Hawkshaw, der große Detektiv

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© Edition Phantasia

Robert E. Howard war einer der wahren Pulpmaster, ein Vielschreiber, der in seiner kurzen Zeit als Autor (Howard beging mit knapp dreißig Jahren Selbstmord) eine kaum überschaubere Menge an unterschiedlichsten Geschichten in Magazinen wie den legendären „Weird Tales“ publizierte. Eine Buchveröffentlichung erlebte der Autor nicht mehr – 1937 erschien, ein Jahr nach seinem Tod, erstamlig ein gebundenes Werk. Ironischerweise eine Sammlung von Western-Humoresken. 

Howard war ein guter Freund von H. P. Lovecraft, mit dem er eine rege Briefbeziehung unterhielt. Literarisch beeinflussten sich die beiden Autoren gegenseitig, gerade Robert E. Howards fantastische, dem Horror nahen Stories, die gerne im Orient spielen, sind eng an Lovecrafts Werke angelehnt. Lovecraft „borgte“ sich im Gegenzug unter anderem den fiktiven Buchtitel „Unaussprechliche Kulte“.

Am bekanntesten dürfte Robert E. Howard als Initiator der „Heroic Fantasy“ sein, deren Helden Kull von Atlantis, der Pikte Bran Mak Morn, der irische Pirat Turlogh O’Brien oder der finstere und rachsüchige Puritaner Solomon Kane waren. Die allesamt von einem grobschlächtigen, tumben Muskelpaket in den Schaten gestellt wurden: Conan der Cimmerier. Dessen barbarische Adelung in der, ähem, Darstellung Arnold Schwarzeneggers in John Milius‘ gleichnamigen Film von 1982 zelebriert, beziehungsweise in die Annalen der Filmgeschichte gemetzelt wurde.

Doch der vielseitig Begabte konnte auch anders. Ganz anders. Bereits früh jonglierte er sich gekonnt durch unterschiedliche literarische Genres und en passant kam dabei so etwas wie die drei Kurzgeschichten heraus, die in „Die Halskette der Königin – Drei Fälle für Detektiv Hawkshaw“ versammelt sind.

Unverkennbar eine derb-komische, manchmal geradezu am Surrealismus kratzende, Parodie auf Arthur Conan Doyles Vorzeigedetektiv Sherlock Holmes und seinen Partner Doktor Watson.  Wobei die Figuren des Detektivs Hawkshaw und seines Kompagnons der Oberst bereits einem Comic Strip Gus Magers entlehnt waren. Literarische Auferstehung oder die Parodie einer Parodie? Der kleine Gag, seine Figuren keine Schimpfwörter von sich geben zu lassen, sondern in den Dialogen nur „Flüche“ in passenden, aufgebrachten Momenten auszustoßen, weist zumindest auf eine Veralberung der Sprechblasendiktion hin.

Die drei Geschichten spiegeln klassische Motive des frühen Krimigenre wieder.  „Gib mich frei, Du Schuft!“ verzichtet auf eine Vorgeschichte, und setzt gleich beim Finale ein, in dem Hawkshaw und der Oberst einen Hochstapler entlarven und verhaften und ein unglücklich liebend‘ Paar vereinen. Das ist überkandidelt, temporeich und witzig und kommt mit achteinhalb groß gedruckten Seiten und eine Zeichnung aus.

Die Halskette der Königin“ kommt einer Seite weniger aus und streicht Hawkshaws geniale deduktive Leistungen heraus.  Etwas, das Sherlock Holmes (und viele andere Detektive der nachviktorianischen Ära) auch gerne macht: Sich selbst loben. Hawkshaw reicht dazu die morgendliche Zeitungslektüre (für die Faktenlage) und Fischgeruch (zur Entlarvung des Täters).

Mit gut zwölf Seiten, eingeteilt in Prolog, Kapitel und Epilog ist „Halt! Wer da?“ die längste Geschichte des kleinen Bandes. Hier tobt sich Robert E. Howard bis ins Surrealistische aus. Das beginnt mit der strukturellen Gestaltung, den Pro- und Epilog haben mit der zentralen Handlung, die Hawkshaw und den Oberst auf den Spuren eines Bankraubes zeigen, den eine Bande von gar schröcklichen, aber wohlorganisierten, Anarchisten begangen hat, rein gar nichts zu tun. Es beginnt in der Wüste und endet im bitterkalten Hochsommer in Alaska. Dazwischen wird eine Bank überfallen, weil ein Wächter vergesen hat, die Tür zu den Geldvorräten abzuschließen. Natürlich kann der brillante Detektiv Hawkshaw den Fall lösen und das Anarchisten-Nest zerschlagen.

Folgendermaßen geht Hawkshaw vor:

„Wie wollen Sie es anstellen, den Schuldigen zu finden?“ fragte der Oberst.

„Auf die folgende Weise,“ entgegnete Hawkshaw. „Beginnen wir zuerst mit dem logischen Kombinieren. Sagen wir zum Beispiel, dass drei Personen die Bank ausgeraubt haben könnten. Sie, ich oder der Großmufti von Ägypten. Es ist jedoch unmöglich, dass Sie den Überfall begingen, denn zu der Zeit als er stattfand, spielten Sie mit dem Herzog von Buckingham zu viert eine Partie Flohhüpf.“

Nachdem auf ähnliche Weise Hawkshaw selbst und der Großmufti von Ägypten ausgeschlossen wurden, ist es bis zu den Anarchisten nicht mehr weit. Ja, dieser Detektiv ist ein wahrer Genius.

Ergänzt wird die überbordende Komik um kleine politische Spitzen, die, wie sollte es anders sein, auch auf eine „Debatte um das Einwanderungsproblem“ verweisen. „The Times they are a changin‘“. But not so much.

Die zwischen 1923 und 1924 im „Tattler“ veröffentlichten Geschichten zeigen den siebzehnjährigen Robert E. Howard als gewitzten und literaturkenntnisreichen Erzähler, der in der Gegenwart ebenso  daheim ist wie in der Vergangenheit, an exotischen Plätzen oder fiktiven Welten. Ein Autor mit vielfältigen Begabungen, der gerne als geschickter Vermarkter seiner selbst und damit Gebrauchsautor unterschätzt wird. Dass es nicht zu größerem literarischen Ruhm gelangt hat, liegt vermutlich nur an seinem frühen Selbstmord.

Die Halskette der Königin“ zeigt eine (hierzulande) unbekannte Facette des Conan-Erfinders. Wie üblich bei einem Band der Edition Phantasia sehr elegant aufgemacht. Gebunden und im Pappschuber wird der Pulp-Autor quasi auf dem Goldtablett serviert. Die stimmigen Illustrationen stammen von Steffen Boiselle, Verleger Joachim Körber hat dem limitierten Büchlein ein kenntnisreiches Nachwort spendiert, das Lust auf eine Weiter- und/oder Wiederbeschäftigung mit Robert E. Howard macht. Der vergleichsweise hohe Preis für solch eine Sammlung von Fingerübungen mag abschreckend wirken, doch machen die Wertigkeit und die Verankerung als eigenwillige Fußnote der Literaturgeschichte diese Ausgabe wett.

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  • Autor: Robert E. Howard
  • Titel: Die Halskette der Königin
  • Originaltitel: Die Halskette der Königin
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Erschienen: 03.2017
  • Einband: Hardcover im Schuber
  • Seiten: 79
  • ISBN: 978-3-924959-96-8
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Non, je ne regrette rien

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© Edition Nautilus

Anarchismus – eine politische Ideenlehre und Philosophie, mit der ich mich, trotz großem Interesse an der europäischen Geschichte, lange Zeit nie näher beschäftigt habe. Geändert hat sich diese Einstellung erst vor kurzem durch die Lektüre von Patrick Pécherots „Nebel am Montmartre“ und Anthony Burgess‘ Klassiker „Clockwork Orange“ – zwei Bücher, welche das Streben nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft zwar auf unterschiedliche Art und Weise darstellen, gerade aber auch deswegen die Neugier an der Thematik entfachen. Durch ersteres, beim Verlag Edition Nautilus gemeinsam mit den beiden Fortsetzungen („Belleville Barcelona“ und „Boulevard der Irren“) erschienen, richtete sich schließlich auch mein Augenmerk auf Pino Cacuccis „Besser auf das Herz zielen“.

Eine Quasi-Biographie über den berühmt-berüchtigten Anarchisten Jules Bonnot, der für den ersten motorisierten Raubüberfall der Geschichte verantwortlich zeichnet und sich zuvor gar eine Zeitlang seinen Unterhalt als Fahrer von Sir Arthur Conan Doyle verdiente. Ich gebe zu: Dieser letzte Punkt war für einen Holmes-Fan wie mich bei der letztlich getroffenen Kaufentscheidung nicht ganz unerheblich. Doch warum sonst sollte Cacuccis Werk unbedingt in das Bücherregal wandern?

Zuallererst sollte man sich in jedem Fall von dem (auch von mir anfangs gehegten) Gedanken verabschieden, es hier mit einem reinen True-Crime-Titel zu tun zu haben. Wenngleich sich Cacucci eng an den wesentlichen Fakten aus dem Leben des meist gesuchtesten französischen Verbrechers des beginnenden 20. Jahrhunderts orientiert und in vielen Belangen äußerst akribisch und genau recherchiert hat – wirklich leben tut der Roman vor allem von den nicht belegten und nachträglich hinzugefügten Ausschmückungen. Denn: So spannend, aufregend und tragisch Bonnots kurzes und ereignisreiches Leben war, so wenig vermag Cacucci es zu gelingen, diese Elemente auf Papier zu übertragen. Besonders hinsichtlich der begangenen Verbrechen lässt der Autor doch einiges an Potenzial ungenutzt und konzentriert sich auf klar gefasste historische Wiedergabe, um wiederum an anderer Stelle Dinge im Detail zu beschreiben, die weder für die Handlung noch für Bonnots weiteren Werdegang von grundlegender Bedeutung sind. Auch in Punkto Figurenzeichnung lässt Cacucci viel fruchtbares Land brach. Neben Jules Bonnot, dessen nachvollziehbaren Fall durch die breiten und tiefen Gitter der Gesellschaft er eindringlich schildert, führen die anderen Charaktere ein klares Statistendasein. Gerade Viktor Kibaltschitsch (frz. Victor Serge) kommt bei Cacuccis Ausflügen in die Pariser Anarchistenszene kurz nach der Jahrhundertwende viel zu kurz.

Man muss aber auch deutlich betonen: Die geübte Kritik vollzieht sich auf hohem Niveau und kann sich zudem aufgrund fehlender Kenntnis des Originals nicht allein auf Cacucci einschießen. Inwieweit dessen Schwächen als Romancier oder der Übersetzer Andreas Löhrer „Schuld“ an der doch sehr boulevardhaften Erzählweise haben, ist somit schwer zu sagen. Wie bereits von anderen Rezensenten zurecht betont, steht der Stil jedenfalls einem größeren Lesevergnügen im Wege. Selbiges gilt für die vielen Schauplatzwechsel, welche immer genau dann gesetzt worden sind, wenn die Handlung gerade dabei ist so etwas wie Spannung zu entwickeln. Was bleibt ist schließlich die Faszination an dem Mensch Jules Bonnot, dem das Leben immer wieder Knüppel zwischen die Beine wirft und der erst nach und nach den Weg in die verbrecherische Unterwelt eintritt. Oftmals geradezu dorthin getrieben von den Institutionen, die später anklagend mit dem Finger auf ihn zeigen und sich die Wurzeln des Anarchismus partout nicht erklären können – oder wollen. Bonnots Fall ist so tragisch wie zwangsläufig und nicht selten ohne eine gewisse Portion bitterer Ironie. Bei all den Mitteln des Staates, bei all der Gewalt durch die Obrigkeit und die Herrschenden – wie ist es da möglich, keine Wut zu empfinden?

Während gemäßigte Anarchisten wie Viktor Kibaltschitsch das geschriebene Wort im Kampf gebrauchen, nutzt Bonnot die politische Bewegung für eine persönliche Abrechnung mit dem System, welches ihm von Geburt an jede Möglichkeit von Glück bis zuletzt verwehrt hat. Am Schluss ist dies natürlich keine Rechtfertigung für die von ihm (»Ich bereue nichts. Manches bedaure ich, aber ich bin ohne einen Funken Reue.«) und seiner Bande begangenen Morde – dennoch fällt es schwer, Gefallen am dramatischen und kugelreichen Ende Bonnots zu finden, der selbst in den letzten Minuten seines Lebens Mensch geblieben zu sein schien, als er in einem schnell verfassten Testament mehrere (wohl zu Unrecht verurteilte) Personen von jeglicher Mittäterschaft freisprach.

Besser auf das Herz zielen“ ist somit mehr als nur ein biographischer Roman und das Portrait eines einzigen Mannes. Es ist die treffliche Wiedergabe eines gesellschaftlichen Teufelskreises, welche exemplarisch für viele andere Leben aus der französischen Arbeiterklasse der damaligen Zeit steht und die gleichzeitig den schmalen Grat zwischen politischen Widerstand und krimineller Gewalt deutlich macht. Und ein Blick in die Zeitung dürfte uns in Erinnerung rufen, wie aktuell diese Thematik der Polizeigewalt, Zielfahndungen und rechtswidriger Überwachungen auch heute noch ist.

Trotz einiger Schwächen – eine echte Empfehlung für Freunde von Gangster-Geschichten und „Noir“-Liebhaber, die im Hinblick auf den Realismus ihrer Romane höhere Ansprüche stellen.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Pino Cacucci
  • Titel: Besser auf das Herz zielen
  • Originaltitel: In ogni caso nessun rimorso
  • Übersetzer: Andreas Löhrer
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3894017224