Bob, der Henker, ist wieder da!

© Festa

Es ist so eine Sache mit dem Image. Oft hat man es doch recht schwer, einmal in eine Schublade geworfen, seine Kritiker vom Gegenteil überzeugen beziehungsweise dem beständig gehegten Vorurteil anderer entfliehen zu können. Ein Lied, von dem auch der in Leipzig heimische Festa Verlag singen kann, der lange Jahre vor allem als Anlaufstelle für Freunde des härteren, nicht immer mainstreamtauglichen Horrors und experimentierfreudiger Fantasy galt, wobei auch zugegebenermaßen nicht jeder Titel im Programm gerade höchste literarische Ansprüche verkörperte.

Wohlgemerkt: Vergangenheitsform, denn auch wenn Festa sein ursprüngliches Profil in keiner Weise verleugnet – mit der „Festa Extrem“-Reihe, die vom Buchhandel gar boykottiert wird, hat man es sogar noch geschärft – geht man inzwischen seit einiger Zeit auch andere Wege. Neben „H.P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“, in welcher unter anderem so namhafte klassische Autoren wie Robert E. Howard oder Clark Ashton Smith erscheinen, ist hier vor allem die „Festa Crime“-Serie hervorzuheben, dessen Konzept der Verlag so auf den Punkt bringt:

Wir wollen Deutschland vor langweiligen Kriminalromanen retten!

Ob Festas Titel in der Lage sind, dies zu bewerkstelligen oder Deutschland einer solchen Rettung derzeit überhaupt bedarf – mit Sicherheit ein diskussionswürdiges Thema. Fakt ist jedenfalls: Mit der Wiederentdeckung von „Shooter“ (1993 als „Point of Impact“ in den USA erschienen) für die deutsche Krimilandschaft hat man in jedem Fall einen Schritt gemacht, der die Seriosität dieses Ansinnens durchaus unterstreicht. Bereits vor knapp vierzehn Jahren im List-Verlag erstmals veröffentlicht –  damals unter dem Titel „Im Fadenkreuz der Angst“ – war der Auftakt der mittlerweile neun Bände umfassenden Reihe um den Scharfschützen Bob Lee Swagger zuletzt nur noch antiquarisch und hier zu höheren Preisen zu erwerben, was ganz sicher auch als Beleg für die Qualität des Buches verstanden werden darf. Diese wiederum hat Hollywood schon vor sieben Jahren entdeckt und die literarische Vorlage mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle als „Shooter“ verfilmt. Aber auch wenn der zweifellos gute Actionstreifen sich nahe an Stephen Hunters Roman orientiert, gilt auch diesmal der oft verwendete Ausspruch: „Ein Film ist niemals so gut wie das Buch, auf dem er basiert.“ Nur dass man im Falle von Hunters „Shooter“ noch hinzufügen muss: „Er ist auch niemals so drastisch wie das Buch.“

Für all diejenigen, die weder Film noch Buch kennen, sei hier der Inhalt kurz als Appetizer angerissen:  Im Mittelpunkt der Geschichte steht der bereits oben erwähnte Bob Lee Swagger, ein ehemaliger Scharfschütze des US Marine Corps und Veteran des Dschungelkriegs von Vietnam, in dem er ganze 87 tödliche Treffer verbuchen konnte, bis er von einem Heckenschützen dienstuntauglich geschossen wurde. Ein Einsatz, der seinem Freund und Späher Donny Fenn das Leben und Bob den Glauben an den Sinn der Sache kostete. Inzwischen lebt er, die Gesellschaft von Menschen meidend, in den verschneiten Bergen von Arkansas. Hier in der ursprünglichen Wildnis der Natur, nur begleitet von seinem Hund Mike, widmet er seine Zeit allein seiner Waffensammlung, die er hegt und pflegt und seit Vietnam nicht mehr für einen tödlichen Schuss gebraucht. Doch gerade dieses Talent ist es, welches wiederum andere auf Bob aufmerksam macht.

Eine geheime Regierungsorganisation, vorgeblich für die Sicherheit des Präsidenten bei dessen Wahlkampf-Tour verantwortlich, nimmt Kontakt zu ihm auf, bittet Bob ein letztes Mal, seinem Land zu dienen und sein Scharfschützen-Wissen mit einzubringen, um ein geplantes Attentat zu vermeiden, hinter dessen Ausführung einen Mann namens Solaratov vermutet wird. DER sowjetische Scharfschütze, welcher auch Donny Fenns Leben und Bobs Karriere vor so vielen Jahren beendet hat. Letzterer sieht nun die Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Rache zu nehmen und damit auch seine gefühlte Schuld an Donnys Tod zu begleichen. Doch statt möglicher Vergeltung findet er in New Orleans nur eine Falle vor, in die er blindlings hineintappt.

Bob wird vom Jäger zum Gejagten, findet sich plötzlich selbst im Fadenkreuz des Zielfernrohrs wieder. Gejagt vom Justizsystem der gesamten Nation. Seine Verbündeten: Die Witwe seines besten Freundes und der linientreue FBI-Agent Nick Memphis, der als einziger an die Unschuld des Scharfschützen glaubt. Gemeinsam drehen sie den Spieß um … und Bob Lee Swagger zieht einmal mehr in den Krieg.

Der Begriff „Hardboiled“ wird heute ja fast inflationär benutzt – seine Verwendung in einer Besprechung zu „Shooter“ hat aber nicht nur seine Berechtigung, es ist schlichtweg eine Notwendigkeit, ist doch der Auftakt der „Bob-Lee-Swagger“-Reihe ein Vertreter eben dieser Genre-Gattung, in dem selbst die Helden kein allzu gutes Bild abgeben und der Autor konsequent darauf verzichtet, es dem Leser in irgendeine Art und Weise leicht oder gar angenehm zu machen. Stephen Hunters Amerika darf man getrost als moralisch verkommen bezeichnen (hinsichtlich dessen ist der Roman wieder erschreckend aktuell), was die Suche nach den „Guten“ genauso sinnlos macht, wie die Kategorisierung der Protagonisten im Allgemeinen. Hier ist alles eckig, kantig, knarrend, unbequem, wird an jeder Stelle der Boden bereitet für einen Kampf des vermeintlich Schwachen, dem einsamen, verletzten Wolf, gegen das übermächtige System. Gewürzt wird das Ganze mit einer komplexen Verschwörung, was wohl ein Grund ist, warum Hunters Romane auch hierzulande bisher einen so schweren Stand gehabt haben. Doch wir erinnern uns an das Schubladen-Denken und sind vorsichtig, „Shooter“ als typisch-schmalspurige Ami-Kost abzuurteilen. Denn unter dem groben, rauen Gewand verbirgt sich doch weit mehr.

Um das zu erkennen, müssen aber tatsächlich gewisse Hindernisse überwunden werden. Ein wichtiger Punkt, wenn nicht sogar der wichtigste: Waffen. Wer ihre schiere Existenz ablehnt und ihre Handhabung an sich schon als Verbrechen versteht, der sollte nicht nur, ja, ef muss von der Lektüre dieses Romans absehen, der sich in einigen Passagen wie ein Führer durch alle Waffengattungen liest, in technischen Daten schwelgt und ausführlich die Zusammenhänge von Windrichtung, Luftwiderstand, Schwerkraft und Corioliskraft erläutert. (In diesem Zusammenhang sei übrigens Freunden des hier besprochenen Buchs auch George T. Basiers „Der Killer und die Hure“ empfohlen, der ähnlich detailgetreu auf die Tätigkeit des „Snipens“ eingeht) Man könnte soweit gehen zu behaupten, dass Hunter den Schießsport und damit letztlich auch das zielgenaue Treffen zu einer Kunst erhebt – ohne dabei jedoch den Pfad der sachlichen Schilderung zu verlassen. Denn so hymnisch die Fähigkeiten der Scharfschützen hervorgehoben werden – der Akt des Tötens an sich wird vom Autor weder glorifiziert noch mit dem sonst so typischen amerikanischen Pathos gewürzt. Auch vermeidet „Shooter“ (noch) ein klares Bekenntnis zum Wirken der umstrittenen NRA („National Rifle Asscotiation“), wenngleich Bob Lee Swagger auf den ersten Blick ein perfektes Mitglied dieser Vereinigung verkörpert.

Südstaatler, zurückgezogen lebend, geringe Schulbildung, ein Hütte voller Waffen und ein riesiges Jagdgebiet direkt vor der Haustür. Die abgelegenen Regionen von Arkansas sind zudem augenscheinlich der ideale Spielplatz für den rassistischen Redneck, der alles mit Blei vollpumpt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – vorlaute Yankees inklusive. Hunter kokettiert mit diesem Hinterwäldlertum, zeigt aber dann auch wieder deutlich, dass der Schein täuschen kann, denn Bob Lee Swagger ist alles andere als dumm und trotz seiner Wortkargheit durchaus in der Lage, seinen gebildeteren Gegenspielern Paroli zu verbieten. Was ihn aber natürlich nicht daran hindert, mit der typischen Südstaaten-Sturheit seinen Partner Nick Memphis zum Wahnsinn zu treiben, wenn er sich beharrlich weigert, alles der Justiz zu überlassen. Die verkörpert er schließlich doch selbst, was wiederum einer der Punkte ist, die man am Ende mit etwas Argwohn betrachten muss.

Bob Lee Swaggers Rachefeldzug ist unerbittlich, gnadenlos und vor allem oft blutig und brutal. Er richtet mit der Waffe, ohne Gesetz und Zweifel, ohne Gewissensbisse. Hunter lässt dieses Töten unkommentiert, lässt ihn durch den einzigen moralischen Charakter Nick Memphis gewähren, der von Ehrfurcht ergriffen, dem Scharfschützen an keiner Stelle Einhalt gebietet. Selbst als dieser sich beim Kampf um einen Berghügel in einen regelrechten Rausch schießt. Das Statement solcher Szenen ist klar: Bob Lee Swagger ist kein Held und auch kein Bösewicht, sondern ein Mensch, der lange mit der Gewalt gelebt hat und ohne ihre Ausübung nicht wirklich zu Leben in der Lage ist. Er sieht keinerlei Ehre darin, jemanden aus großer Entfernung niederzustrecken, fühlt jedoch gleichzeitig keine Schuld. Es ist eine dreckige, unbequeme, aber letztlich auch leider doch realistische Botschaft in dieser Figur, welche naturgemäß in den USA mehr Zustimmung findet, als in den europäischen Gefilden.

Trotz dieser moralischen Untiefen ist „Shooter“ gerade eins nicht – moralisierend. Stephen Hunters Roman legt vor allem Wert auf Unterhaltung. Und das bietet der Auftakt der Reihe in einem hochspannenden, actionreichen und vor allem gegen Ende hin äußerst rasantem Gewand. Ein knallharter Thriller, ungekürzt und stilsicher übersetzt, der so oder so dem Leser lange im Gedächtnis bleiben wird.

Wertung: 89  von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen Hunter
  • Titel: Shooter
  • Originaltitel: Point of Impact
  • Übersetzer: Patrick Baumann
  • Verlag: Festa
  • Erschienen: 05.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 640 Seiten
  • ISBN: 978-3865523167

Keine Ehre unter Dieben

© Pendragon

„Aufhören, wenn es am schönsten ist“, so sagt der Volksmund. Und gerade im Bezug auf die Kriminalliteratur ist an diesem Sprichwort durchaus etwas dran, gibt es doch genügend Beispiele in der langen Geschichte dieses Genres, welche von Autoren künden, die eben jenen Zeitpunkt verpasst, das Pulver verschossen und ihren Serienhelden/ihre Serienheldin zu Tode geritten haben.

Ob getrieben durch stets aufeinanderfolgende Verträge mit dem Verleger, durch die schlichte Geldnot oder weil das Stammpublikum es nachdrücklich immer wieder fordert – oft bedeuten kommerziell erfolgreiche Krimi-Reihen für manchen Schriftsteller die kreative Sackgasse, aus der dieser gar nicht oder nur mit Mühe wieder herauskommt. Wallace Stroby, so scheint es, hat diese mögliche Gefahr nicht nur elegant umschifft, sondern parallel auch seine Protagonistin, die Berufsganovin Crissa Stone, mit einem ganz ähnlichen Problem konfrontiert. Im vierten Band muss sie in Bezug auf ihre persönliche Vergangenheit eine Entscheidung treffen und sich darüber klar werden, inwieweit sie das gegenwärtige Leben noch nachhaltig erfolgreich – und vor allem unversehrt – weiterführen kann. Oder ob nicht doch der Zeitpunkt gekommen ist, einen Schlussstrich zu ziehen. Eine Entwicklung, welche der Leser mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgt, denn selbst wenn Stroby ein durchaus stimmiger und versöhnlicher Abschluss gelingt, so schleicht sich in diesen Abschied auch ein großes Maß an Wehmut, verlieren wir mit „der Roten“ doch einen der letzten Anti-Helden aus der Tradition von Richard Starks Parker oder Gary Disher Wyatt. Und manchmal verlangt es den Krimi-Freund eben genau nach diesen amoralischen Charakteren, flüstert uns eine verführerische Stimme leise ins Ohr: „Der Teufel will mehr“.

Hin und wieder erliegt auch Crissa Stone diesem Reiz des Bösen, diesem Gefühl von Aufregung und diesem anhaltenden Rausch, wenn ein Coup erst minutiös geplant und dann Schritt für Schritt ausgeführt wird. Und so ist es dann meist weniger das Geld, das sie lockt, als die Herausforderung der Tat an sich, wenngleich sie sich inzwischen eingestehen muss, dass längst nicht mehr alle nach den Regeln spielen und das Gefahrenpotenzial mittlerweile ein weit höheres ist als zum Beginn ihrer kriminellen Karriere. Dennoch zögert sie nur kurz, als der wohlhabende Kunstsammler Emile Cota über einen Kontaktmann mit ihr Verbindung aufnimmt und sie mit einem ganz besonderen Diebstahl beauftragt:

Cota konnte in der Vergangenheit illegal mehrere wertvolle Kunstschätze aus dem Irak erwerben und sieht sich nun von der neu eingesetzten Regierung des Landes – und damit den rechtmäßigen Besitzern – gezwungen, diese zurück in ihr Heimatland zurückzuführen. Der Multimillionär ist not amused. Er denkt gar nicht daran, auf diesen besonderen Teil seiner Sammlung einfach so zu verzichten und plant stattdessen, die Ware auf dem Weg zur Rückführung stehlen zu lassen, um die Versicherungssumme zu kassieren und die Antiquitäten direkt wieder an interessierte Käufer zu veräußern. Crissas Interesse ist geweckt, denn den Truck-Konvoi zu stoppen und inmitten der Einöde der Wüste nahe Las Vegas umzuladen, scheint nicht nur machbar, sondern sollte erfahrungsgemäß relativ lautlos und ohne Waffengewalt vonstatten gehen. Insbesondere letzteres ist der Diebin wichtig, welche Schusswaffen als ein notwendiges Übel erachtet, das aber bei richtigen Profis nicht zum Einsatz kommt. Das birgt wiederum in diesem Fall Konfliktpotenzial, denn ihr Partner bei dieser Unternehmung – der frühere Marine-Infanterist Randall Hicks – übernimmt nicht nur große Teile der Planung, sondern holt mit seinem ehemaligen Kameraden Sandoval auch einen unberechenbaren Heißsporn mit an Bord.

Während Crissa ihrerseits ein Team zusammenstellt, zu dem u.a. der eigentlich bereits im Ruhestand befindliche Fahrer Chance gehört, und gleichzeitig nach und nach die Tatsache akzeptieren muss, dass ihre große Liebe Wayne das Gefängnis wohl so schnell nicht mehr verlassen wird, rückt der Tag des Raubzugs immer näher. Über den zunehmenden Verlust der Kontrolle besorgt, rechnet Crissa insgeheim schon mit einem Scheitern, doch zum besagten Zeitpunkt scheint alles gut zu gehen. Bis plötzlich Schüsse fallen und sich damit eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang setzt, in deren weiteren Verlauf sich die Rote einmal mehr ihrer Haut erwehren muss …

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, wenngleich dies eher aus reiner Höflichkeit, denn aus Vorsicht geschieht, denn schon nach wenigen Seiten sollte der geneigte Krimi-Leser bereits erahnen können, welche Richtung dieser Plot einschlagen wird, erfindet Wallace Stroby hier doch das Genre wahrlich nicht neu, sondern bedient sich stattdessen altbekannter logischer Abfolgen des Noir. Natürlich kommt es zum Verrat und zu einem Zerwürfnis der Beteiligten, natürlich will jeder für sich allein mit dem Gewinn in den Sonnenuntergang reiten – und natürlich erweist sich Crissa Stone wieder als äußerst findig, wenn es darum geht, ihren Widersachern nicht zu viel von sich zu verraten. Und doch gewinnt dieses Element der Offensichtlichkeit erstaunlicherweise nicht an übermäßig Gewicht, denn Stroby gelingt es scheinbar mühelos, den Spannungsbogen hochzuhalten, was vor allem daran liegt, dass Crissa in „Der Teufel will mehr“ letztendlich mehr um ihr eigenes Leben, als um die Beute kämpft. Der für sie ungewohnte Kontrollverlust macht sie, trotz ihrer Erfahrung, zu einer Gejagten, die lange nur reagieren kann und fast hilflos beobachten muss, wie langjährige Konstanten ihres Lebens und ihrer Profession nun in Gefahr geraten.

Vermeintlich feste Stützen, wie der Auftragsvermittler Sladden brechen jetzt auf einmal weg und entblößen das fragile Fundament, auf dem sich Crissa Stone seit der Festnahme von Wayne ihr Leben aufgebaut hat. Und derart aus dem Gleichgewicht gebracht, braucht es eine gewisse Zeit, bis sie die Zügel wieder in die Hand nehmen kann, was den Leser, der sich vom hohen Tempo mitreißen lässt, auf der anderen Seite allerdings entgegenkommt, und der – derart in Beschlag genommen – nur sporadisch registriert, mit welch heißer Nadel die Handlung mitunter gestrickt wurde. Stroby vermag es erneut exzellent, die übersichtliche Menge der genreüblichen Werkzeuge so einzusetzen, dass wir ganz in diesem düsteren Katz-und-Maus-Spiel aufgehen und von der stets fast greifbaren Suspense durch das Buch gezogen werden. Die hohe Kunst, das Gefahrenmoment auch für die Serienfigur wirksam werden, uns um sie bangen zu lassen – er meistert sie scheinbar mühelos. Und das verleiht der Geschichte einen unheimlichen Drive, dem man sich schwer entziehen kann – und vor allem gar nicht entziehen will.

Crissa Stone derart am Scheideweg zu erleben, derart in ihrer Existenz bedroht zu sehen – das reicht schlicht und ergreifend einfach, um für 320 Seiten die Wirklichkeit außerhalb der Buchdeckel auszublenden und der eigenen Fantasie im Kopf den Rest der „Arbeit“ übernehmen zu lassen. Mehr noch: Dieses vorgezogene Requiem auf eine Verbrecherin geht uns trotz aller Simplizität wieder gehörig unter die Haut, wirkt nach – und hinterlässt uns durchgehend zufrieden und in dem Gefühl, was Besonderes in den Fingern gehalten zu haben.

Kommt also das Beste wie immer zum Schluss? Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, muss ich diese Frage mit Nein beantworten, ist der Plot dafür doch viel zu geradlinig und durchsichtig, bedient sich Stroby im letzten Halali von Crissa Stone ein bisschen zu oft bereits bekannter Elemente und Gesetzmäßigkeiten. Allein – es kann den Gesamteindruck einmal mehr kaum trüben, denn auch der finale Auftritt liest sich wieder wie aus einem Guss, überzeugt durch äußerst elegante und stilistisch manchmal fast grazile Sicherheit, die selbst der Routine einen Glanz abringt, welcher einem Großteil der Konkurrenz verborgen bleibt. Wie schon ein Robert B. Parker vor ihm, so hat auch Stroby die Kunst auf kleinstem Raum gemeistert und trotzt einer doch schon so oft erzählten Geschichte auch dank der pointierten Dialoge neue faszinierende Facetten ab. Ein schönes, ein gutes Ende. Oder um es mit Bogarts Worten und vielleicht auch etwas Hoffnung in der Stimme zu sagen:

„Uns bleibt immer noch Paris.“

Wertung: 90 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Der Teufel will mehr
  • Originaltitel: The Devil’s Share
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2019
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3865326461

Der Spion, der nicht liebte

© Blanvalet

Authentizität. Ein Schlagwort, welches immer wieder in Literaturbesprechungen bemüht wird, um die Glaubwürdigkeit und den Realismusgrad des jeweiligen Buches zu unterstreichen – was aber wiederum oftmals nichts daran ändert, dass es am Ende ein subjektives Empfinden des Lesers bleibt. Ein Gefühl, nicht belegbar durch Tatsachen oder Fakten. Dies auch der Grund warum eine Rezension zu Andy McNabs „Ferngesteuert“ ohne einen näheren Blick auf den Autor, dessen bürgerlicher Name eigentlich Steven Billy Mitchell lautet, nicht erfolgen kann, der in seinem Romandebüt einen Großteil seiner Erfahrungen aus dem beruflichen Leben verarbeitet.

Und wenn von Beruf die Rede ist, bedeutet das in diesem Fall: Soldat und Geheimagent. Bereits mit siebzehn Jahren trat McNab als Infanterist der britischen Armee bei und wurde acht Jahre später Mitglied des 22. Special Air Service Regiments (kurz: SAS), in dem er wiederum von 1984 an weitere neun Jahre lang diente. In dieser Zeit war er an offenen und verdeckten Operationen im Fernen Osten, Nahen Osten, Süd- und Mittelamerika sowie in Nordirland beteiligt, wo er während der so genannten „Troubles“ als verdeckter Agent (Undercover Operator) tätig war. Das Spektrum seiner Aufgaben reichte von der Ausbildung vom Westen unterstützter Guerillaverbände über die Terrorismusbekämpfung, Sabotage, Zielvernichtung und Observation bis hin zum Personenschutz und Strafvollzug. In Nordirland beförderte man McNab schließlich auch zum Ausbilder – eine Funktion, in der er bis zu seinem Austritt aus der Armee im Februar 1993 nicht nur verschiedene fremde Spezialeinheiten trainierte, sondern sogar ein Programm entwickelte, in dem Journalisten oder Privatleute für ihren Job in feindlichen Umgebungen geschult wurden. Zu dem Zeitpunkt, als er den Dienst quittierte war er der höchstdekorierte Soldat der britischen Armee.

Es folgte eine zweite Karriere als Schriftsteller, welche bereits mit seinem Erstling äußerst erfolgreich begann. „Bravo Two Zero“, ein autobiographisches Sachbuch über seine Beteiligung an einem Kommandounternehmen des SAS im Zweiten Golfkrieg 1991, wurde allein in Großbritannien 1,5 Millionen mal verkauft, in 16 Sprachen übersetzt und in 17 Staaten veröffentlicht. Bis heute gilt es als meistverkauftes Kriegsbuch aller Zeiten. Nachdem ein weiteres biographisches Werk folgte, widmete sich McNab schließlich dem Genre des Agententhrillers und entwarf die Figur Nick Stone, einen ehemaligen SAS-Mann, welcher nun als sogenannter „K“ (freischaffender Geheimagent) Operationen im Auftrag des britischen Geheimdienstes und anderer Auftraggeber erledigt. Und so kann man an dieser Stelle bereits mit Fug und Recht behaupten: Der Autor weiß, wovon er spricht. Doch lohnt es sich auch, ihm zuzuhören? Die Kurzbeschreibung der Handlung tönt jedenfalls bereits durchaus spannend:

Gibraltar, 6. März 1988. Nick Stone und andere Mitglieder des SAS haben sich unerkannt unter die vielen Touristen auf diesem britischen Außenposten gemischt, um einen erwarteten Bombenschlag durch die PIRA (Provisorische Irisch Republikanische Armee) zu verhindern. Auch wenn ein Großteil der Pläne ihrer Gegner durch den englischen Geheimdienst offengelegt werden konnte – das genaue Ziel der irischen Widerstandskämpfer kennt niemand. Der Auftrag ist heikel, denn die Teilnahme von Undercover Agenten ist vollkommen inoffiziell. Sollte ihre Beteiligung bekannt werden, würde ihre Existenz kurzum geleugnet. Letztendlich kann der Anschlag jedoch verhindert und die PIRA-Mitglieder – auch dank Stones Hilfe – gestoppt werden.

Neun Jahre später, Stone arbeitet bereits seit längerer Zeit als K für den Geheimdienst, wird er nach Vauxhall Central, besser bekannt als MI6, in London beordert. Er soll zwei Paramilitärs der IRA auf ihrem Flug nach Washington beschatten. Eine verhältnismäßig einfache Aufgabe für jemanden mit Stones Erfahrung, der jedoch zu seiner Überraschung bei seiner Ankunft in der US-amerikanischen Hauptstadt plötzlich den Befehl erhält, die Überwachung abzubrechen. Er beschließt die Zeit zu nutzen, um seinen alten Waffengefährten Kevin Brown und seine Familie zu besuchen. Seit dessen Abschied als britischer Geheimdienstoffizier arbeitet Brown für das DEA. Beide sind seit langer Zeit befreundet, Stone sogar Patenonkel von Aida, Browns jüngster Tochter. Und dieser freut sich sehr darüber, seinen alten Freund wieder zu sehen. Auch weil er vor kurzem eine brisante Entdeckung gemacht hat, die er unbedingt jemanden zeigen will. Als Stone schließlich die Adresse der Browns erreicht, macht er eine grauenhafte Entdeckung. Kevin, seine Frau und Aida wurden brutal ermordet, das Haus komplett auseinandergenommen. Nur die siebenjährige Kelly hat den Anschlag in einem Versteck überlebt – und von jetzt auf gleich befinden sich sie und Stone auf der Flucht vor unbekannten Verfolgern, welche augenscheinlich auf weitreichende Mittel zurückgreifen können. Eigentlich keine neue Situation für Stone, doch seine junge Begleitung schränkt nicht nur die Handlungsmöglichkeiten ein, sondern wird in diesem Kampf ums Überleben auch immer mehr zu einer Ablenkung …

Eine unverkennbar spannende Ausgangssituation, welche McNab hier kreiert hat und die er auch – zumindest auf den ersten hundert Seiten – aufs Beste zu nutzen versteht, denn der Autor belegt ziemlich klar und eindringlich, dass er aus allererster Hand weiß, wovon er schreibt. Nick Stone hat außer seines Berufs äußerst wenig mit seinem literarischen Kollegen James Bond gemein, der bekanntermaßen das Scheinwerferlicht ebenso sucht wie die schönen Frauen und zudem von einem festen moralischen Kompass geleitet wird. Stattdessen kommt Stone wohl dem wahren Profil eines Agenten weit näher, der eben nicht auf jede Situation gelassen und souverän reagieren, und sich so etwas wie Empathie schon mal gar nicht leisten kann. Stones Welt besteht aus der perfekten Planung, aus dem Auskundschaften, dem Beobachten und der Improvisation. Seine Mittel stammen nicht aus der Herstellerschmiede Qs, sondern direkt aus dem Bau- oder Supermarkt. Und so etwas wie blindes Vertrauen gibt es für ihn selbst unter alten Freunden nicht.

McNab schildert in „Ferngesteuert“ eine kalte, erbarmungslose Welt, in der jeder Fehler tödlich bestraft wird und man vom Heldentum nicht weiter entfernt sein könnte. Die Jobs sind schwierig und undankbar, das Töten dreckig und die Ressourcen eines Agenten endlich. Stone kämpft in erster Linie ums Überleben, wird ständig in die Defensive gedrängt und zur Flucht gezwungen, welche ihn und sein ungewolltes Anhängsel Kelly von Motel zu Motel treibt. Wenngleich er immer wieder Wege findet, um mehr über seine Verfolger zu erfahren – es sind lediglich kleine Nadelstiche, die er gegen seine Gegner setzen kann. In dieser Hinsicht ist also das Buch in der Tat authentisch, opfert diesem Grad an Realismus andererseits aber auch ein bisschen die Genre-übliche Suspense.

Beschreiben und Erzählen – dies sind zwei verschiedene Dinge. Und über viele, viele Seiten ergeht sich McNab vor allem auf in Ersterem, en detail. Nicht nur wird genau beschrieben, wie man eine Self-Made-Kameraüberwachung installiert, er erklärt streckenweise auch Dinge, welche selbst der Kuchen backenden Hausfrau heutzutage bekannt sein dürften. So sollte niemandem die Gründe dargelegt werden müssen, warum man nicht direkt vor der Haustür desjenigen parkt, den man beobachten will. Während er also mancherorts durchaus informativ aus dem Nähkästchen plaudert, erweist er sich an anderer Stelle wieder als äußerst belehrend bzw. erweckt er den Anschein, seinen Lesern nicht das geringste bisschen Mitdenken zuzutrauen.

Die Passagen in Washington – sie beginnen sich irgendwann arg in die Länge zu ziehen und man droht all der von Stone und Kelly verdrückten Burger und Pommes überdrüssig zu werden. Der Spannungsbogen, er verflacht hier zusehends, zumal sich auch zwischenmenschlich bei den beiden äußerst wenig tut. Kelly akzeptiert tagelang widerstandslos, dass sie ein eigentlich fast Fremder von Ort und zu Ort schleppt und dabei immer wieder für den nächsten Tag verspricht, sie könne ihre Eltern bald wiedersehen. Möglich, dass ein Mädchen unter Schock tatsächlich so willig zu manipulieren ist. Aus eigener Erfahrung würde ich aber mal behaupten, dass man eine Siebenjährige so leicht nicht mehr hinters Licht zu führen vermag. Als ob McNab das irgendwann selbst bemerkt hat, lässt er dann auch schließlich die Katze aus dem Sack. Ihre Reaktion: schicksalsergebener Gleichmut. Praktisch für Stone, der nun endlich zur Höchstform auflaufen kann, ohne großartig Rücksicht auf seine Begleiterin nehmen zu müssen. Merkwürdig jedoch für den Leser, dem sich hier ein großes Logikloch auftut.

Nichtsdestotrotz: Mit der Reise nach Florida und dem anschließendem Finale bekommt „Ferngesteuert“ tatsächlich nochmal die Kurve. Auch weil sich die wahren Hintergründe der Ermordung von Kellys Eltern nun offenbaren und tatsächlich für die ein oder andere Überraschung sorgen. Der Showdown ist schließlich filmreif und dann auch fast so etwas wie McNabs Zugeständnis an die fiktiven Elemente des Genres Agententhrillers, denn selbst ihm wird wohl klar gewesen sein, dass auch er das in seinen besten Tagen nicht auf diese Weise hätte regeln können.

Überhaupt haftet der Person Andy McNab meines Erachtens – was die „besten Tage“ angeht – ein ziemlich pappiger Beigeschmack an. Wer sich etwas näher mit dem Autor beschäftigt – was ich bei der Recherche zu dieser Rezension getan habe – der wird auf einen Menschen treffen, der nicht nur die Geschehnisse des „Bloody Sundays“ verherrlicht bzw. eine Strafverfolgung der beteiligten britischen Soldaten gänzlich ablehnt, sondern der überhaupt auch im Hinblick auf den Nordirlandkonflikt, die so genannten „Troubles“, tief nationalistisch gefärbtes Gedankengut kultiviert. Seine Aussagen, lediglich einen Job ausgeübt zu haben und dafür keinerlei Reue zu empfinden – sie beißen sich mit öffentlichen Auftritten, bei denen er (aus angeblicher Angst vor Racheakten) eine Kapuze über dem Kopf trägt. Und auch seine Verleugnung, es habe so etwas wie einen Tötungsauftrag für IRA-Mitglieder sowie überhaupt irgendwelche loyalistischen Paramilitärs in Nordirland gegeben – man kann sie angesichts heutiger Erkenntnisse (demnächst mehr in meiner Rezension zu John Steeles „Ravenhill“) schlichtweg nicht mehr ernst nehmen.

Was bleibt am Ende unter dem Strich? „Ferngesteuert“ ist tatsächlich ein handwerklich guter, wenn auch streckenweise etwas zäher Erstling, der einen glaubhaften Einblick in das Handwerk eines britischen Geheimagenten gibt und eine durchaus interessante sowie komplexe Handlung zu erzählen weiß – ohne die Tätigkeit an sich irgendwie heroisch zu verklären. Wer jedoch etwas näher hinschaut, erkennt auch die vollkommen kritiklose Reflexion eines langjährigen Soldaten, der insbesondere den Nordirlandkonflikt gedanklich immer noch nur aus einer Perspektive betrachtet. Die Beliebtheit in England mag dies befeuert haben – ich persönlich habe mit der britischen Arroganz beim Thema „Troubles“ so seit jeher meine Probleme gehabt. Brücken – sie hat McNab mit diesem Buch garantiert nicht gebaut.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Andy McNab
  • Titel: Ferngesteuert
  • Originaltitel: Remote Control
  • Übersetzer: Wulf Bergner
  • Verlag: Blanvalet
  • Erschienen: 02/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 445 Seiten
  • ISBN: 978-3442353903

Der beste Freund des Menschen

© btb

Gedanken wollen oft – wie Kinder und Hunde -, dass man mit ihnen im Freien spazieren geht.

Ob es dieses Zitat des bekannten deutschen Dichters Christian Morgenstern war, dass den im IT-Business tätigen David Wroblewski dazu inspirierte, über zehn Jahre an seinem Debütroman „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ zu schreiben, darf wohl stark bezweifelt werden. Dennoch könnte wohl kaum ein Satz dieses Buch besser beschreiben, welches die Beziehung und das Verhältnis von Mensch und Hund nicht nur in das Zentrum der Handlung stellt, sondern den Leser diese besondere Verbindung auch durch den Blick eines Kindes und inmitten der Wildnis der Natur erfahren lässt.

Inwieweit dieser literarische Ausflug gelungen ist – darüber scheiden sich augenscheinlich seit der Veröffentlichung die Geister. Wenngleich ein Interview mit Oprah Winfrey ausreichend war, um diesen Roman im Jahre 2008 nach ganz oben in die amerikanischen Bestseller-Listen zu katapultieren, so ist sich der Feuilleton in seiner Bewertung eher weniger einig. Und auch ich persönlich muss feststellen, dass sich dieses Erstlingswerk einer eindeutigen Beurteilung meinerseits hartnäckig widersetzt, der Grat zwischen meisterhaftem Wurf und esoterischem Geschwurbel mitunter ein äußerst schmaler ist.

Die Meinungen, sie kippen, wie auch in den vielen unterschiedlichen Besprechungen nachzulesen ist, in beide Richtungen, doch man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet: Eine gewisse Vorliebe für bildreiche Sprache und natürlich besonders für den besten Freund des Menschen, den Hund, sollte man von vorneherein schon mitbringen, um überhaupt mit diesem Stück moderner Literatur einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ein Stück Literatur, das Wroblewski laut eigener Aussage so schrieb, wie er selbst seine Romane bevorzugt. Was bedeutet das nun genau für den Leser?

Im Mittelpunkt des Buches steht wenig überraschend der namensgebende Edgar Sawtelle. Ein stummer Junge von 14 Jahren, der allein über Gebärden mit seinen Eltern Gar und Trudy kommuniziert, welche auf einer abgelegenen Farm im amerikanischen Wisconsin eine seit Generationen bestehende Hundezucht betreiben. Edgar wird von früh an in die Arbeit mit den Hunden herangezogen und zeigt sich besonders geschickt darin, selbst schwierigere Vierbeiner-Kandidaten Gehorsam zu lehren – und somit auch für etwaige Verkäufer interessant zu machen. Der gute Ruf der Sawtelles ist inzwischen überregional, was alle Mitglieder der Familie mit Stolz erfüllt, allerdings auch die Anforderungen erhöht, denn die Arbeit mit den Hunden nimmt viel Zeit in Anspruch. Edgar verbringt den Großteil seiner Zeit mit der Hündin Almondine, die für ihn nicht nur einen menschlichen Freund ersetzt, sondern auch als willkommene Ablenkung von der täglichen Routine dient.

Obwohl die Tage lang und hart sind, so herrscht doch eine gewisse Idylle. Eine Idylle, welche jäh zerbricht, als eines Tages Gars Bruder Claude vor der Tür steht. Seit jeher hatten die beiden Geschwister ein äußerst schwieriges Verhältnis und Claude, der lange Jahre als Marine Dienst in Südkorea tat, scheint wenig geneigt dieses zu verbessern. Während die Atmosphäre zunehmend gereizter wird, zieht sich Edgar immer mehr zurück. Als er eines Tages seinen toten Vater in der Scheune des Hundezwingers auffindet, kann und will er nicht an einen Zufall glauben. Während Claude im Anschluss nicht nur den Platz des Familienoberhaupts, sondern auch den an der Seite von Edgars Mutter annimmt, wächst bei dem Jungen die Verzweiflung. Bei einem äußerst unglücklichen, von ihm verursachten Unfall kommt schließlich auch noch der hiesige Tierarzt ums Leben. Getrieben von seiner Schuld, schnappt Edgar sich drei der Hunde und flieht in die Wildnis …

Was so verheißungsvoll klingt, hat doch einen großen Haken, denn bis wir an der Seite unserer Partner mit der kalten Schnauze in die üppigen Wälder Wisconsins eindringen, heißt es erst einmal: „Sitz“, „Platz“, „Bleib“ und „Zuhören“. Insbesondere letzteres in einem irgendwann fast nicht mehr erträglichen Übermaß, denn Sawtelle, der in diesem Roman doch sehr offensichtlich autobiographisches verarbeitet hat, nimmt den Leser von Beginn an wortwörtlich an die kurze Leine und lässt uns äußerst eng bei Fuß laufen. Über viele, viele, ja viel zu viele Seiten schildert er in aller Ausführlichkeit die Kniffe und Tricks von Hundezucht und -training, dass einem irgendwann müde und hundselend davon wird. Abgelöst von gelegentlichen Rückblicken, welche die Anfänge der Hundezucht im Jahr 1919 unter Edgars Großvater schildern und, nun ja, in diesem Zusammenhang ebenfalls vor allem von Hunden zu erzählen wissen. Die Geduld, sie wird auf den ersten zweihundert Seiten von Wroblewskis Roman auf eine äußerst harte Probe gestellt und man bekommt ein wenig einen Eindruck davon, wie es sich anfühlen muss, auf einen gefüllten Napf (in diesem Fall, die im Klappentext angekündigte Flucht Edgars) zu starren und vergeblich auf das Kommando des Herrchens zu warten.

Wrobleswki, dass muss man dieser Stelle einfach mal wertneutral feststellen, will da schlichtweg zu viel auf einmal, verhebt sich beim Ansinnen, hieraus diese eine große Familiensaga zu machen. Als ob er dies selbst beim Schreiben festgestellt hat, versucht er das in verspielten Metaphern und ausufernden Schachtelsätzen zu Papier gebrachte mit einer ganzen Vielzahl symbolischer Bedeutungen zu unterfüttern (auch die Verweise und Anspielungen auf Shakespeares „Hamlet“ sind nur allzu deutlich), was dem ohnehin schon trägen Vorankommen des Plots jedoch ebenfalls wenig zuträglich ist. Das hätte wiederum einem etwas aufmerksameren Lektor eigentlich auffallen müssen, der an diesen Stellen schlichtweg viel zu selten den Rotstift angesetzt hat. Zum Schaden des Buches, das gerade durch die das Tempo verschleppenden Ausführungen viel Potenzial liegen lässt – und möglicherweise bereits zu diesem Zeitpunkt den ein oder anderen Leser endgültig verliert und zum Katzenliebhaber macht.

Von einem Abbruch der Lektüre muss dennoch abgeraten werden, denn Wroblewski bekommt nicht nur ab der Hälfte endlich die Kurve, sondern spielt auch überraschenderweise von jetzt auf gleich sein schriftstellerisches Können aus. Sieht man vom unlogischen Verhalten Edgars, Almondine allein aufgrund ihres Alters zurückzulassen ab, greifen mit dessen Flucht von der Farm die Zahnräder nun reibungslos ineinander. Fernab der Zivilisation scheint der Autor plötzlich in seinem Element, scheint er seinen Rhythmus gefunden zu haben. Der bleibt zwar weiterhin von gemächlicher Gangart, was wir aber aufgrund des Feingefühls mit der Wroblewski die Beziehung zwischen dem Jungen und seinen Hunden zeichnet, recht schnell vergessen. Mehr noch: Wir ertappen uns dabei, wohlwollend inne zu halten und die Naturbeschreibungen zu genießen, welche hier – inmitten der Wildnis – endlich nicht mehr zum Selbstzweck verkommen, endlich ihre Stärken ausspielen. Gemeinsam mit Edgar schlägt man sich durchs Unterholz. Schwitzend, hungernd, von Mücken zerstochen. Und wie der Junge, so werfen wir keinen zweiten Blick mehr zurück auf das Vorher, lernen wir zu vergessen, werden ein Teil dieser undurchdringlichen Natur und öffnen uns dem Abenteuer.

Wroblewskis Botschaft hinter dieser Geschichte aus Schuld und Rache, Liebe und Hass, Eifersucht und Neid – sie braucht Zeit, um sich zu entfalten und lohnt letztendlich doch, da viele Passagen – so wie das Zusammentreffen mit dem exzentrischen Henry Lamb, der Edgar Zuflucht gewähnt und ihm und seinen Hunden das Herz öffnet – in Erinnerung bleiben. Ob der Autor an dieser Stelle nicht einfach die Feder hätte beiseite legen sollen oder Edgar dann unbedingt nochmal für ein gewaltgeladenes Wiedersehen den Weg zurück antreten muss – darüber kann man sicher trefflich streiten. Das ungewöhnlich „laut“ inszenierte Finale beißt sich in jedem Fall mit dem zuvor doch sehr melancholischen und ruhigen Ton der Geschichte. Möglich aber, dass der gute Mann hier schon eine potenzielle Verfilmung im Hinterkopf hatte.

Was bleibt nun von der Lektüre? „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ ist von großen, auch qualitativen Kontrasten geprägt. Feinsinnig, traurig, teilweise gar herzzerreißend und dann doch wieder überambitioniert, schwafelnd und am Rande des Kitsches. Die Wahrheit liegt hinsichtlich einer Bewertung wohl irgendwo in der Mitte und muss von jedem selbst „erlesen“ werden.

Wertung: 78 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: David Wroblewski
  • Titel: Die Geschichte des Edgar Sawtelle
  • Originaltitel: The Story of Edgar Sawtelle
  • Übersetzer: Barbara Heller, Rudolf Hermstein
  • Verlag: btb Verlag
  • Erschienen: 04/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 704 Seiten
  • ISBN: 978-3442742561

Ein Agent wider Willen

Unbenannt

© Heyne

Nach dem Erfolg seines Debütromans „Jagd auf Roter Oktober“ (1984 veröffentlicht) war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Autor Tom Clancy eine Fortsetzung folgen ließ – als diese schließlich 1987 erschien, waren nicht wenige überrascht, spielt doch „Die Stunden der Patrioten“ (engl. „Patriot Games“) etwa drei Jahre vor den Ereignissen um das sowjetische Atom-U-Boot von Kapitän Ramius.

Ob diese Herangehensweise der Tatsache geschuldet ist, dass Clancy die Idee zu dem Roman bereits vor seinem Erstlingswerk in der Schublade hatte oder die damalige politische Lage ihn inspirierte, ist – soweit mir bekannt – sein Geheimnis geblieben. Fakt ist jedenfalls: Mit Jack Ryans zweitem Auftritt festigte der US-amerikanische Schriftsteller seinen Ruf als Begründer des Techno-Thrillers – ein Genre, das Elemente des klassischen Polit-Thrillers mit exakter militärisch-technischer Recherche verbindet. Und das obwohl besonders letztere in „Die Stunde der Patrioten“ weniger zum Tragen kommen, hält sich doch Ryans chronologisch erster richtiger Einsatz im Dienst der CIA hinsichtlich fachlicher Begrifflichkeiten und militärischer Genauigkeit noch (vor allem für Nicht-Amerikaner wohltuend) zurück. Stattdessen konzentriert sich das Buch in erster Linie auf die Ausarbeitung der Figur, welche in späteren Werken sich auch das Rampenlicht mit weit mehr Personen teilen muss. Die Story sei kurz angerissen:

John Patrick „Jack“ Ryan, Professor für Militärgeschichte an der U.S. Naval Academy in Annapolis, Maryland, hält sich für historische Recherchearbeiten in London auf und will dort die freie Zeit mit seiner Familie nutzen. Während er sich gemeinsam mit Frau Cathy und Tochter Sally nach einem Vortrag trifft, wird er plötzlich Zeuge eines Anschlags vermummter Terroristen auf einen Rolls-Royce. Ryan handelt instinktiv, ergreift die Initiative und schafft es dank des Überraschungseffekts einen der Angreifer zu töten und einen weiteren schwer zu verletzen, bevor er selber angeschossen zu Boden geht. Als er im Krankenhaus wieder das Bewusstsein erlangt, ist die einstmals heile und ruhige Welt aus den Fugen geraten. Bei den Insassen des Royce handelte es sich um niemand geringeren als den Prinzen und die Prinzessin von Wales, die nun einem Amerikaner und ehemaligen US-Marine ihr Leben verdanken. Ganz England feiert den Helden aus den USA, wohingegen die verbliebenen Terroristen – ein Ableger der IRA namens ULA (Ulster Liberation Army) – ihre Wunden lecken und auf Rache sinnen.

Von seinen Verletzungen einigermaßen genesen, kehrt Jack Ryan einige Wochen später in die USA zurück. Sicher, dass ihm hier keine Gefahr droht, da die IRA bisher noch kein einziges Mal in Amerika aktiv geworden ist, um die dortige finanzielle Unterstützung nicht zu gefährden. Er kann noch nicht ahnen, dass die ULA mit dem provisorischen Flügel der IRA und ihren Brigaden auf dem Kriegsfuß steht. Für sie sind Ryan und seine Familie nicht nur ein legitimes Ziel, sondern auch die Gelegenheit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Unterstützung der IRA zum versiegen zu bringen und gleichzeitig selber Stärke zu demonstrieren. Als Jack Ryan ins Visier der Terroristen gerät, sucht er Kontakt zu Admiral James Greer, dem Direktor der Central Intelligence Agency – kurz C.I.A. Der hatte vor gut einem Jahr Ryan als Berater hinzugezogen und schon damals keinen Hehl daraus gemacht, ihn zum Agenten ausbilden zu wollen. Ein Angebot, welches dieser, vor allem aus Rücksicht auf seine Familie, noch ausgeschlagen hatte. Nun braucht er die Fähigkeiten der Agency, um eben diese vor der ULA zu schützen. Doch ist es dafür vielleicht schon zu spät?

Wem diese kurze Inhaltsbeschreibung bekannt vorkommt, wird sich höchstwahrscheinlich an die Ereignisse der gleichnamigen Verfilmung erinnern, in der Harrison Ford Jack Ryan verkörpert, allerdings „nur“ einen eng mit der Königsfamilie verwandten Lord rettet und nicht das echte Thronfolgerpaar. Auch sonst gibt es den ein oder anderen Unterschied zwischen Roman und Film. Insbesondere das Ende ist in der literarischen Vorlage weit weniger dramatisch. Das aber nur kurz zur Information, möchte ich doch Clancys Werk eigenständig beurteilen, wobei dies bereits das zweite Mal ist, habe ich doch „Die Stunde der Patrioten“ vor elf Jahren schon einmal gelesen. Und ich muss gestehen: Im Laufe der Jahre hat sich nicht nur mein Geschmack doch arg gewandelt, sondern auch die Perspektive ein wenig verschoben, weshalb ich Clancys Romane nun in einem etwas anderen und manchmal auch weniger günstigem Licht betrachte. So ist mir das patriotische Element diesmal, vielleicht auch naturgemäß, viel stärker ins Auge gefallen, als damals, wo in erster Linie noch die Spannung zählte.

Auf die Gefahr hin, zu negativ zu klingen, sei aber hier gleich gesagt: „Die Stunde der Patrioten“ ist beileibe kein schlechtes Buch, zählt sogar zu den Besten des US-Autors. Dem Leser sollte allerdings klar sein, dass der Titel auch gleichzeitig den Ton vorgibt. Wer mit Lobpreisungen auf stolze Marines, gewiefte FBIler und eiskalte CIA-Agenten so gar nichts anfangen kann (hier auch besonders „schön“ die Szene, in der sich ein irischer Pubbesitzer in den USA erst nach Aufklärung durch einen FBI-Agent über die IRA entrüstet und, als guter Amerikaner, einen Repräsentanten der Terrororganisation sogleich vor die Tür setzt), sollte von diesem und allen anderen Büchern aus Clancys Feder die Finger lassen.

Inwiefern dieser Verzicht ein Versäumnis darstellt, ist schwer und nur Buch für Buch zu beurteilen. „Die Stunde der Patrioten“ hat inzwischen nicht nur aufgrund der politischen Thematik Staub angesetzt, sondern ist auch sonst etwas in die Jahre gekommen. Durch eMails, Smartphones und allgegenwärtige Computer haben sich die Möglichkeiten der Kommunikation ebenso geändert, wie die der elektronischen Kriegsführung. Im Jahr 1987 war ein militärischer Schlag, der von einem Satelliten beobachtet und aus einem tausende Kilometer entfernten Büro koordiniert wird, ein mehr als beeindruckendes Szenario. Lange vor „Desert Storm“ geht Clancy hier auf militärische Details ein, welche sonst allenfalls den Geheimdiensten der Länder, aber nicht unbedingt der breiten Bevölkerung bekannt waren. Und damit sprechen wir genau die Punkte an, mit denen der US-Autor seit jeher seine Leser zu begeistern wusste: Militärische Insider-Informationen. Hochaktuelle Themen von politischer Brisanz. Erschreckend visionäre Vorausblicke.

Jack Ryan, Familienvater und Agent wider Willen, dient dabei als Verbindungsglied zwischen dem Leser und der Handlung, macht die doch nicht selten äußerst technischen und bürokratischen Vorgänge für die Allgemeinheit verständlich und soll gleichzeitig als Sympathieträger den guten, aufrechten Amerikaner verkörpern. Das funktioniert mitunter so gut, dass ich mich selbst heute noch von Clancy einlullen lasse, ihm seine handwerklichen Mängel und den wenig kunstvollen Stil nachsehe, weil der Plot, auf mehrere Schauplätze verteilt und zwischen diesen stets wechselnd, den Spannungsbogen stetig nach oben schraubt. Und auch das Element „Coolness“ muss berücksichtigt werden, denn Clancy spricht mit seinen Motiven (z.B. Tapferkeit und Kameradschaft im Angesicht der Gefahr) geschickt die ureigensten Triebe an. Wie ein Bernard Cornwell im Bereich des historischen Romans, so ist auch sein amerikanischer Kollege unnachahmlich, wenn es darum geht, das Blut zum Kochen, die Gefühle des Lesers in Wallung zu bringen. Eine Schwäche, derer man sich letztendlich sicher schämt, aber eben dann doch auch ein wenig für das Gespür des Schriftstellers spricht, der es trefflich versteht, uns zu manipulieren.

Die Stunde der Patrioten“ ringt dem Nordirland-Konflikt keine neue Facetten ab, vermeidet jedoch auch jegliche Schwarz-Weiß-Malerei. Das sei insofern hervorgehoben, da Tom Clancy besonders in späteren Jahren gerade dadurch Schiffbruch erleidet und jenseits des Atlantiks bzw. Pazifiks nur noch auf wenig Gegenliebe stößt bzw. fast gänzlich unlesbar wird. 1987 allerdings ist Clancy auf dem Höhepunkt seines Schaffens, weshalb unterm Strich eine Empfehlung ausgesprochen werden muss.

Ein eher waffen- als sprachgewaltiger Polit-Thriller über die Arbeit der US-Geheimdienste Mitte der 80er. Kurzweilig, spannend, intensiv und aufgrund vieler Ereignisse (u.a. wird am Ende des Buches Jack Ryan junior geboren – Hauptfigur späterer Bände) ein Muss für all diejenigen, welche Jack Ryans Karriere chronologisch verfolgen möchten.

Wertung: 85 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Die Stunde der Patrioten
  • Originaltitel: Patriot Games
  • Übersetzer: Jürgen Abel
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 07.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496
  • ISBN: 978-3453436732

Eine Nacht in Hamburg

© Books on Demand

George T. Basier – mit Sicherheit kein Name der wie Donnerhall durch das Krimi-Genre schallt, was insofern nicht verwunderlich ist, da sich dem hinter englisch klingenden Pseudonym ein in Wedel bei Hamburg geborener deutscher Autor verbirgt, der seine bisherigen Werke über „Books on Demand“ vertreiben ließ. Eine Adresse für all diejenigen, welche mit möglichst geringen Kosten und ebenso geringer Einflussnahme seitens des Verlags, ihr eigenes Buch veröffentlichen wollen. Diese werden nicht vorgedruckt, sondern dem Buchhandel virtuell zur Verfügung gestellt und bei Bestelleingang innerhalb von 12 Stunden ab Auflage 1 gedruckt und ausgeliefert. Ein Konzept, das für viele Hobbyschreiber bestens funktioniert, letztlich aber gerade jemanden wie Basier kaum gerecht wird, denn – soviel sei vorab gesagt – sein Debütwerk „Der Killer und die Hure“ hat mehr, viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Bereits 2007 erschienen, erhielt der Titel, trotz einiger wohlmeinender Kritiken, davon relativ wenig, was natürlich wohl auch mit der Art der Herausgabe zusammenhängt. Möge diese Rezension dazu beitragen, den Namen zumindest etwas bekannter zu machen, ist doch „Der Killer und die Hure“ wohl eins der mit Abstand besten Bücher, die ich im Genre des Hardboiled in den Fingern halten durfte. Die Geschichte sei hier kurz angerissen:

Ich-Erzähler Thomas Riesch, ehemaliger Bundeswehrsoldat und späterer Private Military Contractor der US-Armee im Irak, ist in seine Heimat Hamburg zurückgekehrt, um sich als Personenschützer für einen zwielichtigen Anwalt zu verdingen. Von den ganz heißen Jobs will er nun die Finger lassen und das Risiko drosseln, wenngleich ihn die Sucht nach Adrenalin auch mit Ende dreißig noch fest in ihren Klauen hat. Als bestens Gegenmittel erscheint da der neueste Auftrag. Er soll den Aufpasser für die Prostituierte Mandy (!) spielen, die nicht nur ihrem Zuhälter sondern auch ihrem gewalttätigen Freund der Rücken gekehrt hat und nun um ihr Leben fürchtet. Riesch, der mit weit größeren Kalibern als Schlägern aus dem Rotlichtmilieu zu tun hatte, erwartet keine großen Komplikationen. Die meiste Arbeit scheint aus Konversation zu bestehen, was dem notorischen Einzelgänger besonders zu Anfang ungefähr genauso stört wie der typisch ostdeutsche Name seines Schützlings. Doch bald ändert sich sein Verhalten. Hinter Mandy steckt mehr, als man auf den ersten Blick vermuten will – und auch ihr Ex-Freund scheint weit gefährlicher, als bisher angenommen.

Als Riesch realisiert in was er hineingeraten ist, ist es bereits fast zu spät. Ganz auf sich allein gestellt beginnt er eine brutale Jagd durch Hamburg, welche ihn gleichzeitig weit in seine dunkle Vergangenheit führt…

Wie ein amazon-Rezensent bereits treffend bemerkte und Basier in einem Interview mit Noir-Experte Martin Compart auch bestätigte, erinnert dieser kurze Ausschnitt nicht ganz ohne Hintergedanken an die Sin-City-Geschichte „The Hard Goodbye“, in dem der harte Schläger Marv Rache an den Mördern seiner Liebe, der Hure Blondie nahm. Basier klaut hier allerdings nicht blind die Handlung, sondern übernimmt vielmehr den typischen Noir-Ton des Films. In kurzen, knappen, oftmals bitter-zynischen Sätzen führt uns der Ich-Erzähler Riesch durch die Story, der man in jeder Zeile anmerkt, dass der Autor sie in gerade mal zwei (fast schlaflosen) Wochen auf die Tastatur gehämmert hat. Hier sitzt jedes Wort, jede Silbe, passt der Rhythmus haargenau, während die Handlung wie ein Achtzylinder durchs Gelände nagelt und dem Leser dabei keinerlei Auszeiten gönnt. So richtig will und kann man nicht glauben, dass bei diesem Buch tatsächlich ein deutscher Schriftsteller verantwortlich zeichnet, derart amerikanisch lässig und eiskalt wirkt das Ganze, das dennoch in keinster Weise künstlich oder gestellt daherkommt. Im Gegenteil:

Riesch, der seine persönliche Geschichte rückblickend und mit einem Sniper-Gewehr im Anschlag erzählt, ist diese Sorte Drecksack, die man sogleich mögen muss. Kalt, berechnend, sarkastisch, gnadenlos. In bester Tradition von Noir-Größen wie Starks‘ Parker oder Vachss‘ Burke kommt dieser einsame Wolf als glaubhaft-gefährlicher Gegenspieler daher, der aufgrund seiner Erfahrungen einen Großteil seiner Menschlichkeit zwar verloren hat, nie aber den Sinn für eine gewisse Moral. So brutal er im Zweikampf ist, so sensibel und unbeholfen ist er im Umgang mit der Frau, die er liebt. Während ein Großteil der Genre-Konkurrenz auf die Formel „Ein-Eimer-mehr-Blut-geht-immer“ setzt, verkommen die Gewaltausbrüche in „Der Killer und die Hure“ nie zum Selbstzweck, sondern sind folgerichtige Handlungsweisen eines Menschen, der aufgrund seiner Vergangenheit nicht anders mit der Gefahr umzugehen weiß. Ob im Gebirge an der afghanisch-pakistanischen Grenze, im Regenwald Südamerikas oder im Containerhafen Hamburgs – wie Basier seine Handlung inszeniert, wie er den Detailreichtum eines militärischen Techno-Thrillers völlig übergangslos mit dem Hardboiled mischt, ohne den Leser in unnötigen Informationen zu ertränken – das beeindruckt. Und zwar von der ersten bis zur letzten Seite.

Der Killer und die Hure“ bietet fulminantes, erschütterndes, dramatisches, nachtschwarzes und vor allem atmosphärisches Kopfkino über die volle Distanz. Ein brachiales, stilistisch überragendes kleines Noir-Meisterwerk mit unheimlich viel Tiefgang, in dem einfach alles stimmt und ich selbst nach mehrmaligen Überlegen keinerlei größere Kritikpunkte ausmachen konnte. Fans von Andy McNab und Stephen Hunter sei genauso wie Freunden klassischer Hardboileds eins gesagt: Kaufen, und zwar sofort!

Wertung: 97 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: George T. Basier
  • Titel: Der Killer und die Hure
  • Originaltitel
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Books on Demand
  • Erschienen: 07/2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 236 Seiten
  • ISBN: 978-3833474095

Ich, der Richter

© Heyne

Wer im Bereich der Spionage- und Politthriller nach literarischem Nachschub sucht, wird meistens recht schnell über den Namen Tom Clancy stolpern, der wohl wie kaum ein Zweiter dieses Genre in den 80er und 90er Jahren geprägt und mitbestimmt hat. Fast alle seine Romane haben sowohl die amerikanischen als auch die europäischen Bestsellerlisten gestürmt, Verfilmungen wie „Jagd auf Roter Oktober“ oder „Das Kartell“ sowie Dutzende PC-Spiel-Ableger sorgen dafür, dass er auch heute noch in aller Munde ist. Und das obwohl Clancy in den Jahren vor seinem Tod  nur noch wenig zu Papier gebracht hat, was, gleich aus mehreren Gründen, nicht von wenigen deutschen Lesern begrüßt wurde.

Fakt ist: Clancys Romane sind ein steter Zankapfel und alles andere als unumstritten. Sein unverhohlener Militarismus und der oftmals überbordend pathetische Patriotismus stoßen mitunter bitter auf, die detailverliebten Beschreibungen von Waffengattungen, Militärhierarchien und Einsatzplanungen stehen im scharfen Kontrast zur der eher den Krieg ablehnenden Konkurrenz. Clancy war ein Konservativer durch und durch. Wie sein Hauptprotagonist Jack Ryan ein Relikt des Kalten Krieges, das sich mit der neuen Situation in der Welt augenscheinlich nur schwer auseinandersetzen konnte und wollte. Und das merkt man leider vor allem seinen Spät-Werken an.

Gnadenlos“, im Original 1993 erschienen, ist einer der letzten guten Romane aus Clancys Feder. Und das nicht nur, weil sich der Autor hier (zumindest für seine Verhältnisse) mit dem Technik-Blabla weitestgehend zurückhält und sich auf die Zeichnung der Figuren besinnt. Tom Clancy zeigt in diesem Buch auch noch einmal, warum er, trotz stilistischer Mängel und zweifelhafter Gesinnung, zu den Besten seines Fachs gehörte.

Im Mittelpunkt der Geschichte, welche in den frühen 70er Jahren und vorwiegend in Baltimore spielt, steht ein für Ryan-Fans alter Bekannter: John Clark, hier noch John Terence Kelly, hochdekorierter Ex-Navy-Seal und Vietnam-Veteran, der sich nach dem Unfalltod seiner Frau auf eine ehemals vom Militär besetzte Insel zurückgezogen hat und nur gelegentlich bei Unterwassersprengungen als Taucher aushilft, bis ihm ein neuer Auftrag angeboten wird. Gemeinsam mit einer ausgewählten Einheit von Soldaten soll er 20 in Nordvietnam gefangene US-Soldaten befreien, welche die Regierung, die die laufenden Friedensgespräche nicht gefährden will, offiziell bereits für tot erklärt hat. Für Kelly, der immer noch unter dem Verlust seiner Frau leidet, eine willkommene Aufgabe, die ihm zusätzlich durch eine neue Bekanntschaft versüßt wird. Pam, eine junge, drogenabhängige Prostituierte, ist in letzter Sekunde einem brutalen Zuhälter- und Drogenschmugglerring entkommen, und sucht nun Unterschlupf bei dem Einzelgänger. Doch das Glück der beiden währt nicht allzu lange. Beim Versuch Näheres über Pams Peiniger in Erfahrung zu bringen, wird die junge Frau entführt und brutal ermordet. Kelly überlebt schwer verletzt. Körperlich und seelisch angezählt hat er nun nur noch eins im Sinn: Rache.

In einem gnadenlosen Einmann-Feldzug rechnet er mit den Gangstern ab, während die Polizei ihm, auch dank korrupter Bullen, zusehends mehr auf die Spur kommt und auch der gefährliche Einsatz in Vietnam immer näher rückt …

Sind sonst die verzweigten Gänge Langleys oder die hellerleuchteten Büros des Weißen Hauses die Bühne der Clancy-Romane, zeigt „Gnadenlos“ erstmalig die Schattenseiten der Vereinigten Staaten. Und ganz im Gegensatz zum Vorzeigepatrioten und Saubermann Jack Ryan, dessen Gutmenschentum besonders in den letzten Werken kaum mehr erträglich war, begegnet uns mit John Kelly eine Figur, die weit glaubhafter daherkommt. Bereits in jungen Jahren auf Gehorsam gedrillt, muss sich eine bis hierhin regimetreue menschliche Waffe plötzlich mit den Fehlern des Systems auseinandersetzen. Erstmalig sieht er Armut, Gewalt und Korruption aus erster Hand, sieht er das Versagen des Lands, für das er getötet hat. Statt mit den üblichen politischen Ausnahmezuständen wird der Leser in „Gnadenlos“ mit einer sehr persönlichen Frage konfrontiert: Was würdest du tun, wenn alles, was du liebst, Dir auf grausame Art und Weise genommen wird – und du fähig wärst, es ihnen heimzuzahlen?

Tom Clancy hat es über weite (bei mehr als 800 Seiten auch manchmal zu weite) Strecken geschafft, das Thema Selbstjustiz zu behandeln ohne es zu glorifizieren. Kelly zweifelt zwar nie an dem was er tut, setzt sich aber immer wieder damit auseinander, versucht Mensch zu bleiben, während er unmenschliche Dinge tut, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Das er genau das letztlich nicht tut, zeigt sein Gegenspieler Emmet Ryan. Vater vom hier noch blutjungen Jack und Polizist bei der Mordkommission, der alles daran setzt, den geheimnisvollen Killer dingfest zu machen.

Gnadenlos“ ist eine düstere, oftmals ekelerregend blutige und drastische Rachegeschichte, die an den vielen Schauplatzwechseln krankt, welche zwar die Essenz der Clancy-Romane bilden, hier aber unnötig das Tempo verschleppen. Neben dem rasanten, unheimlich packenden Alleingang Kellys fallen die anderen Handlungsstränge deutlich ab, wenngleich wir dabei einigen Personen begegnen, die später noch eine gewichtige Rollen zu spielen haben. Darunter Ryans-Mentor James Greer, Robert „Bob“ Ritter und der Agent „Cassius“. Für die Großstadtjagd hätte es aber all das nicht gebraucht. Ebenso wenig den Vietnam-Einsatz, der den eigentlichen roten Faden nicht wirklich voranbringt und einfach zu viele langatmige Passagen aufweist, um in den Bann zu ziehen. Wie so oft meistert es Clancy dann aber hervorragend, das alles am Ende zu verknüpfen.

Gnadenlos“ ist nicht nur der chronologisch erste Roman aus dem Ryan-Universum, sondern auch der beste Einstieg in die (Männer-)Welt von Tom Clancy. Wer bereits hier mit den vielen Figuren und Nebengeschichten überfordert ist, kann gleich die Finger von allen weiteren Büchern lassen.

Wertung: 83 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Gnadenlos
  • Originaltitel: Without Remorse
  • Übersetzer: Ulli Benedikt                            
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 880 Seiten
  • ISBN: 978-3453436770