Eine Fähre in die Nacht

© Goldmann

„Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ So würde vielleicht auch Michael Robotham denken, wenn er sich näher mit den äußerst frei interpretierten Übersetzungen seiner Titel ins Deutsche beschäftigen würde, für die der Goldmann Verlag in schöner Regelmäßigkeit verantwortlich zeichnet. Und das nicht nur bei ihm: Ob Mark Billingham, Ian Rankin oder Stuart MacBride – der sinnfreien Übertragung in unsere Muttersprache sind anscheinend keinerlei Grenzen gesetzt, wobei mich persönlich im Falle Robotham auch dann noch die Covergestaltung stört, die zwar eines Fitzek oder McFadyen durchaus würdig wäre, zu dem australischen Schriftsteller allerdings überhaupt nicht passt.

Das sei von mir deshalb erwähnt, da durchaus auch anderen Krimi-Freunden die Aufmachung – welche uns einen weiteren blutigen und auf Mainstream gebügelten „Thriller“ suggeriert – wenig zusagen und in manchen Fällen vielleicht sogar deshalb einen Kauf verhindern dürfte. Und das wäre schade, da Robotham zu den talentiertesten Spannungsautoren der neuen Generation gehört und in jedem seiner Romane das Genre auch neu interpretiert, die Handlung aus einer anderen Sichtweise und Perspektive beleuchtet.

Während im Debütroman „Adrenalin“ noch der Psychotherapeut Joe O’Loughlin im Mittelpunkt der Geschichte stand und im Nachfolger „Amnesie“ Inspektor Ruiz diese Rolle ausfüllte, nimmt letzterer in „Todeskampf“ (im Original „The Night Ferry“ – sollten sie einen Zusammenhang der Titel suchen, geben sie auf – es gibt keinen) nun einen Platz als Assistent/Side-Kick ein. Wie auch sein südafrikanischer Kollege Deon Meyer, so legt auch Robotham großen Wert darauf, seine Figuren in unterschiedlichen Konstellationen auftreten zu lassen, wodurch das Gesamtwerk einen authentischeren Anstrich bekommt.

Todeskampf“, im Jahr 2007 erschienen, profitiert bereits in hohem Maße von den beiden Vorgängern (die man nicht unbedingt gelesen haben muss, auch wenn ich dazu raten würde), da altvertraute Bekannte es der neuen Protagonistin, der jungen Londoner Polizistin Detective Constable Alisha Barba, leicht machen, als vollwertiger Charakter ernst genommen zu werden. Interessant dabei ist, dass Robotham nicht nur in Punkto Personal, sondern auch hinsichtlich des Stils Vielseitigkeit demonstriert, schmeckt doch sein dritter Roman mehr nach „Noir“, als die beiden Vorgänger, welche das „Police-Procedural“-Genre („Amnesie“) und den Psychothriller („Adrenalin“) bedienten. Grund dafür ist der Plot, der sich auf äußerst eindringliche Art und Weise aktuellen Themen widmet, welche selten in diesem komplexen Umfang ihren Weg in einen Krimi finden. Zum besseren Verständnis sei die Handlung kurz angerissen:

Als sich Detective Constable Alisha Barba auf den Weg zum Ehemaligen-Treffen ihrer Schule in London aufmacht, kann sie noch nicht ahnen, dass der Abend mit alten Freunden einige Überraschungen für sie bereithält. Ihre ehemalige Freundin Cate, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hat, nutzt das freudige Wiedersehen, um Alisha verzweifelt um Hilfe zu bitten, da sie um das Leben ihres ungeborenen Babys fürchtet. Die junge Polizistin versucht zu beschwichtigen, kann das Flehen von Cate, die in der Vergangenheit nicht immer einfach war, nur schwer einordnen. Nur wenige Stunden später wird diese gemeinsam mit ihrem Ehemann Felix von einem PKW überrollt. Beide erliegen noch in derselben Nacht ihren Verletzungen. Ein Unfall, so das Urteil der Polizei, doch Alishas Misstrauen ist geweckt, als bei der Obduktion herausgefunden wird, dass Cate ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht hatte. Hatte sie vielleicht geplant, ein Kind illegal zu adoptieren?

Die Suche nach Antworten führt sie, gegen den Willen ihrer Vorgesetzten, bis nach Amsterdam, einer Hochburg der Prostitution, wo sie gemeinsam mit dem inzwischen pensionierten Detective Inspector Vincent Ruiz auf ein gefährliches Netz des Menschenhandels stößt, dessen Fäden bis in die entlegensten Winkel Europas reichen. Als beide erkennen, mit wem sie es zu tun haben, ist es fast zu spät …

Todeskampf“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer schubkarrenweise Leichen oder eines soziopathischen Serienkillers bedarf, um beim Leser ein Gefühl des Unbehagens und des Ekels zu erzeugen – die Realität selbst übertrifft hier alle Fiktion. Und Robotham nimmt sich der vorliegenden Thematik nicht nur mit viel Sorgfalt und Vorsicht an, er widersteht auch der Versuchung diese mit kunstvollen Effekten zu würzen. Als Folge davon vergisst man zwischenzeitlich gar, dass man einen Spannungsroman zwischen den Fingern hat, liest sich doch „Todeskampf“ in vielen Elementen eher wie eine Milieustudie, welche insbesondere im berüchtigten Rotlichtviertel von Amsterdam nichts beschönigt und die dunklen Seiten der holländischen Stadt auf Pfählen betont. Alishas Ermittlungen in den düsteren Gassen sind stimmungsvoll und erdrückend zugleich, da es dem Autor hervorragend gelingt, die hoffnungslose Atmosphäre des Schauplatzes einzufangen und damit auch dem Schicksal der dort zum Verkauf stehenden Frau gerecht wird. Erschreckend die Hilflosigkeit der Polizei angesichts der vor ihren Augen verübten Verbrechen. Unbehagen, ob der weiterführenden Gedanken, die ich mir als Vater zweier Töchter während der Lektüre gemacht habe.

Michael Robotham gelingt, woran sich viele Krimi-Schreiber heutzutage verheben. Eine stimmige, handwerklich anspruchsvolle Handlung auf Papier zu bringen, in der auch die kleinsten Nebenfiguren mit Sorgfalt gezeichnet werden und die Chemie zwischen Protagonist und Assistent einfach passt. Vincent Ruiz, in „Adrenalin“ noch eher ungeliebter Jäger des eigentlichen Helden, erweist sich nun, um einige Jahre gealtert, als hilfreicher Unterstützer der vom Instinkt getriebenen Polizistin, der auch am Rande des Gesetzes entschlossen bleibt, ihre gemeinsame Mission zu ihrem Ende zu bringen. Notfalls sogar unter Riskierung des eigenen Lebens. Und Alisha Barba selbst hebt sich erfrischend von den vielen FBI-Schönheiten der Genre-Konkurrenz ab, die noch im Kugelhagel Leichen sezieren und nach einem harten Tag im Büro mit ihrem ebenso wohlgeformten Kollegen unter die Bettdecke hüpfen. Robotham nimmt sich, auch auf Kosten des Tempos, Zeit, seine Figuren zu skizzieren, ihnen Schärfe und Kontur zu verleihen. Im Falle Alishas geht er dabei näher auf ihre indische Herkunft ein, welche sie zwar nicht verleugnet, die aber oft ihren Erlebnissen im Beruf diametral gegenüber steht. Es ist hier nicht ohne einen gewissen Humor, wie sie versucht, diesen Spagat innerhalb der Familie zu vollziehen, ihre Verwandtschaft nicht zu brüskieren.

Sicherlich – es wird gewisse Leser geben, die dies als Verschleppung des Plots empfinden, für die diese genaue Ausarbeitung ein unnötiges Hindernis darstellt, welches den Spannungsbogen gefährdet. Und wenn wir ehrlich sind: Ja, „Todeskampf“ fehlt, besonders zur Mitte, diese durchgehende Suspense, was meines Erachtens aber eben gerade durch obige Punkte kompensiert wird. Die Schrecknisse des organisierten Verbrechens, das kriminelle, menschenverachtende Treiben der Schlepperbanden, die kommerzielle Leihmutterschaft – all das beschäftigt, macht nachdenklich und hebt den Roman letztlich auf eine gänzlich andere Ebene. Wer sich darauf einlässt, wird in hohem Maße und nachwirkend davon profitieren. Freunde des „Page-Turners“ dürften daran wahrscheinlich weniger Freude haben, auch weil Robotham den Fehler macht, den unheimlich stimmungsvollen Showdown auf einer Fähre bei ihrer nächtlichen Überfahrt, noch durch einen (zumindest aus meiner Sicht) unnötig kitschigen „Wurmfortsatz“ zu verlängern, den ein guter Lektor vielleicht auch besser vor Veröffentlichung entfernt hätte.

Ein Lapsus, den man Robotham rückblickend gerne verzeiht, der mir auch mit „Todeskampf“ wieder Lust auf mehr aus seiner Feder gemacht hat.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Michael Robotham
  • Titel: Todeskampf
  • Originaltitel: The Night Ferry
  • Übersetzer: Kristian Lutze
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3442477906

You’re lost little girl, You’re lost. Tell me who Are you? *

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© Argument Verlag/Ariadne

 „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Einer der bekanntesten ersten Sätze der Weltliteratur. Miss Terry, die eigentlich Nita Tehri heißt, lernt hautnah ihn nachzuvollziehen. Obwohl sie nicht verleumdet und verhaftet wurde. Sondern vorerst nur unter Verdacht steht.

Weswegen? Das weiß sie nicht, und die Polizei hüllt sich in Schweigen oder ergeht sich in redseligen Ausflüchten. Angeblich reine Routine, Im Zuge von Nachbarschaftsbefragungen. Doch bereits mit der misstrauischen Erkundigung, worin ihr Gewichtsverlust begründet liegt, wird schnell wird klar, dass die junge englische Lehrerin mit pakistanischen Wurzeln im Mittelpunkt einer Ermittlung steht. Die mit einem Container zu tun hat, der zu Bauarbeiten gegenüber Miss Tehris Wohnung gehört.

Ein totes Baby wurde dort deponiert, dessen Hautfarbe voreilige Beobachter allzu schnell auf eine Zugehörigkeit zu Nita schließen lassen. Die Folge: Ihr Leben gerät aus den Fugen, sie wird zur Zielscheibe rassistischer Äußerungen und Taten, sie verliert ihren Job als Lehrerin und ein übergriffiger Verehrer bedrängt sie. Und es wird noch viel schlimmer kommen.

Bis sich herausstellt, dass es Menschen gibt, die auf ihrer Seite stehen und selbst der Polizist Sergeant Cutler ihr bärbeißig hilft. Doch Nita Tehri wird auch mit Bösartigkeit, Hass, Unverständnis, Ignoranz, Dummheit und einer Gerüchteküche, in der es beständig brodelt, konfrontiert. Sowie der Manifestation von etwas, das sie bereits wusste: Familie kann die Hölle sein.

Man könnte einfach sagen, dass „Miss Terry“ der richtige Roman in dieser Zeit ist, in der zu viele der oben genannten Auswüchse vehement an die Oberfläche drängen und ihre hässliche Fratze gerne online oder vor Vertretern der vermeintlich so gehassten Lügenpresse präsentieren. Doch ist der Roman kein politisches Pamphlet, Liza Cody schreibt vielschichtiger und diffiziler.

Zwar bietet sie ein ziemlich genaues Abbild, wie aus einem wüsten Mix aus sich verselbstständigenden Gerüchten, latentem und offenem Alltagsrassismus eine Hexenjagd wird, mit miesgelaunten Polizisten als Kesseltreibern, doch lässt sie auch Optimismus, Hoffnung und Loyalität ihren Raum. Gerne innerhalb von Minderheiten, die sich allesamt mit Diskriminierung auskennen. Auch ist Nita Tehri keine holde Unschuld in weißem Flieder, über die der Schrecken der Welt hereinbricht, auch wenn der ironische Einstieg diesen Gedanken provoziert. Miss Tehri ist halsstarrig, manchmal unverständig und blind für das Offensichtliche. Das ist oft der Aufregung geschuldet oder dem naiven Glauben, dass den Rechtschaffenen geholfen wird. Womit sie letztlich sogar Recht behalten wird, auch wenn ihre finale Rettung von genau jener hintergründigen Komik gebrochen wird, die den Anfang schon kennzeichnete.

Wichtiger noch, dass Nita von ihrem Selbstbewusstsein zehrt, manchmal mit fatalen Folgen (ein frühzeitiger DNA-Test hätte sie vom Verdacht zu befreit, die Mutter des toten Säuglings im Container zu sein), doch meist mit positiver Konnotation. Denn Nita hat geschafft, was ihrer Schwester und ihrem Bruder nicht gelungen ist: Sich aus den Fängen einer patriarchalischen Familientradition zu befreien, in der junge Frauen gezwungen werden, ihre Vergewaltiger zu heiraten oder weibliche Föten abzutreiben.

Nita Tehri hat sich gelöst, betrachtet sich als Britin, sieht sich aber in dieser Definition ständig in Frage gestellt und muss sich gleichzeitig vor ihrer rachsüchtigen Familie verstecken. Liza Cody verzichtet auf eine simplifizierende Schwarzweiß-Zeichnung, erhöht keine Kultur zuungunsten der anderen. Positives entsteht nur, wenn Individuen für sich aktiv werden oder zu Gruppen zusammenschließen, die von Empathie und intellektueller Durchdringung geprägt sind. Dabei sind Herkunft, soziale Zugehörigkeit, Berufsstand oder sexuelle Präferenzen völlig bedeutungslos.

Die gesellschafts- und sozialpolitischen Dimensionen werden mit Neigung zur bissigen Satire treffend abgehandelt, doch „Miss Terry“ funktioniert auch als Genre-Literatur. Fast beiläufig entschlüsselt Nita Tehri die Ereignisketten, die zum Tod des Babys führten, wird fast selbst zum Mordopfer und muss den Nachstellungen eines brutalen Stalkers entkommen. Wobei dieser Part etwas aufgesetzt wirkt, gerade in seiner logistischen Entwicklung, die Nita am Ende zur Konfrontation zwingt.
Eingedenk Murphys Law, dass es immer schlimmer kommt als man sich ausmalt, ist das stimmig. Unabhängig davon wirkt es ein wenig holprig, als Zusage an jene Genreliebhaber*innen, die die Mamsel in Distress ordentlich gepiesackt sehen wollen, bevor Rettung naht. Wäre gar nicht nötig gewesen, spannend ist es aber allemal. Deshalb: Augen auf und durch! Denn „Miss Terry“ hat nicht nur eine Menge Witz und Dramatik, sondern auch kluge Ein- und Ansichten zu bieten.

Und wenn der einzige 1-Punkt-Kommentar (unkorrigiert) bei Amazon zu dem Schluss kommt: „Ich konnte das Buch nicht beenden und frage mich, ob man das noch als einen Kriminalroman bezeichen sollte. Spaß macht das Lesen in jedem Fall nicht. Aber wer sich zu solch tragischen Schicksaalen hingezogen fühlt, wird sein Gutmenschentum hier bestätigt finden“, weiß man, Liza Cody hat verdammt viel richtig gemacht.
Vergrault sogar sprachlich und gedanklich desorientierte Trolle.

* The Doors – „You’re Lost Little Girl“

 

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Liza Cody
  • Titel: Miss Terry
  • Originaltitel: Miss Terry
  • Übersetzer: Grundmann und Laudan
  • Verlag: Argument Verlag/Ariadne
  • Erschienen: 17.10.2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 286
  • ISBN: 978-3-86754-219-7