Der lange Arm der Vergangenheit

© Grafit

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei – oder etwa nicht? Nach den beiden überzeugenden Vorgängern „Franzosenliebchen“ und „Goldfasan“ legte Jan Zweyer im Jahr 2011 den Abschluss seiner Ruhrgebiets-Trilogie rund um den Polizisten Peter Goldstein vor. „Persilschein“ führt den Leser in die direkte Nachkriegszeit – und natürlich erneut in die Gegend rund um Herne und Wanne-Eickel.

Anders als in den beiden ersten beiden Bänden wird dieser regionale Bezug jedoch diesmal weit stärker betont bzw. konzentriert sich Zweyer viel mehr auf das Milieu rund um Goldstein, der inzwischen wieder seinen richtigen Namen „Golsten“ angenommen hat. Das mag besonders Kenner der Szenerie entgegenkommen, geht meines Erachtens allerdings nun etwas auf Kosten der historischen Akkuratesse. Mehr noch: Lebten „Franzosenliebchen“ und „Goldstein“ noch in großem Maße von den kohärenten und vor allem atmosphärisch dichten Kriminalfällen, so hat der Autor im vorliegenden Roman sichtbar Mühe, seinen roten Faden in den geschichtlichen Kontext zu weben. So hat zwar auch diesmal Jan Zweyer äußerst sorgfältig seine Recherchen betrieben, es aber nicht geschafft, diese sinnvoll und vor allem unauffällig zu verarbeiten. Bei einem anderen Rezensenten fiel gar die Redensart „Mit heißer Nadel gestrickt“. Und ja, so ganz lässt sich das bei „Persilschein“ nicht von der Hand weisen. Eine letztlich vertane Chance, bietet doch die Ausgangssituation der Handlung und auch ihr Personal durchaus genug Potenzial für einen entsprechenden Spannungsbogen.

Ihren Anfang nimmt sie im September des Jahres 1950, im Stadtteil Hordel in Bochum. Hier wird in einem Hinterhof die Leiche eines Mannes gefunden. Offensichtlich wurde ihm die Kehle durchgeschnitten. Peter Goldstein bzw. Golsten, immer noch Kommissar der hiesigen Mordkommission, übernimmt den Fall und führt auf die ihm eigene Art und Weise Ermittlungen durch. Schon bald stellt sich heraus, dass der Tote ein gut durchorganisiertes Doppelleben geführt hat. Doch wer war er wirklich? Goldstein kommt bei seinen Nachforschungen nur schleppend voran, zumal seine Kollegen ganz eigene Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit haben – und er aufgrund seiner eigenen opportunistischen Vergangenheit stets darauf bedacht sein muss, nicht dem Falschen auf die Füße zu treten. Als er endlich mehr über die wahre Identität des Toten herausfinden kann und dann auch noch einen Tatverdächtigen ins Visier nimmt, überschlagen sich die Ereignisse. Bevor dieser überhaupt zur Vernehmung in Haft genommen werden kann, begeht er Selbstmord. Ein weiterer wichtiger Zeuge wird angeschossen und kämpft fortan um sein Leben. Irgendjemand scheint sämtliche lose Enden kappen zu wollen. Goldstein fragt sich, wem er noch trauen kann …

Die Zeiten haben sich geändert – und dann doch auch wieder nicht. So der erste Eindruck, den wir von der jungen Bundesrepublik Deutschland fünf Jahre nach Ende des Krieges bekommen. Und wie man weiß – und gerne von den heutigen Ewig Gestrigen verdrängt wird – ist Jan Zweyer zumindest diese Einführung historisch tatsächlich korrekt gelungen, denn, von den Errungenschaften des späteren Wirtschaftswunders fast verdrängt, waren die 50er vor allem eine von der Vergangenheitsbewältigung und Vergangenheitsverdrängung geprägte Epoche. Zwar war für die Alliierten mit dem Dritten Reich der eigentliche Feind besiegt, aber mit der Entwicklung im Osten erwuchs bereits der nächste, diesmal im stalinistisch-kommunistischen Gewand, heran. Insbesondere den ehemaligen Siegermächten im Westen war daran gelegen, die Bundesrepublik möglichst schnell als verlässlichen Partner innerhalb der NATO zu etablieren und daher von vorneherein auch die notwendigen staatlichen Strukturen zu schaffen. Eine herausfordernde Aufgabe, musste man dabei doch auf viele derjenigen zurückgreifen, die unter dem nationalsozialistischen Regime ebenfalls zu Macht und Einfluss gekommen waren. Entnazifizierung, Demokratisierung und Entmilitarisierung sind daher die Schlagwörter der Stunde.

Und, wie Zweyer sehr gut herausarbeitet, vor allem leere Worthülsen, denn es gibt viele Mittel und Wege um zu einer offiziell bescheinigten Rehabilitation zu kommen. Einflussreiche Industrielle wie der Kaufhausbesitzer Wieland Trasse nutzen ihre Kontakte und finanziellen Mittel um ihre schmutzige Weste zumindest so rein zu waschen, dass sie mit einer weiteren strafrechtlichen Verfolgung nicht mehr rechnen müssen. Trasse, aber auch Saborski, Goldsteins unmittelbarer Vorgesetzter, begleiten den Leser seit dem ersten Band und werden vom Autor in ihrer Entwicklung auch weiterhin konsequent gezeichnet. Hatten sie sich beide im Krieg noch an ehemaligen jüdischen Besitztümern bereichert und ihre Kontakte zur SS als Karrieresprungbrett genutzt, ist aus der Interessengemeinschaft jetzt so etwas wie eine Abhängigkeit geworden. Ihre bröckelnde Allianz steht ein wenig im Zentrum des Plots, denn Goldstein selbst, immer noch naiv und gutgläubig, sieht einmal mehr die Gefahr nicht kommen und wird so zum Spielball anderer.

Während diese notfalls über Leichen gehen, um an einen der begehrten „Persilscheine“ zu kommen oder zumindest sich und ihr Hab und Gut über die später als Rattenlinie bezeichnete Fluchtroute nach Südamerika zu bringen, sieht Goldstein weder den größeren Zusammenhang des Falls, noch die Seilschaften dahinter, welche auch ihm gefährlich werden könnten. Auch hier bleibt Zweyer der Figur treu – tut dies jedoch eindeutig auf Kosten des Spannungsmoments. Nicht nur ist relativ früh klar, wer hinter den Morden steckt und wie sie motiviert sind – Geschichtskenner ahnen sicher auch, dass die Chancen für ein Happy-End eher schlecht stehen. Wie so oft ist das Vitamin B entscheidend. Und was das angeht hat der Hauptprotagonist von Beginn an schlechte Karten, der zwar immerhin ein schlechtes Gewissen mit sich herumschleppt, aber innerhalb der Behörde weitestgehend isoliert ist, weil er eben keine größeren Ambitionen in sich trägt und strikt nach Protokoll handelt. Das seine Kollegen ihren Beruf nicht ebenso ausüben oder gar für Korruption empfänglich sind, dafür fehlt Goldstein schlicht die Vorstellungskraft. Und das trotz seiner Erfahrungen aus der Zeit unter Adolf Hitler.

Zweyer malt in seinem Finale ein ziemlich tristes und düsteres Bild der frühen Bundesrepublik, das diesen Farbton eher weniger aufgrund des Schauplatzes Ruhrgebiet aufweist, sondern vielmehr wegen der bitteren Erkenntnis, das auch der heutige Staat auf einem Fundament aus vielen Anti-Demokraten aufbauen musste. Die Mitläufer und Mitwisser, aber auch die Verbrecher und Täter der Nazi-Zeit – sie waren nicht mit dem Ende des Krieges einfach verschwunden, sondern in diesen Gründerjahren der Republik weiterhin gut und bis in oberste politische Ämter vernetzt. Inwieweit diese im Roman so offensichtliche Tatsache auch zur damaligen Zeit von der Gesellschaft insgesamt wirklich wahr genommen worden ist, darüber lässt sich sicherlich diskutieren. Goldstein wird in jedem Fall zur Symbolfigur für all diejenigen, welche es nicht gesehen haben – und am Ende vielleicht nicht sehen wollten, um auch für sich persönlich einen Schlussstrich ziehen zu können.Aber manchmal, auch das muss der Leser und mancher der Nazi-Verbrecher in der Realität dann erfahren, reicht der Arm der Vergangenheit doch weit.

So ist die Lektüre von „Persilschein“ in erster Linie vor allem für diejenigen interessant, welche ein regionales Interesse mitbringen bzw. einen leichten Zugang zu dieser Ära der deutschen Geschichte suchen und in Punkto ausgeklügelter Spannung bereit sind, Abstriche zu leisten, kommt doch dieser inhaltlich konsequente Abschluss der Trilogie leider an vielen Stellen etwas zu konstruiert und bemüht daher, um tatsächlich für Kurzweil oder gar Überraschungen zu sorgen.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Jan Zweyer
  • Titel: Persilschein
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Grafit
  • Erschienen: 10.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3894256159

Nobody’s hands are clean

© Goldmann

Obwohl der amerikanische Autor Joseph Kanon bereits im Jahr 1998 mit dem Edgar Allan Poe Award für das beste Romandebüt ausgezeichnet wurde („Die Tage von Los Alamos“), einen größeren Namen konnte er sich hierzulande trotz diverser weiterer Veröffentlichungen (übrigens zumeist mit Bezug zu unserer Hauptstadt Berlin) nicht machen, was vielleicht aber auch dem damaligen Zeitgeist geschuldet sein könnte.

Inzwischen sind, vor allem dank solcher Schriftsteller wie Volker Kutscher, historische Kriminalromane mehr und mehr gefragt, scheint die Auswahl an Titeln – mal von mehr, mal von weniger Qualität – welche sich mit der Weimarer Republik, dem Dritten Reich, aber auch dem Beginn des Kalten Kriegs und dem Leben zwischen den Blöcken beschäftigen, jährlich in die Höhe zu schnellen. Ein Trend, von dem viele Newcomer profitieren und der jetzt auch zum Anlass genommen sei, um auch Kanon die wohlverdiente Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen – denn soviel sei vorab gesagt, im Vergleich zu einem Großteil der doch oft im Hinblick auf die geschichtliche Recherche äußerst oberflächlich zusammengeschusterten Werken der Konkurrenz, hat der jahrelange Leiter der Verlage Houghton Mifflin und E. P. Dutton seine Aufgaben äußerst beeindruckend gemacht. Bestes Beispiel dafür ist der vorliegende Roman „The Good German“ (verfilmt von Steven Soderbergh mit u.a. George Clooney und Cate Blanchett in den Hauptrollen), welches den Leser zurück in das vom Krieg versehrte Berlin des Jahres 1945, genauer gesagt die Monate Juli und August führt.

Berlin, Deutschland, wenige Wochen nach der Kapitulation. Die in vier Zonen aufgeteilte Stadt besteht vielerorts nur noch aus Ruinen, in den immer noch täglich Leichen geborgen werden und Trümmerfrauen damit beschäftigt sind, zumindest die Zugänge zu den Häuserresten und die Straßen frei zu räumen. Genau in diese Zeit fällt nun die Potsdamer Konferenz, anlässlich der auch der amerikanische Journalist Jake Geismar nach Berlin zurückreist, um genau darüber zu berichten. Was seine Auftraggeber nicht ahnen – die Konferenz ist für Geismar nur der offizielle Vorwand, denn in erster Linie gilt seine Rückkehr (er lebte schon zuvor einige Jahre in der Stadt) seiner damaligen Geliebten Lena Brandt, die er mitten im Krieg verlassen musste. Ihr Verbleib ist ihm seitdem unbekannt und er hofft sehnlichst auf ein Wiedersehen. Dafür nimmt er vor Ort angekommen auch gewisse Risiken im Kauf, sucht gar die Bereiche Berlins auf, die unter sowjetischer Kontrolle stehen und von deren Besuch ihm die Kollegen eindringlich abraten. Lena bleibt aber verschwunden. Stattdessen sieht sich Geismar aber bald mit einem anderen Rätsel konfrontiert.

Als er sich mittels eines Tricks beim ersten historischen Treffen der Siegermächte im Potsdamer Schloss Cecilienhof einschleusen kann, wird er unwillentlich Zeuge von der Entdeckung einer angespülten Leiche im Uferschlamm des Heiligen Sees. Bei dem Toten handelt es sich zu seiner Überraschung um einen jungen amerikanischen Soldaten. Wie kommt er soweit in die russische Besatzungszone? Wieso sind seine Taschen randvoll mit Besatzungsmark gefüllt? Und wieso ist er überhaupt getötet worden? Jakes Neugier ist geweckt und steigert sich noch zusätzlich, als sowohl Befehlsträger der US-Armee und auch der Sowjets nichts unversucht lassen, diesen Vorfall unter den Teppich zu kehren. Da hier eindeutig eine Story lauert, betreibt Jake Geismar auf eigene Faust weitere Nachforschungen, während er gleichzeitig weiterhin Ausschau nach Lena hält. Schon nach kurzer Zeit wird ihm klar, dass beide seine Ziele eine Verbindung haben – und seine Ermittlungen nicht nur sich, sondern vor allem auch seine große Liebe in Gefahr bringen …

Bereits der Klappentext (und auch das Cover der Filmausgabe) deutet an, dass die Liebesbeziehung zwischen Jake Geismar und Lena Brandt im Mittelpunkt dieser Geschichte steht. Und ja, Joseph Kanon legt tatsächlich ein besonderes Augenmerk auf das Schicksal der beiden, die sich den veränderten Gegebenheiten nur schwer anpassen und insbesondere bei dem Thema persönliche Schuld nicht auf einen gemeinsamen Standpunkt einigen können. Eine Frage, die direkt nach dem Krieg vor allem auf deutscher Seite eigentlich niemand näher erörtern und stattdessen meist ein jeder lieber die Vergangenheit vergessen will.

Keine einfache Aufgabe in einem Land, das selbst über den organisierten Massenmord in den Konzentrations- und Arbeitslagern wie Dora-Mittelbau pflichtbewusst Buch geführt hat. Unterlagen, die nun in den Händen der Alliierten sind und als Grundlage für die so genannte Entnazifizierung dienen sollen. Wohlgemerkt sollen, denn unter dem Eindruck des immer noch erbitterten Widerstands der Japaner an der Pazifikfront, haben auch vermehrt die Amerikaner mehr Interesse daran, das kostbare Wissen der deutschen Wissenschaftler für sich zu nutzen, als diesen den Prozess zu machen. Einer davon ist ausgerechnet Lena Brandts Mann Emil, der sich in die Riege derjenigen eingereiht hat, die nur „ihre Arbeit gemacht“ und „Befehle befolgt“ haben.

Joseph Kanon hat sich bei „The Good German“ immens viel vorgenommen, das weit über das hinausgeht, was man sonst von einem historischen Kriminalroman gewohnt ist, denn nicht nur ist die Geschichte in seinen verschlungenen Handlungsfäden enorm komplex – der Autor hat das Berlin von 1945 auch so im Detail zum Leben erweckt, das hier die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion immer wieder verschwimmen. Und das allerdings mit erstaunlich viel Fingerspitzengefühl, da es an keiner Stelle so wirkt, als wollte hier jemand auf Teufel komm raus so viel erlesenes Wissen wie möglich platzieren. Stattdessen geht der Plot eine äußerst überzeugende Symbiose mit den tatsächlichen historischen Ereignisse ein, wovon die Atmosphäre immens profitiert. Auch wenn es sich Kanon (gottseidank) verkniffen hat, in den Dialogen noch Berliner Schnauze einzubauen, ist er dem realen Antlitz und Lebensgefühl der zerstörten Hauptstadt des untergegangen Nazi-Regimes doch wohl so nah wie möglich gekommen.

Einem Antlitz (und das hat dann später auch Regisseur Steven Soderbergh erkannt), das sich natürlich als Schauplatz für eine noireske Kriminalgeschichte bestens eignet, da mit der Niederlage des Dritten Reichs nicht notwendigerweise gleichzeitig auch der Beginn einer Normalität eingegangen ist. Berlin ist weiter im Ausnahmezustand, während die Soldaten der Besatzungsmächte zwischen Siegestaumel, Kriegsdepressionen und Rachegelüsten pendeln, ein jeder vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein scheint. Die bedingungslose Unterstützung der Einwohner, welche man während der späteren Luftbrücke an den Tag legen wird – sie ist noch weit entfernt. Stattdessen blüht der Schwarzmarkt, werden die Witwen der deutschen Soldaten auf den Strich geschickt und schon bereits neue Feindbilder kultiviert. Das Verhältnis zwischen den Amerikanern und den Sowjets ist vielerorts angespannt, es kommt immer wieder zu Zwischenfällen. Und Jake Geismar, einst selbst ein Berliner, hat große Schwierigkeiten, seine Stadt in diesem Menetekel der Zerstörung wiederzuerkennen.

Gerade die ersten knapp zweihundert Seiten von „The Good German“ gehören mit Sicherheit zum Besten, was ich in diesem Sub-Genre bis jetzt genießen durfte – und lesen sich nebenbei bemerkt fast wie eine inoffizielle Fortsetzung des ebenfalls empfehlenswerten Romans „Wer übrig bleibt, hat recht“ (allerdings ein Jahr später erschienen) von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, das, im letzten Kriegsjahr spielend, ebenfalls in Berlin angesiedelt ist und bereits einige Themen aufgreift, die nun in Kanons Roman einen größeren Stellenwert bekommen. Wie er in diesem ersten Drittel minutiös die Spannung aufbaut, geschickt Hinweise, aber auch falsche Fährten platziert, das zeugt sowohl von großem schriftstellerischen Können, aber auch von ebenso großer Kenntnis um die Geschichte Berlins. Wirklich sehr selten begegnet uns Lesern in einem historischen Kriminalroman ein von Beginn an so authentischer Schauplatz, der umso lebendiger wirkt, da die ihn bevölkernden Figuren bei Kanon nicht rein zur Staffage verkommen.

Ganz im Gegenteil – sie sind fast allesamt ein wichtiges Triebmittel für die Handlung und bilden kaleidoskopartig die verschiedenen Interessensgruppen dieser Zeit ab. Von amerikanischen Abgeordneten aus dem Repräsentantenhaus, in dessen Wahlkreis die Industrie fest mit der IG-Farben verbunden ist bis hin zum jüdischstämmigen Militärjurist Bernie Teitel, der alle Hebel in Bewegung setzt, um die Verbrecher des Nazi-Regimes vor Gericht zu bringen – ein jeder hat andere Gründe in Berlin zu sein, um entweder politisches Kapital daraus zu schlagen, sich finanziell zu bereichern oder persönliche Rachegelüste zu befriedigen. Recht und Gerechtigkeit sind jetzt, direkt nach dem Krieg, ebenfalls nur leblose Ruinen und bröckelnde Fassaden – inhaltsleere Begriffe, die je nach Belieben von den Siegern ausgelegt werden können. Kanons größtes Verdienst ist es, dass er in diesem Gemengelage nie direkt Position bezieht und sich der Leser auch die entscheidende Frage des Buches am Ende selbst beantworten muss: Wer ist bzw. war der „Good German“?

Joseph Kanon ist mit „The Good German“ ein immersives, bildgewaltiges Katz-und-Maus-Spiel im Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit gelungen, das die Grenzen der Zeit vor den Augen des Lesers äußerst eindringlich überwindet und gleichzeitig auch das immer wieder hartnäckige Vorurteil widerlegt, US-Autoren könnten alles nur rein aus amerikanischer Sicht betrachten. Einziges Manko ist die doch etwas repetitive Einbindung der Liebesgeschichte, welche immer wieder unnötig das Tempo (und damit auch das Spannungsmoment) verschleppt und mitunter stark den Geduldsfaden strapaziert. Dennoch – eine Empfehlung für alle, die sich der eigenen Geschichte gerne im Gewand einer Kriminalgeschichte nähern.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Joseph Kanon
  • Titel: The Good German / In den Ruinen von Berlin
  • Originaltitel: The Good German
  • Übersetzer: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 02.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442464814