Schwarzes Gold und schwarze Seelen

© Goldmann

Ende Dezember 1996. Nach sechs Jahren in Frankreich kehrte Ian Rankin mit seiner Familie wieder nach Edinburgh zurück und zog in ein angemietetes Haus, dessen Besitzer den größten Teil des Jahres in London lebten, es allerdings über Weihnachten selbst brauchten. Um das Fest der Liebe nicht unter freiem Himmel verbringen zu müssen, kamen die Rankins über die Feiertage bei der Verwandtschaft in Belfast und Lincolnshire, später bei Freunden in der Nähe von York unter. Und genau hier las der Autor in der „Times“ die Vorankündigung einer Buchbesprechung, welche in etwa wie folgt lautete: „Der beste Krimi des Jahres 1997 ist bereits erschienen – nächste Woche verraten wir, wie er heißt!“

Rankins damals neuestes Buch, „Das Souvenir des Mörders“ (engl. „Black and Blue“), sollte Ende Januar ausgeliefert werden. Intensives Daumendrücken begann, welches letztlich belohnt wurde: Der achte Roman um Inspector John Rebus wurde tatsächlich von der „Times“ gekürt und im folgenden November gar als bester Krimi des Jahres 1997 mit dem „Gold Dagger Award“ ausgezeichnet. Darauf folgte die Nominierung für den Edgar Allan Poe-Award, welcher jedoch am Ende an James Lee Burke ging. Doch ein Stein war ins Rollen gebracht, Rankins Name schlagartig auch über die Grenzen Großbritanniens bekannt geworden, was im Nachhinein die Frage aufwirft, was zum Teufel an „Black and Blue“ so anders war als an den früheren Büchern des schottischen Autors? Ein Blick auf den Umfang des Buches und in die Kurzbeschreibung der Handlung lassen da bereits einige Rückschlüsse zu:

Für Detective Inspector John Rebus kommt es wieder mal dicke. Nach seinen letzten Alleingängen, bei denen er auch einigen hohen Herren auf die Zehen getreten hat, ist der schroffe Einzelgänger vom „heimatlichen“ Revier St. Leonard’s nach Craigmillar versetzt worden, welches die hier tätigen Beamten nur „Fort Apache“ nennen. Ein Abstellgleis für unbequeme Cops wie Rebus, der zwischen all den Problemfällen entweder weitestgehend gemieden oder mit Häme überschüttet wird. Und als ob das noch nicht genug wäre, steht die Presse tagein tagaus vor seinem Haus, um ihn mit einem alten Fall aus dem Jahr 1977 zu konfrontieren. Damals, Rebus war noch Constable unter seinem Vorgesetzten Detective Inspector Lawson Geddes, war er an der Festnahme von Leonard Spaven beteiligt, der später, als Mörder verurteilt, im Gefängnis eine Schriftstellerkarriere hingelegt und eines Tages schließlich Suizid begangen hat. Bis zu seinem Tod beteuerte er seine Unschuld. Und mehr noch: Er klagte Geddes und Rebus an, ihn in eine Falle gelockt zu haben. Nachdem nun auch Geddes per Selbstmord aus dem Leben geschieden ist, soll nun Letzterer vor der Kamera Stellung nehmen. Ist der Tod seines ehemaligen Vorgesetzten ein Schuldeingeständnis? Hatte Geddes, besessen von der Vorstellung Spaven zu überführen, Beweise gefälscht?

Rebus, der in der Vergangenheit bereits Zweifel hatte, verweigert jegliche Aussage und setzt insgeheim seinen Kollegen Detective Sergeant Brian Holmes auf den alten Fall an, um diesen aufzurollen und endlich Klarheit zu gewinnen. Er selbst hat alle Hände mit einem aktuellen Mord zu tun.

Ein Erdölarbeiter ist gefesselt aus einem hoch gelegenen Fenster gestürzt und die Spuren am Tatort lassen die Mittäterschaft von Andrew „Tony El“ Kane vermuten. Ein sadistischer, unberechenbarer Schläger, der bisher für Joseph „Uncle Joe“ Toal, die Nummer eins der Gangsterbosse in Glasgow, gearbeitet hat. Will dieser jetzt seine „Geschäfte“ nach Edinburgh ausweiten? Rebus beißt in den sauren Apfel und nimmt Kontakt zum Gangster „Big Ger“ Cafferty auf – sein alter, endlich hinter Schloss und Riegel sitzender Erzfeind, der ihm tatsächlich zu einem Treffen mit „Uncle Joe“ verhilft. Der streitet jedoch jede Kenntnis von dem Mord an dem Erdölarbeiter ab. Mehr noch: Tony El soll angeblich inzwischen selbstständig und in Aberdeen arbeiten. Für Rebus die Gelegenheit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Seinem herrischen Vorgesetzten Ancram gen Norden zu entfliehen und nebenbei seine eigene kleine Privatermittlung voranzutreiben, denn wie früher bei Geddes, so ist auch für ihn ein ungelöster Fall zu seiner persönlichen Muße geworden:

Seit einiger Zeit treibt ein Bibel zitierender Serienmörder namens „Johnny Bible“ sein Unwesen in Schottland. Sein Tatmuster: Frauen auflauern, sie vergewaltigen und anschließend erdrosseln. Eines der Opfer war John Rebus bekannt. Doch was noch merkwürdiger ist: Bereits Ende der 1960er Jahre hat es schon einmal einen Mehrfachkiller gegeben, der drei Opfer in Glasgow auf identische Art und Weise umbrachte. Die Presse nannte ihn damals „Bible John“. Ist dieser nun nach all den Jahren wieder aktiv geworden? Oder hat er einen Nachfolger gefunden? Und wenn ja und der echte „Bible John“ noch lebt – wie wird er auf diesen Nachahmer reagieren? Für den Lowländer Rebus werden die Nachforschungen in den Highlands des Nordostens zu einem Wettrennen gegen die Zeit …

Edinburgh. Glasgow. Aberdeen. Die Shetland-Inseln. Eine Bohrinsel hunderte von Meilen draußen in der rauen Nordsee – mit „Das Souvenir des Mörders“ setzt Ian Rankin den bereits in „Ein eisiger Tod“ begonnenen Trend fort und erweitert den Aktionsradius seines Detectives um ein vielfaches. Und nicht nur hinsichtlich der Schauplätze stößt Rankin mit seiner Rebus-Saga in neue Dimensionen vor. Auch die Art und Weise wie der Schriftsteller die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verknüpft und entwickelt, das Blickfeld seines Ermittlers erweitert, macht deutlich, dass die Lehrzeit endgültig abgeschlossen und der Ton für künftige Romane gefunden ist. Beschränkten sich die ersten Bände noch im klassischen Muster auf einen einzigen zentralen Kriminalfall, den es zu lösen galt, sind die Grenzen zwischen Gut und Böse in „Das Souvenir des Mörders“ nun aufgelöst oder verschwommen. Den einen Mörder, ihn gibt es so nicht mehr. Stattdessen hat sich die Welt, hat sich das Verbrechen globalisiert, ist weit weniger greifbarer geworden. Da arbeitet die Politik Hand in Hand mit den Großkonzernen, schmieren gut organisierte Banden einen korrupten Justizapparat, lässt sich die Presse vor den Karren ihrer freigiebigen Gönner aus der High Society spannen. Und mittendrin John Rebus, der hier nochmal an Statur gewinnt, weil sein Ruf, seine berufliche Zukunft und letztlich sogar sein Leben vom Autor aufs Spiel gesetzt werden.

Ein Kniff, mit dem Ian Rankin der Serie nicht nur neues Leben einhaucht und den negativen Begleiterscheinungen der Routine entgegenwirkt, sondern auch gleichzeitig den epischen Charakter seiner Romane unterstreicht, welche sich, ganz im Stil des großen Vorbilds James Ellroy, nunmehr eher wie eine schottische Chronik denn wie klassische Krimis lesen. Natürlich ist mit dieser Ausrichtung auch eine gewisse Gefahr verbunden, da vielleicht eben gerade Liebhaber des typischen britischen Spannungsromans den zentralen roten Faden vermissen, über die vielen Querverbindungen stolpern oder die flachere Kurve des Spannungsbogens bemängeln. In meinen Augen übertreffen die Vorteile dieser Entscheidung aber bei weitem die Nachteile – auch weil uns Ian Rankin trotz anderer Herangehensweise die elementaren Zutaten nicht vorenthält und seine Handlung mit vielen überraschenden Wendungen spickt, ohne sich dabei künstlicher Effekte bedienen zu müssen.

Im Gegenteil: Reales Tagesgeschehen und fiktive Geschichte werden in genau der richtigen Dosierung vermischt und sorgen im Verbund mit der ökonomischen Schreibweise für den gewohnt authentischen Grundanstrich. Wo andere Krimi-Schriftsteller in jedem ihrer Bücher neue Kaninchen aus dem Hut zaubern müssen, da legt Ian Rankin Wert auf Konstanz. Figuren wie Jack Morton, Brian Holmes, Gill Templer oder Siobhan Clarke sind mehr als nur Füllmaterial – ihre Biographien werden sorgsam gepflegt und ebenso sorgfältig erweitert, wodurch aus einer schlichten Besetzung vertraute Personen werden, an deren Schicksal man ebenso Anteil nehmen kann, wie an dem des Hauptprotagonisten.

Wenngleich eine solche Verwendung des Stammpersonals im Krimi-Kreisen nicht gänzlich unüblich ist (siehe z.B. Michael Connelly), so ist ein anderer Trick Rankins jedoch umso gewagter: Mit Bible John gibt erstmals eine real-existierende Figur, und dann auch noch ein bis heute nicht gefasster Serienmörder, ihr Stelldichein in der Serie, deren Beschreibung sich, von der fiktiven Identität mal abgesehen, eins zu eins mit dem echten Vorbild deckt. Dieses hat tatsächlich zwischen Februar 1968 und Oktober 1969 drei Frauen getötet, um danach von der Bildfläche zu verschwinden. All diese Elemente heben „Das Souvenir des Mörders“ zwar von seinen Vorgängern ab, begründen aber meiner Meinung nach letztlich nicht den Erfolg dieses Kriminalromans, dem ohne eine letzte fehlende Zutat wohl möglich weniger Aufmerksamkeit zuteil geworden wäre. Und diese Zutat lautet „Wut“.

Rankins Sohn Kit war im Juli 1994 auf die Welt gekommen und in den kommenden Monaten darauf schwer krank geworden. Längere Autofahrten zur Kinderklinik nach Bordeaux wurden zur Regel, der Autor aufgrund der schleppenden Genesung seines Sohns zunehmend ungeduldiger. Hinzu kam sein schlechtes Französisch, mit dem er sich bei den Ärzten schlecht verständlich machen konnte, weshalb er oft mit mehr als Fragen als Antworten von diesen Fahrten zurückkam. Rankin zog sich auf den Dachboden des alten Bauernhauses zurück, der außer einem Computer, ein paar Stadtplänen und Fotos von Edinburgh komplett leer war – und plötzlich hatte er wieder die Kontrolle, wenn auch nur über ein fiktives Universum. Hier konnte er Gott spielen. Hier beherrschte er die Sprache. Und er benutzte Rebus als Sandsack, ließ physische und psychische Schläge auf ihn einhämmern. In Folge dessen wurde „Das Souvenir des Mörders“ sein bis hierhin dunkelster und härtester Roman. Der achte Auftritt von John Rebus – er war Ian Rankins persönliches Ventil.

Rankins Gefühle finden ihren Widerhall in John Rebus‘ Welt, der angezählt Treffer kassiert, einen K.O. wegsteckt, um sich dann doch wieder wie ein lästiger Terrier in die Arbeit zu stürzen und dort Resultate erzielt, wo andere längst aufgegeben hätten. Es ist diese Menschlichkeit, diese Mischung aus innerer Verletzlichkeit und schottischem Starrsinn, welche die üblichen Barrikaden zwischen Leser und Geschichte überwindet und das Gelesene so nachhaltig auf uns wirken lässt.

Das Souvenir des Mörders“ ist Ian Rankins bis hierhin bester und in allen Belangen größter Roman – ein schulmeisterliches Beispiel, wie eine schlüssige und packende Krimi-Lektüre auszusehen hat. Fernab jeglicher „Highlander“-Romantik. Schroff. Kantig. Zynisch. Menschlich. Tragisch. Traurig. Schon vorher, aber jetzt endgültig: Rankin ist eine Klasse für sich!

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Das Souvenir des Mörders
  • Originaltitel: Black and Blue
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2005
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442446049

Kampf gegen die Ungewissheit

© Piper

Direkt im Kielwasser von Larssons „Millennium“-Trilogie auf Deutsch erschienen, gehört „Öland“ hierzulande zu den erfolgreichsten skandinavischen Spannungsromanen, dessen Stellenwert Autor Johan Theorin mit den nachfolgenden Titeln „Nebelsturm“ und „Blutstein“ in der früheren Vergangenheit noch zementierte. Gemeinsam mit dem vierten Band „Inselgrab“ bilden sie das so genannte „Jahreszeiten“-Quartett, welches, stets auf der schwedischen Insel Öland spielend, den üblichen Reißerelementen heutiger Krimis zuwiderläuft und sich stattdessen gänzlich auf die atmosphärische Beschreibung des Schauplatzes sowie das Zusammenspiel und die Innerlichkeit der Protagonisten konzentriert.

Ein Ansatz, den Theorin äußerst rigide verfolgt, der aber auch gleichzeitig dem Aufbau eines wirklichen Spannungsbogens nicht immer zuträglich ist. Daher gleich vorneweg: Wer temporeiche Action, Verfolgungsjagden, zerstückelte Leichen und Forensik-Blabla als unabdingbare Zutaten für eine gelungene Lektüre ansieht, sollte von „Öland“ und seinen Nachfolgern besser die Finger lassen. Bereits der Erstling widersetzt sich jeglichem Versuch des Pageturnings, bietet dafür aber ein düster-stimmungsvolles Ambiente. Und eine mit Bedacht, Ruhe und Einfühlungsvermögen vorgetragene Handlung, deren Stille lauter hallt als so manch blutrünstiger Thriller der noch höher gejubelten Konkurrenz.

Schweden, Mitte der 90er Jahre. Die Vergangenheit hat ihre Spuren bei Julia Davidsson hinterlassen. Seit mehr als zwanzig Jahren befindet sie sich im Ungewissen über den Verbleib ihres Sohnes Jens, der als damals Fünfjähriger unbeobachtet das Haus seines Großvaters auf Öland verließ und danach nie wieder gesehen wurde. Ein Verlust, den sie bis zum heutigen Tage nicht überwinden kann. Ebenso wenig wie sie die Erklärung der Polizei akzeptiert, welche das Verschwinden des Jungen als Unfall mit Todesfolge im Meer zu den Akten gelegt hat. Von ihrer Familie lebt Julia fast gänzlich isoliert. Besonders das Verhältnis zu ihrem Vater Gerlof, dem sie insgeheim die Schuld für den unglückseligen Verlauf der Ereignisse (er war vor dem Haus eingeschlafen) gibt, ist belastet. Das jahrelange vergebliche Hoffen erträgt sie inzwischen allein mithilfe von Alkohol und Anti-Depressiva. Umso schockierter ist sie, als sie eines Tages einen Anruf von Gerlof erhält. Ihm wurde anonym per Post eine Sandale zugeschickt. Jens‘ Sandale.

Die Nachricht reißt Julia aus ihrer Lethargie. Sie fährt nach Öland zu ihrem Vater, der dort gemeinsam mit seinem Freund Ernst Adolfsson schon seit längerer Zeit Nachforschungen angestellt und eine Theorie bezüglich Jens‘ Verschwinden hat. Die beiden Senioren glauben, dass Nils Kant den Jungen umgebracht haben könnte. Er galt schon immer als schwarzes Schaf der Insel, war aber zum Zeitpunkt des Unglücks schon viele Jahre tot. Oder hatte er es damals tatsächlich geschafft, seinen Tod vorzutäuschen? Ernst verspricht diesbezüglich einige neue Informationen. Doch als Julia und Gerlof ihn an seinem Arbeitsplatz, dem Steinbruch, treffen wollen, finden sie nur noch seine Leiche vor. Er wurde von einer seiner eigenen Skulpturen erschlagen. Aber war es überhaupt ein Unfall?

Dass die nordischen Kriminalromane in den seltensten Fällen ein Ausbund der heiteren Fröhlichkeit sind, ist mitunter bekannt – dennoch habe ich schon lange nicht mehr eine solch schwermütige, tieftraurige Geschichte gelesen, die, in einer scheinbar aussichtslosen Situation beginnend, im weiteren Verlauf immer wieder die Hoffnungen des Lesers torpediert, am Ende der Lektüre zumindest so etwas ähnliches wie ein Happyend vorzufinden. Tristesse ist die Grundstimmung „Ölands“, dessen titelgebender Schauplatz aber auch eben gerade dieses melancholische Element innewohnt. Geprägt vom rauen Klima und der schroffen, unwirtlichen Fauna ist die Insel seit jeher ein Ort, der es seinen Bewohnern schwer macht, welche ihr nur mit härtester Arbeit einen Ertrag abringen können. Bestes Beispiel dafür ist die Große Alvar, eine mit Gras und Büschen bewucherte Kalksteppe, die weite Teile des inneren Ölands bedeckt und in den kälteren Jahreszeiten für Ortsunkundige zur tödlichen Falle werden kann. Theorin, der selbst für einige Monate im Jahr die schwedische Insel bewohnt, erweckt diese Landschaft nicht nur äußerst eindringlich zum Leben, sondern nutzt auch ihre Eigenheiten, um die Geheimnisse im Fall von Jens‘ Verschwinden immer wieder zu verschleiern.

Dafür nimmt sich der Autor viel, manchmal zu viel Zeit. Fakt ist jedenfalls: Der Roman gewinnt seine Sogkraft in erster Linie durch diese bildreichen Beschreibungen, zumal Theorin sich den häufigen Fehler verkneift, einen halben Reiseführer aus seinem Werk zu machen. Dies wäre hier umso schwerwiegender gewesen, da die Protagonisten, allen voran die ewig suchende Mutter Julia, mich persönlich nicht so recht zu überzeugen wussten. Das mag vor allem daran liegen, dass deren Schicksalsschlag, so grauenvoll und einschneidend er ist, mir ein wenig zu häufig thematisiert wird und nach der Hälfte des Buches ein wenig den mitleidigen Charakter verliert. Stattdessen beginnt das dauernde Gejammer, besonders im Angesicht der Bemühungen ihres Vaters, an den Nerven des Lesers zu nagen. Gerlof andererseits ist der heimliche Gewinner des Romans. Auch weil Theorin uns mit ihm einen gänzlich neuen „Ermittler“ vorsetzt, der durch seine nautische Vergangenheit zu faszinieren weiß und zudem die Verbindung zwischen den parallel laufenden Handlungssträngen darstellt. Während der eine das Sandalen-Geheimnis näher verfolgt, führt uns der andere zurück bis in die späten 30er Jahre, wo wir, beginnend mit seinen ersten Untaten, einen jungen Nils Kant begleiten.

Die Polizei und andere Justizkräfte sind über weite Strecken des Romans außen vor, was der Handlung wiederum einen noch persönlicheren Charakter verleiht. So liest sich „Öland“ dann auch weniger wie ein klassischer Krimi, als vielmehr wie ein tragischer Familienroman, in dem es vor allem um die Verarbeitung eines möglichen Verbrechens geht – und nicht unbedingt um deren lückenlose Aufklärung. Das wird, wie die träge Erzählweise des Autors, sicher nicht jedermanns Sache sein. Ebenso wenig wie die Auflösung, die für mich persönlich jetzt nicht all zu viele Überraschungen bereit gehalten hat. Ein im Ganzen positives Fazit verhindert dies jedoch nicht.

Öland“ ist ein feinsinniger, gefühlvoller, aber auch sehr trauriger Spannungsroman, dessen zentrales Thema, der Kampf gegen die Ungewissheit, auch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigt. Ein wirklich gelungener Erstling.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Johan Theorin
  • Titel: Öland
  • Originaltitel: Öland / Skumtimmen
  • Übersetzer: Kerstin Schöps
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 03/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3492253680

… und dann kommt die Wut.

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© Polar

 Für mich ist dieser Verlag eine der Entdeckungen des letzten Jahres – Polar. Und das nicht nur wegen Sonja Hartls grandiosen Beiträgen auf „Polar Noir“ oder der Gazette, sondern vor allem aufgrund des überzeugenden Programms in Form von lang ersehnten Wiederveröffentlichungen – zuletzt geschehen mit „Cutter and Bone“ von Newton Thornburg – sowie  Neuentdeckungen aus „der Literatur der Krise“, wie z.B. der Autor Gene Kerrigan. Mit „In der Sackgasse“ ist inzwischen schon ein weiteres Buch von dem irischen Schriftsteller bei Polar erschienen – Zeit also, sich ihm mal näher zu widmen und dem mit dem „Gold-Dagger“ prämierten Titel „Die Wut“ einer Analyse zu unterziehen.

„„Wolfgang Franßen ist Theaterregisseur und hat das Leiden und die Freuden an der Kritik am eigenen Leib erfahren. Seit ein paar Jahren widmet er sich der Kriminalliteratur und findet viele Parallelen zwischen dem Geschehen auf der Bühne und der Welt des Verbrechens. Vor allem fasziniert ihn das Anarchische am Krimi, der so wild wuchert, dass er nicht in den Griff zu bekommen ist.

Obwohl, wie ich selbst, schon seit einiger Zeit nicht mehr als Redakteur auf der Internetseite www.krimi-couch.de tätig, ist dieser Text – welcher nicht nur meinen ehemaligen Kollegen, sondern auch sein heutiges Wirken treffend beschreibt – noch immer in der Rubrik „Das Team“ nachzulesen. Wie weit Franßens Gedanken, einen eigenen Verlag für Kriminalliteratur aus der Taufe zu heben, schon damals gediehen waren, kann ich persönlich zwar nicht beurteilen – Fakt ist aber: Das wild wuchernde, anarchische Element des Krimis – es könnte gleichzeitig als Leitpfaden für das Programm des Anfang 2013 in Hamburg eingetragenen Polar-Verlags herhalten. „Die Literatur der Krise, die Poesie des letzten Aufschreis, die Gewalt und die Hetze, der Aufbruch und das Sterben“ – sie sind Franßens eigenen Worten zufolge genau das, was den Polar ausmacht. Und Gene Kerrigans Kriminalroman „Die Wut“, mit dem Gold-Dagger-Award 2012 ausgezeichnet, demnach eine mehr als nur folgerichtige Veröffentlichung.

Kerrigan, Journalist aus Dublin, der seit den 70er Jahren politische Beiträge mit dem Fokus Irland für Zeitungen wie den Sunday Independent verfasst und mehrere Sachbücher, u.a. über die Polizeiarbeit, schrieb, hat hier all seine früheren Tätigkeiten in einem Noir reinsten Wassers vermischt, der sich schon nach wenigen gelesenen Seiten als große Entdeckung meines diesjährigen Lesejahrs erweist – und deutlich unterstreicht, was das Genre Kriminalliteratur, neben der kurzweiligen und oft vor allem kurz währenden Unterhaltung, noch zu leisten imstande ist, wenn die richtige Hand die Feder führt. Die Handlung sei an dieser Stelle kurz „angeteasert“:

Irland kurz nach der Finanzkrise. Die einst reichlichen Geldvorräte der Stadt Dublin sind erschöpft, Grundstückswerte sind gefallen, tausende neuer Häuser bleiben leer oder unfertig. Jobs sind verschwunden, Fabriken und Unternehmen wurden geschlossen. In diesem Klima enttäuschter Hoffnungen und geplatzter Träume passt der Mord an einem korrupten Banker schon fast ins Bild. Dennoch kommen die Ermittlungen der Polizei nur schleppend voran, bis man plötzlich auf Parallelen mit einem früheren Fall stößt. Die Tatwaffe wurde bereits bei einem anderen Mord benutzt, weshalb man Bob Tidey, Detective Sergeant bei der Dubliner Garda und damals verantwortlich, hinzuzieht. Doch der unangepasste Cop hält nicht viel von Teamwork oder den üblichen Dienstwegen und geht schnell eigene Wege, wobei er ein ums andere Mal seine Kontakte zur kriminellen Unterwelt der Stadt nutzt, um an Informationen zu gelangen, was wiederum seine Vorgesetzten nicht gerne sehen. Überhaupt führen ihnen viel zu viele Spuren in höhere Wirtschafts- und Politikerkreise. Und ein Skandal kann das Land, das allerorten medienwirksam Patriotismus und Zusammenhalt propagiert, derzeit überhaupt nicht gebrauchen, weshalb die Akte kurzum geschlossen, der widerspenstige Tidey in den Zwangsurlaub gesteckt wird.

Zur gleichen Zeit plant der erst vor kurzem aus dem Gefängnis entlassene Vincent Naylor einen raffinierten Raub auf einen Geldtransport, bei dem, neben zwei weiteren Komplizen, auch sein Bruder Noel eine wichtige Rolle spielen soll. Und es scheint, als würde sich die lange Vorarbeit auszahlen, denn die Durchführung läuft reibungslos, bis Noel und sein Partner am Fluchtwagen von einem Spezialkommando der Polizei gestellt und beim Zugriff erschossen werden. Maura Coady, Nonne und in jungen Jahren Erzieherin in einem Waisenhaus der katholischen Kirche, hatte das Auto die letzten Tage beobachtet und schließlich Bob Tidey davon unterrichtet, der, vorläufig suspendiert, nun privat aktiv werden muss, denn der jähzornige Vincent sinnt auf Rache für seinen toten Bruder. Bei seinem systematischen Feldzug gegen alle, die in seinen Augen Schuld am Tod Noels tragen, gerät schließlich auch Maura ins Visier, deren Beteiligung von einem eifrigen Journalisten genauso öffentlich gemacht worden ist, wie ihre einstige Verwicklung im systematischen Missbrauchsskandal ihrer Kirche…

Schuld. Reue. Sühne. Nur ein paar der Eckpfeiler um die Gene Kerrigan seinen Kriminalroman aufgebaut hat, welcher mit den inzwischen üblich gewordenen Trends des Genres gänzlich bricht und stattdessen konsequent in unserer Gegenwart verankert ist. Keine Forensik, Psychologen oder Tatortreiniger – „nur“ eine ehrliche, weil menschliche und nachvollziehbare Geschichte, die uns gerade durch das unmittelbare Element und den ernsten Umgang mit Themen wie grundsätzlicher Moral oder gesellschaftlicher Verantwortung in den Bann zu ziehen weiß. Den belehrenden Fingerzeig, den Enthüllungsjournalisten Kerrigan – ihn sucht man, auch zwischen den Zeilen, vergeblich. „Die Wut“ sieht sich ganz in der Tradition der klassischen „Hardboiled“-Vorbilder, nutzt seine Figuren als Überbringer einer Botschaft, welche ein jeder für sich selbst anders verstehen oder interpretieren wird, in den meisten Fällen aber direkt den Finger in die Wunde legt. Die Grenze zwischen Idealismus und Pragmatismus, zwischen Gerechtigkeit und Verbrechen – sie ist die Grauzone in der sich nicht nur Bill Tidey, Vincent Naylor und auch Maura Coady bewegen.

Kerrigan hat eine düstere Welt gezeichnet. Eine Welt voller Risiken und weniger Skrupel, in der ein Schritt in die falsche Richtung ins Dunkel führen kann, in der das Schicksal grimmig, kalt und unerbittlich, in dem Patriotismus nur ein hohler und schaler Begriff ohne Inhalt ist. Eine Welt, in der Pflichterfüllung mehr mit fehlendem Antrieb oder Ambitionen als mit wirklicher Erfüllung zu tun hat. Oder um präziser zu werden: Unsere Welt. Und das ist der Punkt, in dem sich „Die Wut“ von der austauschbaren Masse des Mainstreams abhebt, an Relevanz gewinnt. Der Plot ist kein „Was-wäre-wenn“-Szenario, keins dieser weiteren, bemühten Werke, in die man der Ablenkung wegen abtaucht, um sie anschließend zufrieden und gesättigt zur Seite zu legen. Stattdessen finden wir uns der Mitte von Personen wieder, dessen Charakterzüge und Fehler wir ebenfalls teilen, wodurch nicht nur das eigentliche kriminalistische Element sein Alleinstellungsmerkmal verliert, sondern auch wir plötzlich von der Lektüre mehr verlangen, mehr erwarten. Und Kerrigan liefert, wenn auch unterschwellig, Antworten und Erklärungen, zeigt mittels seiner Figuren, das die Wut keine gesellschaftlichen Schichten kennt. Ohnmacht, Hilflosigkeit oder persönliche Bürden – sie betreffen alle gleichermaßen. Lediglich die Mittel, um mit ihnen klar zu kommen, sind unterschiedlicher Natur. Was für den einen die Reue, ist für den anderen die Rache. Wo die eine Person resigniert, schreitet die andere zur Tat.

Es ist lange her, dass mich ein Autor so clever und vor allem derart stilsicher zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit gewissen Fragen „gezwungen“, mich ein „Noir“ neben meiner üblichen nostalgischen Liebe zu diesem Genre auch auf gefühlsmäßiger Ebene so angegriffen hat. Und vielleicht gerade weil der „Wohlfühlfaktor“ dieser Lektüre gen Null tendiert, bleibt „Die Wut“ nachhaltig in Erinnerung. Interessant dabei: So verheerend die Auswirkungen der Finanzkrise und der geplatzten Immobilienblase für Irland, und insbesondere für Dublin, sind – Kerrigan widmet sich doch (ich denke, auch zu unserem Vorteil) wenig konkret dieser Thematik, enthält dem Leser eine genauere Erklärung der Ursachen vor und zeigt in erster Linie die Situation danach. Und die scheint sinnbildlich für die Richtigkeit von Gandhis einstigem Zitat zu stehen: „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“ Ehemalige Banker oder andere Geschäftsmänner sind längst wieder an die Futtertröge der Finanzpolitik zurückgekehrt, nehmen Einfluss auf polizeiliche Aktivitäten oder versuchen in der Unterwelt gewinnbringend Fuß zu fassen. Das Rad des Geldes – es dreht sich unvermindert weiter.

Die Wut“ – das ist auch ein klares Statement des Polar-Verlags, wohin die Reise in Zukunft gehen soll. Bleibt man sich dieser Richtung treu, kann ich nur konstatieren: Sie mag zwischen den Buchdeckeln oft düster und kalt daherkommen, für uns Leser ist sie wahrhaft rosig. Großes Kompliment für die gelungene Übersetzung eines in allen Belangen überzeugenden Kriminalromans, den ich mit Freuden weiterempfehlen werde. Auf weitere Werke aus Kerrigans Feder darf gespannt gewartet werden.“

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Gene Kerrigan

  • Titel: Die Wut
  • Originaltitel: The Rage
  • Übersetzer: Antje Maria Greisiger
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 8/2014
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 315
  • ISBN: 978-3-945133-06-4