Ein Engel auf Erden

© Ullstein

Es hatte sich schon im Vorgänger „Die weiße Straße“ immer mehr angedeutet, mit „Der brennende Engel“ wird es nun Gewissheit: John Connolly hat den Pfad des reinen Hardboiled-Romans endgültig verlassen und sich in die stilistischen und thematischen Gefilde des Mystery-Horrors begeben.

Eine Entscheidung, die nach den vielen vorhergegangenen Andeutungen zwar nicht mehr überraschen dürfte, mir allerdings insofern bitter aufstößt, da besonders die ersten Bände der Charlie-„Bird“-Parker – düstere Romane in der Tradition des klassischen „Noir“ – zum Besten gehören, was ich bis dato in diesem Genre lesen durfte. Dem ward jetzt der Rücken gekehrt, um stattdessen im überjagten Revier von Dan Brown, Raymond Khouri und Co. zu wildern, womöglich in der irrigen Annahme, so eine neue Zielgruppe für seine Serie zu erschließen. Irrig deswegen, weil der zwar schon immer sehr drastische Horror der Vorgänger in diesem Blutmenetekel um gefallene Engel, christliche Geheimbünde und dämonische Nazi-Überreste stellenweise bis zur Unerträglichkeit pervertiert wird. Und gerne würde ich behaupten, dass von der Handlung her mehr drin gewesen wäre, aber ein kurzer Anriss sollte auch die Sinnlosigkeit solcher Hoffnungen verdeutlichen:

Charlie „Bird“ Parker hat in der Vergangenheit viele Verluste erlitten, sich aber jetzt mit Frau und Kind ein neues Leben aufgebaut. Ein Leben allerdings, das überschattet wird von den Besuchern einer abgrundtief bösen Welt jenseits der Realität, welche sich lange Zeit nur durch ein unwirkliches und ungutes Gefühl bemerkt gemacht haben, seit dem Zusammentreffen mit dem wahnsinnigen „Prediger“ Aaron Faulkner aber zu einer greifbaren Bedrohung geworden sind. Parkers Versuche sicher dieser Welt zu entziehen, sind allenfalls halbherzig und von vorneherein zum Scheitern verurteilt, als sein enger Freund Louis, ein Berufskiller mit fragwürdiger Moral, seine Hilfe braucht.

Alice, die Tochter von Louis‘ Tante Martha, ist spurlos verschwunden und die beiden ungleichen Freunde machen sich gemeinsam auf die Suche. Ihre Ermittlungen führen in das Rotlichtmilieu, wo Alice als Prostituierte tätig war, und kreuzen dabei den Weg eines gewissen Mr. Brightwell. Ein im wahrsten Sinne des Wortes diabolischer Gegner, gehört er doch zu den gefallenen Engeln, welche einst gegen Gott rebellierten und gemeinsam mit Luzifer aus dem Himmel vertrieben wurden, um ihr Leben in menschlicher Gestalt unter den Menschen zu verbringen – daran arbeitend, irgendwann endliche Rache für ihren Fall nehmen zu können (Ja, sie lesen richtig). Als ein Instrument dieser Rache dient ein archaisches Dokument, welches vor vielen hundert Jahren zerteilt und über die ganze Welt verstreut wurde. Brightwell soll diese Stücke ausfindig machen und wird ausgerechnet bei Alice und ihrer Freundin Sereta fündig. Als die Blutspur des teuflischen Vollstreckers immer länger wird, sieht sich Parker zum Handeln gezwungen, nicht wissend, dass seine eigene Vergangenheit eng mit der Brightwells verbunden ist …

Statt weltlicher Gewalt, Korruption, Rachegelüsten und menschlicher Verderbtheit hebt Connolly nun in „Der brennende Engel“ die Welt um Hauptfigur Parker auf eine esoterische Ebene. Gefallene, rebellische Engel, ein fanatischer Totenkult, übermenschliche und unsterbliche Gegenspieler. Irgendwie ein dicker Drops den man hier nicht nur über knapp 500 Seiten lutschen, sondern letztlich auch schlucken muss und der wohl auch die Grenzen der Geduld von so manchem Leser ausloten wird. Fakt ist: Der Autor hat sich von sicherem Boden auf dünnes Eis begeben, denn wo zuvor die Plots stimmig daherkamen, tun sich die Protagonisten im fünften Band der Serie mit ihren neuen Rollen auffällig schwer. Die Erkenntnis, was und wer z.B. Parker in Wirklichkeit ist, beißt sich mit dem im Grunde typischen Detective-Eye-Fall und wertet zudem die durchlittenen Tiefschläge der Vorgänger deutlich ab. Mehr noch: Man fragt sich langsam, ob das überhaupt noch ein und dieselbe Figur ist.

Connolly verliert beim Seiltanz zwischen den Genreelementen hier mehr als einmal die Balance. Stellenweise schrammt die Geschichte gar nah an der Lächerlichkeit vorbei, wenn der Fokus der Handlung von Schwiegermutterpredigt und Freundinnen-Gezicke plötzlich wieder auf den brutalen Mord an einer Frau schwenkt, der nebenbei noch gleich die Seele ausgesaugt wird. So sehr bemüht Connolly ist, der Geschichte einen stimmigen Rahmen zu geben – allzu oft wirkt sie nur konstruiert, werden Handlungsfäden gewaltsam ineinander geschoben, wo sie früher, mit mehr Überraschungen behaftet, von selbst zueinander gefunden haben. Selbst Louis und Angel bleiben (nicht nur was den humorigen Schlagabtausch angeht) blass, zu bloßen „Hitmen“ degradiert, deren Rollen nach dem Beginn des Buches der Überflüssigkeit preisgegeben werden. Auch weil man sich angesichts übermenschlicher Gegner fragt, welchen Sinn es macht, überhaupt noch zur Waffe zu greifen.

Größer Kritikpunkt bleibt jedoch vor allem das Tempo der Geschichte. Für einen Parker-Roman geht es unheimlich gemächlich und behäbig voran. Die sonst so präsente, urwüchsige und packende Sprachgewalt blitzt nur selten auf. Und auch Parkers neueste Nemesis, Mr. Brightwell, ist nur ein schwacher Abklatsch von Caleb Kyle, Faulkner oder Mr. Pudd. Gerade deren unsichtbare, unbekannte Macht sorgte in den vorhergehenden Büchern für dieses stetige Gefahrenmoment, diesen unwohlen Schauer, der, weniger greifbar, weit mehr auf den Leser gewirkt hat, als die drastischen Ausbrüche roher Gewalt. All das spritzende Blut, das Knochenbrechen und Foltern – es ermüdet, hat den gegenteiligen Effekt, verkehrt vieles ins Absurde. Und auch das Finale, durchaus atmosphärisch und gefällig inszeniert, birgt leider keinerlei Überraschungen und lässt zudem viele Fragen offen. Keine Spur von dem Kitzel, dieser beklemmenden, unheimlichen Gänsehaut, die sonst noch nach Zuklappen eines Connolly-Buches den Leser in den Klauen hält.

Der brennende Engel“ ist nach „Die weiße Straße“ ein weiterer Rückschlag für diese grandios gestartete Reihe, den ich als Quereinsteiger wahrscheinlich über die volle Distanz nicht durchgehalten hätte. Es bleibt zu hoffen, dass sich Connolly wieder recht bald auf seine eigentlichen Tugenden besinnt und die nächste Auffahrt bekommt, bevor er die Serie komplett an die Wand fährt.

Wertung: 71 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Der brennende Engel
  • Originaltitel: The Black Angel
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 11.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 512 Seiten
  • ISBN: 978-3548280486
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Goin‘ down the only road I’ve ever known …

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© Ullstein

Weiter geht es mit unserer bloginternen Connolly-Marathon. Doch wo sonst in den ersten drei Bänden der Charlie „Bird“ Parker-Reihe die Lobeshymnen nur so aufs Papier gepurzelt sind, herrscht hier plötzlich bei mir nur große Ernüchterung. Warum hat mich das Buch nicht wie die Vorgänger begeistert? Bin ich des rächenden Privatdetektivs mit seinen beiden treffsicheren Freunden Angel und Louis etwa überdrüssig geworden?

Fragen, die mir seit Ende der Lektüre des vierten Teils der Reihe durch den Kopf gingen, in dem John Connolly zwar einmal mehr mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten glänzt, aber gleichzeitig eine überraschende Ideenarmut an den Tag legt, welche dazu führt, dass sich das Buch eher wie die zweite Hälfte von „In tiefer Finsternis“ liest, denn wie ein eigenständiges Buch. Eine Tatsache, die nicht nur letztendlich das Leseerlebnis getrübt hat, sondern auch neu hinzugekommenen Lesern den Einstieg fast gänzlich unmöglich macht, da Connolly die Kenntnis der Vorgängerromane einfach voraussetzt und nicht näher erläuternd auf sie eingeht. Ein echtes Manko, klingt doch die im Klappentext angerissene Geschichte mehr als spannend und lässt Großes erwarten:

Gut drei Jahre sind vergangen, seit der ehemalige New Yorker Cop Charles, genannt „Bird“, Parker, seine Frau und Tochter an einen brutalen Serienkiller verloren hat. Nun wagt er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Rachel, die mittlerweile schwanger ist, einen Neuanfang. Seine neue Tätigkeit als Privatdetektiv lässt sie beide gut über die Runden kommen, gemeinsam genießt man die Idylle im neuen Heim (das Haus des Großvaters wurde verkauft) samt obligatorischen Hund. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfindet Parker so etwas wie Glück und Zufriedenheit. Und doch, wie so oft in seinem Leben, ziehen bereits dunkle Wolken auf. Der sinistre Prediger Faulkner, den er einige Zeit zuvor noch höchstpersönlich hinter Schloss und Riegel gebracht hat, sinnt in seiner Zelle auf Rache. Er will Vergeltung für den Tod seiner Kinder (siehe „In tiefer Finsternis“) und scheint sogar schon in Bälde dafür die Gelegenheit zu bekommen, denn die Beweislage gegen ihn ist alles andere als eindeutig, was sein Verteidiger nun ausnutzen will, um ihn auf Kaution frei zu bekommen. Parker ist klar, dass, wenn man Faulkner auf freien Fuß setzt, dieser sofort abtauchen und seine kleine Familie zur Zielscheibe wird. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erreicht ihn zur gleichen Zeit auch noch ein Hilferuf.

Elliot Norton, ein Freund aus New Yorker Tagen und Anwalt in der Südstaatenstadt Charleston, bittet Parker um Unterstützung bei seinem derzeitigen Mandat. Atys Jones, ein 19-jähriger schwarzer Junge und sein aktueller Klient, wird beschuldigt seine Freundin, die weiße Marianne Larousse, Tochter des reichen Industriemagnaten Earl Larousse, vergewaltigt und dann erschlagen zu haben. Die Bevölkerung rund um den kleinen Ort Grace Falls fordert den Kopf des Jungen. Elliot Norton fürchtet um das Leben seines Klienten und braucht dringend Hilfe. Parker, der Rachel nicht allein lassen will, steckt in einer moralischen Zwickmühle, zumal er selbst noch einen Fall zu bearbeiten und ein seit langem vermisstes Mädchen zu finden hat. Nach einem Anschlag auf Nortons Leben infolge dessen diesem fast sein Haus abbrennt, reist Parker schließlich doch, wenn auch schweren Herzens, in den Süden.

Schon kurz nach seiner Ankunft wird ihm klar, dass Norton nicht alles preisgegeben hat. Die Bevölkerung kocht vor Zorn und ein Bund skrupelloser Nazis und Rassisten, welche zudem in Kontakt mit dem „Prediger“ zu stehen scheinen, trachtet ihm bald nach dem Leben. Als dann auch noch Louis und Angel, Parkers beste und treffsicherste Freunde auf der Bildfläche erscheinen, droht das hochexplosive Gemisch aus Gewalt und Hass endgültig in die Luft zu gehen …

„Same procedure as last book, Mr. Connolly?“ „Same procedure as every book!“ So oder ähnlich ließe sich gemeinerweise der Grundtenor zusammenfassen, der sich letztendlich aus dem Eindruck von „Die weiße Straße“ ergibt. Und es ist schon was Wahres dran, denn der Autor kopiert viel bei sich selbst, um aus einer unter näherer Betrachtung simplen Grundstory wieder mal ein in sich stimmiges und spannendes Lesevergnügen zu schmieden. Erneut sind die Gegenspieler äußerst hassenswerte Gestalten, erneut tritt das coole schwule Killerpaar auf den Plan, um den Tag zu retten. Und erneut ist das alles gut geschrieben, wäre da nicht dieses gewisse Déjà-vu-Gefühl, das sich spätestens beim Auftauchen des Predigers einstellt. Warum man ihn wieder aus dem Hut gezaubert hat, wird sich wohl erst im weiteren Lauf der Reihe herausstellen. Fakt ist jedoch, dass Connolly ihn als Werkzeug gebraucht, um den langsamen, aber stetigen Wandel der Reihe von der Hardboiled-Detective-Eye-Literatur zum eher mystischen Milieu einzuläuten. Schwarze Engel, welche über den Gefängnistürmen kreisen. Beschuppte Frauen in langen weißen Gewändern. Die Themen „dunkle Welt“ und „weiße Straße“ werden hier jetzt noch expliziter hervorgehoben, was dazu führt, das die gerade so bedrückende und mitfühlende Nähe zur Figur Charlie „Bird“ Parker irgendwie verloren geht.

Meiner Meinung nach ein Fehler, ist Parker doch der Leim der Connollys Bücher zuvor zusammengehalten bzw. sie einzigartig gemacht hat. Das wird besonders in jenen Passagen deutlich, wo der Autor auf ältere Ereignisse eingeht, um die Figur näher zu beschreiben. Eine Weiterentwicklung oder gar Wandlung macht sie nämlich hier nicht durch, was auch zur Folge hat, dass die Geschichte sich lange Zeit ungewöhnlich zäh und langatmig liest. Wo sonst schon nach wenigen Seiten Adrenalin und Wohlfühlschauerfaktor in die Höhe schossen, blieb ich dieses Mal seltsam ungerührt.

Nun jedoch zum Positiven, denn das kann sich immer noch sehen und lesen lassen. John Connollys Darstellung des immer noch von Fanatismus und Rassismus durchzogenen Südens legt einmal mehr Zeugnis von seinen schriftstellerischen Qualitäten ab und überzeugt mit einer literarischen Akribie und tiefgehender Eindringlichkeit. Besonders die Anfangsszene, in der sich ein Lynchmob für die bevorstehende Verbrennung eines Schwarzen versammelt, hinterlässt beim Leser Spuren, wenngleich sich wohl der ein oder andere an den Film „Die Jury“ erinnert fühlen wird.

Zudem betätigt sich Connolly wieder als meisterhafter Landschaftsmaler, der die Natur des Südens bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt und den gebannten Beobachter so geistig in selbige Gefilde katapultiert. Wenn Parker durch von Spanischem Moos behangene Bäume stolpert, um im Dickicht Zuflucht vor einem mysteriösen Verfolger zu suchen, packt man die Seiten dieses Buches unwillkürlich fester. Lockern tut man sie meist erst dann, wenn auf der Bildfläche Louis und Angel erscheinen, die natürlich wieder für manchen schwarzhumorigen Gag gut sind, insgesamt aber noch ernster herüberkommen als in den Vorgängerromanen. Connolly geht näher auf ihre bis hierhin eher nebulöse Lebensgeschichte ein, wiewohl ich mir gewünscht hätte, dass er sich für beide noch etwas mehr Zeit genommen bzw. sie stärker in die Geschichte mit eingebaut hätte.

Am Schluss führen viele Fäden, wenngleich auch nicht alle, zusammen, wobei die sich dort überschlagenden Ereignisse irgendwie nicht ganz zum eher ruhigeren Erzählton des ersten Drittels passen wollen. Es scheint ganz so, als wollte da jemand möglichst schnell zum Ende kommen.

Am Ende ist „Die weiße Straße“ zwar immer noch ein waschechter Connolly, der jedoch qualitativ nicht an die Vorgänger anknüpfen kann und mit seiner irgendie arg entzerrten Erzählweise für ungewohnte Längen sorgt. Wer auf harte, düstere Literatur mit einem Schuss Phantastik steht, wird letztendlich aber immer noch blendend unterhalten.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Die weiße Straße
  • Originaltitel: The White Road
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548267890

Along came a Spider

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© Ullstein

Nicht selten sind die Titel der deutschen Bücher schlecht gewählt, sehr oft sogar soweit weg vom Original, dass der interessierte Käufer einen Bezug zum Inhalt vergeblich sucht. In diesem Fall hat man allerdings eine gute Entscheidung getroffen, denn John Connolly führt uns mit dem dritten Band der Charlie „Bird“ Parker-Reihe tatsächlich (und erneut) an Orte, wo tiefste Finsternis herrscht.

Während die Konkurrenz solch düstere Plots in erster Linie mit viel Blut, viel Gedärmen und viel billigem Sex unterfüttert, zeigt Connolly einmal mehr, welch erstklassiger Schreiberling er ist. Geschickt mischt er Thriller-, Schock- und Mystery-Elemente miteinander und bringt ein Werk auf Papier, das sowohl sprachlich als auch dramaturgisch zur ersten Liga zählt. Und wer nach dem fulminanten Vorgänger „Das dunkle Vermächtnis“ dachte, der Autor könne diesen hohen Level nicht halten, sieht sich schon nach wenigen Seiten eines Besseren belehrt.

Nach dem gewaltsamen Zusammentreffen mit Caleb Kyle, wollte sich Charlie Parker, Ex-Cop und mittlerweile Privatdetektiv, ein wenig Ruhe gönnen. Ein paar Fälle in Sachen Wirtschaftskriminalität hier und da, ein wenig Fitnesstraining, die Einsamkeit in seinem Haus in Scarborough genießen. Doch irgendwie scheint das Böse den Weg zu ihm stets zu finden und er findet sich schon bald mit einem verzwickten Fall konfrontiert. Als man bei Waldarbeiten im Norden des Bundesstaates Maine ein Massengrab entdeckt, wird Parker von dem Millionär Jack Mercier angeheuert, um nicht etwa die Hintergründe der aufgefundenen Toten zu erklären, sondern weil seine alte Jugendfreundin Grace Peltier fast zeitgleich mit Auffinden des Grabes angeblich Selbstmord begangen hat. Der Vater der Toten glaubt dies nicht und bittet Charlie darum Nachforschungen anzustellen. „Was kann das schon schaden?

„Bird“ soll schon kurz darauf eine Antwort auf die Frage des sorgenvollen Vaters erhalten. Über die verschwundene Doktorarbeit von Grace, in welcher sie über das Verschwinden der Aroostook-Baptisten referiert, stößt er auf eine eigenartige Sekte, welche sich „Die Bruderschaft“ nennt. Hier findet er verschlossene Türen für seine Fragen vor und wird „dezent“ darauf hingewiesen, seine Ermittlungen einzustellen. Als die Drohungen zunehmen, der Mob aus Boston sich einschaltet und ein mysteriöser Killer namens „Golem“ die Gegend unsicher macht, spielt Charlie wieder mal seine Trumpfkarte aus… Louis und Angel, das schwule Pärchen und die beste Unterstützung im Kugelhagel, eilen zur Hilfe, welche der Privatdetektiv nun auch braucht, denn er hat nicht nur in ein Wespennest – oder sollte ich besser sagen Spinnennest gestochen, sondern gleichzeitig sich und seine Freunde in höchste Gefahr gebracht.

Was hat das alles mit dem Massengrab zu tun? Wer ist der schauderhafte Spinnenliebhaber Mr. Pudd? Und was hat es mit dem kleinen Jungen auf sich, dem Charlie immer wieder begegnet? Fragen, die John Connolly mit einer traumwandlerischen Sicherheit verarbeitet, an der sich ein Gros der Konkurrenz gern mal ein Beispiel nehmen darf und die dem ein oder anderen vielleicht gar vor Neid das Wasser in die Augen treibt. Einfach gekonnt, nein, mitunter sogar meisterhaft, wie der Autor hier die verschiedenen Sujets zu einem stimmigen Ganzen vermischt. Wo Kollegen früh ins Reißerische verfallen, der Plot schnell unrealistisch wirkt, findet der irische Autor stets das richtige Maß und kreiert eine Geschichte, die von Kapitel zu Kapitel Fahrt aufnimmt und Spannung gewinnt, um sich schließlich in einem beeindruckenden Showdown zu entladen. Im Mittelpunkt stehen dabei wieder diese herrlich bösen Gegenspieler, die derart finster und dreckig daherkommen, dass sie nur noch entfernt menschlich wirken. Sie sind das Salz in der Suppe, machen – trotz oder vielleicht gerade wegen der Überzeichnungen – die Faszination dieser Reihe aus und verursachen allenthalben wohligen Schauer und Nackenhaarsträuben. In diesem Fall vor allem in Person des ekelhaft-irren Mr. Pudd, der allein schon durch seine Beschreibung für fest geknautschte Sofalehnen sorgt und seinen Vorgängern, dem „Fahrenden Mann“ und „Caleb Kyle“, in Punkto Gefahrenmoment in Nichts nachsteht.

Gewalt wird hier nicht eingebaut, sie wird mitunter zelebriert, denn einem Racheengel gleich marschiert Parker voran, um seine Art der Gerechtigkeit für all diejenigen walten zu lassen, die selbst hilflos sind. Selbstjustiz ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern eine Notwendigkeit, welche angewandt wird, wann immer die Justiz versagt. Und in diesem Fall ist sie nicht mal ansatzweise in Sicht, wodurch das Buch einen Ton erhält, der tatsächlich noch einen Tick dunkler ist als der der beiden Vorgängerromane. Wuchtig und brachial zeigt uns Connolly die hässlichste Seite der Welt, die Fratze des Grauens, welcher der Leser allerdings auch gewachsen sein muss. Wer sich vor brutalster Gewalt und Blut ekelt, nichts über verstümmelte Leichen, Folter und ähnliche Perversitäten lesen möchte oder gar unter Arachnophobie leidet, sollte von diesem Buch die Finger lassen. Alle anderen bekommen einen Mystery-Hardboiled-Mischling kredenzt, der Dauerspannung und ordentlich beklemmende Unterhaltung garantiert.

Wohlgemerkt ohne dabei befürchten zu müssen, oberflächliches Gemetzel vorgesetzt zu bekommen. Ganz im Gegenteil: John Connolly hat in allen Belangen seine Hausaufgaben gemacht, augenscheinlich enorm viel recherchiert und die sich um die „Bruderschaft“ windende Handlung – trotz der Einsprengsel des Übernatürlichen – im Kontext realer Kriminalität verankert. Ähnlich wie Stephen King, so versteht es auch der Ire, das Alltägliche auf eine Art und Weise zu verformen, die zwar durch die Konfrontation mit dem archaischen Bösen an die Urängste des Lesers appelliert, uns doch gleichzeitig aber nie wirklich lange an der Glaubwürdigkeit des uns vorgesetzten Plots zweifeln lässt. Die meines Erachtens erstaunlichste Leistung des Romans, der immerhin unter anderem Parker richtige Gespenster sehen lässt. Spätestens hier trennt sich wohl auch in der Leserschaft die Spreu vom Weizen. Wer seinen Private-Eye rein nach klassischem Schema bevorzugt und Aufweichungen dieses Genres als Sakrileg verurteilt, der wird möglicherweise an diesem Punkt den Absprung machen. Wer jedoch diese Ausflüge ins Phantastische als Treibstoff, als eigenständiges Element dieser Reihe versteht, den wird diese bedrückende Atmosphäre auch diesmal in den Bann ziehen.

In tiefer Finsternis“ ist – um beim Thema Spinnen zu bleiben – ein langsam über und irgendwann dann auch unter die Haut krabbelnder Ausflug in tiefste seelische Abgründe und in eine Gesellschaft des mitunter kaum mehr zu ertragenden Wahnsinns. Und so sehr ich die Adjektive „fesselnd“ und „packend“ im Zusammenhang mit Buchbesprechungen inzwischen verabscheue – hier kann eine finale Bewertung ohne ihre Benutzung nicht erfolgen. Daher bleibt die Hoffnung, dass in naher Zukunft wieder ein Verlag den Faden John Connolly aufnimmt und die Übersetzung der Reihe fortsetzt – Herr Markus Naegele, wäre das nicht etwas für sie?

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: In tiefer Finsternis
  • Originaltitel: The Killing Kind
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 09.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 464 Seiten
  • ISBN: 978-3548266237

The Road to Dark Hollow

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© Ullstein

Mehr als acht Jahre ist die Lektüre von „Das dunkle Vermächtnis“ nun her und dennoch hat sie sich als Erlebnis äußerst hartnäckig in meiner Erinnerung festgesetzt, was vor allem daran liegt, dass ich bis dato nichts vergleichbar düsteres gelesen hatte. Oder um es anders zu sagen: Mitte der 2000er Jahre war John Connolly mein Thomas Harris, mein ganz persönlicher Abstieg in die Tiefen der seelischen und menschlichen Finsternis, mein „First Encounter“ mit der schonungslosen Brutalität des ursprünglichen Bösen.

Schon der Auftakt der „Charlie-Parker“-Reihe deutete das enorme Potenzial des irischen Autors an – mit diesem zweiten Band schreibt er sich meines Erachtens endgültig in die erste Liga der „Thriller“-Prominenz. Und auch wenn viele weitere Romane in der Zeit nach diesem Buch den großen Eindruck vielleicht etwas relativierten – im großen Pool der Hardboiled-Literatur schwimmt dieses Werk für mich doch weiterhin ganz weit mit oben und an zentraler Position. Es bleibt also zu hoffen, dass dieses „Vermächtnis“ weitergegeben und in nicht allzu ferner Zukunft wieder unter den lieferbaren Titeln weilen wird. Doch nun zum Buch selbst und dem Grund für all dies Lob:

Es ist gut ein Jahr her, dass Charlie „Bird“ Parkers Familie durch die Hand eines psychopathischen Serienmörders den Tod gefunden hat. Der Detective des NYPD hatte nach diesem Schicksalsschlag seiner Arbeit den Rücken gekehrt und auf der Jagd nach dem „Fahrenden Mann“, so der Name des Mörders, eine Spur des Blutes hinterlassen. Die Art und Weise, in der er Selbstjustiz verübte, führte zu einer Ächtung durch seine Kollegen, worauf er schließlich den Dienst quittierte. Zurückgezogen im alten Haus seines Großvaters in Maine lebend, verdingt er sich nun als Privatdetektiv und hilft auch alten Freunden gern mal aus. So treibt er für Rita Ferris bei ihrem Ex-Mann, dem stadtbekannten Schläger Billy Purdue, dessen ausstehende Alimente ein… und katapultiert sich damit ohne sein Wissen in ein Gewirr aus Gewalt, Rache und Hass.

Rita wird kurz danach samt Sohn tot aufgefunden und Billy, der Hauptverdächtige, der zuvor die Mafia um Geld erleichtert hatte, flieht in den Norden. Mafiosi, Bullen und zwei mysteriöse Killer dicht an seinen Fersen. Parker, von Billys Unschuld überzeugt, versucht ihn zu finden und wird im Verlauf dieser Jagd mit der Vergangenheit konfrontiert. Denn in den dunklen Wäldern von Maine treibt „Caleb Kyle“ sein Unwesen. Ein mysteriöser Serienmörder, dem im Jahr 1965 schon sein Großvater, selbst Polizist, auf der Spur war … sein dunkelstes Vermächtnis.

„Weltklasse“ – das war das Prädikat, mit dem ich damals, noch atemlos und unter den Eindrücken meines Leseerlebnisses stehend, Connollys zweiten Bird-Roman bedacht hatte. Eine Bewertung, die sich heute etwas maßlos liest und zudem von der Jugend des (vielleicht leichter zu beeindruckenden?) Lesers kündet, der sich inzwischen zu solchen Superlativen eher nicht mehr hinreißen lässt. Dennoch: Vergleichsmöglichkeiten gab es auch da bereits derlei viele. Und was einst stimmte, hat auch heute noch Gültigkeit, denn in der Tat war „Das dunkle Vermächtnis“ eine besondere, über alle Maßen intensive Erfahrung, die sich nicht nur aus jugendlicher Unerfahrenheit, sondern vor allem durch das sprachliche Können des Autors speiste. Während der Vorgänger sich oftmals noch die ein oder andere langatmige Passage gönnt, mangelnde Zielstrebigkeit und Nebenschauplätze den Lesefluss stören, da liest sich sein Nachfolger wie aus einem Guss – und das obwohl Connolly einmal mehr der Handlung ein paar Stränge zu viel zumutet und in Punkto Realismus weiterhin gewaltig Abstriche macht. Doch ganz ehrlich – wen stört das, wenn es in einem so nachtschwarzen, sogkräftigen Cocktail serviert wird, von dem man immer noch ein weiteres Glas haben und runterstürzen muss. Wohl wissend, dass der Griff danach mehr die Sucht nach dem Rausch, als nach dem Geschmack ist.

Und wie der alkoholische Drink, so ist auch diese Lektüre tatsächlich nur etwas für Erwachsene, bei denen selbst „trinkfeste“ Quereinsteiger durch die Wucht, mit der Connolly das Böse auf die Welt niederprasseln lässt, ins Straucheln kommen dürften. Für Zartbesaitete – das sei an dieser Stelle unbedingt nochmal betont – ist auch „Das dunkle Vermächtnis“ absolut nicht geeignet, auch wenn der Roman noch so vermeintlich harmlos beginnt. Und bereits dieser Beginn entscheidet darüber, ob man sich auf die Lektüre einlassen kann und will, mutet uns doch Connolly nicht nur drastische Szenen, sondern auch einige Zufälligkeiten zu. Wer hier grundsätzlich mit der Lupe nach Logiklücken sucht und einen geerdeten, realistischen Plot zur Voraussetzung für den Spaß an einem Buch macht – nun, der wird recht früh auf der Strecke bleiben. Lässt man sich darauf jedoch ein, saugt uns Parkers zweiter Auftritt geradezu in die Handlung, welche der Autor mit traumwandlerischer Brillanz verdichtet und mit einer bis unter die Gänsehaut kriechenden Atmosphäre auflädt, die sich wie ein Dunstschleier mit beklemmender Wirkung auf die Lungen des Lesers legt.

Beklemmend auch deswegen, weil es schwer fällt, nicht um Parkers Haut zu fürchten, der das Zugpferd der Geschichte ist und ein echter Typ, welcher sich hinter den Marlowes, Archers oder auch Kenzies dieser Welt nicht verstecken muss. Er trägt schwer am Verlust seiner Familie, ist streckenweise dem Wahnsinn nicht allzu fern und droht die Reinheit seiner Seele endgültig zu verlieren. Eine Seele, die ohnehin nur noch von einer harten, aber auch dünnen Schale aus Zynismus zusammengehalten wird. Seine Reise in die finsteren Welten von Caleb Kyle ist auch gleichzeitig ein andauernder Kampf gegen den endgültigen Fall, der verzweifelte Versuch, sich wieder in einen Menschen aus Reue und Mitleid zu verwandeln, seine blinde Wut für etwas Gutes einzusetzen. Nicht einfach, wenn einen die Dämonen aus der Vergangenheit plagen, was im Falle von John Connolly wortwörtlich zu verstehen ist, denn die bereits in „Das schwarze Herz“ angedeuteten übernatürlichen Elemente sind hier noch weit mehr ausgeprägt. Folgerichtig, möchte man fast sagen, wandeln wir doch durch die feucht-nebligen Wälder und kleinen Siedlungen von Maine, wo uns schon Stephen King in diversen seiner Werke das Fürchten lehrte.

Und wie bei Stephen King, so stellt sich auch in „Das dunkle Vermächtnis“ der Protagonist nicht allein den finsteren Mächten. Parkers alte Freunde, Angel (große Klappe) und Louis (Hitman mit Hirn), Einbrecher bzw. professioneller Killer außer Dienst, stehen ihm einmal mehr als Waffenbrüder zur Seite. An ihnen scheint der Autor besonderen Gefallen gefunden zu haben, tobt er sich in ihrer Charakterisierung doch über die Maßen aus und schreckt nicht davor zurück, dem Effekt zu liebe auch Überzeichnungen in Kauf zu nehmen. Dennoch: Das schwule Pärchen ist für mich das Salz in der Suppe, da beide ihre Skrupel schon lange über Bord geworfen haben und sich selbst für die dreckigste Arbeit nicht zu schade sind. Das sorgt für erfrischende Abwechslung, haben sie doch mit dem üblichen Helden nichts gemein, sondern – ganz im Gegenteil – wären angesichts humanerer Gegner wohl die eigentlichen Bösewichte. Im Angesicht eines Caleb Kyle muss Parker jedoch auf ihre Hilfe zurückgreifen. Und es ist ja auch nicht der ungeschickteste Schachzug, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Die „few bodies along the way“ nimmt man dafür halt in Kauf.

Liest man obige Beschreibung, sollte man meinen durch die Bank groteske Figuren vorgesetzt zu bekommen. Interessanterweise stellt sich dieser Eindruck bei der Lektüre jedoch nicht ein. Stattdessen gewinnen Handlung und vor allem die Umtriebe des diabolischen Gegenübers mit jeder Seite mehr Macht über uns, während sich der Spannungsbogen in luftige Höhen dehnt und Connolly es versteht, schon beinahe liebevoll detailliert, noch die kleinste Auseinandersetzung in eine Belastungsprobe für unser Nervenkostüm zu verwandeln. Ob Parkers Atem in der kalten Waldluft, vorbeifliegende Projektile in der Nacht oder dunkle Schatten in noch dunkleren Ecken – all das wird derart eindringlich in Szene gesetzt, dass selbst behutsame Leser am Ende ihres literarischen Trips tiefe Leseknicke im Buchrücken vorfinden dürften. Eine Szenerie mit Spannung aufzuladen – kaum einer vermag dies so elegant wie John Connolly.

Im Verlauf der Reihe wird der irische Autor – soviel sei vorab verraten – dieses Niveau nicht immer halten können, wobei sich vor allem sein Wunsch, das archaische Böse stets neu erfinden zu wollen, irgendwann als Zwickmühle erweist. In seinen Anfängen ist die Serie um Parker aber so mit das Beste was das Hardboiled-Genre hervorgebracht hat. Und „Das dunkle Vermächtnis“ unterstreicht dies mit einer Wucht, der man sich einfach nicht entziehen kann. Ganz, ganz großes Kino und unbedingtes Muss für Freunde des härteren Stoffs.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das dunkle Vermächtnis
  • Originaltitel: Dark Hollow
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 02.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 472 Seiten
  • ISBN: 978-3548263915

Ich bin alles tote Sein

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© Ullstein

Es war der Sommer 2008 – die Zeit vor Twitter und der (exzessiven) allgemeinen Nutzung von Facebook . Das Forum auf der Website www.krimi-couch.de war noch quicklebendig, der Thread „Quasselbox“ Anlaufstelle für gleich eine Vielzahl von Membern, allesamt vom Wunsch dorthin getrieben, sich über Spannungsromane aller Couleur auszutauschen und gegenseitig Tipps zu geben (Und auch Offtopic waren die Konversationen mehr als unterhaltsam, aber dies ist eine andere Geschichte). Einer dieser Tipps war ein Name – John Connolly

Rückblickend betrachtet hätte ich ihn wohl ohne dieses Forum nie entdeckt, hat es der irische Autor doch hierzulande nicht wirklich zu größerer Bekanntheit gebracht. Sein Verleger Ullstein bzw. List stellte – höchstwahrscheinlich auch aus demselben Grund – die Veröffentlichung in Deutschland bereits im Jahr 2012 ein. Und selbst vor dieser Zeit war der Name Connolly ein seltener Gast in unseren Buchhandlungen. Dies ist angesichts der Qualität, besonders der frühen Werke, bemerkenswert, könnte aber unter anderem darin begründet sein, dass man sich seitens des Verlags bei der Bewerbung des Autors auch nur wenig Mühe gemacht hat. Inzwischen ist ein Großteil der Titel vergriffen, weswegen es auf den ersten Blick keinen Sinn macht, diese Trommel nachträglich zu rühren. Allerdings eben nur auf den ersten Blick, hat doch die Erfahrung – zum Beispiel im Fall James Lee Burke – gezeigt, dass es durchaus lohnt, einen vergessenen Autor immer mal wieder in den Fokus zu rücken.

Vorneweg: „Das schwarze Herz“, Auftakt der Reihe um den Privatdetektiv Charlie „Bird“ Parker, gehört mit zum Besten was ich im Bereich der härteren Spannungsliteratur bis dato zwischen den Fingern hatte und lesen durfte, was insofern erwähnenswert ist, da ich es mit den brutalen Vertretern dieser Zunft – von Ausnahmen wie Rex Miller oder Thomas Harris mal abgesehen – eher nicht halte. Dies legt weniger in einer zartbesaiteten Seele begründet, als vielmehr an der Tatsache, dass mich die Tendenz moderner Thriller, sich mit immer perfideren Foltermethoden und entstellteren Leichen gegenseitig zu übertreffen, zunehmend ermüdet und daher das Gegenteil des gewollten Effekts erzielt. Blut, Mord, Tod – inzwischen geht dies mit Belanglosigkeit einher, weswegen ich es als umso wichtiger erachte, die unbedingt lesenswerten Vertreter dieser Sparte hervorzuheben. Und einer davon ist eben „Das schwarze Herz“, dessen Inhalt hier kurz angerissen sei:

Ein kalter Dezember im Jahr 1996. Charlie „Bird“ Parker, Detective des New York Police Department, sucht sich den falschen Abend aus, um seine Eheprobleme in einem Pub um die Ecke zu ertränken. Als er nach Hause zurückkehrt, findet er die Hölle vor. Frau und Tochter sind tot. Dahingeschlachtet von einem diabolischen Killer, der sie einem mysteriösen Ritual nach dem Tode wie ein Totenkünstler in einer Art Pieta arrangiert und ihnen die Haut samt Gesicht abgezogen hat. Parker, der kurzfristig selbst zum Mordverdächtigen wird, bricht unter seiner Trauer zusammen, quittiert kurze Zeit später den Dienst und beginnt als freischaffender Detektiv den Täter auf eigene Faust zu suchen, was sich jedoch alsbald als vergeblich erweist. Der Mörder seiner Familie scheint wie vom Erdboden verschluckt. Als Parker der letzten verbliebenen Spur nach New Orleans folgt, gerät er an eine alte Voodoo-Frau. Sie erzählt ihm die Legende vom „Fahrenden Mann“, der bereits unzählige Male in der Vergangenheit getötet hat und immer noch sein Unwesen treibt. Dies scheint der Mann zu sein, den er sucht. Bevor er jedoch diesem Hinweis nachgehen kann, fordert ein anderer Fall Parkers Aufmerksamkeit.

Ein alter Kollege bittet ihn um Mithilfe bei der Suche nach Catherine Demeter, die spurlos verschwunden ist. Parkers Nachforschungen führen ihn in den tiefen Süden der USA, nach Haven, Virginia und auf die Fährte eines weiteren Killers, der seit über dreißig Jahren im Umfeld der örtlichen Mafia ungestraft sadistische Morde an Kindern begeht. Und mehr noch: Dieser Mann scheint die Identität des „Fahrenden Manns“ zu kennen. Parker hat nichts mehr zu verlieren. Gemeinsam mit dem schwulen Paar Angel und Louis, Profis in Sachen Diebstahl, Einschüchterung und eiskaltem Mord, nimmt er den Kampf gegen den Mob auf…

Wie oben bereits angedeutet, gibt es im Umfeld des Spannungsromans kaum etwas, dem ich inzwischen mehr überdrüssig bin, als der Serienkiller-Thematik. Eigentlich also keine guten Voraussetzungen für den Erstling des gebürtigen Iren Connolly, der gleich mit mehr als einem dieser Soziopathen aufwartet und damit augenscheinlich in dieselbe Kerbe schlägt. Was unterscheidet ihn dann von der stereotypen Genre-Konkurrenz? Die Antworten darauf, welche nicht einer gewissen Ironie entbehren, lauten: Glaubwürdigkeit und Originalität. Ironie deshalb, weil Connollys Bösewichte sich der Elemente des klassischen Lecters bedienen, um ihn dann wie einen harmlosen Nachbar von nebenan aussehen lassen. In den Schatten gestellt, von brutalen, gewissenlosen Monstern, die ihren Platz in einer Welt haben, welche so dunkel ist, dass ihr selbst der Begriff „Noir“ nicht mehr gerecht wird. Doch wo andere Romane aufgrund solcher Überzeichnungen Schiffbruch erleiden, sind sie in Connollys Werken das Salz in der Suppe, das Alleinstellungsmerkmal, aus dem vor allem die Serie um Charlie „Bird“ Parker seine Faszination bezieht – wenn man sich als Leser in der Lage dazu sieht, die Bösartigkeiten zu ertragen, welche der Autor mit einer schon perversen Liebe fürs Detail skizziert.

Im Unterschied zu solchen Autoren wie Edward Lee oder Richard Laymon ist John Connolly dabei jedoch nicht an Gewaltpornographie gelegen. Stattdessen dienen die expliziten Schilderungen in erster Linie dem atmosphärischen Anstrich des Plots, der sich gleich an mehreren Stellen den Zwängen des klassischen Thrillers entledigt, um eine Brücke zu den Gefilden von Stephen King und Co. zu schlagen. Eine Tendenz, welche Connolly in den kommenden Bänden der Reihe noch zielgerichteter verfolgen und damit für allerlei Kontroversen unter seinen Lesern sorgen wird. Heißt gleichzeitig: Wem diese übersinnlichen Phänomene bereits jetzt bitter aufstoßen, der kann von der weiteren Verfolgung der Serie gleich Abstand nehmen.

Alle anderen werden auf einen dunklen, stimmungsvollen Trip in die schwül heißen Gefilde von Louisiana und Virginia mitgenommen, der trotz tropischer Temperaturen vor allem für kalte und selten wohlige Schauer sorgt und – das sei hervorgehoben – auf die üblichen Südstaaten-Klischees wohltuender Weise verzichtet. Wie kaum ein anderer Autor vermag es John Connolly die Essenz des Bösen auf Papier zu bringen, der menschlichen Niedertracht ein Gesicht zu verleihen und uns als Leser aus der alltäglichen Komfortzone zu holen. Der viel beworbene Gänsehaut-Faktor, er hat hier beinahe durchgängig Bestand, sorgt für ein ständiges Gefühl des Verfolgtwerdens (der „Fahrende Mann“ bleibt lange Zeit eine im Schatten lauernde Bedrohung) gepaart mit einer nicht wirklich erklärbaren Unruhe und der Neigung den eigenen Blick vom Buch zu heben, um sich zu vergewissern, dass sich in den letzten Minuten nicht doch jemand Zutritt zum sonst doch immer so gemütlichen Wohnzimmer verschafft hat.

Einziger größerer Kritikpunkt an „Das schwarze Herz“ ist die Tatsache, dass hinsichtlich der Komposition des Ganzen der Debütcharakter des Romans doch das ein oder andere mal deutlicher zutage tritt. John Connolly verfolgt die zwei oben angerissenen Handlungsstränge nicht parallel, sondern separat, wodurch das Konstrukt nicht immer homogen daherkommt und die am Ende installierten Verbindungen auch eben genau so wirken. So wäre Parkers Intermezzo mit der hiesigen Mafia allein schon ein passender, weil stilistisch hervorragend und vor allem eindringlich in Szene gesetzter Höhepunkt für das Buch gewesen. Stattdessen ist aber an dieser Stelle erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Und genau nach diesem Showdown hat der Plot dann so einige Mühe den Bruch in der Erzählung zu kitten und den Anstieg für den nächsten Spannungsbogen in die Wege zu leiten. Als Folge davon verliert die Story etwas an Tempo. Und auch der dringliche Charakter, der bis hierhin die Protagonisten in seinen Klauen hatte, lockert seinen Griff. Hat man diese Durststrecke jedoch zurückgelegt, erwartet und belohnt uns ein Finale, das gekonnt mit unserer Vorstellungskraft spielt und in seiner Dramaturgie nichts vermissen lässt.

Zurück bleibt ein atemloser Leser, sichtlich gezeichnet von diesem Ausflug ins das schwarze Herz eines Mörders. Und doch gleichzeitig mit der Erkenntnis, dass auch ein brutaler Thriller mit  Substanz und Finesse aufwarten kann. John Connolly wird die hier schon ziemlich hoch gelegte Latte mit den Nachfolgern, „Das dunkle Vermächtnis“ und „In tiefer Finsternis“, nochmal überspringen. Wer also am vorliegenden Roman (und dem düster-schwarzen Humor von Angel und Louis) Gefallen gefunden hat, dem sei der Kauf dieser zwei Titel unbedingt ans Herz gelegt. In meinem persönlichen Fall hat sich Connolly schon längst einen besonderen Status im Regal erworben.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das schwarze Herz
  • Originaltitel: Every Dead Thing
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 07.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 525 Seiten
  • ISBN: 978-3548251509