The Spirit of the Hawk

© Kampa

Ein Debütroman, tatsächlich? So in etwa meine etwas irritierte gedankliche Reaktion nach der Lektüre der ersten paar Seiten von „Hundesohn“, mit der uns die in Pinneberg geborene Autorin ein literarisches Brett um die Ohren haut, das durch seine brachiale Sprachgewalt beim Leser eben genau jene verschlagen lässt. Frau Schulz, verfluchte Scheiße, wo haben sie denn die letzten Jahre gesteckt und verdammt nochmal, wieso durfte der Scheck ihr Erstlingswerk nicht bereits säuberlich auf seinen Empfehlungsstapel ablegen?

Zumindest auf letzte Frage kann ich mir selbst die Antwort geben, werden doch viel, viel zu wenige dieses scharfkantige und dreckige Juwel zwischen den auf Hochglanz polierten, aber auch beliebigen und geschwafelten Auswürfen entdeckt haben. Ein Grund mehr für mich, das Tastaturpedal mit vollem Anschlag im Boden zu versenken und für begeisternde Adjektive möglichst viele Vokale rauchen zulassen – denn hier ist höchstes Lob nicht nur verdient, es ist kurzum verpflichtend, trauen sich doch nur wenige deutsche Autoren/-innen solch schneidende, auf Vollgas geflexte Sprache zu und bringen diese dann noch derart geschliffen, fantasievoll und – das ist besonders zu betonen – authentisch auf Papier.

Dass es auf der Reeperbahn nachts um halb eins mitunter äußerst rau zur Sache geht, sollten selbst die im Ohrensessel strickenden Vertreter der Lesergemeinde mittlerweile mitbekommen haben. Doch nicht immer wird die Literatur diesem in Deutschland sicherlich einzigartigen Milieu gerecht, erwacht die Welt der Luden, tofften Berber, Patienten und Schmiermichel so plastisch zum Leben, wie in Schultz‘ Erstlingswerk „Hundesohn“. Der Kiez, er ist, wenn auch nicht direkt von Beginn an, so etwas wie die zweite Hauptfigur dieses Romans, welcher sich partout nicht irgendeinem Genre zuordnen lassen will und in der Sparte moderne Unterhaltung genauso gut zuhause ist, wie im Krimi-Regal. (Mein Rat, liebe Buchhändler, stellt ihn am Besten in beide Abteilungen!) Überhaupt wartet die Geschichte mit einer Vielzahl von Ebenen und einer auf den ersten Blick so nicht vermuteten Vielschichtigkeit auf, die wir nur nach und nach durchdringen, stets aufs Neue überrascht über das, was vom Protagonisten – und vor allem von dessen Vergangenheit – zutage gefördert wird. Womit wir bei der ersten Hauptfigur wären, die gleich zu Beginn mitansehen muss, wie sein Allerheiligstes in Flammen aufgeht.

Sommer 1989, irgendein Provinzkaff in Norddeutschland. Herbert, den alle nur unter dem Namen Hawk kennen, traut seinen Augen kaum, als er die Bar verlässt und anstatt seines geliebten Alfa Romeo Alfasud, liebevoll „Miss Stetson“ genannt, nur noch eine brennende Blechfackel vorfindet. Nur mit Mühe kann ihn die versammelte Menge von einem vergeblichen Rettungsversuch abhalten, in deren Verlauf er nicht nur seine Augenbrauen verliert, sondern es auch noch zu einem ausgewachsenen Handgemenge kommt. Die Polizei ist im Anschluss, für Hawk wenig überraschend, bei der Aufklärung dieser offensichtlichen Brandstiftung nur von geringer Hilfe. Doch er ahnt ohnehin bereits, dass der Täter nicht aus der Gegend, aber vielmehr aus seiner eigenen Vergangenheit stammt. Vor einigen Jahren hatte Hawk noch für die Kiezgröße Verfurth illegale Drogen-Touren durch halb Europa gefahren und musste irgendwann aufgrund eines verhängnisvollen Fehlers Hamburg den Rücken kehren – und versprechen nie wieder dessen Gebiet zu betreten. Als schließlich auch noch Hawks Wohnung verwüstet wird – diesmal hinterlässt der Unbekannte als Gruß das Wort „Bastard“ im Sofapolster – hat er jedoch die Faxen dicke. Was Verfurth nicht weiß: Hawk bewahrt seit Jahren belastendes Material gegen ihn in einem Schließfach auf. Sollte er derjenige sein, der eine Rechnung mit ihm offen hat, will er sich dieser Auseinandersetzung stellen. Und außerdem bietet sich damit auch die Gelegenheit Lu wiederzusehen, die er einst in der Kneipe „Les fleurs du mal“ hinter der Theke kennenlernte und bei der er sich immer noch eine zweite Chance erhofft.

Als Hawk jedoch auf St. Pauli eintrifft, muss er erkennen, dass längst nicht alle Leichen in den Kellern verwest sind. Die Unterwelt – sie hat einen langen Arm und ehe er sich versieht, hält ihn das kriminelle Treiben im Kiez wieder eng umschlugen. Und Hawk muss sich auf mehr als eine Art den Dämonen seiner Vergangenheit stellen …

Soweit sei der Plot angerissen und damit eigentlich auch schon zu viel preisgeben, denn so geradlinig wie hier geschildert, verläuft die Handlung bei weitem nicht, wechselt Sonja M. Schultz doch immer wieder zwischen den zeitlichen Ebenen, um mehr und mehr aus Hawks Leben zu enthüllen und letztlich auch dem Titel des Buchs Rechnung zu tragen. Um Spoiler zu vermeiden, gehe ich hierauf mal nicht näher ein, möchte aber erwähnen, dass Hawk einst mit 16 Jahren von zuhause aus ganz bestimmten Gründen ausriss. Vom Süden in den hohen Norden nach Hamburg, wo er Anfang der 60er mitten auf St. Pauli in einem Heim für Seemänner ein billiges, aber sicheres Quartier fand. Bis ihn das große Geld lockte und die Gier das Denken für ihn übernahm. Der Anfang einer Abwärtsspirale und einer Achterbahnfahrt, in der Hawk größtenteils kotzend über dem Handlauf hing, von äußeren Einflüssen hierhin und dorthin getrieben – und vor allen nie Herr über das eigene Schicksal.

Schultz‘ grobschlächtiger, eiskalter und auch etwas tumber Protagonist taugt in keinster Weise zum Sympathieträger, findet aber doch ohne größere Umwege Zugang zu unserem Herzen, denn irgendetwas in seinem fortwährenden Scheitern, irgendetwas an dieser alles durchdringenden Tragik spiegelt auch das Menschliche wieder. Hawk mag der Feder einer Autorin entstammen – sein Lebenslauf und auch der Umgang mit seiner Vergangenheit ist aber bar jeder Künstlichkeit. Die Schläge auf die Fresse und die Brüche in seinem Herzen, welcher er immer wieder kassiert bzw. sich zuzieht – sie sind das logische Resultat der äußeren Umstände, unter denen er aufwächst und letztlich erwachsen wird. Zu einem Mann unter Männern, welche sich zwar allesamt über dicke Oberarme, dickere Karren und ein noch dickeres Bankkonto definieren, letztlich aber selbst oft an ihren eigenen, geringen Ansprüchen scheitern. Und auch Hawk taumelt, fällt, rappelt sich auf und schafft es doch nie heraus aus diesem Teufelskreis, kann diesen Mühlstein nicht ablegen, der ihn stets aufs Neue nach unten zieht und wuchtig zu Boden schickt.

Wie Sonja M. Schultz, selbst Baujahr ’75, den Sound der späten 60er/frühen 70er und vor allem die letzten Monate vor dem Mauerfall wieder zum Leben erweckt – das ist im besten Sinne des Wortes großes Kino, spielt sich doch vor den Augen des Lesers ein Film ab, der in seiner Zusammensetzung auch immer Querschnitte mit unseren eigenen Erlebnissen und damit auch Empfindungen aufweist. Die Passagen, welche sich im Sommer ’89 zutragen, fangen den ganz eigenen, rhythmischen Sound dieser Zeit des Aufbruchs hervorragend ein. Dieses Gefühl von neuen Möglichkeiten, von einer Zukunft, in der die Karten neu gemischt werden, ein jedem ein gänzlich frisches Blatt zuteil wird. Für Hawk ist das aber ein harter, von Tiefschlägen gesäumter Weg. Der kleinbürgerliche Mief, das rückwärtsgewandte Leben – es klebt lange an ihm wie seine verschwitzte Lederjacke. Hartknäckig und von einem fahlem Geruch, der auf dem Kiez trotz all der bunten Lichter unterhalb der Elbkähne und dem Hamburger Fernsehturm selbst den halbseiden-glänzenden Ludewigs anhaftet. So überwiegt bei all dem Dreck, der Niedertracht und der Gewalt am Ende auch die Traurigkeit. Eine Trauer über verpasste Chancen und falsche Entscheidungen – und eine nie ganz greifbare Melancholie, die uns vor allem dann überkommt, wenn Hawk die Kneipe seiner Angebeteten betritt.

Hawk, er ist so etwas wie ein gefallener Schimanski. Ein Typ mit einem gewissen Spirit, der immer wieder aneckt, nirgendwo gern gesehen ist, nie das Richtige zur richtigen Zeit tut – und doch am Ende halt auch ein Kämpfer, welcher trotzig die Schläge kassiert, die ihm das Leben in mehreren Runde um die Ohren haut.

Hundesohn“ – das ist ein in allen Belangen gelungener literarischer Boxkampf durch ein verpfuschtes Leben und eine Hommage an einen Teil der Gesellschaft, den alle anderen schon längst abgeschrieben haben. Ein turbulenter, wendungsreicher, stahlharter, aber auch augenöffnender Roman über alte Wut und die Schatten der Herkunft, der besonders aufgrund seiner ungefilterten Ehrlichkeit und dank Schultz‘ wahrhaftig einzigartiger Sprache glänzt:

Über dem Hafen hing der Nebel. Die Lichtkegel der Laternen kämpften sich durchs milchige Gras. Hier konnte einer abhauen und wiederkommen, dem Hafen war’s egal, und wenn du krepierst, macht das auch keinen Unterschied, dann kommen andere und torkeln über das glatt gestoßene Kopfsteinpflaster, die Ritzen voll mit Kronkorken, Kippen und vermasseltem Leben.“

Für mich eine der, wenn nicht gar DIE Entdeckung meines persönlichen Lesejahres 2020 und damit eine nachhaltige Empfehlung für alle Freunde dieses Blogs.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Sonja M. Schultz
  • Titel: Hundesohn
  • Originaltitel:
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3311100133

That’s the story of the Hurricane…

© Rowohlt

„Ich kenne keinen Schriftsteller, der nicht glaubt, dass er ein Boxer ist.“

Bei dieser auf den eitlen Norman Mailer gemünzten Aussage Nelson Algrens mag er auch ein bisschen an sich selbst gedacht haben, war doch der in Chicago aufgewachsene Autor Zeit seines Lebens ein fanatischer Fan dieser rauen Sportart. Die Innenseite seines rechten Oberarms zierten als Tätowierung ein paar Boxhandschuhe. Sein Lieblingsschauspieler war Charles Bronson, nicht zuletzt weil er kein Antlitz hatte, sondern ein Gesicht. Und zwar das eines Boxers. Selbst im Arbeitszimmer seiner Wohnung in Hackensack, New Jersey, hing neben dem Porträt Dostojewskis ein Foto von Rubin „Hurricane“ Carter. Man kann daher schon von einer gewissen Zwangsläufigkeit sprechen, sieht man sich die Entstehungsgeschichte seines biographischen Romans „Calhoun“ etwas näher an.

1983, zwei Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht, erzählt Nelson Algren in „Calhoun“ die Geschichte des berühmten Boxers Rubin Carter, genannt „Hurricane“, der 1966 wegen Mordes inhaftiert und erst 1985 nach mehrfacher Wiederaufnahme des Verfahrens freigelassen wurde. Ein Fall, der nicht nur aufgrund von Bob Dylans Song und der Verfilmung mit Denzel Washington als Carter bis heute noch in den Köpfen der Boxfreunde präsent ist, sondern auch für viele Jahre die Debatte um den Rassismus in der US-amerikanischen Justiz stark befeuert hat. Algren greift diese Thematik in seinem Roman auf, verflechtet das Boxmilieu mit der etwas anderen Arena Gerichtssaal und zeichnet ein düsteres Bild vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das bis heute wohl nicht allzu viel an Aktualität verloren hat. Umso interessanter, dass Algren ursprünglich gar keinen Roman im Sinn hatte. Als Carter und sein Freund John Artis, beide Afroamerikaner, in New Jersey des Mordes an drei Weißen für schuldig befunden und für dreimal lebenslänglich ins Gefängnis geschickt wurden, war der Autor als Reporter des „Esquire Magazine“ lediglich damit beauftragt, einen Artikel mit Interview zu machen. Doch es sollte anders kommen.

Algren, der den Schuldspruch aufgrund fragwürdiger Zeugenaussagen zweier Kriminelle vor einer durchweg weißen Jury von Beginn an für einen Skandal hielt, rechnete zumindest zu Beginn im Falle eines Wiederaufnahmeverfahrens mit einem Freispruch. Erst als dieser ausblieb bzw. das erste Urteil bestätigt wurde, sah sich Algren in der Pflicht, auf diesen Justizirrtum und vor allem die Logik dieses Irrtums aufmerksam zu machen. Da man dies den Lesern des „Esquire Magazine“, welche kaum den Bürgerrechtlern angehörten, nicht zumuten konnte, schrieb er die ursprüngliche Story um. Aus einem einfachen Artikel wurde ein dokumentarischer Prozessbericht und schließlich, mangels Interesse anderer Zeitungen, ein Roman, den der Autor, der vorerst weiter am Tatort (eine kleine Stadt namens Paterson) blieb und sogar nach New Jersey zog, stetig mit Informationen aus weiteren Recherchen anreicherte. Für Algren war „Calhoun“ dabei die ganze Zeit mehr als nur die Geschichte eines Boxers – es war seine letzte Abrechnung mit einem Amerika, eine Anklage gegen die andauernde rassistische Gewalttätigkeit weißer Geschworenengerichte und deren stille Billigung durch eine große Bandbreite der Bevölkerung.

Wie schon in seinem bekanntesten Roman „Der Mann mit dem goldenen Arm“, so singt auch hier „die Blechpfeife der amerikanischen Literatur“ (Algren über sich selbst) noch ein letztes Mal das Hohelied auf den Scheiternden, den Einzelgänger in den Höllen der so genannten „Freiheit.“ Aus heutiger Sicht liest sich dies immer noch kraftvoll, allerdings auch mit viel Bitternis und Pathos durchsetzt, denn Algren, der stets den Verlierer der Gesellschaft überzeugend spielte, aber nie wirklich verkörperte, bezieht in einigen Passagen zu eindeutig Position, was der Dramatik der Geschichte zwar entgegen kommt, dem ein oder anderen Justizbeamten im Nachhinein jedoch vielleicht nicht ganz gerecht wird. Dem eindringlichen Charakter von „Calhoun“ tut dies jedoch keinerlei Abbruch. Lange vor einem Scott Turow oder John Grisham wird hier die Widersprüchlichkeit des amerikanischen Justizsystems genauso in seine Einzelteile zerlegt, wie die verhängnisvolle Einflussnahme der wohlmeinenden Prominenz (u.a. Bob Dylan) auf Carters Wiederaufnahmeverfahren.

Um es in der Boxsprache zusammenzufassen: „Calhoun“ geht über die volle Distanz von 12 Runden und leistet uns, den Lesern, einen harten Kampf, da Algren immer wieder zwischen den Zeiten springt und auch die vielen Spitznamen der kriminellen Unterwelt New Jerseys oftmals zur Verwirrung beitragen.

Calhoun“ ist eine eindringliche, rasiermesserscharfe Wiedergabe über die Umstände des Falls Rubin „Hurricane“ Carter, an der man sich immer wieder schneiden und reiben kann. Eine eckige, kantige, nicht immer leichte Lektüre, wie sie typisch für Algren war. Ob man das mag oder nicht – Geschmackssache. In seine Fußstapfen ist bis heute jedenfalls nicht wirklich nochmal jemand getreten. Das dürfte dem „Verlierer“ Algren aber gefallen haben, der einer angehenden Schriftstellerin, welche auf der Schwelle zu einer literarischen Karriere stand, per Brief einmal folgenden Rat mitgab:

„Geh zwei Schritte zurück, Baby. Lauf davon, lauf, so schnell du kannst. Das ist keine Schwelle – das ist ein Abgrund.“

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Nelson Algren
  • Titel: Calhoun – Roman eines Verbrechens
  • OriginaltitelThe Devil’s Stocking
  • Übersetzer: Carl Weissner
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 1/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 305 Seiten
  • ISBN: 978-3499136825