Der Fluch der Karibik

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„Früchte des Zorns“, „Jenseits von Eden“, „Von Mäusen und Menschen“, „Die Straße der Ölsardinen“ – John Steinbeck hat in seiner Karriere als Schriftsteller wohl die denkbar tiefsten literarische Fußspuren in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts hinterlassen und gehört bis heute noch zurecht zu den meistgelesenen amerikanischen Autoren dieser Epoche.

Ausgezeichnet unter anderem mit dem Nobelpreis für Literatur und dem Pulitzer-Preis, fällt er damit zwangsläufig in die Kategorie, welche man gemeinhin als Klassiker tituliert und daher in jeder gut sortierten heimischen Bibliothek den wohlverdienten Platz einräumt. Wohlgemerkt aber bitte nicht, um sie dort verstauben zu lassen, denn Steinbecks Werk ist, im Gegensatz zu manch anderer so genannter Weltliteratur, auch knapp fünf Jahrzehnte nach seinem Tod im Dezember 1968 immer noch von großem Unterhaltungswert und uneingeschränkt empfehlenswert. Doch gilt dies auch für seinen eher unbekannten Erstlingsroman „Eine Handvoll Gold“?

Es ist einmal mehr meiner persönlichen (und augenscheinlich unheilbaren) Neurose geschuldet, dass ich das literarische Schaffen Steinbecks für die kriminelle Gasse chronologisch in Angriff nehme, um dessen Entwicklung als Autor verfolgen zu können und seiner Bedeutung als naturalistische, einfühlsame Stimme der Verlierer des so genannten „American Dream“ entsprechend Rechnung zu tragen. In seinem Debüt kommen diese allerdings noch nicht „zu Wort“ bzw. zum Tragen, handelt es sich bei „Eine Handvoll Gold“ doch um einen historischen Roman, der allerdings nur auf den ersten Blick ganz in der Tradition der Mantel-und-Degen-Abenteuer von Jack London, Robert Louis Stevenson oder Rafael Sabatini steht, bei genauerem Hinsehen dieses Genre jedoch um ein paar bis dato eher unbekannte Elemente erweitert.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die historische Persönlichkeit Captain Henry Morgan (heutzutage der Mehrheit vielleicht nur noch aufgrund seiner Namensgebung für eine Rumsorte ein Begriff), einem geborenen Waliser, den es – behütet in einer bürgerlichen, aber eher armen Familie aufgewachsen – schon als Kind drängt, die Welt jenseits der britischen Gestade zu erkunden. Entgegen dem Willen seiner Mutter und dem Bergweisen Merlin (!) verlässt er die sichere Zuflucht und heuert in Cardiff als Kombüsenhilfe auf dem Handelsschiff „Bristol Girl“ an. Das Ziel: Westindien. Hier will sich Morgan als Bukanier (alte Bezeichnung für einen Freibeuter oder Piraten) mit Raubzügen und Eroberungen einen Namen machen. Es kommt jedoch zuerst ganz anders als gedacht. Der Kapitän der „Bristol Girl“ verkauft ihn als Sklaven an den Plantagenbesitzer James Flower, der jedoch Mitleid mit dem träumerischen Jungen hat und zudem in ihm einen wissbegierigen Zuhörer erkennt.

Schnell steigt Morgan zu dessen Sekretär auf, übernimmt bald die Leitung und nutzt die Zeit um sich vor allem in Kriegstaktik weiterzubilden. Als der fünfjährige Arbeitsvertrag mit Flower seinem Ende entgegen geht, sieht er endlich seine Chance gekommen. Er überredet Flower zum Kauf eines Schiffes, heuert eine Mannschaft an und geht, mit dem Segen der Majestät von England, auf Kaperfahrt. Immer mehr Kapitäne sammeln sich um Henry Morgan, dessen Ruf allein Furcht bei seinen Gegnern schürt und dessen gewiefte Manöver reiche Beute versprechen. Und mit der Zeit wird die Piraterie von einem kleinen Ärgernis zu einer ernsthaften Bedrohung innerhalb der Karibik. Insbesondere für die Spanier, welche aufgrund der vielen Angriffe ihr Gold inzwischen nur noch in großen Konvois gen Heimat transportieren und nach und ihre Stützpunkte an die Freibeuter-Armada verlieren. Allein Panama, die befestigte und aufgrund des Reichtums als Perle der Karibik bekannte Stadt, konnte bisher standhalten. Diese Trutzburg der Spanier gilt als uneinnehmbar, doch als Morgan erfährt, dass sie auch Heimat der geheimnisvollen „Roten Heiligen“ ist, der angeblich schönsten Frau der Welt, will er auch dieses Wagnis in Angriff nehmen …

Wie gemeinhin auch bei anderen historischen Romanen üblich, so hat auch John Steinbecks erster literarischer Wurf nur bedingt den Anspruch geschichtlich gänzlich korrekt zu sein, was im Hinblick auf den Lebenslauf von Henry Morgan ohnehin ein aussichtsloses Unterfangen gewesen wäre, existieren doch bis zum heutigen Tag nur spärliche Informationen über dessen Raubzüge in der Karibik. Und insbesondere über seine Kindheit und Jugend ist fast nichts bekannt. Die wenigen Quellen sind zudem widersprüchlich (der Pirat legte gegen manche Darstellungen sogar zu Lebzeiten noch gerichtlich Einspruch ein), so dass Steinbeck, vom Schauplatz Wales einmal abgesehen, sämtliche kreative Freiheiten genutzt hat, um Morgans Sehnsucht nach der Ferne in Szene zu setzen und zu erklären, wie es ihn letztlich in die Karibik verschlägt, wo er ab dem Jahre 1665 bis zu seinem Tod 1688 zum gefürchtetsten Freibeuter dieser Ära aufstieg, dessen Machtfülle selbst dem aufstrebenden britischen Weltreich und seiner Majestät zunehmend ein Dorn im Auge wurde. Ironischerweise war er es aber gleichzeitig auch, der die Expansion des jungen Empire in dem vormals vor allem von Spanien beherrschten Gebiet – und damit den Aufstieg zur Weltmacht – entscheidend begünstigte. Zur Belohnung stieg er später gar zu einem königlichen Beamten auf.

Morgans Zeit als erfolgreicher Bukanier nimmt jedoch nur einen überschaubaren Teil dieses mit gerade mal 200 Seiten relativ kurzen Romans ein. Vielmehr konzentriert er sich vor allem auf den inneren Antrieb seines Protagonisten, der nach Ruhm, Ehre und später vor allem auch Reichtum strebt, die Heimat als Fesseln empfindet, welche es abzustreifen gilt. Interessant ist dabei, wie behutsam und liebevoll Steinbeck eben diese Entwicklung Morgans skizziert, der uns zu Beginn als unschuldiges, neugieriges Kind begegnet, dem man noch größtmöglichen Erfolg bei der Erfüllung seiner Träume wünscht, nur um nach und nach zu begreifen, wie gefährlich eben solche Wünsche sein können, wenn jemanden für deren Umsetzung jegliches nur denkbare Mittel Recht ist. Seine Zielstrebigkeit und der eiserne Willen, welche den jungen Morgan sowohl die erste Überfahrt als auch seine Knechtschaft auf der Plantage überstehen lassen, härten ihn zwar sichtbar ab, haben letztlich aber auch zur Folge, das er von nun an mitleidslos fähig ist, andere dasselbe durchleiden zu lassen. Henry Morgan herrscht durch Furcht, sein Name wird, wenn überhaupt, nur leise genannt. Fast so, als läge ein Fluch auf ihm. Übrigens hat sich das bis zum heutigen Tag nicht geändert. Bewohner der damals betroffenen Inseln vergleichen ihn immer noch mit niemand geringeren als dem Teufel selbst.

Was auf den ersten Blick wenig ungewöhnlich für einen Freibeuter klingt, ist dennoch in literarischer Form im Jahr der Veröffentlichung (1929) durchaus ein Novum, wurden die rauen Gesellen mit Augenklappe und Papagei auf der Schulter doch eher als Robin Hoods der Meere porträtiert, für welche die sorglose Lebenslust und die grenzenlose Freiheit bei ihrem Treiben weit mehr im Vordergrund stand, als tiefer verwurzelte, konkrete Ziele, die es hartnäckig zu verfolgen galt. Henry Morgan dagegen offenbart sich uns als ein getriebener, kaltblütiger Charakter ohne Reue, der kein Ziel erreichen kann, ohne sich selbst schon wieder ein Neues zu stecken – sei es auch noch so unerreichbar. Es ist diese unbändige Gier sich zu beweisen, die im späteren Verlauf seines Lebens letztlich zu seinem Fall führen wird. Isoliert von all den Menschen um ihn herum – seinem einzigen Freund und Verbündeten Coer de Gris will er unbedingt trauen, ohne dies wirklich zu können – schafft sich Morgan einen goldenen Käfig, der, gebaut aus dem immerwährenden Hunger nach mehr Macht und Geld, für ihn nur Einsamkeit und den teuflischen Kreislauf der Obsession bereithält (Hier verkörpert durch „La Santa Roja“, die „Rote Heilige“). Wir als Leser erkennen, dass er sich dabei selbst verrät – und das gleich zweimal. Einerseits kann er gegenüber Merlin nicht sein Wort halten, andererseits kehrt er dem selbstbestimmten Bukanierleben den Rücken, um stattdessen als Diener der Krone in deren Auftrag zu plündern.

Der Aufstieg Henry Morgans bis zum Gipfel und der darauffolgende Sturz – sie sind gleichzeitig die Triebfeder dieser leichtfüßigen, wenn auch manchmal etwas zu phantasievoll ausgeschmückten Erzählung, welche bei ihrer Veröffentlichung von der Kritik nahezu unbeachtet blieb und für den Autor einen finanziellen Misserfolg bedeuteten. Es sollte noch einige Zeit, genauer gesagt zwölf Jahre und bis „Tortilla Flat“ dauern, ehe der Name John Steinbeck den Stellenwert erhielt, den er bis zum heutigen Tage beibehalten hat. Dass auch der Weg dorthin ein unheimlich lohnens -und lesenswerter ist, beweist „Eine Handvoll Gold“ nachdrücklich. Ein feiner, geistreicher und mitunter philosophischer Abenteuerroman über den ursprünglichen Fluch der Karibik, der immer noch zu unterhalten weiß.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: John Steinbeck
  • Titel: Eine Handvoll Gold
  • Originaltitel: Cup of Gold – A Life of Sir Henry Morgan, Buccaneer, with Occasional Reference to History
  • Übersetzer: Hans B. Wagenseil
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 09.1987
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3423107860

Ein Pakt mit dem Teufel

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Sommer 2008, ich befand mich inmitten meiner Ausbildung zum Buchhändler und durchlief (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt) gerade die äußerst lehrreiche Zeit in der Reiseabteilung, als mir ein vom Zsolnay-Verlag ein Leseexemplar von Richards Starks „Fragen Sie den Papagei“ in die Hände fiel.

Obwohl nicht mehr für den Bereich der Belletristik eingeteilt, hatte ich seit meinem Beginn in der Buchhandlung bei der Gestaltung Krimi-Sparte durchgehend meine Finger im Spiel. Und wenn ich mal so bescheiden tönen darf – der Verkaufserfolg gab mir auch Recht. Dennoch war ich rückblickend betrachtet zu diesem Zeitpunkt allenfalls ein vielversprechender Laie mit gefährlichen Halbwissen, so dass ich Stark, der mit seinem richtigen Namen eigentlich Donald E. Westlake heißt, bis dato genauso wenig kannte, wie seine Kult-Figur Parker. Zu meiner Entschuldigung muss ich aber einwerfen: Richard Stark spielte damals bereits seit den 70er Jahren keine Rolle mehr auf dem hiesigen Buchmarkt. Und er selbst hatte seinen Anti-Helden seit dieser Zeit über zwanzig Jahre ruhen lassen.

Während also viele Kenner des Genres diese Wiederentdeckung mit der gebührenden Würdigung priesen, trafen Titel, Aufmachung und Kurzbeschreibung meinerseits auf ein gewisses skeptisches Unverständnis. Die Lektüre des Buches erfolgte zwischen Tür und Angel und aus reiner Höflichkeit – entsprechend mäßig fiel mein abschließendes Fazit aus. Es bedurfte einer erneuten Auseinandersetzung ein paar Jahre später – durch meine Tätigkeit auf der Krimi-Couch und die dortige Unterstützung vieler langjähriger Genre-Spezialisten inzwischen dem Novizentum entwachsen und mit einem erweiterten Horizont ausgestattet, was den Spannungsroman grundsätzlich betrifft – um auch für mich selbst die Faszination dieser Serie zu begreifen, wenngleich ich nach wie vor der Meinung bin, das „Fragen Sie den Papagei“ nicht zu den stärksten Werken aus (Achtung, Wortspiel) Starks Feder gehört und auch aus anderen Gründen nicht die beste Wahl war, um eine Renaissance des äußerst produktiven Schriftstellers einzuleiten. So bildet das vorliegende Buch nämlich den Mittelteil einer, durch eine geschlossene Handlung verbundenen Trilogie innerhalb der Reihe, die mit „Keiner rennt für immer“ beginnt und mit „Das Geld war schmutzig“, dem letzten Parker-Roman, abschließt. Beide Titel erschienen allerdings erst später bei Zsolnay bzw. dtv.

Dies ist insofern wichtig, da der Leser zwar per se bei Stark immer ohne Warnung in eine Handlung geworfen wird – im Stile der klassischen Samstagnachmittagsserien des US-Fernsehens springt man direkt ins Geschehen – man hier aber besonders mit den offenen Fragen hadert, wie und warum die Protagonisten in die von uns vorgefundene Situation gekommen sind. Und die stellt sich wie folgt dar:

Irgendwo in der tiefsten Provinz des US-Staats New York. Parker (seinen Vornamen erfahren wir nie) befindet sich nach einem misslungen Bankraub (siehe „Keiner rennt für immer“) auf der Flucht vor der Polizei und wird von Hunden, auf seine Fersen angesetzt, quer durch die Wälder gehetzt. Der Vorsprung schwindet mit jeder Minute, die Lage scheint ausweglos. Doch Parker hat Glück im Unglück und trifft auf den alten Einsiedler Tom Lindahl, der ihn sofort als den flüchtigen Bankräuber aus den Nachrichten erkennt und kurzerhand beschließt, diesem zu helfen. Doch seine Tat ist nicht uneigennützig, sieht er das Zusammentreffen doch vor allem als Chance sich einen langjährigen Traum zu erfüllen. Unter der Einsamkeit leidend, plant er seit langem einen Raubzug gegen die alte Pferderennbahn, in der er bis zu seinem Rentenantritt gearbeitet hat, bis man ihn schließlich fristlos kündigte. Allein der Mut, dies in die Tat umzusetzen, er hat ihm bis dato gefehlt. Nun, mit Parker an seiner Seite, sieht er sich in der Lage diese oft verworfenen Gedankenspiele in die Tat umzusetzen. Der wiederum braucht das Geld für die Fortsetzung seiner Flucht und willigt kurzerhand ein. Schon bald wird Lindahl klar, dass er einen Pakt mit einem äußerst gerissenen und vor allem eiskalten Teufel geschlossen hat …

Wenn ich mich heute so auf meinem Sofa umdrehe und dort die Vielzahl der bei Zsolnay veröffentlichten Stark-Titel erblicke, bin ich doch etwas verwundert, dass eine solche Art Krimi in den heutigen Zeiten tatsächlich noch augenscheinlich einen so lohnenswerten Absatz generiert hat, wartet doch die Parker-Reihe auf den ersten Blick mit nur äußerst wenig von den auf, was der durchschnittliche Freund von Spannungsliteratur so gemeinhin unter Krimi versteht. Mord, Serientäter, Leiche, Polizist und allenfalls noch Privatdetektiv – so ziehen viele Leser inzwischen nicht nur ihre persönlichen Grenzen des Genres, sondern legen damit auch gleichzeitig die benötigten Zutaten für „fesselnde und packende Unterhaltung“ fest. Und nun kommt da ein solcher Roman daher, der ohne moralisch korrekten Sympathieträger aufwartet und in der Art des Storytellings auch kurzerhand den Weg zum Ziel deklariert. Was manch einer jedoch für eine Revolution hält, ist schlichtweg nichts geringeren als die Renaissance des klassischen „Noir“, wie ihn auch schon James M. Cain einst geschrieben – und der sich seitdem nicht groß weiterentwickelt hat. Und warum sollte er auch, wo doch „Fragen Sie den Papagei“ ein treffliches Beispiel dafür ist, dass man nichts reparieren muss, was nicht kaputt ist.

Richard Stark hat seinem Gauner Parker für lange Zeit den Rücken gekehrt und ihn jetzt genauso aus der Schublade herausgeholt, wie er ihn einst reingelegt hat. Soll heißen: Die Zugeständnisse des Autors an die modernen Anforderungen an einem Krimi kann man nicht nur an einem Finger abzählen, sie verwässern auch nicht ein Jota das ursprüngliche Grundrezept. Gottseidank, möchte man rufen, hat doch diese Serie schon immer von der kühlen Planung des absoluten Profis Parker und dessen noch größerer Befähigung zur Improvisation gelebt. Und sowohl im einen wie auch im anderen läuft der alte Kämpe mal wieder zur Höchstform auf, vorangetrieben von einer messerscharfen, knappen Sprache, die sich jegliche Umschweife und Ausschmückungen versagt und – ähnlich wie Elmore Leonard – kein Wort zu viel verliert. Tempo heißt das Stichwort und so klemmt Stark seinen Plot von Beginn an unter das herunter gedrückte Gaspedal, welches den roten Faden wie die Mittelspur eines geraden Highways Seite für Seite mit Vollgas schluckt. Allerdings nicht ohne dabei einen paar Schikanen, äußerst scharfe Kurven und Wendungen einzubauen.

Und genau hieraus ergibt sich die Faszination dieser Serie, setzte Stark mit seiner Figur Maßstäbe, an denen sich heute auch noch Autoren wie Gary Disher oder Wallace Stroby messen lassen müssen. Ein Mann ohne Gewissen, stets irgendwie Herr selbst der ausweglosesten Lage und ein Meister darin, seine Umgebung geschickt und äußerst elegant für die eigenen Zwecke zu manipulieren und einzuspannen, weil ihm keine Schwäche verborgen bleibt, jede offene Flanke notiert und als potenzielles Angriffsziel auserkoren wird. Eine oftmals bittere Lektion für seine Mitstreiter, in diesem Fall Tom Lindahl, der relativ schnell feststellen muss, dass Planung und Ausführung eines Verbrechens zwei verschiedene paar Schuhe – und insbesondere die letzteren ihm ein paar Nummern zu groß sind. Ihm fehlt schlicht dieser letzter Schuss Skrupellosigkeit für diesen Job. Eine Tatsache, welche natürlich auch Parker nicht entgeht, dem es am Ende nur auf eins ankommt – seinen Schnitt zu machen. Und das ist notwendig, denn obwohl Profi, so muss auch der Verbrecher aus Berufung immer wieder Rückschläge verkraften und, um seine eigene Haut zu retten, selbst die Beute mal am Tatort zurücklassen.

Was es Näheres mit dem Titel auf sich hat? Nun, das ward an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel sei gesagt: Er ist gut gewählt für diesen äußerst kurzweiligen Vertreter des „Noir“, der vor allem durch seine kahle, aber unheimlich pointierte und wortwitzige Sprache zu überzeugen weiß und dessen offenes Ende den Leser fast schon zwingt, zum Nachfolger „Das Geld war schmutzig“ zu greifen. Denn er macht auch deutlich – der Krimi kann soviel mehr als nur Mord und Leichen.

Wertung: 82  von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Stark
  • Titel: Fragen Sie den Papagei
  • Originaltitel: Ask the Parrot
  • Übersetzer: Dirk van Gunsteren
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 06.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256 Seiten
  • ISBN: 978-3423212106

Ich liebe es, wenn ein Plan (nicht) funktioniert …

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Die Wiederentdeckung von Richard Starks „Parker“-Serie durch den Zsolnay-Verlag gehört für mich persönlich zu den positivsten Überraschungen in der Kriminalliteraturszene, war doch der unter anderem mit drei Edgar Awards ausgezeichnete und durch die Mystery Writers of America sogar zum „Grand Master“ ernannte Autor auf dem deutschen Buchmarkt viel zu lange in der Versenkung verschwunden.

Zsolnays Verdienst wird dabei allerdings ein wenig durch die zeitliche Abfolge der Veröffentlichungen geschmälert, was insbesondere die letzten drei Bände der Reihe um den Berufsverbrecher Parker betrifft, die gemeinsam eine lose Trilogie um den Überfall auf einen Geldtransport bilden. „Keiner rennt für immer“ stellt dabei den Auftakt dar, wurde aber auf Deutsch nach „Fragen Sie den Papagei“, dem mittleren Part, veröffentlicht. Ein Wahl, die wohl vor allem dem Inhalt geschuldet ist, kommt doch letztgenannter Titel wesentlich actionreicher und kurzweiliger daher, was den Neueinsteig für Leser natürlich erleichtert. Doch so „handlungsarm“ „Keiner rennt für immer“ in Anführungsstrichen auch ist – gerade die Planung des Coups und die sich im weiteren Verlauf ergebenden Schwierigkeiten bieten Parker beste Möglichkeiten, seine Stärken in Gänze auszuspielen, weshalb ich diesen Band auch für den gelungensten, weil homogensten der drei halte. Und auch zum besseren Verständnis sei jedem geraten, mit „Keiner rennt für immer“ die letzten Auftritte von Parker in Angriff zu nehmen.

Kurz zur Story: Das kleine Kaff Rutherford im US-Staat Massachusetts. Mit Sicherheit kein Ort, dem der Stadtmensch Parker unter normalen Umständen einen zweiten Blick gönnen würde. Doch die Umstände sind nicht normal, denn das Geld wird langsam knapp, so dass plötzlich eine im Rahmen einer Fusionierung aufgelöste Bank schon ein lohnenswertes Ziel darstellt. Kein Kapitalverbrechen des üblichen Kalibers für Parker und seine Komplizen Nick Dalesia und Nelson McWhitney, aber dennoch selbst für die Profis eine Herausforderung, da die Geldeinlagen mit gepanzerten Transportwagen abtransportiert werden. Und drei Mann reichen dafür einfach nicht aus. Parker wäre jedoch nicht Parker, hätte er nicht auch dafür bereits vorgesorgt. Über Elaine Langen, unglückliche Gattin des Bankchefs, und den ehemaligen Polizist Jake Beckham, der in der Bank tätig war, bis man ihn feuerte, kommt er in den Besitz der nötigen Informationen für den geplanten Coup. Abgesichert wird das Ganze schließlich durch den Arzt Dr. Myron Madchen, der Beckham, welcher nach Beendigung des Überfalls zu den Hauptverdächtigen zählen würde, ein Alibi verschaffen soll. So weit, so gut. Doch wann ist jemals schon etwas nach Plan gelaufen?

Schon recht bald erweisen sich einige der Beteiligten als Risikofaktoren, denn der Druck auf jeden einzelnen in dieser kriminellen Unternehmung wächst. Insbesondere Langen und Madchen beginnen Nerven zu zeigen, was wiederum die Neugier der äußerst tüchtigen Polizistin Gwen Reversa anfacht, die sich sogleich des Falls annimmt. Und als ob das noch nicht genug wäre, haben sich auch zwei Kopfgeldjäger an Parkers Fersen geheftet, welche sich ihrerseits Profit vom Überfall versprechen und zudem noch ein Hühnchen mit einem früheren Komplizen zu rupfen haben. Parker muss schließlich all seine Improvisationskünste ausspielen, um die vielen Amateure auf Kurs zu halten und den Raub durchzuziehen – doch auch er kann nicht überall zugleich sein …

Sie mögen Filme wie „Oceans Eleven“, wo am Ende die coolen Diebe mit blitzender Sonnenbrille aus dem Casino schlendern, während die Bullen an anderer Stelle ahnungslos die Hände in die Hüfte stemmen? Oder sie favorisieren Bücher, wo letztlich alles wie geschmiert läuft und der „Held“ schon vierzig Seiten vorher weiß, was am Ende wie, wo, wann und auf welche Weise passieren wird? Wenn dem so ist, dann lassen sie mal schön ihre Patschehändchen von Richard Starks „Parker“-Romanen, in denen sich der Autor so ziemlich jeden künstlichen Effekt verkneift und die knallharte Realität billiger Effekthascherei vorzieht. Das heißt wiederum: Auch wenn dem Leser detaillierte Einblicke in die Vorbereitungen des Verbrechens gewährt werden, impliziert dies noch lange nicht deren reibungslose Ausführung – im Gegenteil. Schon recht früh wird uns gewahr, dass Parkers Überfall scheitern muss, sind doch einfach zu viele Variablen im Spiel, um diese unter Kontrolle zu halten. Fans der Serie wird dies kaum überraschen, da in jedem Auftritt des Berufsverbrechers irgendwann irgendetwas schief geht. Und gerade hiervon lebt die Figur „Parker“, der immer dann aufblüht, wenn ihm die Polizei schon ganz nah im Nacken sitzt und der frustrierte Beobachter die Flinte ins Korn werfen will.

Wo andere Thriller der Moderne sich fleißig Twists und Turns bedienen, um letztlich eine Überraschung zu präsentieren, die man doch dann irgendwie hätte erahnen können, beziehen Starks Romane ihr Spannungselement aus den Fehlern seiner Protagonisten. Und dass diese weit unberechenbarer sind, als z.B. die Genialität eines Meisterdetektivs im Stile Lincoln Rhymes, erklärt vielleicht auch die fast fünfzig Jahre andauernde Erfolgsgeschichte von Starks Serienfigur. Ob im Zeitalter von Telefonzellen oder I-Phones, ob mit dem Notizblock oder dem Notebook. Parker ist ein zeitloses Phänomen, das heute noch genauso funktioniert wie Anfang der 60er Jahre und das nichts von seiner Faszination verloren hat. Ein eiskalter Profi, bei dem zwar selten alles reibungslos abläuft, der aber dennoch auch stets ein Ass im Ärmel hat bzw. einen Ausweg findet, um der ihn verfolgenden Justiz eine lange Nase zu drehen.

Moral, Skrupel, Gewissensbisse – sie sind dabei wie Freundschaft oder Liebe Schwächen, die sich Parker weder leisten kann noch will. Und er verzichtet selten darauf, seine jeweiligen Komplizen, für die er zumeist eine unberechenbare Größe bleibt, daran zu erinnern. Von diesem beständigen Gefahrenmoment lebt auch „Keiner rennt für immer“, da Parker, dessen Vornamen wir in keinem der vielen Bände erfahren haben, genauso wenig einzuschätzen ist, wie der letztliche Verlauf der Handlung. Und die kredenzt uns Richard Stark mal wieder auf unnachahmliche Art und Weise. Knapp, kurz, prägnant werden dem Leser die Sätze um die Ohren gehauen, spart sich der Autor jegliche Ausschweifungen und Nebenschauplätze. Hier bleibt kein Raum für Interpretationsansätze, sondern nur ein geradliniger, scharf geschnittener roter Faden, der sich, trotz etwas längerer Vorbereitungen und Planungen zu Beginn, kontinuierlich durch den Plot fräst, um am offenen Ende in einem actionreichen Paukenschlag zu münden. An dieser Stelle fällt der Vorhang, ist die Folge vorbei, wird der Leser quasi genötigt zu „Fragen sie den Papagei“ zu greifen, der inhaltlich direkt an das Finale dieses Buches anknüpft. Und wer darauf keine Lust hat – nun, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

Für mich ist „Keiner rennt für immer“ ein Highlight in der langjährigen Reihe. Düster, diabolisch, lakonisch und eiskalt hat Stark hier noch einmal sämtliche Register gezogen. Ein „Hardboiled“-Vertreter im besten Sinne des Wortes mit einem Parker in Hochform. Kaufen – aufschlagen – lesen!

Wertung: 90  von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Stark
  • Titel: Keiner rennt für immer
  • Originaltitel: Nobody runs forever
  • Übersetzer: Nikolaus Stingl
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 02.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3423212663

+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 2 +++

Auch wenn ich mit diesem Ticker auf einen bereits fahrenden Zug aufspringe, so ist es mir doch ein Bedürfnis, gleichfalls den Non-Crime-Titeln Ehre zu erweisen, mit denen ich im nächsten Halbjahr die größten Hoffnungen verbinde. Mittlerweile sind alle der unten aufgeführten Romane erschienen, insofern entschuldige ich mich bei meinen Blog-Lesern für die Verspätung. Andererseits vertrete ich den Standpunkt, dass gute Bücher ja nicht schlecht werden bzw. nicht ein jeder direkt bei Veröffentlichung zugreift. Und vielleicht ist ja sogar der ein oder andere Tipp dabei, den manch einer noch nicht auf dem Schirm hatte.

Damit direkt zu den „Auserwählten“. Habt ihr schon für den ein oder anderen Titel Feedback für mich? Oder welches Buch würde euch reizen?

  • Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe
    • Hardcover, Februar 2019, Steidl Verlag, 978-3958295834, 176 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Erst letztes Jahr hat Alexander Pechmann mit Sieben Lichter auf sich aufmerksam gemacht, nun folgt mit Die Nebelkrähe bereits das zweite Buch. Wobei man eigentlich bei diesem Umfang eher von Novelle sprechen müsste, was die aufgebotenen 18 € für manchen vielleicht zur unüberwindbaren Hürde machen wird. Dazu zähle ich mich nicht, wird doch gerade der Schauerroman bzw. die feinziselierte Suspense heutzutage nur zu selten bedient, so dass ich mich über so ein Werk besonders freue. London, 20er Jahre, Spiritismus, Oscar Wilde – die Zutaten sind ganz nach meinem Geschmack.
  • Andreas Kollender – Libertys Lächeln
    • Hardcover, März 2019, Pendragon Verlag, 978-3865326423, 304 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Man ist es ja mittlerweile gewöhnt, dass herausragende Romane (z.B. Nichts bleibt von Willi Achten oder Wallace Strobys Crissa-Stone-Reihe) aus dem Hause Pendragon von der größeren Leserschaft weitestgehend unbeachtet bleiben, es mitunter nicht mal auf die Tische der Buchhandlungen schaffen. Umso beeindruckender, wie Günther Butkus‘ kleiner Verlag weiterhin Perle für Perle aus dem Hut zaubert. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich Qualität letztlich doch irgendwann durchsetzt. Vielleicht mit Kollenders Libertys Lächeln, der zumindest mit Kolbe schon ein wenig auf sich aufmerksam machen konnte. Ungeachtet dessen wie die Publikumsreaktionen noch weiter ausfallen werden – ich werde hier ganz sicher zugreifen.
  • A. G. Lombardo – Graffiti Palast
    • Hardcover, März 2019, Antje Kunstmann Verlag, 978-3956142840, 300 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: 1965, Los Angeles, die Aufstände von Watts. Mittendrin der Semiotiker und Stadtforscher Americo Monk. Lombardo nimmt sich eines Themas an, das mich schon seit einer Erwähnung in John Balls Virgil-Tibbs-Reihe fasziniert und rennt damit bei mir offene Türen ein. Auf diese 300 Seiten freue ich mich besonders.
  • Ralph Ellison – Der unsichtbare Mann
    • Hardcover, April 2019, Aufbau Verlag, 978-3351037802, 680 Seiten, 28,00 €
    • Crimealley-Prognose: Endlich. Das war so das erste, was mir bei der Entdeckung dieses Klassikers in der Aufbau-Vorschau durch den Kopf ging, versuche ich doch schon seit Jahren eine nicht zerschlissene Rowohlt-Ausgabe dieses Titel antiquarisch zu ergattern. Diese Suche ist jetzt gottseidank nicht mehr notwendig und ich freue mich stattdessen nun schon darauf diesen so hoch gelobten New-York-Roman nicht nur mein Eigen zu nennen, sondern auch endlich zu lesen.
  • Kate Atkinson – Deckname Flamingo
    • Hardcover, März 2019, Droemer Verlag, 978-3-426281307, 336 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Von Kate Atkinson habe ich bis heute ebenfalls noch nichts gelesen, was ja, als bekennender Edinburgh-Liebhaber, eigentlich schon eine Sünde darstellt. Zumal auch der geschätzte Kollege Jochen König bereits damals bei Das vergessene Kind voll des Lobes war und dessen Verfilmung mit Jason Isaacs schon im Regal auf mich wartet. Wohlan denn, es wird Zeit. Warum also nicht mit Deckname Flamingo starten?
  • Jörg-Uwe Albig – Zornfried
    • Hardcover, Februar 2019, Klett Cotta Verlag, 978-3608964257, 159 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein Titel, der aus drei Gründen in meiner engeren Auswahl gelandet ist. Erstens ist die Handlung direkt in der Nachbarschaft angesiedelt. Zweitens wird mit den Neuen Rechten ein aktuelles und heißes Thema angepackt. Und drittens kann selbst jemand mit so wenig Lesezeit wie ich 159 Seiten irgendwo dazwischen quetschen. Wenn da nicht dieser Preis von 20 € wäre … Aber als ob mich das je abgehalten hätte.
  • Josephine Rowe – Ein liebes, treues Tier
    • Hardcover, Februar 2019, Liebeskind Verlag, 978-3954380985, 208 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Gut, machen wir es kurz. Dieser Titel wird von Liebeskind verlegt. Reicht für mich. Punkt.
  • Sorj Chalandon – Am Tag davor
    • Hardcover, April 2019, dtv Verlag, 978-3423281690, 320 Seiten, 23,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein Roman wie ein Faustschlag„, schreibt Le Parisien und lässt mich bereits interessiert die Augenbrauen heben. Die Geschichte um ein Grubenunglück und einen darauffolgenden Rachefeldzug weckt dann gleich endgültig das Interesse. Chalandon ist mir kein Begriff, aber ich bin hier nur allzu bereit den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.
  • Fernanda Melchor – Saison der Wirbelstürme
    • Broschiertes Taschenbuch, März 2019, Klaus Wagenbach Verlag, 978-3803133076, 237 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Wer sich nun fragt, wo hat er den Titel denn ausgegraben, dem kann ich bescheiden versichern – gar nicht. Saison der Wirbelstürme habe ich in Kollege Gunnars Bibliothek bei Lovelybooks entdeckt. Und mal abgesehen davon, dass er die falsche Borussia unterstützt *zwinker*, hat der Mann nun mal einfach Geschmack. Und dann auch meist denselben wie ich. Ich sage an dieser Stelle mal „Danke“, denn der Roman tönt wirklich äußerst vielversprechend.
  • Frank Duwald – Die grünen Frauen
    • Hardcover, April 2019, epubli Verlag, 978-3803133076, 168 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Der letzte Titel ist mir ein besonderes Anliegen, handelt es sich doch bei diesem Band von Erzählungen um das Debütwerk des geschätzten Blogger-Kollegen Frank Duwald von dandelion. Ein Kenner der abseitigen, schaurigen Literatur, dank dem ich nicht nur einige literarische Schätze wiederentdeckt habe, sondern dessen Beiträge und Besprechungen ich auch immer mit Wonne lese. Dementsprechend hoch ist dann auch die Vorfreude auf Die grünen Frauen. Einem Buch, dem ich möglichst viele Leser wünsche.

 

 

Der Apfel fällt weiter weg vom Stamm

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Alafair Burke – mit Sicherheit kein Name, der wie Donnerhall durch die Buchhandlungen in deutschsprachigen Landen schallt. Wie auch, sind doch mit „Online wartet der Tod“ (engl. „Death Connection“) und „Manhattan 212“ (engl. „212“) erst zwei Bücher dieser in Wichita, Kansas aufgewachsenen Schriftstellerin übersetzt worden (Ihre Kooperation mit Mary Higgins Clark nicht mitgezählt). Der ein oder andere Krimikenner wird ob des Namens dennoch hellhörig werden. War da nicht mal etwas mit einer Alafair als Protagonistin?

Wer sich, wie ich selbst, zu den Anhängern des großen Krimi-Autors James Lee Burke zählt, weiß, dass es sich hier um niemand geringeren als seine eigene Tochter handelt. Bereits in der seit Ende der 80er Jahre laufenden Reihe um den Südstaaten-Cop Dave Robicheaux hatte sie als gleichnamige Ziehtochter des Ermittlers schon ungewollt von sich Reden gemacht. Nun tritt sie, zumindest was das Genre angeht, selbst in die Fußstapfen ihres Vaters. Ein Grund, nein, streng genommen, sogar DER Grund, warum „Online wartet der Tod“ in meinem Regal landete, hätten mich doch Titel und auch Inhaltsangabe sonst nur wenig reizen können. Auch mein Bauchgefühl sprach deutlich von einem Titel, „den ich nicht unbedingt haben muss“. Um es kurz zu machen: Ab sofort werde ich darauf wieder hören, denn bei aller Objektivität – die Fußstapfen sind diesmal erheblich zu groß.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die gerade zum Detective beförderte Polizistin Ellie Hatcher, welche, sonst im Dezernat für Betrug und Diebstahl tätig, nun von der Mordkommission des NYPD angefordert wird, um einen vermeintlichen Serienmörder dingfest zu machen. Seine Jagdgründe: die Internet-Kontaktbörse „FirstDate.com“. Das glaubt zumindest der leitende Ermittler Flann McIllroy, der, trotz des Abstands von einem Jahr, zwischen zwei seiner Mordfälle die Verbindung in FirstDate sieht. McIllroy, aufgrund seiner Beliebtheit bei den Medien in Kreisen des NYPD eher ein gemiedener Außenseiter, glaubt in der attraktiven Ellie, welche zudem selbst aufgrund der mysteriösen Umstände beim Tod ihres Vaters in den Medien keine Unbekannte ist, den perfekten Lockvogel gefunden zu haben, um den Täter eine Falle zu stellen. Doch er hat sowohl Ellie als auch den Täter unterschätzt. Forsch übernimmt die junge Detective die Nachforschungen … und sieht sich bald mit einem Gegenüber konfrontiert, der jeden ihrer Schritte vorherzusehen scheint.

Wo liegt das Motiv für die Morde? Wie ist FirstDate involviert? Die Suche nach den Antworten auf diese Fragen bringt nicht nur Ellie selbst in größte Gefahr …

Zugegeben: Was auf den ersten Blick wie der typische Mainstream-Aufguss des x-mal durchgekauten Serienmörder-Themas erscheint, entpuppt sich doch (gottseidank) recht bald als weit komplexerer Polizeiroman, der uns mit soziopathischen Super-Bösewichten verschont und Ellies Ermittlungen stattdessen als schweißtreibende Arbeit darstellt. Und nicht nur in dieser Hinsicht kommt Alafair Burke ganz nach ihrem Vater. Auch ihre Heldin trägt gleich ein paar autobiographische Züge in sich. Angefangen beim Geburtsort Wichita bis hin zum Themenfeld Online-Kontaktbörse, wo Burke ihren späteren Ehemann kennenlernte. Hier enden aber dann auch die Parallelen zu James Lee Burke, der stilistisch einfach in einer ganz anderen Liga spielt. Das fängt bereits mit dem Schauplatz des Geschehens an. Während man beim Vater die von Spanischen Moos bewachsenen Bäume vor sich zu sehen, die feucht-warme Hitze der Bayous auf der Haut zu spüren glaubt, hinterlässt das New York seiner Tochter keinerlei bleibenden Eindruck. Im Gegenteil: Die Story hätte genauso gut in Chicago oder L.A. angesiedelt sein können. Vom Showdown einmal abgesehen fehlt es hier leider gänzlich an Atmosphäre, krankt der Handlungsort an der Austauschbarkeit und dem Mangel an Flair.

Dabei kann man Alafair Burke nicht einmal handwerkliche Mängel vorwerfen. Ihre Schreibe liest sich flüssig, temporeich. Die leicht lakonische Ader und der trockene Humor zünden an den vorgesehenen Stellen. Und Ellie Hatcher ist weit von einer (mittlerweile) nervigen Alleskönnerin wie Amelia Sachs entfernt … und doch, irgendetwas, die gewisse Würze, dieser eigenständige Stil, die „intensive Ausstrahlung“ (von Ex-Krimi-Couch-Kollege Jürgen Priester hervorgehoben) – sie fehlen mir hier. „Online wartet der Tod“ macht viel richtig, hebt sich aber auch nirgendwo von der Konkurrenz ab. Einen triftigen Grund das Buch unbedingt lesen zu müssen sucht man vergebens. Stattdessen spult Alafair Burke ihren gefälligen, in sich stimmigen Plot routiniert herunter ohne große Glanzpunkte zu setzen, was aber wohl dem Fast-Food-Krimi-Junkie weder auffallen noch groß stören wird.

Denjenigen Lesern, die sowohl Vater wie Tochter gelesen haben, wird der qualitative Unterschied allerdings nicht entgehen. Und das stattdessen gerade Ersterer seit dem Jahr 2002 vom deutschen Verlagsweisen bezüglich weiterer Übersetzungen gänzlich ignoriert wurde, stößt angesichts der vorliegenden Lektüre (und dem Cameo-Auftritt von Dave Robicheaux in „Online wartet der Tod“) dann besonders bitter auf.

So bleibt am Ende ein netter, kurzweiliger Krimi für das Wartezimmer, die Bushaltestelle oder die nächste Zugfahrt. Statt einem „vielversprechenden“ (O-Ton Jürgen Priester) ersten Auftritt bleibt insgesamt leider nur ein Buch, von dem ich mir zu viel versprochen habe. Daher: Lieber Dtv-Verlag, danke für diese Vorspeise. Aber ich bleibe lieber beim Hauptmenü und das heißt James Lee Burke.

Wertung: 79 von 100 Treffern

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  • Autor: Alafair Burke
  • Titel: Online wartet der Tod
  • Originaltitel: Dead Connection
  • Übersetzer: Susanne Wallbaum
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 464 Seiten
  • ISBN: 978-3423213141

In den Trümmern von Berlin

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© dtv

Ja, auch im Sommer 2015 hatte sie mich wieder gepackt – die jahreszeittypische Leseunlust, welche, alljährlich wiederkehrend, meinen hauseigenen Schmöker-Marathon stets aufs Neue unterbricht und mich in ein faules, in der Sonne räkelndes Wesen verwandelt, dem die Fernbedienung oft näher ist, als die aktuelle Lektüre. Gelitten hat darunter im Sommer vor zwei Jahren unter anderem „Wer übrig bleibt, hat Recht“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, deren zweites Werk „Deutsche Meisterschaft“ – von mir bereits vor Jahren gelesen – so mit zum Besten gehört, was ich im Genre der deutschsprachigen Spannungsliteratur in den Händen gehalten habe.

Nun stand also der gemeinsame Erstling an – und soviel sei vorab verraten: Auch diesmal gelingt dem Autorenduo der schwierige Spagat zwischen historischer Authentizität und tiefgründiger Suspense, wobei ersterer im Debüt jedoch ein wenig mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, was Freunde kurzweiliger Krimi-Reißer womöglich abschrecken dürfte. Hier ist der Weg das Ziel, sind es die kleinen Details am Wegesrand, welche den Spaß an der Lektüre befeuern und eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte auf erschreckend plastische Art und Weise zum Leben erwecken.

Kurz zur Handlung:

Berlin im Winter 1944/1945. Der totale Krieg tobt an allen Fronten und Hermann „Meier“ Görings Luftwaffe ist schon längst nicht mehr in der Lage den eigenen Luftraum vor den feindlichen Bomberverbänden zu schützen, welche tagtäglich und auch bei Nacht ihre Last abwerfen und die Hauptstadt des Reiches in eine rauchende Trümmerwüste verwandeln. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist inzwischen Resignation und Zynismus gewichen. Und die Berliner, welche einst jubelnd für ihren Führer den Straßenrand säumten, haben mit einem Endsieg längst abgeschlossen. Die meisten planen schon für die Zeit nach dem Krieg, versuchen verzweifelt in den Besitz gefälschter Papiere oder Judensterne zu kommen, um im Falle des alliierten Sieges möglicher juristischer Vergeltung zu entgehen. Vergessen, verdrängen – so lautet die Agenda für kommende Tage, was aber das verbrecherische Regime nicht davon abhält, auch noch bis zuletzt den Willen des Führers durchzusetzen.

Das muss auch Ruprecht Haas erfahren, der, augenscheinlich angezeigt von der Nachbarschaft, für eine unbedachte Äußerung erst nach Bautzen und schließlich nach Buchenwald deportiert worden ist, wo er sich unter der grausamen Aufsicht der KZ-Wächter zu Tode schuften soll. Doch Haas hat Glück: Ein Tiefflieger-Angriff ermöglicht ihm die Flucht. Nun offiziell für tot erklärt, tritt er den langen Heimweg nach Berlin an. Immer mit der Angst im Hinterkopf, in eine der vielen Gestapo-Kontrollen zu geraten, welche selbst unter schweren Bombardements ihre Suche nach „Volksverrätern“ und Deserteuren nicht unterbrechen. Doch als Haas die Hauptstadt erreicht, lösen sich all seine Hoffnungen in Nichts auf. Seine Familie ist tot. Umgekommen bei einem Bombenangriff, weil man sie nicht mehr in die Sicherheit eines Luftschutzbunkers gelassen hatte. Auch in diesem Fall scheinen die direkten Nachbarn involviert. Wer wollte den Tod seiner Frau und seines Sohnes? Wer hatte Interesse daran, ihn anzuzeigen? Haas, der nichts mehr zu verlieren hat, begibt sich in einem blutigen Rachefeldzug auf die Suche nach Antworten.

Zeitgleich erholt sich Sturmbannführer Kalterer in einem Sanatorium von einer Kriegsverletzung, bis er von ganz oben die Weisung erhält, nach Berlin zurückzukehren. Kalterer, vor dem Krieg als Kriminalpolizist und Ordnungshüter bei der Gestapo tätig, soll im Fall eines altgedienten Parteimitglieds ermitteln, das brutal ermordet wurde. Alles deutet auf eine politisch motivierte Tag hin. Und auch seine Vorgesetzten machen keinen Hehl daraus, dass ihnen diese Lösung die liebste wäre. Doch Kalterer hat Zweifel, welche zusätzlich Nahrung erhalten, als er herausfindet, dass zwei ehemalige Nachbarn des Toten ebenfalls umgebracht worden sind. Also doch eher eine persönliche Geschichte?

Während Berlin in Schutt und Asche gebombt wird und ganze Stadtteile in Flammen aufgehen, kreuzen sich bald die Wege von Haas und Kalterer …

Puh, wo beginnen, bei der Besprechung eines Romans, den ich, zu meiner Schande, gar nicht in einem Ruck weggelesen, sondern immer wieder an die Seite gelegt habe, was jedoch – und das ist ein äußerst wichtiger Punkt – in keinster Weise der Lektüre selbst anzulasten ist. Im Gegenteil: Obwohl „Wer übrig bleibt, hat Recht“ meinerseits so wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat sich der Roman äußerst eindringlich in meinem Gedächtnis festgesetzt. Was mich wiederum zu der Frage bringt: Wie viel mehr hätte mich das Werk nachträglich noch beschäftigt, hätte ich es mir in einem Ruck vorgenommen? Hätte, wenn und aber. Letztendlich kann ich meiner sporadischen Beschäftigung aber allein insofern Positives abgewinnen, da sie eine gewisse emotionale Distanz ermöglicht haben, durch die einige Elemente des Romans erträglicher wurden. Denn Fakt ist: „Wer übrig bleibt, hat Recht“ als historischen Kriminalroman zu bezeichnen, ist eine Untertreibung sondergleichen, welche zudem dem geschichtlich akkurat recherchierten Inhalt dieser Lektüre in keinster Weise gerecht wird.

Wo andere Autoren aus Wikipedia-Fakten hastig ein Gerüst zusammen zimmern, welches allenfalls dazu dient, die Genre-Bezeichnung auf dem Cover zu rechtfertigen, haben sich Birkefeld und Hachmeister augenscheinlich äußerst intensiv mit der Materie beschäftigt. Anders lässt sich jedenfalls die Vielschichtigkeit des Romans, und vor allem die beklemmende Art und Weise in welcher er auf uns Leser wirkt, nicht erklären. „Wer übrig bleibt, hat Recht“ geht an die Nieren, gewährt uns einen berührenden Einblick in eine in Auflösung begriffene Gesellschaft. Eine Zeit, die gerade ganz aktuell rückblickend mit Sätzen wie „Es war ja nicht alles schlecht“ verklärend beurteilt wird – und das dann nicht selten auch aus Bereichen der Verwandtschaft, die, selber Zeugen mancher hier geschilderter Ereignisse, in ihrer Agenda – nämlich dem bereits erwähnten Verdrängen und Vergessen – manchen Figuren dieses Romans erschreckend ähneln.

Das gemeinsame Bollwerk gegen den Bolschewismus, die eingeschworene Volksgemeinschaft – sie war nichts weiter als eine rissige und von Angst zusammengehaltene und im Kern faulende Fassade, welche im letzten Kriegsjahr endgültig keinerlei Bestand mehr gehabt hat. Ein jeder denkt nur an sein eigenes Wohl. Ein jeder denkt nur ans Überleben. Und an die Zeit „danach“. Recht und Ordnung, Gesetz und Gerechtigkeit – im Dritten Reich ohnehin nur hohle Begriffe ohne wirklichen Inhalt – sie existieren im gespenstischen leeren Berlin genauso wenig, wie irgendwelche moralischen Werte. Zertrümmert und zerstört sind sie – wie die Häuser der Städte. Und unter ihnen verwesen die Leichen.

Wer übrig bleibt, hat Recht“ fängt dieses Chaos derart authentisch ein, dass sich mir nicht selten ein Kloß im Hals gebildet hat, da man sich doch an jeder Stelle mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass es genau so – und leider eben nicht anders – gewesen ist, gewesen sein muss. Mühelos fallen hier schon nach wenigen Seiten die Schranken, die Fiktion und Leser sonst trennen, wohl wissend, dass die damalige Realität das Erdachte weit übersteigt und selbst die wenigen Szenen nicht einmal einen Bruchteil der Gräuel wiedergeben, die sich damals zugetragen haben. Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie in diesem Roman genau das richtige Maß finden, Themen wie Frontheimkehrer, Ausgebombte oder Flüchtlinge mit Fingerspitzengefühl einbetten, ohne die eigentliche Kriminalgeschichte – der klassische Wettlauf zwischen Mörder und Ermittler – gänzlich außer acht zu lassen.

Während Kalterer sein Netz um Haas immer enger zieht, ihr anfänglich noch auf Distanz ausgetragenes Duell an bedrohlicher Intensität gewinnt, nehmen auch die Bombardements zu, welche sich mehr und mehr auf die Zivilbevölkerung konzentrieren, um die Verteidiger der Festung Berlin zu zermürben. Mag der ein oder andere diese andauernden Unterbrechungen durch die beschriebenen Luftangriffe oder Nöte der Bevölkerung als störend empfinden – sie geben meines Erachtens äußerst plastisch den damaligen Alltag in Berlin wieder und sind gleichzeitig ein Indikator für den Verfallszustands des Dritten Reichs, das einen bereits vor langem verlorenen Krieg nur noch unnötig in die Länge zieht. Interessant bei der Beschreibung der Protagonisten ist, dass es eigentlich keinen gibt, den man als Leser bedingungslos seine Sympathie schenken kann. Dem Mitläufer und Opportunisten Kalterer genauso wenig, wie Haas, dessen Vergangenheit im Laufe der Geschichte ebenfalls einige Überraschungen bereithält, welche die Legitimation seines Rachefeldzugs zweifelhaft erscheinen lassen.

Überhaupt ist nichts so, wie es scheint. Und genau hieraus bezieht „Wer übrig bleibt, hat Recht“ letztlich auch seine Spannung, die sich jedoch – und das muss man an dieser Stelle dann auch bemängeln – ein paar Auszeiten zu viel gönnt. Ein weiterer Kritikpunkt sind zudem die meiner Ansicht nach etwas willkürlich platzierten Perspektivwechsel, die zudem immer erst nach ein paar Zeilen durch Nennung eines Namens kenntlich gemacht werden. Ob wir gerade Haas oder Kalterer folgen ist daher manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich, was mich stellenweise zusätzlich ein wenig aus der Lektüre gerissen hat.

Auch wenn das ein paar Punkte in der Gesamtbewertung kostet („Deutsche Meisterschaft“ hat es da besser gemacht) – „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (übrigens ein in allen Belangen hervorragend gewählter Titel – vor allem in Bezug auf den Epilog) muss den Vergleich mit einem Volker Kutscher oder einem Marek Krajewski nicht scheuen. Im Gegenteil: Hinsichtlich der geschichtlichen Atmosphäre und dem „Milieu“-Charakter haben Birkefeld und Hachmeister hier bereits im Veröffentlichungsjahr 2002 Maßstäbe gesetzt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister
  • Titel: Wer übrig bleibt, hat Recht
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 05.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 440 Seiten
  • ISBN: 978-3423208505

Wer bremst, verliert

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© dtv

Während meiner derzeitigen (bisher ziemlich überzeugenden) Lektüre von Jan Zweyers „Franzosenliebchen“, dem ersten Band der „Goldstein“-Trilogie, fühlte ich mich unweigerlich an „Deutsche Meisterschaft“ erinnert, das nicht nur in derselben Epoche spielt, sondern den Zeitkolorit und auch den Rhythmus der „Roaring Twenties“ auf ähnliche Art und Weise zu transportieren weiß. Mehr noch: Das Gemeinschaftswerk von Birkefeld und Hachmeister ist ein eindringliches Beispiel dafür, wozu Literatur imstande ist, wenn die richtige Hand die Feder führt. Hier wird Geschichte nicht nur lebendig gemacht, sondern mit Vollgas aufs Papier genagelt.

Manchmal steht der Rezensent wie der Ochs vorm Berg, weiß nicht was er schreiben soll. „Deutsche Meisterschaft“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister ist so ein manchmal. Nach „Wer übrig bleibt, hat recht“, den Thomas Kürten auf der Krimi-Couch mit 76° bewertete und als „Krimi-Geschichtsstunde“ empfahl, ist dies nun der zweite Roman aus der Feder des Autorenduos. Und erneut haben die beiden ihr Augenmerk auf die wohl düsterste Epoche der deutschen Geschichte gerichtet: Die Jahre der Weimarer Republik bis hin zur Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs. So weit, so gut. Ein weiterer historischer Kriminalroman also, der sich neben den Werken Volker Kutschers, Philipp Kerrs und Uwe Klausners einreiht und den Leser vor geschichtlich-authentischer Kulisse auf Mörderjagd gehen lässt? Weit gefehlt, denn eben das ist „Deutsche Meisterschaft“ nicht. Oder besser gesagt: Es ist vielmehr als das.

Deutschland im Jahre 1926. Auf den Straßen zwischen Berlin und München wird um den Gewinn der Deutschen Motorradmeisterschaft gerungen. Unter den Fahrern sind auch Arno Lamprecht und Falk von Dronte. Beide absolute Könner auf dem Sattel, völlig auf den Sieg fixiert. Und beide seit Jahren herzlich miteinander verfeindet. Der eine gehört der Masse der desillusionierten Kriegsveteranen an und flüchtet sich aufgrund der psychischen Folgen aus dem bürgerlichen Alltag in den Rausch der Geschwindigkeit, der andere verkörpert bis ins kleinste Detail den hochnäsigen Adeligen der verblassten Monarchie. Zu jung, um noch selbst am Ersten Weltkrieg teilnehmen zu können, hatte er sich nach der Kapitulation und Versailles den reaktionären Kreisen der besonders in Süddeutschland aufstrebenden Nationalsozialisten angeschlossen, mit den Jahren aber den Kontakt zu diesen verloren. Zwei sehr unterschiedliche Charaktere also, die aber doch etwas verbindet. Beide profitieren von der Begeisterung der Massen für das neue technische, motorisierte(!) Zeitalter, den so genannten „Roaring Twenties“. Und beide haben im wahrsten Sinne des Wortes ein paar Leichen im Keller liegen.

Drei Jahre zuvor nämlich, in den unsichersten Zeiten der Weimarer Republik, ist Lamprechts Frau brutal ermordet worden. Er selbst galt als Hauptverdächtiger in dem unaufgeklärten Mordfall und konnte nur dank eines falschen Alibis seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Zur selben Zeit, in den Wirren des Hitler-Putsches von München, war von Dronte ein Mitglied der rechten Freikorps und am Fememord an einem angeblichen Volksverräter beteiligt. Die gut vergrabene Leiche taucht nun wieder auf. Allein der Kopf fehlt. Und wieder scheint es Parallelen zu Lamprechts Vergangenheit zu geben, denn auch seine Frau wurde damals enthauptet. Während Falks alte „Kameraden“ immer nervöser werden und ihn drängen, die Sache zu bereinigen, gerät Lamprecht erneut ins Visier der Polizei. Beide beginnen, jeder für sich, Nachforschungen anzustellen, während sie sich gleichzeitig auf den Straßen Deutschlands ein erbittertes Duell um den Sieg und die Liebe einer Frau liefern …

Gebrochene Helden, rasante Motorradrennen, politische Umstürze und ein mysteriöser Serienmörder. „Deutsche Meisterschaft“ ist beeindruckend spannend und facettenreich zugleich, entwickelt im Verlauf seiner 385 Seiten eine sich immer wieder zuspitzende Dramaturgie, welche zwar schon ziemlich früh (und ganz offensichtlich) kein gutes Ende nehmen wird, dem Leser jedoch durchgänig keine Atempause oder gar Zeit zum Nachdenken gewährt. Woran andere Autoren sonst spektakulär scheitern, das haben Richard Birkefeld und Göran Hachmeister mit Kür gemeistert: Den Spagat zwischen dem Spannungsaufbau und der Schilderung echter deutscher Geschichte. Herausgekommen ist ein bildgewaltiges Sittengemälde über die Zeit der Weimarer Republik, das den Geist der 20er Jahre bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt. Die Begeisterung für Technik, die Sucht nach Geschwindigkeit, die Lust an neuer Mode. Bewegung bestimmt das Leben dieser neuen Generation. Alles rast, alles rennt. Wer das nicht tut, kommt unter die Räder. Was böte sich deshalb besser an, als das Buch in der Motorradszene spielen zu lassen? „Motorisierung ist Mobilisierung“ dröhnt es aus den Lautsprechern am Rande der Rennstrecke. Auch ganz tumbe Zeitgenossen erkennen hier den Beginn der gesellschaftlichen Brutalisierung, welche sich im Laufe der Jahre immer wieder in Ausbrüchen gnadenloser Gewalt zwischen politisch und sozial verfeindeten Parteien entladen wird.

(…) … und ihr seht doch, was in diesem Lande los ist, der Krieg ist doch nicht vorbei, der geht doch seit 1919 tagtäglich weiter, die Rechten gegen die Linken und gegen die Gewerkschaften, die Konservativen gegen Rechte und Linke, die Linken gegen Rechte und Nationale und Ultralinke, Rechte und Linke gegen die Kirche, jeder gegen jeden und alle gegen die Juden und alle gegen den Versailler Vertrag, und ich mittendrin, ich gegen den Vermieter, gegen Mitspieler, gegen Vera, meine Frau. Das ist alles schlimm, dass weiß ich, aber glaub mir, es wurde und es wird auch in Zukunft immer mit nackter Gewalt um den Platz an der Sonne gerungen, und wer sich da nicht wehrt, zurück schlägt, der bleibt auf der Strecke, der verliert das Rennen … (…)

Deutsche Meisterschaft“ zeigt ein Deutschland am Scheideweg, eine zerrissene Republik, die nur ein Schritt von Wohl und Heil trennt und doch der Katastrophe von 1933 scheinbar unaufhaltsam entgegensteuert. Auf der einen Seite ziehen marodierende Freikorps durchs Land, putschen Rechte gegen revolutionierende Linke, bricht eine Wirtschaft unter der Last der hohen Inflation zusammen. Auf der anderen Seite entwickelt sich eine neue Kulturlandschaft, blühen Musik, Kunst und Literatur (nicht zuletzt auch die Krimis) auf. Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in den Hauptfiguren Arno Lambrecht und Falk von Dronte wieder, die das augenscheinlich nicht vereinbare Neue und Alte verkörpern und dessen Wege sich letztendlich nicht nur kreuzen, sondern auch dieselbe Richtung einschlagen. Von dem Wechselspiel der verschiedenen Perspektiven lebt dieser Roman, von den echten, nachvollziehbaren Typen, diesen Kerlen. Von Menschen, die durch die Hölle gegangen sind und weiterhin gehen. Heruntergekommene Säufer, abgewrackte Huren, vierschrötige Draufgänger. Sie alle sind vom sozialen Milieu geprägt, dienen dem Leser als Fernrohr in diese längst vergangene Zeit und beleben die Geschichte. Alles wird schonungslos dargestellt, nichts geschönt. Moralisch erhobene Zeigefinger sucht man hier vergebens.

Diese fast schon mechanische, klinische Genauigkeit der Schilderungen spiegelt sich letztlich auch in den literarischen Stilmitteln der Autoren wieder. Kurze, abgehackte Sätze. Hastige Szenen- und Bilderwechsel. Viele Kommas, wenige Punkte (siehe Textausschnitt). Wenn Lamprecht und von Dronte über die Landstraßen rasen, das Gummi auf dem Asphalt quietscht, dann greift die Geschwindigkeit über, wird man ungebremst mitgerissen. Ganz nach dem Motto „Nur der Verlierer hat die besten Bremsen“ jagt der Plot durch das Deutschland der 20er Jahre und mit ihm der Leser, auf den Eindrücke niederprasseln, welche ihn noch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigen werden.

Insgesamt ist „Deutsche Meisterschaft“ ein sprachlich herausragender, atmosphärisch dichter Kriminalroman, der begeistert, erschüttert, nachdenklich macht, und trotz all seiner intelligenten Symbolik nie den Pfad der Unterhaltung verlässt. Ein großartiger Wurf, der gar nicht hoch genug gelobt werden und sich besonders durch sein Finale weit aus der Masse ähnlicher Bücher herausheben kann. Auf weitere Werke dieser beiden hochtalentierten Autoren darf gespannt gewartet werden.

Wertung: 94 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister

  • Titel: Deutsche Meisterschaft
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 08.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 386
  • ISBN: 978-3423211581

Melancholisch, gefühlvoll – ein tolles Debüt

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© DTV

„Die späte Ernte des Henry Cage“ ist insofern ein passender Titel für eine erste Besprechung auf meinem eigenen Blog „CrimeAlley“, da es doch ziemlich lange gedauert hat, diesen aus der Taufe zu heben, was letztendlich vor allem an meinem eigenen technischen Ungeschick gelegen hat. Nun ist es doch so weit und es bleibt abzuwarten, ob ich mit ihm „Ernte“ in Form von Kommentaren und Anregungen einholen werde. Freuen würde es mich natürlich sehr, wie überhaupt jegliches Feedback in Form von Kritik oder Lob.

Doch nun zum Thema:

Ein braunes, verwelktes Blatt vor schwarzem Hintergrund. Blasse Lettern im Stile einer Grabsteinbeschriftung. Die äußere Aufmachung von David Abbotts Debütroman „Die späte Ernte des Henry Cage“ in der dtv-Ausgabe wirkt zwar stimmig und passt letztlich auch zum Inhalt, verfehlt aber ihren Auftrag als Eye-Catcher vollkommen. Mehr als ein potenzieller Leser wird wohl an diesem unscheinbaren Buch vorbeigegangen sein und dadurch ein außergewöhnliches und vor allem bewegendes Erstlingswerk verpasst haben, mit dem sich der bereits 1938 geborene Abbott gleich auf Anhieb in die erste Liga der britischen Autoren geschrieben hat. Ob ihm ein ähnlicher Erfolg wie in Großbritannien auch hier in Deutschland beschienen sein wird, darf ebenfalls bezweifelt werden. Und das ist mehr als schade, denn „Die späte Ernte des Henry Cage“, das mir als Leseexemplar in die Hände gefallen ist, gehört zu der Kategorie von selten gewordenen Büchern, welche nicht nur zu unterhalten wissen, sondern gleichzeitig auch emotional berühren und nachhaltig in Erinnerung bleiben. Das ist in diesem Fall umso erstaunlicher, da es sich um eine Geschichte aus dem Leben handelt. Ohne größere künstlerische Kniffe, ohne literarische Spielereien – aber mit viel Gefühl.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der titelgebende Henry Cage, ein erfolgreicher und geachteter Geschäftsmann aus der Werbebranche, der jahrelang seine ganze Energie in den Aufbau seines Wirtschaftsunternehmens gesteckt hat, bis er nun, mit 58 Jahren, als Ruheständler wieder draußen steht. Sein Weggang war dabei nicht ganz freiwillig, vielmehr hatten seine Partner ihn mit einer hohen Abfindung versehen und abgeschoben. Henry und seine Art Geschäfte zu machen, sei nicht mehr zeitgemäß, seine antiquierten Ansichten Bremsblock für den Fortschritt der Firma. Ein Mann der jahrelang den Takt vorgegeben hat, findet sich nun als Auslaufmodell wieder. Henry hat einige Probleme, dies zu akzeptieren. Außerdem wird ihm klar, dass er all die Jahre, in denen er beruflich die Weichen gestellt hat, privat absolut vergeudet hat. Den Betrug seiner Frau Nessa konnte er ihr nie verzeihen. Zu seinem Sohn Tom, dem er alles andere als ein guter Vater war, und dessen Frau Jane, hat er seit Jahren keinen Kontakt. In dieser Phase der Niedergeschlagenheit beginnt Henry darüber nachzudenken, ob es im Leben nicht so etwas wie eine zweite Chance gibt.

Bald erhält er die Antwort: Nessa lädt ihn zu sich nach Miami ein und auch Tom meldet sich bei seinem Vater. Sollte es wirklich möglich sein, dass Henry den Weg zurück ins Leben findet?

Was dieser kurze Ausschnitt aus der Inhaltsbeschreibung bewusst verschweigt, ist der schwere Schicksalsschlag, den Henry Cage direkt zu Anfang erleidet. Und das dieser kühl beschriebene Anfang, der trotz der eher nüchternen Sprache nichts, aber auch gar nichts von seinem Schrecken verliert, gleichzeitig das Ende markiert, ist ein stilistischer Kniff, den man gar nicht genug loben kann. Es ist ein Beginn, welcher den Leser buchstäblich ins kalte Wasser wirft, um ihn dann wieder langsam ins Trockene zu ziehen und rückblickend von den Ereignissen zu erzählen, welche sich im Vorfeld des schrecklichen Dramas ereignet haben. Abbott schafft es hier neugierig auf eine Geschichte zu machen, dessen Ausgang man bereits kennt. Spannung dort zu erzeugen, wo unsere Vorkenntnis uns eigentlich Langeweile diktieren müsste.

Henry Cage ist ein auf sich bezogener Mensch. Nicht wirklich böswillig oder bösartig, aber doch so stetig um sich selbst kreisend, so wenig in der Lage, empathisch über seinen Schatten zu springen und dabei doch kaum wirklich durchsetzungsfähig, dass es für den Leser schwierig ist, mit ihm eine innere Beziehung zu knüpfen. Zwar steckt Cage voller Emotionen, doch seine Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen schreckt ab. Gleichzeitig aber macht sie auch neugierig, denn es ist dieser Makel, der ihn für uns verständlich und glaubhaft, ja, so durchweg menschlich macht. Das Falsche zur falschen Zeit zu tun – es ist nachvollziehbar, da es wohl jedem schon einmal so gegangen ist. So lässt sich auch darüber diskutieren, ob das, was ihm widerfährt, die gerechte Strafe für seine Verfehlungen oder einfach Schicksal ist. Entscheidungen zu treffen, bedeutet in jedem Fall Dinge ins Rollen zu bringen, Ereignisse auszulösen. Und nicht selten bedingt ein Ereignis wiederum das andere.

David Abbott entwirrt nur langsam die Lebensfäden von Henry Cage, der immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt wird und mit voller Wucht die vertanen Chancen und verpassten Gelegenheiten spüren muss. Es ist eine Lektion über das Leben, das einem zwar hin und wieder einen neuen Versuch gewährt, es aber uns selbst überlässt, ob und wie wir diesen nutzen. Dabei verkommt „Die späte Ernte des Henry Cage“ aber nicht zu einer simplen Abrechnung mit einem gedankenlosen Egozentriker. Vielmehr ist es ein Entwicklungsroman eines alternden Mannes, der seine Fehler nicht zu sehen, sondern auch zu fühlen beginnt. Und der Leser fühlt mit ihm. Auch deshalb weil Abbotts Sprache trotz ihrer schlichten Eleganz mit einer Eindringlichkeit daherkommt, der man sich nicht entziehen kann und die dabei genügend Raum für persönliche Empfindungen lässt. Wie er all das, die herzzerreißende Geschichte und die wundervollen, lebendigen Figuren, zu einem großen Ganzen zusammenfügt, ist großes Kino. Da verzeiht man dem Autor auch gern die ein oder andere offensichtliche Wendung im Plot.

Der Schluss könnte dann fast ein kitschiges, hoffnungsvolles Happy End sein, wenn, ja wenn man nicht wüsste, dass der Beginn des Buches chronologisch dem Finale folgt.

Die späte Ernte des Henry Cage“ ist ein melancholischer, intensiver Roman im Stile der klassischen Tragödie, der ohne Dramatik oder Gefühlsduselei die Geschichte eines fehlerbehafteten Menschen erzählt. Ein Buch, das sich jeder Moral enthält und dem Leser trotzdem einiges mit auf den Weg gibt. Für mich eine der Entdeckungen des Jahres 2011.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: David Abbott

  • Titel: Die späte Ernte des Henry Cage
  • Originaltitel: The Upright Piano Player
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: DTV Premium
  • Erschienen: 04.2011
  • Einband: Kartoniertes Taschenbuch
  • Seiten: 360
  • ISBN: 978-3-423-24848-8