahmliches Gefühl für das richtige Timing – im Verbund mit der sich stetig zuspitzenden Handlung machen sie aus „Brennen muss Salem“ mehr als nur schlichte Unterhaltung.

Kings zweiter Roman ist voller Finsternis, Schwärze und Hoffnungslosigkeit, aber auch gleichzeitig durchsetzt von herzerwärmender Liebe und tiefempfundener Freundschaft. Ein herausragendes, berührendes und beklemmendes Meisterstück des Genres, das den guten alten Horror wieder salonfähig gemacht und mich über viele Stunden von allen anderen Aktivitäten abgehalten hat.

Der Abschied fiel mir, wie schon bei „Es“, nicht leicht, wird in der aktuellen „Illustrated Edition“ aber durch zwei weitere Kurzgeschichten hinausgezögert, welche die Geschehnisse rund um Salem’s Lot komplettieren.

Eins für Unterwegs“ setzt zwei Jahre nach dem Ende von „Brennen muss Salem“ an und erzählt die Geschichte eines Durchreisenden, dessen Familie im tiefsten Winter in einem Auto nahe Salem’s Lot eingeschneit worden ist. Widerstrebend erklären sich zwei Einheimische bereit, ihren Drink in der Bar zurückzulassen und dem Mann bei der Suche zu helfen. Im Gepäck: Eine Bibel und ein Kruzifix …

Bereits in der Kurzgeschichtensammlung „Nachtschicht“ erschienen, bietet „Eins für Unterwegs“ für King-Jünger nichts Neues. Für alle anderen stellt die nur wenige Seiten umfassende Geschichte aber eine äußerst stimmungs- und humorvolle Weitererzählung der vorhergehenden Ereignisse dar.

Jerusalem’s Lot“ (auch bereits vorher unter dem Titel „Briefe aus Jerusalem“ erschienen) erzählt von Charles Boone, der Mitte des 19. Jahrhunderts von seiner Familie das Anwesen Chapelwaite erbt und sich dort mit seinem treuen Diener Calvin McCann niederläßt. In den Briefen an seinen Freund Bones wird nach und nach deutlich, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Die unheimlichen Geräusche, die erschrockenen Gesichter der Ortsansässigen, die Andeutungen und rätselhaften Geschichten von Mrs. Cloris lassen Charles bald selbst an einen Fluch glauben, den seine Familie mit in den Ort gebracht hat…

Jerusalem’s Lot“ ist insofern interessant, da es chronologisch nicht nur Jahre vor „Brennen muss Salem“ spielt, sondern auch in Aufbau und Sprache nah an Bram Stokers „Dracula“ bleibt, dem dieses Werk auch direkt gewidmet ist. So setzt sich die komplette Geschichte aus Briefen zusammen, die, anfangs noch amüsiert, später immer mehr vom Grauen befallenen, von den Geschehnissen rund um Chapelwaite berichten. Gleichzeitig zitiert King hier ausgiebig Lovecraft. Unter anderem verwendet James Boone dessen Zauberformeln, um das Böse heraufzubeschwören. In Wirkung und Atmosphäre bleibt „Jerusalem’s Lot“ jedoch gegenüber der vorherigen Erzählung zurück.

Komplettiert wird die vorliegende Ausgabe durch die einstmals „Gestrichenen Szenen“ von „Brennen muss Salem“. Diese sind allerdings, von der alternativen Fassung des Endes von Dr. Cody und Barlow mal abgesehen, vernachlässigbar und lassen deutlich erkennen, warum Lektor und Autor diese in Absprache nicht mit ins Buch übernommen haben. Hier hätte man sie ebenfalls – nun ja – streichen können.“

Wertung: 96 von 100 Treffern (plus Kurzgeschichte „Eins für unterwegs“ 93 Treffer, „Jerusalem’s Lot“ 84 Treffer)

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: Brennen muss Salem
  • Originaltitel: Salem’s Lot
  • Übersetzer: Peter Robert
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 09.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 736
  • ISBN: 978-3453407497

In London ist der Teufel los

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(c) Walde & Graf

Noch erstrahlen die Blätter in den Wäldern direkt vor meiner Haustür in den buntesten Farben, macht der „Goldene Oktober“ seinem Namen wahrlich Ehre. Doch der Winter steht vor der Tür. Und mit ihm hält dann farblich meist auch die grau-weiße Tristesse Einzug. Vielleicht ein Grund, warum ich gerade dann alte „Noir“-Filme oder Detektiv-Serien wie Sherlock Holmes mit Jeremy Brett, Rutherfords Miss Marple oder David Suchet als Poirot herauskrame. Neben den Aspekt der Gemütlichkeit, ist es vor allem die zeitliche Epoche, in der die genannten Geschichten spielen. Dicht gefolgt von Edgar Wallace oder den Hammer-Horrorfilmen, die mich ebenfalls schon früh geprägt haben.

Genau deshalb habe ich in den letzten Tagen zum zweiten Mal die Lektüre von Javier Márquez Sanchéz‘ „Das Fest des Monsieur Orphée“ genossen. Eine launige Kombination von klassischem Detektivroman und billig-gruseligen Effekten des 50er/60er Horrorfilms. Oder um es bildlicher zu sagen: Als ob Sir Arthur Conan Doyle, Edgar Wallace und Quentin Tarantino zusammen ein Drehbuch geschrieben hätten.

„Zugegeben: Es geschieht relativ selten, dass ich ein Buch allein aufgrund seiner Aufmachung gleich vom Fleck weg kaufe, da viele Jahre der Lektüre mich mittlerweile gelehrt haben, einen Titel tatsächlich nicht nach dem Cover zu beurteilen. Im Fall von Javier Márquez Sánchez‚ „Das Fest des Monsieur Orphée“ konnte ich aber ich schlichtweg nicht widerstehen, hat sich doch der herausgebende Walde+Graf Verlag, welcher bereits mit „Sick City“ für wohlwollendes Raunen unter den Bibliophilen gesorgt hat, in Punkto Ausstattung einmal mehr selbst übertroffen.

Schwarzer Einband mit gelber Schrift unter einem ebenso gelben Mond, eine Katze mit roten Augen und zwischen den Buchdeckeln auf dem Kopf stehende Seitenzahlen und die düsteren, atmosphärischen Illustrationen von Patric Sandri. Dazu gleich zu Beginn eine Leinwand im Stil eines Filmvorspanns, auf der die beteiligten Protagonisten der Wichtigkeit nach geordnet genannt werden – egal, wie man es dreht und wendet oder wo man es gerade aufschlägt, das Buch ist ein echter Eye-Catcher. Und natürlich eine literarische Reminiszenz an das Familienunternehmen Hammer-Films, das Mitte der 50er Jahre damals gelockerte Zensur-Gesetze in Großbritannien nutzte, um mittels viel künstlichem Nebel und noch mehr künstlichem Blut den guten alten Gothic-Horror des 19. Jahrhunderts im moderneren Gewand wieder salonfähig zu machen. Unvergesslich die Auftritte Christopher Lees als Dracula sowie das prägnante Gesicht von Peter Cushing, renommierter Schauspieler der BBC und Hauptakteur vieler Hammer-Produktionen  (u.a. ebenfalls „Dracula“ und „Frankensteins Fluch“), der heutzutage den meisten vielleicht noch aufgrund seiner Rolle als Großmoff Tarkin im allerersten Star Wars-Film bekannt sein dürfte.

Zu der Gestaltung des Buchs samt retrospektiven Setting gehört nun natürlich noch eine Handlung. Und es ist dann beinahe folgerichtig, dass auch hier Peter Cushing eine gewichtige Rolle zu spielen hat:

Longtown, ein kleines, beschauliches Dorf im ländlichen Nordengland. Für John Gilligan, Fahrer des Postlieferwagens, nur eine weitere Zwischenetappe auf seiner morgendlichen Route, welche sich nach einer harten Feier am Abend zuvor und dem damit verbundenen schweren Kater allerdings diesmal umso anstrengender gestaltet. Er kann nicht ahnen, dass er kurz davor steht schlagartig wieder gänzlich nüchtern zu werden. Als er die abgelegene Ortschaft erreicht bietet sich ihm ein schreckliches Bild. Etwa zweihundert Bewohner von Longtown – und damit die gesamte Bevölkerung – sind auf brutalste Art und Weise im Schlaf umgebracht worden. Schlimmer noch: Alles deutet daraufhin, dass die Kinder das Massaker selbst verübt haben. Nur um anschließend die Kirche zu stürmen, den Pfarrer mit dem Kopf nach unten zu kreuzen und sich selbst auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen.

Mit der Aufklärung dieser unbegreiflichen Tat wird der auf merkwürdige Kriminalfälle spezialisierte Inspektor Carmichael betraut, welcher, gemeinsam mit seinem Assistenten Harry Logan, bald auf weitere absonderliche und besonders grausame Todesfälle im Umfeld stößt. Allen Vorgängen haftet etwas Diabolisches an, dass sich nicht durch die üblichen polizeilichen Methoden einordnen lässt. Als die Ermittlungen fortschreiten, weisen alle Spuren auf einen als verschollen geltenden Hollywoodfilm aus den frühen 20er Jahren. „Das Fest des Monsieur Orphée“ gilt laut einer Legende als von Luzifer persönlich gedrehter Film und soll jeden seiner Betrachter zu Wahnsinnstaten verführen. So absonderlich und unwahrscheinlich die Theorie selbst für Carmichael klingt – die teuflischen Machenschaften scheinen selbst im modernen London der 50er zuzunehmen. Kanalisiert bei dem einflussreichen Lord Meinster, der in der Themse-Hauptstadt hohes gesellschaftliches und wirtschaftliches Ansehen genießt. Hat er tatsächlich seine Hand im Spiel?

Während Carmichael und sein Zögling die Fährte weiterverfolgen, befindet sich zeitgleich auch Peter Cushing auf dem Weg zu eben jenem Lord, um für seine kommende Rolle in einer Neuverfilmung von Frankenstein vorbereitende Recherchen zu betreiben. Und auch ihn beunruhigen die merkwürdigen Todesfälle und der geheimnisvolle Film ebenso wie der geistige Einfluss des Lords, dem man sich nur schwer entziehen kann. Als Cushing zum ersten Mal auf die beiden Ermittler trifft, schließen sich zu einem Bündnis gegen das Böse zusammen. Aber noch rechtzeitig?

Nachdem bereits genug Worte über das äußere Erscheinungsbild von „Das Fest des Monsieur Orpée“ gefallen sind, nun etwas zum Buch selbst, bei dem es sich übrigens um den Erstling vom Autor Márquez Sánchez handelt. Und daran seien auch die zahlreichen Kritiker erinnert, welche den Schriftsteller für Idee und Konzept loben, im selben Atemzug aber die mangelnde sprachliche Ausführung beklagen, was ich ehrlich gesagt nur bedingt bestätigen kann bzw. in den wenigen Fällen vielleicht, in Unkenntnis des Originals, eher der Übertragung ins Deutsche anlaste. Aber selbst diese Übersetzung kann unter meinem scharfen Auge durchaus bestehen. Zudem sollte man sich in Erinnerung bringen, dass Sánchez die Welt der Hammer-Horrorfilme mittels typischer Elemente des trashigen Pulps auf Papier gebannt hat. Ein Genre, welches nicht unbedingt für einen hochliterarischen Sprachstil oder kunstvolle Wortgebilde steht. Und gerade bei dieser Übertragung zwischen den Mediengattungen hat der Autor seine Arbeit hervorragend gemacht, was man wohlgemerkt nur dann erkennt, wenn man mit den genannten Leinwandklassikern vertraut ist bzw. ihnen überhaupt etwas abgewinnen kann.

Das Fest des Monsieur Orphée“ mag die typischen Ingredienzien eines Kriminalromans enthalten, mag die düstere Atmosphäre des Gothic Novels äußerst geschickt ins neblige London der 50er übertragen – es bleibt aber in erster Linie eine Filmhommage. Und das über die volle Distanz und auf ganzer Linie. Die schreiende „Maiden“ in Nöten, die mystischen Herrenhäuser, die verstaubten Kellergewölbe, die dunklen Parks, die dicken Samtteppiche und schweren Brokatvorhänge. All das ist untrennbar mit den Filmen (u.a. die hierzulande noch bekannteren Edgar-Wallace-Produktionen)  der damaligen Zeit verbunden und bildet das Grundgerüst, welches Sánchez durch das verweben alter (und manchmal auch erfundener) Hollywood-Legenden und einem typischen Rätsel-Krimi im Stile Sir Arthur Conan Doyle schließlich komplettiert. Es ist insofern vollkommen unpassend, dem Autor hier klischeehafte Figuren oder einen platten Plot vorzuwerfen – das ist schlichtweg der cineastischen Vorlage geschuldet. Der verwirrte Professor, der geniale Ermittler, bösartige Gegenspieler in seinem Geheimversteck. Sie waren in den damaligen Produktionen eben allgegenwärtig,

Wer sich darauf einlässt, er wird aufs Beste unterhalten. Der Spannungsbogen bleibt ebenso durchgängig hoch wie das schaurige Element, welches bei mir in Form dieses merkwürdigen Films tatsächlich für einen wohligen Schauder gesorgt hat. Hinzu kommen spritzige, witzige und nicht selten augenzwinkernde Dialoge, welche bei Kennern hier und dort zu Déjà-vu-Erlebnissen führen dürften, ohne aber dass Sánchez der Versuchung erliegt, an jeder Stelle Verweise oder Anspielungen einbauen zu wollen. Das Tempo bleibt ebenfalls hoch, was nicht zuletzt an den vielen Perspektivwechseln liegt, die, Schnitten im Film gleich, von Protagonist zu Protagonist schalten, bis am Ende alle Fäden zusammengeführt werden und der Kampf der wenigen Guten gegen die diabolische Armee der Londoner Widersacher beginnt. Unnötig zu erwähnen, dass hier auch der Ausgang den Vorbildern der Kinoleinwand nacheifert.

Unwirklich, gespenstisch, gruselig – und doch immer auf anregend andere Art und Weise unterhaltsam. „Das Fest des Monsieur Orphée“ ist ein vielfältiger Schmöker in äußerst stimmungsvollen Gewand, der unbedingt mehr Leser verdient hat und jedem Regal eines Bibliophilen zur Zierde gereicht. Dicke Empfehlung meinerseits!“

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Javier Márquez Sánchez

  • Titel: Das Fest des Monsieur Orphée
  • Originaltitel: La fiesta de Orfeo
  • Übersetzer: Luis Ruby
  • Verlag: Metrolit (Walde + Graf)
  • Erschienen: 8/2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 406
  • ISBN: 9783849300142