Sophie Kratzenschneiderwümpel kriegt sie alle

elfenbeinkugel

© Edition Phantasia

Nein, Sophie Kratzenschneiderwümpel alias Suing Sophie wie sie auch genannt wird, kommt in „Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shing Li“ („The Mysterious Ivory Ball of Wong Shing Li“) gar nicht vor.  Sie ist die Antagonistin im mysteriösen “The Riddle of the Travelling Skull”, zeigt aber wie keine andere Figur im namensreichen Universum Harry Stephen Keelers, welche kindliche Lust  der Autor an sprachlichen Absurditäten hat. Sie ist damit eine Vorläuferin des von Monty Python unsterblich gemachten deutschen Komponisten Johann Gambolputty de von Ausfern-schplenden-schlitter-crasscrenbon-fried-digger-dingel-dangel-dongel-dungel-burstein-von-knacker-thrasher-apple-banger-horowitz-ticolensic-grander-knotty-spelltinkle-grandlich-grumbelmeyer-spelterwasser-kurstlich-himbeleisen-bahnwagen-gutenabend-bitte-ein-nürnburger-bratwurstl-gerspurten-mitz-weimache-luber-hundsfut-gumberaber-schönendanker-kalbsfleisch-mittler-aucher von Hautkopf of Ulm.

Die weibliche Hauptfigur in der „geheimnisvollen Elfenbeinkugel“ rangiert als Mehitabel Mouse aber nicht weit weg von Miss Sophie. Dito ihr möglicher Zukünftiger Jareth Kilgo, um den sich die lange Erzählung dreht.  Der junge Architekt kann hunderttausend Dollar erben, wenn er nachweist, dass die magischen Elfenbeinkugeln von Seng keinerlei mystische Kräfte besitzen. Gelingt ihm dies nicht, soll das Geld zur Erforschung dieser Kräfte genutzt werden.

So führt ihn sein Weg direkt zu Miss Mouse, die als Sekretärin für ihren Onkel Horace Burlinghame arbeitet, dessen chinesischer Gärtner, der titelgebende Wong Shing Li im Umgang mit den Zauberkugeln bewandert ist.

Kilgo wird zum Teilnehmer einer magischen Vorführung, an deren Ende er fast an die übernatürlichen Fähigkeiten der Kugeln glaubt. Ein Gespräch mit Prof. Dr. rer. nat. Adrian Insett bringt auch keine Klärung, stattdessen wird viel über Pseudo-Philosophie und –Physik doziert  und (nicht nur) über die Zeit als vierte Dimension diskutiert. Das bringt Kilgo nicht weiter, im Gegenteil, er ist bereit, seine Niederlage einzugestehen und aufs Erbe zu verzichten. Immerhin bringt ihm der finanzielle Verlust eine reizende Braut. Mäusehochzeit.

Doch dann nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung und alles ist wieder anders. Bloß ein bisschen Restmagie bleibt.

Hach ja, der Harry Stephen Keeler wieder. Ein Autor, der so unikal war, dass man ihm oft sehr despektierlich begegnete. Was sich auch auf die Publikation seiner Werke auswirkte. So erschien der vorliegende 1957 verfasste Roman „The Mysterious Ivory Ball of Wong Shing Li“ erstmals 1961 – auf Spanisch. Keelers Fähigkeiten als Schriftsteller wurden mit negativen Attributen überhäuft, ihn  als „Ed Wood der  Literatur“ zu titulieren, war nur eine von zahlreichen Schmähungen.

Erst später wurden seine Fabulierkunst, seine Wortspielereien und seine überbordende Phantasie, die in ganz eigene Richtungen abschweifte, sich gerne und durchaus naiv (hier trifft er sich tatsächlich mit Ed Wood, der seine Ideen auch auf Teufel komm raus umsetzte, egal wie unausgegoren sie waren, ob Geld für die Filmproduktion zur Verfügung stand oder ob Hauptdarsteller während der Dreharbeiten starben. Wood ließ sich durch nichts beirren) mit Philosophie, Physik und fernöstlicher Mystik und Wissenschaft auseinandersetzte.

So ist die Diskussion mit Professor Insett im Mittelteil des Buches über die Schriften Lo Tsaus und die vierte Dimension kaum mehr als kurioser Kokolores.  Die Dramaturgie des Romans ist ebenfalls wieder abenteuerlich. So ist eines von Keelers Lieblingsthemen, die problematische, rätselbehaftete Erbschaft, der Aufhänger des Buches, führt aber umgehend zu der 135seitigen Beschreibung einer Magieshow. Die abgelöst wird von der erwähnten „wissenschaftlichen“ Diskussion, die keine weitere Bedeutung für den Fortlauf der Geschichte besitzt, sondern einfach nur eine Zäsur darstellt. Denn der Schlusssteil dient nur dazu, die Zaubervorstellung mit ihren sehr realen Hintergründen zu durchleuchten  und die Romanze von Jareth Kilgo und Mehitabel Mouse zu einem versöhnlichen Ende zu bringen. Ein klein bisschen Unaufgeklärtes und Magie am Abendhimmel bleiben bestehen.

Das besitzt – fast wie bei Keeler gewohnt – eine Nulllinie als Spannungskurve, das Triptychon des Dramas ist vorhanden, spielt aber keine Rolle, weil jede Episode ziemlich selbstzufrieden abgespult wird. Ist trotzdem amüsant wegen all der Absurditäten, der Sprachspiele und gut versteckten kleinen Denkanstöße. Der Enthusiasmus mit dem „Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shin Li“ unters Lesepublikum gebracht wird, ist ansteckend. Dazu passt auch, dass die „Kugeln von Seng“ bestenfalls ein Red Herring sind und für die drei Episoden überhaupt keine Bedeutung besitzen. Oder sollte doch mehr dahinterstecken? Magie vielleicht…

Ach ja, als Mystery ohne Thrill geht „Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shin Li“ wohl durch, als Kriminalroman kaum.

Wertung: Pi × Lo Faus IQ ÷ 3 Kugeln von Seng von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Harry Stephen Keeler
  • Titel: Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shin Li
  • Originaltitel: The Mysterious Ivory Ball of Wong Shing Li
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Edition Phantasia
  • Erschienen: 01.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 350
  • ISBN: 978-3-924959-95-1

„Cherchez la femme!“

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(c) Ariadne

Bereits  2013 erschienen, scheint Clementine Skorpils großartiges Portrait des Shanghais der 20er Jahre seitdem nur wenige Leser gefunden zu haben. Inwiefern meine Besprechung etwas daran ändern kann, sei mal dahingestellt. Fakt ist jedenfalls: „Gefallene Blüten“ ist eine dieser Perlen, welche es zu entdecken gilt und eine meiner persönlichen Entdeckungen der letzten Monate. Warum erläutere ich hier:

„Dominique Manotti, Merle Kröger, Christine Lehmann, Monika Geier, Anne Goldmann – und bald folgt die Wiederentdeckung von Malla Nunn. Der Verlag Ariadne/Argument ist inzwischen längst weit mehr als nur ein Geheimtipp und hat sich – auch aufgrund der vielen Titel, welche immer wieder auf der Krimi-Zeit-Bestenliste landen – einen festen Platz im elitären Kreis derer erobert, die Kennern des Genres „das Besondere“ fernab des Mainstreams kredenzen. Soll heißen: Wer zwischen Bushaltestelle und Arbeitsplatz mal schnell einen Reißer schmökern und möglichst wenig Zeit investieren will (und vielleicht auch kann), ist hier in der Regel beim falschen „Anbieter“ gelandet bzw. mit den Titeln der oben genannten Schriftstellerinnen eher schlecht beraten, die vom Leser genauso viel fordern, wie sie ihm letztlich wiedergeben. Auch Clementine Skorpils „Gefallene Blüten“ – bereits im März des Jahres 2013 erschienen und von mir (sträflicherweise) mehr als zwei Jahre unbeachtet geblieben – macht da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil:

Nachdem ich noch kurz zuvor den ebenfalls historischen Kriminalroman „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister) für die genaue Recherche und das perfekt eingefangene Flair hoch gelobt habe (Rezension folgt hier in Kürze), muss ich hier nun Kopf kratzend nach größeren Superlativen suchen. Skorpil – Historikerin, Journalistin und Lektorin – setzt tatsächlich neue Maßstäbe, wenn es darum geht, fiktive Handlungen mit real-geschichtlichen Ereignissen zu verknüpfen. Und sie tut dies derart hervorragend, einfühlsam und detailliert, dass man für die Dauer der Lektüre das 21. Jahrhundert vollkommen ausblendet. Gänzlich gebannt der Handlung folgend, welche im Jahr 1926 ihren Anfang nimmt:

Shanghai. „Die Stadt über dem Meer“. Mitte der 20er Jahre ein Hotspot, der zwar zu den schicksten, aber auch zu den verruchtesten Orten der Welt zählt und sich hinsichtlich Gewalt und Kriminalität nicht hinter dem Chicago desselben Zeitraums verstecken muss. In dem Chaos, das der Chinesischen Revolution von 1911 gefolgt ist, konnte sich keine der um Macht ringenden Parteien durchsetzen. Warlords besetzen und beherrschen kleinere oder größere Territorien und herrschen auf ihrem Gebiet wie Sonnenkönige. Die Regierung in Bejing übt ihre Funktion de facto nur in der Hauptstadt und der unmittelbaren Umgebung aus, wohingegen die über Jahrzehnte andauernde Besiedlung Shanghais durch die Europäer, die Stadt in mehrere Zonen unterteilt hat. Das International Settlement, von Amerikanern und Engländern verwaltet, die Französische Konzession und die Chinesenstadt (Zhabei). Jede Zone verfügt über eigene Gesetze, Legislative und Exekutive, was die Strafverfolgung extrem erschwert. Am Opiumhandel verdienen die Kolonialmächte Unsummen. Und auch illegales Glücksspiel und Prostitution florieren.

Das muss auch die alte, eigenwillige Ai Ping erfahren, welche ihr Heimatdorf verlassen hat, um in Shanghai nach ihrer verschollenen Enkelin zu suchen. Auf schmerzenden (gebundenen) Füßen wandert sie durch die riesige Stadt und verzweifelt bald an ihrer mangelnden Eignung als Detektiv. Die Spur, welche sie zu den Kurtisanenhäusern, ins Reich der „wilden Hennen“, führt, verliert sich und Ai-Ping sieht keinerlei Möglichkeit mehr herauszufinden. Zum Glück stößt sie auf den kommunistischen Studenten Lou Mang. Ein Weltverbesserer, der unermüdlich versucht, die Fabrikarbeiter zu agitieren und einer kommenden Revolution den Weg zu bereiten – und der leider chronisch pleite und nicht mal in der Lage ist, seine Miete zu bezahlen. Die übernimmt nun Ai Ping im Austausch für seine Dienste als Ermittler. Und seine Arbeit trägt bald Früchte. „Pflaumenblüte“, wie Ai Pings Enkelin in Kurtisanenkreisen heißt, war offensichtlich vor ihrem Verschwinden mit dem Komprador Liu Er zusammen. Ist sie gar in dessen Ermordung verwickelt? Oder wurde sie ebenfalls umgebracht?

Lou Mangs Nachforschungen kreuzen schnell die Wege der „Green Gang“, der größten Triade Shanghais. Und dessen Pate Du Yuesheng, genannt „Großohr Du“, ist bekannt dafür, mit Störenfrieden kurzen Prozess machen…

Ai Ping, Lou Mang, Wei Long, Du Yuesheng – Ich muss ehrlich gestehen, dass mir der Einstieg in „Gefallene Blüten“ alles andere als leicht gefallen ist, zumal ich seit jeher keinen wirklichen Bezug zum östlichen Asien (Korea, China und Japan) aufbauen konnte und mich hier in erster Linie die „Gangster“-Thematik bzw. der zeitliche Kontext und das europäische Flair Shanghais lockten. Dementsprechend zäh gestaltete sich die Lektüre auf den ersten Seiten, weswegen ich kurzzeitig gar mit einem Abbruch kokettiert habe. Nachträglich lässt sich nur konstatieren: Was wäre das ein Fehler gewesen, denn nachdem man sich erst einmal an das ungewohnte Umfeld gewöhnt und die Namen den Figuren zugeordnet hat (das Personenregister am Anfang ist da sehr hilfreich!), saugt einen die in allen Belangen außergewöhnliche Geschichte geradezu zwischen die Buchdeckel. Das Moloch Shanghai, seine Bewohner, sein Klima, sein Sound – Clementine Skorpil fängt dies bis ins kleinste Detail ein, was entweder Zeichen der ausführlichen Recherche oder ein Beweis für Seelenwanderung ist. Anders lässt sich jedenfalls nicht rational erklären, warum eine Österreicherin derart authentisch eine längst vergangene Zeit lebendig macht.

Wenn sich Ai Ping mit gebundenen Füßen (bisher hatte ich davon noch nichts gehört – die anschließende Beschäftigung mit dem Thema hat den Roman noch tiefer wirken lassen) durch die engen Gassen der Stadt schleppt, meint man die verschwitzte Kleidung am Körper kleben zu spüren, den Geruch exotischer Gerichte in der Nase zu riechen, den Lärm der Kulis in den Ohren zu hören. Wie bereits eine andere Rezensentin auf loveybooks äußerst treffend bemerkt: „… ein Erlebnis für alle Sinne“ Und gleichzeitig auch ein musterhaftes Beispiel dafür, wozu Literatur in der Lage ist, wenn der/die Richtige die Feder führt. Atmosphäre ist das Stichwort – und die ist hier tatsächlich so dicht und dick, dass man sie mit dem Messer schneiden kann. Und das nicht nur, weil man mit Adjektiven überhäuft wird oder die Autorin sich in seitenlangen Beschreibungen ergeht. Nein; Clementine Skorpil findet genau das richtige Maß zwischen notwendigem Spannungsbogen und Landschaftsmalerei, wodurch dieses Sinneserlebnis stets ein kurzweiliges bleibt, das sich keinerlei Atempausen gönnt.

Auch in der Zeichnung der Figuren geht Clementine Skorpil äußerst geschickt vor. Sieht man mal von den beiden Hauptprotagonisten sowie dem hilfreichen „Mandarin“ Wei Long ab, wird der Rest dieses durchweg ziemlich düsteren Zeitgemäldes gänzlich von historischen Figuren getragen. „Großohr Du“, Victor Sassoon, Lin Guisheng, „Pockennarben-Huang“ – sie alle hat es wirklich gegeben und mussten nur dezent der Handlung angepasst werden, um in dieser zu funktionieren, denn vieles von dem, was Skorpil hier erzählt, ist tatsächlich so passiert. Vom Brand des Palace Hotels bis hin zu den Vorbereitungen des Massakers, das im Namen Chiang Kai-Sheks ein Jahr später unter den Kommunisten verübt worden ist. Und auch an dieser Stelle muss wieder ein Extra-Lob ausgesprochen werden. Geschichtlich verbriefte Personen zu verwenden ist kein neuer Kniff und wird von vielen Schriftstellern gerne genutzt – selten, wirklich sehr selten, betten sie sich aber dermaßen perfekt und fließend ein. Von Künstlichkeit keine Spur. Die Struktur des Romans wird an keiner Stelle einem Aha-Effekt geopfert. Wozu auch, reichen doch die realen Zustände der damaligen Zeit gänzlich aus, um dem Werk Tiefgang und emotionale Durchschlagskraft zu verleihen.

Kinder, die mit bloßen Händen in Lauge Seide kochen. Frauen, die ihren Körper dem Meistbietenden verkaufen. Väter, die ihre Söhne wie Fleisch an spezielle Liebhaber auf dem Land verscherbeln. Die sozialen Missstände des Shanghais der 20er Jahre unterfüttern den ohnehin bedrückenden Roman noch zusätzlich und lassen gleichzeitig den Nährboden erkennen, auf dem in nicht allzu ferner Zukunft Mao Zedong schließlich seine Revolution ernten wird (Der „Großspurige“ hat übrigens auch einen kleinen, augenzwinkernden Auftritt, dessen lyrische „Versuche“ betreffend). Überhaupt sollte Skorpils feines Gespür für Humor Erwähnung finden, der die im Ganzen doch äußerst bittere und in seinen Bildern nicht selten drastische Geschichte etwas auflockern kann. Dass die Autorin dann nebenbei und gut versteckt auch noch Zeit findet, unser eigenes Handeln einer Nachbetrachtung zu unterziehen, ist nur ein weiterer Beweis ihrer Klasse.

Gefallene Blüten“ – von mir anfangs als Roman der Kategorie „Lesen-und-weiterverschenken“ angedacht – entpuppt sich nach knapp 350 gelesenen Seiten als eine meiner persönlichen Entdeckungen des Jahres. Ein sowohl in Sprache als auch in historischer Akkuratesse herausragendes Werk, das mir lange im Gedächtnis bleiben wird und meine Neugier für das China der 20er Jahre erst so richtig befeuert hat. Sehr geehrte Frau Skorpil – vielen Dank dafür und gerne, gerne mehr davon!“

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Clementine Skorpil

  • Titel: Gefallene Blüten
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Argument/Ariadne
  • Erschienen: 03.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-386754-212-8