Hey, hier kommt Alex!

© Heyne

„In einer Welt, in der man nur noch lebt,
Damit man täglich roboten geht,
Ist die größte Aufregung, die es noch gibt,
Das allabendliche Fernsehbild.

Jeder Mensch lebt wie ein Uhrwerk,
Wie ein Computer programmiert.
Es gibt keinen, der sich dagegen wehrt,
Nur ein paar Jugendliche sind frustriert.

Wenn am Himmel die Sonne untergeht,
Beginnt für die Droogs der Tag.
In kleinen Banden sammeln sie sich,
Gehn gemeinsam auf die Jagd.

Hey, hier kommt Alex!
Vorhang auf für seine Horrorschau.
Hey, hier kommt Alex!
Vorhang auf für ein kleines bisschen Horrorschau.“

Wer hat sie nicht schon lauthals mitgebrüllt, diese Strophen aus dem ersten großen Song der Toten Hosen von 1988? „Hier kommt Alex“ war, nicht zuletzt aufgrund des damals scharf diskutierten Texts, der Durchbruch für die Düsseldorfer Band. Bis dato nur in Insiderkreisen bekannt, wurden sie nun auch außerhalb der Punkszene als anspruchsvolle Rockmusiker wahrgenommen. Doch viele (mir ist selbst erst vor knapp 10 Jahren der Zusammenhang aufgegangen) wissen nicht um die Ursprünge dieses Lieds, dessen Titel sich direkt auf einen bestimmten Alex bezieht.

Gemeint ist Alex Delarge, der Protagonist des düsteren Zukunftsroman-Klassikers „Clockwork Orange“, den Autor Anthony Burgess 1962 veröffentlichte und welcher bis heute, nicht nur unter Punks, absoluten Kultstatus genießt. Wer also wissen will, warum der Song mit Beethovens 9. Sinfonie beginnt, was mit „roboten“ und „Horrorschau“ gemeint ist und wer diese „Droogs“ sind, von denen Campino singt, sollte mal einen näheren Blick auf dieses Werk werfen. – Und auch diejenigen, die mit den Hosen so gar nichts anfangen können, sei zur Lektüre geraten, ist doch die Problematik der grundlos randalierenden, Gewalt ausübenden Jugend heute leider genauso aktuell wie vor fünfzig Jahren.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht wie erwähnt der 15-jährige Alex Delarge, der mit seiner Bande, den „Droogs“, des Nachts ziellos durch die Gassen London zieht. Eine Stadt, welche in dem totalitär regierten Land längst nicht mehr sicher ist und vor allem bei Dunkelheit zum Spielplatz der Jugendlichen wird. So stehlen, foltern, vergewaltigen und töten die „Droogs“, immer auf der Suche nach dem noch größeren Kick, noch mehr Spaß. Alex sieht sich dabei als Anführer. Er gibt den Ton an, erstickt jede mögliche Rebellion seiner „Freunde“ im Keim. Als sie eines Tages bei einer alten Dame einbrechen, wendet sich jedoch das Blatt. Alex wird von den „Droogs“ an die Polizei verraten. Und weil die Frau ihren schweren Verletzungen erliegt, wandert er, den die Justiz schon lange im Auge hatte, für 14 Jahre ins Gefängnis.

An seinem Verhalten ändert dies jedoch nichts. Im Gegenteil: Der Gewalt im Knast begegnet er mit noch größerer Brutalität und gerät damit ins Visier des Direktors. Dieser bietet ihm vorzeitige Haftentlassung an, wenn er als Testobjekt am neuen Resozialisierungsprogramm, der Ludovico-Technik, teilnimmt. Alex willigt ein. In den folgenden zwei Wochen wird ihm tagtäglich ein Serum verabreicht, unter dessen Einfluss er stundenlang schlimmste Gewaltdarstellungen auf einer Kinoleinwand betrachten muss. Mit jedem weiteren Film, jeder weiteren Minute, wird Alex‘ Persönlichkeit umprogrammiert, bis er schließlich wie ein Uhrwerk funktioniert und schon beim geringsten Gedanken an Gewalt von grausamen Schmerzen und Übelkeit übermannt wird. Wieder auf freiem Fuß, ist er nun ein friedliebender Bürger – doch zu welchem Preis?

Alex ist unfähig sich zu wehren. Und seine Opfer, wie auch die „alten Freunde“, warten bereits auf ihn…

Vorneweg: Um Burgess‘ „Clockwork Orange“ erfassen (von „genießen“ will ich in diesem Fall lieber nicht sprechen) zu können, braucht es zu Beginn vor allem eins: Geduld. Der im Stil eines Berichts und in „Nadsat“, ein auf Basis der russischen Sprache konstruierter Jugendslang, vorgetragene Roman, macht den Einstieg alles andere als leicht. Stil und Wortwahl sind vom Fleck weg scharf, kantig, unverdaulich. Nur dank des Glossars am Ende des Buches, in dem man die Bedeutung der einzelnen Begriffe nachschlagen kann, kommt man überhaupt über die ersten Seiten. Hat man die jedoch schließlich im wahrsten Sinne des Wortes überstanden, stellt sich recht bald ein Leserhythmus ein. Und mehr noch: Burgess‘ Gebrauch des Nadsat verfremdet nicht nur nur die beschriebenen Gewaltdarstellungen – er verleiht dem Erzählten zugleich dieses Quäntchen mehr Authentizität, welches es uns ermöglicht, die Welt von „Clockwork Orange“ besser zu begreifen. In gewissem Sinne ist hier also eher die Sprache als letztlich der Inhalt Informationsträger, weshalb sich wohl der Autor auch eine längere Einleitung gespart hat.

Neben der anfänglichen Geduld verlangt Burgess dem Leser zudem ein gewisses dickes Fell ab, da Alex und seine „Droogs“ Gewalt nicht einfach nur ausüben, sondern diese mit voller Freude und Euphorie zelebrieren. Brutal und grausam werden Frauen vergewaltigt, Wehrlose bis zur Bewusstlosigkeit und darüber hinaus geprügelt. Je mehr Angst das Opfer hat, je mehr Schmerzen es leidet, um so mehr ergötzen sich die Täter an ihrem Spiel. Zartbesaitete werden hier bereits recht früh ausgesiebt und das Buch wohl an die Seite legen. Doch Burgess‘ detaillierte Schilderungen des Zerstörungsrausches sind mehr als nur ein zweckfreies Stilmittel. Besonders im Hinblick auf die zweite Hälfte des Romans gewinnen die von Alex‘ verübten Gewalttaten eine tiefere Bedeutung.

Zentrale Frage ist nämlich schließlich, was schlechter ist: Den Menschen zum Gutsein zu konditionieren oder ihm die Freiheit lassen, selbst zu entscheiden, ob er gut oder böse sein will. Wie weit sollte und darf ein Staat überhaupt gehen, um die asozialen, nicht zu integrierenden Elemente in der Gesellschaft so weit medizinisch zu behandeln, damit sie keine Bedrohung mehr darstellen? Und wenn die Würde des Menschen unantastbar ist – gilt dies nicht auch für den Täter? Im Anschluss an Alex‘ „Heilung“ muss sich der Leser diesen Fragen unausweichlich stellen. Und es ist der Genialität des Autors zu verdanken, dass es ihm gelingt, trotz Alex‘ vorangegangener Taten, Mitleid für diesen zu erwecken. Plötzlich begreift man, nicht zuletzt auch durch die Handlungen der Eltern, dass er auch schon vor dem medizinischen Eingriff ebenfalls in gewisser Art und Weise ein Opfer war. Ihm nun seine Entscheidungsfähigkeit zu nehmen, sogar die Freude an der Musik, stellt somit letztlich genauso ein Verbrechen dar. Nur halt diesmal verübt vom Staat.

Burgess geizt in seinem Roman aber sowieso mit moralischen Leitlinien. Alle Figuren (vielleicht mit Ausnahme des frommen Geistlichen im Gefängnis) bilden hassenswerte Charakterzüge aus. Niemand handelt wirklich selbstlos. Ein jeder hat Hintergedanken oder Ängste, die ihn schließlich gegen seine eigenen moralischen Grundsätze handeln lassen. Keiner dabei, der wirklich die Sympathien des Lesers genießt. Das wiederum macht eine Verurteilung einzelner Figuren schwer. Auch weil die von Burgess geschilderte Welt der heutigen erschreckend ähnlich ist. Ein Blick in die Fußballstadien oder gewisse Bezirke deutscher Großstädte ermöglicht den Blick auf viele Menschen wie Alex. Und sowohl der Lösung, als auch noch viel wichtiger der Ursache des Problems, ist man auch nach einem halben Jahrhundert nicht wirklich näher gekommen.

Bei all der drastischen Gewalt, den brutalen Schilderungen, der erbarmungslosen Härte – „Clockwork Orange“ ist, besonders gegen Ende hin, ein Roman, welcher zur Reflexion anregt, nachdenklich stimmt. Ein in seinen Mitteln vielleicht ungewöhnlicher und sperriger, aber in der Wirkung äußerst treffsicherer Klassiker, dessen Vision in großen Teilen bereits ernüchternde Wirklichkeit ist.

Nachtrag: „Clockwork Orange“ wird inzwischen von Klett Cotta in neuer Übersetzung verlegt.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Anthony Burgess
  • Titel: Clockwork Orange
  • Originaltitel: A Clockwork Orange
  • Übersetzer: Wolfgang Krege
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 11/1997
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3453130791

„The spirit of one Irishman who doesn’t want to be broken …“

© Atrium

Es erscheint mir nach der Lektüre von Sam Millars Autobiographie nur folgerichtig und angemessen diese Besprechung mit einem Auszug aus einem Zitat des irischen Widerstandskämpfers Bobby Sands zu beginnen. Und ja, es hat durchaus eine gewisse Bedeutung, dass ich explizit Widerstandskämpfer und nicht IRA-Terrorist schreibe, denn durch die Art und Weise wie der Nordirland-Konflikt, die sogenannten „Troubles“, und der scheinbar aussichtslose Kampf der Blanket-Men aus Millars am eigenen Leib erfahrenen oder erlittenen Perspektive hier geschildert wird, bekommt dieser Abschnitt der britischen Geschichte ein äußerst hässliches, schwer erträgliches Gesicht. Wohingegen man zwar nicht grundsätzlich alle Taten der IRA, aber doch die Motive und vor allem die Gefühlswelt der Iren nun äußerst genau nachvollziehen kann. 

Mehr noch: Diese gänzliche Abwesenheit jeglicher Menschlichkeit und Moral, welche die Inhaftierten des berüchtigten Hochsicherheitsgefängnisses Long Kesh auf beinahe täglicher Basis durch ihre Wärter erleiden mussten – sie bleibt mir auch Wochen später immer noch präsent vor Augen und wirkt auf mich persönlich ähnlich intensiv nach wie vor vielen Jahren mein erster Kontakt mit den Videos der Befreiung von Ausschwitz im Geschichtsunterricht der Schule.

Dieser Vergleich sei bewusst gewählt, denn diese Rezension gestaltet sich für mich bereits auf diesen ersten Zeilen erwartet schwer, ist mir „True Crime“ doch noch viel tiefer als erwartet unter die Haut gegangen, was möglicherweise auch daran liegt, dass ich seit einigen Jahren einen recht lockeren, aber regelmäßigen Kontakt mit Sam Millar über die sozialen Medien pflege und dessen stoische Unbeugsamkeit bei einem sturen Ostwestfalen auf durchaus fruchtbaren Boden fällt. Nein, natürlich kann man Millar nach Beendigung des Buchs deswegen nicht gleich von allen kriminellen Sünden freisprechen – aber diese drängende Frage „Was hätte ich getan?“, sie lässt sich diesmal weit schwerer von sich schieben als sonst, zumal in keiner Passage überhaupt nur der Versuch seitens des Autors unternommen wird, die eigenen Taten schön reden oder entschuldigen zu wollen. Sein zäher, nie gebrochener Widerstand – er speiste sich nicht in erster Linie aus dem Hass auf seine Feinde, sondern vor allem aus der tiefen Überzeugung, durch seine Art des Kampfes irgendwann dem Recht zum Sieg zu verhelfen. Ein Ziel, das er letztlich immer noch nicht erreicht hat. Und wo keine Gerechtigkeit, keine Einsicht und keine Reue ist, da kann dann auch kein Frieden, keine Versöhnung und keine Vergebung sein. Oder wie Millar es durch Sartre sagt:

Ich hasse Opfer, die ihren Henker lieben.“

Aus ganz persönlicher, bitterer Erfahrung kann ich da wenig widersprechen.

Genügt dies nun, um einen ausreichenden Eindruck von diesem Werk zu bekommen? Nein, nicht im Ansatz, denn das Besondere, ja, Herausragende an Millars autobiographischen Thriller ist eben genau die Tatsache, dass dieser sich eben nicht wie die Abrechnung eines alten, unversöhnlichen Kriegsveteranen liest, sondern er selbst den dunkelsten Abschnitten seines Lebens stets diesen typisch-irischen Witz abringen kann und zwischen all dem Schmerz, der Wut und der Verzweiflung sowohl Buch als auch Protagonist selbst nie gänzlich ihre Leichtigkeit verlieren. Im Gegenteil: Es sind gerade diese Szenen im gestreiften Schatten der Gefängnisgitter, welche eine Lebensfreude versprühen, die, wenn auch bittersüß, ein (manchmal auch salziges) Lächeln auf das Gesicht des Lesers zaubern. Im Angesicht all dieser Schrecken versagen Millar und seine Mitstreiter ihren Peinigern den endgültigen Triumph. Das Menschliche – sie lassen es sich nicht nehmen. Und es zeugt von der Stärke des Autors, dass er damit auch jenen Menschen ein Gesicht verleiht, die er selbst trotz der räumlichen Nähe jahrelang nie zu sehen bekommt – und welche am Ende dann teilweise ihren Protest sogar mit dem eigenen Leben bezahlen.

Der Geist von Bobby Sands – er weht immer wieder durch die Seiten. Und das ist insofern nicht verwunderlich, ist doch der Werdegang beider Männer in vielerlei Hinsicht ähnlich. Wie Sands, so ist auch der junge Sam Millar anfangs ein alles andere als politischer Mensch. Im Januar 1955 als Samuel Ignatius Millar geboren nimmt er die religiösen Konflikte in Belfast zwar durchaus früh wahr, doch fordern erst einmal viel konkretere Dinge seine Aufmerksamkeit. Seine Familie ist arm, sein Vater aufgrund seiner Heimat für die Handelsmarine so gut wie nie zuhause und die Mutter mit der alleinigen Erziehung völlig überfordert. Während sie sich immer mehr in den Alkohol flüchtet, verbringt Millar so viel Zeit wie möglich auf der Straße, lässt seiner Fantasie durch die Lektüre von Comics freien Lauf und lernt früh, sich gegen Ältere zu behaupten. Während die Spannungen zwischen Protestanten und Katholiken auch durch die steigende Präsenz der britischen Armee immer mehr zunehmen, ändert sich zunehmend die Stimmung in seiner Heimatstadt.

Obwohl er aufgrund des Großvaters selbst protestantische Wurzeln hat, muss er als Jugendlicher am 30. Januar 1972 hautnah miterleben, was er für jemanden mit katholischer Religion bedeutet, für gleiche Rechte in einem von Engländern besetzten Irland demonstrieren zu wollen. An diesem Tag in Derry, welcher später als „Bloody Sunday“ in die Geschichte einging, werden dreizehn der Demonstranten von der britischen Miliz niedergeschossen. Entgegen späterer Behauptungen hatte es seitens der Iren keinerlei Anlass für diesen Beschuss gegeben. Verurteilt wurde dennoch niemand der beteiligten Soldaten. Eine von einem englischen (!) Lord durchgeführte Untersuchung sprach sie alle frei, einige wurden für ihre Dienste gar mit einem Orden ausgezeichnet.

Ivan Cooper, Abgeordneter des nordirischen Parlaments, Vorsitzende der friedlichen Bürgerrechtsbewegung und selber Protestant, gibt noch am Ende des blutigen Tages eine Pressekonferenz, in der er erklärt:

Ich will der britischen Regierung nur folgendes sagen … Ihr wisst, was ihr gerade getan habt, oder? Ihr habt die Bürgerrechtsbewegung zerstört und der IRA den größten Erfolg beschert, den sie je haben wird. In der ganzen Stadt werden heute junge Männer… Kinder der IRA beitreten und den Sturm bringen, den ihr gesät habt.

Sam Millar gehört nicht zu denen, die sofort zu den Waffen greifen, doch auch ihn prägt dieser Tag tief. Als kurze Zeit später ein ehemaliger Schulfreund erschossen wird, zeigt er offen seine Sympathie für den militanten Republikanismus und tritt schließlich auch der IRA bei, welche ihrerseits durch Anschläge auf englischen Boden für tote Zivilisten sorgt. In dieser eskalierenden Gewaltspirale wird Millar erst in die Haftanstalt Crumlin Road, dann kurz darauf aufgrund von Waffen- und Sprengstoffbesitz in das legendäre Gefängnis Long Kesh eingewiesen. Ein ordentliches Gerichtsverfahren mit einer Möglichkeit zur Verteidigung bleibt ihm dabei verwehrt. Als sich die Tore hinter ihm schließen ist er der Willkür seiner Peiniger endgültig schutzlos ausgeliefert. Es dauert nicht lange und es kommt zu einem gewaltsamen Aufstand der Häftlinge, welche damit auf die unerträglichen Bedingungen in der Haftanstalt aufmerksam machen und ihren Widerstand gegen die britische Besetzung des Landes bekunden wollen. Ein Großteil des Gefängnisses brennt dabei ab und an dessen Stelle werden die H-Blocks errichtet. Eine Hölle auf Erden, in der auch die Unbeugsamsten gebrochen werden sollen. Unter ihnen ist auch Sam Millar.

Da man ihm und seinen Mitstreitern den Status des politischen Gefangenen verwehrt und stattdessen in die normale Gefängniskluft eines gemeinen Verbrechers stecken will, entledigen sie sich kurzerhand ihrer Kleidung und hüllen sich in Decken. Über mehrere Jahre werden die „Blanket-Men“ gefoltert und misshandelt, leben isoliert in winzig kleinen Zellen, an deren Wände sie ihre eigenen Extremente schmieren. Immer wieder kommt es zu Hungerstreiks, denen letztlich u.a. auch Bobby Sands erliegt. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis sich diese politische Situation zumindest soweit entspannt, dass Millar Anfang der 80er Jahre freigelassen wird. Er hält sich nicht mehr lange in Nordirland auf, kehrt Belfast den Rücken und beginnt ein zweites Leben in New York. Und für den Leser damit der zweite Teil des Buches – wenn er bei all der geschilderten menschlichen Verdorbenheit es bis hierhin durchgehalten hat.

Man kann nur hoffen, dass er es hat, denn auch im weiteren Verlauf des Buches lässt uns Sam Millar nicht aus seinen Fängern und schildert mit viel Esprit und Humor seine ersten Schritte als Croupier in einem illegalen Casino, während er sich in Bezug auf seine Familie eher in Schweigen hüllt. Dass er heiratet und dreimal Vater wird, erfährt man eher nebenbei. Stattdessen bereitet er mit dem Überfall auf Brink’s, die älteste und größte Firma für gesicherte Geld- und Warentransporte, nochmal die Bühne für einen weiteren äußerst wirkungsvollen Spannungsbogen. Dieser Coup gilt bis heute als einer der spektakulärsten in der Geschichte Amerikas. Mehrere Millionen Dollar werden gestohlen, Millar später mit drei weiteren Verdächtigen verhaftet. Hergang bzw. Ablauf der Tat bleiben jedoch bis heute ungeklärt. Und natürlich erfahren wir von Sam an dieser Stelle natürlich auch nicht mehr (Wo ist der Rest von der Knete versteckt, Sam? ;-) ). Dafür amüsieren wir uns nochmal darüber, mit welch zarten Methoden das FBI Millar im Verhör zu brechen versucht. Nach dem Martyrium von Long Kesh kann man fast nicht anders, als in das Schmunzeln des Erzählers mit einzustimmen.

Ganz am Schluss klappt man den Buchdeckel dann aber doch nachdenklich zu. Wer sich schon wie ich etwas länger mit dem Nordirland-Konflikt beschäftigt, der ist sich der begangenen Gräueltaten (beider Seiten) durchaus bewusst. Derart nah wie hier bin ich ihnen aber bis dato nicht gekommen. Und wenngleich Brendan Behan in „Borstal Boy“ einen durchaus (nachhaltigen) Einblick in sein Leben als Häftling geben konnte – auf der emotionalen Ebene hat „True Crime“ doch noch einmal tiefere Spuren hinterlassen. Und das ist wohl dann auch das am Ende größte Kompliment, das ich aussprechen kann.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Sam Millar
  • Titel: True Crime
  • Originaltitel: On the Brinks
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Atrium
  • Erschienen: 01.2015
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3855355136

Recht oder Gerechtigkeit?

© Grafit

Goldfasan – so nannte man im Nationalsozialismus spöttisch die Amtsträger der NSDAP, insbesondere die politischen Leiter aufgrund ihr goldbraunen Uniformen mit goldfarbenen Knöpfen. Und es ist ein mehr als passender Titel für den zweiten Band von Jan Zweyers Trilogie um den Bochumer Polizeihauptkommissar Peter Goldstein, der sich, zwanzig Jahre nach dem in der Weimarer Republik spielenden „Franzosenliebchen“, in den Wirren des Alliierten Bombenkriegs mit einem ganz brisanten Mordfall konfrontiert sieht.

Es ist allerdings nur auf den ersten Blick alles Gold, was glänzt, denn in der „goldenen Stadt“ Herne – so genannt wegen der im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten geringen Zerstörungen und Verlusten – hat sich Goldstein längst seines ursprünglichen Namens entledigt und, dem Zeitgeist entsprechend, in Golsten unbenannt. Eine äußerst folgerichtige Entscheidung, wenn man die Ereignisse des Vorgängers kennt (was unbedingt empfehlenswert ist, um viele der Zusammenhänge und Anspielungen zu verstehen), in denen sich der Ermittler, bei aller Gewitztheit, vor allem als ziemlicher Opportunist erwies. Zweyer greift diesen Faden äußerst gekonnt auf und vermittelt ein Bild davon, wie einfach man – ohne die Ideologie des Nazi-Regimes zu verinnerlichen – Teil dieses verbrecherischen Kreislaufs werden konnte, der im vorliegenden Roman aus dem „einen Volk“ mit dem „einen Führer“ längst eine zerrüttete und zerbrochene Gesellschaft gemacht hat, in der jeder den anderen bespitzelt und verrät, um die eigene Haustür vom Fußtritt der Gestapo zu verschonen. Und damit genauer zum Plot von „Goldfasan“:

Herne, 22. März 1943. Die Schlacht von Stalingrad ist vorbei und obwohl Goebbels alle propagandistischen Hebel in Bewegung setzt, um die Deutschen vom glorreichen Endsieg zu überzeugen, ahnen selbst hochrangige Nationalsozialisten, dass nicht nur dieses Gefecht, sondern auch der Krieg verloren ist. Während der skrupellose Geschäftsmann Wieland Trasse seine Beziehungen spielen lässt, um vor der endgültigen Niederlage noch so viel wie möglich von den „konfiszierten“ Reichtümern der polnischen Bevölkerung abzuschöpfen, meldet seine Tochter, inzwischen verheiratet mit dem stellvertretenden Kreisleiter der NSDAP in Herne, Walter Munder (eben jener Goldfasan), das Verschwinden ihrer Haushaltsgehilfin Martina Slowacki – ebenfalls eine Zwangsarbeiterin aus Polen. Eine pikante Angelegenheit, die normalerweise eine harte Strafe für denjenigen zur Folge hat, der seiner „Aufsichtspflicht“ nicht nachgekommen ist. Doch Munder hat Beziehungen und so kann er Kriminalrat Saborski überzeugen, diesen Fall mit der nötigen Diskretion zu behandeln.

Dieser beauftragt wiederum niemand geringeren als Peter Golsten, Hauptkommissar der Herner Polizei. der zugunsten seiner Karriere inzwischen längst auch der SS beigetreten ist und diese Entscheidung vor sich selbst damit legitimiert, lediglich seinem Land und dessen Gesetzen zu dienen – weshalb die Uniform des SS-Hauptsturmführers auch zumeist im Schrank hängen bleibt. Saborski sieht daher in dem prinzipientreuen und verlässlichen Golsten die perfekte Wahl, der zu Beginn tatsächlich in erster Linie Arbeit nach Vorschrift abliefert, um dieses unangenehme Vorkommnis möglichst schnell zu den Akten legen zu können. Doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse, denn kurze Zeit hintereinander werden zwei Leichen entdeckt. Der Körper einer Frau, angespült an der örtlichen Schleuse des Rhein-Herne-Kanals. Die andere, die eines Säuglings, aufgefunden im Unterholz des Gysenberger Waldes. Golsten vermutet gleich einen Zusammenhang und weitet, entgegen seiner Anweisungen, die Ermittlungen rund um die Familie Munder aus und stößt dabei auf einige Widersprüche.

Während er sich immer tiefer in den Nachforschungen verstrickt, droht gleichzeitig an anderer Stelle Gefahr. Sein Schwiegervater, ein erklärter Gegner des Nazi-Systems, gewährt seit einigen Tagen dem kommunistischen Juden Heinz Rosen in seinem Kaninchenstall Zuflucht. Als Golsten davon erfährt, sieht er sich endgültig mit den Folgen seines beruflichen Tuns konfrontiert und wird zu einer Entscheidung gezwungen …

Bereits im Auftakt der Trilogie gelang es Jan Zweyer äußerst nachdrücklich ein geschichtlich authentisches Bild des Kohlepotts während der Ruhrbesetzung im Jahr 1923 zu zeichnen und dabei subtil kommende Ereignisse anzudeuten. „Franzosenliebchen“ brillierte daher vor allem durch seine regionale Verankerung sowie die glaubwürdige Schilderung eines Milieus, das so wirklich existiert – und letztlich auch den Boden für den Aufstieg der Nationalsozialismus bereitet hat. Beim Spannungsbogen musste der Leser jedoch noch ein paar Abstriche machen, da Peter Goldstein zwar durchweg beharrlich, aber wenig kreativ auf Spurensuche ging und man das Ermittlungsziel letztlich aufgrund der vielen interessanten Details auf dem Weg dorthin gerne mal aus den Augen verlor. In „Goldfasan“ kann Jan Zweyer hier weitere Punkte gut machen. Nicht nur dass wir hier Schulter an Schulter mit SS und Gestapo die Türen so genannter „Volksverräter“ eintreten und jedem Leser guten Herzens angesichts des gezeigten mit jeder Seite unbehaglicher wird – auch der weitverzweigte, stimmig erzählte Mordfall überzeugt mit einer irritierend klaustrophobischen Suspense, welche vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse wie dem schrecklichen Attentat in Halle die übliche Distanz zur Fiktion mühelos durchbricht.

Über eine Länge von etwa 350 Seiten vergessen wir schlichtweg die Tatsache, dass es sich bei „Goldfasan“ um einen Kriminalroman handelt, so plastisch, so nah werden die Ereignisse rund um das Verschwinden von Martina Slowacki an uns herangetragen. Und während vergleichbare Bücher uns dann doch sehr oft den moralisch standhaften Gegner inmitten des bösen Nazi-Regimes präsentieren, erlaubt sich Zweyer auch in diesem Punkt keinerlei künstlerische Freiheiten. Peter Golsten ist ein Polizist, wie er so sicherlich existiert haben kann und wird. Jemand welcher zugunsten der eigenen Karriere schon recht früh über all die Begleiterscheinungen von Hitlers Machtergreifung hinweggesehen hat – und dies, so weit wie möglich, selbst im Deutschland des totalen Kriegs (kurz zuvor ausgerufen durch Joseph Goebbels im Sportpalast) immer noch tut. Während täglich alliierte Bomberverbände Herne überfliegen, die Bevölkerung in einem routinierten Ablauf in die Schutzbunker hastet und die letzten Kommunisten, Juden und Edelweißpiraten aus ihren Häusern gezerrt werden, ist Golsten immer noch der festen Überzeugung, mit seiner Arbeit der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Dass es diese im Rechtssystem des Dritten Reichs schon lange nicht mehr gibt, das weigert er sich beharrlich so lange wie möglich zu sehen.

Beispielhaft steht hier eine Szene in der (inzwischen übrigens unter Denkmalschutz stehenden) Teutoburgia-Siedlung in Herne, wo Golsten an der Spitze eines Gestapo-Trupps eine von ihm angeordnete „korrekte Hausdurchsuchung“ bei guten Bekannten durchführt, an dessen Ende sowohl Großvater als auch der jüngste Spross der Familie in Haft genommen werden, weil nicht nur der Feind-Sender BBC gehört wurde, sondern eine schriftliche Nachricht samt Waffe auch auf eine Unterstützung der hiesigen Edelweißpiraten hindeutet. Während um ihn herum alles auf den Kopf gestellt wird, verfolgt Golsten das Verhalten seiner Kollegen zwar mit Abscheu, rührt aber letztlich keinen Finger, um sie davon abzuhalten. Nein, als Sympathieträger taugt diese Figur wirklich nicht und doch ist sie letztlich der logische Schlüssel zu der Handlung, die sich eins zu eins in ein leider allzu reales Stück deutscher Geschichte einbettet. Zweyer zeigt uns eine Welt, in der Opportunismus und Kollaboration längst reflexartige Ausprägungen geworden sind, in der man ohne Scheuklappen keinen Fuß mehr vor die Tür setzt und seinen moralischen Kompass so kalibriert hat, das er stets in die gewünschte Richtung zeigt. Peter Goldstein ist weder Widerständler noch glühender Nationalsozialist – er ist die gefährliche Verkörperung dessen, was auch heute wieder die Gesellschaft bedroht: Ein Pragmat, der das Beste für sich und seine Familie will und schlichtweg in Kauf nimmt, dass dafür die „anderen“ über die Klinge springen müssen.

Je näher sich Goldstein der Wahrheit in diesem Fall nähert, desto mehr setzt sich das verbrecherische System in Bewegung, um diese zu vertuschen und stattdessen die üblichen Sündenböcke zu präsentieren, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Verbrechen im Nationalsozialismus von einem Nationalsozialisten begangen – so etwas gibt es nicht. Und so bleibt Goldstein schließlich auch tatenlos, als der vermeintliche Täter unter den üblichen Verdächtigen gesucht, gefunden und verurteilt wird. Obwohl Goldstein an dieser Stelle schließlich Tränen der Scham über die Wangen laufen, so können sie uns doch nicht davon überzeugen, dass Goldstein dieses Spiel nicht bis zum bitteren Ende des Krieges weiter mitspielen wird. Was, auf „Franzosenliebchen“ zurückblickend, auch nur konsequent ist. Trasse, Saborski und Goldstein – sie alle machen sich mehr oder weniger zum Helfershelfer dieses korrupten Regimes und führen den Begriff Gerechtigkeit letztlich gänzlich ad absurdum. Nicht Justitia ist es, die im Dritten Reich blind ist.

Die Lektüre von „Goldfasan“ – ich habe sie mit zitternden Fingern und einem ganz dicken Kloß im Hals beendet, was schon allein für die Qualität dieses wirklich ausgezeichneten und klugen Kriminalromans spricht, der, als kleines, aber unheimlich intensives, lokales Kammerspiel inszeniert, die ganz großen Themen auf eine Weise schriftlich entlarvt und verbildlicht hat, dass diese noch lange im Gedächtnis haften bleiben.

Und wie erschreckend ist es, dass wir im Jahre 2019 tatsächlich wieder über diese Themen in einem aktuellen Zusammenhang sprechen müssen.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Jan Zweyer
  • Titel: Goldfasan
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Grafit
  • Erschienen: 10.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3894256050

Wenn die Dinge aus dem Lot kommen …

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© Heyne

Nein, die größte Strahlkraft besitzt Stephen Kings 1980 erschienener Roman heute nicht mehr. Und auch an die – meines Erachtens eher missratene – Verfilmung mit der jungen Drew Barrymore, welche vier Jahre später auf die Leinwand gebracht wurde, erinnern sich wohl nur noch die ganz enthusiastischen Anhänger des „Grand Master of Horror“.

In beiden Fällen mag dies daran liegen, dass der Plot vergleichsweise schlecht gealtert ist bzw. seine Sogkraft aus Themen zieht (Telekinese, halluzogene Mittel, Mutationen und Verschwörungstheorien), die bei Veröffentlichung von „Feuerkind“ voll im Trend lagen, heute aber nur noch die wenigsten Leser hinter dem Ofen hervorlocken, da sie in der Zwischenzeit bereits viel zu oft in verschiedensten Medien behandelt worden sind. Grund genug also, dieses Werk links liegen zu lassen und zu überspringen?

Das hängt vor allem von der Erwartungshaltung mit der man die Lektüre herangeht ab, denn nach klassischen Horror- und Gruselgeschichten wie „Brennen muss Salem“ oder „Shining“ sowie einem Endzeit-Szenario („The Stand“) deutete bereits „Dead Zone“ an, dass King das literarische Spiel mit unserer Angst weit komplexer definiert, als man es vom reinen Horror-Genre bis dato gewöhnt war. Wie schon zuvor Algernon Blackwood dient das Übersinnliche oder Übernatürliche lediglich als Fundament, um darauf eine Handlung aufzubauen, der man – auch wenn das viele seiner Kritiken nicht gerne hören bzw. wahrhaben wollen – so auch in der modernen Unterhaltungsliteratur begegnen könnte. Es ist nun also die Frage, ob einem als King-Leser einzig und allein der „magische Effekt“ interessiert oder auch die Bühne, auf der dieser aufgeführt wird. Ist Letzteres der Fall, so vermag auch das etwas antiquierte „Feuerkind“ zu unterhalten, da es, wie zuvor schon „Carrie“ (und später „Es“ und andere Werke), eine „Coming-of-Age“-Geschichte erzählt, welche eben trotz der aus heutiger Sicht kruden Begleitumstände nichtsdestotrotz auf gefühlsmäßiger Ebene genau ins Schwarze trifft.

Und nun kurz zum Inhalt: Geld ist etwas, das man als Student in den späten 60er Jahren genauso gut gebrauchen konnte wie heute. Und Andy McGee und Vicky Tomlinson glauben sich dies besonders leicht verdienen zu können, als sie sich am 6. Mai 1969 als Freiwillige für ein (vermeintlich) harmloses wissenschaftliches Experiment zur Verfügung stellen. Doch in dem Moment wo ihnen die neuartige Substanz Lot 6 verabreicht wird, ändert sich ihr ganzes Leben. Andy erlebt hautnah mit, wie einige der Probanden ihren Verstand verlieren und kann urplötzlich eine geistige Verbindung zu seinem behandelnden Arzt herstellen. Der ist in Wirklichkeit ein Mörder und Vergewaltiger, welcher für eine geheime Organisation namens „Die Firma“ arbeitet, die mittels der Tests herausfinden will, ob Drogen paranormale Fähigkeiten bei Menschen wecken können. Während sich der Patient neben ihm vor Wahn die Augen mit bloßen Händen aus dem Kopf reißt, erfasst Andy das ganze Ausmaß des Komplotts. Nach dem er in seinem Bett aufgewacht ist, flieht er gemeinsam mit Vicky – nicht wissend, dass die Firma sie die nächsten Jahre in den Augen behalten wird.

Für eine lange Zeit kehrt fast so etwas wie Normalität im Leben der beiden ein, die mittlerweile geheiratet und eine gemeinsame Tochter bekommen haben. Charlie hat jedoch nicht nur die kinetische Begabung ihrer Eltern geerbt, sondern kann sogar Kraft ihrer Gedanken Feuer entfachen. Mehr noch: Gerät ihre Fähigkeit außer Kontrolle, birgt sie das Potenzial den ganzen Planeten zu vernichten. Eine Gefahr, die drohend über dem Glück der Familie schwebt. Als die „Firma“ von der Stärke ihrer Begabung erfährt, macht sie Jagd auf die McGees. Und für Vater und Tochter beginnt die Flucht und der Kampf uns Überleben …

… und für den Leser damit die Lektüre, denn anders als bei den meisten anderen Büchern aus Stephen Kings Feder, verzichtet er hier auf eine längere Einführung, sondern schmeißt uns direkt ins Getümmel der Metropole New York, aus der Andy McGee und Charlie entfliehen wollen. Dicht gefolgt von den Agenten der „Firma“, die erst kurz zuvor Charlies Mutter auf brutale Weise gefoltert und umgebracht haben. Ein Sprung in das kalte Wasser bzw. in diesem Fall heiße Wasser, sind doch sowohl Vater als auch Tochter im Verlauf der weiteren Stunden gleich mehrmals auf ihre Fähigkeiten angewiesen, worunter insbesondere ersterer zu leiden hat, der bei jedem Einsatz seiner Gedankenkontrolle seinem Gehirn mehr Schaden zufügt. Viel prasselt auf den ersten Seiten auf den Leser ein, dem nur nach und nach in Rückblicken offen gelegt wird, was die Gründe für die Jagd auf die beiden sind und wie sie zu ihren Kräften kamen – wodurch wiederum gerade zum Anfang hin das Tempo ziemlich hoch gehalten wird. „Ungewöhnlich actionreich“ war da mein erster Eindruck, kenne ich King sonst eher doch als bedächtigen Plot-Baumeister, der den Spannungsbogen zugunsten von Kurzweil und Dynamik stattdessen weit ausholend emporhebt.

Im Zuge dessen ist es vor allem das erste Drittel von „Feuerkind“, das sich am besten gehalten hat bzw. an dem am wenigsten der Zahn der Zeit genagt hat, auch weil man relativ einfach Zugang zu den Figuren, hier an erster Stelle Andy, findet. Wenn dieser andere Menschen beeinflusst, geht das genauso wenig am Leser spurlos vorbei, wie die Schicksalsschläge, welcher dieser immer wieder verkraften muss. Wo sich sonst bei King der Horror eher gemächlich in den Alltag schleicht, wird der Frieden diesmal urplötzlich gestört und gebrochen, wodurch das Gefahrenmoment umso greifbarer wird. Auch wenn es sich um Personen mit besonderen Fähigkeiten handelt – letztlich versucht doch nur ein Vater seine Tochter zu beschützen. Und dieses simple Rezept funktioniert, zumindest am Anfang, hervorragend.

Den gerade gezogenen, strammen Faden verliert King allerdings im Mittelteil des Buches und das obwohl das namensgebende „Feuerkind“ nun weit mehr in den Fokus rückt und sich mit dem Indianer Rainbird ein skrupelloser Antagonist der Besetzung anschließt. Dessen Wirken auf die junge Charlie ist noch das beklemmendste Element eines an Höhepunkten eher armen Abschnitts, dem es mir persönlich einfach zu sehr an Konsequenz gemangelt hat. Über die Andeutungen von Gefahren kommt „Feuerkind“ über viele Seiten nicht hinaus – zu wenig, um auf Dauer bei der Stange zu halten. Erst als Andy wieder die Initiative ergreift, wird das Steuer herumgerissen und Fahrt aufgenommen, wobei es mich selbst überrascht hat, dass ich seinen geistigen Einfluss (und die Folgen) für lange Zeit als weit erschreckender empfand, als das pyrokinetische Zerstörungspotenzial seiner Tochter. Erst am Ende wird diese dann – in gewisser Weise als Reminiszenz an „Carrie“ – von Kings Leine gelassen. Mit dem sprichwörtlich heißen Finale kriegt er dann letztendlich noch die Kurve und schafft es mal wieder mit traumwandlerischer Sicherheit dem Leser seine zuvor (unbewusst) zu den Figuren aufgebaute Beziehung emotional vor Augen zu halten.

Feuerkind“ mag kein Meilenstein von Stephen King sein, ist aber auch weit davon entfernt zu den schlechtesten seiner Werke zu gehören. Menschliche Schicksale menschlich darzustellen – darin ist und bleibt er auch hier einfach ein Großer. Ein Buch das zufrieden sättigt, wenn man auf Kingsche Feinkost steht, den einzigartigen Geschmack seiner Klassiker aber über weite Strecken vermissen lässt.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: Feuerkind
  • Originaltitel: Firestarter
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 560 Seiten
  • ISBN: 978-3453432734

 

Early draft of evil

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© Ullstein

Die Figur Dudley Smith übt seit meiner ersten Lektüre von James Ellroys „L.A.-Quartett“ eine schon fast unheimliche Faszination auf mich aus und hat mich nachhaltig wie kaum ein anderer Antagonist (sofern man ihn denn grundsätzlich als solchen bezeichnen will) im Genre des Kriminalromans geprägt. Sein erster Auftritt ward bis dato jedoch von mir ungelesen, hat er diesen doch im bereits 1982 erschienenen Krimi „Heimlich“. Ein guter Grund, sich dieses Frühwerk aus der Feder des „Demon Dog of Crime Fiction“ mal näher anzuschauen.

James Ellroy – ein Name, der inzwischen wie ein unverrückbarer Fels im Genre des Kriminalromans steht, vielen Autoren der jüngeren Generation als Vorbild dient und doch auch eine exzentrische Gestalt, an der sich oft die Geister scheiden. Während seinem legendären „L.A. Quartett“ selbst in akademischeren Literaturzirkeln größtmöglicher Respekt gezollt wird, erfährt sein Frühwerk – auch von ihm selbst – nicht immer die gleiche wohlwollende Betrachtung. Der klassische Ellroy, welcher mit Gewitter-artigen Sätzen durch die Reihen seiner Figuren peitscht, einem Sturmhagel gleich im Dauerstakkato seelische Abgründe und menschliche Verkommenheit über den Leser ergießt – er befand sich Anfang der 80er noch in einer Findungsphase.

Heimlich“ (orig. „Clandestine“) erschienen im Jahr 1982, merkt man diesen Testlauf-Charakter für kommende Werke zuweilen an, wenngleich jedoch – wie schon im Debütwerk „Browns Grabgesang“ – zwischen den Zeilen bereits allzu deutlich wird, wohin die düstere Reise gehen soll. So wird im vorliegenden Werk mit Dudley Smith DER Prototyp des bösen Bullen schlechthin eingeführt. Und auch das berüchtigte Victory Motel, das später noch eine weit größere Rolle spielen soll, feiert hier seinen Einstand. Das ist insofern erwähnenswert, weil es helfen soll, „Heimlich“ im Kontext des Gesamtwerks (es spielt chronologisch während bzw. zwischen „Stadt der Teufel“ und „White Jazz„) richtig einordnen zu können, stellt es meines Erachtens doch den elementaren Scheideweg in Ellroys Wirken dar (man könnte es auch als „Boden bereiten“ bezeichnen), an dem er anschließend erst einmal nur aus kommerziellen Gründen für seine „Hopkins“-Trilogie die „falsche“ Abzweigung nahm, um ihn später als Ausgangspunkt für sein „L.A. Quartet“ und die „Underworld“-Trilogie wieder aufzugreifen. Doch nun mehr zum Buch selbst:

Ein dunkler, kalter Winter im Los Angeles des Jahres 1951. Hier begegnen wir dem erst 26-jährigen Officer Fred Underhill, Streifenpolizist auf der Station Wilshire des LAPD, der auch in seiner Dienstzeit lieber Frauen als verdächtigen Kriminellen hinterherjagt und nach Feierabend das Gras der hiesigen Golfplätze beackert. In beiderlei Hinsicht erfolgreich, könnte das Leben eigentlich nicht sorgloser sein, doch Underhill will Karriere machen. Und diese Chance bietet sich, als er gemeinsam mit seinem Partner den verstümmelten und erdrosselten Leichnam einer erst kürzlich Verflossenen auffindet. Unzufrieden mit den üblichen Routineuntersuchungen, die den Fall kurz und knapp unter Raubmord verbuchen wollen, geht er nach Dienstschluss selbst auf Spurensuche, welche ihn zu einer Reihe anderer älterer und neuerer Morde führt – und in die Gesellschaft der hübschen, am Stock gehenden Bezirksstaatsanwältin Lorna Weinberg. Nach und nach gewinnt er ihr Vertrauen und sie als wichtige Verbündete. Doch der Erfolg hat auch seine Schattenseiten, denn mit ihm kommen Neider und unerwünschte Aufmerksamkeit. Für Underhill in Form des neuen Vorgesetzten, dem sadistischen und korrupten Detective Lieutenant Dudley Smith, der seine illegalen Methoden mit dem Euphemismus „heimlich“ verharmlost … und der nebenbei seinen ganz eigenen nachtschwarzen Dämonen hinterherjagt.

Es fällt mir schwer, an dieser Stelle nicht mehr zu verraten, gibt doch obige Inhaltsbeschreibung nur die erste, und meiner Ansicht nach schwächere Hälfte des Buches wieder, in der sich Ellroy noch relativ konsequent innerhalb der üblichen Genre-Bahnen bewegt, wohingegen sich spätestens mit Dudleys Erscheinen und dessen Obsession für die Schwarze Dahlie der, nennen wir es mal, literarische Aspekt durchsetzt. Zu Beginn noch eindeutig von der Hardboiled-Prosa klassischer Vorbilder geprägt, ändert sich hier plötzlich der Ton, wird sein zuvor hölzerner, formaler Stil so viel mehr abstrakter, ja, zersplitterter, als hätte jemand von jetzt auf gleich seine Art des Schreibens gefunden.

Das ist insofern bemerkenswert, da man diese Rhythmusänderung selbst noch in der deutschen Übersetzung (welche übrigens weit besser ist, als die zu „Browns Grabgesang“) deutlich herauslesen kann. Ellroy ist zwar von der späteren Perfektionierung zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt, setzt sich jedoch schon merklich von Hammett und Chandler ab, in dem er genau die paar Schritte weitergeht, die es braucht, um den ursprünglichen Detektivroman auf eine komplexere, dunklere Ebene und damit in die Sphären ernsthafter Literatur zu heben. Sein Talent Zeit und Raum einzufangen, vielschichtige und vor allem vielzählige Charaktere sinnvoll miteinander zu verweben, verschiedenste Spuren durch Haken und Wendungen immer wieder neu zu ordnen – in „Heimlich“ scheint es zum ersten Mal so richtig durch.

Jene Zeit sollte ein Ritus des Übergangs werden, bestehend aus Fehlstarts und Trugschlüssen. (…) Als mich mein gieriger Ehrgeiz 1951 in ein furchtbares Labyrinth von Tod, Schande und Verrat hineinzog, war das nur mein Anfang.

Fred Underhills Worte im Prolog enthalten nicht nur stark autobiographische Züge, sondern können gleichzeitig auch als Blaupause für die nachfolgenden Werke verstanden werden, welche wieder das Szenario eines sex- und karriereversessenen Polizei-Officers aufgreifen, der im Amerika der 1950er Jahre auf die Spur eines psychopathischen Frauenmörders gerät. Wobei die Jagd auf selbigen vor allem der Karriere des Protagonisten dienlich sein soll und der Täter für den letztendlichen Erfolg Jahre persönlicher Rückschläge in Kauf nehmen muss. Schuld und Entwurzelung sind zwei Aspekte, die sowohl „Heimlich“ als auch das „L.A.-Quartett“ maßgeblich bestimmen, weswegen ich Freunden des letzteren auch nachdrücklich zu diesem Frühwerk rate, das zwar streckenweise unter dem „Entwurfcharakter“ leidet, dafür aber faszinierende, detaillierte und sprachlich noch zugänglichere Einblicke in Schauplatz und Figuren der großen Vier gewährt.

Nein, die hohen Erwartungen, welche man heutzutage an jeden neuen James Ellroy stellt – sie kann „Heimlich“ – auch weil der Hauptfigur noch dieses gewisse Extra, diese Portion Schärfe und Dreidimensionalität fehlt – nicht erfüllen. Als lohnender Appetizer oder Teaser für „things to come“ kann dieses Frühwerk, dieser erste „echte Ellroy“, aber durchaus überzeugen.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: James Ellroy
  • Titel: Heimlich
  • Originaltitel: Clandestine
  • Übersetzer: Wolfgang Determann
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 315
  • ISBN: 978-3548247229