Der Apfel fällt weiter weg vom Stamm

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© dtv

Alafair Burke – mit Sicherheit kein Name, der wie Donnerhall durch die Buchhandlungen in deutschsprachigen Landen schallt. Wie auch, sind doch mit „Online wartet der Tod“ (engl. „Death Connection“) und „Manhattan 212“ (engl. „212“) erst zwei Bücher dieser in Wichita, Kansas aufgewachsenen Schriftstellerin übersetzt worden (Ihre Kooperation mit Mary Higgins Clark nicht mitgezählt). Der ein oder andere Krimikenner wird ob des Namens dennoch hellhörig werden. War da nicht mal etwas mit einer Alafair als Protagonistin?

Wer sich, wie ich selbst, zu den Anhängern des großen Krimi-Autors James Lee Burke zählt, weiß, dass es sich hier um niemand geringeren als seine eigene Tochter handelt. Bereits in der seit Ende der 80er Jahre laufenden Reihe um den Südstaaten-Cop Dave Robicheaux hatte sie als gleichnamige Ziehtochter des Ermittlers schon ungewollt von sich Reden gemacht. Nun tritt sie, zumindest was das Genre angeht, selbst in die Fußstapfen ihres Vaters. Ein Grund, nein, streng genommen, sogar DER Grund, warum „Online wartet der Tod“ in meinem Regal landete, hätten mich doch Titel und auch Inhaltsangabe sonst nur wenig reizen können. Auch mein Bauchgefühl sprach deutlich von einem Titel, „den ich nicht unbedingt haben muss“. Um es kurz zu machen: Ab sofort werde ich darauf wieder hören, denn bei aller Objektivität – die Fußstapfen sind diesmal erheblich zu groß.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die gerade zum Detective beförderte Polizistin Ellie Hatcher, welche, sonst im Dezernat für Betrug und Diebstahl tätig, nun von der Mordkommission des NYPD angefordert wird, um einen vermeintlichen Serienmörder dingfest zu machen. Seine Jagdgründe: die Internet-Kontaktbörse „FirstDate.com“. Das glaubt zumindest der leitende Ermittler Flann McIllroy, der, trotz des Abstands von einem Jahr, zwischen zwei seiner Mordfälle die Verbindung in FirstDate sieht. McIllroy, aufgrund seiner Beliebtheit bei den Medien in Kreisen des NYPD eher ein gemiedener Außenseiter, glaubt in der attraktiven Ellie, welche zudem selbst aufgrund der mysteriösen Umstände beim Tod ihres Vaters in den Medien keine Unbekannte ist, den perfekten Lockvogel gefunden zu haben, um den Täter eine Falle zu stellen. Doch er hat sowohl Ellie als auch den Täter unterschätzt. Forsch übernimmt die junge Detective die Nachforschungen … und sieht sich bald mit einem Gegenüber konfrontiert, der jeden ihrer Schritte vorherzusehen scheint.

Wo liegt das Motiv für die Morde? Wie ist FirstDate involviert? Die Suche nach den Antworten auf diese Fragen bringt nicht nur Ellie selbst in größte Gefahr …

Zugegeben: Was auf den ersten Blick wie der typische Mainstream-Aufguss des x-mal durchgekauten Serienmörder-Themas erscheint, entpuppt sich doch (gottseidank) recht bald als weit komplexerer Polizeiroman, der uns mit soziopathischen Super-Bösewichten verschont und Ellies Ermittlungen stattdessen als schweißtreibende Arbeit darstellt. Und nicht nur in dieser Hinsicht kommt Alafair Burke ganz nach ihrem Vater. Auch ihre Heldin trägt gleich ein paar autobiographische Züge in sich. Angefangen beim Geburtsort Wichita bis hin zum Themenfeld Online-Kontaktbörse, wo Burke ihren späteren Ehemann kennenlernte. Hier enden aber dann auch die Parallelen zu James Lee Burke, der stilistisch einfach in einer ganz anderen Liga spielt. Das fängt bereits mit dem Schauplatz des Geschehens an. Während man beim Vater die von Spanischen Moos bewachsenen Bäume vor sich zu sehen, die feucht-warme Hitze der Bayous auf der Haut zu spüren glaubt, hinterlässt das New York seiner Tochter keinerlei bleibenden Eindruck. Im Gegenteil: Die Story hätte genauso gut in Chicago oder L.A. angesiedelt sein können. Vom Showdown einmal abgesehen fehlt es hier leider gänzlich an Atmosphäre, krankt der Handlungsort an der Austauschbarkeit und dem Mangel an Flair.

Dabei kann man Alafair Burke nicht einmal handwerkliche Mängel vorwerfen. Ihre Schreibe liest sich flüssig, temporeich. Die leicht lakonische Ader und der trockene Humor zünden an den vorgesehenen Stellen. Und Ellie Hatcher ist weit von einer (mittlerweile) nervigen Alleskönnerin wie Amelia Sachs entfernt … und doch, irgendetwas, die gewisse Würze, dieser eigenständige Stil, die „intensive Ausstrahlung“ (von Ex-Krimi-Couch-Kollege Jürgen Priester hervorgehoben) – sie fehlen mir hier. „Online wartet der Tod“ macht viel richtig, hebt sich aber auch nirgendwo von der Konkurrenz ab. Einen triftigen Grund das Buch unbedingt lesen zu müssen sucht man vergebens. Stattdessen spult Alafair Burke ihren gefälligen, in sich stimmigen Plot routiniert herunter ohne große Glanzpunkte zu setzen, was aber wohl dem Fast-Food-Krimi-Junkie weder auffallen noch groß stören wird.

Denjenigen Lesern, die sowohl Vater wie Tochter gelesen haben, wird der qualitative Unterschied allerdings nicht entgehen. Und das stattdessen gerade Ersterer seit dem Jahr 2002 vom deutschen Verlagsweisen bezüglich weiterer Übersetzungen gänzlich ignoriert wurde, stößt angesichts der vorliegenden Lektüre (und dem Cameo-Auftritt von Dave Robicheaux in „Online wartet der Tod“) dann besonders bitter auf.

So bleibt am Ende ein netter, kurzweiliger Krimi für das Wartezimmer, die Bushaltestelle oder die nächste Zugfahrt. Statt einem „vielversprechenden“ (O-Ton Jürgen Priester) ersten Auftritt bleibt insgesamt leider nur ein Buch, von dem ich mir zu viel versprochen habe. Daher: Lieber Dtv-Verlag, danke für diese Vorspeise. Aber ich bleibe lieber beim Hauptmenü und das heißt James Lee Burke.

Wertung: 79 von 100 Treffern

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  • Autor: Alafair Burke
  • Titel: Online wartet der Tod
  • Originaltitel: Dead Connection
  • Übersetzer: Susanne Wallbaum
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 464 Seiten
  • ISBN: 978-3423213141

In den Trümmern von Berlin

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© dtv

Ja, auch im Sommer 2015 hatte sie mich wieder gepackt – die jahreszeittypische Leseunlust, welche, alljährlich wiederkehrend, meinen hauseigenen Schmöker-Marathon stets aufs Neue unterbricht und mich in ein faules, in der Sonne räkelndes Wesen verwandelt, dem die Fernbedienung oft näher ist, als die aktuelle Lektüre. Gelitten hat darunter im Sommer vor zwei Jahren unter anderem „Wer übrig bleibt, hat Recht“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, deren zweites Werk „Deutsche Meisterschaft“ – von mir bereits vor Jahren gelesen – so mit zum Besten gehört, was ich im Genre der deutschsprachigen Spannungsliteratur in den Händen gehalten habe.

Nun stand also der gemeinsame Erstling an – und soviel sei vorab verraten: Auch diesmal gelingt dem Autorenduo der schwierige Spagat zwischen historischer Authentizität und tiefgründiger Suspense, wobei ersterer im Debüt jedoch ein wenig mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, was Freunde kurzweiliger Krimi-Reißer womöglich abschrecken dürfte. Hier ist der Weg das Ziel, sind es die kleinen Details am Wegesrand, welche den Spaß an der Lektüre befeuern und eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte auf erschreckend plastische Art und Weise zum Leben erwecken.

Kurz zur Handlung:

Berlin im Winter 1944/1945. Der totale Krieg tobt an allen Fronten und Hermann „Meier“ Görings Luftwaffe ist schon längst nicht mehr in der Lage den eigenen Luftraum vor den feindlichen Bomberverbänden zu schützen, welche tagtäglich und auch bei Nacht ihre Last abwerfen und die Hauptstadt des Reiches in eine rauchende Trümmerwüste verwandeln. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist inzwischen Resignation und Zynismus gewichen. Und die Berliner, welche einst jubelnd für ihren Führer den Straßenrand säumten, haben mit einem Endsieg längst abgeschlossen. Die meisten planen schon für die Zeit nach dem Krieg, versuchen verzweifelt in den Besitz gefälschter Papiere oder Judensterne zu kommen, um im Falle des alliierten Sieges möglicher juristischer Vergeltung zu entgehen. Vergessen, verdrängen – so lautet die Agenda für kommende Tage, was aber das verbrecherische Regime nicht davon abhält, auch noch bis zuletzt den Willen des Führers durchzusetzen.

Das muss auch Ruprecht Haas erfahren, der, augenscheinlich angezeigt von der Nachbarschaft, für eine unbedachte Äußerung erst nach Bautzen und schließlich nach Buchenwald deportiert worden ist, wo er sich unter der grausamen Aufsicht der KZ-Wächter zu Tode schuften soll. Doch Haas hat Glück: Ein Tiefflieger-Angriff ermöglicht ihm die Flucht. Nun offiziell für tot erklärt, tritt er den langen Heimweg nach Berlin an. Immer mit der Angst im Hinterkopf, in eine der vielen Gestapo-Kontrollen zu geraten, welche selbst unter schweren Bombardements ihre Suche nach „Volksverrätern“ und Deserteuren nicht unterbrechen. Doch als Haas die Hauptstadt erreicht, lösen sich all seine Hoffnungen in Nichts auf. Seine Familie ist tot. Umgekommen bei einem Bombenangriff, weil man sie nicht mehr in die Sicherheit eines Luftschutzbunkers gelassen hatte. Auch in diesem Fall scheinen die direkten Nachbarn involviert. Wer wollte den Tod seiner Frau und seines Sohnes? Wer hatte Interesse daran, ihn anzuzeigen? Haas, der nichts mehr zu verlieren hat, begibt sich in einem blutigen Rachefeldzug auf die Suche nach Antworten.

Zeitgleich erholt sich Sturmbannführer Kalterer in einem Sanatorium von einer Kriegsverletzung, bis er von ganz oben die Weisung erhält, nach Berlin zurückzukehren. Kalterer, vor dem Krieg als Kriminalpolizist und Ordnungshüter bei der Gestapo tätig, soll im Fall eines altgedienten Parteimitglieds ermitteln, das brutal ermordet wurde. Alles deutet auf eine politisch motivierte Tag hin. Und auch seine Vorgesetzten machen keinen Hehl daraus, dass ihnen diese Lösung die liebste wäre. Doch Kalterer hat Zweifel, welche zusätzlich Nahrung erhalten, als er herausfindet, dass zwei ehemalige Nachbarn des Toten ebenfalls umgebracht worden sind. Also doch eher eine persönliche Geschichte?

Während Berlin in Schutt und Asche gebombt wird und ganze Stadtteile in Flammen aufgehen, kreuzen sich bald die Wege von Haas und Kalterer …

Puh, wo beginnen, bei der Besprechung eines Romans, den ich, zu meiner Schande, gar nicht in einem Ruck weggelesen, sondern immer wieder an die Seite gelegt habe, was jedoch – und das ist ein äußerst wichtiger Punkt – in keinster Weise der Lektüre selbst anzulasten ist. Im Gegenteil: Obwohl „Wer übrig bleibt, hat Recht“ meinerseits so wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat sich der Roman äußerst eindringlich in meinem Gedächtnis festgesetzt. Was mich wiederum zu der Frage bringt: Wie viel mehr hätte mich das Werk nachträglich noch beschäftigt, hätte ich es mir in einem Ruck vorgenommen? Hätte, wenn und aber. Letztendlich kann ich meiner sporadischen Beschäftigung aber allein insofern Positives abgewinnen, da sie eine gewisse emotionale Distanz ermöglicht haben, durch die einige Elemente des Romans erträglicher wurden. Denn Fakt ist: „Wer übrig bleibt, hat Recht“ als historischen Kriminalroman zu bezeichnen, ist eine Untertreibung sondergleichen, welche zudem dem geschichtlich akkurat recherchierten Inhalt dieser Lektüre in keinster Weise gerecht wird.

Wo andere Autoren aus Wikipedia-Fakten hastig ein Gerüst zusammen zimmern, welches allenfalls dazu dient, die Genre-Bezeichnung auf dem Cover zu rechtfertigen, haben sich Birkefeld und Hachmeister augenscheinlich äußerst intensiv mit der Materie beschäftigt. Anders lässt sich jedenfalls die Vielschichtigkeit des Romans, und vor allem die beklemmende Art und Weise in welcher er auf uns Leser wirkt, nicht erklären. „Wer übrig bleibt, hat Recht“ geht an die Nieren, gewährt uns einen berührenden Einblick in eine in Auflösung begriffene Gesellschaft. Eine Zeit, die gerade ganz aktuell rückblickend mit Sätzen wie „Es war ja nicht alles schlecht“ verklärend beurteilt wird – und das dann nicht selten auch aus Bereichen der Verwandtschaft, die, selber Zeugen mancher hier geschilderter Ereignisse, in ihrer Agenda – nämlich dem bereits erwähnten Verdrängen und Vergessen – manchen Figuren dieses Romans erschreckend ähneln.

Das gemeinsame Bollwerk gegen den Bolschewismus, die eingeschworene Volksgemeinschaft – sie war nichts weiter als eine rissige und von Angst zusammengehaltene und im Kern faulende Fassade, welche im letzten Kriegsjahr endgültig keinerlei Bestand mehr gehabt hat. Ein jeder denkt nur an sein eigenes Wohl. Ein jeder denkt nur ans Überleben. Und an die Zeit „danach“. Recht und Ordnung, Gesetz und Gerechtigkeit – im Dritten Reich ohnehin nur hohle Begriffe ohne wirklichen Inhalt – sie existieren im gespenstischen leeren Berlin genauso wenig, wie irgendwelche moralischen Werte. Zertrümmert und zerstört sind sie – wie die Häuser der Städte. Und unter ihnen verwesen die Leichen.

Wer übrig bleibt, hat Recht“ fängt dieses Chaos derart authentisch ein, dass sich mir nicht selten ein Kloß im Hals gebildet hat, da man sich doch an jeder Stelle mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass es genau so – und leider eben nicht anders – gewesen ist, gewesen sein muss. Mühelos fallen hier schon nach wenigen Seiten die Schranken, die Fiktion und Leser sonst trennen, wohl wissend, dass die damalige Realität das Erdachte weit übersteigt und selbst die wenigen Szenen nicht einmal einen Bruchteil der Gräuel wiedergeben, die sich damals zugetragen haben. Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie in diesem Roman genau das richtige Maß finden, Themen wie Frontheimkehrer, Ausgebombte oder Flüchtlinge mit Fingerspitzengefühl einbetten, ohne die eigentliche Kriminalgeschichte – der klassische Wettlauf zwischen Mörder und Ermittler – gänzlich außer acht zu lassen.

Während Kalterer sein Netz um Haas immer enger zieht, ihr anfänglich noch auf Distanz ausgetragenes Duell an bedrohlicher Intensität gewinnt, nehmen auch die Bombardements zu, welche sich mehr und mehr auf die Zivilbevölkerung konzentrieren, um die Verteidiger der Festung Berlin zu zermürben. Mag der ein oder andere diese andauernden Unterbrechungen durch die beschriebenen Luftangriffe oder Nöte der Bevölkerung als störend empfinden – sie geben meines Erachtens äußerst plastisch den damaligen Alltag in Berlin wieder und sind gleichzeitig ein Indikator für den Verfallszustands des Dritten Reichs, das einen bereits vor langem verlorenen Krieg nur noch unnötig in die Länge zieht. Interessant bei der Beschreibung der Protagonisten ist, dass es eigentlich keinen gibt, den man als Leser bedingungslos seine Sympathie schenken kann. Dem Mitläufer und Opportunisten Kalterer genauso wenig, wie Haas, dessen Vergangenheit im Laufe der Geschichte ebenfalls einige Überraschungen bereithält, welche die Legitimation seines Rachefeldzugs zweifelhaft erscheinen lassen.

Überhaupt ist nichts so, wie es scheint. Und genau hieraus bezieht „Wer übrig bleibt, hat Recht“ letztlich auch seine Spannung, die sich jedoch – und das muss man an dieser Stelle dann auch bemängeln – ein paar Auszeiten zu viel gönnt. Ein weiterer Kritikpunkt sind zudem die meiner Ansicht nach etwas willkürlich platzierten Perspektivwechsel, die zudem immer erst nach ein paar Zeilen durch Nennung eines Namens kenntlich gemacht werden. Ob wir gerade Haas oder Kalterer folgen ist daher manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich, was mich stellenweise zusätzlich ein wenig aus der Lektüre gerissen hat.

Auch wenn das ein paar Punkte in der Gesamtbewertung kostet („Deutsche Meisterschaft“ hat es da besser gemacht) – „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (übrigens ein in allen Belangen hervorragend gewählter Titel – vor allem in Bezug auf den Epilog) muss den Vergleich mit einem Volker Kutscher oder einem Marek Krajewski nicht scheuen. Im Gegenteil: Hinsichtlich der geschichtlichen Atmosphäre und dem „Milieu“-Charakter haben Birkefeld und Hachmeister hier bereits im Veröffentlichungsjahr 2002 Maßstäbe gesetzt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister
  • Titel: Wer übrig bleibt, hat Recht
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 05.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 440 Seiten
  • ISBN: 978-3423208505

Wer bremst, verliert

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Während meiner derzeitigen (bisher ziemlich überzeugenden) Lektüre von Jan Zweyers „Franzosenliebchen“, dem ersten Band der „Goldstein“-Trilogie, fühlte ich mich unweigerlich an „Deutsche Meisterschaft“ erinnert, das nicht nur in derselben Epoche spielt, sondern den Zeitkolorit und auch den Rhythmus der „Roaring Twenties“ auf ähnliche Art und Weise zu transportieren weiß. Mehr noch: Das Gemeinschaftswerk von Birkefeld und Hachmeister ist ein eindringliches Beispiel dafür, wozu Literatur imstande ist, wenn die richtige Hand die Feder führt. Hier wird Geschichte nicht nur lebendig gemacht, sondern mit Vollgas aufs Papier genagelt.

„Manchmal steht der Rezensent wie der Ochs vorm Berg, weiß nicht was er schreiben soll. „Deutsche Meisterschaft“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister ist so ein manchmal. Nach „Wer übrig bleibt, hat recht“, den Thomas Kürten auf der Krimi-Couch mit 76° bewertete und als „Krimi-Geschichtsstunde“ empfahl, ist dies nun der zweite Roman aus der Feder des Autorenduos. Und erneut haben die beiden ihr Augenmerk auf die wohl düsterste Epoche der deutschen Geschichte gerichtet: Die Jahre der Weimarer Republik bis hin zur Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs. So weit, so gut. Ein weiterer historischer Kriminalroman also, der sich neben den Werken Volker Kutschers, Philipp Kerrs und Uwe Klausners einreiht und den Leser vor geschichtlich-authentischer Kulisse auf Mörderjagd gehen lässt? Weit gefehlt, denn eben das ist „Deutsche Meisterschaft“ nicht. Oder besser gesagt: Es ist vielmehr als das.

Deutschland im Jahre 1926. Auf den Straßen zwischen Berlin und München wird um den Gewinn der Deutschen Motorradmeisterschaft gerungen. Unter den Fahrern sind auch Arno Lamprecht und Falk von Dronte. Beide absolute Könner auf dem Sattel, völlig auf den Sieg fixiert. Und beide seit Jahren herzlich miteinander verfeindet. Der eine gehört der Masse der desillusionierten Kriegsveteranen an und flüchtet sich aufgrund der psychischen Folgen aus dem bürgerlichen Alltag in den Rausch der Geschwindigkeit, der andere verkörpert bis ins kleinste Detail den hochnäsigen Adeligen der verblassten Monarchie. Zu jung, um noch selbst am Ersten Weltkrieg teilnehmen zu können, hatte er sich nach der Kapitulation und Versailles den reaktionären Kreisen der besonders in Süddeutschland aufstrebenden Nationalsozialisten angeschlossen, mit den Jahren aber den Kontakt zu diesen verloren. Zwei sehr unterschiedliche Charaktere also, die aber doch etwas verbindet. Beide profitieren von der Begeisterung der Massen für das neue technische, motorisierte(!) Zeitalter, den so genannten „Roaring Twenties“. Und beide haben im wahrsten Sinne des Wortes ein paar Leichen im Keller liegen.

Drei Jahre zuvor nämlich, in den unsichersten Zeiten der Weimarer Republik, ist Lamprechts Frau brutal ermordet worden. Er selbst galt als Hauptverdächtiger in dem unaufgeklärten Mordfall und konnte nur dank eines falschen Alibis seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Zur selben Zeit, in den Wirren des Hitler-Putsches von München, war von Dronte ein Mitglied der rechten Freikorps und am Fememord an einem angeblichen Volksverräter beteiligt. Die gut vergrabene Leiche taucht nun wieder auf. Allein der Kopf fehlt. Und wieder scheint es Parallelen zu Lamprechts Vergangenheit zu geben, denn auch seine Frau wurde damals enthauptet. Während Falks alte „Kameraden“ immer nervöser werden und ihn drängen, die Sache zu bereinigen, gerät Lamprecht erneut ins Visier der Polizei. Beide beginnen, jeder für sich, Nachforschungen anzustellen, während sie sich gleichzeitig auf den Straßen Deutschlands ein erbittertes Duell um den Sieg und die Liebe einer Frau liefern …

Gebrochene Helden, rasante Motorradrennen, politische Umstürze und ein mysteriöser Serienmörder. „Deutsche Meisterschaft“ ist beeindruckend spannend und facettenreich zugleich, entwickelt im Verlauf seiner 385 Seiten eine sich immer wieder zuspitzende Dramaturgie, welche zwar schon ziemlich früh (und ganz offensichtlich) kein gutes Ende nehmen wird, dem Leser jedoch durchgänig keine Atempause oder gar Zeit zum Nachdenken gewährt. Woran andere Autoren sonst spektakulär scheitern, das haben Richard Birkefeld und Göran Hachmeister mit Kür gemeistert: Den Spagat zwischen dem Spannungsaufbau und der Schilderung echter deutscher Geschichte. Herausgekommen ist ein bildgewaltiges Sittengemälde über die Zeit der Weimarer Republik, das den Geist der 20er Jahre bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt. Die Begeisterung für Technik, die Sucht nach Geschwindigkeit, die Lust an neuer Mode. Bewegung bestimmt das Leben dieser neuen Generation. Alles rast, alles rennt. Wer das nicht tut, kommt unter die Räder. Was böte sich deshalb besser an, als das Buch in der Motorradszene spielen zu lassen? „Motorisierung ist Mobilisierung“ dröhnt es aus den Lautsprechern am Rande der Rennstrecke. Auch ganz tumbe Zeitgenossen erkennen hier den Beginn der gesellschaftlichen Brutalisierung, welche sich im Laufe der Jahre immer wieder in Ausbrüchen gnadenloser Gewalt zwischen politisch und sozial verfeindeten Parteien entladen wird.

(…) … und ihr seht doch, was in diesem Lande los ist, der Krieg ist doch nicht vorbei, der geht doch seit 1919 tagtäglich weiter, die Rechten gegen die Linken und gegen die Gewerkschaften, die Konservativen gegen Rechte und Linke, die Linken gegen Rechte und Nationale und Ultralinke, Rechte und Linke gegen die Kirche, jeder gegen jeden und alle gegen die Juden und alle gegen den Versailler Vertrag, und ich mittendrin, ich gegen den Vermieter, gegen Mitspieler, gegen Vera, meine Frau. Das ist alles schlimm, dass weiß ich, aber glaub mir, es wurde und es wird auch in Zukunft immer mit nackter Gewalt um den Platz an der Sonne gerungen, und wer sich da nicht wehrt, zurück schlägt, der bleibt auf der Strecke, der verliert das Rennen … (…)

Deutsche Meisterschaft“ zeigt ein Deutschland am Scheideweg, eine zerrissene Republik, die nur ein Schritt von Wohl und Heil trennt und doch der Katastrophe von 1933 scheinbar unaufhaltsam entgegensteuert. Auf der einen Seite ziehen marodierende Freikorps durchs Land, putschen Rechte gegen revolutionierende Linke, bricht eine Wirtschaft unter der Last der hohen Inflation zusammen. Auf der anderen Seite entwickelt sich eine neue Kulturlandschaft, blühen Musik, Kunst und Literatur (nicht zuletzt auch die Krimis) auf. Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in den Hauptfiguren Arno Lambrecht und Falk von Dronte wieder, die das augenscheinlich nicht vereinbare Neue und Alte verkörpern und dessen Wege sich letztendlich nicht nur kreuzen, sondern auch dieselbe Richtung einschlagen. Von dem Wechselspiel der verschiedenen Perspektiven lebt dieser Roman, von den echten, nachvollziehbaren Typen, diesen Kerlen. Von Menschen, die durch die Hölle gegangen sind und weiterhin gehen. Heruntergekommene Säufer, abgewrackte Huren, vierschrötige Draufgänger. Sie alle sind vom sozialen Milieu geprägt, dienen dem Leser als Fernrohr in diese längst vergangene Zeit und beleben die Geschichte. Alles wird schonungslos dargestellt, nichts geschönt. Moralisch erhobene Zeigefinger sucht man hier vergebens.

Diese fast schon mechanische, klinische Genauigkeit der Schilderungen spiegelt sich letztlich auch in den literarischen Stilmitteln der Autoren wieder. Kurze, abgehackte Sätze. Hastige Szenen- und Bilderwechsel. Viele Kommas, wenige Punkte (siehe Textausschnitt). Wenn Lamprecht und von Dronte über die Landstraßen rasen, das Gummi auf dem Asphalt quietscht, dann greift die Geschwindigkeit über, wird man ungebremst mitgerissen. Ganz nach dem Motto „Nur der Verlierer hat die besten Bremsen“ jagt der Plot durch das Deutschland der 20er Jahre und mit ihm der Leser, auf den Eindrücke niederprasseln, welche ihn noch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigen werden.

Insgesamt ist „Deutsche Meisterschaft“ ein sprachlich herausragender, atmosphärisch dichter Kriminalroman, der begeistert, erschüttert, nachdenklich macht, und trotz all seiner intelligenten Symbolik nie den Pfad der Unterhaltung verlässt. Ein großartiger Wurf, der gar nicht hoch genug gelobt werden und sich besonders durch sein Finale weit aus der Masse ähnlicher Bücher herausheben kann. Auf weitere Werke dieser beiden hochtalentierten Autoren darf gespannt gewartet werden.“

Wertung: 94 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister

  • Titel: Deutsche Meisterschaft
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 08.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 386
  • ISBN: 978-3423211581

Melancholisch, gefühlvoll – ein tolles Debüt

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(c) DTV

„Die späte Ernte des Henry Cage“ ist insofern ein passender Titel für eine erste Besprechung auf meinem eigenen Blog „CrimeAlley“, da es doch ziemlich lange gedauert hat, diesen aus der Taufe zu heben, was letztendlich vor allem an meinem eigenen technischen Ungeschick gelegen hat. Nun ist es doch so weit und es bleibt abzuwarten, ob ich mit ihm „Ernte“ in Form von Kommentaren und Anregungen einholen werde. Freuen würde es mich natürlich sehr, wie überhaupt jegliches Feedback in Form von Kritik oder Lob.

Doch nun zum Thema:

„Ein braunes, verwelktes Blatt vor schwarzem Hintergrund. Blasse Lettern im Stile einer Grabsteinbeschriftung. Die äußere Aufmachung von David Abbotts Debütroman „Die späte Ernte des Henry Cage“ in der dtv-Ausgabe wirkt zwar stimmig und passt letztlich auch zum Inhalt, verfehlt aber ihren Auftrag als Eye-Catcher vollkommen. Mehr als ein potenzieller Leser wird wohl an diesem unscheinbaren Buch vorbeigegangen sein und dadurch ein außergewöhnliches und vor allem bewegendes Erstlingswerk verpasst haben, mit dem sich der bereits 1938 geborene Abbott gleich auf Anhieb in die erste Liga der britischen Autoren geschrieben hat. Ob ihm ein ähnlicher Erfolg wie in Großbritannien auch hier in Deutschland beschienen sein wird, darf ebenfalls bezweifelt werden. Und das ist mehr als schade, denn „Die späte Ernte des Henry Cage“, das mir als Leseexemplar in die Hände gefallen ist, gehört zu der Kategorie von selten gewordenen Büchern, welche nicht nur zu unterhalten wissen, sondern gleichzeitig auch emotional berühren und nachhaltig in Erinnerung bleiben. Das ist in diesem Fall umso erstaunlicher, da es sich um eine Geschichte aus dem Leben handelt. Ohne größere künstlerische Kniffe, ohne literarische Spielereien – aber mit viel Gefühl.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der titelgebende Henry Cage, ein erfolgreicher und geachteter Geschäftsmann aus der Werbebranche, der jahrelang seine ganze Energie in den Aufbau seines Wirtschaftsunternehmens gesteckt hat, bis er nun, mit 58 Jahren, als Ruheständler wieder draußen steht. Sein Weggang war dabei nicht ganz freiwillig, vielmehr hatten seine Partner ihn mit einer hohen Abfindung versehen und abgeschoben. Henry und seine Art Geschäfte zu machen, sei nicht mehr zeitgemäß, seine antiquierten Ansichten Bremsblock für den Fortschritt der Firma. Ein Mann der jahrelang den Takt vorgegeben hat, findet sich nun als Auslaufmodell wieder. Henry hat einige Probleme, dies zu akzeptieren. Außerdem wird ihm klar, dass er all die Jahre, in denen er beruflich die Weichen gestellt hat, privat absolut vergeudet hat. Den Betrug seiner Frau Nessa konnte er ihr nie verzeihen. Zu seinem Sohn Tom, dem er alles andere als ein guter Vater war, und dessen Frau Jane, hat er seit Jahren keinen Kontakt. In dieser Phase der Niedergeschlagenheit beginnt Henry darüber nachzudenken, ob es im Leben nicht so etwas wie eine zweite Chance gibt.

Bald erhält er die Antwort: Nessa lädt ihn zu sich nach Miami ein und auch Tom meldet sich bei seinem Vater. Sollte es wirklich möglich sein, dass Henry den Weg zurück ins Leben findet?

Was dieser kurze Ausschnitt aus der Inhaltsbeschreibung bewusst verschweigt, ist der schwere Schicksalsschlag, den Henry Cage direkt zu Anfang erleidet. Und das dieser kühl beschriebene Anfang, der trotz der eher nüchternen Sprache nichts, aber auch gar nichts von seinem Schrecken verliert, gleichzeitig das Ende markiert, ist ein stilistischer Kniff, den man gar nicht genug loben kann. Es ist ein Beginn, welcher den Leser buchstäblich ins kalte Wasser wirft, um ihn dann wieder langsam ins Trockene zu ziehen und rückblickend von den Ereignissen zu erzählen, welche sich im Vorfeld des schrecklichen Dramas ereignet haben. Abbott schafft es hier neugierig auf eine Geschichte zu machen, dessen Ausgang man bereits kennt. Spannung dort zu erzeugen, wo unsere Vorkenntnis uns eigentlich Langeweile diktieren müsste.

Henry Cage ist ein auf sich bezogener Mensch. Nicht wirklich böswillig oder bösartig, aber doch so stetig um sich selbst kreisend, so wenig in der Lage, empathisch über seinen Schatten zu springen und dabei doch kaum wirklich durchsetzungsfähig, dass es für den Leser schwierig ist, mit ihm eine innere Beziehung zu knüpfen. Zwar steckt Cage voller Emotionen, doch seine Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen schreckt ab. Gleichzeitig aber macht sie auch neugierig, denn es ist dieser Makel, der ihn für uns verständlich und glaubhaft, ja, so durchweg menschlich macht. Das Falsche zur falschen Zeit zu tun – es ist nachvollziehbar, da es wohl jedem schon einmal so gegangen ist. So lässt sich auch darüber diskutieren, ob das, was ihm widerfährt, die gerechte Strafe für seine Verfehlungen oder einfach Schicksal ist. Entscheidungen zu treffen, bedeutet in jedem Fall Dinge ins Rollen zu bringen, Ereignisse auszulösen. Und nicht selten bedingt ein Ereignis wiederum das andere.

David Abbott entwirrt nur langsam die Lebensfäden von Henry Cage, der immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt wird und mit voller Wucht die vertanen Chancen und verpassten Gelegenheiten spüren muss. Es ist eine Lektion über das Leben, das einem zwar hin und wieder einen neuen Versuch gewährt, es aber uns selbst überlässt, ob und wie wir diesen nutzen. Dabei verkommt „Die späte Ernte des Henry Cage“ aber nicht zu einer simplen Abrechnung mit einem gedankenlosen Egozentriker. Vielmehr ist es ein Entwicklungsroman eines alternden Mannes, der seine Fehler nicht zu sehen, sondern auch zu fühlen beginnt. Und der Leser fühlt mit ihm. Auch deshalb weil Abbotts Sprache trotz ihrer schlichten Eleganz mit einer Eindringlichkeit daherkommt, der man sich nicht entziehen kann und die dabei genügend Raum für persönliche Empfindungen lässt. Wie er all das, die herzzerreißende Geschichte und die wundervollen, lebendigen Figuren, zu einem großen Ganzen zusammenfügt, ist großes Kino. Da verzeiht man dem Autor auch gern die ein oder andere offensichtliche Wendung im Plot.

Der Schluss könnte dann fast ein kitschiges, hoffnungsvolles Happy End sein, wenn, ja wenn man nicht wüsste, dass der Beginn des Buches chronologisch dem Finale folgt.

Insgesamt ist „Die späte Ernte des Henry Cage“ ein melancholischer, intensiver Roman im Stile der klassischen Tragödie, der ohne Dramatik oder Gefühlsduselei die Geschichte eines fehlerbehafteten Menschen erzählt. Ein Buch, das sich jeder Moral enthält und dem Leser trotzdem einiges mit auf den Weg gibt. Für mich eine der Entdeckungen des Jahres 2011.“

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: David Abbott

  • Titel: Die späte Ernte des Henry Cage
  • Originaltitel: The Upright Piano Player
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: DTV Premium
  • Erschienen: 04.2011
  • Einband: Kartoniertes Taschenbuch
  • Seiten: 360
  • ISBN: 978-3-423-24848-8